Die staatliche Verschuldung steigt, obwohl die Bürger mehr und mehr Steuern, Gebühren und andere Zwangsabgaben abzugeben haben. Gleichzeitig soll der Bürger zur Wahl gehen oder besser: Er soll seine eigene Ausplünderung bestätigen! - Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte im Berliner Bergfried, der irgendwann tief im finsteren 21. Jahrhundert existiert haben muss. An der machtvollen Tafelrunde räkeln sich die Edlen und fachsimpeln über die Ideen der Mob-Zocke: „Wie nehmen wir ihm seine Talerchen ab und bekommen gleichzeitig so viele Kreuzchen, um an der feisten Tafelrunde wieder Platz nehmen zu dürfen?“ - Das ist die Kernfrage, die die Edlen im Berliner Bergfried täglich umtreibt. Die satirischen Ausführungen werden mit Hilfe von Zeitungsausrissen begleitet. - „Was ist Satire, was ist Realpolitik?“, stellt sich so manches Mal die schockierende Frage.
Für den wissenschaftlich interessierten Leser: Dieser eher humoristische Beitrag lässt sich systemtheoretisch interpretieren. Als Impulsgeber für die systemtheoretische Diskussion in der Soziologie und darüber hinaus steht der Soziologieprofessor Niklas Luhmann, der die Systemtheorie als Gesellschaftstheorie populär gemacht hat. Die Idee ist, Maschinen, Lebewesen, Menschen, Menschengruppen, Institutionen als Systeme - als lebende Organismenaufzufassen, die sich gegenüber ihren jeweiligen Umwelten mehr oder weniger geschlossen und offen geben. „Die neuere Systemtheorie ist eine Theorie der Beziehungen zwischen System und Umwelt in dem Sinne, als sie die herkömmliche analytische Isolierung von Einzelsystemen überwinden will und Systeme immer nur im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt zu erfassen sucht.“ 1 Ein interessantes Phänomen dabei ist, dass diese Systeme die Fähigkeit haben, sich aus sich selbst heraus zu reproduzieren und zu verstärken. Systeme bestätigen sich also selbst. Vor diesem Hintergrund bekommt die Lektüre noch einen besonderen Beigeschmack.
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Was hier geschrieben steht
Was hier geschrieben steht. 3
Der Schreiber spricht 4
Ein Platz an der Tafelrunde 5
Die Hochburg für Wohltaten: Die Wohlburg 9
Der Tanz der Edlen um die Schuldenbremse 13
Edle , schüret den Neid des Mobs 17
Die schwere Sünde des Talerchengeheimnisses 20
Keine Steuer, sondern „Solidarität“ 22
Mobilisten - der Mob als reisender Goldesel. 26
Wenn der Mob zur Arbeit kutschiert 28
Vom Brückenzoll zur Maut. 30
Der Mob, die arme Sau. 33
Den Mob gebührlich abkassieren. 35
In der Schlacht gegen die bösen Steueroasen 38
Wer viel tafelt, braucht viele Diäten 41
Die große Dürre aus dem fernen Großtum der Usaren 44
Vor der großen Wahl zum Bergfried. 50
Der greise Mob muss es richten. 54
Vom Großtum zur Bananenrepublik 58
Schluss. 61
3
Der Schreiber spricht
Lieber Mob,
bald ist es soweit. Eure große Stunde naht! Die Marktschreier sind in den Städten unseres Großtums unterwegs und rufen es aus: „Kommet zusammen und macht Euer Kreuzchen, um zu bestimmen, welche Ritter, Fürsten und Vasallen an der reich gedeckten Tafel im Berliner Bergfried Platz nehmen dürfen.“
Lasset uns, lieber Mob, diese Zeit der Marktschreier nutzen, um den Edlen auf die Finger zu schauen. Waren sie auch wieder edel und gut? Haben sie sich ihren Platz an der reicht gedeckten Tafelrunde im Bergfried verdient? Haben sie ordentlich Wohltaten über die hohen Mauern ihrer prächtigen Schlösser gekübelt?
