Stefan Möller
Referat/Seminararbeit
Die frühen Aktionen von Günter Brus: Ana, Selbstbemalung 1, Selbstverstümmelung Seminar: Schmerz in der Kunst seit 1960
1
Inhalt
1 Einleitung 3
2 Der Wiener Aktionismus 4
3 Künstlerische Biographie Günter Brus 5
4 Die Aktionen 6
4.1. Ana 6
4.2. Selbstbemalung 1 6
4.2.1. Herkunft der Aktion aus der Malerei 8
4.3. Selbstverstümmelung 9
5 Sprachbegriff bei Brus 10
5.1. Die Wiener Gruppe 10
5.2. Sprachbegriff der WA 11
6. Körper 13
7. Aktion 14
8. Schmerz 17
9. Epilog 19
Bibliographie 20
2
Günter Brus
Aktionen Ana, Selbstbemalung 1, Selbstverstümmelung
„merke eines: stelle niemals ein programm auf (den es gibt keins). [...] malerei ist offen und gegensätzlich wie das leben - sie lässt sich nicht einfangen in programme.“ (Tagebuch 1960)
1 Einleitung
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die frühen aktionistischen Arbeiten von Günter Brus zu untersuchen. Die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, werden bereits im Eingangszitat von Günter Brus deutlich. Unter dem kunsthistorischen Oberbegriff Wiener Aktionismus werden die Arbeiten verschiedener Künstler zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit vor allem im radikalen Bruch mit den zeitgenössischen Tendenzen der Kunst, ebenso wie der gesellschaftlichen Normen, zu finden sind. Mit Ausnahme von Nitsch, der Mitte der 80er Jahre die „Theorie des O.M. Theaters“ 1 schriftlich fixierte, stellten die Wiener Aktionisten kein theoretisches System zu ihrer Arbeit auf. Die Aktionisten entzogen sich jeglicher kunsthistorischen Theorie oder anders gesagt: der Wiener Aktionismus wird durch die Beschreibung zu dem gemacht, „was er weder war noch sein wollte; er wird nachträglich in eine kulturelle Ordnung überführt, zu deren Subversion er angetreten war.“ 2 Ausgehend von einigen kurzen Überlegungen zur zeitgenössischen Situation in Österreich und dem Versuch der Beschreibung von drei Aktionen, werden die zentralen Begriffe Sprache und Körper eingehender untersucht werden. Hierbei wird sich immer wieder die Verbindung zur Thematik des Schmerzes ergeben, der in den frühen Aktionen noch kein realer war, sondern symbolisch und metaphorisch angedeutet und verwendet wurde.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Dokumentationsstand. Die Aktion Ana ist in ihrem Ablauf gut schriftlich dokumentiert. Selbstbemalung und vor allem Selbstverstümmelung sind schriftlich nur unzureichend fixiert. Für keine Aktion findet sich eine Beschreibung der Reaktion des (geladenen) Publikums, so dass über die Perzeption der Rezipienten bestenfalls spekuliert werden kann.
1 Vgl. Nitsch, in: Lazarowicz, Balme, Klaus (eds.); Texte zur Theorie des Theaters, Stuttgart 1984, S. 672ff.
2 Jahraus, S. 19.
3
2 Der Wiener Aktionismus
Der Begriff Wiener Aktionismus 3 wurde erst nachträglich im Jahr 1969 von Peter Weibel eingeführt. Vor allem die Arbeiten von Herman Nitsch, Otto Mühl, Richard Schwarzkogler und Günter Brus werden gemein hin mit diesem Begriff umfasst. Als Ausgangspunkte können der amerikanische abstrakte Expressionismus, der Nouveau Realisme, der radikalisierte Surrealismus und die Beschäftigung mit Happening und Fluxus gelten. Beeinflusst wurde der WA ebenfalls vom Minimalismus, Tachismus und Informel. In Bezug auf die Position der Minimalisten und der Vertreter des Nouveau Realisme kann man einige Gegensätze herausstellen. Wurde bei diesen das Bild zum Objekt und der Raum zum Thema. so forderten die Wiener Aktionisten die Präsenz des Körpers „als Objekt einer Kunst der ‚Politik der Erfahrung’. 4 Es lassen sich aber auch weiter zurückreichende Einflüsse der österreichischen Kunsttradition feststellen, die bis zum Barock zurückgehen. Vor allem Nitschs Nähe zum liturgischen Weihespiel und die Lebensmittelrituale von Otto Mühl lassen sich hier als Beispiele anführen.
