Gliederung
Einleitung: 3
1. Theoretische Erklärungsansätze 4
1.1. Die charismatische Herrschaft bei Max Weber 4
1.2. Die Legitimationsquellen der Monarchie in Marokko 5
2. Überblick: die Rolle der Monarchie und das Regierungssystem Marokkos 6
3. Die Herrschaft der Vorgänger: 8
3.1. Mohammed V: heiliger König 8
3.2. Hassan II : Vater der Nation 10
4. Die charismatische Strategie des Mohammed VI 11
Fazit 15
Liste zur Aussprache arabischer Eigennamen und Begriffe: 17
Bibliografie: 18
Internetquellen: 20
2
Einleitung:
Die Bayµa, die Verbeugung vor dem königlichen Oberhaupt, inszeniert sich als perfekt geplantes Rollenspiel, indem der König vor einem Heer von traditionell weiß gekleideten µUlama 1 (marokkanisch Arabisch für islamische Rechtsgelehrte), das Gehorsamkeitsgelöbnis in Vertretung für das Volk entgegennimmt. 2 Die zum Thronfest jährlich stattfindende Veranstaltung hat der marokkanische König Mohammed VI. seit seiner Machtübernahme 1999 nach Tetouan im Norden Marokkos verlegt. Die Feierlichkeiten werden via Sattelitenfernsehen in die ganze Welt live übertragen. Bettina Dennerlein analysiert die Baya als ein „Instrument zur Gestaltung der öffentlichen Sphäre“. 3 Diese in der Form weiterentwickelte Tradition, die schon in den Werken De La Croix’ verewigt wurde, ist nur eine Facette einer neuen Ära in der alten marokkanischen Monarchie: jünger, dynamischer und vor allem näher am Volk scheint Mohammed VI. zu sein. Schreitete sein Vorgänger Hassan II. bevorzugt über einen zwanzig Meter breiten roten Teppich (wie es im Volksmund heißt) stürzt sich sein Sohn oft in die Massen und schüttelt die Hände seiner Untertanen.
Ziel dieser Studienarbeit ist es, die charismatische Strategie des Mohammed VI. zu analysieren. Hierbei wird auf das Konzept der charismatischen Herrschaft nach Max Weber zurückgegriffen. Diese Arbeit möchte damit einen wesentlichen Punkt in der Strategie des Machterhalts, Machtausbau und der Legitimation der Monarchie in Marokko hervorheben: die Vermarktung der Person des Königs selbst. Dieser theoretische Zugang wird durch eine kurze Betrachtung des marokkanischen Regierungssystems und durch einen Vergleich mit den zwei Vorgängern des jetzigen Königs ergänzt. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht zudem auch die historisch gewachsene Stellung der Königsdynastie nach der Unabhängigkeit Marokkos. Klar ist, dass die marokkanische Monarchie an sich auf einer soliden Machtbasis fundiert und nahezu unverletzlich ist, im Sinne der weberschen traditionalen Herrschaft. Außerdem werden mehrere direkte Beobachtungen geschildert, die die Argumentation unterstützen und die sich aus Presseartikeln, Interviews, Fernsehbeiträgen und nicht zuletzt einem langjährigen Aufenthalt des Autors in Marokko speisen. Es wird die These vertreten, dass Mohammed VI. seine Macht über mehrere Kanäle zu sichern versucht, in einer globalisierten, digitalisierten und vernetzten Welt, in der die Ausübung von Repressalien und Zensur nahezu unmöglich erscheint. Er versucht, den Kult um seine Person wieder aufleben zu lassen und zeigt sich
1 Hocharabisch: µUlama´
2 Vgl. z.B. Mohamed Tozy: Monarchie et islam politique au Maroc, Paris 1999, S. 29-33 (Im Folgenden : Tozy, Monarchie).
3 Bettina Dennerlein: Legitimate Bounds and Bound Legitimacy. The Act of Allegiance to the Ruler (bai’a) in
19th century Morocco. In: Die Welt des Islams, 41, 3 (2001), S. 303 ff.
