„Die russische Intelligencija - Selbstverständnis und Realität in der Geschichte des 20.
Kirsten Eisermann
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 4
2. Intelligenz, Partei und Staat im Spätstalinismus von 1945 bis 1953 6
2.1. Der „Fall der Ärzte“ 8
2.2. Kosmopolitismus und Antisemitismus zwischen 1945 und Stalins Tod 1953 10
3. Intelligenz, Partei und Staat 1953 bis 1964 13
3.1. Sowjetische Intellektuelle und politische Macht in der Phase des Poststalinismus 15
4. Die Positionierung der Intelligenz in der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft
zwischen 1945 und 1964 18
4.1. Die Intelligenz unter den Bedingungen der sowjetischen Gesellschaft (1945-1964) 19
4.2. Faktoren, die einen Einfluss der sowjetischen Intelligenz auf die Gesellschaft
erschwerten 21
5. Die sowjetische Intelligenz zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung - eine
zusammenfassende Bewertung 24
6. Literatur 27
3
1. Einführung
Das Thema dieser Arbeit lautet „Die Intelligenz zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung“. Der Begriff Intelligenz steht auch für Intelligencija, welcher kurz gefasst die Schicht der Gebildeten in Russland bzw. später in der Sowjetunion bezeichnet. Er wird weiter unten eingehender definiert, wie auch der folgende Begriff Kosmopolitismus, der in diesem Zusammenhang ein Terminus der Sowjetpropaganda ist und eine, dem spätstalinistischen Nationalpatriotismus entgegengesetzte, Bewegung im Spätstalinismus bezeichnen sollte.
Das Objekt der Untersuchung ist die Intelligenz in der Zeitphase von etwa 1945 bis 1964, wobei der Kosmopolitismus in die Zeit des Spätstalinismus von 1945 bis zu Stalins Tod 1953 fällt und die Entstalinisierung grob in den Zeitraum von 1953 bis 1964 anzusiedeln ist, in welchen auch Chruševs Amtszeit fällt.
Wie sieht die Entwicklungsgeschichte der Intelligenz in der Sowjetunion in der Phase des Kosmopolitismus bis zur Zeit der Entstalinisierung aus? Um dies zu beantworten, habe ich zwei unterschiedliche Vorgehensweisen gewählt. Die erste über die Sowjetische Geschichte wird in zwei zeitliche Phasen getrennt, nämlich 1945 bis 1953 und 1953 bis 1964, und mit Zeitzeugenberichten 1 kombiniert. Im 2. Kapitel unter 2.1. erscheinen die Zeitzeugenberichte stark von der Thematik des sowjetischen Antisemitismus geprägt. Dies hat zwei Gründe: 1. der Terminus Antikosmopolitismus steht als Synonym für den sowjetischen Antisemitismus und 2. ist es die jüdische Intelligenz, die zum Thema Kosmopolitismus am ausführlichsten berichtet.
Was waren die Hintergründe der komplexen Beziehungsgeflechte zwischen politischer Macht und Intelligenz? Und wie gestaltete sich ihre Stellung in der Gesellschaft? Dies soll die zweite Vorgehensweise sichtbar machen, die mit einem Durchgang der gesamten Zeitperiode unter soziologischem Aspekt folgt.
Und schließlich: hat die Intelligenz eine tragende Rolle in der Gesellschaft der Sowjetunion zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung eingenommen? Dies soll zum Abschluss zusammenfassend unter Herausstreichung des einen oder anderen strittigen oder unklaren Aspekts dargelegt werden.
1 Die Berichte aus der Aufsatzsammlung von L. Luks (Der Spätstalinismus und die „jüdische Frage“) sowie das Buch von V. Shlapentokh (Soviet Intellectuals and Political Power) nenne ich hier Zeitzeugenberichte, weil sie neben ihrem informativen Wert sehr gut den Eindruck beteiligter Personen vermitteln.
4
Die beiden Begriffe Intelligencija und Kosmopolitismus bedürfen einer Definition, um im Verlauf dieser Arbeit ein klares Bild von Rolle der Intelligencija im der Phase des Kosmopolitismus bis hin zur Entstalinisierung zu entwickeln.
