Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Ursprünge des Mussolini-Mythos 4
3. Der Mussolini-Mythos 8
3.1 Die All-Präsenz, -Gegenwart und -Verantwortung Mussolinis 9
4. Die Ursachen der Wirksamkeit des Mussolini-Mythos 17
5. Schlusswort 21
7. Literaturverzeichnis 22
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1. Einleitung
Giustino Fortunato, einer der wenigen süditalienischen Vertreter der liberalen Führungsschicht Italiens, schrieb im Mai 1921 über das allgemeine Befinden der Italiener: Tutti avvertono che l'Italia si avvia alla guerra civile […] tutti perciò invocano, come ne' momenti di estremo pericolo, il provvidenziale intervento di un Uomo – con l'u maiuscola – che sappia finalmente riportare il paese nell'ordine.“ 1 Anderthalb Jahre später glaubten viele Italiener, dass ihr Flehen Gehör gefunden hatte. Mit Mussolini, dem „Duce“, kam ein Mann an die Regierung dessen Macht ganz wesentlich auf einen irrationalen Persönlichkeitskult beruhte. Kern dieses Kults war die Vorstellung bzw. die Überzeugung, dass Partei, Volk und Nation sich in einer Person, dem Duce, vereinen. Dieses Identitätspostulat nahm schnell groteske Züge an. Mussolini war ein neuer Prophet „delegato di Dio“ 2 und ein Übermensch, der „Alessandro Magno e Cesare, Socrate e Platone, Virgilio e Lucrezio, Orazio e Tacito, Kant e Nietzsche, Marx e Sorel, Machiavelli e Napoleone, Garibaldi e il Milite Ignoto“ 3 in sich vereinte. Dennoch sahen viele Italiener, d.h. auch diejenigen, die keine Faschisten waren, in Mussolini einen der ihren, einen, wie es Emilio Gentile formulierte, „giustiziere del popolo“. 4 Aus diesem Grund soll es Ziel dieser Hausarbeit sein, den Mussolini-Mythos in seiner kompletten Ausformung zu beschreiben und zu ergründen warum er bei einer Klassen und Generationen übergreifenden Mehrheit eine starke Verbreitung fand.
Dazu ist es notwendig auf die politische, soziale und psychologische Situation Italiens nach dem Ersten Weltkrieg einzugehen. Denn nur unter bestimmten Voraussetzungen konnte der Mussolini-Mythos entstehen und seine Wirkung entfalten.
Ferner gilt es den Mussolini-Mythos zu beschreiben. Auf welcher Grundlage entfaltete sich das Duce-Bild? Wie stellte es sich dem Adressaten konkret dar? Hierin liegt der Schlüssel zur Wirkungsmacht des Mythos und zur dessen Entmythologisierung.
Im letzten Teil der Seminararbeit sollen entsprechend dem eingangs gestellten Ziel die Ursachen für Verbreitung und Wirksamkeit des Mussolini-Mythos benannt und analysiert werden.
1 FORTUNATO, Giustino: Il Mezzogiorno e lo Stato italiano, Bd. 2, Florenz 1973, S. 702.
2 BIONDI, Dino: La fabbrica del Duce, Florenz 1967, S. 223.
3 Ebd., S. 223.
4 GENTILE, Emilio: Fascismo. Storia e interpretazione, Rom / Bari 2007 3 , S. 130ff.
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2. Die Ursprünge des Mussolini-Mythos
Beim Mussolini-Mythos handelt es sich im Wesentlichen um einen Duce-Mythos, der seine Ursprünge bereits in der im 19. Jahrhundert in Europa einsetzenden idealistischen und romantischen Verehrung des „Übermenschen“ findet: 5 Im Jahre 1840 beendete der Historiker Thomas Carlyle in London seine Vortragszyklen Über Helden, Heldenverehrung und Heldentum in der Geschichte (On heroes, hero worship and the heroic in history). 6 Darin verherrlichte er den „Helden“ nicht nur als den idealen Herrscher, sondern auch als Erlöser der Menschheit: „ogni forma di dignità temporale o spirituale inerente ad un uomo, si incarnano in lui per comandarci, per lagirci un insegnamento costante e pratico; per dirci, giorno per giorno, ed ora per ora, quel che si debba fare.“ 7 Dieser irrationale, auf absolute Gehorsamkeit beruhende Geniekult entfaltete seine verheerende Wirkung jedoch erst mit dem Auftreten der Massen in der Politik. 8 So schrieb zwei Jahre nach Mussolinis Regierungsantritt der Soziologe Robert Michels über den Aufstieg des Faschismus:
Der Fascismus [sic!] ist absolut carlylisch. Selten hat die lange und krause
Das kollektive Bedürfnis nach hero worship erklärt nicht allein den Erfolg des Mussolini-Mythos. Vielmehr brauchte es auch eine Persönlichkeit, die dieses Bedürfnis in ihrer politischen Tragweite erkannte und es zu befriedigen wusste. Auf Benito Mussolini traf dieses Anforderungsprofil zweifellos zu.
