Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis IV
Tabellenverzeichnis V
Abk ürzungsverzeichnis VI
1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung 1
1.2 Zielsetzung 2
1.3 Aufbau der Arbeit 2
2 Grundlagen 3
2.1 Der Begriff der Logistik 3
2.1.1 Definition des Logistikbegriffs 3
2.1.2 Entwicklung der Logistik in der Betriebswirtschaftslehre 4
2.1.3 Supply Chain Management 8
2.2 Risikomanagement 16
2.2.1 Risiko 16
2.2.2 Management 20
2.2.3 Risikomanagement 21
2.2.4 Risikobeziehungen im Risikomanagementprozess 24
2.2.4.1 Ursachenbezogene Abhängigkeiten zwischen Risiken 25
2.2.4.2 Wirkungsbezogene Abhängigkeiten zwischen Risiken 26
2.2.4.3 Integration der Risikobeziehungen 27
2.2.5 Strategiebedingter Risikovergleich 27
2.3 Supply Chain Risk Management 28
3 Netzwerksicht und -abbildung 33
3.1 Darstellung von Unternehmensnetzwerken 33
3.1.1 Das SCOR-Modell (Supply Chain Operation Reference Model) 33
3.1.2 Strategische Dimension des SCOR-Modells 39
3.2 Behandlung von Risiken 42
3.2.1 Risikoarten 42
3.2.1.1 Dimensionen der Risikoarten 42
3.2.1.2 Beschaffungsrisiken 43
3.2.1.3 Produktionsrisiken 44
3.2.1.4 Absatzrisiken 45
3.2.1.5 Netzwerkrisiken 46
3.2.1.6 Externe Risiken 47
3.2.1.7 Ausprägungsdimensionen Menge, Qualität, Kosten/Preis, Zeit/Fristen, Ort 48
3.2.2 Risikoidentifikation 50
3.2.3 Risikoanalyse /-bewertung /-rating 51
3.2.4 Risikoplanung und -steuerung 51
II
3.2.4.1 Aktive Risikostrategien 52
3.2.4.2 Passive Risikostrategien 54
3.2.5 Risikokontrolle und -dokumentation 54
4 Methoden des Supply Chain Risk Management (SCRM) 56
4.1. Methoden und Instrumente 56
4.1.1 SCOR-Modell 56
4.1.2 Risiko-Portfolio, Risk-Maps 57
4.1.3 Supply Chain Event Management 60
4.1.4 Risiko-Scanning 64
4.1.5 Risiko-Scoring-Verfahren 68
4.2 Einordnung der Methoden in das SCRM 71
5 Modell zur Steuerung von Risiken im Supply Chain Management mittels BSC 77
5.1 Voraussetzungen 77
5.2 Beschreibung des Modells 78
5.2.1 Balanced Scorecards zur Steuerung von Risiken im Unternehmen 78
5.2.2 Entwicklung einer Supply-Chain-Perspektive für BSC 80
5.2.3 Analyse der Supply Chain - Erkennen von Risikokonstellationen 84
5.2.4 Risikomanagementmodul im SCRM 88
5.2.5 Rückkopplung der Informationen in die BSC 90
5.3 Beispiel 92
6 Fazit 98
Literaturverzeichnis 101
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Entwicklungsstufen der Logistik
Abbildung 2: Prozesskettenmodell
Abbildung 3: Der bullwhip effect
Abbildung 4: Supply Chain Management als Managementkonzept
Abbildung 5: unternehmensübergreifender Charakter des SCM
Abbildung 6: Risikomanagementprozess
Abbildung 7: SCOR-Modell
Abbildung 8: Zwei Dimensionen des SCOR-Modells
Abbildung 9: SCOR Modell mit strategischer Erweiterung
Abbildung 10: Anwendung erweitertes SCOR-Modell
Abbildung 11: Matrix Risikoarten/Risikodimensionen
Abbildung 12: Risikomatrix mit strategischen Ebenen
Abbildung 13: Risikosteuerungsmaßnahmen
Abbildung 14: Beispiel einer Risk Map
Abbildung 15: Grafische Darstellung einer Risk-Map
Abbildung 16: Bestandteile und Kernaufgaben des Supply Chain Event Management
Abbildung 17: Risko-Scanning-Prozess
Abbildung 18: Formel zur Trendberechnung
Abbildung 19: Trendanalyse mittels Zeitreihen- und Portfoliodarstellung
Abbildung 20: Phasen der FMEA
Abbildung 21: Ishikawa-Diagramm
Abbildung 22: Informationsnetzwerk im SCRM
Abbildung 23: Entwicklung der Supply Chain Risiko-Perspektive
Abbildung 24: Supply Chain Risikomanagement Modell
Abbildung 25: ausgewählte Methoden in der Supply Chain
IV
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Risikoklassifikationen 19
Tabelle 2: Ausprägungen des RMS 23
Tabelle 3: Risikoarten 43
Tabelle 4: Beispiel einer FMEA 94
Tabelle 5: Beispiel: Risk-Map für das Management bzw. den Supply Chain-Rat 97
V
Abkürzungsverzeichnis
3PL
4PL APS Advanced Planning and Scheduling BPR Business Process Reengineering BSC Balanced Scorecard CM Controller Magazin (Zeitschrift) CPFR Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment CRS
Customer Relationship Systems
CVA Cash Value Added EAI Enterprise Application Integration ECR Efficient Consumer Response EDI Electronic Data Interchange ERP Enterprise Ressource Planning FMEA Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse ISO Interational Organization für Standardization JIS Just in Sequence JIT Just in Time krp Kostenrechnungspraxis (Zeitschrift) OEM Original Equipment Manufacturer QR Quick Response RFID Radio Frequency Identification RM Risikomanagement RPZ Risikoprioritätszahl SC Supply Chain SCC Supply Chain Council SCEM Supply Chain Event Management SCM Supply Chain Management SCOR Supply Chain Operation Reference (Model) SCRM Supply Chain Risikomanagement Sp. Spalte T&T Tracking and Tracing VICS Voluntary Industry Commerce Standard Association XML Extensible Markup Language WiSt Wissenschaftliches Studium (Zeitschrift) WISU Das Wirtschaftsstudium (Zeitschrift)
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Unternehmen werden heutzutage weltweit mit verschärften Wettbewerbsbedingungen und gestiegenen Marktanforderungen konfrontiert. Diese Entwicklung zeigt sich einerseits in den steigenden Erwartungen der Kunden hinsichtlich hoher Qualität und niedrigem Preis der Produkte und Dienstleistungen; außerdem fordern die Kunden eine immer höhere Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit bei der Auftragsbearbeitung sowie die Befriedigung individueller Wünsche. Auf der anderen Seite entwickeln sich Rahmenbedingungen wie die Produktlebenszyklen, die Produktnachfrage sowie die Wettbewerbssituation in einer bisher nicht gekannten Dynamik. 1 Eine ausschließliche Optimierung der eigenen Unternehmensprozesse erweist sich in diesem Zusammenhang als nicht mehr ausreichend. Um auf den globalisierten Märkten langfristig erfolgreich agieren zu können, ist daher eine unternehmensübergreifende Ausrichtung der Versorgungskette notwendig. 2
