Vorwort
Das Horn von Afrika, mit Äthiopien als größtem Einzelstaat, dazu mit einer langen hi-storischen Tradition als christliches (koptisches) Reich in einer immer stärker vom Islam dominierten Umwelt, erlebte in den Jahrzehnten des Kalten Krieges eine stürmische und konfliktreiche Entwicklung, die bei uns nur wenige Spezialisten näher und kontinuierlich verfolgten. Die vorliegende Arbeit eines Äthiopiers bemüht sich, die komplexen Stränge zu entwirren und verständlich zu machen, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und ihren unmittelbaren Auswirkungen auf Äthiopien und das Horn selbst.
Die Vorgehensweise ist nicht eine Gesamtgeschichte der Region, sondern ihre widersprüchliche Entwicklung im Interessenkonflikt der beiden Supermächte, der USA und der Sowjetunion. Der Schwerpunkt liegt jeweils auf der Äthiopienpolitik der USA und der UdSSR, dort wieder zentriert auf Militär- und Waffenhilfen, nun aber im Spannungsfeld zwischen Äthiopien und Somalia und deren Rivalität um den Ogaden, eine Halbwüste, die überwiegend von somalischen Stämmen bewohnt ist, aber zum äthiopischen Kaiserreich gehörte. Das kommunistische Mengistu-Regime verteidigte das imperiale Erbe mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der die Sowjetunion Gebiete zurück-forderte, die einst zum Zarenreich gehört hatten, so wie heute umgekehrt das postkommunistische Rußland Gebietsgewinne Stalins für die Sowjetunion verteidigt (Kaliningrad/-Ostpreußen, Nord-Sachalin, die vier südlichen Kurilen-Inseln). Mit der starken Betonung der verschiedenen Regierungsämter, vor allem in den USA, die sich mit dem Horn von Afrika, besonders Äthiopien, befaßten, bewegt sich die Arbeit auf einem interdisziplinären Übergangsbereich zwischen Zeitgeschichte und Politikwissenschaft, vor allem Regierungslehre.
Zum besseren Verständnis der außerordentlich komplizierten Sachlage ist ein „Historischer Abriß der Staaten am Horn“ vorgeschaltet, mit Schwerpunkt der älteren Geschichte Äthiopiens sowie Somalias, soweit die historischen Fakten zur Beurteilung der heutigen Verhältnisse wichtig werden: Von der Staats- und Regierungsform lassen sich keine zwei größeren Extreme als unmittelbare Nachbarn vorstellen als die beiden Hauptrivalen am Horn. Äthiopien war nach außen ein traditionelles Großreich en miniature, seit Menelik II. und damit erst seit einem Jahrhundert wieder mit einer glänzenden kaiserlichen Fassade des Negus Negest (König der Könige) und einem zentralistischen Anspruch. Hinter der leicht irreführenden Fassade war die Substanz des kaiserlichen Äthiopien jedoch äußerst fragil, belastet mit einer enormen Binnenspannung zwischen dem jüngsten Reichsvolk der Amharen auf dem Weg zur weiteren Expansion nach Süden, ins Innere Afrika, abgeschnitten durch den Islam von der Küste des Roten Meeres seit 634. Somalia dagegen hatte nie einen eigenen Zentralstaat, war stets fragmentiert zwischen Stämmen und Clans, die zwar kulturell als ein Volk gelten mochten, es aber sozial und politisch nie waren. Erst die Kolonialherrschaft gab den Somalis einen Zentralstaat, jedoch geteilt zwischen Britisch- und Italienisch-Somalia, mit somali-
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schen Irredentas in Äthiopien (Ogaden), Djibuti und Kenia (Northern Frontier District), die ein Pan-Somalismus alle heim ins arme Somalia-Reich führen wollte. Der permanente Konflikt zwischen Äthiopien und Somalia um den Ogaden, ob latent oder offen, ist der Kern der vielfältigen Konflikte in und um das Horn von Afrika. Die drohende Niederlage Äthiopiens, die nur die Intervention der Sowjetunion und Kubas vermied, drohte auch in einer Kettenreaktion Äthiopien zu zerreißen. An der tatsächlichen Niederlage Somalias zerschellte die trügerische Fassade des post-kolonialen Einheitsstaates Somalia, so daß Somalia wieder in seinen jahrtausendelangen Naturzustand zurückfiel, mit Fragmentierung und blutige „Kriege“ zwischen Stämmen und Clans. Gegen diesen strukturellen und historischen Hintergrund, arbeitet der Verfasser die wechselhaften Interventionen der Supermächte seit 1945 heraus, in der chronologischen Reihenfolge zunächst die USA als Erben der beiden Kolonialmächte England und Italien, als Teil des Kalten Krieges auch die Sowjetunion. Hinter allen ideologisch-diplomatischen Floskeln verfolgten beide Weltmächte jedoch jeweils nur ihre eigenen machtpolitischen Interessen, militärisch an einem geostrategisch kritischen Schnittpunkt zwischen südlichem Arabien mit Zugang zum Roten Meer wie zum Indischen Ozean sowie zum Sudan und dem nördlichen Ostafrika. „Entwicklungshilfe“ für Äthiopien (und Somalia) bestand daher überwiegend aus Militärhilfe, direkten Waffenlieferungen wie Ausbildung einheimischen Militärpersonals.
Wie in einem Nullsummenspiel wollten die USA verhindern, daß sich die Sowjets am Horn von Afrika festsetzen konnten, während die UdSSR umgekehrt die USA möglichst aus der Region vertreiben wollte. Gemäß den leicht variierten Mechanismen des Machiavell-Prinzips (Nachbarn sind Feinde. Feinde der Feinde sind Verbündete, also zu unterstützen) wechselten beide Supermächte mit der Wahl ihrer Klientelstaaten - erst waren die USA für Äthiopien, nach dem Sturz der Monarchie 1975 und der schleichenden Machtübernahme der Kommunisten für Somalia; dagegen war die UdSSR erst für Somalia, bald nach 1975 für Äthiopien. Der harte Kern aller Bündniswechsel waren stets Waffen für den Krieg um Ogaden, ob vorbereitet oder heiß geführt. Einen breiten Raum im Kapitel über die USA nehmen interne Auseinandersetzungen innerhalb der am meisten beteiligten US-Ministerien ein, vor allem State Department und Defense Department mit zahlreichen Binnenrivalitäten, namentlich zwischen Globalisten und Regionalisten, wie üblich auch mit mehr punktuellen Präferenzen für Äthiopien oder Somalia, erleichtert durch Auswertung einer breiten Literatur, Archivbeständen und ergänzt durch mündliche Aussagen aktiv Beteiligter. Dagegen kann sich Kapitel III über die sowjetische Politik am Horn nur auf den offensichtlichen Gang der Entwicklung und auf westliche Quellen stützen (Zeitungsberichte und westliche Forschungsliteratur). Dieses Kapitel steht daher unter keinem Vorbehalt, weil sowjetische Archivalien (falls zugänglich) wenige Modifizierungen, vielleicht auch einzelne Korrekturen ermöglichen können, aber vermutlich ohne das Gesamtbild entscheidend zu verändern, da die wichtigen Fakten offen zu Tage liegen, wie der Wechsel von Waffenlieferungen, von Somalia zu Äthiopien, samt anschließenden Kriegshandlungen. Mit Agonie und Untergang der Sowjet-union 1991 endete auch ihr aktives Engagement in der Dritten Welt, so daß schon die dahinsiechende Sowjetunion sich am Horn von Afrika,
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wie auch sonst in Afrika, nur noch selbst abwickelte, durch einen zuletzt galoppierenden Kollaps im freien Fall.
Die beiden letzten, sehr viel kürzeren Kapitel werfen einen Seitenblick auf Djibuti, buchstäblich am Rande des äthiopisch-somalischen Epizentrums, und auf „das Horn von Afrika am Ende des Kalten Krieges“. Das „Nachwort“ skizziert die humanitäre UN-Intervention auf Betreiben der USA, um Somalia aus dem Chaos nach dem staatlichen Zerfall und der Hungersnot in Gefolge des chaotischen Clan-Bürgerkriegs zu retten. Das allerletzte Finale in Form einer „Empfelung“ umreißt im Wesentlichen die Notwendigkeit für eine konstruktive Konfliktlösung durch einen modernen Föderalismus in der Region, jeweils mit einer ökonomischen und politischen Dimension. Der Text liest sich wie ein künftiges Regierungsprogramm, gewiß zentriert auf Äthiopien, aber ohne chauvinistische Verengung oder gar hegemonial-imperiale Absichten. Das Plädoyer für einen konstruktiven Föderalismus liefert zugleich das seltene Beispiel für die Anwendung theoretisch gewonnener Einsichten aus der Geschichte auf ein Gebiet, in diesem Fall räumlich und zeitgleich das Horn von Afrika in und nach dem Kalten Krieg - Geschichte und Politik als praktisch angewandte Wissenschaften.
Prof. Dr. Imanuel Geiss
Bremen , im Juli 2008
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Vorwort des Autors
Die Ursprünge der vorliegenden Arbeit, die sich mit der geostrategisch orientierten Außenpolitik sowie den Interventionen der Supermächte am Horn von Afrika nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Zerfall der Sowjetunion befaßt, datieren von 1987. Damals bereitete ich mich als Student an der School of International Studies, University Denver, Colorado, und später am Institut of International Studies der Universität Kalifornien auf mein Examen vor. Mein Hauptinteresse galt der Schaffung eines systematischen Überblicks über den Dschungel mehrerer rivaliserender Machtzentren einer mehrgleisig gelenkten Afrikapolitik der USA. Leider fand sich bei näherer Betrachtung trotz vieler Veröffentlichungen über Africa-Politik der USA nur eine sehr beschränkte Anzahl von Darstellungen über geostrategisch orientierte Außenpolitik der Supermächte. Dies bestärkte wiederum meinen Wunsch, die Forschungsarbeit besonders über die bürokratischen (USA) und zentralistischen (UdSSR) Entscheidungsestablishments und Vorgehensweisen der Außenpolitik der Supermächte am Horn von Afrika aufzunehmen. Als Konflikt forscher, Student der Politologie, Governance und der internationalen Beziehungen erfuhr ich jedoch weitere Enttäuschungen bei der Suche nach Literatur über den afrikanischen Kontinent, insbesondere über das Horn von Afrika, im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg: Grundsätzlich war und ist Afrika im Bereich internationaler Beziehungen, Governance und politischer Wissenschaften selten erfaßt und in den Geschichtswissenschaften ein wenig privilegierter Kontinent. Studien, die sich entweder auf traditionelle, sicherheitsbezogene Wirtschaftssysteme konzentrieren (d.h. auf Ost-Westbeziehungen und die Natur der Atlantischen Allianz oder auf Regionen, die geographisch als wichtig gelten wie Südostasien, Zentralamerika, der Mittlere Osten und heute Osteuropa und somit große Prioritäten genießen), waren im Endeffekt Ergebnis oder Schöpfung der Entscheidungsorgane politischer Entscheidungsprozesse. Als ich mich 1993 dazu entschloß, diese Arbeit in Form einer Dissertation anzufertigen, war es meine Absicht, in dreifacher Hinsicht eine Lücke zu füllen und zu zeigen daß: 1. das Horn von Afrika, trotz Unterentwicklung und auch ohne im Interessengeflecht der Supermächte zu stehen, eine gewisse Rolle in internationalen Beziehungen spielt. 2. die Kontinuität und Wechsel in der Außenpolitik der Supermächte sowie die geostrategische Konzentration und den Rüstungswettlauf am Horn von Afrika einen großeren und globalen gefahr darstellen. Insbesondere galt es zu demonstrieren, daß die Ereignisse am Horn durch den ziel- und zweckgerichteten Einfluß der Supermächte geprägt wurden.
3. die Rolle der verschiedenen Akteure in der außenpolititschen Gestaltung der Supermächte im Bezug auf diese Region zu klären.
Hierbei sollte beachtet werden, daß die Außenpolitik der US-Regierung von verschiedenen Entscheidungsträgern widersprüchlich auf verschiedene Art und Weise geleitet wurde, während die Außenpolitik der UdSSR stets zentral geleitet wurde. Deshalb lag mein Forschungsschwerpunkt darin, auf drei Ebenen die verschiedenen außenpolitischen Entscheidungsgremien der US-Regierung zu untersuchen: An erster Stelle wird
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das Weiße Haus mit seinen Präsidenten und Sicherheitsberatern bis zum Ende des Kalten Krieges beleuchtet, an zweiter Stelle steht die nationale Sicherheitsbürokratie der Exekutive (State Department und Defense Department) und an dritter Stelle werden diejenigen Entscheidungsgremien mit direkter Verantwortung für afrikanische Angelegenheiten (die sich als Subcommittees in beiden Häusern, d. h. im Senat und im Repräsentantenhaus befanden) sowie Interessengruppen wie Congressional Black Caucus untersucht. Das außenpolitische System der UdSSR, das aus einer einzigen Quelle, nämlich dem ZK, gelenkt wurde, steht im Gegensatz zum amerikanischen System, wie ich es nach der sogenannten Eröffnung der sowjetischen Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg in der Einleitung darlegen werde.
Düsseldorf, im Juli 2008
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Danksagung
Herzlich möchte ich allen danken, die das Erscheinen dieses Buches ermöglicht haben. Die vorliegende Arbeit wäre sicherlich nicht ohne die unschätzbare Hilfe, moralische Unterstützung und geduldige Ausarbeitung des druckreifen Manuskripts meiner lieben Frau Claudia entstanden.