Gebt beim Blättern dieser Schrift fein acht und haltet ein Taschentuch bereit. Denn bald werden Eure Tränchen kullern, wenn Ihr merkt, wessen Talerchen in den Kübeln der Edlen klingeln: Mob-Zocke!
Euer Schreiber und Gazettenleser
Pseu Donym
4
Ein Platz an der Tafelrunde
Wir befinden uns im finsteren Beginn der 21. Jahrhunderts. Hoch streckt sich der Berliner Bergfried über die Nebelschwaden, die der eisigen Frühlingssonne über den Wiesen des Machtzentrums des Großtums trotzen. Dumpfe Stimmen klingen durch die engen Schießscharten des Bergfrieds. Angestrengtes Gemurmel der edlen Tafelrunde dringt an die Ohren des Mobs, der in der sinnfreien Hoffnung auf eine milde Gabe träge vor den Toren des Bergfrieds herumlümmelt. Glaubte man den Gazetten des Großtums, hatte die Enthauptung des Sozialstaats gerade stattgefunden. Was war passiert?
Wirft man einen Blick durch die Ritzen der schweren Eichentür des Bergfrieds, sieht man den schwarz-roten Ritter Peer gestikulieren. In seiner ehrwürdigen Eigenschaft als oberster Schatzschatullenhüter thront er an der Stirnseite der großen Tafelrunde, an dessen Flanken die Edlen des Großtums auf ihrem Gestühl hocken. Hier ist sie versammelt: Die geballte Macht des Großtums. Dort thronen sie, die Ritter mit all den Fürsten und Vasallen, die den Hofstaat prägen und die Geschicke des gesamten Reiches lenken. Hier werden die Regeln des Großtums ersonnen, die in den Pergamenten niedergeschrieben wurden, um sie dem Mob kund zu tun, auf dass er sich gebührlich verhalte. - „Gebührlich!“, was für ein klangvolles, ja gerade zu edles Wort. Denn hierin steckt ein klingender Auszug des Wortschatzes: „Gebühren“! Es verleiht auf geradezu perfid-perfekter Weise der Sehnsucht aller Edlen nach Talerchen Ausdruck.
Denn in dieser längst vergessen geglaubten Ära, in der sich die Geschichte der Tafelrunde im Berliner Bergfried zuträgt, hatten die Edlen eine gar große Sehnsucht nach Talerchen entwickelt: Gut gefüllte, große Schatullen benötigen die Edlen. Gar nicht genug Talerchen können die Edlen eintreiben, um den Mob mit Wohltaten zu überschütten. Oder zumindest mit Taten, die die Edlen als „Wohl“ anpreisen können. Denn, so lautet die gelernte Regel im Großtum, je mehr Wohltaten ein Edler aus der Taufe heben konnte und kübelweise über den Köpfen des Mobs er entleert, desto edler ist er. Was dem Mob einst die Anzahl ihrer Kinder waren, sind in dieser Zeit den Edlen die Wohltaten, die sie mit ihren Vasallen und Schergen verwalten.
Aber warum ersinnen die Edlen diese Wohltaten? Und wie kam es zu dem Gemurmel in den Gassen und Gazetten, dass der Sozialstaat gerade zur Guillotine geführt wurde? Nun, das ist eine lange Geschichte, deren Gipfel der Genüsse Ihr Schreiber und Gazettenleser hier vor Ihnen ausbreitet. Aber der Reihe nach:
Ihr höret es derzeit selbst: Die Marktschreier rufen Euch auf, Euer Kreuz zu machen. Sehr zum Ungemach der Edlen ist es der Mob, der die Sippschaft der Edlen bestimmt, die im Bergfried tafeln dürfen. Und es tafelt sich soooo trefflich im Berliner Bergfried! Wo im Großtum findet sich so edles Gestühl in einer so wohlgeformten Burg? Allein die hohen Räume zu heizen, ist angesichts der Energiepreise - die freilich zu einem Gutteil in den Schatzschatullen der Edlen landen - kaum einem Edlen, geschweige denn dem Mob, noch möglich. Und wer kann sich heute noch eine Kutsche leisten, mit der man sich in den Urlaub chauffieren lassen kann? Ohja, die Pfründe der Edlen können sich sehen lassen!