Technologien wie das Internet beschleunigen diesen Trend, indem sie die notwendigen Voraussetzungen zum Datenaustausch der Unternehmen zur Verfügung stellen. Desgleichen ermöglichen sie dem Verbraucher kundenseitig den weltweiten Zugang zu Informationen über die zu erstehenden Produkte und Dienstleistungen. In den vergangenen Jahren rückte daher das Management von Supply Chains (SC) immer weiter in den Fokus sowohl der Unternehmen als auch der betriebswirtschaftlichen Literatur. 3 Die Implementierung der Systeme und die Effizienz ihres Design stellen hierbei das Erfolgsgeheimnis der Wertschöpfungsketten dar. 4 Die Konkurrenz zwischen den Unternehmen entwickelt sich immer mehr zu einem Wettstreit unter den Wertschöpfungsketten um Marktanteile. Trotz dieser Erkenntnisse und der Vorteile einer unternehmensübergreifenden Markttätigkeit werden in der Praxis nur zögerlich derartige Projekte in Angriff genommen. Diese Zurückhaltung ist unter anderem auf die noch immer fehlenden Instrumente und Methoden zur unternehmensübergreifenden Koordination zurückzuführen. 5
Insbesondere die Internationalisierung 6 der Supply Chains durch die Zusammenarbeit von Unternehmen verschiedener Wirtschafts- und Kulturkreise erhöht die Komplexität der Unternehmensverbünde. Weitere Effizienzsteigerungen sind nur durch eine höhere Integration der Versorgungskette zu erreichen. 7 Eine weitgreifende Sensibilisierung auf Störungen der Wertschöpfungskette ist infolgedessen zu beobachten. Ein übergeordnetes Supply Chain
1 Vgl. Baumgarten, H. (2001), S. 9.
2 Vgl. Krüger, R.; Steven, M. (2000), S. 501.
3 Vgl. Weber, J.; Bacher, A.; Groll, M. (2002), S. 133.
4 Vgl. Leeman, J. A. (2006), S. 25.
5 Vgl. Zimmermann, K.; von Flotow, P.; Seuring, S. (2003), S. 555.
6 Die fortschreitende Internationalisierung ist neben der Ausnutzung komparativer Kostenvorteile auch auf weltweite Deregulierungsbestrebungen der Regierungen zurückzuführen. Vgl. Baumgarten, H. (2001), S. 17.
7 Vgl. Baumgarten, H. (2001), S. 17 ff.
1
Riskmanagement (SCRM) sollte demnach Handlungsalternativen bereitstellen, mit denen bereits präventiv den Risiken in Versorgungsketten begegnet werden kann. Neben der Darstellung und Bewertung von Supply Chain-Risiken muss ein effektives Controlling zur Steuerung der Netzwerkrisiken entwickelt werden.
1.2 Zielsetzung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Entwicklung eines Modells zur Steuerung von Risiken im Supply Chain Management, welches die bestehenden Probleme des Risikomanagement (RM) in Supply Chains auch unter der Berücksichtigung länder- und kulturkreisübergreifender Her-ausforderungen aufgreift und Lösungen anbietet. Ausgehend von der traditionellen Balanced Scorecard (BSC) sollen Risiken in Versorgungsketten überwacht und gesteuert werden. Dazu werden anerkannte Methoden des Risikomanagement und des Qualitätsmanagement ausgewählt und an die Anforderungen des Supply Chain Management angepasst. Darüber hinaus wird ein System auf der Grundlage eines netzwerkabbildenden Modells entwickelt, um die beteiligten Unternehmen hinsichtlich einer einheitlichen Prozessdarstellung und der Möglichkeit eines uneingeschränkten Datenaustausches miteinander zu vernetzen. Die Definition einheitlicher Kennzahlen und Datenformate sowie die Konzeption digitaler Schnittstellen tragen zur Gewährleistung eines vollständigen Datenaustausches und vergleichbarer Analysen bei.
1.3 Aufbau der Arbeit
Um ein umfassendes Basiswissen dieser komplexen Thematik zu schaffen und deren Einstieg zu erleichtern, widmet sich das folgende zweite Kapitel der Definition der Grundlagen. Im dritten Kapitel wird im ersten Abschnitt ein Modell zur Abbildung von Wertschöpfungsketten vorgestellt, welches eine einheitliche Definition der Prozesse und Kennzahlen im Unternehmens-verbund sicherstellen soll. Der zweite Abschnitt des dritten Kapitels befasst sich mit allgemeinen Definitionen von Risiken und deren systematischer Einordnung sowie der Darstellung des Risikomanagementprozesses. Inhalt des vierten Kapitels ist die Beschreibung von Methoden des Risiko- und Qualitätsmanagement sowie ihre Anpassung und Einordnung in das Supply Chain Riskmanagement. Insbesondere wird hier auf die gegenseitige Interaktion der Methoden eingegangen und deren Auswahl unterstrichen. Die Herleitung des Gesamtmodells aus seinen Einzelmodellen wird im fünften Kapitel umfassend dargestellt. Ein praxisnahes Beispiel rundet die Darstellung des Modells ab. Das letzte Kapitel gibt einen Ausblick auf noch zu klärende Fragestellungen, wobei insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit dem Aufbau des Modells diskutiert wird.
2 Grundlagen
Das Kapitel Grundlagen dient der Einführung und Erläuterung der grundlegenden Begriffe dieser Arbeit. Ziel ist es, ein einheitliches Verständnis der in der Literatur häufig mannigfaltig interpretierten Sachverhalte für diese Arbeit zu schaffen.
