für die Schüler erstellt, die über selbstorganisiertes und selbstverant-wortetes Lernen weit hinausgehen. Dies bezieht sich im Wesentlichen auf die Einbindung externer Lernpartner, auf Kooperationen mit Institutionen, Unternehmen, kommunale Partner, Profis jeglicher Branche. TuSch bietet das seit mehreren Jahren.
Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, die größte Sprechtheaterbühne im deutschsprachigen Raum (ca. 1300 Sitze), sagte einer Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Alstertal zu. Das Gymnasium Alstertal, im Norden Hamburgs in Fuhlsbüttel gelegen, ist dagegen eine eher kleinere Institution (ca. 480 SchülerInnen), zweizügig angelegt, ein familiäres Einzugsgebiet, stadtteil- und mittelstandgeprägt, dennoch mit einem sehr hohe Sozial 1 . Im Schulprogramm ist die musisch-kulturelle Erziehung als ein index
wesentlicher Schwerpunkt verankert, viele DSp-Gruppen (Darstellendes Spiel/Theater) in fast allen Jahrgängen werden angeboten, ebenso sind eine Reihe kultureller Veranstaltungen festgelegt.
Zwei spannende Jahre sind gelaufen, nach zwei Jahren Kooperation mit dem Deutschen Schauspielhaus ziehen wir Bilanz.
Projektebene 1: Partizipation: Teilnahme an Theateraufführungen Malersaal, Ende einer Aufführung: „Was für eine Aussage hattet ihr mit dem Schwerttanz vor?“ „Wie seid ihr auf den Namen des Stückes gekommen?“, „Wie schwer fiel es Dir, in diese Rolle zu schlüpfen?“, interessiert
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sitzen die Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses der Studienstufe dem Ensemble von Michael Müller (Regisseur und Theaterpädagoge) gegenüber, wollen mehr wissen, suchen Antworten auf die entstandenen Fragen. Gerade erst ist heftiger Applaus nach der Inszenierung „Die Übersetzung des Herzens“ verklungen, da blickt man in angespannte, angeregte Gesichter, sieht dahinter Gedanken arbeiten, Freude, Wachheit
Nach dem 5. Theaterbesuch dieser Saison stehen 16 Jugendliche aus der Theater-Besuchs-AG zusammen. Tim: „Und, wie...?“, Jenny: „Neee, nich so toll, die B war doch nur laut und kreischig, die hat das ganze Spiel kaputt gemacht“, Bentje: „..ich fand die ganz witzig“ - (kichert vor sich hin bei dem Gedanken). Nach langem Austausch über Szenen, Spiel einzelner Darsteller, geht es über in stilles Vertiefen in den Spielplan, sie überlegen, was sie als nächstes sehen wollen, auf was sie jetzt Lust haben. 15 - bis 19-Jährige stehen zusammen, kommen gerade von einem Theaterabend, der sie nicht so begeistert hat, diskutieren und planen den nächsten Besuch. Und das nicht aus einer Konsumhaltung heraus, sondern aus wirklicher Neugierde und Lust heraus, mehr zu sehen, Neues zu erfahren.
Partizipation wird in der Schulpolitik eine besondere aktuelle Bedeutung beigemessen als eines von drei Aspekten für ein zukunftsfähiges Lernkonzept (Qualifizierung und Identifikation als weitere). Schon vor zehn Jahren forderte Per Dalin mehr »Lernen durch Teilhabe« und erwähnte norwegische Schulen, die fordern, dass »die Schüler sich […] außerhalb der Schulräume engagieren, sei es in lokal-historischen Projekten, im Umweltschutz, in Aktionsgruppen etc. « (Dalin, S. 129/30).
