Einleitung
Die Subjektivität des Schönen, der Umstand, dass es nicht „an sich“, sondern „für uns“ ist, wird spätestens bei Nietzsche individualisiert. Über den Geschmack lässt sich nun nicht mehr streiten, da jedes Individuum seinen eigenen Geschmack hat. 1
Die nachfolgende Hausarbeit setzt sich mit Friedrich Nietzsches Werk „Jenseits von Gut und Böse“ auseinander. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Problematik des Geschmacks sowie dem Zusammenhang zur Vornehmheit. Wenn wir im Folgenden an die Herausarbeitung der Frage herangehen, was Nietzsche unter Geschmack versteht, sehen wir uns zunächst einer allgemeinen hermeneutischen Schwierigkeit gegenübergestellt. Anders nämlich als z.B. in den Werken Kants finden sich bei Nietzsche die Grundbegriffe des Philosophierens nirgends systematisch exponiert. Der Leser verliert sich leicht in polemischen Thesen, entgegengesetzten Äußerungen und verhüllten Ansichten. Um den Gegenstand der Hausarbeit untersuchen zu können ist es also zunächst einmal wichtig, das Werk „Jenseits von Gut und Böse“ näher zu betrachten und den Geschmacksbegriff in der Philosophie zu erläutern. Dies findet im nachfolgenden Teil statt. Anschließend werde ich mit dem Kapitel zu den „Unterscheidungen des Geschmacks bei Nietzsche“ fortfahren um folgerichtig in einem letzten Kapitel den „Zusammenhang zwischen Vornehmheit und Geschmack“ herauszuarbeiten.
1. Historische und Zeitgenössische Hintergründe
Um eine angemessene Darstellung des Geschmacks und der Vornehmheit bei Nietzsche in seinem Werk “Jenseits von Gut und Böse“ vorlegen zu können, müssen die Wandlungen, die seine Denkweise im Laufe der Entwicklung seiner Philosophie durchgemacht hat, berücksichtigt werden. Es erweist sich daher als vorteilhaft, die historische Reihenfolge seiner Schriften zu betrachten, da seine Begriffe abhängig sind vom Kontext, indem sie stehen.
1 Vgl. FRÜCHTL, Josef: Ästhetische Erfahrung und moralisches Urteil, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996, S. 17
3
Nietzsches Schaffen lässt sich in drei Phasen einteilen. Die erste Phase - von 1869 bis 1876 - zeigt den überwiegenden Einfluss Schopenhauers und Wagners, wobei aber die Schopenhauersche Verneinung des Willens zum Leben von Nietzsche von Anfang an abgelehnt wird. Im zweiten Abschnitt - von 1876 bis 1882 - wird die Loslösung von Schopenhauer und von der Metaphysik deutlich und Nietzsche wird zu einem scharfen Kritiker und freien Geist, der sich in die Nähe des Positivismus bewegt. Er preist die Wissenschaftlichkeit und entsprechend wird für ihn das Erkennen zum Zweck des Lebens. Die dritte Phase - von 1882 bis 1888 - zeigt hingegen die Abkehr vom bloßen Wissen und die Skepsis gegenüber der herkömmlichen Moral, insbesondere dem Christentum. Nietzsche lehrt eine Moral der Vornehmheit, eine aristokratische Moral, welche die Höherzüchtung des Menschen im Auge hat und eine Umwertung aller bisherigen moralischen Werte voraussetzt. 2
1.1. Zum Werk „Jenseits von Gut und Böse“ 3
Nietzsche gliedert sein aphoristisch stilisiertes „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“ in neun Hauptstücke. Thematisch knüpfen die ersten Kapitel an die früheren Schriften immer wieder an, führen aber über sie hinaus in die neue, zumindest neuerdings gefestigte Perspektive. Das vierte Kapitel „Sprüche und Zwischenspiele“ verrät seinen Intermezzo-Charakter schon im Titel. In den Kapiteln 5-8 wendet sich Nietzsche dann seinen philosophischen Grundthemen Ethik, Ästhetik und Kunsttheorie, Metaphysik und Erkenntniskritik zu. Zum Schluss bemüht sich Nietzsche um eine Klärung seines Selbstverständnisses. Nietzsches neuer Standort liegt wesentlich jenseits der bisherigen philosophischen Tradition, die alles unter dem dualistischen Dogma von der Gegensätzlichkeit von „Gut“ und „Böse“ sah, die „Böses“ als selbständige geistige Realität postulierte, als Antagonisten gegen das „Gute“. Der Gegensatz Gott - Teufel fällt für Nietzsche metaphysisch fort, somit auch die Grundlage einer metaphysisch fundierten Moral des „Guten an sich“ (Platon). 4 Mit diesem Buch hat Nietzsche das Gebiet der
2 Vgl. KIOWSKY, Hellmuth: Der metaphysische Aspekt des Mitleids, Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien: Peter Lang, 1995, S. 119
3 Im Folgenden mit JGB abgekürzt
4 JANZ, Curt Paul: Biographie, in: Digitale Bibliothek Band 31: Friedrich Nietzsche: Werke, München: Hanser Verlag, 2004, S. 453
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Philosophie abgesteckt, auf das er seinen Blick richtet. Es ist das Gebiet, das seit der Antike von der Empirie abgegrenzt ist, als dasjenige der spekulativen Philosophie, Ethik und Dialektik. Es ist zwar wohl dieses aus der Antike übernommene Gebiet, aber Nietzsche durchleuchtet es von einem völlig neuen Standort aus, der jenseits von „Gut“ und „Böse“ liegt, was nicht heißt: ohne Moral, sondern mit einer Moral, die nicht nur und ausschließlich mit den Begriffen Gut und Böse misst und wägt. 5
1.2. Zum Begriff des Geschmacks in der Philosophie
Der Geschmack im philosophischen Sinn bezieht sich zumeist auf das Teilgebiet der Ästhetik. Im Allgemeinen wird Geschmack definiert als „[...] ein besonderer Sinn für die angemessene Beurteilung des ästhetisch
Schönen/Häßlichen. Urteile dieses Sinns sind keine Erkenntnisurteile; sie sind jedoch auch nicht bloß Expressionen subjektiver Stimmungen. Vielmehr sind Geschmacksurteile als ästhetische Werturteile aufzufassen und daher in Analogie zu moralischen Werturteilen zu 6 verstehen. Insofern läßt sich der G. selber als „ästhetisches Gewissen“ definieren.“ Dieses „ästhetische Gewissen“ kann auf besondere Weise kultiviert oder auch vernachlässigt werden. Umstritten ist jedoch die Frage nach dem Kriterium ästhetischer Kultivierung.
