1 Einleitung
Die Behandlung von Literatur im Englischunterricht wurde lange Zeit als nicht unbedingt notwendig angesehen. Doch die analytische Auseinandersetzung mit literarischen Texten, insbesondere von Romanen, hat viele didaktische und pädagogische Vorteile, da eine Vielzahl von Lernzielen erreicht und Kompetenzen gefördert werden können. Zum einen wird das Leseverstehen vor allem von umfangreicheren Textmengen in der Fremdsprache gefördert sowie die sprachlichen und kommunikativen Kompetenzen beim mündlichen Austausch und der schriftlichen Reflexion über die literarischen Texte weiterentwickelt. Und zum anderen entwickeln Schüler bei der interpretatorischen Behandlung von Literatur ein Bewusstsein für literarische Ästhetik und verschiedene Textsorten wie Gedichte, Romane, Kurzgeschichten, Dramen als auch für audio-visuelle Medien, wenn bspw. Literaturverfilmungen zum
Vergleich eines Romanes im Unterricht herangezogen werden. 1
In der didaktischen Wissenschaft wurden zahlreiche Methoden entwickelt, die einerseits Methoden der rationalen Textanalyse und andererseits handlungs- und produktionsorientierte Zugangsformen, die die Schüler zur kreativen Auseinandersetzung mit literarischen Texten herausfordern. Diese vielfältigen Methodenvorschläge können in einem phasenorientierten Literaturunterricht in Form von pre-reading, while-reading und post-reading activities auf kreative Weise umgesetzt werden.
Die vorliegende Seminararbeit geht zunächst den Fragen nach, warum Literatur im Englischunterricht eine wichtige Rolle spielt und welche Formen von literarischen Texten dabei zum Einsatz kommen sollen, um Lernziele wie Empathie, Toleranz und Offenheit zu fördern sowie die Schüler in ihrer Ausbildung von Kreativität zu unterstützen. Im Anschluss daran werden verschiedene Methoden der Literaturvermittlung im phasenorientierten Englischunterricht vorgestellt und kritisch beleuchtet. Im letzten Teil der Arbeit wird dann exemplarisch an Nick Hornby’s Roman “A Long Way Down” verdeutlicht, wie eine Unterrichtsstunde von neunzig Minuten in der Oberstufe durchgeführt werden kann.
1 Vgl. Nünning, A.; Surkamp, C.: „Englische Literatur unterrichten - Grundlagen und Methoden“, Seelze-Velber, 2006, S. 22-27.
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2 Literarische Texte im Englischunterricht
2.1 Warum Literatur im Englischunterricht?
Da sich die Bildungsziele im kommunikativen Englischunterricht jedoch nicht nur auf den Spracherwerb und die Sprachbeherrschung bzw. auf die Vermittlung von funktionalen Kompetenzen in einzelnen Fertigkeitsbereichen (Lesen, Hörverstehen, Schreiben, Sprechen) beschränken, sondern vor allem auch das interkulturelle Lernen und die Ausbildung von sozialen Kompetenzen wie toleranten Einstellungen sowie Sensibilität gegenüber anderen Kulturen mit einschließen, spielt Literatur seit einiger Zeit wieder eine zunehmend wichtige Rolle im Englischunterricht. Denn ein Englischunterricht, der die Entfaltung affektiver, ethischer und ästhetischer Fähigkeiten bei Schülern bewirken will, um ihre Persönlichkeit zur Entwicklung von Toleranz, Empathie, Perspektivenübernahme und Offenheit zu befähigen, muss „ebenso in der Auseinandersetzung mit fremder Kultur, mit anspruchsvollen
literarischen Texten und mit der ästhetischen Dimension von Sprache erziehen (…).“ 2 Durch die kritische Auseinandersetzung mit literarischen Werken in der englischen Sprache erhalten die Schüler nicht nur die Möglichkeit, sich auf ästhetische Weise mit der Fremdsprache und ihrem Gebrauch zu beschäftigen, sondern sich ebenfalls anhand von realitätsnah erzählten Einzelschicksalen mit anderen Sichtweisen zum Leben, zu Werten und Normen anderer Gesellschaften sowie mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen anderer Menschen zu befassen. Hier können sie in die Seelen anderer Personen hineinblicken und erfahren, was Menschen in unterschiedlichen Kulturkreisen und Lebensorten während und nach komischen, interessanten, aber auch tragischen Erlebnissen fühlen und denken. Dadurch erleben Schüler andere Wahrnehmungen, sodass einerseits Ziele wie Empathie, Perspektivenübernahme und Fremdverstehen erreicht werden können sowie andererseits die Kommunikation im Englischunterricht angeregt wird, da sich die Schüler mit literarischen Figuren zu identifizieren versuchen und gleichzeitig Anlässe bereitgestellt werden, in denen die Schüler sich über ihre eigenen Gefühle, Einstellungen und Sichtweisen in der Fremdsprache äußern können. Währenddessen wird wiederum die Urteilskraft der Schüler herausgefordert, da sie angeregt werden, andere Auffassungen, Weltbilder und Lebensweisen auf der Grundlage eigener Erfahrungen zu bewerten und schließlich ihre persönlichen Meinungen und Weltvorstellungen kritisch zu überdenken.
