Einleitung
Orientierungslosigkeit und Irritation. Diesen Eindruck wird Elfriede Jelineks Buch "Lust" 1 (1989) wohl bei den meisten Lesern hinterlassen haben. Einen großen Anteil an dieser Verunsicherung hat neben anderen Faktoren das Erzählmedium, mit dem ich mich in dieser Hausarbeit beschäftigen möchte. Warum fühlt sich der Leser so "aus dem Gleichgewicht gebracht"? Was bringt ihn durcheinander? Die Autorin setzt in "Lust" ein Erzählmedium ein, das gegen die üblichen Lesererwartungen verstößt und so den Leser immer aufs neue irritiert und verunsichert. Wie diese Lesererwartungen aussehen und wie sie umgangen und enttäuscht werden, darum soll es hier gehen.
Ich habe mir drei inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, die in ihrem Aufbau Jürgen H. Petersens "Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte." 2 folgen und auf seinen Kategorien aufbauen. Inhaltlich habe ich mich zum größten Teil auf Jutta Schlichs "Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur: Am Beispiel von Elfriede Jelineks "Lust"(1989)" 3 gestützt. Wir sind es gewohnt einer Erzählinstanz wie auch den Figuren eines Buches wie realen Personen zu begegnen, sie kennen- und einschätzen zu lernen. Warum das in "Lust" nicht funktionieren kann und beim Leser zu Orientierungslosigkeit führt zeige ich im ersten Teil. Im zweiten Teil wird es um das Verhalten des Erzählmediums und seiner Haltung zu Figuren und Leser gehen. Auch hier wird deutlich werden, wie festgelegt unsere Vorstellungen von einem Erzähler traditionell sind.
Im dritten Teil schließlich soll es darum gehen, den Sprung des Erzählmediums in seine eigene Erzählwelt zu verfolgen um zu zeigen, dass nicht nur der Leser, sondern auch das Erzählmedium und die Figuren selbst die Kontrolle über das Geschehen verlieren bzw. aufgeben und welche Konsequenzen das hat.
Mich interessiert an dem Thema vor allem das Weltbild und die Vorstellungen, die wir in uns tragen und vor dessen Hintergrund eine solche Verunsicherung überhaupt erst stattfinden kann. Elfriede Jelinek scheint ihren Spiegel zu erheben und uns zuzurufen. "So geht's wenn Menschen untergehen, die mit dem Leben scherzen!" 4
1 Jelinek, Elfriede: Lust. Reinbek bei Hamburg 1989; wird im Folgenden nur noch als "Lust" zitiert
2 Petersen, Jürgen H.: Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart, Weimar 1993
3 Schlich, Jutta: Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur: Am Beispiel von Elfriede Jelineks "Lust"(1989)" (Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte; Bd.71) Tübingen 1994
4 Jelinek, Elfriede: Lust, S.138
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1. Aus Sprache gebaut - der Konstruktionscharakter 1.1. Erzählform -Distanzierung vom Subjektbegriff
Die Geschichte: Hermann ist Direktor einer Papierfabrik und wendet sich aus Angst vor Aids vom Bordell ab und seiner trinkenden Frau Gerti zu. Diese versucht seinen Übergriffen durch die Hinwendung zum gemeinsamen Sohn zu entgehen, was ihr nicht gelingt. Als sie den Studenten Michael bei einem Ausbruchversuch trifft, verliebt sie sich in ihn und will noch einmal von vorn beginnen. Michael jedoch spielt mit ihr und demütigt sie. Sie muss zurückkehren und erstickt schließlich ihren Sohn.