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gleichzeitig als Monarch des neuen Jahrtausends in einem technisierten und modernisierten Königshaus.
Wie hat sich die Monarchie in Marokko nach zehn Jahren Machtwechsel gewandelt? Wie hat sie auf die internationalen und nationalen Ereignisse reagiert? Und warum bedarf es einer charismatischen Strategie?
1. Theoretische Erklärungsansätze
1.1. Die charismatische Herrschaft bei Max Weber
Max Weber unterscheidet zwischen drei Typen legitimer Herrschaft: die legale oder rationale, die traditionale und die charismatische Herrschaft. Er führt hiermit eine Abkehr von der klassischen Staatstheorie ein. Herrschaft, also Befehle aussprechen, die auch eingehalten werden, wird bei ihm ausschließlich realen Personen zugeschrieben, da nur diese Handeln können. Weber weist darauf, dass diese Konzeption der Herrschaft nur Idealtypen beinhaltet, die nicht in reiner, sondern nur in Mischformen zu finden sind. In diesem Kapitel soll vor allem die charismatische Herrschaft im Fokus stehen.
„Charisma soll eine als außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als „Führer“ gewertet wird.“ 4 Die Legitimationsquelle liegt hier in der Hingabe zum Herren, primär in seinem Charisma, sie kann sich in den „magische[n] Fähigkeiten, [den] Offenbarungen oder [dem] Heldentum, [in der] Macht des Geistes und der Rede“ manifestieren. 5 Sie ist also „wirtschaftsfremd“ 6 , nicht rational fundiert und auf psychologisch-emotionale Faktoren zurückzuführen. Der Herrscher ist auf seine Ausstrahlung angewiesen, die den Glauben und die Anerkennung seiner Jünger ihm gegenüber speist. Diese spirituelle Legitimation verleiht ihm großes Vertrauen und räumt ihm weitestgehende Kompetenzen in einem bestimmten Rahmen ein. 7 Charisma kann nach Weber durchaus auch versachlicht werden, durch ein Orakel, Erbfolge oder Ernennung wird sie veralltäglicht, um zum Beispiel die Nachfolge möglichst reibungslos und ohne Autoritätsverlust zu regeln. Menschen verlangen nach einer verkörperten Quelle der Legitimation, in diesem Fall wäre dies die Königsfamilie, mit dem
4 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976, S. 140 (Im Folgenden: Weber, Herrschaft).
5 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen [1922] 1988, 7. Auflage, S. 481 (Im Folgenden: Weber, Wissenschaftslehre).
6 Weber, Herrschaft: S. 142.
7 Zum Beispiel kann der marokkanische König nur über das marokkanische Volk befehlen und nicht über ein anderes dazu.
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männlichen Monarchen an der Spitze. Der Herrscher umgibt sich ergänzend dazu mit seinen „Vertrauensmännern“ und versucht seinen Verwaltungsstab so zu gestallten, dass er totale Loyalität genießt und keine Widerstände zu fürchten hat.
Bei Monarchien kann freilich nicht von einer plebiszitär legitimierten Führung die Rede sein. Dies trifft nur in Demokratien zu bzw. bei Herrschern die unter demokratischen oder demokratieähnlichen Verhältnissen an die Macht gekommen sind. Adolf Hitler, der im Deutschland des Nationalsozialismus bis zum Ende des zweiten Weltkriegs unter einer bestimmten Gruppe absolutes Vertrauen genoss, war aufgrund seiner „charismatischen Wirkung“ ein plebiszitär legitimierter Führer. 8 Eine charismatische Legitimation des Herrschers entspringt aus der -für ihn dienlichen- Wirkung seiner Ausstrahlung unter seinen Anhängern. Dieser Glaube an den Führer ist schwer zu erschüttern. Eine Tatsache, die den demokratisch-plebiszitären Schein dieser Herrschaftsform neutralisiert. 9 Denn seine Macht ist nicht an den Glauben sondern an die Primärquelle dieser Interventionsbeziehung, also an sein Charisma direkt gebunden (Charisma > Glaube > Legitimation). Deswegen ist er gezwungen, seine „Leuchtkraft“ regelmäßig zu erneuern und seine Stellung als Primus zu bestätigen (siehe Abb.1) 10 .
