1. Einleitung
Das Kulturphänomen der deutschen und europäischen Salons hat über verschiedene Zeitepochen hinweg auf einer geselligen Grundlage zur Bereicherung des Wissens beigetragen. Die verschiedensten Begabungen trafen sich in Salons, tauschten sich hier aus, gaben ihr Wissen und ihre Standpunkte weiter und förderten und bereicherten sich gegenseitig.
Diese Hausarbeit möchte die auf heutige Lernarrangements beispielhaft, paradigmatisch wirkenden Merkmale der Salonkultur erörtern.
Mit dem Begriff „Neue Lernkultur“ verbindet sich ein Paradigmenwechsel in Lehren und Lernen. Einerseits wird das Lernen als gesellschaftliche und individuelle Aktivität betrachtet, andererseits ist die Überwindung der herkömmlichen Muster Lehrende - Lernende und der technokratischen Erwachsenendidaktik eine Chance, sich dem partizipatorischen Charakter und dem nachhaltigen, selbstgesteuerten Lernen mehr zuzuwenden 1 . Die gegenwärtige Debatte über Lernkultur kann nach meiner Auffassung den Blick auf die Salonkultur verändern und lässt die Lern- und Bildungsanteile dieses Phänomens entdecken.
In meiner Hausarbeit stelle ich in Kapitel 2 allgemeine Merkmale 2 der Salonkultur vor, die ich vor dem Hintergrund der modernen Lernkultur für relevant halte. Nicht die Themen und Inhalte der Salons: Nicht, was Bildung ist, sondern wie Bildung möglich wird, die Interaktion unter den Gästen, das „Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Funktion und didaktischer Intention“ 3 sind dabei im Fokus.
Im Kapitel 3 über neue Lernkultur werde ich die Komponenten benennen, die unter konstruktivistischer, subjektorientierter Perspektive eine Verbindung zur ‚Didaktik’ in der Salonkultur zulassen.
Im vierten Teil werde ich auf die nach meiner Ansicht vorhandenen Lernsettings der Salonkultur hinweisen und die Frage nach ihrer paradigmatischen Bedeutung für die Lernkultur heute stellen. Mit Beispielen gegenwärtiger Bildungskonzepte möchte ich die Frage des Titels konkretisieren und aufzeigen, ob die Sa-
1 Vgl.Arnold, R. /Pätzold, H., 2008. S. 179 f. Ich folge in dieser Arbeit dem Konzept Arnolds des erwachsenendidaktischen „Empowerments“ (ebd. S. 188).
2 Eine detaillierte Darstellung einzelner Salons würde den Rahmen der Hausarbeit überschreiten.
3 Siebert, H., 2006a, S. 49
2
lonkultur auch in moderner Erwachsenenbildung weiterlebt und vor dem Hinter-grund subjektwissenschaftlicher Erwachsenenbildung eine Lernkultur repräsentiert.
2. Attribute der Salonkultur
In den Salons, die sich in Deutschland zwischen 1780 bis 1914 etablierten, fanden sich Literaten, Künstler und Interessierte in einer Geselligkeitsform zusammen, in denen sich die Beteiligten um eine Gastgeberin (Salonnière) versammelten. Allein in Berlin gab es mehr als 90 Salons, in denen in meist wöchentlichen Treffen ein Austausch über Kunst, Kultur, Musik, Malerei, Literatur, Politik und Weltanschauungen stattfand. Unter der Regie einer Gastgeberin wurde die ars conversationis zur „Vermittlung des Unterschiedlichen“ 4 gepflegt. Ursprünglich sind diese wichtigen Kulturorte des 19. Jahrhunderts aus dem Mangel an Zugangswegen für Frauen zur Bildungsöffentlichkeit entstanden. Als Medium individueller Selbstverwirklichung bildungswilliger Frauen bot ihnen der Salon eine Teilhabe an der Welt der Bildung und Politik. Ihr Ziel war, sich selbst zu bilden und zu emanzipieren. Der Weg zur höheren Bildung war Frauen auf anderem Wege verwehrt, sie mussten sich die ‚Gebildeten’ einladen, um teilzuhaben.
Andererseits war es auch der Bedarf der Männerwelt an geselliger, geistreicher weiblicher Ergänzung, der die Beliebtheit und Berühmtheit einzelner Salons verursachte.
„Was die Salons betrifft, haben wir es demnach mit zwei gegenläufigen Bewegungen zu tun. Die bildungswilligen Frauen suchten in ihren Salons die Öffentlichkeit der Bildungswelt einzufangen, die Öffentlichkeit der Männerwelt verlangte nach der privaten, intimen Sphäre der Salons.“ 5
Die Literatur über die Salonkultur wendet sich besonders jenen Salons zu, die zwei Hauptkriterien erfüllen: Die gesellschaftlich relevanten Ergebnisse der Salons in ihrer Außenwirkung - und die Bedeutsamkeit des Binnenlebens der Salons gemessen am Niederschlag in der Literatur ihrer Zeit. In diesem Sinne „wichtige“ Salons hatten gemeinsam 6 :
4 Simanowski, R. / Turk, H. / Schmidt, T. (Hg.), 1999, S. 26.
5 Wilhelmy-Dollinger, P., 2000, S. 2
6 Wilhelmy-Dollinger, P., 2000, S. 38
3
• Die Geselligkeit gruppierte sich um eine Gastgeberin. Die Konversation dominierte den Salon als wichtigstes Handlungsmoment.
• Der Salon war eine gesellschaftliche Institution und Schauplatz zwangloser Geselligkeit. Er stellte einen Freiraum dar, der ohne unantastbare ideologische Dogmen und Statuten existierte.