Bei den Griechen in der Antike ist zunächst die Frage des ästhetischen Urteils ohne Bedeutung, da sie Schönheit ontologisch definieren. Für Platon ist die „Schönheit die Offenbarung des Seins auf seinen verschiedenen Stufen.“ 7 Sie ist nur auf das Objekt bezogen, dessen wirkliche Schönheit erkannt werden soll. Im Mittelalter entwickeln sich neue Ansätze zur Bestimmung des Geschmacksbegriffs. Die besondere Leistung liegt in der formalen, materiellen Fixierung von „gustus“ und „sapor“, die durch Analogie und Etymologie gewonnen wird. 8
Das 16. Jahrhundert zeichnet sich durch eine vermehrt ästhetische und moralistische Reflexion aus. Diskussionsgrundlage sind die Poetiken des Horaz und des Aristoteles. Dabei zeigt sich, dass innerhalb dieses Rahmens der Geschmacksbegriff als ästhetische Kategorie seinen Anfang hat und im laufe des
5 Ebd. S. 475 6 LÜTHE, Rudolf: Geschmack, in: Metzler Philosophie Lexikon, Hg. P. Prechtl und F.-P. Burkard, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 1999, S. 205 f.
7 FRACKOWIAK; Ute: Der gute Geschmack, München: Fink, 1994, S. 15
8 vgl. Ebd. S. 23
5
16. Jahrhunderts zu einer unverzichtbaren Komponente ästhetischer Reflexion wird. 9
Das 17. Jahrhundert tritt als dasjenige hervor, welches den Geschmacksbegriff in seiner Tragweite für die Ästhetik begreift, ihn theoretisch begründet und diskutiert und ihm zentrale Positionen in den Diskursen der Poetik und Moralistik zuspricht. 10 In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde letztlich die Ästhetik als philosophische Disziplin von Alexander Gottlieb Baumgarten begründet. Als solche ist sie eine frühe Form systematischer Kritik an der neuzeitlichen Rationalität. 11
Als Endpunkt der Entwicklung des Geschmacksbegriffes gilt die „Kritik der Urteilskraft“ von Immanuel Kant. 12 Er versucht, das ästhetische Urteil von der bloß sinnlichen Empfindung des Angenehmen abzugrenzen, weil dieses sich als unverbindlich, nämlich als ein auf Privatgefühl gegründetes Urteil erweist. 13 Das, was in der Empfindung gefällt, so betont Kant, ist beliebig, inkompatibel mit dem sensus communis und kann insofern keinen Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit erheben.
Die Ästhetik im 19. Jahrhundert ist schließlich gekennzeichnet durch den Zerfall der klassischen Systeme. Die Neigung zum Subjektivismus popularisiert Schopenhauer, der das Leben in einer Welt als Wille und Vorstellung pessimistisch beurteilt. Bei ihm ist die Ästhetik, und damit ihre kritische Funktion, ganz verweltlicht.
Obwohl Schopenhauer und Kant in gewisser Hinsicht für Nietzsche das Terrain vorbereiten, nimmt er deren Begriffe in Anspruch, um die von ihnen vertretenen Positionen zu untergraben. Reuber 14 bemerkt mit Recht, dass Nietzsches Ansatz der Kantischen „Analytik des Schönen“ widerspricht. Dabei macht uns Reuber auf den Umstand aufmerksam, dass Nietzsche gerade ein solches Urteil unter Berufung auf den sensus communis als nicht von dem Urteil über das Schöne abgelöst versteht:
9 vlg. Ebd. S. 51
10 vgl. Ebd. S. 126
11 KOSSLER, Matthias: Ästhetik als Aufklärungsprinzip bei Schopenhauer und Nietzsche, in: Nietzsche,
Hg. Renate Reschke, Berlin : Akademie Verlag, 2004, S. 255
12 FRACKOWIAK; Ute: Der gute Geschmack,, München: Fink, 1994, S. 13
13 Siehe dazu: Kritik der Urteilskraft § 3 und § 5
14 REUBER, Rudolf: Ästhetische Lebensformen bei Nietzsche, München: Fink, 1988, S. 90 f.
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Arbeit zitieren:
Saskia Nicolai, 2009, Zur Problematik des Geschmacks in Nietzsches Werk „Jenseits von Gut und Böse“, München, GRIN Verlag GmbH
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