Freie Universität Berlin FB Politik- und Sozialwissenschaften WiSe 02/03
Rezeption von Gewaltdarstellungen in den Medien
Christian Prange
Soziologie; 4. Semester
Gliederung
1. Einleitung 1
2. Zum Begriff der Gewalt 2
2.1. Unterscheidung der Arten von Gewalt 2
2.2 Mediengewalt 4
2.2.1 Fiktionale Gewaltdarstellungen 4
2.2.2 Faktionale Gewaltdarstellungen 5
2.2.3 Animierte Gewaltdarstellungen 6
3. Theorien zur Gewaltentwicklung 7
3.1 Psychoanalyse 7
3.2 Frustrations -Aggressions - Hypothese 7
3.3 Lerntheoretischer Ansatz 8
4. Medienwirkungen 10
4.1 Mediengewaltwirkung 12
4.1.1 Mediengewaltwirkung auf Kinder und Jugendliche 15
4.2 Geschlechterdifferenzen in der Medien- und Gewaltrezeption 18
4.2.1 Frauenbild in Gewaltdarstellungen 18
4.2.2 Selektionsunterschiede beim Fernsehkonsum 19
5 Exkurs: Wirkung von Videospielen unter besonderer Berücksichtigung 21
von Egoshootern
6. Resümee/Perspektiven 24
7. Literaturverzeichnis 26
Einleitung
Gewaltdarstellungen in den Medien erzeugen Gewalt und Aggression im realen Leben. Diese These wurde sogar schon vertreten als es die Medien so wie wir sie heute kennen noch gar nicht gab.
So behauptete schon Platon in der Politea, man könne es nicht hinnehmen, dass Kinder beliebige Märchen anhören und so Vorstellungen in ihre Seele aufnehmen, welche denen entgegengesetzt sind, die sie haben sollten, wenn sie erwachsen sind. Deswegen müßten die Dichter beaufsichtigt werden und nur „gute“ Märchen dürften eingeführt werden. Er machte jedoch keine Angaben wie eine Bewertungsgrundlage auszusehen habe.
Allerdings vertrat schon sein Schüler Aristoteles die Gegenthese der Katharsis, wonach durch „die Erregung von Mitleid und Furcht“ die „homöopathische Reinigung der Affekte“ bewirkt werde (Aristoteles; Poetik).
Die Kontroverse zwischen Katharsis und Aggressionsstimulation wird heute immer noch geführt. Sie bezieht sich allerdings weniger auf Erzählungen und Theateraufführungen, sondern auf den Bereich der Massenmedien, insbesondere dem Fernsehen. Denn dem Fernsehen wird heute von einigen Autoren schon eine fast so große Sozialisationsfunktion wie den Eltern unterstellt, da eine beträchtliche Anzahl der Kinder einen großen Teil ihrer Jugend vor dem Bildschirm zubringt.
Doch ist es wirklich der Fall, dass regelmäßiger Fernsehkonsum mit aggressiven Inhalten zu einer Steigerung der Aggression führt?
Viele Autoren bejahen dies, da sie glauben eindeutige Zusammenhänge zwischen der zunehmenden Brutalisierung des Fernsehens und der gestiegenen Kriminalitätsrate erkannt zu haben. Doch es ist zweifelhaft ob dieser Schluß wirklich gezogen werden kann, denn selbst wenn die Kriminalität wirklich gestiegen ist - und nicht nur die Anzeigehäufigkeit von Straftaten oder die Aufklärungsquote der Polizei - können durchaus ganz andere Faktoren eine Rolle spielen als bisher angenommen.
So wird zum Beispiel oft auf Nachahmungstaten verwiesen, bzw. auf den exzessiven Konsum von gewalttätigen Videospielen und Filmen, welchem sich diverse Gewalttäter aussetzten. Aber von diesen Fakten auf eine generelle Bedrohung zu schließen ist zu kurzsichtig, denn es ist nur ein verschwindend geringer Anteil der Konsumenten, die wirklich zu Nachahmungstaten neigen, und eine Präferenz von gewaltverherrlichenden Medien könnte auch auf eine schon vorliegende Aggressionsdisposition hindeuten, welche ganz andere Gründe haben kann.
