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Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 1
2. Planung der Unterrichtsreihe
2.1 Bedingungsfelder 2
2.2 Didaktische und methodische Analyse
2.2.1 Sachanalyse 3
2.2.2 Lehrplanbezug 16
2.2.3 Didaktische Überlegungen und Entscheidungen 17
2.2.4 Methodische Überlegungen und Entscheidungen 19
2.2.5 Lernzielkatalog 22
2.3 Grobstruktur der Reihe 24
3. Ablauf der Unterrichtsreihe
3.1 Kurzbeschreibung der 1. Stunde 25
3.2 Kurzbeschreibung der 2. und 3. Stunde 28
3.3 Bemerkung zur 4. Stunde 32
3.4 Ausführliche Beschreibung der 5. Stunde 32
3.5 Kurzbeschreibung der 6. Stunde 37
3.6 Ausführliche Beschreibung der 7. und 8. Stunde 40
3.7 Kurzbeschreibung der 9. Stunde 46
3.8 Kurzbeschreibung der 10. und 11. Stunde 50
3.9 Bemerkung zu den beiden letzten Stunden 53
4. Reflexion über die Unterrichtsreihe 54
Literaturverzeichnis
Anhang
DIE SEITENZAHLEN DES INHALTSVERZEICNISSES ENTSPRECHEN DER EI-
GENTLICHEN NUMMERIERUNG DER SEITEN
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1. EINLEITUNG
Die Analyse internationaler Konflikte an Hand spieltheoretischer Modelle wird in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin Internationale Beziehungen schon seit Längerem erfolgreich durchgeführt. In den Politikunterricht erhält die Spieltheorie aber nur zögerlich Einzug, obwohl im Grunde auch hier nichts gegen ihren Einsatz spricht - im Gegenteil. Die spieltheoretischen Überlegungen in den Sozialwissenschaften gehen alle von nachvollziehbaren (in Geschichten gekleidete) problematischen Entscheidungssituationen, die zum Nachdenken anregen, aus. Mathematische Aspekte können dabei, ohne dass dadurch wichtige Einsichten gefährdet wären, weitgehend ausgeblendet werde.
In der vorliegenden Unterrichtsreihe soll die Spieltheorie als Analyseinstrument des Konflikts zwischen den USA und Russland um die US-Raketenabwehrpläne genutzt werden. Die USA planen bis 2012 in Tschechien und Polen Elemente eines globalen Raketenabwehrschildes zu installieren und begründen dies mit der möglichen Bedrohung durch ballistische Raketen aus dem Nahen Osten. Die russische Regierung wendet sich entschieden gegen diese Pläne. Russland fühlt sich - trotz der Versicherungen der USA, die geplante Raketenabwehr richte sich keinesfalls gegen es - bedroht, rüstet derzeit auf und will ein Vorrücken amerikanischer Einheiten in seine alte Einflusssphäre bzw. in die Nähe seiner Grenzen verhindern. Die Aufrüstung der beiden Staaten, weckt Erinnerungen an den Kalten Krieg und in der Tat lassen sich gegenwärtig gewisse Parallelen zum Rüstungswettlauf und der Kuba-Krise ziehen. Der Konflikt „hat reichlich Potenzial, zu einer veritablen internationalen Krise auszuufern“ 1 , zumal auch eine Reihe anderer Staaten (wie z.B.: die Nato-Staaten, die EU, China, Iran) darin verwickelt sind.
Der aktuelle (und sicherlich auch in Zukunft bedeutsame) Konflikt um die globalen Raketenabwehrpläne der USA, der sich gerade in jüngster Zeit verschärft, bietet also nicht nur die Möglichkeit spieltheoretische Modelle sinnvoll anzuwenden und somit die Analysefähigkeit der Schüler auf ein neues Niveau zu bringen. Er nötigt auch zu einem direkt motivierten Rückgriff auf den Ost-West-Konflikt in Zeiten einer „Neuen Weltordnung“, zeigt besonders nachvollziehbar die Interdependenz im internationalen System und lädt zu spannenden Diskussionen ein.
1 Elbe, Frank/Ulrich Weisser 2007: Der Raketenstreit wächst sich zu einer internationalen Krise aus. In:
DGAP (Hrsg.): DGAP standpunkt 5/2007, S. 1 http://www.dgap.org/midcom-serveattachmentguid-
35630e1414c611dcb1f0f7bfe82ea456a456/dgapstandpunkt-5.pdf
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2. PLANUNG DER UNTERRICHTSREIHE
2.1 Bedingungsfelder
[Dieser Teil der Arbeit darf aus datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht veröffentlicht werden.]
2.2 Didaktische und methodische Analyse
2.2.1 Sachanalyse
Historische Dimension des Konflikts um die US-Raketenabwehrpläne Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in den USA erste Überlegungen zur Erforschung von Abwehrsystemen gegen ballistische Raketen. Allerdings wurden derartige Pläne nicht konkretisiert, da die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt über keine ballistischen Raketen verfügte, die in der Lage gewesen wären den amerikanischen Kontinent zu erreichen. Nachdem die UdSSR 1957 Langstreckenraketen (Intercontinental Ballistic Missiles, ICBMs 2 ) getestet und mit „Sputnik I“ ihre Innovationsfähigkeit bewiesen hatte, wurde die atomare Bedrohung für die USA, die bis dato (zu Recht) von ihrer strategischen Überlegenheit ausgingen, überraschend schnell real. Die Forschung an Raketenabwehrsystemen wurde intensiviert, brachte aber kaum greifbare Erfolge. 3 1972 einigten sich die USA und die UdSSR auf den „ABM-Vertrag“ (Anti-Ballistic-Missile-Treaty). Dieser verbot ein ABM-System zur Verteidigung des ganzen Territoriums eines Staats und erlaubte lediglich die Installierung von zwei ABM-Stellungen mit jeweils 100 Abfangraketen zum Schutz der nationalen Hauptstadt und einer ICBM-
2 AlsICBMs werden weitreichende ballistische Boden-Boden-Raketen (mit nuklearem Sprengkopf) bezeich-
net, die von einem Erdteil aus ein Ziel auf einem anderen Erdteil erreichen können (Interkontinentalraketen).