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Aber was die Sehnsucht nach einem Platz im Bergfried belebt, ist mehr: Nur die Edlen im Bergfried dürfen Wohltaten beschließen, die sie umso edler machen. Und nicht nur das: Sie allein dürfen beschließen, wie die Wohltaten zu bezahlen sind. Was für ein glückliches Gefüge der Macht so ein Stuhl im Bergfried doch bedeutet!
Und der Mob? Er seinerseits liebt die edlen Wohltaten und weiß sie durchaus zu schätzen. Warum auch nicht? Man denkt sich bauernschlau: „Mit jeder Monatsfrist, an dem mir mein Lehnsherr den Arbeitszins darbringt, bekomm ich nur einen kleinen Teil in die schwielige Hand gezählt.“ Doch wieso bekommt der Mob nicht all seine Talerchen seines Arbeitszinses mit auf den Weg? Nun: Der Rest landet direkt in der Schatulle des schwarz-roten Ritters Peer, der dort an der Tafel sitzend gestikuliert, um damit die vielen Wohltaten zu finanzieren. „Unlogisch?“, denkt Ihr Euch? Aber, aber, wer wollte da die Stirn runzeln! „Also“, denkt sich der Mob völlig zu Recht, „da hol ich doch so viel Wohltaten wie möglich aus dem Berliner Bergfried heraus.“
Und so nimmt das Drama seinen Lauf. Denn ob Ihr es glaubt oder nicht: Der Mob - also Ihr selbst, werter Leser! - ist mit den Wohltaten eigentlich nie zufrieden. „Dass diese Edlen auch nie Gerechtigkeit walten lassen können!“, klagen die Gazetten. „Kinderarmut, ungerechtes Steuersystem, mangelnde Chancengleichheit“: 2 der Mob schreit bei jeder Gelegenheit nach Wohltaten, was den Edlen große Freude bereitet. Denn, ja richtig, die machen sie edel! Also: Her mit neuen Wohltaten! - Und die Gazetten helfen den Edlen im Berliner Bergfried dabei: Sie helfen, indem sich der Mob täglich ein Bild verschafft, wie gut es dem Nachbarn geht und - oh, Schreckwie elend man angesichts dessen selbst dasteht. Oh, welche große Ungerechtigkeiten die Gazetten im Großtum täglich sehen müssen! Diese Edlen! Unfähig sind sie! Das müssen sie doch sehen, diese vielen Ungerechtigkeiten! Da müssen doch die Edlen Abhilfe schaffen! 3 Darum spricht man im Berliner Bergfried allgemein von Mob, der stets zänkisch und zum Widerspruch geneigt mit Hilfe der Gazetten seine Wohltaten einfordert.
Quelle: Spiegel online, 10. Dezember 2007
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Doch, oh weh, das ist viel leichter geklagt, als getan! Muss der Mob doch selber für die Wohltaten tief in die Taschen seines verblichenen Arbeitswamses greifen, um die Wohltaten auch zu bezahlen! Denn selber Talerchen prägen, dürfen die Edlen nicht. Das aber ist dem obersten Talerhaus des Großtums vorbehalten. Noch! Die Edlen suchen zwar immer wieder, Einfluss auf das oberste Talerhaus zu nehmen. 4 Das aber zeigt sich bisher unwirsch und entzieht sich immer wieder dem Zugriff der Edlen.
Wie wäre es herrlich einfach, selbst Talerchen zu produzieren, um so stets neue Wohltaten zu ersinnen, die sie über dem Mob ausschütten könnten. Dann wäre das Gestühl im Berliner Bergfried fest in der Hand der Edlen! Aber die Pergamente mit den ehernen Regeln des Großtums stehen derzeit noch zwischen der eigenen Talerchenproduktion und den Edlen.