Ich werde mich mit der Fragestellung beschäftigen, ob und wie Medien auf den Sozialisationsprozess wirken und ob durch sie eine Gewaltzunahme in der Bevölkerung zu verzeichnen ist. <1>
2. Zum Begriff Gewalt
2.1 Unterscheidung der Arten von Gewalt
Den Gewaltbegriff näher zu bestimmen erweist sich als sehr wichtig, da zwar die meisten Menschen davon ausgehen zu wissen was mit Gewalt gemeint ist, bei genaueren Hinsehen stellen sich dann aber oft ganz erhebliche Unterschiede in der Auffassung dessen was als gewalttätig gesehen wird heraus.
Um eine einheitliche Ausgangsbasis und Vergleichbarkeit zu gewährleisten, kommt man nicht umhin den Gewaltbegriff zu differenzieren. Da es keine einheitliche Definition von Gewalt gibt hilft eine Strukturierung wie folgt: 1. personale versus strukturelle Gewalt 2. physische vs. psychische 3. legitime vs. illegitime 4. individuelle vs. kollektive 5. expressive vs. instrumentelle 6. intentionale vs. nicht - intentionale 7. manifeste vs. latente.
Die Unterscheidung zwischen personaler und struktureller Gewalt bezieht sich auf Gewalt mit und ohne Akteur. So definiert Michael Kunczik personale Gewalt als: „die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person“ ( Kunczik 1996, S.12 ).
Im Gegensatz dazu liegt nach Johann Galtung strukturelle Gewalt vor: „wenn Menschen so beeinflußt werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ ( Galtung 1982, S.9 ), also der Unterschied zwischen dem was ist und dem, was hätte sein können.
Strukturelle Gewalt ist deshalb kaum meßbar und extrem umfangreich, weshalb an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden kann. Im Hinblick auf die Gewalt in den Medien ist personale Gewalt wesentlich relevanter, da zwar auch Merkmale der strukturellen Gewalt gezeigt werden, zwischenmenschliche Aggressionen aber leichter identifizierbar und deren Auswirkungen auch besser untersucht worden sind.
Physische Gewalt wird von Helga Theunert definiert als: „alle Formen, die körperliche Zerstörung, Verletzung oder Einschränkung zur Folge haben, also die Gewalt, die Menschen anderen körperlich zufügen“ ( Theunert 1987, S.71 ).
Unter psychischer Gewalt können demgegenüber die Formen von Gewalt verstanden werden: „die die geistige und seelische Verfassung der Betroffenen schädigen“ ( Theunert 1987, S.74 ) Während physische Gewalt relativ eindeutig zu bestimmen ist, können vor allem die Auswirkungen psychischer Gewalt erst sehr viel später zum Tragen kommen und sind deshalb schwer zu untersuchen. <2>
Die Aufteilung in legitime und illegitime Gewalt schließt legale und illegale Gewalt mit ein, da der Begriff legitim auch noch moralische und kulturelle Konventionen berücksichtigt. Während die Legalität anhand der Gesetzgebung leicht zu bestimmen ist, muß man bei der Legitimität auch noch die jeweilige Gesellschaft in der die Gewalt ausgeübt wird berücksichtigen, denn auch illegale Handlungen können unter Umständen als legitim angesehen werden.
Unter kollektiver Gewalt versteht man die Gewaltausübung von mindestens zwei Personen die in die gleiche Richtung wirken, oft ist sie gegen ein anderes Kollektiv gerichtet und die Akteure können einander auch unbekannt sein. Auf kollektiver Ebene kann Gewalt durch Befehle ausgelöst werden und die einzelnen Individuen können durch Stimulation der anderen Kollektivmitglieder stärkere Aggressionen zeigen als solche zu denen sie alleine fähig wären. Expressive Gewalt ist durch starke Affekte hervorgerufene Gewalt, die eine kathartische Entladung der Spannung bewirkt und häufig von Frauen angewendet wird, auch ohne die Absicht jemanden zu schädigen. Da sie nicht zielgerichtet ist, steht sie im Gegensatz zureher von Männern angewendeten - instrumentellen Gewalt, die eine Schädigung um ein bestimmtes Ziel zu erreichen in Kauf nimmt. Es ist jedoch nicht möglich diese Arten hundertprozentig voneinander zu trennen, denn sie beschreiben Gewalt aus Sicht des Täters und wer kann schon sagen ob mit einer impulsiven Aggressionsentladung nicht auch ein Ziel verfolgt werden kann?