Nach dem raketengetriebenen Start dringt das Projektil in den Weltraum ein, der weitgehend antriebslos auf
einer ballistischen Bahn bis zum Ziel durchflogen wird. Die Reichweite von ICBMs beträgt 5500 bis
15000 km. Ballistische Raketen kurzer, mittlerer und großer Reichweite (Short Range Ballistic Missiles,
SRBMs; Medium Range Ballistic Missiles, MRBMs und Intermediate Range Ballistic Missiles, IRBMs)
erzielen dagegen nur Reichweiten von 150 km, 2700 km bzw. 5500 km. (vgl.: http://www.atomwaffena-
.info/glossar.php?alpha=B&auswahl=Ballistische%20Rakete [01.12.2007];
http://www.peterhall.de/index.html [01.12.2007] )
3 Vgl.: Filipiak, Rainer 2006: Europäische Sicherheitspolitik und amerikanische Verteidigungskonzeptionen
[Dissertation]. München, S. 40-42 http://deposit.ddb.de/cgi-
bin/dokserv?idn=98158036x&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=98158036x.pdf [01.12.2007]
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Raketenabschussbase. 1974 einigte man sich in einem Zusatzprotokoll zum ABM-Vertrag darauf, die Anzahl der erlaubten ABM-Stellungen von zwei auf eine zu reduzieren. 4 „Durch den ABM-Vertrag erkannten sowohl die USA als auch die UdSSR das Prinzip der gegenseitig gesi-cherten Zerstörung (Mutual Assured Destruction, MAD) als Grundlage beiderseitiger nuklearer Abschre-
ckung an. Laut MAD besteht strategische Stabilität erst, wenn beide Seiten im Falle eines Atomkrieges auch
nach einem Angriff noch ausreichende Zweitschlagkapazitäten haben, um den Gegner zu vernichten. ABM-Systeme fordern nach diesem Verständnis einen Erstschlag geradezu heraus, da die nicht zerstörten Raketen
des Gegners einfach abgefangen werden können. Mit ABM konnte ein Atomkrieg plötzlich wieder gewonnen
werden. Diese potentielle Destabilisierung des ‚Gleichgewichts des Schreckens’ wurde durch den ABM-Vertrag verhindert.“ 5
Nachdem Ronald Reagen 1981 Präsident geworden war, erfuhren die Pläne zum Aufbau eines nationalen Raketenabwehrsystems eine fulminante und im Hinblick auf den ABM-Vertrag auch rechtlich problematische Neuauflage. 6 Der Rüstungswettlauf, der nach Abschluss des ABM-Vertrages deutlich abgeflaut war, beschleunigte sich rasant und die Rüstungsausgaben der Supermächte explodierten. „Gegen den Rat ihrer Wissenschaftler ordnete die Sowjetregierung die Entwicklung eines Äquivalents [zu dem von Reagen geplanten Raketenabwehrschild] an, dessen Kosten schließlich zum Staatsbankrott führten“ 7 . Mit dem Ende des Kalten Krieges verflüchtigten sich die US-Pläne für einen nationalen Abwehrschild gegen ballistische Raketen.
Erst Mitte der 1990er Jahre wurden in den USA von Seiten der Republikaner wieder Rufe danach laut. Im Juli 1998 warnte die vom US-Kongreß eingesetzte Commission to Assess the Ballistic Missile Threat to the United States unter Leitung [… von Donald] Rumsfeld vor einer wachsenden Raketenbedrohung aus Staaten der Dritten Welt“ 8 . Auf Grund dessen forderten die Republikaner die sofortige Umsetzung ihrer Raketenabwehrpläne und die einseitige Kündigung des ABM-Vertrages. 9 1999 sah sich Bill Clinton, ein grundsätzlicher Gegner eines nationalen Raketenabwehrsystems, gezwungen, den von den Republikanern im Kongress durchgesetzten „National Missile Defense Act of 1999“ zu unterzeichnen. Dieser bestimmte: „It is the policy of the United States to deploy as soon as it is technologically possible an effective National Missile Defense system capable of defending the terri- 4 Vgl.:Treaty between the United States of America and the Union of Soviet Socialist Republics on the Limi-
tation of Anti-Ballistic Missile Systems; Protocol to the Treaty between the United States of America and the
Union of Soviet Socialist Republics on the Limitation of Anti-Ballistic Missile Systems
http://fletcher.tufts.edu/multi/texts/abm.txt [01.12.2007] sowie Geune, Gerd 1997: ABM-Vertrag. In: Alb-
recht, Ulrich/Volger, Helmut (Hrsg.): Lexikon der Internationalen Politik. München, S. 1-3
5 Hahn, Andreas 2001: Die neuen Raketenabwehrpläne der USA und die internationalen Reaktionen [Diplo-
marbeit]. Marburg, S. 9 f. http://www.hsfk.de/abm/uniforum/pdfs/hahn.pdf [01.12.2007] sowie vgl.: Dettke,
Dieter 2000: Militärpolitik/Sicherheitspolitik. In : Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale
Politik. 8. Auflage. Opladen, S. 285 f.