Der russische Terminus Intelligencija ( zu deutsch auch: „Intelligenz“ oder „Intellektuelle“) hat einen lateinischen Wortstamm 2 . Der Begriff in diesem Wortlaut wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Auseinandersetzung mit den deutschen und französischen Philosophen in die russische Sprache eingeführt und zwar meist im Sinne von Intelligenz als Naturgabe oder sachkundiges Urteilsvermögen. Im zweiten Teil des 19. Jahrhunderts erfolgt ein Bedeutungswandel des Wortes von seiner Bezogenheit auf das Individuum zum Kollektivbegriff 3 . Im gleichen Zeitraum werden die „formale Bildung und die soziale Funktion als gemeinsam wirkende Kriterien bei der Begriffsbestimmung“ 4 deutlich. Der russische Philosoph Petr Lavrov 5 definierte den Begriff Intelligencija folgendermaßen: „die kritisch denkende Persönlichkeit, die unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihrer sozialen Lage die Reflexion über das Allgemeinwohl im weitesten Sinne zum Zentrum ihrer Existenz und ihrer Legitimation macht, ist der Inbegriff von Intelligenz“ 6
Die Definitionen durch Vertreter der russischen Schicht der Gebildeten variieren jedoch je nach politischer Ausrichtung. Der Mehrheit ist aber das Merkmal der geistigen Arbeit und der Zug zur ethischen Verpflichtung gemeinsam. Hieraus entwickelt sich um 1900 der Begriff der Spezialisten-Intelligencija, der auch in die spätere marxistische und sowjetische Terminologie eingeht 7 .
Das Wort Kosmopolitismus stammt laut Lexikon vom Griechischen ab und hat die Bedeutung Weltbürgertum. Es wird erklärt als die
„Anschauung, wonach alle Menschen, alle Völker und Nationen, alle Kulturen und Epochen, gleichberechtigte, sich gegenseitig bereichernde Teile einer gemeinsamen Welt sind.“ 8
Im Kontext der sowjetischen Geschichte erhält dieser Begriff jedoch eine andere Bedeutung. Er stand in der Sowjetpropaganda der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für eine „Weltanschauung, die das Streben der imperialistischen Großmächte nach Weltherrschaft mit dem Vorwand begründet, der Nationalstaat, der Patriotismus usw. sei in der gegenwärtigen Epoche historisch überholt“ 9 .
2 Lat. „intellegentia“: deverbale Ableitung von lat. „intellego“ - ich wähle dazwischen aus. Vgl. Müller, 1971: S.29.
3 Ebd.: S.121ff.
4 Ebd. S.198.
5 1823-1900, Philosoph, Soziologe u. Publizist. 1870 emigriert. Verkünder der Ideologie der Narodniki - übers.: Volkstümler; in: Kleine Slavische Biographie, Harrassowitz Wiesbaden 1958.
6 Vgl. Beyrau, 1991: S.188.
7 Vgl. Müller, 1971: S. 199, 203.
8 Vgl. Meyers Taschenlexikon, 1992: Bd.5, S.260.
9 Vgl. Duden - Fremdwörterbuch, 1990: S.435.
5
2. Intelligenz, Partei und Staat im Spätstalinismus von 1945 bis 1953
In den folgenden zwei Kapiteln soll ein Überblick über den geschichtlichen Hintergrund gegeben werden, vor welchem sich die Intelligenz in der Sowjetunion bewegte, wobei getrennt wird in die Zeit vor und nach Stalins Tod im Jahr 1953.
Während des Zweiten Weltkriegs herrschte in der UdSSR bereits ein sowjetpatriotisches Klima, das sich nach dem Krieg noch verschärfte. Während des Krieges musste man der wissenschaftlichen Intelligenz entgegenkommen, um in der Kriegstechnologie nicht den Anschluß zu verlieren, aber dennoch waren ihre Lebensumstände katastrophal 10 . Ab 1945 bekämpfte die sogenannte „Ždanovšina“ 11 im Rahmen einer Antikosmopolitismus-Kampagne massiv den westlichen Einfluß bei den rückkehrenden Soldaten 12 . Ždanov lag als Sekretär der Propagandaabteilung die Hervorhebung der russisch-nationalen Töne besonders am Herzen, zumal er schon zuvor am kulturellen Aufstieg des Sowjetpatriotismus vor dem Krieg entscheidenden Anteil hatte 13 .
Hinzu kam nun in stärkerem Ausmaß die Repressionen: mehr als andere Schichten hatte die Intelligenz unter Polizeiterror, Überwachung, rigoroser Zensur, Beschränkung der wissenschaftlichen Kontakte und der eingeschränkten Auswahl an Konsumgütern zu leiden 14 . In mehreren Entschließungen des Zentralkomitees (ZK), die gegen Schriftsteller, Theater und Filmemacher gerichtet waren, äußerte sich die sowjetpatriotische Haltung des ZK, welches gegen die Dominanz von westlichen Inhalten vorgehen wollte. So wurden z.B. die Werke der Lyrikerin A. Achmatova und von M. Zošenko, einem Satiriker als „nicht- und antisowjetisch, fremd, bösartig, ideenlos und apolitisch, dekadent und pessimistisch“ 15 bezeichnet. Sie wurden beschuldigt ein falsches Bild vom sowjetischen Leben gezeichnet zu haben 16 . Beide Autoren wurden aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Nach Ždanov aber lag die Aufgabe des Schriftstellers in der Erziehung der menschlichen Seelen, an der ideologischen Front, im Kampf gegen alles Bürgerliche und für die Parteilinie zu arbeiten 17 . Er erhob die Forderung nach Parteilichkeit, Volkstümlichkeit und Optimismus.