Außerdem sind literarische Texte oftmals authentischer als Lehrbuchtexte, da der Autor eigene Vorstellungen und Erfahrungen in die Darstellung seiner Figuren und ihrer
2 Klippel, F.; Doff, S.: „Englischdidaktik í Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II“, Berlin, 2007, S. 24.
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Handlungen mit einfließen lässt, sodass das Interesse für die Schüler angeregt werden kann. Literatur im Englischunterricht stellt demzufolge das Individuum in den Vordergrund der Aufmerksamkeit und kritischen Reflexion und wendet sich direkt an den Schüler, sodass die Behandlung von literarischen Werken die Anwendung einer Vielzahl von schülerzentrierten und handlungsorientierten Methoden ermöglicht, durch die kommunikative Situationen geschaffen werden können, in denen die Schüler zum Sprechen motiviert werden. Generell können literarische Texte, die an die Lebenswelt und Interessen der Schüler anknüpfen, eine sehr motivierende Wirkung haben. Dazu muss die Behandlung von Literatur jedoch über die rationale Textanalyse hinausgehen und handlungs- und produktionsorientierte Zugangsformen beinhalten, durch die Schüler zur aktiven Auseinandersetzung mit den Texten angeregt werden. Die Rezeption und Interpretation von Literatur und insbesondere von englischsprachigen Romanen fördert demnach nicht nur kommunikative Fertigkeiten wie das Leseverstehen von umfangreicheren Texten, das Sprechen und Schreiben über verschiedene Aspekte aus dem Roman, sondern unterstützt die Herausbildung von ästhetischen, imaginativen, affektiven und sozialen Kompetenzen in vielerlei Hinsicht und vermittelt
gleichzeitig landeskundliche Eindrücke. 3 Darüber hinaus erfahren die Schüler, dass die Fremdsprache nicht nur Grammatik und Vokabeln lernen bedeuten muss, sondern in ästhetischer und interessanter Weise zum Ausdruck von Gedanken, Gefühlen und Meinungen verwendet werden kann. Auf diese Weise erleben Schüler die Fremdsprache als etwas Lebendiges.
Für die lernziel- und handlungsorientierte Behandlung von literarischen Werken ist es jedoch von oberster Priorität, zunächst die Lesemotivation und das Interesse zum Lesen fremdsprachlicher Lektüre zu wecken. Das ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche und motivierende Analyse und handlungsorientierte Interpretation von Literatur im Fremdsprachenunterricht.
2.2 Welche Literatur im Englischunterricht?
Wie eingangs schon erwähnt, hängt die lernzielorientierte Behandlung von Literatur und speziell von Romanen im Fremdsprachenunterricht stark von der Lesemotivation der Schüler ab. Bekanntlich sind Kinder und Jugendlichen dem Bücherlesen eher negativ eingestellt, weil es angeblich langweilig und zeitaufwendig ist oder auch als uncool abgetan wird, weil man
3 Vgl. Nünning, A.; Surkamp, C.: Text - Literatur - Kultur: Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht und Fremdverstehen, in: Bach, G.; Timm, J.-P. (Hrsg.): „Englischunterricht - Grundlagen und Methoden einer handlungsorientierten Unterrichtspraxis“, Tübingen, 2003, S.149-152.
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kein Bücherwurm im Sinne eines Strebers sein will. Außerdem bietet das Fernsehen für viele Schüler Unterhaltung genug, warum also da noch ein Buch lesen? Aufgrund dieser Einstellungen steht die Lehrerperson besonders in der Pflicht, die Schüler zum Lesen insbesondere von englischsprachigen Romanen zu motivieren. Aus pädagogisch-psychologischer Sicht geht Motivation jedoch vor allem einher mit Interesse, sodass „gerade im Kontext eines schülerorientierten Unterrichts Texte daher in stärkerem Maße nach ihrer entwicklungspsychologischen und altersspezifischen Angemessenheit
ausgewählt und die Schüler an der Textauswahl auch beteiligt werden sollen.“ 4 Daher schließen Kriterien zur Auswahl von literarischen Werken zum einem das Alter und die emotionale und intellektuelle Reife sowie die Interessen der Schüler ein als auch das kulturelle Vorwissen, die sprachlichen Fähigkeiten der Schüler und ihre literarischen
Kenntnisse bspw. über Textsorten aus unterschiedlichen Literaturperioden. 5 Dabei kann die Orientierung am literarischen Kanon zugunsten der stärkeren Einbindung von Schülerinteressen sowie der Berücksichtigung von Autorinnen als auch englischsprachigen Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die außerhalb Englands und Amerikas schreiben, in
den Hintergrund der Romanauswahl gerückt werden. 6 Allerdings sollte die Romanauswahl am jeweiligen Rahmenplan orientiert sein, in dem die zu behandelnden Themen festgelegt sind. Da der Rahmenplan jedoch nur eine grobe Orientierung darstellt und keine literarischen Werke verbindlich vorschlägt, steht die Auswahl der Lektüre dem Lehrer relativ frei und ermöglicht die Einbeziehung der Schülerinteressen.