Zu besonderem Dank bin ich, Herrn Prof. Dr. Imanuel Geiss und Prof. Dr. Dieter Senghaas verpflichtet, die mit inhaltsreichen Diskussionen, alternativen Vorschlägen und vielfältigen Hinweisen die Entstehung dieser Arbeit betreut haben. Herrn Prof. Dr. Volker Matthies danke ich für die Durchsicht des ersten Entwurfes und der daraus resultierenden kritischen Anmerkungen und Hinweise sowie Herrn Prof. Dr. Wilfried Wagner und Prof. Dr. Zürn für die hervorragende Hilfe und Unterstützung und die sorgfältige Durchsicht des Manuskripts.
Herrn Prof. Dr. Martin Franzbach und Frau Dr. Dagmar Bechtloff sowie Herrn Markus Fugmann danke ich für die hervorragende Unterstützung sowie Frau Gabriele Intemann und Frau Angelika Kuhn für die schnelle Hilfe, die zum zügigen Abschluß der Arbeit führte.
Abschließend möchte ich Sir Ralph Darendorf, London School of Economics (LSE), der School of International Studies University of Denver, Colorado, Institute of International Studies University of California, Berkeley, dem U.S. Department of State, Washington D.C. sowie den zahlreichen Interviewpartnern für ihre Unterstützung und Hilfestellung danken.
Düsseldorf, im Juli 2008
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
Vorwort des Autors 8
Danksagung 10
Inhaltsverzeichnis 11
Abk ürzungen 15
Einleitung 18
Kapitel I: Historischer Abriß über die Staaten am Horn 27
1. Der Aufbau des äthiopischen Staates 27
1.2 Die Anfänge von Axum 28
1.3 Die Inschriften von Adulis und Axum 28
1.4 Die Entstehung des Islams und der Untergang von Axum 29
1.5 Der Krieg von 1527 - 1559 30
1.6 Die Außen- und Innenpolitik Tewodros II. 31
1.7 Kaiser Yohannes IV. 1872 - 1889 31
1.8 Kaiser Menelik II. 1889 - 1913 32
1.9 Die Regierungsperiode Kaiser Lij Iyassu V. 1909 - 1916 33
1.10 Äthiopien bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 35
1.11 Britische Besatzung 36
2. Geschichte Somalias 36
3. Der äthiopisch-somalische Konflikt 38
Kapitel II: .US.-Außenpolitik am Horn von Afrika 42
1. Die Ursprünge der US-Intervention am Horn von Afrika 42
2. Aufbau der Sicherheitsbeziehung zwischen den USA und Äthiopien 44
3. Amerikanisch-äthiopische Beziehungen und Pan-Somalialismus 48
4. Prüfung der amerikanisch-äthiopischen Sicherheitsbeziehungen 53
5. US-Bemühungen, den Einzug der UdSSR am Horn zu verhindern 57
6. Zunahme der US-Missionen in Äthiopien 61
7. Neubewertung der Beziehung in einer veränderten Umgebung 66
8. Die USA und die Revolution in Äthiopien 71
9. Krisen innerhalb der amerikanisch-somalischen Beziehung 80
10. Das Scheitern der amerikanisch-äthiopischen Beziehung 89
11. Krisen der amerikanisch-somalischen Beziehung 92
12. Die Sorge der USA um ihre Position am Roten Meer und am Persischen Golf93
13. Die Suche der USA nach einem militärischen Zugang 94
14. Festlegung der amerikanisch-somalischen Beziehung 95
15. Schlußbetrachtung 97
16. Vertiefung der Beziehung, Krisen und zunehmende Zwänge 97
17. Bürgerkrieg in Somalia und die Haltung Washingtons 105
18. Zusammenfassung 114
Kapitel III: Sowjetische Außenpolitik am Horn von Afrika 117
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1. Erste Kontakte der Sowjets zu den Staaten am Horn 117 2. Geopolitische Interessen der UdSSR 120 2.1 Moskaus strategische Interessen im Indischen Ozean 120 2.2 Sowjetische Interessen am Horn von Afrika 124 3. Strategien zur Penetration Afrikas 125 3.1 Gorshkovs Seemacht-Strategie 125 3.2 Sowjetische Handelsoffensive als Strategie 129 3.3 Moskaus militärische Dimension als strategisches Instrument 129 3.4 Waffenexport als strategische Devisenbeschaffung 130 3.5 Der Aufbau von Sicherheitsapparaten 131 3.6 „Marxist-Leninist Vanguard Parties“ als Strategie Moskaus 132 4. Konflikte der Supermächte nach dem Zweiten Weltkrieg 136 4.1 Sowjetische Ansichten über die US-Politik in der Dritten Welt 136 4.2 Der Ost-West-Konflikt nach 1945 136 4.3 Afrika als Austragungsort des Ost-West Konfliktes 137 5. Einzug der UdSSR am Horn von Afrika 141 5.1 Die Revolution in Somalia 141 5.2 Revolution von oben? 143 5.3 Sowjetische Penetration am Horn von Afrika 146 5.4 Somalia als Zentrum des KGB in Afrika 148 5.5 Moskaus Wirtschaftshilfe für Somalia 151 5.6 Somalia, die Arabische Liga und die Reaktion Moskaus 152 5.7 Die pan-arabische Haltung gegenüber dem Kommunismus 154 5.8 Sowjetische Waffen und der Krieg im Ogaden 154 5.9 Krisen der sowjetisch-somalischen Beziehung 158 5.10 Barres fehlgeschlagene Verteidigungspolitik 159 6. Einzug der UdSSR in Äthiopien 163 6.1 Die Ursachen der schleichenden Revolution in Äthiopien 163 6.2 Die Rolle der Studenten zur Zeit Haile Selassies 163 6.3 Der Anfang der Revolution 165 6.4 Die Rolle der Zivilisten und die Haltung des Militärs 167 6.5 Die UdSSR und die Revolution in Äthiopien 168 6.6 Sowjetische Intervention in Äthiopien 173 6.7 Äthiopiens Aufrüstung durch Moskau: Bruch mit Somalia 175 6.8 Äthiopien: Kampf ums Überleben - Der Ogadenkrieg 177 6.9 Der Ogaden-Krieg im Spannungsfeld und panarabischer Bestrebungen 182 6.10 Die Rolle Italiens als westlicher Bündnispartner am Horn 186 6.11 Stalin am Horn: Mengistus „Partei der Werktätigen“ 192 6.12 Die Hochzeit von KPSU und COPWE: Rege Diplomatie 194 7. Regionalkonflikte: Beginn der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen 198 7.1 Ende des Stalinismus und des Kalten Krieges 200 7.2 Internationale Auswirkungen des Reformprozesses 201 7.3 Sowjetische ‘De-Ideologisierung’ in Afrika 202
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7.4 Beispiel: Der Friedensprozeß in Äthiopien 205 7.5 Abbau der sowjetisch-afrikanischen Wirtschaftsbeziehungen 207 7.6 Wechsel der Verteidigungsdoktrin und sinkendes Interesse 211 7.7 Sowjetische Politik südlich der Sahara: Die Endphase 212 7.8 Der Augustputsch 1991 und das Ende sowjetischer Afrikapolitik 212 Kapitel IV 214 1. Republik Djibuti 214 1.1 Djibutis Weg zur Unabhängigkeit 214 1.2 Die Entscheidung 215 2. Krisen nach der Unabhängigkeit 217 3. Djibuti und die Supermächte 218 4. Die Bedeutung Djibutis am Horn von Afrika 218 5. Ethnische Konflikte in Djibuti und die US-Politik 219 Kapitel V 220 1. Das Horn von Afrika nach dem Ende des Kalten Krieges 220 1.1 Amerikanisch-äthiopische Beziehungen nach dem Zerfall der UdSSR 220 1.2 US -Israelische Zusammenarbeit bezüglich der äthiopischen Juden 222 1.3 Die Zukunft Äthiopiens 224 1.4 Der Zerfall Somalias: Rückkehr zum Urzustand 224 2. Humanitäre und militärische Intervention der USA in Somalia 225 Nachwort 228 A) Der Zerfall Somalias und die Haltung Washingtons 228
B) Hungersnot und die Haltung des Weißen Hauses 228 Empfehlung 231 1. Die ökonomisch-politische Dimension des Föderalismus am Horn 231 1.1 Eritrea und Äthiopien 233 1.2. Somalia und Djibuti 234 2. Die Bedeutung des ökonomisch-politischen Föderalismus am Horn 235 Anhang I 238
Tabelle 1 Chronologie: Zeitalter des Imperialismus und der Abwehrkriege am Horn von Afrika bis 1906 (Ägypten, England, Frankreich, Italien). 238
a) Ägypten und England, 1820 - 1906 238
b) Frankreich, 1843 - 1906 240
c) Italien, 1859 - 1906 241
Tabelle 2 Beziehungen der Mittelmächte zu Äthiopien bis 1906 243
a) Österreich-Ungarn 243
b) Deutschland 243 Anhang II 244
Chronologie Äthiopisch-somalische Grenzkonflikte vom 19. Jh. bis zur Gegenwart. Zeittafel 1859 bis zum Ende des Ogadenkrieges 244 Anhang III: Landkarten 253 I) ABYSSINIA AT THE TIME OF THE BERLIN CONFERENCE, 1885 253 II) Äthiopien vor 1994 254
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III) Eritrea nach 1991 255 IV) Djibouti 256 VI) Äthiopien als Ziel der Kolonial Mächte 1906-1908 258 VII) The Sudan 259
VIII) Diego Garcia IX) Diego Garcia X) Kenya 262 XI) OGADEN. Somalias Grenzansprüche von 1978 263 XII) Republik Somaliland 264 XIII) Puntland 265 XIV) Italienisch-Ostafrika 1936-41 266
XV) Der Nördlicher Grenzdistrikt, NFD von Kenia 267 Literaturverzeichnis 268 Bibliographie 268 Journale 275
Freie- und Regierungspresse/Medien 283 Regierungsdokumente 288 Reden und Ansprachen 292 Interviews 293 Der Author 295
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Abkürzungen
AID Economic Aid Mission ALF Afar Liberation Front
ANC AOI APC Armored Personnel Carrier
BBC/MEA BBC/SU CBC CIA CIG COPWE pia
CPSU CRS CSM Christian Science Monitor
EPDM EPLF EPRDF ESF FAZ FIS FLCS Front for the Liberation of the Coast of Somalia
FMS FNLA FRUD FSO FUOD FY GAO U.S. General Accountive Office
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KGB LPAI MAAG MDAA MLD MLVP MNR
MPL MPLA MTTs NASA NFD NIF National Islamic Front
Prawda PCI PDPA People’s Democratic Party of Afghanistan PLPublic Law
PMAC PRD RAF RPI RPP SALT SIPRI SLCM Sea Launched Cruise Missiles SLOC Sea Lanes of Communication
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SNM Somali National Movement
SPLA SPM SRC START SWAPO SYL TFAI
TPLF UNI UNITA UNO USAID USC USIA USIS WSLF West Somalia Liberation Front ZK Zentralkomitee
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Einleitung
Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt Ägypten als erstes afrikanisches Land Waffen aus der UdSSR, wenngleich diese in der CSSR produziert worden waren. Dieses Ereignis gilt in der Literatur als Beginn der politischen Einflußnahme Moskaus in Afrika. Damals befand sich Afrika im Umbruch der Dekolonisation. Diese Lage spielte in der Sowjetpropaganda des „Antiimperialismus“, „Antikapitalismus“ und „Antirassismus“ eine große Rolle und war Hauptfaktor der sowjetischen Dritte-Welt-Politik. Die sowjetische Afrikapolitik löste die bei westlichen Experten und Strategen weitverbreitete Befürchtung aus, Moskau könnte daran interessiert sein, die westliche Hemisphäre von der Rohstoffversorgung abzuschneiden, um den eigenen Energiebedarf zu decken.
Das Horn von Afrika ist eine Region mit schwachen sozialen und politischen Strukturen. Ursachen dafür sind traditionelle ethnisch-religiöse Rivalitäten, Dürrekatastrophen und die durch Nationalismus geleitete Politik der Verantwortlichen. Seit der Kolonialzeit sind jedoch auch ausländische Mächte für viele Tragödien und Kriege in der Region verantwortlich, die von den Rivalitäten der Kolonial- bzw Supermächte ausgelöst wurden. Die Interessen Moskaus und Washingtons galten im Kalten Krieg der Sicherung von Einflußzonen ohne direkte militärische Konfrontation: Die USA wollten durch Äthiopien die regionale Stabilität sichern, die UdSSR mit allen Mitteln das sozialistische Lager durch Unterstützung geeigneter Länder (Somalia) stärken. 1 Das Horn von Afrika spielte eine wichtige Rolle im Kontext der Erweiterung der Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen der USA und UdSSR im Mittleren Osten und im Nordwesten des Indischen Ozeans. Die Region wurde zwar Mitte der 70er Jahre zur neuen Sicherheitszone der Supermächte, der Ursprung dieser Politik geht jedoch bis ans Ende des Zweiten Weltkrieges zurück, als beide Mächte erstmals ihre Interessen signalisierten. Zwischen 1948 und 1950 galt Nordostafrika den Supermächten als die begehrteste Sicherheitszone. Damit wuchs der militärische Wettstreit, und kriegerische Ausei-nandersetzungen in der Region nahmen zu. Revolutionen seit Beginn der 60er Jahre, der Unabhängigkeitskrieg Eritreas und erneute Revolutionen im Süd-Sudan sowie Konflikte zwischen Staaten der Peripherie wie Libyen, Tschad, Uganda und Tanzania erschütterten die Region. Die üblichen Erklärungen über Stammes- und Eliterivalitäten greifen daher zu kurz. Eine adäquate Analyse muß vielmehr externe Intervention und Abhängigkeit dieser Staaten wesentlich stärker einbeziehen als dies in der wissenschaftlichen Literatur bisher geschehen ist.
