Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Begriffsverständnis und Forschungsfeld 5
3 Situation der Aussiedlerintegration in Deutschland 11
3.1 Gesetzliche Grundlagen 11
3.2 Geschichtliche Hintergründe 13
3.3 Integrationssituation 16
4 Beziehung zwischen Aussiedlern und Einheimischen 24
4.1 Aussiedler als Fremde 24
4.2 Kulturell und strukturell induziertes Spannungsverhältnis 27
4.3 Konstruktion kultureller Distanz 29
5 Interkulturelle Pädagogik 32
5.1 Selbstverständnis Interkultureller Pädagogik 32
5.2 Anknüpfungsbereiche Interkultureller Pädagogik 34
6 Wirkungsaussichten 38
Literaturverzeichnis 40
Kap. 1 Einleitung 1
Die Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte haben das relativ homogene kulturelle Bild Deutschlands tiefgreifend verändert. Spielte bis zur Hälfte des letzten Jahrhunderts die Einwanderung so gut wie keine Rolle, ist sie in den letzten vier Jahrzehnten ein immer wichtigeres und brisanteres Thema der Politik und Pädagogik geworden 1 . Diese veränderte Situation entstand infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland in den 50er Jahren. Die große Nachfrage nach Arbeitskräften, der man versuchte mittels aktiver Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern zu decken, führte zu Migration von sogenannten Gastarbeitern nach Deutschland 2 . Weltweite Fluchtbewegungen, die Migration der Aussiedler und die politischen Bestrebungen eines vereinten Europas folgten. Im Zuge der seit Jahren anhaltenden jährlichen Zuwanderung 3 hat sich Deutschland zu einem (LQZDQGHUXQJVODQG ÄPLW HWKQLVFK-NXOWXUHOOHU +HWHURJHQLWlW³ 4 entwickelt. Derzeit wird der Anteil der in Deutschland lebenden Ein- und Zuwanderer ausländischer Herkunft auf etwa 9% 5 geschätzt.
Aufgrund politischer und wirtschaftlicher Umbruchsituationen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist seit Ende der 80er Jahre besonders die Zahl der eingewanderten Aussiedler enorm gestiegen 6 . Seitdem gilt die Gruppe der Aussiedler als zweitgrößte Migrantengruppe Deutschlands 7 . Der hohe Anteil von Migranten an der in Deutschland lebenden Bevölkerung bringt mit zunehmender kultureller Vielfalt auch ernstzunehmendes Konfliktpotenzial mit sich 8 .
1 vgl. SCHERR (1994, S. 342)
2 vgl. SCHULTE (1993, S. 114)
3 1999 betrug die Zahl der in Deutschland lebenden ausländischen Bevölkerung rund 7.344.000. Insgesamt lebten in dem gleichen Jahr ca. 82 Mio. Menschen in Deutschland (Statistisches Bundesamt).
4 SCHULTE (2000, S. 14)
5 eigene Berechnung nach MÜNZ & ULRICH (2000, S. 23)
6 vgl. WENNING (1996, S. 162f.)
7 vgl. STEGMANN (2000, S. 61f.)
8 vgl. AUERNHEIMER (2001b, S. 9)
Kap. 1 Einleitung 2
Neben die eher konservativ und nationalstaatlich orientierte, auf einem historisch gewachsenem Abstammungsprinzip beruhende deutsche Gesellschaft 9 stellt sich durch die Einwanderer aus unterschiedlichsten Nationen eine kulturelle Vielfalt. Diese Vielfalt und das rasante Aufblühen anderer Kulturen erfordert Veränderungen in den Grundhaltungen der deutschen Gesellschaft, zu welchen sie aus der Dynamik der Prozesse heraus nicht in der Lage zu sein scheint. Verschiedenste Mentalitäten und Kulturen treffen auf sehr engem Raum unausweichlich aufeinander. Die dabei entstehenGHQ ÄVR]LDOHQ LQVEHVRQGHUH HWKQLVFK-NXOWXUHOOHQ6SDQQXQJHQ XQG.RQIOLNWH³ 10 stellen schwer überwindbare Barrieren für die von der Bundesregierung angestrebte Integration 11 dar. Selbst die Aussiedler, welche eigentlich der deutschen Nationalität angehören und nicht als Fremde zuwandern, unterscheiden sich immer weniger von anderen Migrantengruppen ausländischer Herkunft 12 . Dadurch stellen sie zunehmend ein Integrationsproblem für die Politik und ± im Rahmen dieser Arbeit ± für die Pädagogik dar 13 .
