Inhaltsverzeichnis
1
1. Einleitung
2. Zum Begriff der Wahrhaftigkeit 3
2.1 Philosophische Reflexion des Begriffs Wahrhaftigkeit 3
2.2 Konkrete Anwendung des Wahrhaftigkeitsbegriffs auf die Kunst des Dramas 6
3. Die Forderung nach Wahrhaftigkeit im Schauspieler bei Denis Diderot und
8
bei Bertolt Brecht
3.1 Denis Diderot - Philosoph und Dramentheoretiker 8
3.1.1 Historische Einordnung Diderots - Abriss 9
3.1.2 Das Schauspielerbild Diderots: „Gib der Wahrheit die Ehre “ 10
3.2 Ablösung der Schauspieltheorie Diderots durch den Dramentheoretiker
Bertolt Brecht 15
3.2.1 Brechts Schauspieltheorie 15
3.2.2 Brecht im historischen Kontext 20
3.3 Diderot und Brecht - eine Gegenüberstellung 22
3.4 Gegenpositionen: Schauspieltheorien bei Stanislawski und Strasberg 25
3.5 Betrachtung der unterschiedlichen Anwendungsweisen des
Wahrhaftigkeitsbegriffes bei den hier genannten Dramentheoretikern 27
4. Die (Un-)Möglichkeit von Wahrhaftigkeit in neueren Medien in Hinblick
29
auf heutige Rezeptionsästhetik
4.1 Bertolt Brecht und das epische Theater in der Postmodernen 29
4.2 Die Filmindustrie Hollywood und ihr Statement zur Wahrhaftigkeit 31
4.3 Schauspielkunst als Selbstdarstellung: Ursache unwahrhaftiger Kriterien
in Theater und Film? 36
5. Illusion und Wahrhaftigkeit: Ergebnisformulierung, Ausblick und
38
Schlusswort
42
6. Literaturverzeichnis
Über die Wahrheit
Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. - Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: "Wähle!" - ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: "Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!"
(G.E.Lessing, 1778)
1. Einleitung
Ein erster Blick auf die Menschheit zeigt: Die Menschen verlangen nach Aufrichtigkeit und damit verbundener Wahrhaftigkeit. Die Forderung besteht dabei zweiseitig, zum einen, dass jemandem die Wahrheit nicht vorenthalten wird, zum anderen die moralische Pflicht, seinen Mitmenschen gegenüber wahrhaftig und ehrlich zu sein. Diese Zweiseitigkeit existiert, wie im Leben, so auch im Medium Theater oder Film, auf Seiten des Publikums und des Schauspielers.
Mit dem Begriff der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit haben sich bereits die Philosophen der Anfänge, wie Platon und Aristoteles, beschäftigt. Augustinus ließ verlauten, dass das Wahrhaftigsein als ein Grundstreben der Seele nach Wahrheit zu verstehen ist. 1 Der deutsche Philosoph Friedrich Kirchner nennt es einen menschlichen Trieb, die Wahrheit geltend zu machen. 2
Auf den zweiten Blick jedoch erweist sich diese Forderung als ein tückisches Unterfangen, wollten wir sie auf Medien, insbesondere Theater und Film, übertragen: Erfolgt eine Umsetzung dieser Forderung in den genannten Medien? Entspricht das menschliche Rezeptionsverhalten dieser Forderung oder entweicht der Mensch der Realität? Sollen Theater und Film als Genussmittel oder Lehrmedien verstanden werden? Welche Verantwortung tragen sie und wie gehen wir mit dieser Verantwortung um? Welche Rolle erfüllt der in ihnen agierende Schauspieler? An welcher Stelle verschwindet die Grenze zwischen Wahrheit und Illusion 3 ?