1.2. Die Legitimationsquellen der Monarchie in Marokko
Die Monarchie in Marokko legitimiert sich wie die meisten Königshäuser hauptsächlich aus einer traditionalen Quelle. Die Alawiten berufen sich seit jeher auf eine indirekte Verwandtschaft zu der marokkanischen Gründungsdynastie der Idrisiden, die wiederum vom Propheten über seine Tochter Fatima abstammt. Sie sehen sich somit als legitime Nachfolger
8 Vgl. Stefan Breuer: Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darmstadt 1994, S.
167-168.
9 Vgl. Michael Bayer und Gabriele Mordt: Einführung in das Werk Max Webers, Wiesbaden 2008, S. 103.
10 Eigene Darstellung, vgl. Weber, Herrschaft: S. 140 ff.
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im Lichte der „Heiligkeit der von jeher vorhandenen Ordnungen und Herrengewalten“ 11 . Die Tradition legt inhaltlich fest, wie die Herrschaft des Königs auszuüben ist. Die marokkanische Verfassung orientiert sich primär an der historisch gewachsenen Stellung der Monarchie. Mohamed Tozy skizziert einen dreigliedrigen royalen Legitimationsstrang. 12 Demnach konstituiert sich die ideologische Konsekration der königlichen Sakralität erstens aus der raison divine, zweitens aus der scherifischen Genealogie, also sprichwörtlich dem „blauen Blut“ und drittens aus der rationalen Satzung, die in Form der constitution octroyée und der damit neuerfundenen und kanonisierten Tradition implementiert wurde. Die Unantastbarkeit der Krone wird somit von Gott abgeleitet und über den Propheten und seine Nachfahren direkt an den König transferier. Dies erfolgt über einen traditionalen Kanal, der rational abgesichert ist. Somit speist sich die Legitimation aus einer historisch gewachsenen tradionalreligiösen Quelle.
Warum bedarf es also einer charismatischen Strategie?
2. Überblick: die Rolle der Monarchie und das Regierungssystem Marokkos
Offiziell ist Marokko eine konstitutionelle, parlamentarische Monarchie. Wörtlich heißt es im ersten Artikel der marokkanischen Verfassung:
„Le Maroc est une Monarchie constitutionnelle, démocratique et sociale." 13
In der Präambel wird die islamische und afrikanische Identität des Landes erwähnt aber vor allem mit zahlreichen Wiederholungen des Wortes Mamlaka bzw. Royaume, sprich Königreich auf die besondere Rolle der Monarchie hingewiesen. Die Verfassung ist in 13 Paragraphen gegliedert, die unter anderem, die staatlichen Grundprinzipien, den Parlamentarismus, die Regierungsaufgaben und die Justiz regeln. Der zweite Absatz beschäftigt sich mit der Monarchie und ihrer Rolle im Regierungs- und Gesellschaftssystem Marokkos. In Artikel 19 wird die Rolle des marokkanischen Königs beschrieben:
„Le Roi, Amir Al Mouminine. Représentant Suprême de la Nation, Symbole de son unité, Garant de la pérennité et de la continuité de l'Etat, veille au respect de l'Islam et de la Constitution. Il est le protecteur des droits et libertés des citoyens, groupes sociaux et collectivités. Il garantit l'indépendance de la Nation et l'intégrité territoriale du Royaume dans ses frontières authentiques.“ 14
11 Weber, Wissenschaftslehre: S. 478.
12 Tozy, Monarchie: S. 75 ff.
13 La Constitution du Maroc, version 1996. Titre premier: dispositions générales des principes fondamentaux. Article premier.
14 La Constitution du Maroc, version 1996. Titre II: de la Royauté, Article 19.
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Mohamed Amjahid, 2009, Alte Monarchie im neuen Format, Munich, GRIN Publishing GmbH
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