hinter sich zu lassen scheint und frei nach dem Untertitel „The Pursuit to Happiness“ den amerikanischen Traum der Jagd nach dem persönlichen Glück mit Hilfe der Biotechnologie anstrebt und zur weltweiten Verfolgung des Glücks startet. Nach dem Motto „Schön, Schöner, am Schönsten“ verfolgt das neu anzustrebende menschliche Abbild der Medizin ein einziges Leitmotiv: Optimierung ohne Maximum.
Auffällig bei diesem Trend ist eine klare Unvereinbarkeit zwischen Körperversessenheit und Körpervergessenheit. Der Leib als körperliche Darstellung des Ichs gerät außer Kontrolle. Das Image vom eigenen Körper wird karikiert durch die Manipulation von Medien und Medizin. Superdünne Models und Schauspielerinnen gelten als Orientierung der mit Gewalt inszenierten Körperideale der Gesellschaft. „Rigorose Körperentwürfe prägen das weibliche Körperideal in einer Gesellschaft, die ständig übergewichtiger wird.“ 6 Sogar in der amerikanischen Armee werden zur Belohnung für Einsätze in Afghanistan oder im Irak kostenfreie Schönheitsoperationen angeboten, allein 496 Brustvergrößerungen zwischen 2000 und 2003. 7 Der wahre Hintergrund liegt allerdings auf einem anderen Gebiet. „Übungsmöglichkeiten für rekonstruktive Eingriffe nach entstellenden Verwundungen für die Army-Operateure.“ 8
Es handelt sich hier um kein neues Phänomen der Verschönerung des eigenen Körpers. Zu jeder Zeit wurde sich um seine Schönheit oder die Manipulation des Körpers gesorgt, der menschliche Körper nach vorgegebenen Schönheitsidealen angepasst. Beispiel hierfür sind die im alten Ägypten vorgenommenen Schädelverformungen, die Lippen-, Nasen- und Ohrläppchendurchbohrungen bei vielen indianischen Völkern Lateinamerikas oder die Fußeinbindungen bei Mädchen im alten China. 9 Diese frühen Körpermanipulationen waren eingebunden in einen überindividuellen ethnischen, rituellen und sozialen Zusammenhang und somit als ein „religiöser wie sozialer Akt kollektiver Sinnstiftung“ 10 zu verstehen. Ein ganz erheblicher Unterschied zwischen den frühen Mitteln der Körperverschönerung und den heutigen Maßnahmen liegt in der Individualisierung und Vermehrung der Techniken invasiver Selbstgestaltung.
6 Geisler, S. 9
7 ebd. S. 9
8 ebd. S. 9
9 Rohr, S. 92
10 Rohr, S. 93
2
„Die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten des Einzelnen in vielen gesellschaftlichen Bereichen sind auch abhängig von einem attraktiven Erscheinungsbild. Außerdem hat sich das Selbstverständnis der so genannten älteren Generation gewandelt; dass Menschen bis ins hohe Alter beruflich und gesellschaftlich aktiv bleiben ist keine Seltenheit.“ 11 In einer liberalen Gesellschaft mit multiplen Werten scheint allein dem Individuum die Verantwortung für seinen Körper zu gehören, „auch für die Veränderung des eigenen Körpers mittels der ästhetischen Chirurgie.“ 12 Die gewollte ästhetische Selbstgestaltung wird von Menschen auf vielen Wegen vollzogen, zum Beispiel mit der Kleidung, der Kosmetik, der Pflege oder des Sports. „Diese Möglichkeit gehört zur conditio humana“ 13 wie Wiesing angibt. Für ihn wäre im günstigsten Fall das verwendete Mittel der ästhetischen Chirurgie, „das zu einer besonderen Bewertung Anlass gibt.“ 14 Somit dürften kaum triftige Gründe zu finden sein, dem Einzelnen dieses zu verbieten.
Wie Korczak bei der Untersuchung der umwerbenden Darstellung von ästhetischer Chirurgie herausgefunden hat, handelt es sich hierbei „um einen Markt, der nach Marktgesetzen organisiert ist.“ 15 Mit Hilfe der geläufigen Marktgesetze nutzen die Anbieter die Möglichkeit keine genauen Zahlen der Umsätze herauszugeben. Dazu werden Nachfrage und Trends künstlich erzeugt, Produkte und Dienstleistungen mit angeblichen Erfolgsnachrichten angepriesen. Es finden Kennenlern-Aktionen statt oder Preisnachlässe werden angeboten. Hierdurch erzielt man Verteilungskämpfe und Marktkonzentration. Wie auch im restlichen Bereich des Gesundheitsmarkts üblich, besteht im Umfeld der ästhetischen Chirurgie augenscheinlich eine sehr gute Zusammenarbeit mit Erzeugern medizinischer Produkte, „die auch der Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der jeweiligen Praxis oder Klinik dienen.“ 16 Gleichzeitig hat sich in Verbindung mit dem Sektor der ästhetischen Chirurgie eine charakteristische Informationsindustrie herausgebildet und aufgebaut.