Die Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen, welche bei den Einwanderungen der Aussiedler einen ganz erheblichen Anteil ausmachen 14 , müssen in diesem Zusammenhang eine besondere Berücksichtigung finden. Es hat sich gezeigt, dass gerade bei den jüngeren Aussiedlern das Problem der Integration ein unumgängliches Thema ist 15 . Sie zählen zu der Generation der osteuropäischen Zuwanderer, die der gemeinsamen deutschen Kultur aufgrund der historischen Entwicklung seit mehr als 50 Jahren entfremdet ist. Sie sind kaum mehr von anderen Migrantengruppen zu unterscheiden und müssen in der Integrationsproblematik genauso thematisiert werden, wie es bei Migranten mit Ausländerstatus schon seit einigen Jahren der Fall ist. Zudem ist es wichtig, einen sensiblen Umgang mit den noch in der Identitätsentwicklung 16 und im Übergang zum Erwachsenenalter befindlichen Jugendlichen zu entwickeln und diesen dabei Hilfe zur Orientierung im Zusammenleben in Deutschland zu geben.
Schon Anfang der 70er Jahre begann die Migrationsforschung und die Pädagogik im Rahmen der Gastarbeiterzuwanderung sich mit den sozialen Folgen der Migration (z.B.
9 vgl. HOFFMANN In KÜRSAT-AHLERS (1992, S. 26); NESTVOGEL (1994, S. 150ff.)
10 SCHULTE (2000, S. 14)
11 Ä,QWHJUDWLRQLVW6FKZHUSXQNWGHU$XVVLHGOHUSROLWLNGLHVHU%XQGHVUHJLHUXQJXQGKDWDEVROXWH3ULRULWlW³ (Jochen Welt, Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung 2000)
12 vgl. STEGMANN (2000, S. 61f.); AUERNHEIMER (1995, S. 10f.)
13 vgl. HOLTFRETER (2001, S. 16ff.)
14 1999 waren ca. 35% der eingewanderten Aussiedler unter 20 Jahre alt. (MIES-VAN-ENGELSHOFEN 2001b, S. 20)
15 vgl. HOLTFRETER (2001, S. 18)
16 vgl. ERIKSON (1992, S. 94ff.)
Kap. 1 Einleitung 3
Familiennachzug) zu beschäftigen 17 . Doch ist die Situation der 70er Jahre aufgrund der um ein Vielfaches gestiegenen Migrantenanzahl in Deutschland und der veränderten wirtschaftlichen Situation mit der heutigen Lage kaum mehr vergleichbar 18 . Vorstellungen von Zwang zur Aufgabe der eigenen Kultur und völlige Anpassung sind genauso gescheitert 19 , wie auch andere auf Interaktion beruhende Integrationskonzepte mit dem jeweiOLJHP SROLWLVFKHQ =LHO GHU ÄNXOWXUHOOHQ 8QLIRUPLHUXQJ GHU $XIQDKPHJHVHOOVFKDIW³ XQG GHP GDPLW HLQKHUJHKHQGHQ Ä$EEDX GHU HWKQLVFK-NXOWXUHOOHQ 'LIIHUHQ]LHUXQJ³ 20 . In der vorliegenden Arbeit soll nach anderen Wegen gesucht werden, um allen in Deutschland Lebenden Orientierung in der sich andeutenden multikulturellen Gesellschaft zu geben und zur Vermeidung offener Konflikte eine Verständigung zwischen den Kulturen zu entwickeln. Gleichberechtigung und Akzeptanz der kulturellen Unterschiede sollten dabei die obersten Prinzipien sein.