2.1 Der Begriff der Logistik
Im ersten Abschnitt des Grundlagenkapitels wird der Begriff der Logistik und der hiermit ver-wandten Ausdrücke erläutert. Zu beachten ist, dass dieser Arbeit das deutsche ganzheitliche Verständnis des Begriffs Logistik zu Grunde liegt; somit ordnet sich das Supply Chain Management dem Oberbegriff der Logistik unter. 8
2.1.1 Definition des Logistikbegriffs
Der Begriff der Logistik ist dem griechischen entlehnt und bezeichnet die Kunst des Rechnens 9 , wohingegen der lateinische Ausdruck ars logica als die Kunst des Überlegens 10 übersetzt wird. Die enge etymologische Verwandtschaft zum Begriff der „Logik“ tritt hier zutage. 11 Betrachtet man nun den lateinischen Begriff und seine Anwendung zur Blütezeit des römischen Reiches, bestimmte das Substantiv logitas die Truppenverpflegung bzw. deren Ausrüstung sowie die Marschplanung. 12 Der Begriff der Logistik fand demnach seinen Ursprung im militärischen Bereich. 13 Dies kann auch anhand des französischen Hauptwortes logistique belegt werden, welches das Nachschub-, Transport- und Verpflegungswesen bezeichnet. 14 Das französische Verb loger ist als hineinbringen bzw. einquartieren zu übersetzen, wodurch nochmals die Nähe zur militärischen Diktion hervorgehoben wird. 15 Die erste Definition des Begriffs Logistik stammt von Kaiser Leontos VI:
„Sache der Logistik ist es, das Heer zu besolden, sachgemäß zu bewaffnen und zu gliedern, es mit Geschütz und Kriegsgerät auszustatten, rechtzeitig und hinlänglich für seine Bedürfnisse zu sorgen und jeden Akt des Feldzuges entsprechend vorzubereiten, das heißt, Raum und Zeit zu berechnen, das Gelände in Bezug auf Heeresbewegungen, sowie des Gegners Widerstandskraft
8 Siehe dazu die Ausführungen der folgenden Abschnitte.
9 Vgl. Arnauld, A.; Nicole, P. (1994), S. 9.
10 So übernahm Cicero die Lehre der Logik des Aristoteles als ars logica ins Lateinische. Vgl. Cicero, T. C. (106-43 v.Ch.), S. 27 ff.
11 Vgl. Vermast, T. (1995), S. 1 ff.
12 Vgl. Krämer, M. (1992), S. 3.
13 Vgl. von Briel, K. (2005), S. 4.; Eberle, A. (2005), S. 55 f.; Schulte, C. (1999), S. 23 ff.
14 Vgl. Krämer, M. (1992), S. 3.
15 Vgl. von Briel, K. (2005), S. 5.
richtig zu schätzen und diesen Funktionen gemäß die Bewegung und Verteilung der eigenen Streitkräfte zu regeln und anzuordnen, mit einem Wort zu disponieren.“ 16
Ersetzt man in der Definition des Kaisers Leontos VI. die militärischen Ausdrücke mit Begriffen der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, so wird ersichtlich, wie fortschrittlich die logistische Definition des Herrschers im neunten Jahrhundert war. Die moderne Forschung interpretiert die Logistik ganzheitlich und umfassend. Dies führt zu diversen Definitionen des Begriffs Logistik. Bislang fehlt es an einem wissenschaftlichen Konsens über die Interpretation des Begriffs der Logistik. 17 So definiert BAUMGARTEN Logistik als
„die ganzheitliche Planung, Steuerung, Durchführung und Kontrolle aller unternehmensinternen und - übergreifenden Güter- und Informationsflüsse. Die Logistik stellt für Gesamt- und Teilsysteme in Unternehmen, Konzernen, Netzwerken und virtuellen Unternehmen prozess- und kun-denorientierte Lösungen bereit.“ 18
Dieses Verständnis von Logistik befasst sich dementsprechend vorrangig mit der Entwicklung, Anwendung und Optimierung von Methoden und Werkzeugen zur Koordination von Waren und Informationsflüssen. 19 Das Council of Supply Chain Management Professionals definiert Logistik weniger als Managementüberzeugung, sondern vielmehr als einen “Prozess der Planung, Realisierung und Kontrolle des effizienten und kosteneffizienten Fließens und Lagerns […] und der damit zusammenhängenden Informationen vom Liefer- zum Empfangspunkt entsprechend der Anforderungen des Kunden”. 20
2.1.2 Entwicklung der Logistik in der Betriebswirtschaftslehre
Die Logistik ist eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. 21 Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Begriff, der im militärischen Zusammenhang bereits im römischen Reich Anwendung fand, 22 in Folge der Sensibilisierung der Unternehmer für heute sog. logistische Probleme im täglichen Geschäft eines Unternehmens sowohl in der betriebswirtschaftlichen Wissenschaft als auch in der unternehmerischen Praxis eingeführt. 23 Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass ökonomisch motivierte logistische Problemstellungen so alt sind wie der Handel zwischen Menschen. 24 Doch erst in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts fin-
16 Kortschak,B. (1990), S. 13.
17 Vgl. Weber, J. (1999), S. 878.
18 Baumgarten, H. (2000), S. 13 f.
19 Vgl. Eberle, A. (2005), S. 55 ff.
20 CSCMP (2007).
21 Vgl. Klaas, T. (2002), S. 7.
22 Siehe Kapitel 2.1.1.
23 Vgl. Klaas, T. (2002), S. 7; Ballou, R. (1999), S. 3; Browersox, D.; Closs, D.; Helferich, O. (1986), S. 3 ff; Heskett, J. L.; Robert, I.; Glaskowsky, N. A. (1964), S. 5.
