Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Hauptteil. 3
2.1 Versuch einer Entstehungsgeschichte und Definition des Begriffes „Dissident“ 3
2.2 Selbstbildnis und -verständnis von Larisa Bogoraz 3
2.3. Selbstbildnis und -verständnis von Andrej Sacharow 6
2.4 Selbstbildnis und -verständnis von Alexander Solschenizyn 9
2.5 Vergleich zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. 14
3. Schluss 16
4. Literaturverzeichnis. 18
4.1 Bücher 18
4.2 Internetquellen. 18
1
1. Einleitung
Der Begriff „Dissident“, eigentlich ein Vergessen geglaubtes Relikt aus der Zeit des kalten Krieges, hat wieder Hochkonjunktur. Seit einigen Jahren liest man immer wieder in deutschen Zeitungen und Zeitschriften oder Internetportalen derselben von der Verhaftung von sogenannten Internet-Dissidenten. Das sind Menschen, die im Internet ihre politische Meinung veröffentlichen. Allerdings sind sie Staatsbürger von Ländern z.B. China, wo es eine Zensur gibt und/oder Diktatoren herrschen. Dort werden diese Menschen verhaftet und für Jahre in Haft gehalten. Nach Aussagen der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ sind momentan 69 Internetdissidenten in Haft, davon über zwei Drittel in China 1 . So zeigt sich, dass der Begriff „Dissident“ immer noch einen aktuellen Bezug hat. Wie ihre sowjetischen Vorbilder kämpfen diese Personen um die Menschenrechte. Aber wie sah die Dissidentenszene in der Sowjetunion überhaupt aus? War sie eine homogene Gruppe mit gemeinsamen Zielen und Ansichten?
Als erstes werde ich versuchen den Begriff „Dissident“ näherungsweise zu definieren. Es ist aufgrund der Vielzahl von Einzelpersonen und der Dauer des Dissidententums in der Sowjetunion über etwa zwanzig Jahre nicht möglich eine direkte Untersuchung anzustellen. Ich möchte mich zur Beantwortung dieser Frage mit drei wichtigen Dissidenten beschäftigen, die ich jeweils mit ihrem Lebenslauf skizziere und dann auf ihre persönlichen Ansichten und politischen Meinungen hin untersuche. Da wäre zuerst Larisa Bogoraz, Frau von Julij Dani¡l’ und wichtige Führungsperson im Moskauer Widerstand. Im Weiteren beschäftige ich mit Andrej Sacharow, dem „Vater der Wasserstoffbombe“ sowie Friedensnobelpreisträger und möchte schließen mit Alexander Solschenizyn, dem Autor des „Archipel Gulag“ und Literaturnobelpreisträger.
Anschließend werde ich diese drei Personen vergleichen und versuchen ihre Ansichten und Meinungen in Bezug zur gesamten Dissidentenszene in der Sowjetunion zu setzen. Abschließend werde ich die Ergebnisse kurz zusammenfassen und einen Ausblick über weitere Forschung geben.
1 vgl. http://www.rsf.org/rubrique.php3?id_rubrique=119, zuletzt aufgerufen am 03.04.09 17:15
2
2. Hauptteil
2.1 Versuch einer Entstehungsgeschichte und Definition des Begriffes „Dissident“ Der Begriff „Dissident“ leitet sich von dem lateinischen Verb dissidere ab. Dieses Wort bedeutet soviel wie „entfernt sein, nicht übereinstimmen, widersprechen“ 2 . Der Begriff „Dissident“ wurde im Mittelalter für Häretiker und nach der Reformation für nicht staatlich anerkannte Konfessionen gebraucht 3 . Bis zum 18. Jahrhundert wurde „Dissident“ auch für konfessionslose Menschen verwendet 4 . Ab dem 20 Jahrhundert wurde dieser Begriff dann für Menschen verwendet, die innerhalb eines Staates, der Kirche oder ähnlichen Einrichtungen nicht mit der offiziellen (politischen) Meinung übereinstimmten 5 . „Dissident“ wurde bis in die 90er Jahre besonders als Sammelbegriff für politische Oppositionelle in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten gebraucht, die von der Doktrin und Ideologie der kommunistischen Partei abwichen und demzufolge unter Repressionen litten.
