1. Einleitung
„Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!”
Dieses Zitat, ausgesprochen durch die Figur Pippi Langstrumpf, charakterisiert nicht nur die Grundeinstellung ihrer Schöpferin Astrid Lindgren, über die im Folgenden gesprochen werden soll, sondern verdeutlicht außerdem deren freiheitlichen Appell zum Leben, welchen sie stark den Charakteren ihrer Literaturfiguren verliehen hat.
Zu einer Zeit, in der Zucht und Ordnung als die zwei zu befolgenden Maximen gelten, setzt Lindgren durch ihre Figuren, Freiheit, Kindesrechte und das emanzipierte Kind als etwas Selbstverständliches voraus und stößt damit auf Widerspruch und Ablehnung. Sie erreicht jedoch mit ihren Figuren Aufsehen, Diskussionen und ein Überdenken der bis dahin geltenden gesellschaftlichen Regeln. Somit schafft Astrid Lindgren nicht nur eine Veränderung in der moralischen Grundhaltung der Gesellschaft selbst, sondern hinterlässt mit ihren Figuren Spuren in der gesamten Welt.
Exemplarisch aufgezeigt an den beiden Mädchenfiguren Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter, wird sich diese Arbeit mit der Analyse ausgewählter Szenen beschäftigen. Dies geschieht in Hinblick auf den Akt der Emanzipation des Kindes, sowie auf die Analyse der fantastischen Figuren der Lindgrenschen Literatur, um die Besonderheit, Neuheit und Einzigartigkeit ihrer „Kinder” aufzuzeigen.
2. Vorstellung von Autorin und der zu behandelnden Romanfiguren
Der folgende Teil soll einen kurzen Einblick in das Leben und die Werke Astrid Lindgrens gewährleisten. Die genauere Betrachtung der Autorin ermöglicht ein besseres Verständnis in der Analyse ihrer Figuren, „denn nur bei wenigen Autoren werden so direkte Verbindungen gezogen, wie bei Astrid Lindgren” 1 . Zudem sollen an dieser Stelle die fantastischen Protagonisten, die in der späteren Analyse verwendet werden, vorgestellt werden.
1
Berf, Paul&Surmatz, Astrid (Hrsg.): Astrid Lindgren. Zum Donnerdrummel! Ein Werkporträt.
Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 2004. S.867
2
2.1 Astrid Lindgren – vom einfachen Bauernmädchen zur Revolutionärin
Am 14. November 1907 erblickt Astrid Anna Emilia Ericsson im kleinen Vimmerby in Schwedens Småland das Licht der Welt. Astrid Lindgren erfährt eine glückliche und harmonische Kindheit auf dem Bauernhof Näs: „Die intensive Spielwelt der Kindheit, die Sinnlichkeit, das konkrete Naturerlebnis (...) die Geschwister (...) die geliebten Eltern” 2 bilden und füllen das glückliche junge Leben der Astrid Lindgren, welches als starke Quelle 3 für ihre späteren Geschichten und Erzählungen gilt.
Doch muss Astrid Lindgren als junge Erwachsene auch die unangenehme Seite des Lebens erfahren. Sie wird ungewollt schwanger und verlässt die traute Heimat, um eine Ausbildung zur Sekretärin in Stockholm anzutreten. Ihr Sohn Lars Ericsson wird im Jahr 1926 geboren. Astrid Lindgren sieht zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens keine andere Möglichkeit als den eigenen Sohn vorerst in eine Pflegefamilie in Kopenhagen zu geben. Vier Jahre später kehrt Astrid jedoch mit Lars zu den Großeltern zurück und lernt dort ihren späteren Mann Sture Lindgren kennen mit dem sie wenig später für ein gemeinsames Leben zurück nach Stockholm zieht. 1934 kommt die gemeinsame Tochter Karin zur Welt, die als Kind wesentlich zum Stoff der Pippi Langstrumpf beiträgt.
Während des zweiten Weltkrieges beginnt Astrid Lindgren intensiv Tagebuch zu führen und dokumentiert die Ereignisse in der Welt. Sie empfindet diese Zeit als so grausam, dass sie schreibt: „am liebsten möchte man gar nicht mehr leben” 4 . Astrid nimmt unterschiedliche Arbeitsplätze an, sie arbeitet u.a. als Sekretärin für einen Kriminologen, sowie in der Abteilung für Briefzensur des Nachrichtendienstes (1940), als Lektorin im Verlag Rabén&Sjörgen, bis sie sich als Kinderbuchautorin derart etabliert, dass sie sich ganz den Schriftstellertätigkeiten zuwenden kann. Astrid Lindgren erhält in ihrem Leben zahlreiche internationale Kinder- und Jugendbuchpreise, sowie 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihr soziales Engagement, welches 1988 u.a. zu einem verbesserten Tierschutzgesetz in Schweden führt: „Die Tierhaltung war nicht mehr eine rein wirtschaftliche Frage, die Ethik hatte einen wichtigen Platz in der Debatte bekommen.” 5 .