Einen Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe kann die Pädagogik leisten. Dazu muss sie zunächst selber befähigt sein, mit der kulturellen Heterogenität der Menschen und der pluralisierenden Gesellschaft umgehen zu können. Dadurch wird sie in die Lage versetzt, Werte für den Umgang mit Nationalitätenvielfalt und im Zusammenleben in der multikulturellen Gesellschaft vermitteln zu können. Speziell dieses Aufgabenfeld hat sich die Interkulturelle Pädagogik als Teilgebiet der Pädagogik zum Ziel gemacht. Zur Entwicklung eines geeigneten Konzeptes Interkultureller Pädagogik bedarf es einiger Vorüberlegungen über mögliche Ursachen der Desintegrationsprobleme der Zuwanderer.
Die Gruppe der Aussiedler wurde hierbei einmal aus der aktuell-politischen Brisanz heraus, aber auch zur besseren Verdeutlichung der Einwanderungsproblematik in Deutschland stellvertretend für andere Migrantengruppen gewählt.
In folgenden Ausführungen werden wesentliche Kategorien der Einflussnahme auf das Zusammenleben von kulturellen Minderheiten und der Mehrheit analysiert. Diese Kategorien können Grundlage sein, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in fünf aufeinander aufbauende Teile. Als Grundlage und Einführung in die Thematik werden in Kapitel 2 ein Einblick in das Forschungsfeld gegeben und verwendete zentrale Begriffe in ihrer inhaltlichen Bedeutung geklärt. In Kapitel 3 wird zur Verdeutlichung der Migrationsproblematik die Gruppe der Aussiedler und ihre auf der
17 vgl. AUERNHEIMER (1990, S. 4)
18 STROBL & KÜHNEL (2000, S. 13)
19 vgl. MORONE (2000, S. 50)
20 GIORDANO (1988, S. 439) zitiert In: MORONE (2000, S. 50)
Kap. 1 Einleitung 4
Geschichte beruhende spezifische Lebenslage näher beleuchtet, um im Anschluss daran die Integrationssituation in der Aufnahmegesellschaft Deutschland zu skizzieren. Im nächsten Kapitel (Kap. 4) soll der Blick geweitet und mit Hilfe soziologischer und psychologischer Ansätze die Beziehung zwischen Einheimischen und Aussiedlern unter Einbezug gesellschaftlicher Rahmenbedingungen transparenter gemacht werden. Vorab wird die Fremdheit als psychosoziales Grundproblem thematisiert. Anschließend soll das Verhältnis zwischen Einheimischen und Aussiedlern in seiner Auswirkung auf die Integration aufgezeigt werden. In Kapitel 5 wird die Interkulturelle Pädagogik als ein möglicher Lösungsansatz für bestehende Probleme bei der Integration von Migranten vorgeschlagen. Zunächst wird der Entstehungszusammenhang dieses Teilbereiches der Pädagogik vor dem gesellschafts-historischen Hintergrund des veränderten Migrationgeschehens in Deutschland aufgezeigt. Darauf aufbauend folgt eine Charakterisierung der Interkulturellen Pädagogik. Schließlich verdeutlichen die Ziele dieser Pädagogik die Ideen im Umgang mit kultureller Vielfalt innerhalb einer Gesellschaft. Inwiefern der vorgestellte Ansatz der Interkulturellen Pädagogik auf die Integrationschancen Einfluss nehmen könnte, wird im letzten Kapitel 6 (Wirkungsaussichten) abschließend erläutert.