Dennoch können die Schüler ganz unterschiedliche Interessen haben, da sich jeder Schüler für unterschiedliche Thematiken in stärkerem Maße interessiert. Daher muss die Auswahl der Texte die Interessen der Mehrheit der Schüler berühren und die lebensweltlichen
Erfahrungen berücksichtigen. 7 Themen wie menschliche Beziehungen, z.B. Konflikte zwischen Eltern und Kindern, besondere Beziehungen zwischen Freunden unterschiedlicher Kulturen oder Lebensweisen von Kindern in anderen, vor allem englischsprachigen Ländern können dabei den Großteil der Schülergruppe interessieren, da sie an die Lebenswelt der Schüler anknüpfen. „Allerdings ist vertraute Erfahrung allein noch nicht ‚lesenswert’; sie wird es dadurch, dass sie durch die literarische Gestaltung transzendiert und in ihr für den Leser
Neues aufgezeigt wird.“ 8 Das Thema des Romans muss also auch neue, erkenntnisreiche
4 Nünning & Surkamp 2003: 152.
5 Vgl. Lazar, G.: „Literature and Language Teaching - A Guide for teachers and trainers“, Cambridge, 2000, 52-54.
6 Vgl. Nünning & Surkamp 2006: 39.
7 Vgl. Jarfe, G.: “Literaturdidaktik konkret - Theorie und Praxis des fremdsprachlichen Literaturunterrichts“, Heidelberg, 1997, S. 36.
8 Jarfe 1997: 36.
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Aspekte beinhalten, damit die Schüler anhand differenzierter Erfahrungen und Wahrnehmungen des Autors überprüfen, inwiefern diese Erlebnisse und deren Betrachtungsweisen für ihr eigenes Leben zutreffen.
Durch die Einbeziehung der Schülerinteressen werden die Schüler eher motiviert sich in Gesprächen zu beteiligen. Insbesondere leistungsschwächere Schüler fühlen sich durch interessante und lebensnahe Geschichten möglicherweise viel mehr angeregt, als wenn sie sich über komplizierte Zusammenhänge äußern sollen. Somit kann gleichzeitig die kommunikative Fertigkeit des Sprechens bei allen Schülern gefördert werden. Die Romane sollten also thematisch ansprechend sowie die Figuren und Geschichten originell sein. Schließlich müssen Romane außerhalb des Literaturkanons nicht zwangsweise weniger literarisch und pädagogisch wertvoll sein.
Neben den Schülerinteressen sollte der Lehrer allerdings auch über Kenntnisse zum kulturellen Vorwissen der Schüler verfügen, um ihnen vor der Analyse eines ausgewählten Romanes ein kulturelles Hintergrundwissen, das dem jeweiligen Thema entspricht, zu
vermitteln. 9 Bei Hemingways Romanen “Fiesta: The Sun also Rises” und “A Farewell to Arms” bspw. ist es für eine interpretatorische Analyse notwendig, dass die Schüler zunächst über den traumatischen und demoralisierenden Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die Menschen aufgeklärt werden und den kulturellen Hintergrund der Zwanziger und Dreißiger Jahre sowie Merkmale der Lost Generation kennenlernen, um das Handeln der Figuren in Hemingways Romanen nachvollziehen zu können. Auf diese Weise wird zudem der Literaturunterricht mit dem Landeskundeunterricht effektiv verbunden.
3 Methoden der Literaturvermittlung im prozessorientierten Englischunterricht
Um die Lesemotivation und die selbständige Beschäftigung mit einem englischsprachigen Roman bei den Schülern zu wecken und zu fördern, müssen sich die Methoden der Literaturrezeption und -vermittlung auf eine aktive Rolle des Schülers konzentrieren. Daher wird die rationale Textanalyse, bei der der Fokus auf die inhaltlichen und formalen Aspekte oder auf die bezweckte Aussage des Autors gelegt wird, stark kritisiert. Ein Literaturunterricht, der sich methodisch nur mit dem literarischen Text, aber nicht mit den Bedürfnissen und Gefühlen der Schüler zu der im Text angesprochenen Thematik, beschäftigt, vernachlässigt dabei, dass sich die Schüler selbständig und mit ihren eigenen Meinungen, Weltbildern und Erfahrungen mit dem literarischen Werk auseinandersetzen sollen.
9 Vgl. Lazar 2000: 53.
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Arbeit zitieren:
Juliane Behm, 2008, Literarische Texte im Englischunterricht - Nick Hornby's "A Long Way Down", München, GRIN Verlag GmbH
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