Wingerter, Rex, The United States the Soviet Union and the Indian Ocean: The competition for 1
the Third World, Bulletin of Concerned Asian Scholars 9, No. 3 (1977).
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Durch Rivalitäten der Supermächte im Mittleren Osten, am Golf und an der Arabischen See, durch direkte Aufrüstung und militärischen Einsatz, aber grundsätzlich durch ihre Klientelstaaten entstand eine Welle von Konflikten am Horn von Afrika. Die arabischislamische Politik im Mittleren Osten zwischen Konservativen und Radikalen sowie der arabisch-israelische Konflikt dehnten sich auf die neuen Staaten Nordostafrikas aus. Von Ägypten über Sudan bis Somalia mußte sich die Mehrheit der arabisch-islamischen Bevölkerung innerhalb dieses Konfliktfeldes bewegen, das zudem durch die Konfrontation Iran-Irak und die Ölpreispolitik geprägt war. Saudi-Arabien und Libyen galten als Anwärter auf die Führung in der Region. Oberst Gaddafi brachte eine radikale Dreier-Allianz zwischen Libyen, Äthiopien und dem Südjemen zustande. Gleichzeitig koordinierten die Saudis ihre Politik mit dem Sudan, Ägypten, Somalia und Kenia. Im Hinter-grund dieser Manöver brachten die Supermächte eifrig Waffen, Geld und moralische Unterstützung für die Realisierung ihrer eigenen strategischen und ökonomischen Ziele zum Einsatz. In keiner anderen Konfliktregion der Welt überlagerten sich regionale und globale Interessen derartig stark, nirgendwo war die Konfusion so groß. Somit entwickelte sich ein Muster Patrontributärer Beziehungen in der neuen Phase imperialistischer Rivalitäten. Geopolitisch betrachtet steht der südliche Ausgang des Suezkanals durch das Rote Meer unter der Obhut Äthiopiens, Somalias, Djibutis, Sudans, Nord-und Südjemens, deren Ressourcen zwar bedeutend sind, die aber vielfach unter Unterentwicklung leiden. Sie gehören zu den ärmsten Ländern der Welt und können, abgesehen vom Sudan, kein Öl bieten, jedoch waren ihre Seehäfen für Militärbasen und Kommunikationseinrichtungen der Supermächte von größter Bedeutung. Eine Zeitlang war die volle strategische Bedeutung der Region jedoch nicht in Erscheinung getreten, dies änderte sich erst mit Ankunft der Sowjets.
Der anglo-ägyptische Abzug aus dem Sudan fand 1956 statt, 1960 wurde der Tschad unabhängig. Die Rivalitäten der Supermächte durchdrangen beide Länder in den 70er Jahren und wurden Teil des unerbittlichen Kampfes um die Eroberung von Handelsrouten, strategischen Positionen und Ressourcen in Nordostafrika. Bedeutendster Faktor blieb jedoch die afrikanisch-arabische Rivalität, die zeitweise in Bürgerkriege überging und die Supermächte indirekt in einen gefährlichen Konflikt hineinzog. Die UdSSR unterhielt abwechselnd engere Beziehungen, verbunden mit Waffenlieferungen, zu Somalia, Ägypten, dem Sudan, Libyen und Äthiopien und mischte sich dadurch in regionale Konflikte wie in Eritrea, im Ogaden, Süd-Sudan und Tschad ein, was ihr wiederum Einblick in US-Marineoperationen in der Arabischen See einbrachte. Im Gegenzug und je nach Einflußperiode unterhielten auch die USA engere Beziehungen, verbunden mit militärischer Aufrüstung, zu Äthiopien, Somalia, Kenia, Sudan und Ägypten. Von ihren Basen in diesen Ländern projektierten sie ihre Macht am Indischen Ozean, versuchten, ein Gegengewicht gegen den libysch-äthiopischen Einfluß auf afrikanisch-arabische Konflikte zu bilden und vor allem gegen die sowjetische Dominanz und Expansion am Horn und auf der Arabischen Halbinsel Einhalt zu schaffen. Der Reichtum Saudi-Arabiens, der Bevölkerungsreichtum Ägyptens und die strategischen Positionen Kenias und Somalias boten den USA eine gute Ausgangsposition gegen die Ausweitung der sowjetischen Penetration sowie gegen den radikal-arabischen Einfluß in Schwarzafrika
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und vor allem südlich der Sahara. Um die lebenswichtige Ölroute, die zum Teil durch den Suezkanal führt, zu schützen und die Sicherheit der Klientelstaaten Saudi-Arabien und Israel, die eine dominierende Rolle am Golf und der Arabischen Halbinsel spielten, zu garantieren, waren die USA gezwungen, in den Besitz der wichtigsten strategischen Punkte zu gelangen und von dort aus den Kommunismus zu bekämpfen. Auch unabhängig von den Rivalitäten der Supermächte bleibt das Horn von Afrika Ort eines Jahrhunderte alten religiösen, ökonomischen und politischen Wettstreits zwischen Äthiopien und dem somalischen Volk der Region, bis 1991 vertreten von der Republik Somalia. Strittiger Punkt zwischen Äthiopien und Somalia Ende des 20. Jahrhunderts ist nach wie vor die Rechtmäßigkeit der äthiopischen Herrschaft über die Ogadenregion, ein Grenzgebiet, das größtenteils von Somalis besiedelt ist und von beiden Ländern beansprucht wird. Ob man die Reden von Äthiopiens pro-westlichem, inzwischen verstorbenen Kaisers Haile Selassie oder die des selbst ernannten marxistischen Führers Mengistu Haile Mariam (bis 1991) untersucht, beide betonen die Unverletzbarkeit äthiopischer Grenzen. In der Tat löst die bloße Vorstellung, auf die Ogadenregion zu verzichten, einen Sturm der Entrüstung unter der politischen Elite Äthiopiens aus. Ebenso zeigten sich die somalischen Staatsoberhäupter von Präsident Aden C. Cusman bis Mohammad Siyyad Barre gleichermaßen unnachgiebig in ihrer Weigerung, die äthiopische Herrschaft über die Ogadenregion anzuerkennen. Für eine bedeutende Anzahl von Somalis beschwört die Ogadenregion den pan-somalischen Traum von der Vereinigung aller somalischen Völker unter einer Fahne herauf. In dieser Hinsicht repräsentiert jeder Punkt des blauen Sterns der somalischen Flagge einen Teil der noch geteilten somalischen Nation. Während sich die früheren Kolonialstaaten Britisch- und Italienisch-Somaliland im Juli 1960 zusammenschlossen, um die Republik Somalia zu gründen, verblieben drei Gebiete, die von Somalia beansprucht werden, weiterhin unter der Herrschaft Äthiopiens (Ogadenregion, Haud), der Republik Djibuti (Französisch-Somaliland) und Kenias (Northern Frontier-District=NFD).
Zentraler Streitpunkt der politisch-militärischen Konfrontation zwischen Äthiopien und Somalia war und ist die Ogadenregion, die auch Schauplatz militärischer Zusammenstöße zwischen den Nachbarn Anfang der 60er Jahre sowie des blutigen Ogadenkrieges 1977-78 war.
Die Entscheidung Äthiopiens und Somalias, ihre regionalen Vorhaben mit Unterstützung der jeweiligen Großmächte (damals Portugal/Äthiopien; Osmanisches Reich/Somalia) voranzutreiben, ist ein entscheidender Aspekt dieser historischen Rivalität. Vier Jahrhunderte später hießen die ausgewählten Schutzmächte entweder Sowjetunion oder USA. Die Überlegung, die hinter dieser Globalisierung regionaler Politik steht, wie sie Äthiopien und Somalia verfolgten, beschreibt treffend das somalische Sprichwort: „Sei entweder ein Berg oder habe einen Berg, an den du dich anlehnen kannst“. 2
Touval, Saadia, Somali Nationalism: International Politics and the Drive for Unity in the Horn, 2
Cambridge, Massachussetts, Harvard University Press, 1963, S. 49-50.
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Anhand dieses einfachen, aber auch komplizierten Gleichnisses erkennt man das Wesen der US-Außenpolitik gegenüber dem Horn von Afrika. Raymond L. Thurston, US-Botschafter in Somalia 1965-68, sagte:
„Ziel unserer Bemühungen sollte es sein, militärische Stützpunkte oder ähnliche Einrichtungen fremder Mächte aus Ostafrika fernzuhalten. Die militärischen Mächte sowohl Äthiopiens als auch Somalias stehen in keinem Verhältnis zu den Erfordernissen ihrer nationalen Sicherheit und sollten verkleinert werden. ... Dies würde nicht nur die internationalen Spannungen am Horn vermindern, sondern auch die Gewähr dafür sein, daß mehr Energien auf die wirtschaftlichen Probleme am Horn gerichtet werden könnten“. 3
Entgegen allen vorsichtigen Warnungen einiger Kenner der Region, jede Einmischung am Horn von Afrika zu vermeiden, die historische Rivalitäten verschärfen und somit langfristigen US-außenpolitischen Interessen schaden könnte, wollten die Regierungen von Präsident Franklin Delanor Roosevelt bis George Bush in dieser Region einen strategischen Stützpunkt aufbauen. Während die USA vor 1974 einen Sicherheitspakt mit Äthiopien auf Kosten der engeren Beziehungen zu Somalia anstrebten, gilt das Gegenteil für die Zeit nach dem Ogadenkrieg von 1977-78. In beiden Fällen ermunterten Äthiopien wie Somalia die USA zur Einmischung. Doch die Vertreibung der USA aus Äthiopien nach der „schleichenden Revolution“ von 1974 bis 1977 sowie der wachsende Streit über die aktuelle Unterstützung der USA für Somalia als Ergebnis des Bürgerkrieges stellten die langfristigen Vorteile der US-Außenpolitik am Horn von Afrika in Frage. Chester Crocker, stellvertretender Außenminister für afrikanische Angelegenheiten 1981-1989, sagte am 13. November 1985:
„Ostafrika ist für die USA von beträchtlichem strategischen Gewicht, insofern es als gleichermaßen relevant ist für die Sicherheit des mittleren Ostens als auch für Afrika. Wir brauchen für unsere militärischen Kräfte Zugang zu Flugplätzen und Häfen, sollten sie in Krisenzeiten gegen den sowjetischen Expansionismus am Persischen Golf oder im Indischen Ozean zur Verteidigung gebraucht werden. ... Wir bemühen uns darum, dem libyschen Abenteuertum und Terrorismus Einhalt zu gebieten, die eine Gefahr für jedes friedliebende Land in der Region darstellen. Wir versuchen, die Isolierung von Ägypten zu vermeiden“. 4
Das II. Kapitel soll die Entwicklung der amerikanischen Intervention am Horn von Afrika erklären, indem es speziell die Einmischung Washingtons in den Konflikt zwischen Äthiopien und Somalia während der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg herausstellt. Nachdem die Ursprünge der amerikanischen Einmischung in Ostafrika vor 1948 untersucht wurden, analysieren die nächsten Abschnitte, was die verschiedenen bürokratischen Aufträge des State Departments, des Defense Departments und der CIA zur Gründung und Stärkung des Sicherheitspakts zwischen den USA und Äthiopien während einer Zeitspanne von 25 Jahren (1948-73) beitrugen, die größtenteils durch das
Raymond L. Thurston: The United States, Somalia and the Crisis in the Horn, Horn of Africa. 3 April-June 1978, S. 20.
Chester Crocker, U.S. Interests in Regional Conflicts in the Horn of Africa, Ansprache vor dem 4
Washington World Affairs Council, Washington D.C., 13. November 1985, S. 3.