Quelle: Berliner Morgenpost Online,
20. Juni 2009
Also ersinnen die Edlen wo immer möglich Wohltaten, die der Mob goutiert und neue Abgaben, die der Mob dafür zu berappen hat. Dass der Mob dafür auch Talerchen geben muss, verschweigen die Edlen wann immer möglich. Und dies gelingt ihnen immer wieder 5 - was sie selbst verblüfft!
Die Erfahrung lehrt: Man muss es nur gut begründen und das rechte Wort dafür finden. Oh, was für eine heikle Gratwanderung, stets die rechte Menge an Wohltaten in die Welt zu heben und gleichzeitig viele Talerchen vom Mob einzutreiben. Also ersinnen die Edlen mit ebensolcher großen Kreativität stets neue Abgaben, Steuern und Zölle, um ihrem Mob die Talerchen abzuknöpfen: Mob schreit, Wohltaten drüber schütten, mehr Talerchen eintreiben. Mob schreit erneut und schon beginnt der Kreislauf erneut. Ein Hamsterrad geradezu, aus dem ein Edler nur allzu schnell heraus fällt, wenn er nicht aufpasst.“ 6
Nun ist es aber Zeit, dem obersten Schatzhüter, dem schwarz-rote Ritter Peer, zu lauschen, der gestikulierend das Wort an der Tafelrunde führt. Gerade fachsimpelt die edle Tafelrunde und lauscht den weisen Worten des obersten Schatzhüters: „Edle! Merkt auf! Seid schöpferisch auf der Suche nach Wegen, Talerchen in unsere Schatulle zu spülen. So sprecht nicht immerfort von Zoll oder Zins. Nein! Seid
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vielmehr trickreich und bedient Euch des reichen Sprachschatzes unseres Großtums: Sprechet auch von „Rettungsschirm“, „Kinderbonus“, „Maut“, „Gebühren“ oder auch „Versicherung“.
Wenn sie auch keine Talerchen produzieren dürfen. Sie dürfen ja Gesetze erfinden, um Talerchen dem Mob abzunehmen und - denkt Euch nur - sie dürfen darüber hinaus auch Talerchen leihen! Und, ja klar: Darüber hinaus können sie auf Talerchenjagd jenseits der Grenzen des Großtums gehen. Beispielsweise im tiefen Dickicht der Steueroasen. Und das ist die heimliche Leidenschaft des schwarz-roten Ritters: Großwildjagd im tiefen Dickicht der Steueroasen. Hier kann Ritter Peer zeigen, was für ein toller Kerl er ist!
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Die Hochburg für Wohltaten: Die Wohlburg
Wer viele Wohltaten vollbringt, muss die auch jedem kundtun und prächtig zur Schau stellen. Das ist eine sehr edle Eigenschaft, die seit Jahrhunderten nicht nur in unserem Großtum gepflegt wird. Am eindrucksvollsten dafür waren Burgen und Schlösser, die seit je her Zeitzeugen der Macht ihrer Erbauer waren. Dieses Prinzip gilt bis in unsere finstere Zeit des 21. Jahrhunderts. So gibt es in allen Teilen des Großtums prächtige Bauwerke, wie den Berliner Bergfried, die Bergfriede der Landesvasallen, und selbst eine Hochburg für Arbeit im Vasallenland der Franken hatten die Edlen errichten lassen. Ritter Olaf neigt sein kahles Haupt und ergreift das geschliffene Wort in der Tafelrunde: „Wir müssen dem Mob gerade in Zeiten der Wahlen zum Bergfried jederzeit eindrucksvoll präsentieren, wie wohltätig wir sind“, doziert Ritter Olaf, der der oberste Wohltäter für die Arbeitsknechte im Großtum ist.