„La massa, per me non è altro che un gregge di pecore, finché non è organizzata“, 10 bemerkte Mussolini in einem Interview aus dem Jahre 1932. Als entscheidend erweist sich in diesem Zusammenhang der Einfluss des Franzosen Gustave Le Bon. Dieser hatte 1895 in 5 Vgl. GENTILE: Fascismo, S. 115.
6 Vgl. CARLYLE, Thomas: On heroes, hero worship and the heroic in history, London 1965. 7 CARLYLE, Thomas: Gli eroi e il culto degli eroi e l'eroico nella storia, Turin 1960, S. 295. 8 Vgl. PETERSEN, Jens: “Mussolini: Wirklichkeit und Mythos eines Diktators”, in: BOHRER, Karl Heinz (Hg.): Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion, Frankfurt/Main 1983, S. 242; Das Phänomen der Massengesellschaft zeigte sich an der Mobilisierung der proletarischen und kleinbürgerlichen Schichten. So kam es allein im Jahre 1920 zu 1880 Demonstrationen der Industriearbeiter mit 1270000 Demonstranten und D'Annunzios Besetzung Fiumes löste insbesondere im Bürgertum eine Euphriewelle aus; vgl. hierzu: SABBATUCCI, Giovanni / VIDOTTO, Vittorio: Il mondo contemporaneo. Dal 1848 a oggi, Rom / Bari 2005 2 , S. 311.
9 MICHELS, Robert: “Der Aufstieg des Fascismus in Italien”, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 52 (1924), S. 90.
10 LUDWIG, Emil: Colloqui con Mussolini, Verona 1932, S. 68.
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seiner Psychologie der Massen (Psychologie des foules) folgendes festgestellt: 11 „Die Stimme des Volkes hat das Übergewicht erlangt. Sie schreibt den Königen ihr Verhalten vor. In der Seele der Massen, nicht mehr in den Fürstenberatungen bereiten sich die Schicksale der Völker vor.“ 12 Ergo „basierte der politische Erfolg vor allem auf der Fähigkeit der politischen Führungskräfte, den menschlichen Instinkt zu kontrollieren“. 13 Um dies zu erreichen, benötigte es „einfache Wahrheiten und Glaubensgewissheiten“, 14 die Mussolini in der Wirkungsmacht von Mythen realisiert sah: 15 „Il mito è una fede, è una passione. Non è necessario che sia una realtà. È una realtà nel fatto che è un pungolo, che è una speranza, che è fede, che è coraggio.“ 16 Mussolinis Fähigkeit, das Phänomen der Massengesellschaft zu begreifen und dessen Bedürfnisse für seine Zwecke zu vereinnahmen, reichte auf seine Zeit als Sozialist zurück. Bereits vor der „fabbrica del duce“, 17 also vor der „gezielten Instrumentalisierung des Mussolini-Bildes zu Herrschaftszwecken“, 18 existierte ein Mussolini-Mythos; nämlich der sozialistische Mythos Mussolini. Entscheidend hierfür war Mussolinis charismatische Anziehungskraft, die vor allem auf seinen außerordentlichen journalistischen und rednerischen Fähigkeiten und seinem explosivem Temperament beruhte. So gelang es ihm, innerhalb der Partei eine Diktatur zu errichten, „che ha basi individuali e basi colletive, psicologiche o meglio sentimentali“. 19 Erste Erfahrungen in Bezug auf Gruppenwirkung unddynamik konnte Mussolini bereits in seinen Jahren als Lehrer machen. Zudem verschaffte ihm diese Tätigkeit ein hohes soziales Ansehen. 20 Als 29-Jähriger, im Jahre 1912 stieg Mussolini in den Exekutivausschuß der PSI (Partito Socialista Italiano) auf und wurde Chefredakteur der sozialistischen Tageszeitung Avanti!. Bald darauf erhöhte sich die Auflage des sozialistischen Kampfblattes um das Fünffache, auf 100000 Exemplare. Gleichzeitig verzeichneten die Ortsgruppen der Partei einen bemerkenswerten Zuwachs. Hierin zeigt sich, dass es Mussolini ausgezeichnet verstand seine Ziele den Anhängern und Mitgliedern der sozialistischen Partei zu vermitteln. Einige 11 Vgl. LE BON, Gustave: Psychologie der Massen, Stuttgart 1951.