Zwischen intentionaler und nicht- intentionaler Gewalt zu unterscheiden obliegt dem Opfer, da eine Bedeutungszuweisung immer mit dem sozialen Verständnis von Gewalthandlungen zu tun hat. Selbst wenn dem Täter eine Absicht unterstellt wird, muß es noch lange nicht wirklich so gemeint gewesen sein ( z.B. auf den Fuß treten ).
Manifeste Gewalt bezeichnet wahrnehmbare Gewalt, also körperlich und verbal aggressives Verhalten. Latente Gewalt spielt sich in der Phantasie ab und ist nicht umgesetzte Aggression, daher auch nicht meßbar.
Diese Dichotomisierungen können natürlich nicht den kompletten Gewaltbereich abdecken, da es oft schwer ist, Gewaltakte genau zuzuordnen. Aber sie helfen Ungenauigkeiten zu vermeiden und stellen sicher, welche Diskussionsgrundlage zu beachten ist. Wenn man Mediengewalt untersucht, erweist es sich auch als sinnvoll, zwischen fiktionaler Gewalt ( Spielfilme/Serien ) und faktionaler Gewalt ( Nachrichten/Dokumentationen ) zu unterscheiden, da diese Typen erhebliche Differenzen in der Informationsverarbeitung der Rezipienten erzeugen.
Gewalt in Zeichentrickfilmen und Videospielen werde ich animierte Gewalt nennen um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, da sie in der Literatur je nach Autor als fiktionale oder nicht- reale Gewalt bezeichnet werden. <3>
Aggression und Gewalt sind nicht identisch, da Gewalt zwar immer Aggression beinhaltet, Aggression aber nicht unbedingt zu Gewalt führen muß. Da aber leider in vielen Studien die Begriffe synonym verwendet werden, kann die Aufrechterhaltung der Differenzierung in dieser Arbeit nicht immer gewährleistet sein.
2.2 Mediengewalt
Die Gewaltdarstellung in den Medien, insbesondere im Fernsehen, zeichnet sich nicht gerade durch Realitätsnähe aus. Denn es werden oft nur Ausschnitte des Gewaltaktes dargestellt und so die Wahrnehmungen der Menschen verfälscht. Ein neutrales Darstellen der Gewalt ist meistens auch nicht möglich, da es zeitlich z.B. nicht machbar ist die Heilungsprozesse von Wunden angemessen darzustellen. Erhebliche Differenzen bestehen zwischen faktionaler und fiktionaler Gewaltdarstellung. Während in Spielfilmen meist die Täterperspektive im Vordergrund steht, sind und sollen in Nachrichten die Opferperspektiven vorrangig sein. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Rezipienten wie später noch gezeigt wird. Nach Groebel und Gleich macht der Gewaltanteil in fiktionalen Programmen über 80% der insgesamt im Fernsehen gezeigten Gewalt aus, allerdings mit erheblichen Differenzen zwischen den einzelnen Sendern (Groebel/Gleich 1993, S.127). Bei den Privatsendern ist ein erheblich höherer Anteil an Sendungen die Gewaltdarstellungen beinhalten zu verzeichnen, als bei den öffentlich-rechtlichen Programmen. Prozentangaben sind allerdings auch extrem abhängig von der verwendeten Operationalisierung , da z.B. eine Kneipenschlägerei als ein zusammenhängender Gewaltakt, oder jede einzelne Gewaltszene in ihr extra gezählt werden kann.
2.2.1 Fiktionale Gewaltdarstellungen
Gewalt in Spielfilmen oder Serien zeichnet sich besonders durch Präsentation von Einzelschicksalen aus, ohne Berücksichtigung der sozialen Strukturen. Sie wird meistens von unverheirateten Männern mittleren Alters verübt, Frauen spielen nur eine untergeordnete Rolle bei der Gewaltausübung und sind wie Kinder meistens in der Opferrolle anzusiedeln. Im Gegensatz zur Realität werden oft Gewaltakte zwischen einander unbekannten Protagonisten gezeigt und die Opferperspektive wird weitestgehend außer acht gelassen. Auch die eigentlich aus dem Gewaltakt resultierenden Verletzungen werden wenn überhaupt, nur extrem unrealistisch dargestellt. So haben vor allem die Helden, selbst nach schwersten Kämpfen nur leichte Kratzer, wohingegen in der Realität meist ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt die Folge wäre.