Andächtig verfolgen die Edlen der Runde den Ausführungen ihres wichtigen Mitstreiters. Das Hoheitsgebiet von Ritter Olaf ist ihnen besonders wichtig. „Er ersinnt vor allem Wohltaten für jenen Teil des Mobs, der keine Arbeit hat. Und das sind besonders wichtige Wohltaten, weil sie eindrucksvoll für das Edelsein der Ritter stehen“, wispert ein Vasall dem neuen Karl-Theodor zu, der erst jüngst aus dem rustikalen Land der Bayowaren in die Berliner Runde eingezogen ist. Dieser blickte seinen Tischnachbarn verwirrt an, so dass der Vasall ergänzt: „Der Mob, der keine Arbeit hat, lungert vor den Toren der Burgen herum und stellt damit öffentlich zur Schau, wie bedürftig er ist. Also können die Edlen hier gut demonstrieren, wie wichtig ihre Arbeit für das Wohl des Mobs ist.“
Quelle: Der Westen, 22. April 2009
Ritter Olaf plappert derweil unbeirrt weiter. Fast 100.000 Knechte arbeiten auf und im Auftrag seiner Burg nur für jenen Teil des Mobs, der keine Arbeit hat. 7 Eine tolle Burg ist das, die mit einem gigantischen Talerchenvorrat von den Edlen versorgt wird.
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50 Milliarden Talerchen kippt allein die Hochburg für Wohltaten von Jahresfrist zu Jahresfrist über den Mob aus. 8 Und was für tolle Wohltaten die Edlen bereits erfunden hatten: Die Edlen vergeben Wohltaten für Mobisten ohne Arbeit, sie fördern Mobisten mit Fortbildung und suchen gar nach Arbeit für solche, die selbst keine finden. So höret und staunet: Fast 20 Prozent der Mobisten finden mit Hilfe der Hochburg für Wohltaten eine neue Betätigung. 9 Was für eine tolle Leistung! „Ja, oh, da sind wir aber edel - gerechter geht es ja gar nicht“, freuen sich die Edlen.
So schleudern die Knechte der Wohlburg nach Gutdünken Wohltaten über ihre hohen Mauern, so dass die arbeitslosen Mobisten sie auffangen können - zumindest einen Teil des Talerchensegens: Denn ein Großteil der gezockten Talerchen landen gar nicht in den Kübeln für den Arbeitlosen Mob, sondern werden nach Gutsherrenart in Naturalien umgeleitet. „Weiterbildung“ lautet die Zauberformel, mit der sich die Talerchen gar trefflich umleiten ließen. Eine äußerst gefällige Vorgehensweise: Denn in dem Rat der Wohlburg, die das große Gemäuer verwalten, tafeln Vertreter des Mobs, die Arbeit geben und die Arbeit nehmen. Und man musste schon sehr, sehr lange zu Tisch sitzen, um beim Gelage zu beschließen, welche Talerchen dem Mob über die hohen Mauern zugeworfen wurde und welche in Form von Naturalien beim ihm landen sollten.
Quelle: Spiegel online, 7. Februar 2002
Ein tolles System, um alle Beteiligten glücklich zu stimmen! Eine echte Wohlburg, deren einziger kleiner Makel darin besteht, dass niemand so richtig weiß, wofür sie wirklich gebraucht wurde - außer zum Edel sein! Allein der oberste Hof der Talerchenrechner klopft in steter Jahresfrist an die Tore der Wohlburg und überbringt Pergamente mit gar garstigen Worten: Unkorrekt, ineffizient, 10 wasserköpfisch, 11 nicht nachvollziehbar, so die stets gleichen Worte. 12 Und auch der eine oder andere Knecht selbst klagt: „Der Weiterbildungsmarkt ist ein undurchsichtiger Dschungel, bei dem das Angebot und nicht die Interessen der Arbeitslosen darüber entscheiden, was passiert. 13 Oder: „Für den Betrieb einer Weiterbildungseinrichtung muss man nicht mehr Know-how nachweisen als für eine Frittenbude", kommentieren Vertreter des Arbeitermobs. 14 - So richtig zufrieden sind die Knechte der Hochburg wohl selber nicht mit ihrer Arbeit. Die Erfolgsquote der Arbeitsknechte auf der Burg
