1. Einleitung
Die Schreibung vieler Wortformen kann mit Hilfe der Graphem-Phonem-Korrespondenz-Regel richtig hergeleitet werden. Die Phonemfolge lässt sich dabei Segment für Segment auf die Graphemfolge abbilden. Dieses Verfahren führt aber nicht immer zu korrekten Schreibungen, denn diese hängt auch von anderen Faktoren ab. Dazu gehört die Bezugnahme auf silbische Informationen. 1
„Den Zugang zum silbenschriftlichen Anteil findet man am einfachsten über Abweichungen der korrekten von der phonographischen Schreibung.“ 2
Im Folgenden zeige ich einige dieser Abweichungen, wobei es sich nach Eisenberg um silbische Schreibungen handelt, auf.
Anschließend lege ich daran geübte Kritik von Dieter Nerius und Jakob Ossner dar.
1 Vgl. Duden 2006, 71
2 Eisenberg 2006, 311
2
2. Silbische Schreibungen
2.1. Die Silbe
„Die Silbe ist die kleinste sprachliche Einheit, über die Grammatikalitätsurteile abgegeben werden können.“ 3
Als sprachliche Einheit ist sie zwischen dem Lautsegment und der Wortform einzuordnen. Die Gliederung einer Wortform in Silben darf nicht mit der Gliederung in Morpheme verwechselt werden. Silbengliederung und Morphemgliederung können zusammenfallen wie „kind - lich“ (Silbengliederung) und kind # lich (Morphemgliederung). Etwa bei der Wortform „Kinder“ ist die Silbengliederung aber „Kin - der“ und die Morphemgliederung ist „Kind # er“. 4
Jede Silbe besteht aus einem vokalischen Silbenkern und einer konsonantischen Silbenschale, welche sich aus dem Anfangsrand (auch: Silbenkopf) und dem Endrand (auch: der Silbenkoda) zusammensetzt. Silben mit Anfangsrand heißen „gedeckt“, solche ohne Anfangsrand heißen „nackt“. Geschlossene Silben besitzen einen Endrand, offene Silben hingegen nicht.
5
Der Anfangsrand der Silbe ist komplex, wenn er aus zwei oder mehreren Konsonanten besteht, wobei im heimischen Wortschatz höchstens drei Konsonanten den Anfangsrand bilden. Das sind Kombinationen wie etwa
Peter Eisenberg unterscheidet zwischen der Sprechsilbe, die für das Gesprochene artikulatorisch und auditiv als eine Basiseinheit fungiert und der Schreibsilbe. 7
3 Eisenberg 2006, 100
4 Vgl. Duden 2006, 37f.
5 Vgl. Linke/ Nussbaumer/ Portmann 2004, 490
6 Vgl. Duden 2006, 42ff.
7 Vgl. Eisenberg 2006, 310f.
3
Schreibsilben sind Struktureinheiten im Geschriebenen, „ die keine Morpheme sind und deren Umfang ungefähr dem der Silbe im Gesprochenen entspricht.“ 8 Die Gestalt der Schreibsilbe ist stärker regularisiert als die der Sprechsilbe und sie weist eine größere Formkonstanz auf. Demnach strebt das Geschriebene danach, die Silben gleich lang zu machen, wobei es sich immer wieder derselben Ausgleichsmittel bedient. Dabei ist dieser starke silbische Bezug der deutschen Orthografie eher für das Lesen und nicht für das Schreiben funktional. 9
2.2. Silbische Schreibungen des Anfangrandes
Fast alle Anfangsränder der Vollsilbe werden phonografisch geschrieben. Eine Abweichung weisen etwa Anfangsränder mit [ ∫ ] auf.
Vor [t] und [p] erscheint [
∫
] im Geschriebenen als , wie in
10
Die Graphemmuster
2.3. Silbische Schreibungen des Kerns und Endrandes
Bei der Schreibung des Silbenkerns und bei der Wechselbeziehung zwischen Kern und Endrand findet sich ein ausgeprägtes silbisches Element. 12
Eisenberg erklärt Schärfungs- und Dehnungsgraphien als silbische Schreibungen. Obwohl die Begriffe „Dehnung“ und „Schärfung“ phonologisch basiert sind, haben sie ein Äquivalent in der Struktur des Geschriebenen. 13
8 Eisenberg 1989, 63
9 Vgl. Duden 2006, 71
10 Vgl. Eisenberg 2006, 311f.
11 Vgl. Duden 2006, 72
12 Vgl. Duden 2006, 72
13 Vgl. Eisenberg 2006, 313 4
Arbeit zitieren:
Sebastian Dussinger, 2008, Die Rolle der Silbe in der deutschen Ortografie, München, GRIN Verlag GmbH
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