24 Vgl. Poist, R. (1986), S. 55.
den sich in den Vereinigten Staaten die ersten Ansätze einer systematisch und ökonomisch motivierten Auseinandersetzung mit (dem Begriff) der Logistik. 25
Das Forschungsgebiet der Logistik umfasste ursprünglich ausschließlich die Beschreibung des Distributionsprozesses von Handelsunternehmen. Die logistischen Untersuchungen reduzierten sich daher auf die Lösung unternehmensinterner, operativer Transport-, Lager- und Um-schlagsvorgänge. Folglich wurde die Logistik als wenig bedeutsam für die Wertschöpfung gesehen und vernachlässigt. 26 Im Laufe der Zeit verlagerte sich jedoch der Fokus der logistischen Forschung hin zu aufgabenbezogenen Gestaltungsaspekten. Hierfür war allerdings eine institutionelle Aufwertung der logistischen Aufgaben erforderlich. 27 Dieser Wandel fand in den 80er-Jahren statt; infolgedessen wurde die Logistik mehr und mehr als Querschnittsfunktion betrachtet. 28 Die Idee der logistischen Kette, die der Querschnittsfunktion sinngemäß zugrunde liegt, stammt hingegen bereits aus den 70er-Jahren. So erkannte HALDIMANN 1975, dass nur ein integrierter Logistikansatz die Potenziale der Wertschöpfung in einem Unternehmen voll ausschöpfen kann. 29 Als Ergebnis entwickelte sich die Logistik zu einem Managementkonzept, das sich nicht mehr als reine Dienstleistung auf die Steuerung, Abwicklung und Überwachung von Material- und Informationsflüssen beschränkte, sondern sich als prozessorientierte Koordination von Wertschöpfungsalternativen darstellte. 30 Dieser Entwicklung von einem statischen Planungs- und Steuerungsinstrument hin zu einem Instrument der strategischen Unternehmensführung im Sinne des Value Management 31 ging die Erkenntnis voraus, dass der Logistik eine signifikante Bedeutung für den Unternehmenserfolg als umfassendes Konzept zur Integration der klassischen Unternehmensfunktionen 32 zugestanden werden muss. 33 Als Logistikbereiche entlang der Wertschöpfungskette definiert PFOHL 34 : die Vorlauflogistik 35 , die Beschaffungslogistik 36 , die Produktionslogistik 37 , die Distributionslogistik 38 und die Nachlauflogistik 39 . Solch ein Logistiksystem lässt sich als Netzwerk darstellen, in dem Knotenpunkte durch Kanten verbunden sind, um Logistikobjekte vom Punkt der Objektbereitstellung (Quelle) zum Empfangspunkt (Senke) bewegen zu können. 40
25 Vgl. Engelsleben, T.; Niebuer, A. (1997) S. 7.
26 Vgl. Eberle, A. (2005), S. 55.
27 Vgl. Eversheim, W. (1996), S. 126 ff.
28 Vgl. Vermast, T. (1995), S. 13.
29 Vgl. Haldimann, H.R. (1975), S. 19 f.
30 Vgl. Eberle, A. (2005), S. 55 f.
31 Vgl. Weber, J.; Kummer, S. (1998), S. 6 ff.
32 Beschaffung, Produktion und Distribution.
33 Vgl. Eberle, A. (2005), S. 56; Vermast, T. (1995), S. 13.
34 Pfohl, H.-C. (1996), S. 15 ff.
35 Durch die Einbeziehung von Konzepten wie Simultanous Engineering erschließt die Logistik nun auch vorgelagerte Bereiche wie die Entwicklung.
36 Strategische und operative Beschaffung. Logistiksystem der ersten Phase.
37 Planung und Steuerung der Produktion.
38 Ursprüngliche Aufgabe der Logistik (Verteilen von Gütern).
39 Auch Ersatzteillogistik und Entsorgungslogistik.
40 Vgl. Pfohl, H.-C. (1996), S. 26 f.
Grundlegend für diese Logistikdefinition ist der Rückgriff auf die Systemtheorie. Ein System besteht aus einer definierten Menge an Elementen und ihren Relationen zueinander. Es wird durch Grenzen von seiner Umwelt abgetrennt und kann über die Definition der Elemente und seiner Beziehungen beschrieben werden. Das System kann mit seiner Umwelt interagieren. Es ist bei der Betrachtung von Problemstellungen möglich, das System zur Verringerung der Darstellungskomplexität geschickt von seiner Umwelt abzutrennen und mit definierten In- und Outputs mit dem betrachteten System zu verbinden. Das betrachtete System kann dabei ein Teilsystem eines Systems auf einer höheren Ebene (eines Supersystems) sein, und wiederum eigene Teilsysteme enthalten. Um zu einer hinreichenden Detailgenauigkeit zur Behandlung der gegebenen Problemstellung zu gelangen, kann eine beliebige (De-) und Komposition von Elementen oder ganzen Systemen erfolgen. Die Struktur eines Systems lässt sich nach einer Ablaufstruktur, die Aufschluss über die Reihenfolge gibt und einer Aufbaustruktur, die die or-ganisatorischen Zusammenhänge der Elemente beschreibt, unterscheiden. 42
Die Komplexität stellt die größte Herausforderung des Systemanalytikers und damit auch des Logistikers dar. Eine steigende Komplexität erschwert die Koordination der Systemelemente und damit die Steuerung des Systems hinsichtlich des Systemziels. Als Maßzahl für die Komplexität wird die strukturelle Komplexität verwendet. Diese errechnet sich durch Division der Anzahl der Relationen durch die Anzahl der Elemente; letztere wird auch als Maßzahl der mengenmäßigen Komplexität gebraucht. Als Beispiel eines Systems kann eine Supply Chain betrachtet werden. Hierbei symbolisieren die Elemente die an der Supply Chain beteiligten Unternehmen und die Relationen die Waren-, Geld- und Informationsströme. Das System der Supply Chain steht durch In- und Outputs mit seiner Umwelt, beispielsweise anderen Wertschöpfungsketten oder gesetzlichen Bestimmungen in Interaktion. Die bisher betrachteten
41 Eigene Darstellung in Anlehnung an Göpfert, I. (2000), S. 21.
42 Vgl. Krallmann, H.; Frank, H.; Gronau, N. (2002), S. 24 ff; Bergener, F. (2006), S. 76 f.
Komplexitätsmaßzahlen sind jedoch rein statischer Natur und werden damit der Tatsache nicht gerecht, dass Wirtschaftssysteme dynamischen Veränderungen unterliegen. Erst durch die Berücksichtigung der dynamischen Komponente, die eine starke Abhängigkeit zur jeweiligen Branche aufweist, kann die Gesamtkomplexität des Systems richtig eingeschätzt werden. 43
Die Anwendung der Systemtheorie in der Logistik erhöht durch die strukturierte Darstellung und Analyse der Prozesse die Transparenz der Systeme und trägt zu einer Komplexitätsreduzierung bei. Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelte BAUMGARTEN ein Prozesskettenmodell für die Logistik. 45 Es bildet alle Phasen eines Produktes im Unternehmen von der Entwicklung bis zur Entsorgung ab und stellt dabei den prozessübergreifenden Charakter der Logistik in nachvollziehbarer Weise dar. Die ganzheitliche, systemische und integrative Betrachtungsweise der Logistik prädestiniert zum Management von Versorgungsketten. Die Einführung neuer Transaktionssysteme, wie Enterprise Ressource Planning (ERP) haben erhebliche Verbesserungen des internen betrieblichen Informationswesens bewirkt. Das Supply Chain Management 46 fordert darüber hinaus integrierte Planungsprozesse entlang der logistischen Kette. Systeme wie das Advanced Planning and Scheduling (ASP) sind in der Lage, diese Bedingungen zu erfüllen. Der Datenaustausch zwischen den Unternehmen wird in diesen Systemen mit dem EDI-Standard (Electronic Data Interchange) sichergestellt. 47 Auf diese Entwicklungen soll im folgenden Kapitel näher eingegangen werden.