Ihr wird der International Book Award der UNESCO, sowie der alternative Nobelpreis
2
Strömsted, Margareta: Astrid Lindgren – ein Lebensbild. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 2001.
S. 21
3
ebd.
4
Berf, Paul&Surmatz, Astrid (Hrsg.): A. Lindgren. Zum Donnerdrummel! Ein Werkporträt. S.62
5
Strömsted, Margareta: Astrid Lindgren – ein Lebensbild. S.331
3
verliehen. Mit dem Titel der beliebtesten Schwedin des Jahrhunderts, nach einer Umfrage der Tageszeitung Aftonbladet, stirbt Astrid Lindgren am 28. Januar 2002 im Alter von 94 Jahren. 6 Ihr Nachlass für die Welt besteht aus mehr als siebzig Kinderbüchern, übersetzt in etwa
80 Sprachen, welche über hundert Millionen Mal verlegt wurden. Das heutige Astrid-
Lindgren-Archiv zählt zum Weltdokumenterbe.7
2.2 Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter
Das Mädchen mit den roten Haaren, welches den langen Namen Pippilotta Victualia Rollgardina Pfefferminz Langstrumpf trägt, ist ihrer Zeit ein eher ungewöhnliches Kind. Mit ihren beiden Mitbewohnern, dem weißen Schimmel (der Name „Kleiner Onkel” entstand erst bei den Dreharbeiten zur Verfilmung der Pippi-Geschichte 8 ) und dem Affen Herrn Nilsson führt sie, ohne jegliche Aufsicht Erwachsener, in ihrer eigenen Villa ein lustiges Leben. Die beiden Nachbarskinder Annika und Thomas, aus einem gut-bürgerlichen Familienhaus, werden ihr die zwei liebsten Freunde. Pippis Mutter ist früh gestorben und ihren Vater hat es in die Ferne auf die Insel Takka-Tukka-Land gezogen, auf der er als Negerkönig regiert. Finanziell durch eine große Goldtruhe abgesichert, lebt Pippi ihr Leben, wie es ihr gerade gefällt. Sie entzieht sich jeglichen gesellschaftlichen Maximen und lässt sich auch in kein Bildungssystem einzwängen. Versuche, sie einzufangen und in ein Kinderheim zu bringen, scheitern und man gibt auf, dieses doch recht merkwürdige Kind, gesellschaftsfähig zu machen.
Ronja Räubertochter dagegen ist, wie der Name bereits verrät, die Tochter des Räuberhauptmannes Matthis und seiner Frau Lovis, die von ihren Eltern und der Räuberbande innig geliebt und beschützt, aufwächst. Mit dem Heranwachsen jedoch, sucht Ronja bewusst den Kontakt zu der Natur, zum Leben jenseits der Matthisburg und lernt die heiteren und düsteren Seiten des Lebens kennen. Eines Tages lernt sie den Sohn der verfeindeten Räuberbande kennen, welche in die andere Hälfte der Burg gezogen ist, Birk. Die beiden Kinder bauen schnell eine geschwisterliche Liebe zueinander auf, welche im Wesentlichen, dem Geschichtsstoff zweier verfeindeter Räubersippen, beiträgt. Ronja widersetzt sich den Regeln, die ihr Vater ihr, bezüglich
6
vgl. Strömstedt, Margareta: Astrid Lindgren. Ein Lebensbild.; Berf&Surmatz: Astrid Lindgren. Zum
Donnerdrummel! Ein Werkporträt.
7
Internet: http://www.brockhaus.de/aktuell/thema.php?t_id=161 (15.12.07 21:36)
8
Internet: http://efraimstochter.de/pippisfreunde/kleineronkel.shtml (17.12.07 14:56)
4
Birks, aufträgt, bis hin zu dem Punkt, dass der eigene Vater sie als Tochter aufgibt. Die Figur Ronja symbolisiert einfühlsam einen kleinen Menschen, der schon früh weiß, was er für richtig und falsch erachtet und der sich willensstark für die eigenen Werte einsetzt, um sinnlos herrschende Gewalt und zwischenmenschliche Differenzen aus ihrer Welt zu vertreiben. Sie strebt danach, dass alle Menschen im Einklang mit der Natur und ihren Mitmenschen glücklich leben können. Die Natur sei hier ausdrücklich erwähnt, da sie wesentlich zu dem Inhalt der Geschichte beiträgt und die natürliche Beziehung, die Ronja zu sich und ihrer Umwelt hat, veranschaulicht.
