1. Einleitung
Das Thema Vertrauen wird häufig als ein alltägliches Phänomen bezeichnet. Es durchströmt sämtliche Lebensbereiche. Das heißt, es ist ein wichtiger Bestandteil in allen möglichen Beziehungen und Abhängigkeiten. Vertrauen spielt vor allem in partnerschaftlichen Beziehungen, in der Familie, im Gesundheitssystem, in der gesamten Arbeitswelt, aber auch in der Politik und den damit verbundenen gesellschaftlichen Dimensionen, wie zum Beispiel dem politischen Engagement des Einzelnen, eine wesentliche Rolle. Es bedeutet also, dass eine Bindung, egal welcher Art sie ist, nur vollständig funktionieren kann, wenn auf beiden Seiten der gegenüberstehenden Parteien eine gewisse Grundvertrauensbasis vorherrscht. Man muss sich sicher sein, dass das jeweilige Gegenüber die gleichen Absichten verfolgt und somit die gleichen Gedanken hat, sowie dieselben Handlungen vollziehen möchte. Bei einer Vertrauensangelegenheit ist man praktisch „gezwungen“, ein bestimmtes Risiko einzugehen. Das heißt, auch wenn man erwartet, dass die Handlungen des Partners zu demselben Ziel führen, kann es durchaus dazu kommen, dass diese Hoffnungen nicht beziehungsweise nur zum Teil erfüllt werden.
In der Soziologie ist Vertrauen ein Bereich, welcher noch nicht so intensiv untersucht wurde, doch in den letzten Jahren stieg das Interesse an diesem Thema enorm. Grund dafür sind die sozialen Wandlungen und Modernisierungen in den Staaten. In verschiedenen Untersuchungen stellte man fest, dass sich das Vertrauen zu bestimmten Dingen oder Personen nicht automatisch entwickeln kann. Es muss sich erst durch bestimmte Faktoren herausbilden. Dabei orientiert es sich nach unterschiedlichen Dingen, wie zum Beispiel schon erlebten Ereignissen und den daraus resultierenden Erfahrungen. Konnte man bisher in diese Dinge positiv vertrauen und Gutes in Verbindung bringen, kann das Vertrauensverhältnis fortbestehen. Bei einer Enttäuschung kommt es sofort zu einer negativen Entwicklung und zu dem daraus entstehenden Vertrauensbruch.
Allgemein gefasst, beobachtet der Akteur Dinge, Motive und Gesinnungen, beurteilt sie anschließend, vergleicht sie mit seinen Erfahrungen und setzt auf die Erwartung, dass das Vertrauen in Zukunft verstärkt existieren wird. Da immer ein Risikofaktor besteht, hat der Akteur das Misstrauen automatisch „in der Hinterhand“, um sich vor Enttäuschungen zu schützen, sowie materiellen Schäden und psychischen Verletzungen aus dem Weg zu gehen. Da das Thema des Vertrauens einen relativ großen Rahmen umfasst, beschränke ich mich in meinen folgenden Ausführungen im Speziellen auf das Vertrauen in Deutschland. Anhand von durchgeführten soziologischen Studien werde ich untersuchen, in welchen Bereichen des
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Lebens und in wie weit eine Vertrauensbasis besteht und in welchen Gebieten Misstrauen vorherrscht. Dabei werde ich den Hauptteil meiner Arbeit in Unterpunkte gliedern, in denen ich im Einzelnen auf ausgewählte, jedoch verschiedene Institutionen, vor allem auch aus dem umstrittenen, politischen Bereich, eingehe und diese analysiere. Als zweites Gebiet werde ich das Vertrauensverhältnis innerhalb der Familie untersuchen. Weiterhin werde ich öffentliche Beziehungen, wie zum Beispiel zwischen einem Arzt und seinem Patient, beschreiben. Abschließend kommt es zum Vergleich mit dem Vertrauen in Europa, um am Ende ein Fazit ziehen zu können, welches das ganze Thema noch einmal resümieren soll.