Der Anwendungsbereich dieser Fragen soll sich in dieser Arbeit hauptsächlich auf die Schauspielkunst beziehen. Da der Begriff der Wahrhaftigkeit in der Neuzeit insbesondere von dem Dichter und Philosophen Denis Diderot in die darstellende Kunst transformiert und angewendet wird, soll dieser hier vorgestellt und analysiert werden. Diderot begründet mit seiner Theorie zugleich eine Opposition zur aristokratischen Tragödie. Sein Appell führt zu der vorherrschenden Schauspieltechnik selbst, die er angreift und ihr gegenüber den Vorwurf der emotionalen Übertreibung tätigt. Diderot fordert das Bildnis der Natur, den Schauspieler als kühlen und überlegten Denker, der nur Spiegel des äußeren Geschehens ist und somit der Wahrheit zweckdienlich sein
1 Ritter, J.; Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. S. 43
2 Kirchner, F.; Michaelis, C. (Hrsg.): Kirchners Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. S. 1082
3 Illusion wird in dieser Arbeit als Reklamation der nachzuahmenden Natur in ihrem ästhetischen Zweck, also als Sinnestäuschung, verstanden. (vgl. Ritter, J. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4. S. 204)
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kann. Diesen Schauspieler nennt er den Wahrhaftigen. In seinen Ausführungen wird ein Paradox im Schauspieler sichtbar, welches in dieser Arbeit grundlegend zu den zu behandelnden Fragen beiträgt. Mit seiner Auffassung nimmt Diderot wesentlichen Einfluss auf die spätere Theorie Bertolt Brechts. Dieser entwickelt die Theorie weiter und unternimmt diesbezüglich interessante Ansprüche an das Medium Theater als Wahrheitsmittler und beantwortet im Wesentlichen die Frage, welcher Verantwortung dieses Medium, nach ihm, ausgesetzt ist.
Des Weiteren soll im Verlauf der Arbeit auf die Aktualität der Debatte um die Wahrhaftigkeit in dem neueren Medium Film hingewiesen werden. Der Schwerpunkt des Untersuchungsgegenstandes wird sich hierbei vom Schauspieler auf den Rezipienten verlagern. Denn das Paradox lässt sich hier in einer Person begreifen: Forderung und Rezeptionsverhalten stehen sich einander gegenüber. Auf Grund dessen können mögliche rezeptionsästhetische Gründe beim Rezipienten selbst erörtert werden. In diesem Zusammenhang wird es weiter Aufgabe sein, die Beliebtheit von Illusion anstelle von Wahrheitsvermittlung in den Medien zu verdeutlichen und Erklärungsansätze zu finden.
Das Paradox der Wahrhaftigkeit darzustellen in der Schauspielkunst und dessen Medium, soll uns entlang dieser Arbeit begleiten. Es gilt dieses näher zu betrachten und sein Äquivalent ferner in der Natur des Menschen selbst ausfindig zu machen, überdies hinaus soll es Anlass zum Nachdenken geben: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, deren breite Masse in Illusion verwickelt, belogen sein will, statt in Begegnung mit der Wahrheit, ihr Leben zu einem besseren zu gestalten?
2
2. Zum Begriff der Wahrhaftigkeit
Was bedeutet wahrhaftig sein? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um von Wahrhaftigkeit sprechen zu können? Welchen Bedingungen und Gesetzen unterliegt die Wahrhaftigkeit? Besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit?
Um der hier vorliegenden Untersuchung gerecht zu werden und ihr einen Anfang zu geben, sollte zunächst der Begriff der Wahrhaftigkeit geklärt werden, der in dieser Arbeit wesentlichen Bestandteil darstellen wird und dem entsprechende Aufmerksamkeit zukommen sollte. Eine Abgrenzung dieses Begriffs gegenüber der Wahrheit kann hier nur mäßig stattfinden, es sei jedoch gesagt, dass Wahrheit als objektiver Tatbestand und Wahrhaftigkeit eher als personell gebunden gilt.
2.1 Philosophische Reflexion des Begriffs Wahrhaftigkeit
Bereits zu Zeiten der Antike hat der Begriff der Wahrhaftigkeit Überlegungen und Diskussionen aufgeworfen und zugleich gefordert.
Das Wort „Wahrhaftigkeit“ stammt aus dem Lateinischen „Veracitas“, es benennt die „Charakterdisposition, die bewirkt, daß man Lügen und täuschenden Verhaltensweisen abgeneigt ist“. 4 So könnten wir in diesem Zusammenhang auch den Begriff der Wahrheitsliebe bzw. des Wahrheitsliebenden 5 einführen.
Eine der ältesten und bekanntesten Theorien stammt von dem griechischen Philosophen und Dichter Platon: In „Hippias“ 6 wird ein fiktiver Dialog zwischen Sokrates und dem im Titel Genannten aufgezeichnet. Im Verlauf des Dialogs wird deutlich, dass Wahrhaftigkeit nur dann bestehen kann, wenn die Rede dem Sinn des Herzens entspricht, ist Gegenteiliges der Fall, so handelt es sich meist um eine Lüge. Sokrates führt im Verlauf des Gesprächs den Begriff des Wissens ein und verdeutlicht, dass nur ein Wissender auch ein guter Lügner sein kann, denn nur derjenige, der fähig ist die Sachverhalte genauestens zu betrachten, kann demnach auch gut über diese eine Lüge anstellen.
