Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 2
II. 2
1 Beschreibung des Gerokreuzes 2
1.1 Formale Beschreibung 2
1.2 Aktuelle Farbfassung 4
1.3 Rückseite. 5
1.3.1 Kreuzrückseite 5
1.3.2 Korpusrückseite 6
1.4 Datierung. 7
1.5 Standort 8
2. Begründungen für die Rückenaushöhlung. 9
2.1 Argumente für Reliquienaufbewahrung. 9
2.1.1 Wunderbericht Thietmar von Merseburgs 9
2.1.2 Entstehungsursache der Monumentalskulptur 10
2.1.3 Reliquiendepositorien ottonischer Kruzifixe 12
2.2 Argumente gegen Reliquienaufbewahrung. 14
2.2.1 Ergebnisse der Restauration. 14
2.2.2 Einschätzung von Restaurator Stefan Heterich. 16
2.2.3 Entstehung der Großskulptur 17
III. Fazit. 19
Literaturverzeichnis 20
1
I. Einleitung
Über kaum einen mittelalterlichen Kruzifixus gibt es eine so umfangreiche Literatur wie über das Großkruzifix Gerokreuz, das sich im Kölner Dom befindet. Allerdings weisen die unterschiedlichen Publikationen der dendrochronologischen Untersuchungsergebnisse, der Restaurationsbefunde sowie die der Kunsthistoriker sowohl ungeklärte Fragen, wie zum Beispiel Herkunft und Name des Bildhauers, als auch zahlreiche Uneinigkeiten untereinander auf. So variieren die Angaben etwa bezüglich des genauen Entstehungszeitpunktes, der Vorbilder sowie des einstigen Standortes. Insbesondere über den Zweck der Rückenaushöhlung des gekreuzigten Jesus finden sich verschiedene Erklärungsversuche.
Im Folgenden möchte ich - im Anschluss an die Beschreibung des Gerokreuzes - diese differierenden Aussagen gegenüberstellen und argumentativ eine Schlussfolgerung ziehen.
II.
1 Beschreibung des Gerokreuzes
1.1 Formale Beschreibung
Die Bezeichnung Kruzifix, die sich vom lateinischen `cruci affixus` ableitet, hat die Bedeutung `der an das Kreuz Geschlagene´. 1 Die lebensgroße Jesusfigur des so genannten Gerokreuzes, die an ein flaches Bretterkreuz geschlagen ist, misst von den Füßen bis zum Kopf 187,0 cm, hat eine Spannbreite von 166,0 cm und eine maximale Tiefe von 33,0 cm (Kopf). Die ungefähr 40,0 cm breiten Balkenbretter des 265,0 cm hohen und 198,0 cm breiten Kreuzes werden vom Korpus nicht ganz verdeckt, sondern ragen hinter der Skulptur deutlich hervor. 2 Besonders deutlich wird dies - bedingt durch die asymmetrische Links-wölbung des Leibes - an der rechten Seite des Jesuskorpus sowie am horizontalen Kreuzbrett, das durch die dünngliedrigen Arme kaum verdeckt wird. 3
Im Schnittpunkt des Bretterkreuzes befindet sich ein Nimbus mit dem Durchmesser 50,5 cm, der den Kopf Christi hinterfängt. Am oberen Ende des vertikalen Kreuzbalkens ist der 20,0 cm hohe und 49,0 cm breite Titulus angefügt, der die Aufschrift „INRI“ mit gotischen Minuskeln trägt. Zwischen den Füßen des Hängenden und dem Kreuz wurde ein
