bürgerliches Bewusstsein ausgebildet. „Modern nations … generally claim to be the opposite of novel, namely rooted in the remotest antiquity, and the opposite of constructed, namely human communities so ´natural` as to require no definition tan self-assertion. Whatever the … continuities embedded in the modern concept of ´France`… these concepts themselves must include a constructed or ´invented` component”, schreibt Hobsbawm resümierend.
Die Texte von Anderson und Gellner knüpfen grundsätzlich an dieses Konzept an. „Die Erfindung der Nation“, heißt bezeichnender Weise Andersons Buch in der deutschen Übersetzung, was schon rein nominal eine Verbindung zu den „erfundenen Traditionen“ Hobsbawms impliziert. Allerdings beschreibt Anderson - wie Gellner - Nationalismus als weitreichenderes identitätsstifendes Prinzip. Hobsbawm verortet nationale Traditionen und Symbole im öffentlichen Sektor einer Gesellschaft und stellt die These auf, privates Leben werde in modernen Gesellschaften weniger durch Kultur als vielmehr durch strukturelle Zwänge bestimmt und sei deshalb weniger symbolisch als vielmehr funktional geprägt. Nationalismus als kulturelle Ausprägung des Gesellschaftstyps Nation hat aus seiner Perspektive damit nur auf einen Teil modernen Lebens Auswirkung. Er dient hauptsächlich der Ausbildung eines staatsbürgerlichen Bewusstseins, das jedoch die Ebene des individuellen, persönlichen Lebens nicht elementar prägt. Anderson hingegen fasst Nationalismus als eins der „großen kulturellen Systeme“ iii , das er in Tradition von Religion und monarchischer Dynastie sieht und dem er damit grundsätzliche kulturelle Funktionen wie Sinnstiftung, Transzendenz und Herrschaftslegitimation zuschreibt. “Es ist das ´Wunder` des Nationalismus, den Zufall in Schicksal zu verwandeln“ iv , heißt es etwa an einer Stelle. Nationalismus ist für ihn also grundsätzlich ein kulturelles Orientierungssystem, das jedoch gegenüber denen der Vormoderne durch einen elementaren Bewusstseinswandel charakterisiert ist, der wie er es bezeichnet, eine „Relativierung“ und „Territorialisierung“ neuzeitlichen Denkens zur Folge hatte v . Er beschreibt wie wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt und die damit einhergehende Säkularisierung eine Weltsicht konstituiert, die menschliches Leben nicht mehr in religiösen sondern in irdischen Maßstäben misst und es nicht mehr als Ausdruck einer religiös bestimmten Kosmologie sondern eines von physikalischen und his-torischen Gesetzmäßigkeiten auffasst. Diese Rationalisierung des Denkens wird begleitet von einem neuen Raum-Zeit-Bewusstsein. Durch das Aufkommen neuer Kommunikations- und Reisemittel erlebt sich der Mensch als Teil einer Gleichzeitigkeit, die nicht mehr durch die an der Apokalypse orientierte „überzeitliche Simultanität“ der Vormoderne sondern durch das Bewusstsein der gleichzeitig existierenden und handelnden Menschen geprägt ist. Dies ist für Anderson die Voraussetzung dafür, dass die Vorstellung von einer Gemeinschaft ausgebildet werden kann, die nicht mehr nur aus face-to-face-Beziehungen besteht. Hier erklärt sich sein Begriff der Nation als „vorgestellter Gemeinschaft“ vi . Es ist eine Gesellschaft, die Vergemeinschaftung dadurch erfährt, dass sie eine Menge eigentlich anonymer, scheinbar unverbundener Menschen kulturell, also durch spezifische Imaginations- und Kommunikationsformen miteinander verknüpft. Voraussetzung solcher Bindungen seien jedoch, so Anderson, die Evidenz dieser Gemeinschaften, das heißt die „Gewissheit, dass die vorges-
tellte Welt sichtbar im Alltagsleben verwurzelt ist“ vii . Erst eine solche Verankerung der Fiktion in der Wirklichkeit erzeuge „jenes bemerkenswerte Vertrauen in eine anonyme Gemeinschaft, das untrügliches Kennzeichen moderner Nationen ist“ viii .