43 Vgl. Krallmann, H.; Frank, H.; Gronau, N. (2002), S. 28 f; Bergener, F. (2006), S. 77. 44 Eigene Darstellung in Anlehnung an Baumgarten, H. (2001), S. 14.
45 Siehe Abbildung 2.
46 Siehe Kapitel 2.1.3.
47 Vgl. Bergener, F. (2006), S. 79 f; Baumgarten, H. (2001), S. 11 ff; Straube, F. (2001), S. 184 ff.
2.1.3 Supply Chain Management
Die jüngste Form von unternehmerischen Kooperationsformen, die Supply Chain, bildet die Grundlage für das Supply Chain Management (SCM). Die enge Zusammenarbeit der beteiligten Unternehmen bezüglich der gemeinsamen Organisation der Güter-, Leistungs-, Informations-und Finanzströme entlang der gesamten Wertschöpfungskette kann als das wesentliche Merkmal dieser Kooperationsform bezeichnet werden. 48 Hierbei fällt bei der Leistungserstellung jedem beteiligten Unternehmen ein bestimmter Teilbereich zu, der mit der Kernkompetenz des Unternehmens übereinstimmen sollte. Im Gegensatz zu den anderen Kooperations-formen findet im SCM die Planung, Steuerung, Kontrolle und Organisation der gesamten Wertschöpfungskette vom Rohstofflieferanten bis zum Kunden bereichsübergreifend statt. 49 Supply Chains erstrecken sich oftmals über nationale und kulturelle Grenzen. Somit hat die Berücksichtigung von kulturellen Besonderheiten eine Erhöhung der Komplexität zur Folge. Auch längere Transportwege und damit steigende Reaktionszeiten müssen im SCM Beachtung finden. 50
Das organisatorische Gebilde der Supply Chain tritt nach außen als eine in sich „geschlossene Wettbewerbseinheit“ 51 auf, die über den Wettbewerb unter den einzelnen Unternehmen somit zusätzlich im Wettbewerb zu anderen Wertschöpfungsketten steht. Weitere Besonderheiten bestehen darin, dass im Gegensatz zu anderen Kooperationsformen, bei denen der Zusammenschluss auf Freiwilligkeit beruht, Unternehmen in einer Wertschöpfungspartnerschaft zwangsläufig Mitglied einer Supply Chain werden. Eine SC ist im Gegensatz zu den nachfolgend vorzustellenden Kooperationsformen von einer hohen Dynamik geprägt. Sowohl die Dauer der Zusammenarbeit als auch die Anzahl der Teilnehmer ist nicht fix, sondern Schwankungen im Zeitablauf unterworfen. Grundsätzlich ist die Existenz einer Supply Chain jedoch unbegrenzt und muss nicht an ein Produkt gebunden sein. Darüber hinaus besteht gerade bei stark diversifizierten Unternehmen die Möglichkeit, in mehreren auch konkurrierenden SCs tätig zu sein. 52 Die daraus erwachsenden Probleme werden in dieser Arbeit ausführlich besprochen.
Eine Abgrenzung zu anderen zwischenbetrieblichen Kooperationsformen soll die Eigenschaften von Supply Chains herausbilden. Die wichtigsten Vertreter unternehmerischer Kooperations-formen, die in den letzten Jahrzehnten sowohl in der Theorie als auch in der Praxis stark an Bedeutung gewonnen haben, stellen hierbei Allianzen (in der Literatur auch als strategische Allianzen bezeichnet) und Netzwerke dar. Beide Gattungen sollen kurz erläutert werden.
Allianzen zeichnen sich durch enge und langfristige Vereinbarungen zwischen zwei oder mehreren wirtschaftlich selbstständigen Unternehmen aus. Die Zielsetzung der Kooperation be- 48 Vgl.Sydow, J. (2002), S. 64.
49 Vgl. Höfer, S. (1997), S. 29. Weitere Kooperationsformen siehe unten.
50 Vgl. Baumgarten, H. (2004), S. 51; Wannenwetsch (2005), S. 2.
51 Höfer, S. (1997), S. 39.
52 Vgl. Hieronimus, M. (2006), S. 57 f.
steht darin, Ressourcen, Wissen und Know-How untereinander zu teilen, zu nutzen und zu vermehren, um die Wettbewerbsposition jedes einzelnen Partners zu verbessern. 53
Auch Netzwerke sind eine Organisationsform, die auf die Realisierung von Wettbewerbsvorteilen ausgelegt ist, übertreffen die Allianz jedoch in der Komplexität. Die Beziehungen in einem Netzwerk sind eher von kooperativer denn von kompetitiver Natur und stabiler als bei Allianzen. 54
Nachdem die Eigenschaften von Supply Chains auch im Vergleich zu anderen Unternehmenskooperationen dargestellt wurden, soll im folgenden Abschnitt das Augenmerk auf das Supply Chain Management gerichtet werden. Die Notwendigkeit des SCM resultiert aus den gravierenden Änderungen der Rahmenbedingungen in der Logistik. Besonders abzustellen ist auf die Entwicklung der Logistik von einer hauptsächlich unternehmensinternen Lager- und Trans-portoptimierung in den 60er-Jahren bis hin zu einer eigenen Disziplin in Wissenschaft und Wirtschaft, die eine Grundlage für eine integrierte und unternehmensübergreifende Denkweise bereitstellt. 55
Die Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit erfordert nunmehr die Optimierung sowohl der internen als auch der externen Prozessketten sowie ihrer Schnittstellen. Nur so kann gewährleistet werden, auch auf dynamischen Käufermärkten mit einem Höchstmaß an Schnelligkeit und Flexibilität reagieren zu können. 56 Hierzu bedarf es nicht einer Optimierung einzelner Aufgaben, sondern einer ganzheitlichen Betrachtung der gesamten Kette mit den Schnittstellen vom Lieferanten bis zum Kunden. Im Mittelpunkt des SCM steht also die ganzheitliche Prozessoptimierung. 57 Diese kann als Ergebnis des prozessübergreifenden Charakters der Logistik aufgefasst werden. 58 Die Betrachtung und Optimierung der einzelnen Geschäftsprozesse unabhängig voneinander gingen dieser letzten Erkenntnis voraus. In einem nächsten Schritt wurden die unternehmensinternen Tätigkeiten als Abfolge ineinandergreifender Prozesse begriffen. Diese Überlegungen forcierten die Integration. Doch erst die logistische Interpretation der übergreifenden Prozessketten, insbesondere durch die Analyse des bullwhip effect und der Erarbeitung einer Lösung, führte zu der prozesskettenübergreifenden Analyse der Wertschöpfungskette. 59
Der bullwhip effect (Peitschenschlag-Effekt) beschreibt die dynamische Anpassung der Prognose an die Entwicklung der Nachfrage bei mehrstufigen logistischen Ketten, z.B. Einzelhändler, Großhändler, Produzent. Trotz der nur geringen Variabilität der Nachfrage der Kunden beim Händler, steigt die Nachfrage beim Großhändler bereits deutlich stärker; verfolgt man die Supply Chain weiter stromaufwärts, so sieht man sich immer größeren Schwankungen ausge- 53 Vgl.Hieronimus, M. (2006), S. 51.
