Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Reaktionen auf den Zerfall des byzantinischen Reichs 4
2.1 Verurteilung der Schandtaten Mehmets II. 5
2.2 Beziehungswandel zwischen Mehmet II. und dem Westen 7
2.3 Brief Pius’ II. an Mehmet II. 9
3 Annäherungsversuche an Mehmet II. 13
3.1 Die Amyris des Giovanni Mario Filelfo 14
3.2 Die Bekehrungsidee Georgs von Trapezunt 17
4 Zusammenfassung 20
Literatur - und Quellenverzeichnis 23
2
1 Einleitung
Die Konzeption dieser Hausarbeit leitet sich aus dem Hauptseminar „Humanismus an der Kurie“ ab, in welchem unter Anderem die Streitschriften Bessarions und Georgs von Trapezunt thematisiert worden sind 1 . Ein mit diesem Gelehrtenkonflikt unweigerlich verwobener größerer Zusammenhang mit dem Fall Konstantinopels im Frühjahr 1453 und den daraus resultierenden Reaktionen der westeuropäischen Welt, insbesondere in einflussreichen Kreisen im Italien jener Zeit, erschloss den Raum für die vorliegende Arbeit. Präziser ausgedrückt, standen hier neben den Humanisten auch die weltlichen und geistlichen Machthaber jener Zeit, von Mitgliedern einflussreicher Familien, Herrschern wie dem König von Aragon bis hin zu den Päpsten, im Rampenlicht der Ereignisse, denn sie waren als politische Triebfedern das Primärziel humanistischer Kreuzzugsliteratur 2 . Die Vielzahl der Standpunkte und Handlungsvorschläge im Angesicht der Bedrohung durch die Türken und des sich vollziehenden Wandels politischer, sowie gesellschaftlicher Verhältnisse, wird bereits bei Hankins 3 aufgeführt. Im Mittelpunkt der Beobachtungen stehen hier vor allem der Kreuzzugsgedanke und seine Transformation durch die Humanisten, die Erschaffung eines neuen Feindbildes und eines geistigen Fundaments paneuropäischer Abgrenzung zum islamischen Aggressor. Jener personifizierte sich für viele der europäischen, christlich humanistischen Interessensvertreter im Sultan der Osmanen, Mehmet II., welcher nach der Einnahme der Hauptstadt des oströmischen Reiches den Titel der Eroberer erhielt und von seinen Feinden „the Great Turk“ 4 genannt wurde - eine Ehre, die nur den größten Herrschern unserer europäischen Geschichte zu Teil wurde. Auf ihn waren die Augen der westlichen Welt in kontroverser Weise gerichtet, sei es als Erlöser oder Bestrafer des Christentums. An Hand
1 Kern der Debatte bildeten eine Phleton feindliche Schrift Georgs von Trapezunt - siehe
Monfasani, John, George of Trebizond - a biography and a study of his rhetoric and logic,
Leiden 1976, 201-29. - und die erst 1469 ins Lateinische übertragene aber elaborierte Antwort
Bessarions in Mohler Ludwig: Kardinal Bessarion als Theologe, Humanist und Staatsmann
(Bessarionis in caluminatorem Platonis libri IV, Bd. 7), Paderborn 1927.
2 Hankins, James: Humanist crusade literature in the age of Mehmet II. In: Dumbarton Oaks
Papers 49 (1995), S. 111-207, S.117.
3 Ebd..
4 Vgl. Ebd. S. 124, 130, 139, 140. Auf welcher Quelle sich Hankins hierbei explizit bezieht blieb
mir jedoch leider bis zu guter letzt unklar.
3
ausgewählter protürkischer Beispiele aus jener Zeit sollen in dieser Arbeit die Eckpunkte der verschiedenen Ansichten und Lösungsansätze zur Problematik der osmanischen Bedrohung des Abendlandes ausgelotet werden 5 . Wie realistisch beziehungsweise verzerrt die jeweiligen Sichtweisen der Autoren humanistischer Kreuzzugsliteratur in Bezug auf Mehmet II. waren und wie beispielhaft dieser zu großen Teilen kulturelle Konflikt an der Schwelle zu einer neuen Epoche Keile zwischen die abendländisch christliche - worunter ich hier zunächst vereinfachend römische und griechische Fraktionen als Einheit beschreibe - und die islamisch orientalische Welt treiben konnte, ist ein Hauptanliegen der folgenden Zeilen.