Kap. 2 Begriffsverständnis und Forschungsfeld
2 Begriffsverständnis und Forschungsfeld
Zum Verständnis der in der Arbeit gewählten Terminologie werden zunächst Begriffe zentraler Bedeutung näher erklärt und in ihrer Verwendung beschrieben. Im Zusammenhang mit den internationalen MigrationsprozessHQ ZXUGH GHU Ä%HJULII GHU multikulturellen Gesellschaft³ $QIDQJ GHU HU -DKUH JHSUlJW 1 . Nach SCHULTE ist die PXOWLNXOWXUHOOH *HVHOOVFKDIW ÄLGHDOW\SLVFK GXUFK HWKQLVFK-NXOWXUHOOH 9LHOIDOW JHNHQQ]HLFKQHW³
2 . Diese kulturelle Vielfalt wird in der vorliegenden Arbeit über die differenzierten kulturellethnischen Abstammungen und Herkunftsländer, Sprachen, Religionen, soziale Werte und Normen, Formen des sozialen Zusammenlebens, als auch über die unterschiedlichen Verhaltensmuster definiert 3 .
Die Verwendung deV %HJULIIV ÃEthnizität¶ YHUODQJW ]XU (UNOlUXQJ WKHPDWLVFK LQ %H]LHKXQJ stehender Begriffe einen kleinen Exkurs. Die gemeinsame Identität (Identifikation mit dem sozialen Umfeld) einer ethnischen Gruppe, also die Ethnizität, beruht nach WEBER auf dem gleichHQÄ6WDPPHVYHUZDQGVFKDIWVJODXEHQ³XQGGHVVLFKGDUDXVHQWZLFNHOQGHQVXEMHNWLYHQ Zusammengehörigkeitsgefühls, was durch äußere Faktoren wie Sprache und Kultur, aber auch durch soziale Zuschreibungen und eigene Konstruktionen (Fremd- und Selbstzuschreibung) verfestigt werden kann 4 . Nach den vielfältigen Auffassungen über die Entstehung von Gruppenidentität, hat sich ein zentraler Kern herausgebildet. So spiegeln sich gemeinsame historische Erfahrungen, die die gemeinsame Lage einer sozialen Gruppe bestimmen, im kollektiven Bewusstsein wieder 5 . Die Suche nach einer Identität in der Ethnizität ist unter DQGHUHP EHGLQJW GXUFK GLH Ä,GHQWLWlWVGLIIXVLRQ³ LQ PRGHUQHQ *HVHOOVFKDIWHQ 6 . Das ,QGLYLGXXPKDWGDV%HVWUHEHQVLFKÄ]XVLFKVHOEVWXQG]XGHU*HVHOOVFKDIWLQV Verhältnis (zu) VHW]HQ³ 7 (V P|FKWH GHQ YRQ DXHQ JHVWHOOWHQ (UZDUWXQJHQ YRQ Ä1RUPDOLWlW³ HLQHUVHLWV XQG Einzigartigkeit andererseits entsprechen, anderenfalls droht Stigmatisierung 8 .
1 SCHULTE (1993, S. 181) 2 SCHULTE (1993, S. 182)
3 vgl. Wörterbuch der Soziologie (1994c, S. 583)
4 vgl. WEBER (1980, S. 237)
5 vgl. AUERNHEIMER (1995, S. 107)
6 nach GREVERUS in: AUERNHEIMER (1990, S. 106); vgl. Wörterbuch der Soziologie (1994a, S. 351)
7 AUERNHEIMER (1990, S. 113)
8 vgl. GOFFMAN (1996, S. 74ff.)