11 Dirschka, S. 36
12 Wiesing, S. 140
13 ebd., S 141
14 ebd, S. 141
15 Korczak, S. 87
16 Korczak, S. 87
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„Dazu gehören so genannte >Beauty-Zeitschriften<, redaktionelle bzw. PR-Beiträge in Frauenzeitschriften und Lifestyle-Magazinen, Medizinführer und Gesundheitsportale im Internet.“ 17
Durch die Veröffentlichungen dieser Informationsanbieter ist es für den Patienten oder Kunden nicht eindeutig zu ersehen, ob die Meldungen der ästhetischen Chirurgie nun tatsächliche Fortentwicklungen enthalten oder nur neue Trends angestoßen werden sollen. Eine Mitteilung des Deutschen Depeschendienstes vom 20.12.2006 ist daher in keiner Weise verifizierbar:
„Schönheitsoperationen als Weihnachtsgeschenke erfreuen sich offenbar zunehmender Beliebtheit. Es komme immer öfter vor, dass der Ehemann statt eines Brilliantringes einen Gutschein für eine solche Operation schenkt.“ 18
Bevor hier jedoch auf die möglichen Einwände oder Argumente gegen die Schönheitsoperation eingegangen wird, ist der Begriff der ästhetischen Chirurgie, oder wie sie auch im Volksmund genannt wird, der Schönheitsoperation, näher zu definieren. Die Begriffsbildung wird erschwert, da die Begriffe „Schönheitschirurgie“, „Schönheitsoperation“, kosmetische Operation oder ästhetische Operation in Deutschland nicht eindeutig abgegrenzt sind. 19
Bei „Schönheitsoperationen“ sprechen Ärzte von Patienten/innen, da es sich für die Ärzte um einen medizinischen Eingriff handelt. Jedoch werden „Schönheitsoperationen“ auch von gewerblichen Instituten angeboten und die Erbringung der Leistung bei nicht-medizinisch eingeschränkten Leistungen auf einer privatrechtlichen Vereinbarung erbracht. Hier besteht die klassische Situation von Angebot und Nachfrage. In dieser Situation sind die Patienten/innen berechtigt die Bezeichnung Kunde zu erhalten.
17 ebd, S. 88
18 Internet: Yahhoo
19 ebd., S. 8
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Die Wahl der Benennung Patient oder Kunde ist deswegen nicht unerheblich, da hierbei ganz differenzierte Gesichtspunkte zum Tragen kommen: der Patient hat eine andere Erwartung und Verhaltensweise als der Kunde. „Für Kunden gilt der Verbraucherschutz.“ 20 Werden abstehende Ohren im Vorschulalter „korrigiert“, kann dieses als therapeutisch geltender Eingriff angesehen werden, die Kosten übernimmt das Gesundheitssystem. „Nach Schuleintritt gilt derzeit die gleiche Operation in der Regel als ästhetische oder kosmetische Chirurgie, für die der Nutzer zu bezahlen hat.“ 21
Dazu kommt, dass immer mehr Ärzte auf die Wünsche von gesunden Menschen nach medizinischen Leistungen allein aus Gewinnsucht anstandslos eingehen. Dies ähnelt dem Apotheker, „der neben den rezeptpflichtigen Medikamenten auch Wünsche von nicht kranken Menschen nach Medikamenten mit gutem kommerziellem Erfolg befriedigt.“ 22 Was versteht man unter einer „Schönheitsoperation“? Erst entwickeln wir die Vorstellung Von einem „Ich“ und klammern uns daran, dann entwickeln wir die Vorstellung „mein“ und klammern uns an die materielle Welt. Wie Wasser in einem Mühlrad drehen wir uns hilflos im Kreis. Ich preise das alle Wesen einbeziehende Mitgefühl Chandrakirti
Zur weiteren Beleuchtung des Themas ist eine nähere Definition des Gegenstandes notwendig und wichtig. Was ist nun genau eine „Schönheitsoperation“? Im Rahmen der EU haben die European Union Medical Specialists und das Commitee of European Doctors folgende Definition erarbeitet:
20 ebd., S. 8
21 Kettner, S. 9
22 ebd., S. 10
