Markus Staender: „Lust und Liebe -
I
Vom Begehren über die Liebe zum strategisch geführten Krieg“
Inhaltsverzeichnis
I Inhaltsverzeichnis I
1 Gefühle 1
1.1 Begriffsdifferenzierung 1
1.2 Philosophische Perspektive 2
1.3 Naturwissenschaftliche Erkenntnisse 2
2 Gefühle und Verstand 3
3 Leidenschaft 5
3.1 Unterschiede zwischen den Geschlechtern 7
3.2 Homosexualität - Anomalie oder Privileg? 7
3.3 Sexualverhalten 8
4 Grundlagen des Begehrens 8
4.1 Der Geruchssinn als Faktor der Anziehungskraft 10
4.2 Visuelle Faktoren 10
4.3 Die Bedeutung des sozialen Rangplatzes 11
4.4 Neurobiologische Grundlagen der Sexualität 11
5 Liebe 12
5.1 Partnerwahlkriterien 12
5.2 Verliebtheit 13
5.3 Liebe lernen 16
5.4 Treue. 16
5.5 Mangel und Gewohnheit 17
5.6 Bedeutung des Anderen für das körperliche Wohlbefinden 17
6 Der Krieg der Geschlechter 18
II Literatur- und Quellenverzeichnis II
1 Markus Staender: „Lust und Liebe -Vom Begehren über die Liebe zum strategisch geführten Krieg“
1 Gefühle
Ein Leben ohne Gefühle können wir uns nicht vorstellen. Wir leiden zwar bei Zuständen wie Angst, aber auch Gefühle wie Verliebtheit und Lust können etwas Beunruhigendes haben, wenn sie uns beherrschen. Schon der Sprachgebrauch deutet auf die Macht der Gefühle: sie „ergreifen“ und „packen“ uns. Der Erlebnischarakter ist bei Gefühlen - die typischerweise gegenstandsarm und unpräzise bleiben - stärker als bei der Wahrnehmung und den kognitiven Zuständen. 1 Sie kommen zu den Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken hinzu. Besonders intensiv ist die Verbindung zwischen der Erinnerung und Gefühlen. Gefühle beeinflussen unser Verhalten und gehen mit deutlichen körperlichen Empfindungen einher. Da die Zuordnung weitestgehend angeboren ist, sind Emotionen in gewissem Maße objektivierbar. So sind etwa der Hautwiderstand und Adrenalinspiegel beim Anblick einer Filmszene messbar. 2 Hinzu kommen natürlich viele sozial vermittelte und auch individuelle Verhaltensweisen: so kann sich etwa Aggressivität hinter einem Lächeln verbergen.
1.1 Begriffsdifferenzierung
Die Leidenschaften sind alles, „was das Tier oder der Mensch - im Sinne der Leideform, des Passivs - erleidet“. 3 Damit wären sie der Betätigung unserer Willenskräfte entgegengesetzt. Der Begriff der Leidenschaften wurde mit der Zeit durch den Begriff der Emotionen ersetzt: dieser beinhaltet die Vorstellung der Bewegung (movere) und geht auf Descartes zurück. Doch Emotionen sind komplexe Zustände, die nicht allein durch Gefühle beschrieben werden können. 4 Heute bezeichnet Leidenschaft ein starkes Gefühl, das einem anderen Menschen gilt - das aus Liebe oder wegen sexueller Anziehung empfunden wird -, oder auf irgendein Objekt gerichtet ist, das uns vollständig gefangen nimmt.
1 Roth, S. 285
2 Roth, S. 286
3 Vincent, S. 15
4 Schwarting, S. 10
2 Markus Staender: „Lust und Liebe -Vom Begehren über die Liebe zum strategisch geführten Krieg“
1.2 Philosophische Perspektive
Die philosophische Tradition sah Gefühle lange Zeit als etwas Schlechtes: schon Platon übte - noch schärfer als Aristoteles - Kritik: es gäbe drei Seelenbegehren: die Begierden, Mut und die Vernunft. Das Geschlecht der Begierden sei von den beiden anderen im Zaum zu halten. Die Lust sei „des Schlechten stärkster Köder“. 5
Nach Leibniz werden wir durch Gefühle „verdunkelt und unvollkommen“. 6 Die Philosophie des 18. Jahrhunderts mit ihrer Betonung des Sinnlichen sieht Gefühle als etwas Positives. Für Kant waren sie „subjektive Urteile“ in Form von „Wohlgefallen“ oder „Missfallen“. Für Gefühle im Sinn der Leidenschaften zeigte er jedoch Verachtung: sie würden das ethische Urteil trüben. Nach Freud war das Unbewusste Ort der wilden Triebe, die den Instinkten der Tiere vergleichbar sind. Er forderte: „Es muss Ich werden“. 7
1.3 Naturwissenschaftliche Erkenntnisse
Emotionale Zustände waren lange kein vorrangiger Gegenstand der Neurowissenschaften, da man die Gefühle im Hirnstamm ansiedelte. Was den Menschen allerdings auszeichne, sei der Neocortex, der Ort „höchster Hirnleistungen“, die eben kognitiver Art seien. 8 Paul MacLeans Modell der „Drei Gehirne“ hatte hier erheblichen Einfluss ausgeübt: es gäbe ein Reptiliengehirn, ein frühes Säugetiergehirn und ein entwickeltes Säugergehirn: zwischen dem limbischen System und dem Neocortex würden nur wenige Verbindungen existieren. Deshalb sei es so schwer, Gefühle rational zu kontrollieren. Dieses Modell erwies sich später als falsch.