6 Vgl. zur SDI-Ära: Hahn 2001: S. 10 f. sowie Filipak 2006: S. 43-60
7 Friedman, Norman 2006: Der Kalte Krieg. 1945-1991. München, S. 50.
8 Hahn 2001: S. 12
9 Filipiak 2006: S. 202.
6
tory of the United States against limited ballistic missile attack”. 10 Trotz des Gesetzes sah sich die Clinton-Regierung nicht zu unmittelbarem Handeln veranlasst. 11 Erst Georg W. Bush ebnete der Raketenabwehr den Weg. In Folge der Anschläge vom 11. September 2001 formulierte er das neue sicherheitspolitische Leitziel: „die Vereinigten Staaten um jeden Preis gegen alle nur denkbaren Sicherheitsbedrohungen zu schützen. Dazu gehörte auch der Schutz gegen ballistische Raketen […]“ 12 , mit denen „Schurkenstaaten“ die USA bedrohen könnten.
Dieser Politik folgend kündigten die Vereinigten Staaten noch im Dezember den ABM-Vertrag und nach dessen Auslaufen beauftragte Bush das Verteidigungsministerium in seiner „National Security Directive” vom 17. Dezember 2002 „to field a defensive system capable of countering the near term ballistic missile threat to our homeland and our deployed forces, allies, and friends.” 13 Somit wurden die ursprünglichen Pläne für eine nationale Raketenabwehr offiziell zu Plänen für eine globale Raketenabwehr (Global Ballistic Missile Defense, GBMD) erweitert.
Zur aktuellen Begründung, Architektur und technologischen Realisierbarkeit einer globalen US-Raketenabwehr
Seit Ende des Kalten Krieges ist es entgegen entsprechender internationaler Vereinbarungen zu einer zunehmenden Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und Raketentechnologien gekommen 14 . Diese Entwicklung wird in den USA besonders auch von Seiten der Bevölkerung 15 als bedrohlich wahrgenommen und von den US-Geheimdiensten aufmerksam verfolgt 16 . Es besteht vor allem die Befürchtung, dass die sogenannten „Schurkenstaaten“ in den Besitz von Massenvernichtungswaffen und Interkontinentalraketen gelangen und derart in die Lage kommen könnten, die USA wirkungsvoll zu bedrohen oder gar anzugreifen. Allerdings beschränkt sich die Zahl der „rogue states“, „die in absehbarer Zeit über eine relevante Kombination von Waffensystemen (ICBMs und Massenvernichtungswaffen)
10 National Missile Defense Act of 1999. http://thomas.loc.gov/cgi-bin/query/z?c106:S.269 [01.12.2007]
11 Vgl.: Filipiak 2006: S. 202
12 Agüera, Martin 2002: Amerikas Raketenabwehrpläne nach dem 11. September: Rolle und Optionen für
Europa?“ http://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/09_202_08_agu.pdf [01.12.2007]
13 MDA (Hrsg.) 2007: Fact Sheet. The Ballistic Missile Defense System
http://www.mda.mil/mdalink/pdf/bmds.pdf [01.12.2007]
14 Vgl.: Agüera 2002: S. 66; Filipiak 2006: S. 182; Schuler, Matthias 2004: „National Missile Defense“: Ein
Mittel zur Abschreckung oder zur aktiven Verteidigung?“ S. 10; Sehling, Roman/Wagner, Norbert 2007:
Raketenabwehr - die Position der USA. In: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.) 2007: S. 10
15 Vgl.: http://mdaa.newvillagemedia.com/mdaa/MissileDefensePoll2007.php [01.12.2007]
16 Vgl.: Becker, Markus 2006: „Taepodong-2“ Rätselraten um Nordkoreas Atomrakete.
http://intelligence.house.gov/Media/PDFS/IranReport082206v2.pdf [01.12.2007]
7
verfügen werden/können […] [n]ach dem Sturz des Hussein Regimes im Irak […] gerade noch [auf] zwei, Nordkorea und Iran.“ 17
Im Fall von Nordkorea geht man mittlerweile davon aus, dass der Staat im Besitz der Atombombe ist. Um eine reale Gefahr für die USA zu sein, müssten die Nordkoreaner aber über leichte Atomsprengköpfe und leistungsfähige ICBMs verfügen. Obwohl die US-Geheimdienste in der Vergangenheit immer wieder vor der möglichen Bedrohung durch Nordkorea gewarnt haben 18 , scheint das tatsächliche Potential des Staates doch relativ beschränkt, zumal die nordkoreanische Regierung Mitte dieses Jahres zugesichert hat, ihr gesamtes Atomprogramm bis Ende des Jahres einzustellen 19 .
Aktuell sehen die USA in Iran die größte Bedrohung. Allerdings stellt sich auch hier die Frage, über welche militärtechnologischen Fähigkeiten der Staat tatsächlich verfügt/mittelfristig verfügen kann. Die US-Geheimdienste gehen davon aus, dass die iranische Regierung ein Atomwaffenprogramm verfolgt und halten es für durchaus möglich, dass das Land „will be in a position to have a nuclear weapon sometime between the beginning of the next decade and the middle of the next decade” 20 . Allerdings wäre auch hier der Weg vom Besitz einer Atombombe bis hin zu einer leistungsfähigen Interkontinentalrakete noch weit. Derzeit verfügt Iran über ICBMs mit einer Rechweite von maximal 2000 km 21 . Jürgen Altmann, Physiker von der Universität Dortmund, fasst den aktuellen Er-kenntnisstand so zusammen: „‚Die Gefahr iranischer Atomraketen ist fiktiv’“ 22 . Auf Grund dieser Möglichkeit einer zukünftigen Bedrohung plant und entwickelt die Missile Defense Agency (MDA), eine Abteilung des Pentagon, seit Ende 2002 mit Hochdruck und einem gewaltigen Budget an einem globalen mehrstufigen, land-, see-, luft- und weltraumgestützten Raketenabwehrsystem, das im Laufe der Zeit in die Lage kommen soll ballistische Raketen jeglicher Reichweite in allen drei Phasen ihres Fluges zu zerstören. 23 Abgesehen von der innenpolitischen Entwicklung und der zukünftig vorherrschenden Bedrohungsperzeption in den USA, stellt sich die grundsätzliche Frage nach der technologischen Realisierbarkeit einer (robusten) Raketenabwehr.