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„Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie ist die Fachrichtung, die sich auf akute und nicht-akute Zustände bezieht, die angeboren oder entweder durch Unfall, Krankheit, Degeneration oder durch Alterungsprozesse bei beiden Geschlechtern in allen Alterstufen erworben werden können. Ihr Ziel ist die Wiederherstellung des äußeren Erscheinungsbildes und des Wohlbefindens.“ 23
„Schönheitsoperation“ ist, wie oben schon erwähnt, kein fachlicher Begriff. Er wird umgangssprachlich verwendet für ästhetische oder kosmetische Eingriffe und Operationen. Diese lassen sich „ in rekonstruktive und ästhetische Operationen unterteilen.“ 24 Neben den rekonstruktiven Operationen, die eine plastisch-chirurgische Wiederherstellung der körperlichen Erscheinung nach Brand- oder Unfallverletzungen beinhaltet, ist die „Schönheitsoperation“ als ästhetischer Eingriff nicht zwingend erforderlich. Nach Korczak hängt diese „eng mit den kulturell gesellschaftlichen Attitüden und der subjektiven Lebensqualität zusammen.“ 25
Zur einfacheren Lesbarkeit wird nachfolgend ausnahmslos der Begriff der ästhetischen Chirurgie gleichbedeutend für ästhetisch-plastische, kosmetische Chirurgie,
Schönheitsoperation oder Schönheitschirurgie genutzt.
Ästhetische Chirurgie kann einerseits ungewollte, ausgrenzende, als negativ empfundene Aufmerksamkeit von anderen Menschen vermindern, „sie können andererseits gewollte, als positiv empfundene Aufmerksamkeit von anderen Menschen vermehren.“ 26 In der ersten Gruppe sind beispielsweise Eingriffe von entstellenden Verletzungen oder von bezeichnenden Merkmalen enthalten. Hier wird vielfach rekonstruktiv gearbeitet, der >normale Zustand< soll wiederhergestellt werden. Man möchte den Menschen ein Leben ohne ungewollte, als negativ empfundene Aufmerksamkeit ermöglichen.
23 Korczak, S. 15/16
24 ebd., S. 16
25 Korczak, S. 16
26 Wiesing, S. 144
6
In der anderen Gruppe beabsichtigt man durch körperliche Veränderungen vermehrt gewollte, als positiv empfundene Aufmerksamkeit von anderen Menschen auf sich ziehen. Eine gesteigerte Attraktivität ist das Ziel des ästhetischen Eingriffs. Meistens handelt es sich hier um die Korrektur von Alterserscheinungen oder die Auswirkungen von Übergewicht. „In der Regel findet sich bei diesen Operationen kein Krankheitsbezug.“ 27 Das Ziel der ästhetischen Chirurgie ist daher generell den eigenen Körper zu verbessern und dadurch Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zu festigen, sowie die Attraktivität zu steigern. Hierdurch weisen diese Eingriffe einen sehr ausgeprägten psychologischen Baustein auf, bei dem der Leidensdruck eine entscheidende Position einnimmt. Welche Beweggründe können für einen ästhetischen Eingriff genannt werden? Das Glück außerhalb von uns zu suchen gleicht dem Warten auf Sonnenschein in einer nach Norden gerichteten Höhle. Tibetisches Sprichwort
Der Grund für einen ästhetischen Eingriff sei die Erlösung von Leidensdruck und ein größeres Wohlbehagen mit dem eigenen Körper. Der schwer empfundene körperliche Makel wäre behoben. Unter diesem Motto bietet die Aussicht, seinen Körper mit Hilfe operativer Technologie zu optimieren
„schlicht eine attraktive zusätzliche Handlungsoption und bedeutet damit eine Ausweitung der eigenen Handlungsfreiheit, vorausgesetzt, jeder kann sich in informierter Weise frei für oder gegen diese Option entscheiden.“ 28
Bezweifelt werden darf dieses Bild wenn beruflich immer mehr ein „dynamisch-jugendliches Aussehen ganz selbstverständlich zu den berufsqualifizierenden Maßnahmen zählt.“ 29
27 Wiesing, S. 145
28 Hermann, S. 71/72
29 ebd., S. 72
7
Arbeit zitieren:
Thomas Wehrs, 2007, Prolegomena zu einer Ethik der Schönheitschirurgie, München, GRIN Verlag GmbH
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