Giustino Fortunato, einer der wenigen süditalienischen Vertreter der liberalen Führungsschicht Italiens, schrieb im Mai 1921 über das allgemeine Befinden der Italiener: Tutti avvertono che l'Italia si avvia alla guerra civile […] tutti perciò invocano, come ne' momenti di estremo pericolo, il provvidenziale intervento di un Uomo – con l'u maiuscola – che sappia finalmente riportare il paese nell'ordine.“1 Anderthalb Jahre später glaubten viele Italiener, dass ihr Flehen Gehör gefunden hatte. Mit Mussolini, dem „Duce“, kam ein Mann an die Regierung dessen Macht ganz wesentlich auf einen irrationalen Persönlichkeitskult beruhte. Kern dieses Kults war die Vorstellung bzw. die Überzeugung, dass Partei, Volk und Nation sich in einer Person, dem Duce, vereinen. Dieses Identitätspostulat nahm schnell groteske Züge an. Mussolini war ein neuer Prophet „delegato di Dio“2 und ein Übermensch, der „Alessandro Magno e Cesare, Socrate e Platone, Virgilio e Lucrezio, Orazio e Tacito, Kant e Nietzsche, Marx e Sorel, Machiavelli e Napoleone, Garibaldi e il Milite Ignoto“3 in sich vereinte. Dennoch sahen viele Italiener, d.h. auch diejenigen, die keine Faschisten waren, in Mussolini einen der ihren, einen, wie es Emilio Gentile formulierte, „giustiziere del popolo“.4
Aus diesem Grund soll es Ziel dieser Hausarbeit sein, den Mussolini-Mythos in seiner kompletten Ausformung zu beschreiben und zu ergründen warum er bei einer Klassen und Generationen übergreifenden Mehrheit eine starke Verbreitung fand.
Dazu ist es notwendig auf die politische, soziale und psychologische Situation Italiens nach dem Ersten Weltkrieg einzugehen. Denn nur unter bestimmten Voraussetzungen konnte der Mussolini-Mythos entstehen und seine Wirkung entfalten.
Ferner gilt es den Mussolini-Mythos zu beschreiben. Auf welcher Grundlage entfaltete sich das Duce-Bild? Wie stellte es sich dem Adressaten konkret dar? Hierin liegt der Schlüssel zur Wirkungsmacht des Mythos und zur dessen Entmythologisierung.
Im letzten Teil der Seminararbeit sollen entsprechend dem eingangs gestellten Ziel die Ursachen für Verbreitung und Wirksamkeit des Mussolini-Mythos benannt und analysiert werden.
1 FORTUNATO, Giustino: Il Mezzogiorno e lo Stato italiano, Bd. 2, Florenz 1973, S. 702.
2 BIONDI, Dino: La fabbrica del Duce, Florenz 1967, S. 223.
3 Ebd., S. 223.
4 GENTILE, Emilio: Fascismo. Storia e interpretazione, Rom / Bari 20073, S. 130ff.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ursprünge des Mussolini-Mythos
3. Der Mussolini-Mythos
3.1 Die All-Präsenz, -Gegenwart und -Verantwortung Mussolinis
3.2 Die „grandezza“ Mussolinis
4. Die Ursachen der Wirksamkeit des Mussolini-Mythos
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung, Ausformung und Wirksamkeit des Mussolini-Mythos im Italien der faschistischen Ära. Ziel ist es, die Gründe für die enorme Verbreitung und die soziale Integrationskraft dieses Personenkults über verschiedene Klassen- und Generationengrenzen hinweg zu analysieren und den Mechanismus hinter der Inszenierung des "Duce" zu dekonstruieren.
- Historische und psychologische Voraussetzungen nach dem Ersten Weltkrieg
- Die Medialisierung und propagandistische "Duce-Fabrik"
- Mussolini als religiös überhöhte Heilsfigur und "neuer Mensch"
- Systemstabilisierende Funktionen des Mythos für das faschistische Regime
Auszug aus dem Buch
3.1 Die All-Präsenz, -Gegenwart und -Verantwortung Mussolinis
Die hier beschriebene totale Allgegenwart Mussolinis deckt sich mit den Presseanweisungen des Regimes. Die Journalisten hatten stets über die „vielfältigen Staats-, Partei- und Gesellschaftsaktivitäten“ Mussolinis zu berichten. Besonders bei bedeutenden Anlässen waren die Titelseiten der Printmedien in großer Aufmachung für den Duce zu reservieren. Alle Erfolge des Regimes wurden ihm zugeschrieben. Außerdem wurde die übrige Berichterstattung marginalisiert und auf Lobpreisungen anderer faschistischer Funktionäre verzichtet. Verboten war zudem über Mussolinis Krankheiten, sein Alter, seine Geburtstage, seine Auftritte bei exklusiven Veranstaltungen, wie Bankette oder Tanzabende, und zum großen Teil auch über sein Familienleben zu informieren.