21
Fehlen von Krisen gekennzeichnet war: Das Anwachsen der Sicherheitsbeziehungen führte zu einem Konsens innerhalb der nationalen Sicherheitsbehörden gegen das (postunabhängige) Bestreben der Republik Somalia, alle somalischen Völker in Ostafrika einschließlich jener in der Ogadenregion Äthiopiens in einem Land zu vereinigen. Dieser Konsens stärkte die US-äthiopischen Beziehungen auf Kosten engerer Beziehungen zu Somalia. Die darauf folgenden Abschnitte untersuchen jedoch, wie die Zwillingskrisen der äthiopischen Revolution von 1974-77 und des Ogadenkrieges von 1977-78 zum ersten Mal eine genaue Überprüfung der US-Außenpolitik am Horn von Afrika veranlaßten. Diese Untersuchung führte letztlich zur Revision der Sicherheitsbeziehungen Washingtons zu Äthiopien zugunsten einer neuen militärischen Beziehung zu Somalia. Die letzten Abschnitte dieses Kapitels beleuchten hauptsächlich die Entstehung und die wachsenden Probleme der Sicherheitsbeziehungen zwischen den USA und Somalia von 1977 bis 1991. Es wird unter anderem untersucht, wie das tief verwurzelte historische Mißtrauen innerhalb des Nationalen Sicherheitsbüros gegen die Absichten Somalias als bedeutende Einschränkungen für eine schnelle Ausweitung der Verbindung zwischen den USA und Somalia diente; welche Bedeutung die äthiopisch-somalische Grenzkrise 1982 für die Neueinschätzung der US-somalischen Beziehungen auf höchster USpolitischer Ebene hatte; welche Auswirkungen der 1988 verstärkte, fast 10 Jahre andauernde somalische Bürgerkrieg auf die Entscheidung des US-Kongresses hatte, die Höhe der US-Sicherheitsunterstützung, die dem Siyyad-Regime zur Verfügung stand, zu beschränken. Die Eröffnung 5 der sowjetischen Afrikapolitik nach dem Zweiten Weltkrieg begann in der Chruschtschow-Ära. Die UdSSR bezeichnete damals eine heterogene Gruppe von Führern unabhängiger Staaten, die den Begriff Marxismus-Leninismus zwar vermieden, aber im Innern stark antiimperialistisch geprägt waren, als „bürgerliche Nationalisten“. Erstmals angewandt wurde die Bezeichnung zur Charakterisierung der 1. Konferenz der blockfreien Staaten in Bandung (Indonesien) im April 1955. Im Juli 1955 schloß Ägypten mit der CSSR einen Vertrag zum Kauf von Waffen; im August besuchten Chruschtschow und Bulganin Indien, Burma und Afghanistan. Mit diesem Besuch nahm die Sowjetunion Einfluß auf einige Führer wie Nehru (Indien), Kwame Nkrumah (Ghana), Modibo Keita (Mali), Sukarno (Indonesien) und Gamal Abdul Nasser (Ägypten). Die theoretische Rechtfertigung für die strategische Umsetzung der sowjetischen Dritte-Welt-Politik durch die Theorie von der „Nationalbourgeoisie“ in der Dritten Welt, lieferte eine Rede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, ergänzt durch Referate auf dem XXI. (1959) und XXII. (1961) Parteitag, ferner bei der Versammlung der 81 kommunistischen Parteien 1960 in Moskau, in zahlreichen Büchern, Artikeln und Schriften über die Dritte Welt.
Als hervorragende Arbeiten zu diesem Thema siehe: Luttwak, Edward, The Grand Strategy of 5
the Soviet Union, St. Martin’s Press, New York 1983; Stevens, Christopher, The Soviet Union and Black Africa, Holmes & Meier, New York 1976; Porter, Bruce, The USSR in Third World Conflicts, Cambridge University Press, Cambridge 1984; Ledvold, Robert, Soviet Policy in West Africa, Harvard University Press, Cambridge 1970.
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Die sowjetische Politik zur Stützung der Nationalbourgeoisie erfolgte auf mehreren Ebenen:
1. Als Preis für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mußte sie darauf verzichten, außerparlamentarische Oppositionen und lokale kommunistische Parteien offen zu unterstützen. Dennoch blieben die Sowjets gegenüber dem Schicksal ihrer ideologischen Brüder keineswegs gleichgültig. Aber sie begnügten sich vorerst damit, durch diplomatische Beziehungen überhaupt erst Fuß zu fassen und Kommunisten im Un-tergrund vor Ort zu stärken. Trotz der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen protestierten die Sowjets immerhin gegen Verfolgungen und Mißhandlungen einheimischer Kommunisten.
2. In der Chruschtschow-Ära begann die individuelle Pflege der Beziehungen zu Nationalistenführern wie Sukarno, Nkrumah, Nasser und deren politischen Organisationen. Die Sowjets versuchten sich auch als Berater in der Wirtschaftsentwicklung, ohne direkte Einmischung in ideologische Fragen. Sie warteten ab, bis ein Staat ihr Eingreifen wünschte.
3. Massive Militärhilfe (wenn gewünscht) sowie, wenn auch sekundär, Wirtschaftshilfe. Als die Sowjets sahen, daß die Außenpolitik Chruschtschows und ihre Umsetzung nicht die jeweiligen Erwartungen erfüllten, gingen sie um 1960 zu einer neuen Strategie über:
„...first the promotion of parties or national liberation movements that explicitly based themselves on Marxist-Leninist ideology, second was the encouragement of these groups to transform themselves into formal vanguard parties once they came into power“. 6
Wie wir später noch sehen werden, war Äthiopien ein typisches Beispiel zur Realisierung dieses Vorhabens. Zwar gewann die sowjetische Dritte-Welt-Politik mit dem Aufstieg Chruschtschows Mitte der 50er Jahre an Bedeutung, jedoch wurde die revolutionäre Bedeutung der nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt erst 1960 verbindlich definiert und als neue Richtlinie für die kommunistischen Bewegungen aufgenommen.
Sowjetische Propaganda und Doktrin machten kein Geheimnis aus den Ambitionen Moskaus, in ganz Afrika marxistisch orientierte Regierungen zu errichten. Insbesondere nachdem die pro-sowjetischen Regierungen in Mozambique und Angola unter großem Beifall der sowjetischen Propaganda und Prominenz errichtet waren, schien die Existenz des damaligen Rhodesien (Zimbabwe) und Süd-Westafrikas äußerst bedroht. Dies wurde im Februar 1976 beim XXV. Parteitag der KPSU deutlich, als Breschnew erklärte: „Our party supports and will continue to support people fighting for their freedom. In doing so, the Soviet Union does not look for advantages, does not hunt for concessions, does not seek political domination, or covert military bases ... the solidar-
Yuv. Irkhin, Formation of the Vanguard Parties of the Working People in Socialist Oriented 6
Countries in: Ethiopian Herald, 9. Februar 1985, S. 3.
23
ity of the Soviet Union with Africa’s anti-racist, and anti-imperialist forces is a contribution to the strenghtening of world peace...“ 7
Das bedeutete, daß die Sowjetunion offensichtlich ihre Rolle zur Bewaffnung und Manipulation der afrikanischen Nationalisten akzeptierte. Moskau rechtfertigte demzufolge seine strategische Intervention in Afrika mit der Entwicklung der Doktrin des „nationalen Befreiungskampfes“. Der Ursprung dieser Doktrin reicht bis zum 2. Kominternkongreß 1920 zurück, als Lenin die „national-revolutionären“ Bewegungen als Übergangsform bis zur Herausbildung des sowjettreuen kommunistischen Regimes betrachtete. 8 Im allgemeinen blieb Afrika jedoch ein Nebenkriegsschauplatz in der sowjetischen Doktrin. 1954 begann der Versuch, den Marxismus-Leninismus für afrikanische Verhältnisse passend zu interpretieren. 9 Ein führender Afrikanist aus Moskau, Pro-fessor Ivan Potekhin, schuf die Grundlage, um Afrika in der marxistischen Analyse zu verankern. 10 Hierauf aufbauend, entwickelten die Sowjets Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre ihre „nationale Befreiungsdoktrin“. Auf dem XXII. KPSU-Parteitag 1961 wurde der „nationale Befreiungskampf“ als integrale Einheit der langfristigen sowjetischen Strategie definiert, und fortan unterstützte Moskau die Befreiungsbewegungen in Afrika.
Trotz aller Bemühungen in der Kongo-Krise 1961 und anderswo in Afrika gelang es Moskau mangels Fachleuten oder strategischer Mobilität nicht, die nationale Befreiungsdoktrin umzusetzen. Die Sowjets übersahen, daß Afrika für die Ausweitung vor allem unter ideologischen Gesichtspunkten ein äußerst kompliziertes und schwieriges Terrain darstellte. Die westlichen Regierungen versäumten es ihrerseits zwischen den langfristigen und den kurzfristigen Zielsetzungen Moskaus zu unterscheiden. Die sowjetische Außenpolitik hatte mit ihrer ideologischen Ausrichtung gegen Imperialismus und Kolonialismus und für den nationalen Befreiungskampf kurzfristig bessere Chancen, den Einfluß des Westens zurückzudrängen. Langfristig allerdings scheiterten sie, denn die marxistischen und revolutionären Regierungen in Afrika konnten sich nicht auf eine zahlenmäßig große, industrielle Arbeiterschaft stützen. Im Gegenteil: 80% der afrikanischen Landbevölkerung, ob in Äthiopien, Somalia, Angola oder Mozambique, war eher kleinbürgerlich oder monarchistisch eingestellt, demzufolge spielten sie bei der „Revolution“ keine Rolle. So konnte nur ein Bruchteil der verbliebenen 20% Stadtbevölkerung, bestehend aus Voluntaristen, Abenteurern und Mitläufern, als zuverlässige Verbündete des sozialistischen Lagers gelten. Zwar orientierte sich eine zunehmende Anzahl afrikanischer Staatsoberhäupter in Richtung wissenschaftlichen Sozialismus, jedoch beschränkten sie sich trotz marxistisch-leninistischer Prägung im wesentlichen darauf, Moskaus Modell in Sachen Partei- und Wirtschaftsorganisation zu übernehmen. So proklamierten Gamal Abdel Nasser (Ägypten), Nkrumah (Ghana), Seku Toure (Sene-gal), das Mouvement National Revolutionaire (MNR) des damaligen Kongo- NewTimes, Mai 1976, Editional. 7
Angola After Independence: Struggle For Supermacy, Conflict Studies 64, ISC, November 1975, 8 S. 10.
The Peoples of Africa, Moskau Symposium Papier 1954, S. 12. 9
Crozier, Brian, The Struggle For The Third World, Bodley Head, London 1966, S. 51 10
24
Brazzaville und Siyyad Barre (Somalia) Mitte bis Ende der 60er Jahre den wissenschaftlichen Sozialismus, um negative Wirtschaftsentwicklungen und Armut in ihren Ländern zu überwinden. 11 Die Frage des Marxismus-Leninismus als übergreifende politischsozioökono-mische Staatsdoktrin stellte sich erst Mitte der 70er Jahre. Als Chruschtschows Nachfolger die Marineexpansion in den Vordergrund stellten und nach anderen strategischen Mobilitäten suchten, begannen auch die sowjetischen Afrikanisten andere Methoden auszuarbeiten. Ein amtliches Buch der sowjetischen Führung, „The Political Parties of Africa“ (1970), bezeichnete die Parteien MPLA (Angola) und FRELIMO (Mozambique) im Zusammenhang mit dem „nationalen Befreiungskampf“ 12 als „mächtige revolutionäre demokratische Parteien“ mit der Fähigkeit, sich im Rahmen des sowjetischen Marxismus-Leninismus zum „Sozialismus“ zu entwickeln. Damit war die ideologische Zielvorgabe der UdSSR für die afrikanischen Klientelstaaten festgelegt - bis zur Machtübernahme Gorbatschows. Als diese Doktrin der strategischen Mobilität 1975 in Angola zu konvergieren begann und eine massive sowjetischkubanische Mili-tärintervention der sich in der Minderheit befindlichen MPLA in Luanda zur Macht verhalf, richtete die UdSSR ihr Augenmerk auf Südafrika, Süd-Westafrika und das damalige Rhodesien, um einen Verbund der marxistischen Klientelstaaten zu errichten. Sie sollten, weiterhin von Moskau gesteuert, „dem Kampf gegen den Westen“ dienen, jedoch unter Beibehaltung der allumfassenden Doktrin des „nationalen Befreiungskampfes“, wie Artikel 28 der sowjetischen Verfassung von 1977 bestätigt: Im Artikel 28 der sowjetischen Verfassung von 1977 wird als entscheidende Aufgabe sowjetischer Dritte-Welt-Politik postuliert, „den Kampf der Völker um nationale Be- 13 zu unterstützen. freiung“
Seit 1977 gewann die Sowjetunion keine weiteren Klientelstaaten auf dem afrikanischen Kontinent mehr hinzu. Einen weiteren Rückschlag mußte Moskau hinnehmen, als der radikale Sozialist Robert Mugabe die Wahlen in Zimbabwe 1980 gewann, sich jedoch zur militärischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Westen entschloß. Zuletzt konnte die Sowjetunion auch ihren Einfluß in Angola und Äthiopien nicht mehr halten. Der quasi opportunistische Charakter der sowjetischen Außenpolitik war überall fest-zustellen: Als beispielsweise Sekou Touré 1958 mit dem Frankreich Generals de Gaulle durch seine Entscheidung für die Unabhängigkeit brach, eilten die Sowjets sofort mit Hilfsangeboten nach Guinea und ins benachbarte Mali. Ebenso verhielt es sich, als Jaafar el Numeiri 1970 putschte: Die Sowjets waren sofort im Sudan, um Waffenhilfe zu lei-sten. Auch nach dem Putsch Idi Amins in Uganda traten die Sowjets gemeinsam mit Libyen als Waffenlieferant und Helfer der verachteten Diktatur auf. Am deutlichsten war dieses Verhalten jedoch im Wechsel von Somalia zu Äthiopien zu erkennen. Aus diesen Beispielen lassen sich Moskaus globale Ziele, Methoden und Prio-ritäten nach dem Zweiten Weltkrieg leicht ableiten: Zunächst galt es, so schnell wie möglich die eigene Position in Europa und die Verteidigung der östlichen und westli-
SieheVolker Matthies, Somalia und die Welt - Bericht über ein internationales Symposium vom 11
15.-20. Oktober 1974 in Mogadishu, in: Africa Spectrum, Vol. 15, Nr. 1 (1980), S. 83-89. The Political Parties of Africa, Moskau 1970, S. 25n. 12
Der Text der Verfassung war abgedruckt in: Neues Deutschland (ND), 15./16. Oktober 1977. 13
25
chen Flanken der Sowjetunion zu konsolidieren, ohne, vor allem in strategisch sensiblen Gebieten, in eine direkte militärische Konfrontation mit dem Westen zu geraten. Kurzfristig verfolgte Moskau daher das Ziel, das Machtgleichgewicht z. B. in Südostasien und dem Mittleren Osten zum eigenen Vorteil zu ändern. Die afro-arabischen Dimensionen des Konflikts im Mittleren Osten gehen auf die sowjetischen Interessen in Ägypten, den Mahgreb-Staaten und im Horn von Afrika zurück. Mittelfristig sollte die eigene Position in der Region des Roten Meeres gesichert und gestärkt werden, denn die Länder an dessen westlichem Ufer waren die wichtigsten strategischen Knotenpunkte. Ähnliches galt für den indischen Subkontinent und den Osten des Indischen Ozeans. Im Hintergrund stand als Fernziel der Ausbau der eigenen Position, unterstützt durch massiven politischen und militärischen Einfluß in Südafrika: Südafrika sollte als strategischer Knotenpunkt am Indischen Ozean für die südatlantischen Seerouten dienen, mit Lateinamerika und der Karibik im Visier. Beste Möglichkeiten für die Erfüllung ihrer Ziele boten sich der Sowjetunion durch Einflußnahme in Angola und Zimbabwe. Wenn die Sowjetunion jedoch meinte, einen attraktiveren Klientelstaat außerhalb der für die kurzfristige Zielvorgabe interessanten Regionen gewinnen zu können, lenkte sie ihr Gesamtengagement auf dieses bevorzugte Ziel um, auf Kosten der Wirtschafts- und Militärhilfe vormals bevorzugter Länder. Dies geschah meist nach nur kurzer Zeit und gefährdete immer wieder die Erfüllung der früher geschlossenen Verträge, so daß ihr Einfluß schließlich zusammenbrach.