In der Sowjetunion wurde der Begriff nach dem politischen „Tauwetter“ geprägt. Die Dissidentenbewegung zeichnete sich durch ihre Gewaltfreiheit, lose Strukturen und eine große ideologische Bandbreite aus. Ein zentrales Ziel der Bewegung war der Appell an die Öffentlichkeit 6 .
In den 70er Jahren wurde der Begriff Dissident immer mehr synonym mit dem ursprünglichen Begriff für eine abweichende Denkweise „inakomyslašþij“ (Andersdenkender) verwendet, der in Russland seit dem 19. Jahrhundert verwendet wurde 7 .
Man kann den Begriff Dissident erst ab etwa 1968 für eine Gruppe von Widerständlern verwenden. Zu dieser Zeit formierte sich ein organisierter Widerstand gegen das System. Nach dem Ende des Kommunismus wird der Begriff häufig im Kontext mit dem Internet verwendet. Als Internet-Dissidenten werden fast ausschließlich chinesische Bürger bezeichnet, die die Regierung über das Internet kritisieren.
2.2 Selbstbildnis und -verständnis von Larisa Bogoraz
Larisa Bogoraz wurde 1929 in Char’kov (Ukraine) als Tochter von Parteifunktionären jüdischer Abstammung geboren. Ihr Vater Iosif war in der staatlichen Planungskommission
2 Stephan, Anke, Von der Küche auf den roten Platz. Lebenswege sowjetischer Dissidentinnen, Zürich 2005, S.
22
3 vgl. ebenda, S 22
4 vgl. Wermke, Matthias (Hg.), Duden. Fremdwörterbuch, Mannheim 2001, S. 234
5 vgl. Stephan, Küche, S. 22
6 vgl. Stephan, Küche, S. 23
7 vgl. Stephan, Küche, S. 22 f.
3
und lehrte politische Ökonomie in den Universitäten in Char’kov und Kiew, während ihre Mutter Marija Geschichte in Char’kov unterrichtete 8 . 1936 wurde Iosif Bogoraz im Rahmen der „großen Tschistka“ (Säuberung) verhaftet, zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt und nachher verbannt. In ihren Jugendjahren war Larisa Bogoraz ihrer eigenen Aussage nach überzeugte Kommunistin. Erst in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg distanzierte sie sich nach und nach vom Regime. Sie nennt im Interview drei Wendepunkte für ihre Abkehr: „die Bekanntschaft mit ihrem späteren Ehemann Julij Dani¡l’ […], den Besuch bei ihrem Vater in der Verbannung […] und den Tod ihrer Mutter.“ 9 Durch die Bekanntschaft mit Dani¡l’ bekam sie eine andere Sicht auf den „Großen Vaterländischen Krieg“ und kam mit den Werken von verbotenen Autoren in Berührung. Der Besuch bei ihrem Vater Iosif zeigte ihr, dass die Verbannten keine „Volksfeinde“ 10 waren, sondern nur Andersdenkende. Der dritte Wendepunkt von Bogoraz war der Tod ihrer Mutter: Sie starb an einem Herzinfarkt nach dem Verlust ihrer Dozentinnenstelle wegen ihrer jüdischen Herkunft. Bogoraz zog zu Julij Dani¡l’ nach Moskau, heiratete und bekam einen Sohn mit ihm. Die Beziehung hielt bis 1964. Nach dem Ende der Beziehung trat Bogoraz eine Dozentinnenstelle in Novosibirsk an. Dani¡l’ reiste 1965 zu ihr um sie zurück zu gewinnen. Kaum angekommen wurde er verhaftet. Man warf ihm vor unter dem Pseudonym „Nikolaj Aržak“ Erzählungen im Westen veröffentlicht zu haben. In dieser Situation hielt Larisa Bogoraz trotz ihrer Trennung zu ihrem Mann und versuchte mit den sowjetischen Gesetzen für seine Unschuld zu argumentieren. Zum Gerichtsprozess gegen Dani¡l’ und den ebenfalls angeklagten Andrei Sinjavskij wurden nur Verwandte der angeklagten und Zeugen zugelassen, sodass Bogoraz und Marija Rozanova, Frau von Sinjavskij, den Verlauf des Prozesses aufschrieben 11 . Julij Dani¡l’ wurde zu fünf Jahren Haft in einer „Arbeits-Besserung-Kolonie strengen Regimes“ 12 verurteilt. Da die Angeklagten ihre Überzeugungen im Verlauf des Prozesses behalten hatten und es Solidarität sowohl im Inland als auch im Ausland gegeben hatte, wurde der Prozess von den Dissidenten sogar als Sieg gefeiert.