12 Ebd., S. 3.
13 SCHLEIMER, Ute: Die Opera Nazionale Balilla bzw. Gioventù Italiana del Littorio und die Hitlerjugend. Eine vergleichende Darstellung, Münster / New York / München / u.a. 2004, S. 49.
14 PETERSEN: Mussolini, S. 246.
15 Damit befand er sich nicht nur auf den Spuren Le Bons sondern auch auf denen Georges Sorels, der in dem politischen Mythos das entscheidende Instrument zur Mobilisierung der Massen sah; vgl. hierzu: SOREL, Georges: Reflections of Violance, New York 1961, S. 78, 140.
16 SUSMEL, Eduardo / SUSMEL, Duilio (Hg.): Opera Omnia di Benito Mussolini, Bd. 18, Florenz 1963, S. 457.
17 Vgl. hierzu: Punkt 3.1, S. 9ff.
18 PETERSEN: Mussolini, S. 246.
19 GENTILE: Fascismo, S. 119.
20 Vgl. DE FELICE, Renzo / GOGLIA, Luigi: Mussolini. Il mito, Rom / Bari 1983, S. 8.
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Genossen hielten ihn bereits für einen „duce intemerato“. 21 Der patriotische Anarchist und ehemalige Kampfgefährte Garibaldis, Amilcare Cipriani adelte Mussolini zum Idealbild eines Revolutionärs: „Quest'uomo mi piace molto. Il suo rivoluzionarismo è il mio, dovrei dire, il nostro, cioè quello che si chiama classico'.“ 22 Eine neapolitanische Gewerkschaftszeitung beschrieb ihn als „pallido, pensoso, con due occhi ardenti, con una fiamma di bontà sparsa sul viso […] tormentato dal suo pensiero“. 23 In diesen Zitaten ist bereits ein verklärtes Mussolini-Bild erkennbar:
Mussolini der „homo novus“ des Sozialismus, der von einem unerschütterlichen Glauben an die Bewegung beseelt und sogar bereit ist, sich dafür bedingungslos aufzuopfern. Für ein korrektes Verständnis des Mussolini-Mythos ist es ebenso unerlässlich, die politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen Italiens nach nach dem Ersten Weltkrieg zu berücksichtigen. Max Weber brachte dies zum Ausdruck, als er den charismatischen Führer ein „prodotto di situazioni esterne inusitate, specialmente politiche ed economiche, oppure di situazioni interiori, particolarmente religiose, o di entrambe insieme“ 24 beschrieb. Die Überanstrengungen der Weltkriegsbeteiligung und die daraus resultierende Wirtschaftskrise, die vor allem vom Bürgertum empfundene als auch geschürte, Enttäuschung über die „vittoria mutilata“ und die forcierte Entwicklung und Mobilisierung der Massengesellschaft hatten zu einer tiefen Krise des politischen Systems geführt. Die liberale Führungsschicht war nach dem Verlust der absoluten Mehrheit im November 1919 nicht mehr in der Lage, eine handlungsfähige Regierung zu bilden, geschweige denn – wie die Besetzung Fiumes durch D'Annunzio bewies – ihr Gewaltmonopol durchzusetzen. 25 In diesem, durch Massenstreiks und Fabrikbesetzungen verstärkten anarchischen Klima stießen demokratische und liberale Wertvorstellungen auf immer größere Ablehnung. Desweiteren wuchs das Verlangen vieler Menschen nach einem übermächtigen Führer, der ihr eigenes Schicksal in die Hand nimmt, der die liberale Führungsschicht hinwegfegt und eine geordnete und glückliche Welt schafft: „non il medico serviva ormai, c'era bisogno del chirurgo che estirpasse il bubbone alla radice con il bisturi della violenza.“ 26 Durch die mythische Verschmelzung des „Volkskörpers“ bzw. der „Nation“ mit dem „Capo“ erhoffte man sich die Befreiung von allem Übel. Emilio Gentile spricht in diesem Kontext von
22 DE FELICE / GOGLIA: Mussolini, S. 93.
23 MEGARO, Gaudens: Mussolini dal mito alla realtà, Mailand 1947, S. 365.
24 WEBER, Max: Economia e società, Mailand 1968, S. 431.
25 Vgl. PETERSEN: Mussolini, S. 242f.
26 DE FELICE / GOGLIA: Mussolini, S. 7.
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Friedrich Moldenhauer, 2009, Der Mussolini-Mythos, München, GRIN Verlag GmbH
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