4 Ritter, J.: Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. S. 42
5 Das männliche Genus schließt das weibliche in dieser Arbeit mit ein.
6 Otto W.: Grassi E.; Plamböck G. (Hrsg.): Platon. Sämtliche Werke 1.
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Wenn auch kein wirklich moralischer Vorsatz aus „Hippias“ resultiert, wird doch deutlich, dass, soweit Wahrhaftigkeit auf eine Tugend bzw. ein Wissen zurückzuführen ist, es unmittelbar mit dem Ziel der Handlung verbunden sein muss. Wahrhaftig ist eine Person dann, wenn nicht nur ihre Rede wahrhaftig ist, sondern diese auch mit dem Inhalt ihres Herzens und der schlussfolgernden Handlung übereinstimmt. 7 Platons Schüler Aristoteles thematisiert die Wahrhaftigkeit in seiner Schrift „Nikomachische Ethik“ als eine Tugend. Das Streben nach Glückseligkeit stellt für Aristoteles das höchste Ziel der Menschheit dar. Die Wahrhaftigkeit findet sich in der Mitte zweier Extreme bzw. Gegensätze. Nur ein Extrem zu leben, stellt hierbei für Aristoteles nicht den idealen Seins-Zustand dar. Nur die Mitte zweier Seiten, welche die Tugend bildet, kann den Menschen zum Glückseligen erheben. Im vierten Buch der Nikomachischen Ethik beschreibt Aristoteles die Prahlerei und Ironie als zwei sich bedingende Gegenteile. Während der Prahler mehr als er zu wissen vermag angibt, unternimmt der Ironiker das Gegenteil und verkauft sein Eigenes unter dem Wert dessen, was er eigentlich ist. In der Mitte beider steht der Wahrhaftige, der keiner Übertreibungen oder Unterspielungen bedarf. Aristoteles meint „jenen, der, ohne daß etwas Derartiges in Frage steht, im Wort und im Leben aufrichtig ist, weil dies seine Art ist. (...) Jemand dieser Art ist lobenswert.“ 8 .
In Anlehnung an Aristoteles verurteilt Augustinus in „Über die Lüge 9 “ die Unwahrheit oder Unwahrhaftigkeit immens: „Die Schuld des Lügners aber besteht in der Absicht, zu täuschen bei der Aussprache seiner Gedanken.“ 10 Augustinus geht von einem Grundstreben der Seele nach Wahrheit aus. Er spricht von dem doppelten Herzen des Lügners, das zum einen den Gedanken der Wahrheit trägt, zum anderen jedoch dasjenige veräußert, welches unwahr ist. 11 Ist die Unwahrheit hingegen mit einer guten Tat verknüpft, so darf sie nicht als Lüge verurteilt werden. 12 In der Neuzeit findet sich das Wort „Wahrhaftigkeit“ erst im Neuhochdeutschen wieder. Übersetzt werden kann es mit „die Wahrheit redend“ oder „aufrichtig sein“ 13 . Objektiv betrachtet könnte uns die Wortbildung der Wahrhaftigkeit bereits zu den Wesenszügen ihrer selbst führen. Es geht um das Wahre und dessen, d.h. den Gegenstand oder die Person, an dem sie haftet. Wahrhaftig scheint also der oder das zu
7 Ebd. S. 114
8 Gigon, Olof (Hrsg.): Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. S. 147
9 Einführung des Begriffs Lüge als Synonym für Unwahrheit.
10 Keseling, P.: Aurelius Agustinus: Über die Lüge und Gegen die Lüge. S. 3
11 ebd. S. 3
12 ebd. S. 5
13 Ritter, J.; Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 12. S. 44
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sein, an dem das Wahre seine Existenz lebt. Das oder der ist oder handelt dann der Wahrheit so entsprechend, dass diese an dem Gegenstand oder der Person haftet und anscheinend ein moralisches Pflichtverhältnis zur Außenwelt erfüllt. Mit Einbezug des Wortes Aufrichtigkeit kann leicht eine personelle Betrachtung stattfinden, die zugleich einen wesentlichen Unterschied zur Wahrheit an sich durchblicken lässt. Aufrichtigkeit als auch Wahrhaftigkeit beziehen sich eher auf eine subjektive Seinsart, die mit dem moralisch guten Handeln eines Menschen verbunden ist, während die Wahrheit viel universeller gefasst, das Äußere und Innere, nicht nur was wir als wirklich oder unwirklich empfinden, sondern, das, was in unserer Welt als wahr gilt, darstellt.