17 Sehling/Wagner 2007: S. 10
18 Vgl.: Becker, Markus 2006
19 Vgl: http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2762745,00.html; Herzinger, Richard 2007: Libyen und
Nordkorea: Die Tücken bei der Besänftigung von „Schurkenstaaten“.
http://debatte.welt.de/kolumnen/78/aussenwelt/29406/libyen+und+nordkorea+die+tuecken+bei+der+besaenft
igung+von+schurkenstaaten [07.10.2007]
20 http://intelligence.house.gov/Media/PDFS/IranReport082206v2.pdf [01.12.2007]
21 Vgl.: http://www.tagesspiegel.de/politik/international/;art123,1871070
22 Becker, Markus 2007
23 Vgl.: ebd.
8
Eine ICBM durchläuft drei verschiedene Flugphasen, in denen verschiedene Abfangmöglichkeiten bestehen. 24 In der Antriebsphase, während der Antrieb der Rakete feuert, bietet sie ein vergleichsweise leichtes Ziel, da sie noch relativ langsam fliegt und beispielsweise von Infrarotsensoren gut zu erkennen ist. Der „Airborne Laser“, ein Hochenergie-Laser an Bord einer modifizierten Boeing 747-400, soll in naher Zukunft das Mittel der Wahl zur Ausschaltung ballistischer Raketen während der Startphase sein. Obwohl an hochenergetischen Lasern schon seit den 1970er Jahren kostenintensiv geforscht wird, gilt „Airborne“ bis heute nicht als ausgereift. Außerdem stellt sich beim Einsatz des Lasers, ein grundsätzliches Problem. Da die Antriebsphase einer ballistischen Rakete im Normalfall nicht länger als drei Minuten dauert und „Airborne“ nur eine maximale Reichweite von 300 km hat, muss sich der Laser zum Einsatzzeitpunkt in der Nähe des Abschussortes befinden. Dasselbe Problem ergibt sich im Falle des zweiten Raketenabwehrsystems, das während der ICBM-Startphase zur Anwendung kommen soll. Ab 2010 will die MDA mit Tests von mobilen „Kinetic Energy Interceptors“ beginnen. Auch dieses Abfangsystem auf der Basis von kinetischer Energie wird nur wirksam sein können, wenn es sich in der Nähe des Ab-schussortes der Zielrakete befindet.
Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die ICBM antriebslos durchs All. Während dieser etwa zwanzigminütigen Mittelflugphase besteht theoretisch ausreichend Zeit sie mittels Radar und Satelliten zu erfassen, ihre Flugbahn zu errechnen und sie mit von der Erde abgeschossnen „kill vehicles“, die zur Zerstörung der Rakete nur die Kraft des Aufpralls nutzen, auszuschalten (Ground Based Midcourse) 25 . Diese von der MDA favorisierte Abfangmethode wird von Experten gerne mit dem Versuch eine Gewehrkugel mit einer Gewehrkugel zu treffen verglichen. 26 Hinzu kommt das Problem, dass moderne ICBMs während der mittleren Flugphase nicht nur Sprengkopfattrappen sondern auch Mehrfachsprengköpfe aussetzen, die (weil sie nach und nach abgegeben werden) verschiedene Ziele haben oder gar einzeln steuerbar (und daher nicht mehr berechenbar) sind. Das derzeit im Aufbau befindliche GMD-System 27 ist also mit schon seit längerer Zeit existierenden Mitteln relativ leicht zu überwinden. „Je mehr atomare Gefechtskörper und Attrappen […] auf
24 Vgl. zum Folgenden: Becker, Markus 2007; Schuler 2004: S. 3-8; Möckli, Daniel 2007: US-
Raketenabwehr eine strategische Herausforderung. In: CSS Analysen 12/07, S. 1 f.;
http://www.globalsecurity.org/space/systems/bmd.htm; http://www.mda.mil/mdalink/html/mdalink.html
25 Gegen ballistische Raketen kurzer und mittlerer Reichweite, die sich in der mittleren Flugphase befinden,
verfügen die USA über das Aegis Ballistic Missile Defense System, das auf Schiffen installiert wird.
26 Vgl.: Becker, Markus 2007 sowie Schwarte, Georg 2007: Bedingt einsatzbereit - die US-Raketenabwehr
http://www.tagesschau.de/ausland/meldung56708.html [01.12.2007]
27 „Bisher wurden 15 Abschussbatterien in Alaska und Kalifornien aufgestellt. Bis 2013 sollen insgesamt 54
GMD-Abfangraketen verfügbar sein.“(Möckli, Daniel 2007: S. 1-3)
9
das Zielgebiet zurasen, umso drastischer sinken die Chancen, alle anfliegenden Sprengköpfe abzufangen.“ 28
In der Endphase, wenn die Sprengköpfe der ICBM in die Atmosphäre eintreten, bleiben noch 30 bis 60 Sekunden, um diese abzufangen. Dazu stehen den USA derzeit zwei Abwehrsysteme zur Verfügung, zwei weitere befinden sich noch im Entwicklungsstadium 29 . Aber auch diese Systeme stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn sie innerhalb von Sekunden auf eine Schar von Sprengköpfen reagieren sollen.