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TuSch erfüllt diesen Aspekt über normalen Theaterbesuch hinaus. Aber Theater bewusst sehen, nachfragen, wirken lassen, die professionelle Aufarbeitung, Möglichkeiten der Einführungs- wie auch Nachgespräche, das lässt Theater nachhaltiger erfahren, Diese Wahrnehmungserweiterung von kulturellen Formen, dieses Toleranzspektrum, das sich bei den Schülerinnen und Schülern nachweislich vergrößert, ist unschätzbar. Die Jugendlichen lernen die Vielfalt kulturellen Schaffens, hier von Theaterarbeit kennen. Ihr Verstehen erweitert sich für Kunstformen, die sie selbst nicht darstellen können und gibt ihnen dennoch Zugang zu neuen kulturellen Sichtweisen. Es lässt sie erkennen, dass es Schlüssel gibt, Neues zu verstehen. Sie sammeln Erfahrungen, wirken an der eigenen Meinungsbildung und letztendlich trauen sie sich eine eigene Meinung zu, eine kritische Haltung. Der Blick hinter die Kulissen, der offene Zugang zu Schauspielern und Dramaturgen, fordert Ihnen Respekt und Wertschätzung für Kulturschaffende ab.
Andreas Jäger, Schulleiter des Gymnasiums Alstertal, zu TuSch: „Theater ist eine Welt für sich. Diese zu entschlüsseln und Schülern zugänglich zu machen, ist eine große Chance durch Tusch. Kultur ist heute unverzichtbar für die Erweiterung und Bereicherung der Persönlichkeiten junger Menschen...“
Projektebene 2: Qualifikation: eigene Theateraufführungen (Qualifikation, der 2. Aspekt zukuntfähigen Lernens)
Gemeinsam mit dem Schauspieler und Regisseur des Schauspielhauses Marc Letzig erarbeitete der Theaterkurs der Vorstufe das Theaterstück des Holländers Ad de Bont „Mutter Afrika“, mit dem das Junge Schauspielhaus in
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Hamburg unter der neuen Intendanz von Friedrich Schirmer eröffnet wurde. Projekte umfassen in der Regel vier Stufen: Zielsetzung, Planung, Durchführung, Auswertung. Zielsetzung: Am Anfang eines jeden Projekts steht eine Idee, bzw. eine Aufgabe. Das kann am besten von den Lernenden selbst, aber auch von den Projektleitern ausgehen. In jedem Fall muss sie den Interessen der Beteiligten entsprechen. Zu dieser Idee entwickelt die Lerngruppe eine konkrete Zielsetzung, stimmt Interessen, Wünsche miteinander ab und trifft Vereinbarungen über die Form der Zusammenarbeit. Diese Vorarbeiten münden in eine Projektskizze. Diese Grundlagen von Projektarbeit konnten kaum besser umgesetzt werden, als durch die Theatergruppe in der Anleitung des Spielleiters Marc Letzig. Wie bringt man Schülern heute Sklaverei des letzten Jahrhunderts nahe? Wie kann man sie Leid und Demütigungen verspüren lassen, wie Herrenbewusstsein? Wie können sie in eine ihnen völlig fremde Rolle schlüpfen, die Brutalität und Würdelosigkeit von Menschen vermitteln muss? Wie gelingt es ihnen, die Hoffnungslosigkeit und die Sehnsucht nach Liebe nachzuspielen? Diese Inhalte, die so tief gehen, wie sie die Jugendlichen eher nicht in ihrem Erfahrungsschatz haben.
Marc Letzig erarbeitete intensiv mehrere Stunden das Thema, schaffte politisches Bewusstsein, gab Denkanstöße, fragte immer wieder nach: „Wieso glaubst du, auf der guten Seite zu sein? Warum kaufst du bei H&M? Entscheidet du dich immer richtig? Woher weißt du, dass du moralisch richtig handelst?
Er ließ die Schülerinnen und Schüler szenische Improvisationen zu dem Thema erarbeiten. Es wurden viele Einheiten zum Status geprobt:
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Oben - Unten, Herr - Sklave, Befehlen - Ausführen.
Es fiel den SchülerInnen nicht leicht, zu dominieren, sich unsinnige Wünsche auszudenken. Vielen ist es peinlich, demütigend aufzutreten, oft fürchteten sie sich vor reellen Folgen. Marc Letzig forderte sie heraus.
Die Intensität dieser Vorbereitung wurde sehr sensibel gesteuert, auf die Befindlichkeiten der Protagonisten aufmerksam eingegangen, so dass mit einer unglaublichen Präsenz der Rollenverständnisse geprobt werden konnte.