Folglich erweist sich auch Nietzsches thematische Position als nachvollziehbar: „Zum einen scheint die Wahrhaftigkeit (...) notwendig (...) zum anderen darf der Wahrhaftige nicht für sich in Anspruch nehmen, er spreche die Wahrheit.“ 14
Aus Sicht der nennenswerten Lügengegner Immanuel Kant oder Thomas von Aquin, ist allein die Absicht zur Täuschung schuldhaft. 15 Die Sprache ist dafür gedacht, Gedanken zum Ausdruck zu bringen und keinesfalls dafür, Missbrauch mit ihr zu betreiben. Da Lügen Gedanken verbergen, stellen sie sich also dem Zweck der Sprache entgegen. Kant spricht in „Über ein unvermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ 16 der Wahrhaftigkeit eine Pflicht an sich zu. Außerdem sei es ein Vernunftgebot, in allen Erklärungen wahrhaftig zu sein.
Zusammenfassend lässt sich Wahrhaftigkeit als ein moralgeleitetes Motiv auffassen. Es entspricht einer aufrichtigen Wahrheitsliebe, derer man sich verschreiben kann oder nicht, die Entscheidung wahrhaftig zu sein, obliegt hierbei dem moralischen Sinne der einzelnen Person. Die genannten Positionen sind insofern bedeutsam, als dass sie übertragen auf den thematischen Schwerpunkt der Schauspielkunst, wesentliche Anhaltspunkte im weiteren Verlauf dieser Arbeit bieten können. So sei zum Beispiel die Rede des Schauspielers im Theater genannt: Trägt auch der Schauspieler ein doppeltes Herz? Belügt er das Publikum, weil der Inhalt seiner Rede nicht dem Denken und dem Inhalt des Herzens der sich hinter der Maske verbergenden Person entspricht? Ist ein Schauspiel immer eine gute Tat?
14 Ritter, J.: Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 12. S. 45
15 Dietz, Simone: Die Kunst des Lügens. Eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert. S. 23
16 Geismann&Oberer (Hrsg.): Kant und das Recht der Lüge. S. 35 ff.
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2.2 Konkrete Anwendung des Wahrhaftigkeitsbegriff auf die Kunst des Dramas
Im Folgenden soll eine Übertragung hinsichtlich des bereits erörterten Wahrhaftigkeitsterminus auf die Dichtung, die Poetik und somit auch auf das Drama und die Tragödie stattfinden. Ob diese Definition im Theater, genauer in der Schauspielkunst, ähnlich anwendbar ist oder sie hier einer Sonderbehandlung bedarf, bildet an dieser Stelle die zu untersuchende Frage.
Dieses Unterfangen zeigt schnell das Äquivalent auf, in dem wir uns befinden, wollten wir den Wahrhaftigkeitsbegriff auf die Schauspielkunst, ferner das Theater, übertragen. Ist es doch so, dass die Rede des Schauspielers, bezögen wir uns hierbei auf Platon, nicht unbedingt mit dem Sinn seines Herzens übereinstimmt. Ist es nun eine Kunst, dass er dem Zuschauer trotzdem Glauben schenken kann, er würde auch denken, was er spricht, oder können wir ihn einen Lügner nennen, da er die Kriterien eines Wahrhaftigen nicht erfüllt?
Betrachtet man die Kunst in Hinblick auf ihre Wahrhaftigkeit im Allgemeinen, so bietet eine Platon-Interpretation nach Volkmann-Schluck eine durchaus interessante Einsicht. Platon greift im zehnten Buch der „Politeia“ nicht nur das Problem der Kunst im Allgemeinen, sondern im Speziellen auch das der Tragödie auf, das er wie folgt erklärt: Die Kunst tut nichts anderes als die Seele ins Schwanken zu bringen. Sie reißt diese aus ihrer festen Weltordnung heraus und führt den Kunstbetrachter in eine irreale Welt. Insbesondere die Mitleidenschaft, die eine Tragödie, bei dem Zuschauenden erreicht, würde ihn seines eigenen Verstandes forttragen.