1 Coenen u.a. 1987: Art. Kruzifix. In: Lexikon der Kunst Bd.7, S.128.
2 Schulze-Senger 1987. In: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege Bd.32, S.12.
3 Imdahl 1964, S.5.
2
Suppedaneum angebracht, das wie Skulptur, Kreuz und Titulus aus Eichenholz gearbeitet wurde. 4
Die Arme der Christusskulptur sind (circa in einem 120° Winkel zur Körperseite) weit ausgebreitet und mit jeweils einem Nagel durch die schmale, flache Handfläche, deren Daumen sich über den Handteller wölbt, am äußeren, oberen Bereich des horizontalen Querbalkens befestigt. Da das Gewicht des Rumpfes an den Armen hängt sind diese „glatt gespannt“, die Armgelenke werden nicht hervorgehoben. 5
Im Gegensatz zu dem nach links gesunkenen Körper ist der zylinderförmige Kopf Christi tief auf die Brust geneigt und leicht nach rechts gewendet, so dass der Hals kaum sichtbar ist. Das kleinteilig, sorgfältig gewellte Haar fällt eng am Kopf über die hohe Stirn und läuft über die Schultern in mehreren Strähnen aus. Das nach unten gerichtete, strenge Gesicht, das zugleich scharf geschnittene Linien und weich verlaufende Übergänge in sich birgt, zeigt wenige charakteristische Züge. 6 Die großen mandelförmigen Augen sind vermutlich geschlossen; aufgrund der zahlreichen aufgetragenen Farbschichten konnte dies jedoch nur mithilfe von Röntgenaufnahmen, die einen schmalen geschnitzten Spalt unterhalb der Augäpfel erkennbar machten, belegt werden. 7 Dabei wird die Augenpartie zusätzlich durch die bogenförmigen Augenbrauen, die kaum eingefallenen Wangen und die gerade Nase hervorgehoben. Prägnant ist zudem die untere Gesichthälfte. Der Mund ist breit nach unten gezogen, leicht geöffnet und von einem eng anliegenden kurzen Bart gerahmt.
Trotz der sonst realistischen Darstellungsweise des Gekreuzigten fällt am weich modellierten, nach links gekippten Oberkörper auf, dass die Brust anatomisch nicht ganz korrekt wiedergegeben ist. 8 Die hier vortretenden Muskelstränge verstärken den Eindruck des kraftlos hängenden Leibes. An der rechten Seite seines Brustkorbs ist die Lanzenstichwunde erkennbar. Unterhalb des Rippenbogens schließlich tritt der runde Bauch hervor. Von der Hüfte bis etwas oberhalb der Knie ist der Unterleib mit einem Lendentuch verhüllt. Dessen Faltenwurf verläuft in harten, schweren Bahnen und endet besonders über dem rechten Knie zackenartig. Dieses „blechartige“ Perizonium kontrastiert mit der weichen Oberkörpermodellierung und dem geschwungenem Cingulum, das das Tuch über der Hüfte zusammenhält. Die kantigen Beine harmonieren mit den geradlinigen Falten des Lendentuchs und unterscheiden sich des Weiteren auch durch die deutlich sichtbaren Kniegelenke, Knochen, Sehnen, sowie die sich abzeichnenden Adern von der sanft verlaufenden Gestaltung
4 Schulze-Senger 1987. In: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege Bd.32, S.12, 37.
5 Klein 2002. In: Nobilis arte manus, S.44.
6 Ebenda, S.45.
7 Schulze-Senger 1987. In: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege Bd.32, S.25-26.
8 Klein 2002. In: Nobilis arte manus, S.44.
3
des Oberkörpers. 9 Der linksgekippte Körper wird erst durch das Suppedaneum zur Mitte des vertikalen Kreuzbrettes zurückgeführt. Dieses ungewöhnlich große Suppedaneum, auf dem die leicht nach rechts gerichteten Füße des Gekreuzigten flach, mit jeweils einem Nagel fixiert sind, bildet den Stützpunkt der hängenden Figur.
Aus der Seitenansicht wird zusätzlich ersichtlich, dass Arme, Schultern und Füße eng am Kreuz anliegen, wohingegen sich der Rumpf zu den Knien hin immer weiter vom Kreuz entfernt. So wird nicht nur durch die Linkskippung aus der Frontalansicht, sondern auch durch das Vor und Zurück der Profilansicht, das Motiv des Hängens betont. Außerdem zeigt sich in der Seitenansicht, dass die Skulptur vollrund ausgearbeitet wurde. Lediglich Kopf, Arme und Beine sind an der Rückseite etwas flacher ausgearbeitet. 10
1.2 Aktuelle Farbfassung
Die bisherige Beschreibung der bildhauerischen Ausarbeitung der Skulptur soll nun durch die der Bemalung ergänzt werden: Bei Untersuchungen der Farbschichten des Gerokreuzes im Jahr 1976 entdeckten die Restauratoren mindestens sechs ältere Farbfassungen, die einen unterschiedlich guten Erhaltungszustand aufwiesen. Die letzte umfassende Farbbearbeitung wurde um 1900 von Willhelm Batzem durchgeführt. 11
Die dicke, leicht fleckige, nicht polierte Vergoldung der Kreuzbretter, die mit einem bräunlichen Lack überzogen wurde, geht mit großer Wahrscheinlichkeit aus dieser letzten Farbbearbeitung hervor. 12 Der Gegensatz des zierlich, fast dünn ausgearbeiteten Körpers des Gekreuzigten zu den breiten Brettern des Kreuzes wird verstärkt durch die Vergoldung der Balken, des Titulusbrettes, auf dem die Buchstaben mit schwarzer Farbe aufgetragen wurden, und des Nimbus. Der vergoldete, kreisförmige Nimbus, dessen reliefartig geschnitzte Oberfläche ein gleichschenkliges Kreuz mit jeweils drei dazwischenliegenden, sich nach außen verbreiternden Mulden und einen runden Rahmen aufweist, ist am unteren Bereich, der vom Kopf verdeckt wird, leicht angeschnitten. Innerhalb der Erhöhung der Kreuzform, sowie des ringförmigen Rahmens am äußeren Rand finden sich sechzehn Vertiefungen, in denen abwechselnd grüne und rote Bergkristalle eingesetzt wurden. Im oberen Bereich fehlen allerdings fünf Halbedelsteine. Sowohl der Kunsthistoriker Bruno Klein als auch die Restauratorin