54 Vgl. Sydow, J. (2002), S. 79 ff.
55 Näheres dazu siehe Kapitel 2.1.1. und 2.1.2.
56 Deutsch: Wertschöpfungsketten, Logistikketten, Versorgungsketten oder Lieferketten; siehe auch Warschburger, V.; Kirchmann, E. (2002), S. 244.
57 Vgl. Wannenwetsch, H.; Nicolai, S. (2002), S. 3.
58 Siehe dazu auch Kapitel 2.1.2.
59 Vgl. Nenninger, M.; Hillek, T. (2000), S. 3 ff; Wannenwetsch, H.; Nicolai, S. (2002), S. 4.
setzt. Diese ansteigende Variabilität mit jeder Stufe der Wertschöpfungskette ist zurückzuführen auf dynamische Veränderungen des Sicherheitsbestandes, die sich dann im nächsten Schritt wieder auf die Bestellmenge des jeweiligen Lieferanten auswirken. Aufgrund der Unkenntnis der vorgelagerten Wertschöpfungsstufen über das Nachfrageverhalten der Konsumenten müssen Prognosen erstellt werden. Diese fallen unweigerlich nicht zufriedenstellend aus, da sie auf Fehlinterpretationen beruhen, indem die Bestellmenge der vorgelagerten Stufe als tatsächliche Nachfrage der Konsumenten interpretiert wird. In der Abbildung 3 sind die aufschwingenden Nachfragemengen gut erkennbar. 60
Efficient Consumer Response (ECR) und für die Textilindustrie Quick Response (QR), welches besondere Schwierigkeiten wie schnell wechselnde Modetrends oder Großwetterlagen zu berücksichtigen hat, können als erste Ansätze zur Vermeidung des Bullwhip-Effects bewertet werden. Charakteristisch für beide Methoden ist die enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel sowie die Schaffung von Schnelligkeits- und Flexibilitätsvorteilen in der Produktion, um schneller auf Marktentwicklungen reagieren zu können. Die besseren Prognosen beruhen auf einem vollständigen Datenaustausch unter den Partnern der SC. Voraussetzung hierfür ist die Bereitstellung von Barcodes und Scannerkassen bzw. RFID (Radio Frequency Identification) am Verkaufspunkt (point-of-sale) und die datentechnische Verbindung der Unternehmen mittels EDI (Electronic Data Interchange). 62 ECR und QR sind somit als Vorreiter des SCM anzusehen.
Auch wenn sich die Ursachen der Entwicklung des Supply Chain Management ähneln, führt der Versuch, eine Definition aus der Literatur herzuleiten, zu einem Konflikt. In der deutschen Literatur ist das SCM ein Teil der Logistik und dient hier dem Management von unternehmens-oder systemübergreifenden Prozessen. 63 Dieser Betrachtungsweise, die dem SCM eine höhere
60 Vgl. Keller, S. (2004), S. 21 ff; Göpfert, I. (2002), S. 32 ff; Krüger, R.; Steven, M.; Tengler, S. (2005), S. 345.
61 Eigene Darstellung.
62 Vgl. Toporowski, W.; Herrmann, B. (2003), S. 119 f; Gudehus, T. (1999), S. 368.
63 Vgl. Krüger, R.; Steven, M. (2000), S. 503.
Form der Logistik zugesteht, soll in dieser Arbeit gefolgt werden. Mittelpunkt der Betrachtung sind hierbei auf die Optimierung der logistischen Prozesse und sämtliche in einer SC auftretenden Flüsse von Waren, Dienstleistungen und Informationen. Es wird davon ausgegangen, dass die unternehmensinternen Potenziale einer logistischen Optimierung weitgehend ausgeschöpft sind und eine weitere Leistungssteigerung nur durch die logistische Integration von Unternehmen in eine SC und die damit verbundene unternehmensübergreifende Optimierung der logistischen Prozesse erzielt werden kann. 64
Demgegenüber steht die vorherrschende Definition der angelsächsischen Länder, die dem Supply Chain Management die übergeordnete Rolle zugesteht; die Logistik hat sich unterzu-ordnen. 66 Diese Ansicht orientiert sich am betriebswirtschaftlichen Teilbereich des Managements und stellt somit die Organisationsform der Supply Chain in den Vordergrund der Überlegung. SCM wird demnach als unternehmensübergreifendes Management von Geschäftsprozessen und als Beziehungsmanagement in Wertschöpfungspartnerschaften begriffen. 67
Folgt man der übergeordneten Rolle der Logistik, so ist unter einer Supply Chain eine Lieferkette, Versorgungskette bzw. ein unternehmensübergreifendes Wertschöpfungsnetzwerk zu verstehen, welches mindestens drei in einer ökonomischen Beziehung zueinander stehenden Unternehmen umfasst. 68 Diese Kooperation zeichnet sich durch eine gemeinsame am Kunden orientierte Zielsetzung aus, der jeder Partner seine unternehmensspezifischen Kernkompetenzen zur Verfügung stellt. 69 Grundgedanke dieses Konstrukts ist die Erkenntnis, dass keine Unternehmung mehr autark in der Lage ist, die Produktion von marktgerechten Gütern zu gewährleisten. Das Unternehmen versteht sich im Gegensatz zur klassischen Betriebswirtschaftslehre als `Teil des Ganzen´ und betrachtet folglich seine Leistung nicht mehr isoliert. Eine
64 Vgl. Göpfert, I. (2002), S. 32; Westhaus, M.; von Ossietzky, C.; Seuring, S. (2007), S. 7. 65 Eigene Darstellung in Anlehnung an Krüger, R.; Steven, M. (2000), S. 504.