Eine zentrale Rolle in der Berichterstattung der Presse nahm die Schilderung des Arbeitsalltags von Mussolini ein. Dabei handelte es sich um ein Mammutprogramm aus „Lektüren, Audienzen, Gesprächen, Besuchen, Einweihungen, Ministerratssitzungen, Inspektionen und Paraden“, Stets wurde dabei seine Volksnähe propagiert, insbesondere zu Kindern, Jugendlichen, Müttern und den kleinen Mann auf der Straße, also zu den ganz normalen Menschen „wie du und ich“. Mussolini mutierte zum „Genie des Fleißes und der Arbeitsökonomie“, das sich unermüdlich für das Wohl der Nation aufopfert. Darüber hinaus wurden die von den Faschisten als staatstragend angesehene Tugenden, wie seine Jugendlichkeit, seine maskuline Kraft und Vitalität sowie seine Gelassenheit und Sportlichkeit hervorgehoben und bildlich in Szene gesetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage Italiens nach dem Ersten Weltkrieg ein und umreißt die Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich der Entstehung des Mussolini-Kults.
2. Die Ursprünge des Mussolini-Mythos: Hier werden die ideengeschichtlichen Wurzeln des Heldenkults im 19. Jahrhundert sowie die Übernahme dieser Konzepte durch den Faschismus und den Einfluss der Massenpsychologie beleuchtet.
3. Der Mussolini-Mythos: Dieses Kapitel analysiert die konkrete Konstruktion des Duce-Bildes als Inkarnation von Partei, Volk und Nation.
3.1 Die All-Präsenz, -Gegenwart und -Verantwortung Mussolinis: Dieser Abschnitt beschreibt die mediale Omnipräsenz Mussolinis und die propagandistische Steuerung seines Alltagsbildes in Presse und Film.
3.2 Die „grandezza“ Mussolinis: Hier wird die mythische Verklärung Mussolinis zum "Übermenschen" und Retter der italienischen Nation durch Literatur und Schulung thematisiert.
4. Die Ursachen der Wirksamkeit des Mussolini-Mythos: Das Kapitel untersucht die Faktoren für den Erfolg des Mythos, insbesondere das Andocken an traditionelle Bedürfnisse und die Monopolstellung der faschistischen Propaganda.
5. Schlusswort: Die abschließenden Bemerkungen fassen zusammen, dass der Mussolini-Mythos als systemstabilisierendes Heilsversprechen fungierte, das weit über die bloße Politik hinausging.
Schlüsselwörter
Mussolini, Duce-Kult, Faschismus, Propaganda, Personenkult, italienische Geschichte, Massengesellschaft, Heroisierung, politische Mythologie, Totalitarismus, Herrschaftslegitimation, Volksnähe, Mediensteuerung, Führerkult.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Verbreitung des Mussolini-Mythos als ein zentrales Instrument der faschistischen Herrschaft in Italien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Medialisierung des Duce-Bildes, die psychologischen Hintergründe des Personenkults und die systemstabilisierende Funktion des Mythos innerhalb des faschistischen Staates.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, warum der Mussolini-Mythos bei einer breiten Bevölkerungsmehrheit über Klassen- und Generationengrenzen hinweg eine so starke Resonanz und Akzeptanz fand.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturgeschichtliche und politikwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Primärquellen (Presse, Literatur, Filme) und der historischen Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Ursprünge des Mythos, die detaillierte Ausformung des "Duce-Kults" durch Medien und Propaganda sowie eine Analyse der Wirkungsfaktoren des Mythos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Mussolini, Duce-Kult, Faschismus, Propaganda, Herrschaftslegitimation und Totalitarismus.
Welche Rolle spielten die Medien bei der Etablierung des Mussolini-Mythos?
Medien wie Presse, Radio und insbesondere das staatlich kontrollierte Kino waren entscheidend, um Mussolini als allgegenwärtige Vaterfigur und "neuen Menschen" zu inszenieren.
Warum war der Mussolini-Mythos auch bei Menschen erfolgreich, die keine überzeugten Faschisten waren?
Der Mythos dockte an tiefe gesellschaftliche Bedürfnisse nach Autorität, Ordnung und religiös konnotierten Heilsversprechen an, was ihn für weite Teile der Bevölkerung attraktiv machte.
Wie wurde Mussolinis Herkunft aus dem einfachen Volk propagandistisch genutzt?
Mussolini wurde als "einer von uns" inszeniert, wobei seine bescheidene Herkunft betont wurde, um seine Rolle als väterlicher Beschützer und allverantwortlicher Duce für die Bevölkerung zu festigen.
Was bedeutet der Begriff "Duce-Fabrik" im Kontext dieser Arbeit?
Die "Duce-Fabrik" bezeichnet die systematische und organisierte Erzeugung und Verbreitung von Legenden sowie die ständige Inszenierung Mussolinis durch das faschistische Regime zur Konsensgewinnung.
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- Friedrich Moldenhauer (Author), 2009, Der Mussolini-Mythos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134767