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1. Einführung 01
2. Die Neue Sachlichkeit und Berlin 03
2.1 Die Wirkungskraft Berlins 04
2.2 Döblin, der Döblinsche Stil und Berlin 05
2.3 Kästner und Berlin 08
3. Berlin in der Neuen Sachlichkeit 09
3.1 Personifikation der Stadt versus Depersonation des Menschen 10
3.2 Dokumentarismus und Reportagestil 14
3.3 Neue Grenzen der Sachlichkeit 17
4. Zur Sinn- und Zweckhaftigkeit der Großstadtmotivik 19
Quellen 21
1. Einführung
Jede Literaturepoche zeichnet sich durch eine bestimmte Darstellungs- und Verarbeitungsweise aus, wonach sie - zumeist Jahre oder Jahrzehnte später - dann auch benannt wird. So war es bei der Klassik, beim Sturm und Drang, ebenso im Expressionismus. Dabei ging es weniger um die Motive, um den verarbeiteten Stoff oder die Themen, denn diese konnten durchaus epochenübergreifend Eingang in Kunst und Literatur finden.
Obwohl also die Motivik weniger im Vordergrund steht, lassen sich daran doch die spezifischen Qualitäten und Eigenheiten der jeweiligen Epoche bemessen. Man betrachte zum Beispiel das Motiv der Großstadt. Seit es sie gibt, beschäftigt man sich stets in irgendeiner Form mit ihr, denn sie vermag zu polarisieren und faszinieren, sie bot und bietet immer wieder ein scheinbar unerschöpfliches Repertoire an Stoffen für die Auseinandersetzung mit ihr selbst. Ein Faktor für die Begründung des nicht versiegen wollenden Interesses scheint die Wandelbarkeit der Großstadt zu sein, ihre immerwährende Bereitschaft zur Veränderung. Vor allem der deutschen Hauptstadt Berlin scheinen all die Attribute anzuhaften. Es gibt zahlreiche Geschichten, Gedichte und Gemälde, die die Stadt für den Moment festhalten wollten und in vielerlei Weise für die Nachwelt wertvoll sind und bleiben - für Historiker, für Soziologen, Kunst- und Literaturwissenschaftler.
Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes - nämlich dem zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg - wurde die Metropole beispielsweise auf eine sehr spezielle, ungewöhnliche Art und Weise wahrgenommen und verarbeitet:
Diese Beschreibung stammt aus dem Werk Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin und verweist bereits recht deutlich auf die außergewöhnliche Darstellungsweise der Stadt. Sie entspringt keineswegs einer spontanen Eingebung des Autors, sondern ist Ergebnis einer „seelisch-geistige[n] Tendenz“ 1 , die sich Neue Sachlichkeit nannte und eng mit Alfred Döblin selbst zusammenhing, letztlich aus dem Döblinschen Stil heraus zur Strömung avancierte.
1 Philosophisches Wörterbuch, hgg. von Schmidt, Heinrich, Stuttgart 1991.
In dieser Arbeit wird das Hauptaugenmerk auf genau diese Art der Großstadtdarstellung gerichtet; warum überhaupt hat Döblin diese Stadt nicht anders dargestellt? War Berlin in den zwanziger Jahren so, wie man es in seinem Buch lesen kann? Hatte er vielleicht nur eine spezielle, andere Wahrnehmung? Dazu wird das Licht auch auf den Menschen Döblin (1878-1957) und seine Verwobenheit mit der Hauptstadt zu richten sein.
Zudem war dieser Autor nicht der einzige, der sich mit dem Motiv beschäftigte - um ein objektiveres Bild zu erhalten, soll noch Erich Kästners (1899-1974) Fabian herangezogen werden:
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen also vor allem zwei Faktoren: die Großstadt und die epochenspezifische Darstellungsweise, die Neue Sachlichkeit. Wie stehen sich Motiv und Strömung gegenüber, bedingen sie einander? Wie verhalten sich der in dem jeweiligen Werk im Fokus stehende Mensch und die Stadt Berlin konkret zueinander bzw. weshalb kommt es überhaupt zu einem Konflikt zwischen ihnen, da doch der Mensch in der Stadt lebt und die Stadt ein vom Menschen geschaffener Lebensraum ist?
Dazu werden zunächst die genannten Faktoren einzeln beleuchtet. Die Neue Sachlichkeit, das Großstadtmotiv, das reale Verhältnis der Autoren zu Berlin und schließlich wird sich der Kreis durch eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung anhand der bisherigen Er- kenntnisse über Zusammenhänge und eine Stereotypenkontrolle schließen.