10 Vgl. Altrichter , 1993: S.116.
11 Begriff steht für die Eingriffe in die sowjetische Kulturpolitik nach dem 2. Weltkrieg initiiert durch Andrej Ždanov; dieser war Sekretär der Agitations- und Propagandaabteilung und Parteisekretär von Leningrad.
12 Vgl. Torke, 1997: S.224ff.
13 Vgl. v. Rauch, 1990: S.463.
14 Vgl. Schlögel, 1984: S.181.
15 Altrichter, 1993: S.116.
16 Vgl. v. Rauch, 1990: S.465.
17 Vgl. Altrichter, 1993: S.116.
6
Die sogenannten „formalistischen Richtungen“ 18 hingegen galten als unsowjetisch, volksfeindlich und zersetzend, darüber hinaus als Ausdruck eines „vaterlandslosen Kosmopolitismus“ 19 . Der Kosmopolitismus wurde in diesem Zusammenhang als eine Überbewertung des Westens unter Vernachlässigung der national-russischen Traditionen gesehen. Dieser Vorwurf ging an solche Philosophen, Juristen und Historiker, die sich mit westlicher Philosophie, bürgerlichen Rechtsideen und europäische Geschichte befaßten oder bürgerlicher Herkunft oder Juden waren 20 .
Der Kosmopolitismus war ein Phänomen, das in der zweiten Hälfte der Vierziger Jahre zu einem Synonym für unterstellte Bindungs- und Wurzellosigkeit sowie zu einem Chiffre für ‘jüdisch’ 21 wurde. Bei der Kosmopolitismusschelte ging es um ideologische Abgrenzungen und Belehrungen, wobei keine wirkliche argumentative Auseinandersetzung mit den Inhalten des Kosmopolitismus stattfand 22 . Die Folge war die strikte Ablehnung jeglicher kosmopolitischer Werkdimension mit dem Vorwurf des Verrats an nationalen Interessen des Volkes und der Willfährigkeit in Bezug auf den US-Kapitalismus. Es wurde allerdings unterschieden zwischen dem Weltbürgertum z.B. der Literatur der Deutschen Klassik, der positiv bewertet wurde und dem aktuellen, vorgeblich aggressiven und auf eine Tarnung kapitalistischer Weltherrschaftspläne bezogenen Kosmopolitismus. Es fand eine regelrecht hysterische Verketzerung statt 23 : die Propaganda über die verderblichen Einflüsse des ‘modernen Kosmopolitismus’ wurde zum faschistischen Universalismus verlängert, woraus die Notwendigkeit eines nationalen Abwehrkampfes hergeleitet wurde. Dies führte zu staatlichen Kontrollen, Eingriffen und Zensurmaßnahmen und stand in engem Zusammenhang mit geschürten Überfremdungsängsten sowie Ängsten vor Unterwanderung und Entwertung der Nation 24 .
Ždanov starb 1948 überraschend an Herzschlag, was angesichts seines Alters von 52 Jahren vielerlei Spekulationen hinsichtlich der Todesursache auslöste. Dies wusste insbesondere Stalin später propagandistisch zu nutzen 25 , was im Zusammenhang mit der Ärzteaffäre (S.7) näher betrachtet wird. Ždanovs Initiative aber hatte einen Prozess angeschoben, der sich auch nach seinem Tod fortsetzte. Die anwachsende sowjetpatriotische, antikosmopolitische Grundhaltung führte zu den Versuchen der Beweisführung, daß wissenschaftliche
18 Altrichter, 1993: S.118.
19 Ebd.: S.118.
20 Vgl. Altrichter, 1993: S.118f.
21 Vgl. Thielking, 2000: S.243.
22 Ebd.: S.245.
23 Ebd.: S.244.
24 Ebd.: S.248.
25 Vgl. Torke, 1997: S.224ff; v. Rauch, 1990: S.471-474.
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Kirsten Eisermann, 2002, Intellektuelle in Russland zwischen Kosmopolitismus und Entstalinisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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