„This lower commitment is shown by Moscow’s failure to fullfill its treaty of friendship obligations to Mozambique, which left President Samora Machel no alternative but to sign the humiliating Nkomati agreement with South Africa in 1984. Regarding Angola, the USSR has held regular consultations with the United States to avoid a damaging confrontation with the west“. 14
Von 1977 bis zum Machtantritt Gorbatschows konnte das sowjetische Experiment in drei afrikanischen Ländern (Angola, Äthiopien und Mozambique) auf Erfolge verweisen: Äthiopien nannte sich Volksrepublik, Angola und Mozambique begannen nach der Unabhängigkeit offiziell damit, ihre ehemaligen Befreiungsbewegungen in orthodoxe marxistische Kaderparteien umzubauen. Alle drei Regime bemühten sich nach sowjetischem Muster, durch eigene Parteiapparate die Wirtschaft unter Kontrolle zu bringen. Trotz starker Abhängigkeit von der UdSSR erlaubten sie keine Einmischung Moskaus in die inneren Angelegenheiten des jeweiligen Staates. Mit starker nationalistischer Prägung waren sie auf der Suche nach Wegen, den eigenen Sozialismus zu definieren. Der „Afrokommunismus im Experiment“ florierte wie der „Eurokommunismus in der Theorie“ bis zur Regierungsübernahme durch Gorbatschow in der UdSSR.
14 Colin Legum, ibid., S. 231.
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Kapitel I: Historischer Abriß über die Staaten am Horn
Das Territorium Äthiopiens hat heute eine Fläche von 1.184.320 qkm. Die Ost-West-Ausdehnung beträgt in Höhe des 8. Breitengrades n. Br. 1.600 km, die größte Ausdehnung nahe des 38. Längengrades ö. L. beträgt ebenfalls rd. 1.600 km. Die Nachbarstaaten sind im Nordwesten der Sudan, im Süden Kenia, im Osten Somalia und die Republik Djibuti. 15 Durch die Unabhängigkeit Eritreas 1991 verlor Äthiopien die rund 800 km lange Rotmeerküste für seine Außenwirtschaftsbeziehungen.
1. Der Aufbau des äthiopischen Staates
Die ersten Einwanderer Äthiopiens, kuschitische Hamiten - deren Herkunft in der Forschung kontrovers ist 16 -, drängten einen großen Teil der Ureinwohner, die Niloten, Jäger aus dem Tiefland, 17 in die südlichen Gebiete des Landes ab. In geringem Maße fand hier allerdings auch ein Assimilierungsprozeß zwischen beiden Völkergruppen statt, während gleichzeitig die Hamiten das Hochland Äthiopiens besiedelten. Dieses hamitische Volk, dessen Einwanderung einige Jahrtausende zurückliegt, gilt als die ethnische Basis des heutigen äthiopischen Volkes. 18 Die Bezeichnung „Äthiopien“ ist eine Ableitung des griechischen aitiopea (braune Gesichter), das damals noch auf ein weiteres Gebiet Nordafrikas, nämlich auf Nubien (heute Sudan), angewandt wurde. Das Land erhielt also von griechischen Reisenden und Kaufleuten seinen Namen, der auch als solcher Eingang in die europäische Literatur fand. Bis 1936 war Äthiopien allerdings eher unter dem Namen Abessinien bekannt, der ursprünglich vom aus Südarabien eingewanderten „Habesh“-Stamm abgeleitet wird. 19 Die im 1. Jh. v. Chr. in großen und kleinen Gruppen
eingewanderten südarabischen Siedler, die eine hochentwickelte technische und geistige Kultur mitbrachten, legten den Grundstein für die Zivilisation Äthiopiens, die einzige dieser Art auf dem afrikanischen Kontinent.
Wichtige kulturelle Einflüsse gingen von Schrift und Sprache dieser Siedler (einer Emigrantengruppe namens Aq-azian) aus. Ein Beispiel ist die liturgische Sprache der äthiopisch-orthodoxen Kirche Geez, aus der sich u. a. die heutige offizielle Amtssprache, Amharisch, entwickelte. Damit brachten die Semiten auch kulturelle Erinnerungen
20
Das Eindringen der Semiten hat seine Ursache nicht in von Arabien nach Äthiopien.
militärischen, sondern in ökonomischen Beziehungen und Notwendigkeiten. 21 miten bildeten, obgleich sie kulturell und tributär vom König von Saba abhängig blieben, nach einigen Jahrhunderten eine annähernd gleichberechtigte Föderation, die als
Mantel-Niecko/Bartnicki, Geschichte Äthiopiens, Vol. 1, S. XXV, Akademie Verlag, Berlin, 15 1978.
Rossini, Conti, Storia D’Ethiopia, Parte Prima, Bergamo 1928, VII, S. 101. 16
Bento, William, Encyclopedia Britannica, Vol. VIII, London, Chicago 1963, S. 782. 17
Ullendorff, E., The Ethiopians, Oxford University Press (second ed.), London 1965, S. 45. 18
Geiss, I., Geschichte griffbereit, Vol. 6, S. 448, Harenberg Lexikon Verlag, Dortmund 1993. 19 20 Rossini, C. C., a. a. o., S. 101. Tirmingham, J. S., Islam in Ethiopia, S. 49, London 1965. 21
27
Sabäischer Stamm „Habashat“ die Hegemonie erlangte und nach dem Vorbild des Hei-matlandes eine absolute Monarchie gründete. Der Kaiser erhielt den Titel ‘Neguse Negest’ = König der Könige; die Führer der einzelnen Stämme hießen ‘Negus’, also Könige, die provinzialen Gouverneure wurden ‘Ras’ (Fürsten) genannt. 22 Carlo Conti Rossini hat Äthiopien als „Museum des Volkes“ bezeichnet - „un museo di popoli,“ 23 da das äthiopische Volk, durch die Verschmelzung von Einwanderern und Urbevölkerung aus hauptsächlich drei verschieden großen ethnischen Schichten besteht (Semiten=Hamitische Äthiopier, Kuschiten und Niloten=negroide Stämme).
1.2 Die Anfänge von Axum
Ab dem 1. Jh. n. Chr. begann der Entwicklungsprozeß zur Erlangung der inneren Einheit. Das wichtigste Ereignis dieser Zeit war die Gründung der Stadt Axum und ihre Ernennung zum Herrschersitz. 24 Die politische Orientierung dieser neuen Macht war auf zwei Ziele ausgerichtet: Arabien im Osten, wo bereits zwischen dem 1. und 3. Jh. v. Chr. eine abessinische Intervention stattgefunden hatte, 25 und das Königreich Meroé im Nordwesten am Nil. Im Laufe der Zeit weitete Axum seine Handelsbeziehungen und seinen kulturellen Horizont aus. 26 Damals standen die Gebiete am Roten Meer unter
hellenistischem Einfluß, der mit der Sprache und Kultur hellenisierter ägyptischer Kaufleute nach Axum kam, so daß auch axumitische Könige die griechische Sprache fließend beherrschten und sich ihrer bedienten. Im Axumitischen Reich wurden vom 3. bis zum 7. Jh. Münzen aus Gold, Silber und Bronze geprägt. Insgesamt haben 16 axumitische Könige griechisch und zwei Könige geez und griechisch für die Münzprägung verwendet.
1.3 Die Inschriften von Adulis und Axum
In der äthiopischen Hafenstadt Adulis wurden zwei Inschriften gefunden. Die erste Inschrift beschrieb die Handelsbeziehungen zwischen Ptolemaios III. von Ägypten (247-222 v. Chr.) und dem äthiopischen Kaiser. Die zweite Inschrift berichtet ausführlich über Expeditionen und Heldentaten eines axumitischen Kaisers während seines 27. Regie-rungsjahres.
Ullendorff, E., The Ethiopians, London 1965, 2 Ed., S. 49. 22
Rossini, C., L’Abissinia, Rome 1929, S. 20. 23
24 Mantel-Niecko/Bartnicki, a.a.o., S. 4
See J. Ryckmans, Institution Monarchique en Arabie Meridionale, S. 132, Louvain 1951. 25
26 Ullendorff, E., S. 51.
28
Noch eindrucksvoller sind jedoch die fünf Inschriften des Kaisers Ezana, die in Axum gefunden wurden. Bedeutend ist die fünfte Inschrift, in der sich Kaiser Ezana eindeutig zum Christentum bekennt. 27 Durch Übertritt des axumitischen Königs Ezana zum Christentum (330 n. Chr.) erhielt das Land eine neue Prägung: Ob diplomatisch oder ideologisch - der äthiopische Staat und die äthiopische Kirche blieben seitdem eng mit dem Patriarchat von Alexandria in Ägypten verbunden. Bis 1955 hatte der Patriarch von Alexandria die alleinige Macht, Bischöfe (Abune) in Äthiopien zu ernennen. 28
1.4 Die Entstehung des Islams und der Untergang von Axum
Das Axumitische Reich läßt sich mit der Geburt des Propheten Mohammed und der Entstehung des Islams samt den großen Veränderungen der Macht- und Wirtschaftsverhältnisse im Mittleren Osten in engen Zusammenhang bringen. Äthiopien und Arabien, waren nicht nur politisch und wirtschaftlich eng verbunden, sondern auch durch Migration.
Das Jahr 636 brachte ein gewaltiges Desaster für Axum, denn die Araber eroberten nach der Besetzung der Hafenstadt Massawa am Roten Meer 634 auch Palästina und Ägypten (640 - 642). Dabei wurde die Kirche von Alexandria (Äthiopiens Mutterkirche seit 330 n. Chr.) zerstört, und Axum verlor seine bisherige zentrale Position, denn es war nun vom Roten Meer abgeschnitten und auf die Hochebene im Süden abgedrängt. 29 Eine
stärkere Afrikanisierung in der Isolation gegenüber europäisch-arabischen Einflüssen war die Folge.