2. Die Neue Sachlichkeit und Berlin
Lion Feuchtwanger versucht der Frage nach den Ursprüngen dieser Strömung in seinem Aufsatz Die Konstellation der Literatur auf den Grund zu gehen. Dabei blickt er zurück auf die Zeit vor der Neuen Sachlichkeit, eine Zeit voller „sinn- und zwecklose[r] Spielerei, ohne Zusammenhang mit dem Leben“, zudem attestiert er Einflüsse aus „Krieg, Revolution, gesteigerte[r] Technik“ ebenso wie einen Überdruss der Menschen an „formalistischen, ästhetisch tändelnden Kram, […] alle[m] Ekstatische[n], gefühlsmäßig Übertonte[n]“. Stattdessen ging das subjektive Interesse nun in Richtung „Anschauung des Objekts: anschaulich gemachtes Leben der Zeit, dargeboten in einleuchtender Form“ 2 .
Ebenso wie die Erfahrungen des ersten Weltkrieges wirkten sich noch einige andere Faktoren auf die Künstler, Autoren und ihre Werke dieser Zeit aus, die im Laufe der folgenden Betrachtung aber nur gestreift werden können.
Der Rahmen dieser Strömung ist etwa um die politisch-wirtschaftliche Konsolidation und die Weltwirtschaftskrise abzustecken 3 , es geht epochenspezifisch also um eine Erscheinung nach dem Naturalismus und Expressionismus und vor der Literatur unterm Hakenkreuz. Trotz der Stärke und Eigenheit der Neuen Sachlichkeit wird die Bezeichnung kaum mit einer literarischen, vielmehr mit einer kunstgeschichtlichen Epoche in Verbindung gebracht. Insbesondere wird die soziologische Komponente wahrgenommen, d.h. dass der Begriff „Neue Sachlichkeit“ allem voran mit „Verhaltenslehre zum Überleben“ und „ethischer Grundbegriff“ assoziiert wird. 4 So interessant und maßgeblich die historischen und soziologischen Aspekte für die Entstehung der Neuen Sachlichkeit auch sind, so soll es nun doch mehr als siebzig Jahre nach dem Ende der Strömung um das literarische Werk und seine Besonderheiten gehen.
2 Feuchtwanger, Lion: Die Konstellation der Literatur. In: Berliner Tageblatt, Nr. 518 vom 02.11.1927.
3 Vgl. Hima, Gabriella: Dunkle Archive der Seele in hellen Gebärden des Körpers: die Anthropologie der neu-
sachlichen Prosa, in: Europäische Hochschulschriften: Reihe 18, Frankfurt am Main 1999, S. 18.
4 Vgl. ebenda, S. 15-18.
2.1 Die Wirkungskraft Berlins
Bei vergleichender Betrachtung
neusachlicher Werke lassen sich wie bei jeder anderen Gemeinsamkeiten feststellen. Auch hier gibt es Verbindungen von Darstellungsweisen wie von Themen und Motiven - hier war „nur das darzustellen, was tatsächlich sicht-, hör- und erfahrbar ist“ 5 . Ein starkes Motiv ist wie schon erwähnt die Großstadt, die Metropole, Berlin. Berlin vor allem als Manifestation der Technik. Nun ein exkursiver Überblick: 1927 erscheint der Film Berlin - Die
Sinfonie der Großstadt von Walter Ruttmann, ein stark inszenierter Film, wenngleich er über seine Bilder in gleicher Weise das transportiert, was sich auch in Berlin Alexanderplatz oder Fabian oder Keuns Kunstseidenem Mädchen bemerkbar macht und was folgend analysiert werden soll. Die technisierte Stadt eroberte damals alle zur Verfügung stehenden Medien. Das Industriebild (um 1924) von dem Maler, Grafiker und Architekten Karl Völker (1889-1962) kann an dieser Stelle durchaus als Äquivalent aus der Malerei angeführt werden. Völker malte eine Reihe von Industriebildern „in einer vom Konstruktivismus geprägten Neuen Sachlichkeit“ 6 . Das neusachliche Credo scheint gelautet zu haben:
Hier schreibt Berlin. Die Stadt Berlin schreibt. Die Stadt diktiert.
Schreibt in fünfzig Herzen und Hirne, - schreibt aus fünfzig Herzen
7
und Hirnen.
Der Topos der Großstadt scheint im Rückblick besonders geeignet gewesen zu sein, wirft aber gleichzeitig die Frage nach dem Warum auf. Zumindest für das literarische Ergebnis lassen sich Anhaltspunkte zur Begründung der Frage in den Texten selbst finden (und sich vor dieser Folie vermutlich auch auf die anderen Kunstrichtungen übertragen). Fest steht zumindest bereits an dieser Stelle, dass Berlin „schon als Synonym für Industrialisierung und technische
5 Hima: die Anthropologie der neusachlichen Prosa, S. 22.
6 http://www.kunstmuseum-moritzburg.de/ausstell/Archiv/archiv14.html
7 Günther, Herbert: Hier schreibt Berlin, 1929, S. 13.
Arbeit zitieren:
René Ferchland, 2008, Berlin in der Neuen Sachlichkeit , München, GRIN Verlag GmbH
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