Werden die Konsequenzen von Gewalt gezeigt, handelt es sich nach Groebel und Gleich ( 1993, S 113 ) um belohnende Konsequenzen, welche meistens durch instrumentelle Gewaltausübung erreicht werden . So behauptet Hacker schon 1973 : „Sieger wird und bleibt derjenige, der primitive Gewalt rücksichtsloser und vor allem früher und rascher anwendet“ (Hacker 1973, S. 342). <4>
Daran hat sich bis heute im Grunde wenig geändert. Bemerkenswert ist außerdem die Stellung die Vertreter von Recht und Ordnung einnehmen, nämlich Polizisten, Privatdetektive und der „einsame Rächer“, der den Kampf gegen übermächtige soziale Mißstände aufnimmt. Obwohl die Instanzen der sozialen Kontrolle im allgemeinen sehr positiv dargestellt werden, wird jedoch ein erhebliches Maß an Violenz eingesetzt um die Gesetze durchzusetzen und zwar ohne die negativen Konsequenzen die eine solche Art der Verbrechensbekämpfung für den Protagonisten bringen würde.
Diese repressive Vorgehensweise erscheint als einzige Möglichkeit, da die Entstehung der Gewalt und die Mitverantwortung der Gesellschaft bei ihrer Bekämpfung nicht thematisiert wird. Dadurch erscheint gewalttätiges Verhalten als normal und moralisch gerechtfertigt. So werden im Fernsehen: „Handlungsmodelle angeboten, die demonstrieren, wie mit Hilfe illegitimer Mittel (Gewalt) als legitim anerkannte Ziele (Wohlstand, Macht, Prestige, Gerechtigkeit) erreicht werden (Kunczik 1996 S.45).
2.2.2 Faktionale Gewaltdarstellungen
Gewaltdarstellungen in Nachrichtensendungen bzw. Reality- Dokumentationen oder Print -Medien zeichnen sich immer durch einen vorangegangenen Auswahlvorgang durch den jeweiligen Journalisten oder die Redaktion im Hinblick auf die angenommenen Publikumsanforderungen aus. Dadurch besteht die Gefahr soziale Vorgänge, die zur Erkenntnisbildung benötigt werden, außer acht zu lassen und dadurch einen verfälschten Eindruck beim Rezipienten zu erzeugen. Da die Nachrichten einen großen Anteil an der öffentlichen Meinungsbildung haben, beherbergt dieser Aspekt ein außerordentliches Gefahrenpotential. Leider wird dies sehr oft von Politikern oder politisch motivierten Intendanten ausgenutzt (Man denke nur an die „Bild - Zeitung“ oder an diktatorische Regime).
Negative Ereignisse, welche häufig mit Gewalt korrespondieren, finden immer eine stärkere Beachtung als positive Vorkommnisse. So kann man die Gültigkeit der Regel „Bad news are good news“ mit vier Erklärungsmöglichkeiten versehen:
„ 1. Negative Ereignisse entsprechen besser dem Frequenz - Kriterium als positive Ereignisse, die in der Regel viel Zeit benötigen, um sich aufzubauen.
2.Negative Ereignisse sind eindeutig, d.h. über die Interpretation eines Ereignisses als negativ besteht hoher Konsens.
3. Negative Ereignisse sind konsonant, d.h. entsprechen der bei vielen Menschen vorherrschenden Weltsicht.
4. Negative Ereignisse treten im Vergleich zu positiven Ereignissen zumeist unerwartet und plötzlich ein“ (Kunczik 1996, S.206).
Zudem entsteht durch negative Ereignisse ein viel stärkerer und unmittelbarer Handlungsbedarf. Dies erklärt auch, warum die Berichterstattung über Kriminalität in den letzten Jahren so dramatisch gestiegen ist. <5>
Arbeit zitieren:
Dipl. Soziologe Christian Prange, 2003, Rezeption von Gewaltdarstellungen in den Medien, München, GRIN Verlag GmbH
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