Die Isolierung Axums durch die Eroberungszüge des Islams in den Nachbarstaaten war nicht der alleinige Grund für den Untergang des Reiches, der eine Neuorientierung nach Süden hervorrief Ein weiterer Grund ist bei den kuschitischen Stämmen der Beja zu 30 Die Bejas lebten als Nomaden in einer suchen, die hierbei eine große Rolle spielen.
armen Region nordwestlich von Axum. Die Suche nach fruchtbarem Boden führte sie nach Axum und in die Hamassien-Region (Axum und Hamassien befinden sich im heutigen Tigray). 31 In der Geschichte Axums gilt diese Phase um 700 als eine Periode der Dekadenz. Alle Anstrengungen Axums, den Süden zu erobern und einheitliche Traditionen festzulegen, vermochten nicht den wirtschaftlichen Untergang zu verhindern. 32 Die bitterste Niederlage erlitt Axum, als die Agaw-Stämme (Falashas oder Bete Israel oder Ethiopian Jews) unter Prinzessin Gudit 33 rebellierten und 980 den ursprünglich einheitli-
chen Staat Axum gänzlich zerstörten. Die jüdischen Falashas regierten 980 - 1167, be-vor die christliche Zagwe-Dynastie 1167 - 1270 die Führung übernahm. In der äthiopi-
Littmann,Enno, Deutsche Aksum-Expedition, 1905-1910, Bd. IV, S. 32-42, Berlin 1913. 27
Ullendorff, Edward, The Ethiopians, 3. Ed., Oxford University Press, London 1973, S. 103. 28
29 Geiss, I., ibid, S. 449. 30 Rossini, Conti, ebid, S. 267-80.
31 ibid., S. 281, Trimmingham, S. 51.
ibid., S. 44, 47-48, vgl. Budge, E. A. W., The Queen of Sheba and Her Only Son Menyelek, Lon-32
don 1928; Kammerer, A., La Mer Rouge, l’Abyssinie et l’Arabie depuis l’Antiquité, Cairo, 1929. Für Gudit wurden verschiedene Namen verwendet: Yudith, Esther und arabisch Eve. 33
29
schen Geschichtsschreibung ist wenig über die Herkunft, die Art und Weise der Machtübernahme der Zagwe-Dynastie sowie ihre Herrschaftsperiode und Struktur bekannt. „...it is virtually impossible to construct a detailed history of the Jews of Ethiopia for the period from the sixth to thirteenth century. While the sources that concern the Emperor Kaleb’s war in South Arabia enable us to offer some hypotheses concerning the fate of some of the Judaized groups in Axum, even these must be treated with considerable caution“. 34
Ebenso weist das Wissen über die Geschichte Äthiopiens zwischen dem 11. und 13. Jh. große Lücken auf. Bekannt dagegen ist, daß sich die Zagwe-Herrscher innen- und außenpolitisch stark auf das Christentum stützten. Einer der wohl berühmtesten Herrscher um 1185 war Kaiser Lalibela, dessen weltbekannte Kirchenbauten in der damaligen Hauptstadt Roha (heute Lalibela) in der Provinz Wollo bis heute als Weltwunder gelten. 1270 gelang es Yekuno Amlak von Shoa (1270-1285), die Zagwe-Dynastie zu entmachten und die Salomonische Dynastie wiederherzustellen. Diese Dynastie bestand, mit Unterbrechung, bis 1974. 35
Durch Dynastiewechsel wurde die orthodoxe Kirche zum Schiedsrichter zwischen den konkurrierenden Dynastien, denn sie entwickelte sich im äthiopischen Kaiserreich zu einer bedeutenden wirtschaftlichen Machtinstitution. 36 Anfang des 13. Jh. wurde sie zum Zentrum der äthiopischen Literatur und Bildung und spielte auch eine große Rolle im politischen, administrativen und ökonomischen Leben der Gesellschaft. Noch bis zum Jahr 1974 besaß die Kirche ein Drittel des Landes. 37
Im 14. und 15. Jh. verstärkte Äthiopien seine Kontakte mit dem christlichen Europa. Aber auch die Beziehungen mit Jerusalem und, erstaunlicherweise, mit den Sultanaten der Türkei wurden gepflegt. 38
1.5 Der Krieg von 1527 - 1559
Der Krieg zwischen Äthiopien und den Sultanaten, die von Ahmed Ibn Ibrahim El-Ghazi (1506-1543), genannt Gragn (Linkshänder), geführt wurden, begann 1527. Seine entscheidende Wende nahm der Krieg mit dem Hilfsersuchen Kaiser Lebne Dengels an Portugal, woraufhin 400 portugiesische Soldaten unter Cristovao da Gama (Sohn des berühmten Vasco da Gama) 1541 in Äthiopien eintrafen. Da Kaiser Lebne Dengel jedoch zwischenzeitlich verstorben war, empfing sie dessen Sohn, Gelawdios (Claudius 1540-1559). Diesem gelang es, unterstützt von der Bevölkerung Tigrays und Eritreas und vor allem mit Hilfe portugiesischer Musketiere, seine Feinde zu besiegen. Gragn
34 Kaplan, Steven, The Beta Israel (Falasha) in Ethiopia From Earliest Times to the Twentieth Century, New York University Press, 1992, S. 51.
Stigand, C.-H., The Land of Zing, 1913, S. 29. Ausführlich zu diesem Thema siehe Tadesse Tam-35
rat, Church and State in Ethiopia 1270-1527, Oxford, 1972.
36 Mantel-Niecko/Bartnicki, Vol. I., S. 36.
37 ibid.
38 ibid., S. 11.
30
wurde am 21. Februar 1543 getötet und Äthiopien über Nacht von der muslimischen Invasion befreit. Es dauerte jedoch bis 1559, den Krieg zu beenden. 39
1.6 Die Außen- und Innenpolitik Tewodros II.
Nachdem Äthiopien 1777 in Provinzfürstentümer zerfallen war, gelang es einem Banditenführer namens Kassa, die Grundlage für die Einheit Äthiopiens wiederherzustellen. Am 7. Februar 1855 bestieg Kassa unter dem Namen Tewodros II. als Kaiser von Äthiopien den Thron. Trotz vieler positiver Vorhaben wurde Tewodros wegen seiner harten, strengen und unnachgiebigen Politik, die mit der Herrschaft des russischen Zaren Iwan des Schrecklichen vergleichbar ist, und vor allem aufgrund seiner Herkunft und Nichtzugehörigkeit zur Salomonischen Dynastie von vielen Fürsten (Ras) abgelehnt. 40 Dies
wurde umso deutlicher, als Großbritannien als Antwort auf die Gefangennahme vieler Europäer durch Tewodros 1868 eine Strafexpedition von 32000 Mann unter dem englischen Lord Napier nach Äthiopien schickte.
Die gegnerischen Fürstentümer konnten sich so des ungeliebten Tewodros entledigen, indem sie die Briten vielfältig unterstützten, allen voran Kassa Mercha von Tigray, der spätere Kaiser Yohannes IV. Die Fürstentümer Lasta, Tigray und die Machthaber im Nordwesten Äthiopiens vereinbarten mit Lord Napier, Äthiopien nach der Niederlage 41 Tewodros wieder zu verlassen (Tewodros starb am 13. April 1868).
1.7 Kaiser Yohannes IV. 1872 - 1889
Der Tod Tewodros warf nicht nur die Herrscherfrage auf, sondern brachte auch den starken Wunsch der Bevölkerung nach Einheit mit sich. Yohannes IV. war ständig gezwungen, sich gegen Ägypten zur Wehr zu setzen, so daß er die von ihm angestrebte Zentralgewalt nicht durchsetzen konnte. Dadurch konnte Menelik, der König von Shoa, ab 1882 gestützt von seinem Königreich und relativ unabhängig, den von den Galla besetzten südlichen Teil Äthiopiens erobern. Der ständige Kampf gegen Ägypten und die Mahdisten des Sudan, aber auch gegen die Italiener, die mit der Gründung der italienischen Kolonie in Eritrea ihre Expansionspolitik verfolgten, ließen Yohannes zudem kaum Zeit für innenpolitische und administrative Aufgaben. 42 Als die Italiener bei der Fortsetzung ihrer Expansionspolitik von Eritrea aus ins Landesinnere drängten, erlitten sie 1887 eine Niederlage. Am 9. März 1889 wurde Kaiser Yohannes IV. in weiteren Kämpfen mit Kelifa Abdulahi bei Matama tödlich verletzt. 43 Tewodros II. und Yohan-
nes IV. waren der Einigung des Reiches zwar sehr nahe gekommen, die Vollendung dieser Aufgabe oblag jedoch Kaiser Menelik.
Bruce, James, Travels to Discover the Source of the Nile in the Years 1768-73, Vol. II, 1813, S. 39 175.
40 Budge, ibid., Vol. II, S. 508.
ibid., Rubenson, Sven, The Survival of Ethiopian Independence, Heinemann, London, 1978, S. 41 115-119.
Monroe, E., Jones, A. H. M., A History of Ethiopia, London, OUP, 1968, S. 135. 42
Caulk, Richard, Yohannis IV., The Mahadists, and the colonial particion of north-east Africa, in: 43
Transafrican Journal of History, I, 2 (1971), S. 22-42.
31
1.8 Kaiser Menelik II. 1889 - 1913
Menelik begann mit seiner Expansionspolitik in der südlichen Peripherie als König von Shoa. 1887 konnte Menelik Harar erobern, und als er 1889 als Menelik II. Kaiser von Äthiopien wurde, war deutlich abzusehen, daß ein Zerfall des Reiches nicht mehr möglich war. In den Jahren 1889 - 1894 dehnte er das Reich nach Süden und Südosten aus, bis dort die heutigen Grenzen Äthiopiens erreicht waren. 1889 besetzten die Italiener von Massawa aus weitere Städte im Norden des Landes. Parallel dazu wurden diplomatische Verhandlungen mit dem Kaiser aufgenommen. Italien reagierte sehr schnell und präsentierte dem Kaiser bereits zwei Monate nach seiner Machtübernahme einen Vertrag, der am 2. Mai 1889 in der Ortschaft Wuchale unterzeichnet wurde. 44 Wie sich herausstellen sollte, wurde Artikel 17 des Vertrages zum wichtigsten Bestandteil: Der Vertrag war in amharischer und italienischer Sprache verfaßt, wobei die italienische Version einen abweichenden Wortlaut enthielt, der die Position Italiens stärkte: Der Wortlaut des amharischen Textes lautete: “Seine Hoheit, der Kaiser von Äthiopien kann die Dienste der Regierung seiner Hoheit, des Königs von Italien, in allen Angelegenheiten, die Er mit anderen Staaten und Regierungen hat, in Anspruch nehmen“. In der italienischen Version wurde „kann“ durch die Worte „ist einverstanden“ ersetzt. 45 Dies bedeutete, daß sich Kaiser Menelik damit einverstanden erklärt hätte, seine außenpolitischen Angelegenheiten in die Hände Italiens zu legen bzw. ein italienisches Pro-tektorat zu akzeptieren.
Trotz des äthiopischen Protestes, daß der Vertragstext gefälscht sei, wurde das italienische Protektorat von den Großmächten Rußland und USA anerkannt. Am 27. Februar 1893 teilte Kaiser Menelik den Europäern mit, daß er den Vertrag von Wuchale für ungültig erkläre. 46 Italien reagierte daraufhin mit Truppenverschiebungen
an die Grenze zu Tigray. Unmittelbare Folge war die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern in der Schlacht bei Adua am 1. März 1896: Diese Schlacht wurde als die heftigste und blutigste militärische Auseinandersetzung in der Geschichte Afrikas bezeichnet, aus der Äthiopien mit einem historischen Sieg hervorging. Durch die Niederlage Italiens bei Adua waren die politischen Karrieren von Ministerpräsident Crispi und dem italienischen Oberbefehlshaber, General Baratieri, beendet. In Italien folgten heftige Kritik und Demonstrationen. Crispi trat mit seiner Regierung zu- 47 rück, und Italien brauchte lange, um sich innen- wie außenpolitisch zu erholen. Italien war durch die Niederlage bei Adua gezwungen, seine imperialistischen Vorhaben und Ziele zu ändern, und bemühte sich nun um einen Friedensvertrag. Dieser Vorschlag kam Kaiser Menelik als weitere Verhandlungsbasis sehr entgegen: Am 23. August 1896 traf der Gesandte der italienischen Regierung, Dr. Nerazzini, in Addis Abeba ein, am
44 Rubenson, ebid., S. 385.
45 ibid., S. 396.
46 ibid., S. 394.
Von Salis, J. R., Weltgeschichte der neuesten Zeit, 1871 - 1904, S. 469-470, München, 1951. 47
32
26. Oktober 1896 wurde der Vertrag unterzeichnet. Damit war Abessinien eine Macht geworden, mit der auch die europäischen Nationen „zu rechnen hatten“. 48
1.9 Die Regierungsperiode Kaiser Lij Iyassu V. 1909 - 1916
Am 18. Mai 1909 wurde Lij Iyassu in Anwesenheit des Kaisers sowie der wichtigsten politischen und religiösen Würdenträger und der in Addis Abeba akkreditierten Diplomaten offiziell zum Nachfolger Kaiser Meneliks II. proklamiert. Er war ein Sohn des Ras Mika'el, eines bedeutenden Landesfürst aus Wollo. Sein Muter, war Princessin Shewarega, älteste tochter Meneliks (König Mikael hieß früherer Imam Mohammad Ali, der von Yohannes IV. zwangskonvertiert worden war). Imam Mohammad Ali kommt aus einer äthiopischen Linie des Propheten Mohammed und deshalb hatte Prince Lij Iyasu bei den Eliten von Shewa einen nur bedingten Rückhalt. Nach 1910, gleich nach der Entmachtung Taytu Betull der De-facto-Regentin der Frau seines Großvaters, übernahm er zunächst zusammen mit dem von Menelik eingesetzten Regenten Ras Tesemma Nadew die Regierung. Nach dessen überraschendem Tod (vergiftet durch Taytu) übernahm er 1911 der Kronprinz (im Alter von 14 Jahren) die alleinige Verantwortung. Unterstützt wurde Lij Iyassu fortan von seinem Vater, dem späteren König Mikael von Wollo. Mit Hilfe des Kabinetts seines Großvaters Kaiser Menelik setzte er schrittweise seine Reformen bis 1913 durch. Beim Tod des Großvaters 1913 (ebenfalls vergiftet von sener Frau durch den Kammerdiener und späteren Ras Mulugeta), war Iyasu gerade einmal 16 Jahre und noch immer nicht offiziell zum Kaiser (König der Könige = Neguse Negest) gekrönt. Aufgrund von seiner Überzeugungen (die Einheit Äthjiopians zu vollenden) und politisch-taktischer Überlegungen verschob er seine Krönung selbst; zunächst ließ er seinen Vater Ras Mika'el im Mai 1914, mit der Kaiserkrone zum König (Negusé Zion) von ganz Nordäthiopien krönen (Tigray, Begé Midir und Wollo)
„The reign of Iyyasu is one of the most enigmatic in Ethiopian history. It was to be his misfortune that he was succeeded by a ruler of extraordinary political longevity who found it in his interest to suppress any objective appreciation of the man“. 49
Die bisher die Staatsmacht dominierenden Eliten von Shewa mussten diese sukzessive an andere Regionalfürsten und Regionen abgeben. Damit versuchte der junge Herrscher, den Realitäten Äthiopiens entsprechend die Macht gleichmäßiger als zuvor zu verteilen (feudal-föderales Modell).