Bei dem Versuch, die Erzählinstanz in "Lust" 5 nach Jürgen H. Petersens Kategorien der Erzählanalyse 6 zu untersuchen, stößt man auf nicht unerhebliche Probleme. Schon bei der Bestimmung der Erzählform stellt man schnell fest, dass es kein einheitliches Verhältnis der Erzählinstanz zum Erzählten gibt. Zwar dominiert die Er/Sie Erzählform ("Der Mann geht ganz allein weiter.") 7 , daneben gibt es jedoch fließende Übergänge zur Wir-("Wir Knechtgestalten".) 8 , Ich- (Ich fordere Sie ernstlich auf: Luft und Lust für alle!") 9 und Du-Erzählform.("Fahren Sie vorsichtig.") 10
Der Leser kennt den Erzähler traditionell als einheitliche Figur, d.h. wie auch alle anderen Figuren als Subjekte mit festem Wesenskern und Eigenschaften. Die fließenden Übergänge haben zur Folge, dass der Leser keine Orientierung mehr dafür hat, wer bzw. was spricht. Die schnellen Wechsel der Sprecher, die im Text meist nicht eindeutig zu erkennen sind, verunsichern zusehends. Dem Leser wird gewissermaßen die "Kontaktperson" genommen. Er kann der Erzählinstanz nicht wie gewohnt als Person begegnen, er kann ihr nicht vertrauen, da er gar nicht weiß, an wen oder was er sich wendet. Den traditionellen Erzähler des bürgerlichen Romans, als Person, die nach logischen "Gesetzmäßigkeiten" handelt, den Leser an die Hand nimmt und ihn sicher durch die Erzählung führt gibt es in "Lust" nicht mehr. Er erfüllt keine Überblicks- Klärungs- und Ordnungsfunktion innerhalb der Erzählung mehr und verhindert auf diese Weise auch, dass der Leser sich ein klares Bild von den Geschehnissen machen kann. Nach Yasmin Hoffmann 11 haben alle Figuren Jelineks, die Erzählinstanz mit eingeschlossen, keine
5 Jelinek, Elfriede: Lust.
6Petersen, Jürgen H.: Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart, Weimar 1993
7 Jelinek, Elfriede: Lust, S.18
8 Jelinek, Elfriede: Lust. , S.80
9 Jelinek, Elfriede: Lust., S.105
10 Jelinek, Elfriede: Lust, S.117
11 Vgl. Hoffmann, Yasmin: "Elfriede Jelinek. Sprach -und Kulturkritik im Erzählwerk." Opladen/Wiesbaden 1999
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Substanz, kein "wahres" Gesicht, keinen Kern. Die Figuren existieren ihr zufolge nur durch die Sprache und darin erschöpft sich auch ihre Identität.
"Gedacht, getan [...],um die Sprache sind die Menschen ja nie verlegen und mehr ist auch nicht in ihnen verborgen." 12
Sie sind also sprechende oder auch besprochene Subjekte, denen jedoch ein Erfahrungshintergrund für das was sie sagen fehlt. Was sie sagen ist nicht Produkt der Überlegungen eines denkenden Subjektes, sondern gewissermaßen formelhaft "eingesetzte" Schablonen, für die es keine echte erlebte Wirklichkeit in den Figuren geben muss. Da sie in ihrem Erleben manipuliert und determiniert sind, sie aus Sprache gebaut und hinter dieser "Sprachfassade" gibt es auch nichts weiter zu entdecken. Marlies Janz bezeichnet dies als "Gesichts -und Geschichtslosigkeit". 13 Die Einheit der Figur zerfällt in eine "Skala möglicher Bewusstseinslagen". 14
Die Frage nach dem Grad des Bewusstseins, des Wissens, der Einsicht in das Ausgesagte der Sprecher stellt sich in allen Texten Jelineks, da es zu den grundlegenden Zügen ihres Schreibens gehört, stets zu verhindern, sowohl einen eindeutigen Standpunkt auszumachen, als auch eine eindeutige Antwort auf die Frage zu erhalten: wer spricht. 15 Für Jutta Schlich 16 fehlt der Erzählinstanz nicht nur ein wahres Gesicht, sondern auch eine prinzipielle Überlegenheit aufgrund seines Wissens über das Erzählte und seiner Distanz zum Geschehen; zwei Merkmale, die ihrer Auffassung nach den traditionellen Erzähler kennzeichnen. Die Folge ist die schlechte Fassbarkeit der Erzählinstanz. Jutta Schlich bezieht sich deshalb auf Wolfgang H. Schober, der diese Erzählinstanz, dessen "Wesen kaum fassbar" 17 ist, als "Erzählmedium" 18 bezeichnet,
wenn er auch manchen Charakterzug durch die Art seines Berichtes preisgibt. Der Autor verzichtet mit dem Einsatz eines Erzählmediums auf die Beglaubigung des erzählten Inhaltes: es wird fingiert, die Geschichte erzähle sich gleichsam selbst. 19 Ich möchte deshalb an dieser Stelle den Begriff Erzählmedium übernehmen, da er mir für die Charakterisierung der Erzählinstanz in "Lust" angemessen scheint. Die eben angesprochene Schablonenhaftigkeit der Aussagen beruhen Yasmin Hoffmann zufolge auf der Überzeugung Elfriede Jelineks, dass individuelles Handeln nicht mehr möglich sei.