Sollte es den USA allerdings irgendwann gelingen, eine umfassende und robuste GBMD, wie sie der US-Regierung anscheinend vorschwebt, zu installieren „würde [dies] den Vereinigten Staaten ermöglichen, alle auf der Welt gezündeten Raketen zu vernichten. Es würde sich um eine
umfängliche Defensivwaffe handeln, die nicht nur gegen eine begrenzte Anzahl feindlicher Raketen gegen
‚Schurkenstaaten’ einsetzbar wäre, sondern auch gegen eine größere Anzahl russischer oder chinesischer
Raketen. Zukunftsweisende Technologien wie Laserwaffen würden die Effektivität einer Raketenabwehr
steigern, weshalb auch an bisher futuristisch anmutenden Waffen geforscht wird.“ 30 Es scheint jedoch, als ob der „ewige Traum von Unverwundbarkeit“ 31 , der sich in den GBMD-Plänen der USA offenbart, wohl auch in Zukunft nicht erfüllbar sein wird. Zu den US-Raketenabwehrplänen, meint die Militärexpertin Victoria Samson vom „Center for Defense Information“: „Und wenn wir morgen in der Situation wären, eine feindliche Rakete in der Luft zerstören zu müssen, könnten wir das nicht mit einiger Verlässlichkeit garantieren“ 32 . Insgesamt bezweifeln zahlreiche Experten 33 , „dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell […] möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen […] können das Abwehrsystem überwinden“ 34 .
Der aktuelle Konflikt zwischen den USA und Russland um die US- Raketenabwehrpläne
Im nächsten Jahr wollen die USA mit der Installation von Raketenabwehrvorrichtungen in Osteuropa beginnen, diese sollen spätestens 2012 einsatzbereit sein. In Tschechien ist ein Zielverfolgungsradar geplant, der wichtige Daten zur Flugbahnberechnung von ballisti- 28 Becker2007
29 Vgl.: http://www.mda.mil/mdalink/pdf/thaad.pdf [01.12.2007];
http://www.mda.mil/mdalink/html/terminal.html [01.12.2007]
30 Filipiak 2006: S. 207
31 Chauvistré, Eric 2001: Das atomare Dilemma. Die Raketenabwehrpläne der USA. Berlin, S. 5
32 Zitiert nach: Schwarte, Georg 2007: Zweifel am Entwicklungsstand. Bedingt einsatzbereit - die US-
Raketenabwehr http://www.tagesschau.de/ausland/meldung56708.html [01.12.2007]
33 Vgl. Barton, David (u.a.) 2005: Report of the American Physical Society Study Group on Boost-Phase
Intercept System for National Missile Defense
http://scitation.aip.org/getpdf/servlet/GetPDFServlet?filetype=pdf&id=RMPHAT0000760000040013070000
01 &idtype=cvips&prog=normal [01.12.2007]
34 Becker, Markus 2007
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schen Raketen aus dem Nahen Osten liefern soll. Von einer in Polen stationierten Raketenbase sollen mit „kill-vehicles“ bestückte Raketen starten, die Abfanggeschosse sollen dann die feindlichen ICBMs in der Mittelflugphase zerstören.
Die russische Regierung wendet sich entschieden gegen die amerikanischen GBMD-Pläne in Europa und argumentiert wie folgt: (1.) Eine Bedrohung Europas oder gar der USA durch iranische und nordkoreanische Interkontinentalraketen bestehe nicht, warum sollte es dann eine Raketenabwehr gegen diese Staaten geben? 35 (2.) „Die von Polen abgeschossenen Raketen könnten nicht nur iranische, sondern auch russische Interkontinentalraketen abfangen“ 36 , womit die nukleare Abschreckungskraft Russlands […] beeinträchtigt [wäre]“ 37 . (3.) Die Radaranlage in Tschechien könnten auch zu Spionagezwecken verwendet werden, weil sie russische „Raketen[test]starts und [deren Flugbahnen] bis zum Ural genaustens beobachten [könnten]“ 38 (4.) Die GBMD-Elemente in Polen und Tschechien könnten leicht erweitert werden und sei in Europa erst einmal ein Anfang gemacht, könnten die USA weitere Standorte bestimmen. 39 (5.) Von den geplanten Raketenabschussbasen in Polen könnten auch erstschlagfähige Langstreckenraketen abgeschossen werden. „Die Anflugzeit bis Moskau [würde] höchstens fünf Minuten betragen“ 40 . (6.) Die Installierung von GBMD-Elementen in Tschechien und Polen würde dort eine dauerhafte Stationierung von US-Soldaten nötig machen, so würde die Erweiterung der NATO, die gegen den Willen Russlands und gegen frühere Vereinbarungen mit den USA durchsetzt worden wäre, schließlich auch militärisch vollzogen, was die „Kräftebalance in Europa untergraben [würde]“ 41 .
Die US-Regierung hält die Einwände Russland gegen die Elemente eines Raketenabwehrschirms in Osteuropa für nicht gerechtfertigt. Angesichts der weltweiten Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ICBM-Technologien sei „die [bedrohliche] Möglichkeit, dass ein gefährlicher Staat ballistische Flugkörper, bestückt mit nuklearen oder anderen Massenvernichtungswaffen, einsetzt und unsere Bürger als Geisel nimmt - oder ihnen
35 Kotenew, Wladimir 2007: Raketenabwehr droht Moskau und EU zu spalten.
http://www.welt.de/politik/article787095/Raketenabwehr_droht_Moskau_und_EU_zu_spalten.html
[01.12.2007]