„Diese zweckfreie Geselligkeit hat einen idealen, geistigen Beweggrund und ein formales geselliges Ziel, das zwanglos und freiwillig verfolgt wurde: sich gegenseitig zu respektieren, zu fördern und zu bilden.“ 7
• Die Gäste der Salons gehörten unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, Lebens- und Berufskreisen an. Die Funktion des Salons bestand in seiner Wirkung.
„Die Salons wirkten (...) als Freiräume, einerseits kulturell als „Enklaven des Geistes“ und auch als Zentrum eines veränderten und verändernden Bewusstseins. Andererseits waren sie Freiräume des Denkens jenseits offizieller Lehrsätze. Am meisten waren sie Freiräume der Begegnung. Hier konnten im Idealfall Menschen verschiedener Stände, Klassen und Glaubensrichtungen zusammenkommen.“ 8
Über diese Funktionen hinaus, vor dem Hintergrund der integrativen Internationalität von Salons beschreibt Simanowski die drei Vermittlungsfunktionen der Salons als Vermittlung zwischen 1. den Ständen, 2. zwischen Bürger und Mensch, 3. zwischen Nationen 9 : Viele Salons hatten ausländische Gäste, diese Vielfalt wurde als Wert an sich betrachtet, der Konfessionen, Sprachen, Lebensarten zusammenbrachte. Darüber hinaus fand die Institution Salon in ganz Europa Verbreitung. Die Internationalität fand sich also in den geografischen, den personellen und in den thematischen Faktoren der Salons wieder.
2.1 Räume und Beteiligte
Die geselligen „Salons“, die meist so nicht bezeichnet wurden, sondern eher als „bureaux d’esprits“, „soirées“ oder auch „Teetische“ hießen, fanden mehrheitlich in Privathäusern der Gastgeberinnen statt. In den meisten Salons herrschte eine bürgerliche Einfachheit vor. Es wurden ‚normale Zimmer’ für Besucher geöffnet, so dass aus den privaten Bereichen eine Art halböffentlicher Raum wurde. Die Bewirtung der Gäste und Besucher war eher einfach, Verpflegung war
7 Ebd., S. 39
8 Von der Heyden-Rynsch, V., 1995. S. 12
9 Simanowski, R. / Turk, H. / Schmidt, T. (Hg.), 1999, S. 11
4
Nebensache. Es gab keine feste Sitz- und Tischordnung, die Gäste brauchten nicht pünktlich zu erscheinen.
Es wurde zu den regelmäßigen ‚jours fixes’ nicht ausdrücklich eingeladen. Die Salonnière gab den Termin bekannt, damit waren die Bekannten und regelmäßigen Gäste informiert. Neben einer kleineren ‚festen’ Gruppe gab es immer Besucher, die nicht regelmäßig erschienen. Obwohl Salonnièren selbst oft adelig waren, führten sie ihre Salons nach den Prinzipien der Gleichheit und Liberalität, so dass sich eine soziale Durchmischung ausbildete. Damit wurden Angehörige unterschiedlicher Gesellschaftsschichten zusammengebracht, eine Überwindung sozialer Differenzierung war angestrebt.
„Die Salongäste gehören im Idealfall verschiedenen Gesellschaftsschichten, Lebens- und Berufskreisen an. Unter ihnen können sich sowohl Berühmtheiten als auch völlig unbekannte Künstler oder Literaten befinden, die sich hier ein Publikum erhoffen. Junge, noch unbekannte Talente werden von der Salonnière und den anderen Gästen häufig ermutigt und protegiert.“ 10
2.2 Motivation der Salonnière und der Gäste
Die Gastgeberin brauchte die Salons für ihre Teilhabe an Bildung, Kunst, Politik für ihren Weg in die damalige dominant männliche (Halb-) Öffentlichkeit. Sie war die Initiatorin und der Kristallisationspunkt. Sie hatte eine vermittelnde Rolle inne, sie war Gebende und Nehmende.
„In dieser Enklave geselligen Umgangs fördert sie die Originalität der verschiedensten Begabungen, wirbelt sie durcheinander und verbindet sie zu einem spezifischen Ganzen, das alle Anwesenden bereichert.“ 11
„Man wollte alte Zöpfe abschneiden, durchbrechen zu gesellschaftlicher Emanzipation (in ständischer, familiärer, religiöser und z. T. auch politischer Hinsicht), man wollte geistig und vom Gefühl her frei sein und sich zum Menschen bilden, zum geistigen Menschen emanzipieren.“ 12 Gemischtgeschlechtlicher Umgang war den Frauen nur möglich im privaten Raum. Mit einer Frau als „Leiterin“, die hier ihr Bildungsbedürfnis verwirklichen konnte, mit Männern, die in keinem anderen Rahmen in gleichberechtigter Weise Umgang und Kommunikation mit Frauen pflegten, hatten die Salons hohe Anziehungskraft für Männer und Frauen gleichermaßen. Gesucht wurde eine Atmosphäre der entspannten Kommunikation, der Diskussion und Erprobung eigener Werke, Standpunkte und Ansichten. Für die Salongäste (Künstler,
10 Wilhelmy-Dollinger, P., 2000, S. 38
11 Von der Heyden-Rynsch, V., 1995, S. 18
12 Wilhelmy-Dollinger, P., 2000, S. 9
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Arbeit zitieren:
Beate Wiegrefe, 2009, Salonkultur als Paradigma für neue Lernkultur?, München, GRIN Verlag GmbH
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