12 Jelinek, Elfriede: Lust., S.235
13 Vgl Janz, Marlies :Elfriede Jelinek. Sammlung Metzler Bd 286 Stuttgart 1995
14 Mattis: Sprechen als theatralisches Handeln? 1987,S.169 in: Schlich, Jutta
15 Hoffmann, Yasmin: Elfriede Jelinek., S.172
16 Vgl. Schlich, Jutta: Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur.
17 Schober, Wolfgang H.: Erzähltechniken in Romanen. Eine Untersuchung erzähltechnischer Probleme in zeitgenössischen Romanen. Wiesbaden, Dis.1975, S.69
18 Ebenda.
19 Ebenda.
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Die Distanzierung vom Subjektbegriff bedeutet, dass sowohl das Erzählmedium seine traditionelle Rolle als Subjekt nicht mehr spielt, also depersonalisiert wird, als auch dass das Sprechen und damit Denken der Figuren vom System, in dem diese Figuren leben, determiniert ist und eben deshalb keinen individuellen Hintergrund mehr hat. "Wir wollen jetzt aber nicht persönlich werden." 20 Aus dem Romanheld, wird das "Romanpersonal" 21
Das Soziale hat mit Hilfe der Massenmedien und anderer gesellschaftsstrukturierender Elemente wie Kirche, Staat oder Kunst Vorrang vor dem Individuellen errungen. Die Grenzen der Handlung in "Lust" stellen die gesellschaftlich etablierten Grenzen dar. Was wir als individuelle Werte und Handlungsmotive betrachten, ist lediglich Ergebnis eines komplexen Lern- und Kombinationsprozesses. Erfahrung, Bildung, Identität sind vom System bedingte, konstruierte Gefüge, die nicht dem Einzelnen gehören. Elfriede Jelinek:
Ich möchte das jetzt wirklich überspitzt formulieren und sagen, dass in diesem System der Individualismus eine große Illusion und eine große Lüge ist. Bei der Geschlossenheit des Systems ist individuelles Handeln kaum möglich. Es ist mir wichtig, in meinen Büchern diese Determiniertheit aufzuweisen. 22
Jutta Schlich bezeichnet die Vorstellung des Subjektbegriffes traditionell als wichtigstes Fundament des bürgerlichen Romans. Wie in der Ausführung deutlich geworden ist, lebt diese Vorstellung wenigstens teilweise noch im Leser fort, der sich durch die Konfrontation mit Figuren und einem Erzählmedium, die keine Subjekte mehr sind, zutiefst verunsichert und haltlos fühlt. Er begegnet keinen Personen mehr, sondern Fragmenten, Prototypen, Fassaden. Doch "Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit sind für die moderne Literatur keine Kriterien mehr." 23 Zumindest keine, an die es sich zu halten gilt.
Man kann Personen ja eigentlich nur noch als Zombies auftreten lassen oder als Vertreter einer Ideologie oder als Typenträger oder als Bedeutungsträger wie man sie nennen will, aber nicht als runde Menschen mit Freud und Leid [...], das ist vorbei, ein für allemal. 24
20 Jelinek, Elfriede: Lust., S.61
21 Schlich, Jutta: Phänomenologie der Wahrnehmung., S.45
22 Elfriede Jelinek in einem Gespräch mit Joseph Hermann Sauter in: Weimarer Beiträge 6, Berlin (DDR)1981, S.113 in: Hoffmann Yasmin: Elfriede Jelinek.