„Das Unheimliche des durch die Kunst Hervorgebrachten besteht für Plato (...) [im] Schein“ 17 . Da der Schein jedoch eine gewisse Schönheit aufweist, verweilen wir als Zuschauende bei ihm. Platon kann den einzigen Sinn der Kunst darin sehen, dass es den Menschen womöglich zur Erkenntnis führen soll, ansonsten bezeichnet er sie, als „das Untaugliche, das untauglich macht.“ 18 Er erkennt in der Kunst eine künstlerische Verführung, die die Seele des Rezipienten benommen macht. „Dichtung gilt einerseits als das Offenbarmachende im Sinne der Wesensdarstellung, sie gilt andererseits als das Nichtige des Unwirklichen und als bloßer berückender Schein.“ 19
17 Jahnke, W.: Weyers, R. (Hrsg.): K.-H. Volkmann-Schluck: Von der Wahrheit der Dichtung. S. 63
18 ebd. S. 65
19 ebd. S. 69
6
An dieser Stelle ist ein Paradox im engeren Sinne feststellbar: Platon spricht zum einen der Kunst die Möglichkeit gewisser Vermittlung zu, zum anderen warnt er jedoch vor ihrer schleierhaften Art, die Wahrheit verdrehend, etwas zu vermitteln, das nicht wahrhaft ist. Die Forderung einer skeptischen Haltung wird deutlich. Ganz anders hingegen versteht Novalis die Poesie hinsichtlich der Wahrheit. Er sieht sie wesentlich als Hilfsmittel, um die Wahrheit ans Licht zu führen. Unabhängig von der Poesie besteht Wahrheit, doch der Mensch bedarf des poetischen Werkes, da dieses Natur und Geist derartig zusammenführen kann, dass eine Offenbarung erst im Werk möglich wird. 20
Die Gefahr in der Kunst besteht jedoch darin, wie bereits Platon erkannte, dass sie eine Erscheinung darstellt, die die Wahrheit zu verblenden fähig ist. 21 Dieser Umstand bietet zum einen die Möglichkeit zur Illusion 22 , zum anderen verhüllt es die Wahrheit in einer Weise, dass sie dem Rezipienten gänzlich verschlossen, nicht mehr zugänglich ist. Die Problematik weist entsprechend folgenden Tatbestand auf: Der Moment, in dem das Theater, die Schauspielkunst sich eines Wirklichkeitsbezugs bedient, kann es nicht mehr als in sich geschlossenes System verstanden werden und einen Anspruch auf eine eigens erzeugte Welt beziehen. In dem Moment der Übersteigung zwischen eigenem Raum und Wirklichkeit 23 entsteht eine Problematik, die uns in eine medienethische Debatte führt. Georg Simmel benennt das Problem darin, „daß einem auf der Bühne etwas tatsächlich Unwirkliches mit den Gebärden der Wirklichkeit vorgemacht wird.“ 24 Es scheint als könne Wahrheit in dem Sinne, wie es hier aufgeführt wurde, im Theater nicht gelten, doch als ein weiterer Aspekt sollte der künstlich hergestellte Raum betrachtet werden, in dem wir uns bewegen. Ist es möglich, innerhalb dieses Raumes eine Wahrheit zu schaffen, die den Zuschauer vor Schein und Betrug bewahrt und ihm vielmehr das Wahre vor Auge führt?
Eine tiefere Beschäftigung mit diesem Sachverhalt zeigt auf, in welchen Zwiespalt wir treten, wollten wir Wahrheitstheorien auf die Schauspielerei anwenden. Hierzu werden im Folgenden nun insbesondere die Dramatiker Denis Diderot und Bertolt Brecht in Betracht gezogen, um ihre Auffassung eines wahrhaftigen Schauspielers, unter besonderer Berücksichtigung der bereits statt gefunden Erörterung zu untersuchen und die Folgen dessen aufzuzeigen.
20 ebd. S. 127
21 ebd. S. 61
22 vgl. Kapitel 1(Begriff der Illusion)
23 Der Begriff der Wirklichkeit soll in dieser Arbeit mit dem Begriff Realität übersetzbar sein.
24 Simmel, G.: Über den Schauspieler. In: Roselt, J. (Hrsg.): Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. S. 306
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Finja Christin Wrocklage, 2008, Das Paradox der Wahrhaftigkeit: Die Rolle des Schauspielers bei Diderot und Brecht, München, GRIN Verlag GmbH
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