36 Kotenew 2007
37 Bohnet/Kunze 2007: S. 20.
38 Sehling, Roman/Wagner, Norbert 2007: Raketenabwehr - die Position der USA. In: Konrad Adenauer-
Stiftung (Hrsg.): Diskussionspapier. Raketenabwehr in Europa - die Diskussion in den USA, Tschechien,
Polen und Russland. In: Konrad Adenauer-Stiftung (Hrsg.): Diskussionspapier. Raketenabwehr in Europa -
die Diskussion in den USA, Tschechien, Polen und Russland, S. 2;
http://www.welt.de/politik/article1204049/Russland_wirft_USA_Spionage-Absicht_vor.html [02.10.2007]
39 Kotenew 2007
40 Bohnet/Kunze 2007: S. 20; Kotenew 2007
41 Bohnet/Kunze 2007: S. 20
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noch Schlimmeres zufügt [… gegeben und] eine reale Herausforderung“ 42 . Es gehe nun darum, dass eine „Verteidigung weit vor dem Auftreten einer vollständig entwickelten Bedrohung aufgebaut“ 43 wird. Das „maßvolle Raketenabwehrsystem“ 44 , das von den USA geplant sei, bringe Russland keine strategischen Nachteile, weil „[d]ieses System […] völlig unnütz im Einsatz gegen ein riesiges Arsenal [russischer] nuklearer und ballistischer Flugkörper [ist]“ 45 . Die Radaranlage in Tschechien sei aufgrund ihres schmalen Richtstrahls zu sinnvoller militärischer Spionage nicht geeignet 46 und eine Erweiterung des Systems sei nicht vorgesehen. Schließlich beruhe die russische Argumentation auf einer fehlgeleiteten Bedrohungsperzeption: „die Logik des Kalten Krieges einer ‚gegenseitig zugesicherten Zerstörung’ ergibt im heutigen strategischen Umfeld wenig Sinn […] das Gerede über ein neues ‚Wettrüsten’ ist anachronistisch […] wirklichkeitsfremd“ 47 , ja geradezu „lächerlich“ 48 .
In letzter Zeit häufen sich die Anzeichen, dass der Streit um die US-Raketenabwehr in Osteuropa „zu einer veritablen internationalen Krise [ausufert]“ 49 . Russland rüstet eigenen Angaben zur Folge in Reaktion auf die US-Raketenabwehrpläne seit Mitte dieses Jahres massiv auf 50 und setzt im Juli den Abrüstungsvertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-Vertrag) mit Wirkung zum 12. Dezember aus, während die USA nach wie vor auf ihren Plänen beharren. Im „Kalte[n] Krieg der Worte“ 51 wirft Wladimir Putin der US-Regierung vor, eine Neuauflage des Rüstungswettlaufs des Kalten Krieges zu provozieren und vergleicht die Entwicklung des Konflikts um die US-Raketenabwehr mit der Kuba-Krise von 1962. 52
Heinz Timmermann unterscheidet im „Formierungsprozess der russischen Außenbeziehungen seit 1991 drei Phasen […] in der gegenwärtigen dritten, vom russischen Präsidenten Wladimir Putin geprägten Phase [wird] die Abwehr des US-Unilateralismus und die Einhegung imperialen Ausgreifens Washingtons [als] eine zentrale Aufgabe [aufge- 42 Rice,Conoleezza/Gates, Robert 2007: Der Westen braucht ein funktionierendes Raketenabwehrsystem. In:
SZ (26.4.2007): S. 7
43 Rice/Gates 2007: S. 7
44 Rice/Gates 2007: S. 7
45 Rice/Gates 2007: S. 7
46 Sehling/Wagner 2007: S. 2
47 Rice/Gates 2007: S. 7
48 Statement von Condoleezza Rice zitiert nach: Sehling/Wagner 2007: S. 6
49 Elbe, Frank/Ulrich Weisser 2007: S. 1
50 Vgl.: Bohnet, Henri/Kunze, Thomas 2007: Russische Reaktionen auf die geplanten Militärbasen in Osteu-
ropa. In: Konrad Adenauer-Stiftung (Hrsg.) 2007
51 Bohnet/Kunze 2007: S. 22
52 http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,513870,00.html [01.12.2007];
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/333/140039/ [01.12.2007]
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fasst]“ 53 . Russland die „alte Großmacht mit neuen Ambitionen“ 54 will den USA auf Augenhöhe begegnen. „Nach Jahren der inneren Schwäche kehrt ein ‚starkes und reiches’ Russland, wie Putin gern sagt, als Akteur auf die Weltbühne zurück“ 55 . Aus dieser Perspektive heraus sind die massiven russischen Reaktionen auf die US-Raketenabwehrpläne in Osteuropa nachvollziehbar. Die Radaranlage in Tschechien und die Raketenabwehrbasen in Polen bringen für Russland - egal, was die USA damit tatsächlich beabsichtigensicherlich keine strategischen Vorteile und werden rundweg abgelehnt 56 . Die russische Haltung scheint umso verständlicher, wenn man die Einschätzungen einiger Experten der Internationalen Beziehungen zu den Hintergründen der US-GBMD-Pläne in Betracht zieht. Danach ist die Raketenabwehr Teil einer umfassenden Verteidigungskonzeption der aktuellen US-Regierung, die das Ziel der absoluten Überlegenheit verfolgt. „Das Ziel ist es, ein so großes militärisches Machtdifferenzial zu allen übrigen Mächten aufrechterhalten,
dass der Versuch eines militärischen Wettbewerbs von vornherein aussichtslos erscheint […]. [Die USA]
beanspruchen […] das Recht, auf der Grundlage einer nationalen Entscheidung an jedem Punkt der Erde zu
intervenieren. Mit der Inanspruchnahme auf ein globales Interventionsrecht werden die strategischen Interes-sen anderer beeinträchtigt. [Die globale Raketenabwehr] spielt in diesen Überlegungen eine zentrale Rolle.