2 Reaktionen auf den Zerfall des byzantinischen Reichs
Ziel dieses Kapitels ist es nicht, die breiten, zumeist negativen Reaktionen auf den Fall der Stadt erneut zusammenzufassen 6 . Vielmehr soll der Entwicklungsgang, der zu den später thematisierten Anrufungen des Sultans geführt haben mag, umrissen werden. Als 1453 die Hauptstadt des oströmischen Reiches in die Hände der Türken fiel, waren ihre Glanzzeiten längst vorüber und ihre Eroberung hatte in Anbetracht der Ausbreitung osmanischer Herrschaft im weiten Umland für beide Seiten vorrangig symbolischen Wert. Die Schändung der Kirchen und der Verlust antiker Schriften in die Hände von Barbaren waren dennoch Bestandteil der Wehklagen 7 . Wie sehr dieser tödliche Stoß die Seele der christlichen Welt verwundete und die christliche Welt zu allerlei drastischen Maßnahmen greifen ließ soll im Folgenden erörtert werden. Bereits 1439 nutzten die Vertreter des Papstes auf dem Konzil von Ferrara und Florenz die missliche Lage der Byzantiner zu ihren Gunsten, um unter diversen Zugeständnissen eine Kirchenunion auszuhandeln. Der Aufschrei in der Ostkirche war groß, doch maßgeblich beteiligte Personen, wie der griechische Emigrant, Humanist und in
5 Sowohl die überlieferte Masse an zeitgenössischen Schriften und Autoren machten eine enge
Auswahl im Rahmen der Arbeit notwendig. Vgl. ebd. S. 117.
6 Vgl. Helmrath, Johannes: Pius II. Und die Türken. In: Bodo Guthmüller und Wilhelm
Kühlmann (Hrsg.), Europa und die Türken in der Renaissance, Tübingen 2000, S.79-137. In
Anmerkung 35, S. 91 findet sich bereits die wichtigste Literatur zu den Reaktionen.
7 Vgl. Pius II.: Epistola ad Mahumetem, Reinhold F. Glei und Markus Köhler (Ed.). Trier 2001 (=
Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium, Bd. 50), S. 16-18.
4
Folge seiner Parteinahme für die Westkirche zum Kardinal erhobene Basilius Bessarion, profitierten im Wortsinne amtlich von diesem Übereinkommen. Georg Gemistos Plethon, ehemaliger Lehrmeister Bessarions, war zu diesem Zeitpunkt bereits in italienischen Diensten. Dies war aber nicht die erste Welle von griechischen Gelehrten, die der alten Heimat auch unter dem Schatten des Halbmonds den Rücken kehrten. Knapp 50 Jahre zuvor nahm Chrysoloras als Gesandter des Kaisers nach Rom und beeindruckte bei einem Aufenthalt in Venedig dessen Kanzler so sehr, dass er unverzüglich rekrutiert wurde, um dort Unterricht in griechischer Literatur und Grammatik zu erteilen 8 . Die geistige Elite nahm also bereits vor dem endgültigen Fall Konstantinopels zumindest geographisch Abstand, was auch vermuten lässt, wie groß die Furcht vor den Türken gewesen sein muss. Die Gefahr, die vom osmanischen Herrscher ausging, veranlasste wohl den Großteil christlichen Elite in Byzanz zur Flucht. Die Hasstiraden und Kreuzzugsgedanken gegen den neuen Feind waren eine logische Folge der Erfahrungen jener und späterer Tage nach dem Fall der oströmischen Hauptstadt.