Fürsten und Beamte mit anderen ethnischen Hintergründen, darunter auch Muslime, die Oromos und Somalis erhielten damit einen erheblichen Bedeutungszuwachs.
Lij Iyassu wollte die lokalen Regierungen stärken, um die vereinte Kraft Äthiopiens gegen die bedrohlichen Kolonialmächte einsetzen zu können. Er führte seine Reformen (u. a. fortschrittliches Steuersystem, Rechnungshof, unabhängige Justiz und Polizei, sowie Landreformen), jedoch ohne Rücksicht auf alte Traditionen der verschiedenen
Westermann, Diedrich, Geschichte Afrikas, S. 297, Köln, 1952. 48
Zewde, Bahru, A History of Modern Ethiopia, S. 121, Addis Abeba, 1992. 49
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Fürstentümer durch und ersetzte alteingesessene und wenig reformfreudige Gouverneure, Minister und Beamte durch progressive und modern denkende Intellektuelle. Als erster Kaiser in der Geschichte Äthiopiens setzte er sich für die Gleichberechtigung von Christentum und Islam, die regierenden Amharen und die Ormos, Somalis und als sklaven gehaltene ethnien des landes und vor allem gegen die Ausbeutung der Armen ein. „If there was any radical attempt to change the direction of that empire it came from Lij Iyassu. His actions, whether economic, political or ideological, were contrary to the European-Abyssinian establishment“. 50
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges blieb Lij Iyassu shehr neutral. In einem interview in Djibouti, „whom he really wanted to win the war“antwortete er: “To speak the strict truth, I must say I really do not care which way it goes, but one thing I do know -the longer they are at it, the longer they will leave me and my country in peace! I have asked myself…..and I find that I honestly want none of them. I do not believe that any European Power can be a real friend to our Ethiopia without ulterior motives, so tha the weaker they became, the better for my country;as I said they will leave me longer in peace” 51
Mit seiner antikolonialen Haltung, seinen Modernisierungsabsichten und seinen Bemühungen um die Gleichstellung aller Religionen des Landes brachte er einige Kirchenfunktionäre und konservative Aristokraten gegen sich auf, so daß seine Gegner am 27. September 1916 durch Inrigen seine Exkommunikation bewirken konnten. Im April 1916 fragte Hasib Ydlibi dem Kaiser über das Gerücht; und Lij Iyassu sagte:
„…but your fears have no foundation. You do not know the Abyssinians as well as I do. I have not changed my faith. I would never think of doing so. It is perhaps true that when I am in the country of Muslim subjects I might favour them, but I do the same to the Oromos when I am in their country. They are all my subjects and I believe that they are each entitled to every mark of favour in equal shares, be they Christian, Muslim or even heathen. All those who are not Christians have been presecuted in the past, but I intend that they should all be treated alike. I would like to make of my country a happy family. ….In time I hope they will be able to gasp and understand my policy, and then they will thank me. I aim to unite my people regardless of the question of religion” 52
Das Gerücht, daß Lij Iyassu zum Islam konvertiert sei, entsprang lediglich von Frankreich (Monsieur Brice) England (Captain Thesiger), und Italien fabrizierter und gesteuerter Destabilisierungskampagne. Dies zeigt folgendes Zitat aus dem Brief des britischen Gesandten Thesiger an das Foreign Office in London:
Holcomb/Ibsa, The Invention of Ethiopia, Trenton, NJ, Red Sea Press, 1990, S. 158. 50
May Ydlibi. With Ethiopian Rulers. A Biography of Hasib Ydlibi. Addis Ababa University Press, 51 2006. Page 245
52 Ibid. Page 250
34
„The only solution would be for the Entente Legations at opportune moment to denounce the prince (Eyasu) as a Muslim. We would then make a proclamation of the determination of our governments (Italian, French and British) to maintain the integrity of Abyssinia, asking the country to proclaim a new Emperor and decline all further dealings with the present Government until this is done. In this way we would have the support of the church, chiefs, and people“ 53
May Ydlibi schreibt dagegen:
„ It was Iyyasu´s love and care for the poor that eventually led to his downfall” (seite 223) und weiter auf seite 258 steht “ …, he had been uncommonly kind to the poor, had never refused to hear their their grievances and adjust matters in their favour as far as was possible and just “ 54
1.10 Äthiopien bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
Nach der Entmachtung Kaiser Lij Iyassus V. wurde die jüngere Tochter Meneliks, Zewditu, notgedrungen zur Kaiserin ernannt, da es keinen weiteren männlichen Thronfolger gab. Ihr wurde Teferi Mekonnen als Regent zur Seite gestellt, der durch Intrigen und Erpressungen 1928 zum König und Thronfolger aufstieg und sich nach dem plötzlichen Tod der Kaiserin Zewditu als Kaiser von Äthiopien krönen ließ. Einen Tag nach Bekanntgabe ihres Todes proklamierte er sich am 3. April 1930 unter seinem Taufnamen Haile Selassie zum neuen Kaiser von Äthiopien. Mit seiner unrechtmäßigen Krönung am 2. November 1931 übernahm er als Haile Selassie I. die politische Führung Äthiopiens. 55
Am 5. Mai 1936 gelang es Mussolini in Vergeltung für die Niederlage bei Adua, Äthiopien nach erbittertem Krieg zu besetzen. Die Flucht Haile Selassies nach London zwei Tage zuvor löste einen Sturm der Empörung aus, zumal solches Verhalten bislang einmalig in der Geschichte Äthiopiens war. Eine Widerstandsbewegung der Patrioten zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit Äthiopiens nahm, unterstützt durch die Äthio-pisch-Orthodoxe Kirche, den Kampf auf. Den Anstoß zur Gründung der Widerstandsbewegung gaben die Söhne des im November 1935 in Gefangenschaft ermordeten Lij Iyassus. Vor allem Melake-Tsehay Iyassu, 56 von den Patrioten als Kaiser proklamiert, 57 aber auch Lij Yohannes Iyassu, König von Begemeder, waren die herausragenden Patriotenführer. 58 1941 kehrte Haile Selassie mit Hilfe Großbritanniens nach Äthiopien zurück und übernahm erneut die Führung des Landes. Da er fürchtete, die Erben Meneliks könnten ihm die Macht streitig machen, wollte er sich ihrer entledigen (vorher
Hiwet, Addis, Ethiopia from Autocracy to Revolution, London 1975, S. 60. 53
54 May, Ydlibi. P.
Kramer, Hans, Geschichte Italiens II, von 1494 bis zur Gegenwart, Stuttgart, Berlin, Köln und 55 Mainz, 1968, S. 84.
Gebre- Egziabher/Salome, W., The Ethiopian Patriots 1936-41, Ethiopia Observer, Vol. VI, (o. 56 J.) S. 64.
Gilkes, Patrick, The Dying Lion. Feudalism and Modernization in Ethiopia, London, 1975, S. 57 230-31.
Greenfield, Richard, Ethiopia, A New Political History, Pall Mall Press, London, S. 255. 58
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hatte er Prince Melake-Tsehay 1937, in Bulga und Prince Girma 1941, in Tveta, Kenya vergiften lassen). Somit wurden Prince Tewodros Iyassu vergiftet schließlich getötet, und Prince Yohannes Iyassu und Prince Menelik von 1941-1974 (bis zum zerfall der Monarchie) gefangengengehalten. Prince Yohannes starb in 1976 und Menelik in 1981.
1.11 Britische Besatzung
Die italienische Besatzung endete also durch den Widerstand der Patrioten und das Eingreifen Englands. Nach der vollständigen Befreiung erklärten die Briten jedoch Äthiopien zur Occupied Enemy Territory Administration (OETA) und errichteten eine Militärregierung. Der Leiter der OETA, Sir Philip Mitchel, beabsichtigte sogar, Äthiopien in die britische Ostafrika-Kolonie zu integrieren, was die Regierung in London aber mit der Begründung ablehnte, kein Interesse an neuen kolonialen Abenteuern zu haben. 59 Während dieser Zeit hatte die britische Militärverwaltung die ökonomische und politische Kontrolle über das Land, denn Haile Selassie benötigte für jede Entscheidung die Zustimmung der OETA.
„The prominent role that the British played in the process for their own global strategic reasons, gave them a position of ascendancy in Ethiopia. The tripartite competition among Britain, France and Italy for control of Ethiopia in the pre-1935 pe- 60 riod was replaced by unilateral British domination“.
Nach zähen Verhandlungen wurde am 31. Januar 1942 ein Vertrag zwischen Äthiopien und England unterzeichnet, der zwar die volle Souveränität Äthiopiens anerkannte, aber gleichzeitig die Dominanz Großbritanniens festschrieb. Der Kaiser richtete seinen Protest an die USA, die damals als Großmacht in der italienischen Kolonie Eritrea ein Konsulat unterhielten, und erreichte die Wiedereröffnung der amerikanischen Gesandtschaft in Addis Abeba.
„The US government later facilitated Ethiopias entry into the United Nations, and in 1943 reopened its legation in Addis Abeba. As a gesture of good will, Washington offered Ethiopia a lend-lease treaty, signed on 9. August 1943; provided some arms and ammunition; and agreed to dispatch a technical mission to investigate and report on Ethiopias needs. Early, Addis Abeba raised the issue of access to the sea and was pleased by America’s positive response“. 61
Damit war der Weg bereitet für die US-amerikanische Einflußnahme in Äthiopien, die in den zentralen Kapiteln dieser Arbeit behandelt wird.
2. Geschichte Somalias
Ebenso wie die Ursprünge der Oromos in Äthiopien im Dunkeln liegen konnte auch die Herkunft der Somalis bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Bekannt ist nur ihre Zugehörigkeit zu hamitischen Einwanderern, die ihr Gebiet vermutlich seit 4000 Jahren
Marcus, Harold G., A History of Ethiopia, Berkeley and Los Angeles, 1994, S. 153-54. 59 60 Bahru, Zewde, ibid., S. 179.
61 Marcus, ibid., S. 153-54.
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bewohnten. 62 Die erste Untersuchung über das Galla- oder Somali-Volk ist eine Dokumentation des arabischen Geographen Ibn Sa’id aus dem 13. Jh. Danach gab es an der südlichen Somali-Küste nahe des Shebeli-Flusses, eine Stadt namens Merca die die Hauptstadt des Hawiye-Landes gewesen sein soll, das nach den Angaben Ibn Sa’ids etwa 50 Dörfer kontrollierte. 63 Auch heute wird diese Region vom Hawiye-Somali-Clan bewohnt. Dies gibt Grund zu der Annahme, daß die Merca-Umgebung seit fast 800 Jahren ununterbrochen vom gleichen Clan bewohnt wird. Einer weiteren Angabe Cerullis zufolge, wurde der Name „Somali“ in einem Siegeslied zu Ehren Kaiser Yeshaqs von Äthiopien (1414-1429) erwähnt. 64 Ein anderer Araber schrieb im 12. Jh., daß die Bewohner Mogadishus, die Berber waren, eine Hautfarbe zwischen Äthiopiern und Negroiden besäßen. 65 Ein weiterer Reisender, Ibn Battuta, der sich im Jahre 1331 an der Küste des Horns von Afrika aufhielt, schrieb, daß das Wüstenland zwischen Mogadishu und Zeila von dunkelhäutigen Völkern, die Kamele und Schafe trieben, bewohnt sei. 66 Ein
jüngeres Dokument aus der Zeit zwischen 1540-50 gibt ein unverändertes Bild der Einwohner Nord-West-Somalias.
Alle somalischen Gruppen, die in der Futuh-al-Habasha genannt wurden, leben noch immer im Nordwesten Somalias, in der Umgebung direkt gegenüber Adal (also am Horn von Afrika). Es handelt sich hierbei um Geri, Bartirre, Merrhan, Habr-Magadle, 67 Die bisher genannten Belege liefern zwar Yabarre und verschiedene Dir-Sub-Clans.
keinen eindeutigen Aufschluß über die ursprüngliche Heimat der Somalis, aber sie geben zumindest Anhaltspunkte über geographische Lage und Lebensraum am Horn von Afrika. Die Mehrheit des Somali-Clans, die Familien Dir, Isaq, Hawiye und Rahanwin, lebt in bestimmten Regionen des heutigen Somalias ohne belegbare Hinweise für evtl. Wanderungen. Die Familie des Darod-Clans hingegen ist in ganz Somalia weitverzweigt und hat sich teilweise mit den Galla vermischt. Fest steht, daß die Somalis nicht die alleinigen Bewohner des Horns von Afrika waren. Die Urbevölkerung setzte sich vermutlich aus den Vorläufern der Volksgruppen Afar, Galla und Somali, aber auch aus Bantu und ähnlichen Stämmen zusammen, die sich wiederum mit den dominierenden kuschitischen Hirtenvölkern vermischten.