2. Vertrauen in Deutschland
Das Themengebiet Vertrauen spielt auch in Deutschland eine wichtige Rolle. Die meisten Bereiche der Politik und Institutionen allgemein, sind von diesem Faktor abhängig. Das heißt, die Lage ihrer Situation ist umso besser, je mehr Menschen dem System der Organisation vertrauen. Herrscht vor allem Misstrauen vor, kann die Situation schnell gefährdet und fraglich werden.
Einige soziologische Institute, wie zum Beispiel der DIW Berlin in Zusammenarbeit mit dem Infratest Sozialforschung, führten gezielte Studien durch, um zu ermitteln, wie die Vertrauenslage in Deutschland bestellt ist. Die Ergebnisse erlangten sie durch Umfragen mit Personen, die jedoch alle verschiedenen demographischen Merkmale in Alter, Geschlecht, usw. aufwiesen. Gesamt gesehen kam bei den Untersuchungen heraus, dass es in Deutschland Anzeichen für eine starke Vertrauenskrise gibt. Es stellte sich zusammenfassend heraus, dass der Politik und Wirtschaftsgewerkschaften extrem wenig, den Familien und Freunden jedoch enorm viel Vertrauen entgegengebracht wird und daher die wichtigsten Vertrauensquellen darstellen. 1
Die Gründe für diese erschreckenden Ergebnisse und genauere Erläuterungen der einzelnen Institutionen sollen im Folgenden dargelegt werden.
1 Schupp, Jürgen, Vertrauen in Deutschland: Großes Misstrauen gegenüber Institutionen, in: Wochenbericht des
DIW Berlin, 21/04.
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2.1 Institutionsvertrauen allgemein
Bevor ich auf die Vertrauenslage in den einzelnen Institutionen, wie zum Beispiel Gerichten komme, werde ich zu Beginn erst einmal erläutern, wie sich Vertrauen zu Organisationen in Deutschland überhaupt aufbauen kann und wie es darum bestellt ist. Dadurch ist die Grundlage für ein besseres Verständnis des Folgenden gesichert. In einem Text des Soziologen M. Rainer Lepsius wird gezeigt, dass sich das Vertrauen zu Institutionen auf Verschiedenes richtet. Diesen Fakt begründet er an einem Beispiel aus dem Nationalsozialismus. In diesem Fall geht es um den Rechtsanwalt Ludwig Bendix, welcher seine Zulassung als Anwalt entzogen bekam. Die Begründung dafür sahen die Nationalsozialisten darin, dass er ein Jude und demnach nicht fähig für diese Art des Berufes war. Weiterhin wurde er verdächtigt, einen Kommunisten verteidigt zu haben und wurde deshalb für einige Monate in ein Konzentrationslager gesteckt. Nach seiner Entlassung versuchte er sich beruflich fortzubilden, wurde jedoch von Schikanen der Nazis diskriminiert. Trotz dieser Situation, glaubte er an die Macht der Behörden und dachte, der Rechtsstaat sei von dem gegenwärtigen Regime unabhängig. Er hoffte, dass diese Behörden gegen die Übergriffe der Parteien eingreifen könnten. Die Schikanen am Haus des Ludwig Bendix wurden entfernt, während ein Polizist anwesend war. Daraufhin schrieb der Rechtsanwalt ein Danksagungsschreiben an den Vorsteher des zuständigen Polizeireviers, indem er den „polizeilichen Schutz“ noch einmal in Anspruch nehmen wollte. Gegen seine Erwartungen wurde dieser Brief an die Gestapo weitergereicht. Als Folge dessen, kam Ludwig Bendix erneut in ein Konzentrationslager. Erst nach Jahren konnte er das Lager verlassen und emigrierte mit seiner Familie nach Palästina. Es zeigte sich, dass dieser Mann trotz der schweren Lebenslage ein ununterbrochenes Vertrauen in die Methoden des Rechtsstaates hatte. Er hatte sie als Elemente in seine Identität verinnerlicht und konnte sie deshalb nicht aufgeben, da es ihm existenziell nicht möglich war. Er wollte erreichen, dass mithilfe der Institutionen des Rechtsstaates die grundlegende Idee des Rechts handlungsmächtig wird. 2 Doch das war im Nationalsozialismus leider nicht der Fall. Ich bin der Meinung, dass sich die Menschen nicht ganz bewusst waren, mit welchem „Gegnerregime“ sie es zu tun hatten. Sie wussten nicht, wie sehr der Handlungsspielraum des Rechtsstaates im Gegensatz zum Regime eingeschränkt wurde. Denn der Geltungsbereich der Rechtsstaatskriterien war um einiges geschrumpft, das bedeutet, unter anderem waren die Bürgerrechte suspendiert und die Organstruktur verändert worden. Es war ein so genannter Dualstaat entstanden. Auf der einen
2 Lepsius, M.Rainer, Vertrauen in Institutionen, in: Hradil, Stefan (Hrsg.) Differenz und Integration. Die Zukunft
moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in
Dresden 1996, Frankfurt am Main/ New York: Campus 1997.