Kap. 2 Begriffsverständnis und Forschungsfeld
Die sich in sozialer Interaktion herausbildenden Identitätsdimensionen ± die soziale Identität als Verinnerlichung von Normalität, und die persönliche Identität als Verinnerlichung der Einzigartigkeit, bei anhaltender Kontinuität ± werden in einer Ich-Identität ausbalanciert. Die Anforderungen an ein Individuum sind jedoch aufgrund geforderter Flexibilität, sich an verschiedenste Rollen anzupassen, so vielfältig und teilweise widersprüchlich, dass es zu einer Orientierungslosigkeit kommen kann 9 . Die verstärkte Freiheit der persönlichen Identität fordert eine hohe Orientierungs- und Reflexionsfähigkeit, um sich losgelöst von Gruppenidentitäten sicher und selbstbewusst bewegen zu können. Entstehende ,GHQWLWlWVXQVLFKHUKHLWHQ VWHKHQ PLW GLHVHU Ä$XVZHLWXQJ SHUV|QOLFKHU $XWRQRPLH³ LP
Zusammenhang 10 . Diese Unsicherheiten werden verschiedenartig bewältigt. Eine Form der Bewältigung kann die Suche nach einer kollektiven Identität in der Ethnizität sein, was die Pluralisierungstendenzen moderner Gesellschaften verstärkt 11 . 'HU %HJULII Ã(WKQLH¶GDUIQLFKWYHUZHFKVHOWZHUGHQPLW GHP %HJULIIÃKultur¶+lXILJ ILQGHW man diese beiden Begriffe synonym verwendet. Kultur ist zwar ein bedeutsames %HVWLPPXQJVPHUNPDO GHU %H]HLFKQXQJ Ã(WKQLH¶ MHGRFK QLFKW GDV $XVVFKOLHOLFKH 12 . Daher sind Probleme, die beim Zusammentreffen verschiedener Ethnien entstehen, nicht Kulturkonflikt allein, sondern beispielsweise auch Ausdruck von Konkurrenz um Siedlungsraum oder um wirtschaftliche Ressourcen 13 . Bezogen auf die Problematik der Ã,QWHUNXOWXUHOOHQ3lGDJRJLN¶HUVFKHLQWGHU.OlUXQJVYHUVXFKYRQHOHMANN zielführend für die YRUOLHJHQGH $UEHLW (U OHJWH WURW] DQIlQJOLFKHU =ZHLIHO GDVV GHU 9HUVXFK Ã.XOWXU¶ ]X
GHILQLHUHQÄHLQKRIIQXQJVORVHVXQGP|JOLFKHUZHLVHDXFKLQHIIHNWLYHV8QWHUIDQJHQ³ 14 werden könne, folgenden Grundriss eines Kulturbegriffs vor:
Ä%HGHQNHQVZHUW ILQGH LFh den Vorschlag von M. REY (1979), die in Anlehnung an Gedanken des französischen Strukturalismus Kultur als ein System von Symbolen versteht, das sich in Interaktion und Kommunikation konstituiert, in dem die Interpretation aber auch eine immer wieder neu zu leistende und im Austausch zwischen den Kulturen konfliktträchtige Aufgabe darstellt. Aus diesem Verständnis heraus entwickelt REY ein pädagogisches Konzept, das sich durch folgende Aufgaben umschreiben lässt: Überwindung von kulturbedingten Stereotypen, Eintritt in einen offenen Dialog zwischen den Kulturen, Entwicklung von Ich-Identität durch die Erfahrung des Anderen, Weckung gegenseitigen Verständnisses, %HUHLFKHUXQJGXUFKNXOWXUHOOHQ$XVWDXVFKXVZ³ 15
9 GOFFMAN (1996); vgl. KRAPPMANN (1993, S. 7ff.)
10 vgl. Wörterbuch der Soziologie (1994a, S. 351)
11 vgl. ESSER (1990)
12 Weitere Merkmale sind Sprache, Rasse, Religion, Kollektive Selbstdefinition und gemeinsamer Siedlungsraum. Es PVVHQQLFKWDOOH0HUNPDOHYRUKDQGHQVHLQÄXPYRQHLQHU(WKQLHVSUHFKHQ]XN|QQHQ³ (NIEKE 2000, S. 39)
13 vgl. NIEKE (2000, S. 39)
14 HOHMANN (1983, S. 15) zitiert in: NIEKE (2000, S. 46)
15 HOHMANN (1983, S. 15) zitiert in: NIEKE (2000, S. 46)
Kap. 2 Begriffsverständnis und Forschungsfeld
Nachdem nun bis hierher Ethnizität bzw. Ethnie berührende Zusammenhänge beschrieben ZXUGHQ ZLUG QRFK PDO ]X GHP LQ 9HUELQGXQJ VWHKHQGHQ %HJULII GHU ÃPXOWLNXOWXUHOOHQ *HVHOOVFKDIW¶ ]XUFNJHNHKUW (V ZXUGH JHVDJW GDVV GLHVH *HVHOOVFKDIWVIRUP GXUFK HLQH kulturelle Vielfalt geprägt ist.