Bogoraz war nun eine treibende Kraft der Dissidentenbewegung. Sie besuchte ihren Mann im Lager und bekam so Kontakt zu anderen Häftlingen, die nach ihrer Entlassung von der Bewegung unterstützt wurden. Einer davon war Anatolij Marþenko, der 1974 ihr zweiter Ehemann werden sollte. 1968 protestierte Larisa Bogoraz auf dem Roten Platz in Moskau
8 vgl. Stephan, Küche, S 87 f.
9 ebenda, S. 153 f.
10 ebenda, S. 158
11 diese Mitschrift wurde später von Aleksandr Ginzburg als „Weißbuch in Sachen Sinjavskij- Dani¡l’“ im
Samizdat und Tamizdat herausgegeben
12 Stephan, Küche, S. 282
4
gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ und wurde zu vier Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt.
Nach der Verurteilung ihres Mannes Anatolij zu 10 Jahren Freiheitsentzug verbrachte sie ihrer aussage nach „Jahre im Nebel“ 13 und erledigte nur mechanisch ihren Alltag. Am 8. Dezember 1986 starb Anatolij Marþenko im Gefängnis von ýistopol, nachdem er einige Wochen vorher in Hungerstreik getreten war und die Entlassung aller politischen Gefangenen in der UdSSR gefordert hatte.
Nach dem Zusammenbruch des Regimes arbeitete Bogoraz bei der vom Andrei Sacharow gegründeten Menschenrechtsorganisation „Memorial“ 14 mit und gab in den 90er Jahren Seminare über Menschenrechte. Larisa Bogoraz starb im Jahr 2004.
Für Larisa Bogoraz bedeutete Dissident zu sein nicht nur anders zu denken, sondern auch anders zu handeln 15 . Es genügt ihr also nicht wenn man gedanklich Dissident ist, man muss es auch nach außen zeigen und dementsprechend handeln um die Situation zu verändern. Sie sah in der „Dissidenz ein Mittel der Selbstverwirklichung“ 16 , nachdem sie ihre Dozentinnentätigkeit aufgeben musste. Hier zeigt sich, dass Dissidenz häufig mit dem Ausschluss aus der Gesellschaft einherging.
In den Kreisen um Larisa Bogoraz gab es häufige Diskussionen, ob sie sich überhaupt als Dissidenten begriffen und was darunter zu verstehen sei 17 .
Dissidenz wurde von ihr allerdings nicht mit einem konkreten politischen Programm (wie bei Solschenizyn und Sacharow) verknüpft, sondern allein mit dem Ansatz etwas gegen die Willkür und Ungerechtigkeit des Staates zu unternehmen und die Situation zu verbessern.
Die Verhaftung wurde von Bogoraz als „“natürliche Entwicklungsstufe““ 18 angesehen und sie bereitete sich dementsprechend durch die Lektüre von Memoiren von Gefängnis- und Lagerhäftlingen auf ihre eigene Haft vor 19 .
Sie schilderte eine große Erschöpfung durch den Alltag, der sich zusammensetzte aus „Broterwerb, Haushalt, Kindererziehung und Dissidentenaktivitäten“ 20 , sodass die erste Zeit im Gefängnis für sie erholsam war und die Möglichkeit zum Ausschlafen barg.
13 Stephan, Küche, S.398
14 befasst sich mit historischer Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft, der Einhaltung der Menschenrechte
und der sozialen Fürsorge für die Überlebenden des sowjetischen Arbeitslagersystems (GULAG)
15 vgl. Stephan, Küche, S. 26
16 ebenda, S. 363
17 vgl. ebenda, S. 358
18 Stephan, Küche, S. 372
19 vgl. ebenda, S. 382
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Arbeit zitieren:
Fabian Hartl, 2009, Homogenität oder Heterogenität?, München, GRIN Verlag GmbH
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