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Seite existierte der rechtlich ungebundene Maßnahmestaat und auf der anderen Seite stand der verfahrensgebundene Verwaltungsstaat. 3 Die Fassade des Rechtsstaates bröckelte, denn spätestens nach der Reichspogromnacht mussten die Menschen erkennen, „dass auch das Zivilrecht sie nicht mehr schützte.“ 4
Wie schon erwähnt, wird an diesem Beispiel deutlich, wie sehr sich das Vertrauen zu Institutionen an verschiedenen Dingen orientiert. Man denkt, dass durch das Funktionieren der institutionellen Ordnung auch Personen und Organisationen durch bestimmte, institutionelle Regeln gegliedert und kontrolliert werden können. Das Vertrauen gilt immer einer so genannten Institutionenordnung, welche explizite Zuständigkeiten, Normen und Instanzen besitzt, an welche die Organe der Rechtssprechung mit ihrem Handeln gebunden sind. 5 Ich denke aber, dass sich Vertrauen auch aus anderen Gründen entwickeln kann. Das heißt, dass sich viele Menschen sicherlich auch an ihren persönlichen Erlebnissen orientieren. Jeder hat darin verschiedene Erfahrungen, ob positiv oder negativ, gesammelt. Wurde derjenige von einer Sache immer wieder positiv überrascht und überzeugt, denke ich, ist es gut möglich, dass das Vertrauensverhältnis weiterhin fortbesteht. Persönlich erwartet man sich vielleicht auch in der Zukunft, dass das Funktionieren der Sache weiterhin gut verläuft. Die Basis des Vertrauens liegt also nur bloßen, eigenen Erwartungen zugrunde. Man ist nicht in Kenntnis mit bestimmten Regeln, usw. gesetzt. Die Ansicht, welche ich vertrete, lässt sich durch eine Aussage von M. Rainer Lepsius bekräftigen. „ Vertrauen kann sich auch bilden aus der Erfahrung, dass bestimmte Personen und Organisationen ein bisher geübtes Verhalten auch in Zukunft ausführen werden. Aus den erfüllten Verhaltenserwartungen baut sich eine Vertrauensbeziehung auf, auch ohne [...] institutionelle Regeln und Verfahren [...], die diesen zugrunde liegen.“ 6
Allgemein stellt sich jedoch die Frage, worauf man ein Vertrauen begründen kann. Ich denke, dass es für die Akteure wichtig ist, dass sie Details über eine Sache erfahren. Der Soziologe Lepsius hat sich ebenfalls über diesen Punkt Gedanken gemacht und kam zu dem Schluss, dass man eine Sache auf längere Zeit beobachten und inspizieren kann, um sich daraus ein Urteil bilden zu können, welches entscheidend für die Vertrauensgabe in die Institution, usw.