23 Claes, Oliver: Fremde. Vampire. Sexualität, Kunst und Tod bei Elfriede Jelinek und Adolf Muschg. Bielefeld
1994, S.123
24 Elfriede .Jelinek im Gespräch (1985). Abgedruckt in: Alms, Barbara: Blauer Streusand. Frankfurt a.M.1987, S.41. in: Schlich, Jutta, Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur., S.51
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1.2. Perspektivenwechsel und Identitätsprovokation
Aus der Tatsache, dass der Leser es in "Lust" nicht mehr mit einen Erzähler zu tun hat, sondern mit wechselnden Erzählstimmen, die zudem aus verschiedenen Perspektiven sprechen, ergibt sich für ihn ein weiteres Problem. Nicht nur, dass er keinen konkreten "Vermittler" der Geschichte hat, er muss zudem auch feststellen, dass so keine Möglichkeit der Identifikation gegeben ist. Die Identifikation jedoch ist traditionell ein wesentlicher Bestandteil des bürgerlichen Romans: der Leser versetzt sich in eine der Figuren und ist so fähig, ihr und dem Gang der Dinge in allem zu folgen, er "lebt und leidet" mit ihr. In Geschichten, in denen die Handlung und die Charaktere Sinn und Zweck der Darstellung sind, ist die Identifikation deshalb unerlässlich.
Die Figuren in "Lust" jedoch verhindern eine Identifikation aufgrund ihrer Schemenhaftigkeit; sie sind so aus Bildern zusammengesetzt und durch die gewalttätige Sprache des Erzählmediums entstellt, dass dem Leser in jedem Moment ihre Konstruiertheit bewusst bleibt. Das Erzählmedium selbst dagegen verleitet anfangs zum Versuch, sich zumindest mit einer der Stimmen zu identifizieren, sich "hineinzufinden". Das Erzählmedium provoziert diese Identifikationsversuche ganz besonders mit der Wir-Erzählform. Indem es "wir Frauen" 25 sagt, werden beispielsweise Leserinnen aufgefordert, dem Erzählmedium zu folgen, bis es abrupt von "wir Männer" 26 , "wir Menschen" 27 oder "wir Knechte" 28 spricht und die Leserin verwirrt aufgibt. Die wechselnden Stimmen sprechen völlig gleichberechtigt und geben so vor, verschiedene Sichtweisen zu repräsentieren. Das dem nicht so ist, wurde in 1.1. bereits gezeigt. Wieder wird deutlich, wie eine leere Form - der Erzähler - mit Inhalten gefüllt wird, ohne das dies eine Ursache in seiner Person oder eine individuelle Färbung hätte. Die Aggressivität, mit der das Erzählmedium in harten unangekündigten Schnitten Perspektive und Erzählform wechselt, bietet dem Leser keine Möglichkeit diese Brüche im Text nachzuvollziehen. Hinzu kommen die verschiedenen Montageverfahren, die den Leser zusätzlich durcheinanderbringen. Das Erzählmedium betreibt ein Sprach -und Rollenspiel, dem zu folgen unmöglich ist. Dass es die Identifikation tatsächlich nur provoziert, ohne eine sie jemals anzustreben, wird dem Leser durch verschiedene sprachliche Mittel wie Ironie, Zynismus, Spott, Zitatverfremdung, Unangemessenheit der Wortwahl etc deutlich. ("Vielen Dank, dass Sie meinen Beleidigungen zugehört haben.") 29
25 Jelinek, Elfriede: Lust., S.68
26 Jelinek, Elfriede: Lust., S.41
27 Jelinek, Elfriede: Lust., S.84
28 Jelinek, Elfriede: Lust., S.198
29 Jelinek, Elfriede: Lust., S.144
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Fanny Jimenez, 2001, Die Irritation des Lesers durch das Erzählmedium in Elfriede Jelineks ´Lust´, Munich, GRIN Publishing GmbH
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