Doch ist es nicht allein dieses Anwesend-Sein verschiedener Kulturen in einer Gesellschaft, ZDV HLQH PXOWLNXOWXUHOOH *HVHOOVFKDIW DXVPDFKW Ä9LHOPHKU NRPPW HV DXI GDV Selbstverständnis der Gesellschaft an, auf ihr Wertsystem, auf den multikulturellen Charakter der InstituWLRQHQ³ 16 Wobei ein gemeinsames, von allen anerkanntes, Gleichheit und Anerkennung aller Gruppen und Individuen postulierendes Wertesystem ein historisch gewachsenes Ergebnis von Aushandlungen zwischen den Kulturen sein sollte. Allein die Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen der gesellschaftlichen Mehrheit gegenüber der ethnischen Minderheit scheint hier nicht ausreichend. Vielmehr müssen auch Voraussetzungen geschaffen werden, welche die Möglichkeit der gesellschaftlichen Partizipation aller in einer Bevölkerung Lebenden gewährleisten können. Nur aus diesem Zusammenwirken aller Interessen kann ein allgemein anerkanntes und interethnisches Wertesystem als Resultat entstehen.
Nach SMOLICZ 17 ist Multikulturalismus, neben zwei anderen, nur eine Form, auf den ethnischen Pluralismus politisch zu reagieren. Eine alternative Form ist zum einen die NXOWXUHOOH $VVLPLODWLRQ ZREHL GLH ÄNXOWXUHOOHQ (LQVWHOOXQJHQ XQG 9HUKDOWHQVZHLVHQ³ GHU ]XJHZDQGHUWHQ 0LQRULWlWHQ PHLVW DQ GLH ÄNXOWXUHOOHQ (LQVWHOOXQJHQ XQG 9HUKDOWHQVZHLVHQ³
der Aufnahmegesellschaft angepasst werden 18 . Die andere Form ist die der Separation, in der die Migranten isoliert behandelt werden 19 . Sie ist Ergebnis von sozialer Diskriminierung in der Ausländerpolitik und die Ausländerpädagogik als einH$UWÃ6RQGHUSlGDJRJLN¶ 20 . Welche gesellschaftliche Situation jeweils herrscht, ob nationalstaatlich betont, mit meist starkem Assimilationsdruck zum Abbau kulturell-ethnischer Unterschiede, oder ob die gesellschaftliche Situation interkulturell geprägt ist mit einer Vielfalt gleichwertiger Kulturen, ist sehr stark von der Bildung und Erziehung und somit auch von der Politik in einem Land abhängig 21 .
,P 8PJDQJ PLW GHP %HJULII Ã0XOWLNXOWXUDOLVPXV¶ LVW GLH 7\SHQELOGXQJ YRQ MUSOLFF hilfreich. Er unterscheidet viHU 7\SHQ ÄPDQQLJIDOWLJHU .XOWXUHQ³ ÄD GLH 0DQQLJIDOWLJNHLW
16 AUERNHEIMER (1990, S. 2)
17 vgl. SMOLICZ (1985)
18 nach ENDRUWEIT (1989, S. 308) in: SCHULTE (1993, S. 184)
19 bei SMOLICZ (1985) nachzulesen
20 vgl. SCHULTE (1993, S. 190f.); vgl. HAMBURGER (1990, S. 59)
21 vgl. AUERNHEIMER (1990, S. 2); vgl. HAUFF (1993, S. 115ff.); vgl. HEID (2001)
Kap. 2 Begriffsverständnis und Forschungsfeld
der Kulturen in der Neuen Welt ... (b) die traditionelle Mannigfaltigkeit von Kulturen in der Alten Welt ... (c) die Mannigfaltigkeit von Kulturen, die in den alten Ländern als Ergebnis der jüngeren Einwanderungsbewegungen auftritt; und (d) Einzelfälle, die sich der Typologie HQW]LHKHQ³ 22 . Die mögliche differenzierte Bedeutung von Multikulturalismus wird dadurch deutlich.