3 Ebd.
4 Vgl. Lepsius, M.Rainer, Vertrauen zu Institutionen, 1997, S. 285.
5 Lepsius, M. Rainer, Vertrauen zu Institutionen, in: Hradil, Stefan (Hrsg.) Differenz und Integration. Die
Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
in Dresden 1996, Frankfurt am Main/ New York: Campus 1997.
6 Vgl. Lepsius, M. Rainer, Vertrauen zu Institutionen, 1997, S. 285.
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ist. 7 Ich bestätige seine Aussage, denn es ist wichtig zu wissen, mit was beziehungsweise mit wem man es zu tun hat. Ich denke, dass man aus den beobachteten Handlungen auch herausfinden kann oder einzuschätzen weiß, welche Absichten „das Gegenüber“ hat. Auch diesen Fakt kann ich durch die Gedanken von Lepsius bekräftigen. „Bei individuellen oder korporativen Akteuren kann man deren Verhalten [...] beobachten, sich ein Urteil bilden über Motive und Gesinnungen [...]. 8 Diese Vertrauenseinschätzung bietet sich jedoch mehr bei Personen an, als bei Institutionen. Aber auch die Einrichtungen als solches sollte man versuchen einzuschätzen und deshalb ändert sich der Prozess der Beobachtung in Bezug auf die Dinge, welche beurteilt werden können. Doch selbst hierbei bleibt immer ein gewisser Risikofaktor im Raum bestehen. Der Unterschied zum Personenvertrauen liegt darin, dass man jetzt in die Leitideen einer solchen Organisation vertrauen muss und nicht mehr in die Absichten einzelner Personen. Anstelle des Vertrauens in die Motive einer Person rückt nun das Setzen in die jeweilige Verfahrensordnung des Institutionensystems. Die Observierung der erbrachten Leistungen einer Institution, sowie der Kontrollmechanismen, welche eine Einrichtung überwachen, ersetzen das Vertrauen in das Handeln einer Person. 9 Ich denke, hierzu ist zu sagen, dass es auch bei Institutionen sehr wichtig ist, sie genau einzusehen, bevor man ihnen Vertrauen schenkt. Wie man bei der Beschreibung in Lepsius`Ausführungen, zum Beispiel: „An die Stelle des Vertrauens in die Motive einer Person tritt das Vertrauen in die Verfahrensordnung einer Institution.“ 10 gut erkennen kann, werden die Gegenstände, in die man bei Personen vertraut, meiner Meinung nach einfach mit den passenden Dingen für Institutionen ersetzt. Daraus schließe ich, dass man das Personenvertrauen in abgewandelter Form auf die Institutionen überträgt. Ich gehe davon aus, dass bei dem Institutionenvertrauen vor allem auf die leitenden Gedanken und Einfälle einer jeweiligen Organisation gezählt werden. Diese umfassen bestimmte Normen und Prinzipien, welche verfolgt werden müssen. Dieser Punkt wird durch die Untersuchungen von Rainer Lepsius ebenfalls bestätigt, denn er sagt: „Vertrauen zu Institutionen bezieht sich auf einen Funktionszusammenhang zwischen Leitideen,... .“ 11 Aus diesen Faktoren kann sich dann eine Vertrauensbasis entwickeln. Jedoch orientiert sich der Akteur gegenüber Institutionen immer nach verschiedenen Dimensionen, das heißt bestimmt
7 Lepsius, M.Rainer , Vertrauen zu Institutionen, in: Hradil, Stefan (Hrsg.) Differenz und Integration. Die
Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
in Dresden 1996, Frankfurt am Main/ New York: Campus 1997.
8 Vgl. Lepsius, M.Rainer, Vertrauen zu Institutionen, 1997, S. 285.
9 Lepsius, M. Rainer, Vertrauen zu Institutionen, in: Hradil, Stefan (Hrsg.) Differenz und Integration. Die
Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
in Dresden 1996, Frankfurt am Main/ New York: Campus 1997.
10 Vgl. Lepsius, M. Rainer, Vertrauen zu Institutionen, 1997, S. 285.
11 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Annegret Busse, 2008, Vertrauen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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