Damit andere Staaten keinen Schaden anrichten können, muss Amerika Raketenangriffe auf das eigene Terri-
torium abwehren können. Um politisch nicht erpressbar zu werden, müssen auch die Verbündeten vor derar-
tigen Attacken geschützt werden. Die neue amerikanische Verteidigungskonzeption […] berücksichtigt daher
Gefahrenpotentiale aus ‚Schurkenstaaten’, aber auch aus Nuklearmächten wie Russland und China.“ 57
Die Spieltheorie und ihre Anwendung in den Internationalen Beziehungen
Die Spieltheorie ist eine mathematisch formulierte „Theorie sozialer Interaktion“
58
. Ihr Gegenstand sind interdependente Entscheidungssituationen, also Situationen, in denen das Ergebnis für einen Entscheider nicht nur von seiner eigenen Entscheidung, sondern auch von dem Verhalten anderer Entscheider abhängt
59
. Durch die Modellierung als Spiel versucht die Spieltheorie den wesentlichen Gehalt realer Entscheidungssituationen einzufangen. Das Spiel stellt dann die Abstraktion eines Sachverhalts auf seinen wesentlichen Gehalt dar. Zweck der Spieltheorie ist die Analyse und Erklärung von interdependenten Entscheidungssituationen. Praktisch gesehen versucht sie Entscheidern Verhaltensempfehlungen zu geben, so dass diese in die Lage versetzt werden, die für sie beste Entscheidungsalternative (Strategie) zu wählen. Als beste Strategie wird im Sinne des „Rational-Choice-
53 Timmermann,Heinz 2006: Alte Großmacht mit neuen Ambitionen - Russland. In: bpb (Hrsg.) Informatio-
nen zur politischen Bildung 2/06, S. 47
54 Ebd.
55 Baica, Horst 2007: Putins rhetorische Drohkulisse. FAZ (29.10.2007), S. 10
56 Elbe/Weisser 2007: S. 2 f.
57 Filipiak 2006: S. 218 f.; vgl.: Elbe/Weisser 2006: S. 2f.
58 Rieck, Christian 2007: Spieltheorie eine Einführung. Eschborn, S. 21
59 Vgl. Rieck 2007: S. 21
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Paradigmas“ diejenige angenommen, die den individuellen Nutzen der Entscheider (Spieler) maximiert.
Man unterscheidet in der Spieltheorie drei Teilgebiete. Die nicht-kooperative oder orthodoxe Spieltheorie, die sich nur um individuelles rationales Handeln kümmert. Die kooperative Spieltheorie, welche auch Abmachungen/Kooperation zwischen den Spielern vorsieht. Und schließlich die evolutionäre Spieltheorie, die sich „mit dem quasi rationalen Verhalten von Individuen“ 60 , denen es in erster Linie um die Maximierung der Anzahl ihrer Nachkommen geht, beschäftigt.
In ihren Anfängen konzentrierte sich die Spieltheorie auf die Analyse von Gesellschaftsspielen wie Dame, Mühle oder Schach. Ab 1944 gelangte sie auf Grund der Publikationen von John von Neumann und Oskar Morgenstern zu allgemeiner Bekanntheit und gehört seitdem zum Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaften. Seit den 1970er Jahren findet sie zunehmend Anwendung in den Sozialwissenschaften. 61
In der Politikwissenschaft erfreut sich die Spieltheorie mittlerweile großer Beliebtheit. 62 Allerdings beschränkt man sich in aller Regel auf die einfachste Klasse von Spielen, auf die sogenannten Zwei-Personen-Spiele. Hier werden Interaktionssituationen soweit vereinfacht, dass sich nur noch zwei Spieler gegenüberstehen, die nur noch zwischen zwei Handlungsalternativen wählen können. Zwei-Personen-Spiele stellt man ihrer Struktur entsprechend in zwei verschieden Formen dar. Entweder in der Matrixform (2x2-Bimatrixspiele) für statische Spiele, in denen die Spieler gleichzeitig handeln oder in sequenzieller Form, für Spiele, in denen die Spieler nacheinander entscheiden, also die Möglichkeit besteht auf das Handeln des Gegenspielers zu reagieren.
In der Regimetheorie (einer Theorie innerhalb der Teildisziplin Internationale Beziehungen) ist die Spieltheorie von hervorragender Bedeutung. 63 Die Regimetheorie beschäftigt sich mit der zentralen Frage, wie es unter der Bedingung der Anarchie im internationalen System zu zwischenstaatlicher Kooperation kommen kann. Dabei nutzt sie die Spieltheorie, um verschiedenartige Kooperationsprobleme darzustellen, zu analysieren und Lösungen für diese zu finden. Interaktionssituationen, in denen Akteure völlig übereinstimmende Interessen haben und lediglich ihr Handeln koordinieren müssen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen (sog. Win-Win-Situationen), sind dabei weniger interessant. Im Mittelpunkt
60 Holzinger, Katharina 2002: Spieltheorie. In: Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begrif-
fe. Band II: N-Z. München, S. 888
61 Ebd.
62 Vgl.: Zimmerling, Ruth 1994: Rational Choice-Theorien. Fluch oder Segen für die Politikwissenschaft. In:
Druwe, Ulrich/Kunz, Volker (Hrg.): Rational Choice in der Politikwissenschaft. Opladen, S. 18-21
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stehen jene problematischen Interaktionssituationen, in denen Akteure teils übereinstimmende und nicht übereinstimmende Interessen haben, aber kooperieren müssen, damit sie nicht zu einem Interaktionsergebnis gelangen, das sie beide schlechter stellt als ein Ergebnis auf Grundlage beiderseitiger Kooperation. Die Spieltheorie nennt Spiele, die solche Situationen modellieren, Mixed-Motive-Games. Die beiden bekanntesten Mixed-Motive-Games sind das Gefangenendilemma (GD) und das Chicken-Game.
Das GD basiert auf einer Geschichte (s. Anhang I), in der zwei Gefangene in eine problematische interdependente Entscheidungssituation geraten, die spieltheoretisch als 2x2-Bimatrixspiel dargestellt wird (s. Anhang II).
D steht für Defect (Selbsthilfe) und bedeutet im konkreten Beispiel „Gestehen“, C steht für Cooperate und bedeutet im Beispiel „Nicht Gestehen“ bzw. „Leugnen“. Die Zahlen in der sogenannten Payoff-Matrix stellen nicht die abzusitzenden Gefängnisjahre dar, sondern Nutzenkennziffern. Diese spiegeln die Präferenzordnung der Spieler wider. Höchste Präferenz für einen Spieler hat das Interaktionsergebnis, das ihm den höchsten individuellen Nutzen (ausgedrückt mit der höchsten Nutzenkennziffer) bringt. Stellt man die Präferenz-ordnung der Spieler vollständig dar, so lautet sie: DC>CC>DD>CD, „wobei der erste Buchstabe die eigene Strategie und der zweite Buchstabe die Strategie des Interaktionspartners beziffert“ 64 .