Somit ist auch die Gestalt des pädagogischen Problems im Multikulturalismus entsprechend unterschiedlich 23 . Nach MUSOLFFs Typologie könnte man Deutschland dem Typ (c) ]XRUGQHQ 'LH 0LJUDQWHQ NRPPHQ LQ HLQ /DQG PLW HLQHU ÄUHODWLY KRPRJHQHQ XQG WUDGLWLRQHOOHQ1DWLRQDONXOWXU³ZDVGLH/lQGHUGHU1HXHQ:HOW86$1HXVHHODQG$XVWUDOLHQ)
nicht haben, und sind einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt 24 . Mit zunehmender Pluralisierung der Kulturen und steigender Akzeptanz bei der autochthonen Bevölkerung in Deutschland nimmt der auf den Migranten lastende Assimilationsdruck jedoch ab. Entsprechend der multikulturellen Tendenz ist es im gewissen Grad möglich, die eigene kulturelle Identität der Herkunftsgesellschaft aufrecht zu erhalten 25 . Ein völliges Beibehalten der in der Herkunftsgesellschaft herausgebildeten kulturellen Identität in der Aufnahmegesellschaft wäre nicht den Auffassungen über diesen Sachverhalt entsprechend. Die Identität an sich stellt eine psychische Struktur des Individuums dar, welche zur Orientierung in der sozialen Umwelt dient. Das Individuum setzt sich selbst zur Gesellschaft PLW+LOIHGHU.DWHJRULHQHLQWHLOXQJÃ(LJHQHV¶XQGÃ)UHPGHV¶LQV9HUKlOWQLV$OVHLQH)RUPGHU Identität kann man die der kulturellen Identität bezeichnen. Kulturelle Identität ist in Abgrenzung zur Gruppenidentität, der Ethnizität, das Ergebnis einer individuellen ,GHQWLWlWVELOGXQJ ,Q GLHVHP )DOO ZLUG EHL GHU ,GHQWLWlWVELOGXQJ ÄDXI NROOHNWLYH (UIDKUXQJHQ
XQG NXOWXUHOOH 5HVVRXUFHQ³ 26 zurückgegriffen. Daraus ergibt sich, dass kulturelle Identität nichts Statisches ist, sondern sich immer abhängig von dem historischen Individuationsprozess und den aktuellen Lebensbedingungen entwickelt. So schreibt AUERNHEIMER EH]JOLFKGLHVHU$XVVDJHÄ'LHELOGXQJVSROLWLVFKH)RUGHUXQJQDFKÃ:DKUXQJ GHU NXOWXUHOOHQ ,GHQWLWlW¶ LVW XQVLQQLJ ZHLO VLH GLH 3UR]HKDIWLJNHit von Identität wie von .XOWXUYHUQDFKOlVVLJW³ 27 .
6HLW QRFK QLFKW DOO ]X ODQJHU =HLW ZLUG QHEHQ GHP $WWULEXW Ãmultikulturell¶ LQ GHU SlGDJRJLVFKHQ)DFKVSUDFKHLQ'HXWVFKODQGDXFKGLH%H]HLFKQXQJÃinterkulturell¶YHUZHQGHW
22 MUSOLFF (1998, S. 178)
23 vgl. MUSOLFF (1998, S. 178)
24 vgl. MUSOLFF (1998, S. 186)
25 vgl. Wörterbuch der Soziologie (1994b, S. 378)
26 AUERNHEIMER (1995, S. 109)
27 AUERNHEIMER (1995, S. 113f.)
Arbeit zitieren:
Ulrike Triebel, 2002, Integration von Aussiedlern in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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