Durch den Baubeginn des Suezkanals 1859 gewann die Nordküste Somalias an strategischer Bedeutung. Gegen die britische Präsenz in Aden seit 1839 wollte Frankreich durch den Kauf des Obock-Gebietes an der Bucht von Tajura ein Gleichgewicht schaffen. Durch Pachtverträge von 1883-96 erweiterte Frankreich dieses Gebiet zur heutigen Hafenstadt Djibuti. Jedoch gingen die ägyptisch besetzten Gebiete Zeila und Berbera 1897 an Großbritannien. Die vom Sultan von Zanzibar (der Sultan von Mascat verlagerte sei- Lewis,I. M., A Modern History of Somalia, Longman Press, 1980, S. 4. Vgl. Geiss, I., Geschich- 62
te griffbereit, Bd. 6, Harenberg Lexikon Verlag 1993, S. 454.
Cerulli, E., Somalia, scritti vari editi ed inediti, 2 Vols., (Rom, 1957), Vol. I, S. 94. 63
64 ibid., Vol.I, S. 111.
Guillain, C., Documents sur l’histoire, la géographie, et le commerce de l’Afrique Orientale, 3 65
Vols. (Paris, 1856), hier Vol. I, S. 234.
66 Cerulli, ibid., Vol. I, S. 163.
Lewis, I. M., The Galla in Nothern Somaliland, Rassegna di Studi Etiopici, 21-38 (1959a), S. 34. 67
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nen Sitz 1840 nach Zanzibar) besetzte Ostküste wurde 1905 an Italien verkauft. 68 Nach der Niederschlagung des Mahdi-Aufstandes im Sudan durch Ägypten und Großbritannien 1898 erklärte sich der somalische Nationalistenführer Seyyid Mohammad Abdille Hassan (in Europa bekannt als „Mad Mullah“) zum neuen Mahdi in British-Somaliland und begann den Unabhängigkeitskrieg. 69 In den Jahren 1893, 1898 und 1901 gab es
spontane, revolutionsartige Auseinandersetzungen der Somalis unter-einander und mit den Briten, denen es erst 1919 gelang, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Gegen Ende des 19. Jh. endete die Zuwanderung der Somalis ins heutige Kenia. Eine neue Wanderungsbewegung in den Jahren 1915-20 wurde von der britischen Kolonialverwaltung gestoppt.
3. Der äthiopisch-somalische Konflikt
Zum besseren Verständnis der politischen Situation in Äthiopien und Somalia ist es notwendig, die geschichtlichen Hintergründe näher zu betrachten. Im heutigen Äthiopien leben nach wie vor verschiedene Volksgruppen mit einer linguistischen Vielfalt, die sich hauptsächlich seit den Eroberungszügen Kaiser Meneliks II. um 1900 herausbildete. Die imperialen Ambitionen der im Hochland lebenden christlichen Herrscherschicht der Amharen gegenüber anderen Volksgruppen reichten jedoch tief ins Mittelalter hinein: Im 16 Jh. erreichten die Kämpfe zwischen Amharen und den im östlichen Tiefland (heute Somalia) lebenden muslimischen Sultanaten ihren Höhepunkt. Dieser Konflikt besteht noch heute und kann als traditionelle Feindseligkeit gelten: „Dennoch hat dieser mittelalterliche Konflikt bei den Somalis ebenso wie bei den Äthiopiern bis heute nachhaltige Eindrücke und lebendige Traditionen hinterlassen, die bei einer Analyse des gegenwärtigen Konflikts berücksichtigt werden müssen“. 70
Die gescheiterten Versuche von UNO und OAU, diesen Konflikt beizulegen, lassen erkennen, daß die Herbeiführung des Friedens sehr schwer möglich sein wird. Um eine klare Vorstellung des komplizierten, stark nationalistisch orientierten Konfliktes zu erhalten, muß die Geschichte dieser Region beleuchtet werden. „...Somali cultural nationalism is a centuries old phenomenon and not something which has been recently drummed up to given credence to political claims“. 71
Kulturelle und religiöse Homogenität der Somalis trug trotz der Clan-Kriege unter-einander dazu bei, Agressoren von außen, insbesondere aus dem äthiopischen Hochland, seit dem Mittelalter geschlossen zu bekämpfen.
Um sich einen Zugang zum Meer zu sichern, versuchten die äthiopischen Herrscher (Amharer die gleichzeitig den Kern des Christentums repräsentierten) im 14. und 15.
Berg, F. J., The Coast from the Portuguese Invasion to the rise of the Zanzibar Sultanate, in: B. 68
A. Ogot and J. A. Kieran (eds), S. 119-141, 2. Aufl., Dar es-Salam, 1970; Geiss, I., ibid.
69 Geiss, I., ibid., S. 455.
Als hervorragende Analyse zu diesem Thema: Volker Matthies, Der Grenzkonflikt Somalias mit 70
Äthiopien und Kenia, Institut für Afrikakunde, Hamburg 1977, S. 37.
Lewis, I. M., editor, Nationalism & Self Determination in the Horn of Africa, Ithaca Press, Lon-71 don 1983, S. 9.
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Jh., die muslimische Küstenbevölkerung zu christianisieren. Die Vorgehensweisen der Herrscher zur Eroberung und Kontrolle unterschied sich kaum von denen der Kreuzritter oder des Jihad anderswo. Militärische Expeditionen in Richtung Südosten stießen auf den Widerstand der vereinten Kräfte der Somalis, Afar und anderer Muslims. Wie bereits erwähnt, erreichte im 16. Jh. die äthiopische Invasion und Plünderung ihren Höhepunkt, wobei es dem Nationalistenführer Imam Ahmad Ibrahim al-Ghazi (1506-43), genannt Gragn, mit Unterstützung der Türkei gelang, die abessinische Macht bis tief in das heutige Tigray zurückzudrängen. Die Kampftruppen bestanden größtenteils aus den somalischen Darod-, Isaq- und Dir-Clans. Deshalb hat der Name Gragn (somalisch = „Gurey“) und der des späteren Nationalisten Sayyid (auch Mad Mullah genannt) noch heute große Bedeutung und gilt den Nationalisten (z. B. Ogaden National Liberation Front oder WSLF) als Inspiration. 72 Da Konflikte in früheren Zeiten direkt, d. h. „Mann
gegen Mann“ ausgetragen wurden, handelte es sich bei territorialen Kontrollen im Grunde um ein und dieselbe Sache.
Die europäische Penetration zur Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents (Scramble for Africa) im letzten Viertel des 19. Jh., die mit der neuen Expansionsphase in der Geschichte Äthiopiens zur Zeit Kaiser Meneliks II. zusammentraf, stellte einen neuen Faktor dar und verkomplizierte die äthiopisch-somalische Beziehung insgesamt. Der konkrete Grund des Konflikts bezieht sich auf das Halbwüstengebiet der Ogadenregion. Der Konflikt verschärfte sich jedoch erst kurze Zeit später, und zwar nach Ankunft der englischen, italienischen, französischen und russischen Regierungsvertreter. Verträge, Vereinbarungen und Protektorate zwischen Europäern und somalischen (Banditen)-Führern aus den achtziger Jahren des 19. Jh. erschwerten zunehmend das Leben der im Inland lebenden Bevölkerung (1888 Gründung der British East Africa Company, 1895 Protektorat über British East Africa; 1885 Frankreich in Obock; 1889 Italien von Bender Ziadeh bis Kismayu). Insbesondere die Somalis der Ogadenregion fühlten sich „einge-kreist“. Zum großen Hindernis für die Unabhängigkeit Somalias wurde nicht nur die Art und Weise der Vertragsabschlüsse, sondern auch, daß die Vereinbarungen mit unbedeutenden Stammesvertretern und Banditen getroffen worden wa- 73 ren. Hierbei wurde weder Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung genommen noch auf ihre naiven Vertreter, sondern es wurden bewußt stammes- oder clanbedingte innere Unruhen ausgenutzt, insbesondere bei den Somalis.
72 Für wichtige Diskussionen bezüglich der Geschichte des Horns von Afrika im „Mittelalter“ siehe Tadesse Tamrat, Ethiopia, the Red Sea and the Horn in: Roland Oliver (ed)., The Cambridge History of Africa, 3, (Cambridge, 1977), S. 98-182. 73 Für typische Verträge und Verhandlungen der Briten mit den Somali-Clans siehe z. B. Public Record Office, London (PRO) FO 844/1. Frankreich und Italien (ähnliche Verträge) z. B. The Somali Peninsula, A New Light on Imperial Motives, (Mogadishu, 1962), Appendices I(b); VI(d); VI(e).
39
„These new Anglo-Somali treaties were presumably regarded by their Somali sig-natories as contractual alliances of the sort as those used so extensively in internal Somali clan politics“.
Ferner stellte die Präambel des Vertrages zwischen Major Hunter und den fünf Clan-Führern die Vereinbarung unter folgende Ziele:
„for the maintenance of our independence, the preservation of order and other good and sufficient reasons“. 74
Dagegen war die äthiopische Führung aufgrund der Erfahrungen bei Adua den europäischen Mächten gegenüber sehr wachsam.
Nachdem der Kaiser 1887 Harar besetzt hatte, gab er 1891 den Europäern seine Expansionsabsichten bekannt:
„The Emperor advanced claims for a reconstitution of the ‘ancient frontiers’ of Ethiopia and referred to his circular letter of 1891...“ 75
Italien, durch die Niederlage bei Adua gedemütigt, blieb (ebenso wie England und Frankreich) nichts anderes übrig, als Äthiopien als völkerrechtlich gleichgestellte Macht am Horn von Afrika anzuerkennen und den Ansprüchen Kaiser Meneliks auf den Ogaden zuzustimmen. Großbritannien, das wegen der Nilquellen in Rivalität mit Frankreich stand, mußte nicht nur die Mahdi-Frage im Sudan lösen, sondern sah seine Position auch von äthiopischen Soldaten bedroht, die unter britischer Protektion stehende Somalis überfielen und in Britisch-Somaliland einfielen. Das Interesse der Briten galt jedoch weniger den Küsten Somalias, als den Nilquellen, zu deren Sicherung sie auf äthiopische Unterstützung hofften und daher das Haud- und Ogadengebiet (67.000 Quadratmeilen) an Äthiopien übertrugen.
Somit wurde Somalia 1897 von den Kolonialmächten in fünf verschiedene politische Regionen aufgeteilt: 1. Italienisch Somaliland, 2. Britisch Somaliland, 3. Französisch Somaliland,
4. ein Teil Somalias ging an Kenia (bis 1991 von der Republik Somalia beansprucht), 5. der Ogaden ging an Äthiopien.
Die Verträge von 1897, die die Aufteilung Somalias festschrieben, wurden zu einer Zeitbombe und stellten die Weichen für Konflikte, die noch heute bestehen und eskalieren. Dazu I. M. Lewis:
Siehe I. M. Lewis, A Modern History of Somalia, Longmans, London, New York 1980, S. 46. 74
75 Lewis, I. M., ibid., S. 59.
40
„Yet 1897 remains the crucial year in the imperial history of the Horn of Africa; and the boundary agreements made then have left a legacy of indeterminancy and confusion which still plagues the relations between Ethiopia and the Somali Republic“. 76
Da die zwischen italienischen Vertretern und Kaiser Menelik vereinbarte Grenzlinie (abgesehen von zwei Skizzen Meneliks aus dem Jahr 1891) nicht schriftlich fixiert wurde, war der genaue Grenzverlauf zwischen Italienisch Somaliland und dem östlichen Äthiopien unbekannt.
Die Vereinbarung von 1897 wurde jedoch 1908 nochmals verhandelt und als „provisional administrative line“ ungenau definiert und nicht demarkiert. „Die vage Definition einer italienischen Einflußsphäre gegenüber dem östlichen Äthiopien etwa 180 Meilen von der Küste entfernt begründete eine Tradition terri-torialer Unsicherheit und territorialer Konflikte, die in den dreißiger Jahren zu dem berühmt-berüchtigten Wal-Wal Zwischenfall,...und schließlich in den sechziger Jahren zu dem bis heute ungelösten Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und Somalia beitrug“. 77
76 Lewis, I. M., ibid., S. 61-62.
77 Matthies, Volker, ibid., S. 48.
41
Arbeit zitieren:
Professor. Dr. Girma Yohannes Iyassu Menelik, 2008, Konflikte, Kriege und Terrorismus am Horn von Afrika: Konsequenzen aus der Rüstungswettlauf der Supermächte, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Politik und Mythos - Nationale Sinnstiftung durch symbolische Formen ...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 54 Seiten
Italienisch-Ostafrika (1936-1941)
Politik - Internationale Politik - Region: Afrika
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Girma Yohannes Iyassu Menelik's Text Konflikte, Kriege und Terrorismus am Horn von Afrika: Konsequenzen aus der Rüstungswettlauf der Supermächte ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Girma Yohannes Iyassu Menelik hat den Text Konflikte, Kriege und Terrorismus am Horn von Afrika: Konsequenzen aus der Rüstungswettlauf der Supermächte veröffentlicht
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