Brus knüpft in seinem aktionistischen Werk an die malerische Tradition der ersten Wiener Moderne an. „Meine Monoaktionen können augenscheinlich auf Gerstl und Schiele bezogen werden.“ 5
Zum Verständnis des WA ist es notwendig, einen Blick auf die spezielle kultur- und kunsthistorische Situation in Österreich um 1960 zu werfen. In Österreich reißt die Entwicklung der Moderne nach dem Ende des 1. Weltkriegs und dem damit verbundenen Zerfall des Habsburgerischen Kaiserreichs ab. Bis in die 60er Jahre hinein gibt es keine modernistischen Tendenzen in der österreichischen Kunst. Es existieren keine Galerien, in denen moderne Kunst ausgestellt wird ebenso wenig wie Museen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Moderne und avantgardistische Strömungen wurden von „einer konservativen Kulturpolitik in die Subkultur gedrängt.“ 6 Die österreichische Geisteshaltung ist geprägt vom Austrofaschismus, der sich mit der Verleugnung der Täterrolle im Dritten Reich paart. Österreich sah sich in der Opferrolle, eine Rolle, die durch die spätere Einstufung als ‚befreundete Nation’
3 Weiter als WA.
4 Vgl. Klocker, in: Schimmel, S.85.
5 Brus, in: Roussel 1995, S. 19.
6 Schmatz, S. 8.
4
seitens der Alliierten noch Unterstützung fand. Eine langsame Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte erst in den 90er Jahren und ist bis heute noch nicht abgeschlossen.
Das Land propagierte eine ‚heile alpenländische Welt’, die Öffentlichkeit reagierte noch ablehnender auf zeitgenössische Veränderungen als dies z.B. in Deutschland der Fall war.
In diesem geistigen Klima kann eine der Ursachen dafür liegen, dass die Wiener Aktionisten eine bis dahin in der Kunst noch nie vorgekommene Radikalität in ihren Aktionen auslebten.
3 Künstlerische Biographie Günter Brus:
Brus, 1938 in Ardning geboren, absolvierte die Kunstgewerbeschule Graz, bevor er 1955 nach Wien ging. In Wien beschäftigte er sich ausführlich mit dem österreichischen Frühexpressionismus, mit der Kunst und Literatur des deutschen Expressionismus und mit der Malerei von Munch und Van Gogh. 1960 entsteht eine Reihe von Werken auf ungrundiertem Packpapier, in denen er den Durchbruch zur ausschließlich gestischen Malerei entwirft. Im selben Jahr bespannt er die Wände seines Zimmerateliers mit grundiertem Packpapier und bemalt in der Folge den kompletten Raum. So gelingt es ihm, die Konzentration auf das isolierte Bildmaterial zu umgehen.
Nach der sich anschließenden Wehrdienstzeit verfällt er in einen depressiven Zustand. Erst 1962 wird er wieder künstlerisch tätig. Er weitet seinen informellen Ansatz mit radikaleren Mitteln aus, wobei durch das Zusammenbinden von Händen und Füßen während des Malens eine erste Konzentration auf den eigenen Körper festzustellen ist.
1963 stellt ihm der Galerist und Psychoanalytiker Josef Dvorak seine Galerieräume zur Verfügung. Brus verwirklicht dort ein großangelegtes Experiment, die „Malerei im labyrinthischen Raum“. Die Wände der Galerie werden mit Molino bespannt und auf quer durch den Raum gezogenen werden Packpapierbahnen gehängt, um so den Gesamtblick zu irritieren. In einem exstatischen Prozess bemalt Brus die Wände. 7 Zu diesem Zeitpunkt haben Nitsch und Mühl bereits ihre ersten Aktionen durchgeführt und Brus befürchtet, den Anschluss an diese Entwicklung zu verlieren.
7 Die Leinwände werden später durch falsche Lagerung in der Galerie fast vollständig zerstört.
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Arbeit zitieren:
Stefan Möller, 2002, Wiener Aktionismus: Die frühen Aktionen von Günter Brus, München, GRIN Verlag GmbH
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