66 Vgl. Krüger, R.; Steven, M. (2000), S. 504.
67 Vgl. Marbacher, A. (2001), S. 19 ff.
68 Vgl. Busch, A.; Dangelmaier, W. (2002), S. 4 f.
69 Vgl. Hieronimus, M. S. (2006), S. 47.
Supply Chain umfasst somit alle beteiligten Unternehmungen entlang einer Wertschöpfungskette vom Rohstofflieferanten bis zum Kunden einschließlich der Entsorgung. 70
Im Fokus des SCM stehen daher die unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsprozesse und Schnittstellen; eine Vernachlässigung der unternehmensinternen Prozesse darf damit jedoch nicht einhergehen. 72 In einer Supply Chain sind verschiedene Organisationen sowohl aufwärts (zum Konsumenten gerichtet) als auch abwärts (lieferantenseitig) durch wechselseitige Verbindungen miteinander verknüpft, über die Güter, Dienstleistungen, Informationen und finanzielle Mittel ausgetauscht werden. Sämtliche beteiligten Unternehmen können als Co-Hersteller bezeichnet werden; sie beziehen zwar selbst über das Netzwerk Leistungen und Güter, treten im Rahmen der wechselseitigen Kunden-Lieferanten-Beziehungen aber ebenfalls als Hersteller auf. 73 Das SCM verbindet demnach alle Elemente eines Geschäftsprozesses im Rahmen einer virtuellen Organisation zu einer homogenen Kette. 74 Die graphische Darstellung von Supply Chains soll im folgenden Kapitel erklärt werden. 75
Zielsetzung des SCM ist das Schaffen und Erhalten von gemeinsamen Wettbewerbsvorteilen gegenüber konkurrierenden Unternehmen oder Supply Chains. Der Unterschied zur klassischen Logistikkette besteht insofern darin, dass einzelne Unternehmen nicht isoliert und einzelwirtschaftlich oder gar opportunistisch ihre Zielsetzungen festlegen, sondern innerhalb der SC in ganzheitlicher und kooperierender Weise agieren. Das Wesen einer SC wird deshalb von vielen Autoren auch mit den Kunstbegriffen Koopetition bzw. Coopetition umschrieben. 76
70 Vgl. Vahrenkamp, R. (1998), S. 102.
71 Eigene Darstellung in Anlehnung an Warschburger, V.; Kirchmann, E. (2002), S. 244.
72 Vgl. Hieronimus, M. S. (2006), S. 47 f; Busch, A.; Dangelmaier, W. (2002), S. 1.
73 Vgl. Schönsleben, P. (2004), S. 79; Keller, S. (2004), S. 9. Siehe Abbildung 5. Hersteller sind im weiten Sinne auch Dienstleister nichtmaterieller Produkte.
74 Vgl. Warschburger, V.; Kirchmann, E. (2002), S. 245.
75 Siehe Kapitel 3.1.1.
76 Vgl. Beck, T.C. (1998), S. 271 f; Buscher, U. (2003), S. 61; Corsten, H.; Gössinger, R. (2001), S. 83; Warschburger, V.; Kirchmann, E. (2002), S. 245.
Vier Kernkompetenzfelder des SCM können identifiziert werden: 77
Verbesserte Abstimmung → führt zu Kostenersparnis
Eine verbesserte Abstimmung der Produktions- und Distributionspläne innerhalb der SC führt zu einer Re-
duktion der Lager- und Bestandskosten sowie zu einer Vermeidung von teuren Expresslieferungen.
Reduzierte Durchlaufzeit → führt zu Zeitersparnis
Zwischenbetriebliche Liegezeiten fallen trotz der Optimierung der innerbetrieblichen Prozesse an und füh-
ren in der Summe zu einer langen Durchlaufzeit. Die Geschäftsintegration entlang der SC ermöglicht eine
erhebliche Verkürzung der Durchlaufzeit.
Erhöhte Liefertreue → führt zu einer höheren Kundenzufriedenheit
Die Implementierung von Echtzeit-Planungssystemen zur Bestimmung eines exakten realen Liefertermins
und die damit verbundene Erhöhung der Lieferbereitschaft und -flexibilität führen zu einer signifikanten
Erhöhung der Kundenzufriedenheit.
Flexibilität in der SC → ermöglicht ein besseres Frühwarnsystem .
Eine Verbesserung des Frühwarnsystems wird im SCM durch den Austausch aller notwendigen Informati-
onen entlang der Logistikkette erreicht. Partner können so über Störungen und Restriktionen frühzeitig in-
formiert und damit Ressourcenengpässe verhindert werden.
Einen weiteren bedeutsamen Aspekt im Supply Chain Management verkörpert die Ausgestaltung der Machtverteilung. Zum besseren Verständnis sollen an dieser Stelle die beiden Extrema der Machtverteilung kurz dargelegt werden. In einer hierarchisch geprägten Kooperation dominiert ein fokales Unternehmen das Netzwerk, da es aufgrund seiner Größe, der Stellung zum Absatzmarkt oder seiner finanziellen Ressourcen die ökonomische Macht zu bündeln vermag. Häufig stellt der OEM (Original Equipment Manufacturer) dieses fokale Unternehmen dar, weil er den nötigen Druck auf die Partner ausüben kann, um erforderliche Änderungen durchzusetzen. Auf der anderen Seite herrscht in heterarchisch organisierten Supply Chains ein ausgeglichenes Machtverhältnis. Entscheidungen sind in diesem Fall in einem Diskussionsprozess zu fällen. Zwischen diesen beiden extremen Formen der Machtkonzentration sind viele weitere Ausprägungen denkbar. 78
Bei einer ganzheitlichen und integrierten Betrachtung des SCM kann zwischen einem normativen, strategischen und operativen Ansatz unterschieden werden. Alle drei Ansätze werden in gegebener Kürze erläutert.