10
schwindet von Jahresfrist zu Jahresfrist, trotz der vielen, vielen Talerchen, die sie so fleißig über die Mauern schaufeln! Wie konnte das nur passieren? - Nun, längst sind in unserem Großtum Arbeitsvermittlungsknechte unterwegs, deren Dienste der Mob selbst übernommen hatte und offenbar auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstatt besser ankommt. 15 So trägt es sich zu, dass die Arbeitsknechte der Wohlburg ihre Vermittlungsquote gar fleißig frisieren, damit ihre sinnfreie Tätigkeit nicht so auffällt: Nicht jeder zweite, wie es in den Pergamenten des Erfolgs der Burg geschrieben stand, sondern nur jeder fünfte Mobist ohne Betätigung wurde hier vermittelt. 16 „Ein Skandal!“, titeln die Gazetten. „Warum brauchen wir so eine Wohlburg?“, erdreistet sich jemand naiv zu fragen. 17 „Schafft sie ab“, rufen gar einige Edle, die kurzzeitig das Glitzern ihrer Wohltaten vermissen. - Da breitet der Edle Olaf beschwichtigend die Arme aus, um die Wogen zu glätten. Flugs und fieberhaft sucht er nach den richtigen Worten: „Was für ein schnell hingesprochener Blödsinn“, 18 kommentiert er nach vielen Monden der Aufregung schließlich diese Aufgeregtheit. Mehr wollte dem Edlen Olaf hierzu einfach nicht einfallen. Die Edlen sind sich hier jedenfalls sehr einig: „Dieses Ungemach sitzen wir aus.“ Denn so eine tolle Wohlburg - welcher der Edlen wollte sie missen?
Quelle: Handelsblatt online, 16. Oktober 2004
Die Wohlburg ist eine der Edlen liebsten Errungenschaften. Sie symbolisiert geradezu perfekt das, wofür die Edlen sich berufen fühlen: Wohltaten verteilen! So üben sich die Edlen, mit lauten Worten, langem Palaver und großzügigen Gesten neue Wohltaten zu ersinnen: Sie nennen es „Investitionen“ oder „Zukunftsprogramm“. Gerade jetzt, wo der Mob zur Wahl gerufen wird, legen sie sich ins Zeug, neue Wohltaten aus dem Boden zu stampfen.
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Und die Gazetten üben sich in ihrer Rolle, den Wohltätern vorzurechnen, wo die Edlen nachlegen müssen und gleichzeitig den stetig wachsenden Talerchenbedarf anzuprangern: „Mehr Talerchen für Bürokratie als für Bildung!“, mahnen sie an. Die Edlen sind dankbar für solche Vorlagen und lochen sie ein: „Wir müssen mehr für die Bildung tun“, lautet ihr Reflex auf solche Meldungen der Gazetten. Das Ergebnis sind stetig wachsende Löcher in den Schatullen des edlen Peers, der dies bei der täglichen Lektüre der Gazetten missmutig zur Kenntnis nimmt: „Die Zahlen sind ernüchternd“, 19 formuliert es die schreibende Zunft. Von Jahresfrist zu Jahresfrist wuchs der Berg der Schulden des Großtums. „Mehr Wohltaten als Einnahmen“; diagnostizieren die Weisen. 20 „Kaum geboren, hat jeder des Mobs schon über 18.000 Talerchen Schulden, die ihm die Edlen bescheren.“ So steigt die Summe der benötigen Talerchen von Jahresfrist zu Jahresfrist: „Sie steigen, steigen, steigen!“ 21
Quelle: Bild Online, 7. August. 2009
Doch aufgemerkt! Dies sind nur die echten Schulden, die bereits in den Pergamenten vermerkt sind! Rechnet man noch die Versprechen der Edlen für die Pensionen der Alten und Kranken hinzu, so trägt jeder eine Last von 63.000 Talerchen mit sich herum. Das ist mehr, als die meisten in Jahresfrist einfahren konnten! So häufeln sich die Schulden, die die Edlen aufgebaut hatten, auf 1,506 Billionen Talerchen - eine Summe, die sich kaum jemand vorzustellen vermag. 22 Die Edlen folgen dem Treiben der Gazetten mürrisch. „Nichts kann man den Mob und ihren Gazetten recht machen“, ereifern sich die Edlen. Was tun?