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Die SchülerInnen arbeiteten intensiv, konzentriert, sind überrascht und nachdenklich, Diskussionen entwickelten sich differenziert zu neuen Fragestellungen wie moderner Sklaverei, Menschenhandel auch heute, Kinder-, Zwangsprostitution.
Ebenso professionell wurde die Planung, die Phase 2 dieses Projektes, hier die Rollenverteilung durch ein Casting, erarbeitet. Und mit dieser konstruktiven Basis steckten auch schon alle in der Durchführung. Durchführung: Sie äußert sich in der Verwirklichung des Vorhabens. Hier war es immer wieder nötig, weitere Planungsphasen einzuschalten, da eine lückenlose Vorausplanung weder möglich noch sinnvoll war. Gerade durch die Korrektur, durch Neuentwürfe und weitere Umsetzungsversuche fand neues Lernen statt.
In gewollten Kontrast zu der bekannten Debatte um Teamfähigkeit, Problemlösefähigkeit, Flexibilität, u.a. als angestrebte, berufsqualifizierende Schlüsselqualifikationen und deren notwendige pädagogische Vertiefung
3 davon fünf gesellschaftliche für das und Erweiterung definiert Oskar Negt
21. Jahrhundert. Davon sind folgende mit Bezug zum TuSch-Projekt als besonders hervorzuheben.
- Den Umgang mit bedrohter und gebrochener Identität lernen (Identitätskompetenz)
- Sensibilität für Enteignungserfahrungen, für Recht und Unrecht, für Gleichheit und Ungleichheit (Gerechtigkeitskompetenz)
- Erinnerungs- und Utopiefähigkeit (historische Kompetenz) (Negt, S. 227-238)
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Schule kann die Vermittlung dieser Kompetenzen als Institution und im Fachunterricht nicht alleine leisten. Für die Entwicklung der dazu notwendigen Lernarrangements braucht sie in jedem Fall außerschulische Lernorte und professionelle Partner. Die Antwort von Oskar Negt heißt »Schule als öffentliches Lern- und Kommunikationszentrum«. Er schreibt: »Wenn ich von neuen Schlüsselqualifikationen gesprochen habe, die vermittelt werden müssen, damit sich Kinder und Jugendliche (selbstverständlich auch Erwachsene) in dieser Welt der Umbrüche mit der Wirklichkeit auseinandersetzen können, dann sind solche Qualifikationsprozesse eingebunden in Formen des Verantwortungslernens, in die Bildung öffentlicher Tugenden...« (a.a.O., S. 245)
Besser kann man die Sinnhaftigkeit und Berechtigung solcher Projekte wie TuSch kaum ausdrücken. Neben den bereits bekannten Schlüsselqualifikationen kamen die von Negt genannten Kompetenzen durch die Stückwahl, der Auseinandersetzung dieses sowohl historischen wie aktuellen Themas zum Tragen.
Durch diese Form der lebendigen ästhetischen und kulturellen Bildung kann zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass solche Projekte stark persönlichkeitsbildend wirken. Kann man die Ziele und den Sinn solchen Lernens besser vermitteln?