2.1 Verurteilung der Schandtaten Mehmets II.
Ein wesentlicher Bestandteil westlicher Diffamierung und Hetze gegen den Gorßtürken und seine Untergebenen waren die Verurteilungen der Gräueltaten im Zuge der Eroberung der Stadt. So wurde der Untergang von vielen Seiten betrauert, ebenso jedoch stachelte er die Humanisten dazu an, mehr Streitschriften für einen Türkenfeldzug an die politischen Eliten Europas zu adressieren 9 . Hankins sieht hier - im Gegensatz zu den anderen Transformationen in der Kreuzzugsliteratur durch die Humanisten - eine deutliche thematische Parallele zu den „twelfth-century accounts of Muslim
8
Vgl. Harris, Jonathan: Byzantines in Renaissance Italy,
anderen Bereiche an, in denen byzantinische Emigranten den Westen Europas beeinflussten.
Eine ausführlichere Zusammenfassung bietet Monfasani, John: Greeks and Latins in
Renaissance Italy: Studies on humanism and philosophy in the 15 th century, Aldershot 2004. I,
S. 1-14.
9 Guthmüller, Bodo: „Se tu non piangi, di che pianger suoli?“ - Der Lamento di Constantinopoli
in ottava rima. In: Bodo Guthmüller und Wilhelm Kühlmann (Hrsg.), Europa und die Türken in
der Renaissance, Tübingen 2000, S. 317-332 fasst am Beispiel der damals wohl weiter
verbreiteten Klagegedichte die tiefe Betroffenheit des Okzidents auch auf den Ebenen
unterhalb der geistigen Elite zusammen.
5
atrocities in Jerusalem“ 10 . Ein den später zu Wort kommenden Quellen diametral gegenüberstehendes Beispiel für die Entrüstung über den Fall der so genannten „Pforte“ und die Dämonisierung ihres Eroberers stellt das Gedicht des Leonardo Dati dar. An den amtierenden Papst Nikolaus V. gerichtet, zeichnet es ein Bild des leibhaftigen Satans, der nun auf der Welt sein Unwesen treibt und welchem der Papst als Friedensbringer entgegentreten muss 11 . Jedoch sollen hier nicht sämtliche auf die Eroberung Bezug nehmende Texte angeführt werden, sondern es kann ein Darstellungsbeispiel auf Seite der Türken als Exempel dienen. Michael Kritobulos zeichnet als Geschichtsschreiber für Mehmet II. und Augenzeuge für den wohl authentischsten Bericht über die Zerstörung der Stadt verantwortlich. In seinem Kriegs- und Herrschaftsbericht 12 , dem trotz der teilweise begründeten Vorwürfe, er habe zu Gunsten einer idealisierenden Geschichtsschreibung Mehmet II. einseitig glorifiziert, ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zuzutrauen ist 13 , werden die Grausamkeiten an der Bevölkerung im Zuge der Eroberung geschildert. Man darf einerseits die Alltäglichkeit derartiger Aktionen bei Einnahmen von Städten nicht außer Acht lassen, andererseits kann dadurch das Ausmaß der Verwüstung nicht unterschätzt werden. So nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund, was die Schandtaten und Plünderungen der einfallenden Horde angeht. Er zeigt das tiefe Mitleid des Eroberers und ist bemüht die historische Tragweite dieses Schicksals an Beispielen anderer Städte zu verdeutlichen 14 . Die Entrüstung über die Art und Weise des Falls der byzantinischen Hauptstadt im Westen war also durchaus nachvollziehbar. Jedoch darf man bei all den Vorwürfen nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass Mehmet mit den Einwohnern der Stadt nicht mehr oder minder zimperlich umging als es Eroberer christlicher Herkunft seiner und anderer Epochen taten. Auch werden die enormen Aufbaubemühungen der seit Jahren im Verfall
11 Ebd. S. 169-176.
12 Critopulos, Michael: Mehmet II. erobert Konstantinopel: Die ersten Regierungsjahre des
Sultans Mehmet Fatih, des Eroberers von Konstantinopel 1453 - Das Geschichtswerk des
Kritobulos von Imbros, Diether Roderich Reinsch (Ed.) und Johannes Koder (Hrsg.). Graz 1986
(= Byzantinische Geschichtsschreiber, Bd. 17).
13 Ebd. S.14-17.
14 Ebd. S. 120-133. Nur kurz werden daraufhin seine Wiederaufbaubestrebungen angerissen.
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Arbeit zitieren:
Marius Dimter, 2008, Das positive Bild Mehmets II. des Eroberers im humanistischen Italien seiner Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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