Diese beiden Mädchenfiguren und die mit ihnen verbundenen Geschichten, weisen eine Verwebung realer und fantastischer, teilweise märchenhafter, Elemente auf. Sei es Pippi, die als Kind alleine und finanziell, wie auch gesellschaftlich unabhängig lebt oder Ronja, die umgeben von fantastischen Elementen, wie etwa den wilden Druden oder den Wichteln, denen sie im Wald begegnet, ihr Leben führt.
Diese fantastischen Figuren, Symbole und Begebenheiten führen die kleinen und großen Leser in eine Welt, in der sich mögliche Träume verwirklichen lassen, die dann auf den zweiten Blick, in der realen Welt, auch nicht mehr so fern scheinen. Astrid Lindgren nutzt in ihren Geschichten die Möglichkeit, eine Identifikation der Leser mit bestimmten Faktoren bzw. Protagonisten des Handlungsstoffs, zu erreichen und schafft somit eine Brücke zwischen der Nüchternheit der Realität und der Fantasie der Träume. Durch diese Technik, könnte man meinen, entwickelt sie eine Art Parabel, in der die Übertragung märchenhafter Darstellungen auf die Realität zu erdenken möglich erscheint.
Genaueres zu diesem Aspekt wird sich in der konkreten Analyse wieder finden.
3. Analyse
3.1 Lindgrens Figuren unter zeitgeschichtlichen Aspekten
Die unterschiedlichen Haltungen und Positionen der Kindeserziehung, die in der gesamten Welt Anfang des 20. Jahrhunderts herrschten, aufzuzeigen, würde bei Weitem den Rahmen dieser Arbeit überschreiten und ist schier unmöglich zu erfassen. Auf Grund dessen wird an dieser Stelle nur ein äußerst grobes Bild der Mentalitätsstimmung
5
Arbeit zitieren:
Finja Christin Wrocklage, 2008, Astrid Lindgrens fantastische Figuren im Hinblick auf die Erneuerung moralischer Grundhaltungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Familienstrukturen in Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 44 Seiten
Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" im Vergleich zu Georg ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Kleine Epochengeschichte: Aufklärung, Romantik und Realismus
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Essay, 12 Seiten
NORBERT ELIAS und IMMANUEL KANT - über die Zeit
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 6 Seiten
Jane Addams - Die ersten Jahre im Hull House und die Probleme der Umge...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 14 Seiten
Auswirkungen des Leitmediums Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft
Eine kritische Bestandsaufnahm...
Bachelorarbeit, 47 Seiten
Die Literaturauffassung George Büchners
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 24 Seiten
Zu: Paul Watzlawick, Menschliche Kommunikation - Formen und Störungen
Hausarbeit, 26 Seiten
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre vom ausgehen...
Diplomarbeit, 100 Seiten
Debatten zur Populärkultur - Die Cultural Studies im deutschsprachigen...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hauptseminararbeit, 34 Seiten
Die Rezeption von Büchners "Dantons Tod" im Wandel der Liter...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Die Darstellung „schwieriger“ und „böser“ Kinder in Heinrich Hoffmann...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 20 Seiten
Verblendung oder Widerstand durch Bedeutungskonstruktion?
Ein Vergleich der Sichtweisen ...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit, 21 Seiten
Zu Georg Büchners "Woyzeck" – Wegweiser zur Moderne?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Ausführen einer Maniküre (Unterweisung Friseur / -in)
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 7 Seiten
Finja Christin Wrocklage's Text Astrid Lindgrens fantastische Figuren im Hinblick auf die Erneuerung moralischer Grundhaltungen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Finja Christin Wrocklage hat den Text Astrid Lindgrens fantastische Figuren im Hinblick auf die Erneuerung moralischer Grundhaltungen veröffentlicht
Finja Christin Wrocklage hat einen neuen Text hochgeladen
Beyond Pippi Longstocking: Intermedial and International Approaches to...
Bettina Ka1/4mmerling-Meibauer, Astrid Surmatz, Bettina K. Mmerling-Meibauer
Astrid Lindgren - Werk und Wirkung
Internationale und interkultur...
Svenja Blume, Bettina Kümmerling-Meibauer, Angelika Nix
Mit Kochrezepten für die ganze...
Sybil Gräfin Schönfeldt, Wolfgang Franz
0 Kommentare