12
Der Tanz der Edlen um die Schuldenbremse
Peer erhebt sich und schlägt mit einem Löffelchen an seinen silbernen Kelch, um sich der Aufmerksamkeit der Edlen zu versichern: „Edle, ich denke wir sind uns einig, dass es unser heiligstes Ziel ist, auch weiterhin Talerchen auszugeben. Richtig?“ Zustimmend pochen die Edlen auf Holz. Richtig! Das ist das Privileg der Edlen. Darum sitzen sie hier im Berliner Bergfried. „Wohlan“, hebt der schwarz-rote Ritter zum Sprechen an. „Und wir stellen fest, dass der Mob und auch die Gazetten und gar die Weisen zürnen, ob der großen Zahl fehlender Talerchen. Auch richtig?“ Unruhiges Gemurmel erhebt sich. Ja, der Mob rührt sich. Wie unschön!“ -Peer holt tief Luft:„Ihr Edlen, ich denke, es ist an der Zeit, dem Mob ein Signal des Friedens zu senden, auf dass er ruhiggestellt sei.“ Er hält mit einer dramatischen Pause kurz inne, um dann die Bombe platzen zu lassen: „Wir werden eine Schuldenbremse verkünden.“ - Stille! Geradezu entsetztes Schweigen breitet sich aus.
Quelle: Frankfurter Rundschau online, 26. März 2009.
Es dauert nicht lang, da erhebt sich erzürntes Gemurmel vor allem auf der Bank der Tafel zu Peers linker Hand. Die Edlen stecken die Köpfe zusammen und tuscheln: 23 „Ende der Wohltaten“, „Unsozial“ „Enthauptung des Sozialstaates“, 24 sind die Worte, die zu den Ohren des Ritters Peer gelangen.
Da erhebt sich schließlich der Vasall Fürst Klaus, seines Zeichens Regent des Landes, in dem sich der Bergfried der Edlen erhebt, von seinem Gestühl und spricht an den schwarz-roten Ritter gewendet: „Edler Peer, bei allem Respekt. Eine Schuldenbremse bedeutet, keine Talerchen mehr leihen zu dürften. Wie soll ich Wohltaten über meinen Mob ausschütten? Gerade haben wir ein besonders wichtiges Projekt auf den Weg gebracht, das vorsieht, Plätze in den Kinderkrippen zu verschenken. Wie soll ich das dann umsetzen?“ 25 Fürst Klaus schwellt noch während er’s formuliert der Kamm: „Ihr macht uns handlungsunfähig! Ihr redet abstrus!“, 26 ereifert er sich.
13
6. Februar 2009
Peer wendet sich dem Vasallen zu. „Nun Edler Klaus, da kennt Ihr mich aber schlecht. Was sprach ich eben? Ich formulierte doch sehr filigran: ‚Dem Mob ein Signal des Friedens senden.’ Genau das meine ich auch!“ - Aufgeregtes Gemurmel setzt ein! Hatte der listige schwarz-rote Ritter erneut eine Taktik ersonnen, den Mob ruhig zustellen. Und tatsächlich…
Der kluge schwarz-rote Ritter steht auf, um sich die Aufmerksamkeit der Edlen zu sichern: „Höret, Ihr Edlen! Ihr wisst, dass wir die Schuldenbremse schon einmal diskutierten. 27 Ja, daran erinnern sich alle gut. Schon einmal schwirrte die Schmach einer Schuldenbremse durch das Großtum. Den Göttern des Großtums sei’s gedankt, konnte diese in langen Palavern zerredet und so vermieden werden.
„Aufgemerkt! Ihr wisset weiter, dass wir seit Jahrzehnten eine Schuldenbremse in den Pergamenten unseres Großtum festgeschrieben haben.“ 28 Was sollte denn diese Bemerkung? Lautes Palaver setzt ein. Ja, so war zu hören, eine Schuldenbremse gebe es. Sehr richtig. Aber die habe schließlich noch nie funktioniert, und das war ja auch das Gute an dieser Schuldenbremse, sind sich die Edlen einig.