Eine bemerkenswerte Beobachtung lies sich bei Störungen des limbischen Systems bei menschlichen Patienten machen, insbesondere bei Schädigungen des Stirnlappens und der Amygdala. Der Verlust dieser
5 Roth, S. 288
6 Roth, S. 287
7 Roth, S. 288
8 Roth, S. 289
3 Markus Staender: „Lust und Liebe -Vom Begehren über die Liebe zum strategisch geführten Krieg“
Zentren lässt Menschen nicht nur ihre Gefühle verlieren: bekannte Gefahren werden nicht mehr gemieden, obwohl die Personen teilweise in der Lage sind, ihr Fehlverhalten zu beschreiben. Die Ironie an der Sache: das, was viele Philosophen gefordert hatten, nämlich die Gefühle zu unterdrücken, endete hier gerade in unvernünftigem Verhalten.
Gefühle haben ganz schlicht auch eine hohe biologische Bedeutung: sie sind mit körperlich-vegetativen Zuständen verbunden und haben damit Signalwirkung, um das Überleben zu sichern. Sie greifen motivierend in die bewusste Verhaltensplanung ein, indem sie bestimmte Verhaltensweisen befördern. Genauso unterdrücken sie aus Furcht oder Abneigung andere. Wir sehen also: „Ohne emotionalen Impulse keine Aktionen!“ 9
2 Gefühle und Verstand
Nach Thomas von Aquin leide der Mensch „unter dem Gegensatz zwischen dem Begehren der Vernunft, in dem sich der Wille manifestiere, und dem der Sinne, die den menschlichen Leidenschaften unterworfen seien“. 10 Steht der blinde Instinkt des Tieres tatsächlich in so krassem Gegensatz zur bewussten Intelligenz des Menschen? Instinkt und Vernunft sind keineswegs unvereinbar. Nach La Chambre seien allen Regungen des Begehrens zwei Urteile vorgeschaltet. 11 Erstens, die Erkenntnis, dass das Vorhaben gut, zweitens, dass es dass machbar. Dies kommt dem nahe, was heute mit den kognitiven Funktionen gemeint ist. „Ebenso wie das Computer-Gehirn ist auch das humorale Gehirn Opfer und Täter zugleich, einerseits von den Leidenschaften gebeuteltes Objekt und andererseits Organisator der eigenen Leidenschaft“. 12
Emotionale Zustände sind Leistungen des limbischen Systems. Dieses ist hierarchisch strukturiert: auf der untersten Ebene liegen die Zentren für elementare, affektive Zustände. Sie sind der Ursprung vegetativer Reaktionen und der damit verbundenen emotionalen Zustände. Diese Ebene
9 Roth, S. 291
10 Vincent, S. 13
11 Vincent, S. 14
12 Vincent, S. 20
4 Markus Staender: „Lust und Liebe -Vom Begehren über die Liebe zum strategisch geführten Krieg“
ist schwer bewusst zu steuern und macht zum großen Teil unsere Persönlichkeit aus. Ihre Grundzüge entstehen sehr früh, sind zum großen Teil angeboren. Die Zentren auf der mittleren Ebene der emotionalen Konditionierung, die bereits im Mutterleib arbeiten, können wir in Grenzen erfahrungsabhängig kontrollieren. Wir bewerten alles, was der Körper tut, nach den Konsequenzen und speichern dies im unbewussten emotionalen Erfahrungsgedächtnis. Die größte Bedeutung hat diese Ebene in der Zeit nach der Geburt, in der besonders intensiv empfunden und bewertet wird. Das emotionale Gedächtnis lernt relativ langsam, aber nachhaltig. Die oberste, bewusstseinsfähige Ebene für Bewertungen, die auf Wahrnehmung und autobiographischen Gedächtnisinhalten beruhen, wird durch die Erziehung stark beeinflusst und hat meist Moralvorstellungen als Ergebnis. Sie wird massiv durch die untere und mittlere Ebene beeinflusst. Einem konstitutionell oder aufgrund frühkindlicher Konditionierung ängstlichen Menschen wird die bewusste Kontrolle „von oben nach unten“ nur beschränkt möglich sein: die Langsamkeit des emotionalen Umlernens ähnelt dem impliziten, subcortikal vermittelten Lernen, wie z. B. von Fahrradfahren. Selbst wenn es bewusst erfahren wird, läuft es hauptsächlich subcortikal-implizit ab. Gefühle beherrschen also eher den Verstand als umgekehrt. Das ist auch gut so, denn unsere konditionierten Gefühle sind konzentrierte Lebenserfahrung. Ohne sie wären wir rein passive Wesen. 13 Das Bewusstsein auf der anderen Seite ist wichtig, wenn noch keine Vorgaben im Gedächtnis abgespeichert sind und bei langfristigen Planungen. Da hier viele Gesichtspunkte und Erfahrungen miteinander kombiniert werden müssen, benötigt das Gehirn die Ebene der Verhaltenssteuerung. „Zur Bewertung gehört das affektiv-emotionale, relativ detailarme Erfassen der gegenwärtigen Situation und der Vergleich mit dem emotionalen Gedächtnis. Dies wird begleitet vom mehr oder weniger unemotionalen detaillierten Erfassen der Sachlage mithilfe des cortico-hippocampalen Systems“. 14 Beim Abwägen der Konsequenzen kann die cortikale Aktivität
13 Roth, S. 375
14 Roth, S. 376
Arbeit zitieren:
Markus Staender, 2007, Lust und Liebe - Vom Begehren über die Liebe zum strategisch geführten Krieg, München, GRIN Verlag GmbH
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