Lassen wir einige SchülerInnenstimmen zu Wort kommen: Bilge: „Tusch war für mich eine große Möglichkeit, Kultur ein Stück näher zu kommen, durch die regelmäßigen Theaterbesuche ist das Interesse am Theater ziemlich groß geworden, ...manchmal ist ein Theaterbesuch viel besser als ein Kinogang...“
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Tim: „..zum Glück hat meine Lehrerin die Kooperation zum Schauspielhaus aufgebaut, dadurch waren wir letztes Jahr mindestens ein halbes Dutzend mal im Theater,...inzwischen habe ich gelernt, Mimik und Gesten der Darsteller zu interpretieren, bin mehr zum Denken angeregt, - und finde Theater jetzt unterhaltsamer...“
Friedrich: „... wir sind der Schauspielerei erheblich viel näher gekommen.“ Alicia: „... wir haben an unserer Schule jetzt viele interessante Angebote, Theaterbesuche, Profis vom Schauspielhaus, sehr spannend, hilfreich, interessant...“
Ebenso eingespannt in das TuSch-Projekt war die Komparsentätigkeit der Mädchen einer gesamten 7. Klasse. Sie durften auf der großen Bühne des Schauspielhauses die Kinder eines Ferienheimes im Weihnachtsmärchen spielen:
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O-Ton einer teilnehmenden Schülerin:
Es macht riesigen Spaß, auf der großen Bühne vor so viel Publikum und mit „richtigen“ Schauspielerinnen zu spielen. Und was hinter der Bühne passiert, ist auch total spannend, jeder Einsatz, jede Bewegung muss sitzen, alle Anweisungen laufen wie in einer Kommandozentrale ab. Toll fand ich auch die Kostümproben zur Bäckerszene, überhaupt waren alle sehr nett zu uns und haben uns ernst genommen. Am liebsten würde ich das noch mal machen, zum nächsten Weihnachtsmärchen? (Wiebke Malitz, 7b)
Welcher Erfahrungsreichtum steckt in diesen Schülerworten, der deutlich macht, wie spannend für sie der tiefgehende Einblick in den Kulturbetrieb
4 Theater ist und Ihnen spielerisch Kulturwahrnehmung vermittelt.
Zieht man ein Fazit und vergleicht mit den neuen Bildungsplänen das angestrebte Ziel: „Neue Lernkultur, in deren Mittelpunkt eine bessere Qualität des Unterrichts steht...“, kann man zu den Auszügen aus den
Bildungsreformplänen der BSB Hamburgs:> [...] auf konzentriertes Lernen
folgt Projektarbeit, auf vorgegebene Übungen folgen [ ] Gruppentraining< nur hinzufügen: und genau das wurde durch die Kooperationsarbeit erreicht.
TuSch hat sich nicht nur an unserer Schule als ein kostbares Instrument kultureller Bildung erwiesen, sondern inzwischen in 7 Jahren an ca. 30 Schulen, an Grund-, Gesamtschulen und Gymnasien Hamburgs. Tusch-Partner zu werden bedarf allerdings immer noch der Überwindung der Barrieren einer Bewerbung, des intensiven Gespräches zwischen den Kooperationspartnern und der TuSchleitung, Das ist einerseits schade, da Jugendliche nur durch engagierte Lehrerinnen und Lehrer in den persönlichen Profit solch eines Projektes gelangen, andererseits schützt es auch vor Beliebigkeit und bleibt ein Garant für exzellentes Arbeiten über die Schulplattform hinaus.
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Ziel der allseitigen Bildungsdebatten sollte allerdings ein Implementierung vieler solcher innovativer Projekte sein. L. Jene-Ackermann
1 Sozialindex Der Sozialindex (auch „Schulindex“, „Belastungsindex“ oder „KESS-Index“) fasst rechnerisch eine Reihe von Umfeldbedingungen der Schulen zusammen, die im Rahmen der Hamburger KESS Studie (Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern) ermittelt worden sind. Der Index reicht von 1 (sehr belastetes Umfeld) bis 6 (sehr günstiges Umfeld). Dazu gehört auch die Ermittlung kultureller Hintergründe der Elternhäuser des Einzugsgebietes einer Schule.
2 Dalin, P.: Schule auf dem Weg in das 21. Jahrhundert. Neuwied, Kriftel, Berlin 1997
3 Negt, O.: Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche. Göttingen 1997
4 Reinwand,V.-I.: Ohne Kunst wäre das Leben ärmer (IV, Kap. 4, Entwicklungsprozesse, S. 162-176)
Die Autorin:
Lilo Jene-Ackermann, geb. 4.11.50 in Baden-Württemberg, unterric htet seit 1975 im Schuldienst und der Erwachsenenbildung. Sie ist Fachleiterin für Theater am Gymnasium Alstertal und für viele kulturelle Projekte auch in Hamburg verantwortlich.
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Arbeit zitieren:
Lilo Jene-Ackermann, 2009, Außerschulische Kooperationen - Herausforderung der Bildungspolitik in Hamburg, München, GRIN Verlag GmbH
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