Peer lässt seine flache Hand auf die robuste Eichentafel krachen, so dass die Kelche einen Hüpfer machen. Schlagartige Stille, in die die Stimme des schwarzroten Ritters schneidet: „Und genau an diesen großen Erfolg werden wir anknüpfen“, ruft er aus. Er blickt in ratlose Gesichter an der Tafel. Ja, was denn nun? Hatte der kluge Peer nicht eben noch gesagt, er wolle eine Schuldenbremse einführen? „Ja, Edle, wir werden die Einführung einer Schuldenbremse mit lautem Tam-Tam verkünden, sie mit gar großer Würde präsentieren und damit unsere knallharte Reaktion auf diese ernste Situation zelebrieren“, erklärt der listige schwarz-rote Ritter. „Aber wir werden schon dafür sorgen, dass die Schuldenbremse genauso gut funktioniert, wie bisher. Nämlich gar nicht! 29 Aufgemerkt nun, edle Schar! Mein Rat ist, dass wir die Schuldenbremse erst - ja sagen wir - in zehn Jahren scharf schalten werden. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Spree hinab. Und natürlich soll die Schuldenbremse nur in Zeiten guter Ernten gelten, damit wir auch weiterhin die Talerchen des Mobs zum Fenster hinausschaufeln können. 30 Und - sicher ist sicher
- sollten wir hier im Berliner Bergfried bestimmen können, die Schuldenbremse auszusetzen, falls es uns danach gelüstet. 31 Was meint Ihr, Edle Runde?“ - „Hurra“, ertönt es wie aus einer Kehle. „Ja, das ist eine tolle Schuldenbremse“, erschallt es
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einmütig. Die Edlen springen von ihrem Gestühl und spenden dem edlen Peer stehend Applaus für seine feinsinnige Idee.
„Haltet ein, Ihr Edlen“, lacht der schwarz-rote Ritter Peer. „Diese Taktik kann nur gelingen, wenn wir nicht jeden gleich auf die Hintertürchen verweisen, die wir uns offenhalten. Im Gegenteil, Edle Schar, im Gegenteil! Es gilt nun, diese Schuldenbremse gerade zu als Staatsakt zu inszenieren. Ein Moment der Würde und des Edelmuts! Dafür müssen wir alle unsere gelernten Rollen spielen. Ihr Edlen zu meiner Linken - er wendet sich an die linke Bank im Bergfried - schwärmet laut wehklagend aus, wie unsozial diese Schuldenbremse sei. Und Ihr zu meiner Rechten, tut ebenfalls Eure großen Bedenken und Argumente kund, damit jeder sofort erkennt, was für eine große Tat wir mit der Schuldenbremse getan haben. All überall in den Gazetten will ich lesen, was für eine Sternstunde diese Schuldenbremse für unser Großtum ist, was für ein wasserdichter Beweis für unsere Weitsicht diese ist, wie klug und edel wir hier im Berliner Bergfried zu handeln wissen. 32
So geschieht es, dass in den Gazetten zu lesen ist, welch eine Mühsal die Edlen auf sich nehmen, um diese Schuldenbremse im verschärften Ringen ums Detail auf den Weg zu bringen. Und tatsächlich: Die Gazetten berichten, wie es der listige schwarz-rote Ritter Peer geplant hatte: „Große Bedenken der Edlen“. „Der Fortschritt ist eine Schnecke. Aber sie bewegt sich.“ 33 „Alle feierten die Schuldenbremse. - Die Matadore waren sichtlich zufrieden.“ „Eine Sternstunde für unser Großtum“, verkündet der alte Haudegen Peter mit staatstragender Stimme. 34
Quelle: Die Zeit online, 6.Februar 2009
Mit entspannter Mine verfolgt der schwarz-rote Ritter den rauschenden Blätterwald: „Was für ein Triumph“, freuen sich die Edlen im Bergfried. Mit tiefem
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Pseu Donym, 2009, Mob-Zocke, München, GRIN Verlag GmbH
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Jan Lies
Comedy!!!!!!!!!!!.
Das ist ja der Hammer. Lustig und besorgniserregend gleichzeitig. Gut zur Vorbereitung auf die Wahl.
am Tuesday, August 18, 2009-