9 Ebenda, S.44-45.
10 Schulze-Senger 1987. In: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege Bd.32, S.25.
11 Ebenda, S.25.
12 Ebenda, S.36-38
4
Christa Schulze-Senger äußerte die Vermutung, dass die Bergkristalle einige Jahrhunderte später eingefügt wurden. 13 14
Die Vergoldung der Lendentuchaußenseite, die mit bräunlichem Lack überzogen wurde, greift die Farbigkeit des Kreuzes auf, sodass Kreuz und Korpus eine Einheit bilden. Da diese dicke, fleckige Fassung, die vermutlich der ursprünglichen Farbgebung entspricht, nach Angaben der Restauratorin Schulze-Senger von Willhelm Batzem wenig qualitätvoll durchgeführt wurde, erscheint die Plastizität des Faltenwurfes etwas gemildert. Die an einigen Stellen am unteren Lendentuchrand sichtbare Lendentuchinnenseite, die vermutlich ebenfalls um 1900 neu bemalt wurde, zeigt einen mittelroten Zinnober-Farbton. 15 Im Unterschied zur bisherig beschriebenen Farbfassung handelt es sich bei der Inkarnatfarbe nur teilweise um die Bemalung durch Wilhelm Batzem, denn diese siebte Fassung wurde hier partiell abgewaschen und mit bräunlich glänzender Farbe lasiert. An einigen Stellen wurden verwischte Blutmale dünn aufgetragen. Aufgrund von einigen Retuschen an Farbabblätterungsschäden erscheint die Hautfarbe leicht fleckig. 16 Neben der Vergoldung, der roten Lendentuchinnenseiten-Farbe und dem bräunlichen Inkarnat wurde an Haaren, Bart, Brauen und Suppedaneum ein dritter Farbton aufgetragen. Diese dunkelbraune Farbe findet sich in nahezu allen vorhergehenden Haarfassungen. 17
1.3 Rückseite
1.3.1 Kreuzrückseite
Im Jahr 1976 wurde der Kruzifixus im Zuge einer Restauration des Altarumbaus erstmalig seit 1948 wieder abgenommen. Dieser Altarumbau, auf dessen Retabel das Gerokreuzhinterlegt von einer vergoldeten Mandorla mit Strahlenkranz - befestigt worden war, stammt aus dem Jahr 1683.. 18 Die dabei angefertigte Untersuchungsdokumentation sowie die Fotografien von Schulze-Senger ermöglichen die Beschreibung der Kreuzrückseite. Diese offenbarte neben der Überblattung der Balken, deren Fugen auf der Vorderseite durch den Nimbus verdeckt sind, sowie neben Löchern von älteren Befestigungen, Klammern und umgeschlagenen Nägeln, die die Befestigung des Korpus durch Handflächen und Suppedaneum aufzeigen und einen Metallblechbeschlag der Kreuzvorderseite nahe legen,
13 Klein 2002. In: Nobilis arte manus, S.43.
14 Schulze-Senger 1987. In: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege Bd.32, S.37.
15 Ebenda, S.26-27, 29.
16 Ebenda, S.25,28.
17 Ebenda, S.28.
18 Ebenda, S.12.
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Julia Schmierer, 2009, Das Gerokreuz und seine Rückenaushöhlung, München, GRIN Verlag GmbH
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