Ernest Gellner schließlich konzipiert Nationalismus als das vorherrschende politische Prinzip industrieller Gesellschaften, das sich für ihn in dem Terminus „one state, one culture“ expliziert ix . Auch er fasst den Begriff der Nation damit auf kultureller Ebene. Allerdings sieht er Nationalismus nicht als bestimmte Art, sondern als Anwendungsform von Kultur, die aus spezifischen soziostrukturellen Bedingungen resultiert. Hierin unterscheidet er sich von Anderson mit seiner Konzeption von Nationalismus als spezifischem kulturellem System. So schreibt Gellner: „This is not a matter of replacing one culture, one system of tokens, by another: it is a matter of a structural change, leading to a totally new way of using culture” x . Im Unterschied zu vormodernen Gesellschaften, so Gellner, werde Kultur in nationalistischem Kontext nicht mehr zur Markierung und Darstellung von Verschiedenartigkeiten verwendet. Nationalisierung bedeute vielmehr die Ausbildung einer homogenen Kultur, deren Funktion es sei, Identifikation mit der Gesamtgesellschaft - hier: dem Staat - durch die Verdeckung oder Auslöschung innersozialer Unterschiede zu fördern. In Anlehnung an Renan spricht er von der Notwendigkeit „kollektiver Amnesie“ xi , die dem Prinzip der Nation zugrundeliege, der Verdrängung individueller Besonderheiten also zugunsten kollektiver Gemeinsamkeiten, die in Form einer gemeinsamen Hochkultur und Sprache institutionalisiert werden. Charakteristisch für Gellners Ansatz ist damit, dass er in Fortführung Radcliff-Browns mit Kultur und Struktur als sich wechselseitig bedingendem Gegensatzpaar operiert. Eine Nation ist für ihn nur vor dem Hintergrund einer bestimmten Kombination struktureller und kultureller Faktoren denkbar, die, so seine These, nur in staatlich gefassten Industriegesellschaften, nicht jedoch in agrarisch geprägten Gesellschaften ausgebildet werden könne xii . Auf eine solche organisationsstrukturelle Bedingtheit national gefasster Gesellschaftssysteme nehmen weder Hobsbawm noch Anderson ausführlich Bezug. Zwar schreibt Hobsbawm Traditionen würden zumeist als Folge sozialer Umbrüche erfunden, was eine gewisse soziostrukturelle Analogie impliziert, allerdings konkretisiert er das nicht auf spezifisch historische Konstellationen. Anderson seinerseits konzentriert sich im vorliegenden Text auf die kulturellen Prämissen gesellschaftlicher Nationalisierung. So unterscheiden sich die drei Texte in teilweise elementaren Punkten. Dennoch schließen sie sich meiner Meinung nach nicht gegenseitig aus, da die drei Autoren bei der Beschreibung von Nationen von einer gemeinsamen, konstruktivistischen Grundprämisse ausgehen. Darüber hinausführende Unterschiede lassen sich zum großen Teil auf ihre methodologische Perspektive zurückführen. So schreibt Hobsbawm aus der Sicht des Historikers, während Anderson den wissenssoziologischen Ansatz, wie er von Peter Berger und Thomas Luckmann vertreten wird, weiterführt. Er stellt damit automatisch andere Fragen als Ernest Gellner mit seinem strukturtheoretischen Fokus. Die unterschiedlichen Ausgangsfragen mit ihren theoretischen und kategorialen Implikationen haben zur Folge, dass sich auch die jeweiligen Antworten unterscheiden. Aus konstruktivistischer Perspekti- ve ist eine solche Divergenz wissenschaftlicher Ergebnisse, selbst wenn sie Widersprüche und Ge-
Arbeit zitieren:
2005, Perspektiven auf Nation - Ernest Gellner, Eric Hobsbawm, Benedict Anderson, München, GRIN Verlag GmbH
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