Aus der Struktur des GD ergibt sich, dass rationale Spieler immer die Entscheidungsalternative Defektion wählen. Selbsthilfe ist für jeden der beiden Spieler in jedem Fall, egal für welche Option sich der andere entscheidet, die bessere Entscheidungsalternative. Selbsthilfe ist die strikt dominante Strategie 65 . Das Dilemma im GD liegt darin, dass die Spieler durch ihr individuell rationales Verhalten, die kollektiv optimale Lösung 66 (wechselseitige Kooperation), die jeden der Spieler besser stellen würde, unmöglich machen. In den internationalen Beziehungen gibt es verschiedene problematische Interaktionssituationen, die die Struktur des GD aufweisen.
Ein Beispiel sind zwei Staaten, die sich in einem Rüstungswettlauf befinden, wie die USA und die UdSSR zur Zeit des Kalten Krieges. Beide Supermächte trachten damals nach einem relativen Sicherheitsgewinn gegenüber dem anderen. Das hat zur Folge, dass sie ihre Rüstungsausgaben immer höher treiben. Kooperation - d.h. eine Einigung der beiden auf
64 Plümper, Thomas 1998: Die Bedeutung von Anomalien für eine Theorieentwicklung. Eine Diskussuio am
Beispiel des finiten Gefangenendilemmas. In Druwe, Ulrich/Kunz, Volker (Hrsg.): Anomalien in der Hand-
lungs- und Entscheidungstheorie. Opladen, S. 166
65 Eine Strategie, die unter allen Umständen eine höhere Auszahlung einbringt als andere mögliche Strate-
gien, wird als strikt dominante Strategie bezeichnet.
66 Die kollektiv optimale Lösung wird gemeinhin als Pareto-Optimum bezeichnet. Pareto-optimal ist ein
Interaktionsergebnis dann, wenn es keiner der Spieler verlassen kann, ohne einen anderen Spieler zu schädi-
gen.
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weitere Rüstungsanstrengungen zu verzichten - scheint in dieser Dilemmasituation zunächst nicht möglich, da Aufrüsten im Rüstungswettlaufdilemma/im Sicherheitsdilemma, die Staaten immer besser stellt als Abrüsten. Es schützt in jedem Fall vor dem Verlust an Sicherheit und bringt im Falle eines Rüstungsstopps (Kooperation) des Gegners einen Sicherheitsgewinn.
Die Spieltheorie sieht in beiderseitiger Defektion die Lösung des klassischen GD-Spiels. „DD“ stellt ein stabiles sogenanntes Nashgleichgewicht (oder strategische Gleichgewicht) dar, also ein Interaktionsergebnis, das keiner der Spieler verlassen kann, ohne sich selbst zu schädigen 67 . Allerdings ist diese Lösung unbefriedigend, da das pareto-optimale Ergebnis nicht erreicht werden kann.
Aber auch eine kooperative Lösung des GD ist möglich. Allerdings muss dafür von der für das klassische GD geltenden Annahme der Einmaligkeit des Spiels abgewichen werden. Geht man davon aus, dass sich die GD-Situation der Spieler unendlich oft wiederholt und dass die Spieler „ihrem zukünftigen Nutzen hinreichend hohen Stellenwert beimessen“ 68 , dann ist kooperatives Handeln rational. Im unendlichen Spiel 69 haben die Akteure nämlich die uneingeschränkte Möglichkeit Selbsthilfe zu bestrafen und Kooperation zu belohnen. Die Spieler könnten z.B. eine Trigger Strategie vereinbaren, d.h. solange kooperieren bis der Gegner das erste Mal defektiert und dann in folgenden Spielzügen also unendlich oft defektieren. Unter diesen Bedingungen ist es auch individuell rational zu kooperieren. Denn Selbsthilfe würde dazu führen je Einzelspiel unendlich 1 Punkt ausgezahlt zu bekommen, während Kooperation unendlich 3 Punkte pro Spiel ergäbe. In einem infiniten GD ist Kooperation rational, das Pareto-Optimum ein stabiles Ergebnis. Die Lösung über ein infinites GD ist aus theoretischer Sicht elegant, kann aber nicht als Lösung für reale GD-artige Situationen gelten, da es eine endlose Abfolge von GD-Spielen in Wirklichkeit nicht gibt. Aber auch eine reale Lösung führt über die Wiederholung der GD-Situation. Allerdings müssen die Wiederholungen des Spiels so weit in die Zukunft reichen, dass ihr Ende für die realen Entscheider nicht kalkulierbar ist. Ist das Ende der Spielwiederholungen für die Akteure nämlich absehbar, so entsteht das Problem der sogenannten Rückwärtsinduktion 70 . In der letzten kalkulierten Interaktion werden die Spieler niemals kooperieren, sie können daraus ja keinen langfristigen Vorteil mehr ziehen. In der vorletzten Interaktion ist Kooperation jedoch nur attraktiv, wenn sie in der letzten belohnt
67 Vgl. Rieck 2007: S. 199
68 Plümper 1998: S. 166
69 Ein infinites GD besteht aus unendlich vielen aufeinander folgenden einzelnen GD-Interaktionen.
70 Vgl. zum Folgenden: Holler Manfred/Illing Gerhard 1996: Einführung in die Spieltheorie. 3. Auflage. New
York (u.a.): S. 22 f.
Arbeit zitieren:
Sven Soltau, 2008, Die Spieltheorie als Analyseinstrument für internationale Konflikte - Produktionsorientierte Unterrichtsreihe in einem Leistungskurs der Jahrgangsstufe 13, München, GRIN Verlag GmbH
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