Ziel des normativen Supply Chain Management ist es, die Existenz des Netzwerkes und der daran beteiligten Unternehmen sicherzustellen und die Entwicklung voranzutreiben. 79 Zu diesem Zweck beschäftigt sich das normative SCM mit der Entwicklung und Formulierung von Visionen, Zielen, Prinzipien, Werten, Normen und Regeln sowohl für die gesamte Wertschöpfungskette als auch für die daran beteiligten Unternehmen. Die Basis zur Erlangung von Wett-bewerbsvorteilen gegenüber anderen Supply Chains stellt im normativen SCM eine gemeinsame Netzwerkvision dar. 80 Das normative SCM hat gegenüber dem strategischen und operativen SCM eine Weisungsfunktion, indem es Ziele, Regeln und die Kultur der SC vorgibt.
77 Vgl. Warschburger, V.; Kirchmann, E. (2002), S. 245; Böhnlein, C.-B. (2005), S. 93.
78 Vgl. Beck, T. C. (1998), S. 61.
79 Vgl. Göpfert, I. (2002), S. 40.
80 Vgl. Bleicher, K. (2004), S. 191 ff; Göpfert, I. (2002), S. 40 f.
Das strategische Supply Chain Management hat die Aufgabe, für die im normativen SCM formulierten Visionen Strategien zu entwickeln und auszuwählen. Der Kerngedanke ist, die Supply Chain als Einheit mit einer Strategie zu betrachten. Hierbei bleibt zu beachten, dass die Netzwerkstrategie nicht zwingend mit der Strategie einzelner Unternehmen korrelieren muss. 81 Daraus entwickelt sich die zusätzliche Aufgabe des strategischen SCM, Strukturen zu schaffen, die die Einbindung der SC-Strategie in die Managementsysteme der beteiligten Unternehmen ermöglicht. Analog zum unternehmensinternen strategischen Management sind Stärken und Schwächen der Wertschöpfungskette zu analysieren und zu einer Stärkung der Leistungsfähigkeit der Supply Chain zu transformieren. 82 Darüber hinaus sind die externen Chancen und Risiken, vor allem die durch konkurrierende Wertschöpfungsnetzwerke verursachten, in die gemeinsame Entwicklung der Strategie einzubeziehen. 83
Das operative Supply Chain Management beschäftigt sich mit der Umsetzung der zuvor formulierten Visionen, Strategien und Ziele. Es werden solche Werkzeuge und Konzepte eingesetzt, die eine ganzheitliche Optimierung der Supply Chain ermöglichen. 84 Die Zielsetzungen des operativen SCM umfassen grundsätzlich die Schaffung von Transparenz, den Aufbau von Informationsnetzwerken verbunden mit dem Abbau von Asymmetrien, die Optimierung der Flüsse innerhalb der Wertschöpfungskette sowie die Beherrschung der Komplexität der SC. 85 Zu diesem Zweck werden Kennzahlen zur Messung der Ziele identifiziert. So können Kosten-, Zeit-, Qualitäts- und Flexibilitätsvorteile realisiert werden.
Zusammenfassend ermöglicht das Supply Chain Management, Produkte und Dienstleistungen marktgerecht im Kooperationsverbund herzustellen. In der Praxis können viele neue Einsatzgebiete für das SCM entdeckt werden. Die Hauptaufgabe des SCM besteht in der Bereitstellung von Informationen. Diese Aufgabe geht mit der Erweiterung des Konzeptes der Logistik von der Betrachtung einzelner Unternehmen hin zur Optimierung gesamter Wertschöpfungsketten einher und wurde letztlich durch die rasante Entwicklung und die dadurch erweiterten Möglichkeiten der modernen Informations- und Kommunikationstechnik bewirkt. 86 Diese Techniken begünstigten das Outsourcing von Logistik-Dienstleistungen, indem Informationen unternehmensübergreifend weltweit und kostengünstig zur Verfügung gestellt werden konnten. Besonders die Bündelung von Logistik-Leistungen der Planung und Steuerung von Material-und Informationsflüssen bei spezialisierten Logistik-Dienstleistern eröffnet neue Kostensenkungspotenziale bei gleichzeitig steigender Leistungsfähigkeit.
So koordinieren Third Party Logistics Provider (3PL) im Kundenauftrag die Vernetzung aller unternehmensübergreifenden Material- und Informationsflüsse. Bei dieser Auslagerung spielt das Vertrauen in den Full-Service-Logistikdienstleister eine entscheidende Rolle, da vor allem durch die internen Tätigkeiten des 3PL eine Integration in die Unternehmenstätigkeit mit dem
81 Siehe auch Kapitel 5.1.
82 Vgl. Göpfert, I. (2002), S. 42.
83 Vgl. Hieronimus, M. (2006), S. 77.
84 Vgl. Busch, A.; Dangelmaier, W. (2002), S. 8.
85 Vgl. Busch, A.; Dangelmaier, W. (2002), S. 8.
86 Vgl. Hieronimus, M. (2006), S. 66 f.
Zugriff auf sensible Daten einhergeht. Um diese mittel- bis langfristigen Kosteneinsparungspotenziale ausschöpfen zu können, muss ein umfangreiches und auch kostenträchtiges Business Process Reengineering (BPR) durchgeführt werden, welches die Struktur der Geschäftsprozesse offenlegt und optimiert. 87
Überträgt man das Konzept des 3PL auf die Netzwerkebene einer Supply Chain, wird von einem Netzwerkintegrator - Fourth Party Logistics Provider (4PL) - gesprochen. Das Konzept des 4PL umfasst die Planung, Koordination und Steuerung von gesamten Wertschöpfungsketten. Er kann zusätzlich die Aufgaben eines 3PL übernehmen oder mit bestehenden 3PLen zusammenarbeiten. Dienstleistungen im finanziellen und rechtlichen Bereich kann der 4PL ebenso übernehmen. Durch die umfassenden Aufgaben und Zuständigkeiten gilt der 4PL als Teil des SCM. 88
Zum Abbau von Informationsasymmetrien dient der SCM-Ansatz des Collaborative Planning Forecasting and Replenishment (CPFR) mittels einer Intensivierung der Kooperation. Das Konzept wurde von der Voluntary Industry Commerce Standard Association (VICS) entwickelt und umfasst einen in drei Phasen (Planung, Prognose und Bestellung) untergliederten neunstufigen Prozess. Im CPFR werden zwei operative Aufgaben der Logistik besonders betont: die Prognose und die Dispositionsentscheidung. Hieran wir deutlich, dass eine Beschränkung auf theoretische und konzeptionelle Ansätze im Distributionskanal nicht zielführend ist, sondern quantitative Methoden und Instrumente für die Zusammenarbeit von Unternehmen auf verschiedenen Wertschöpfungsstufen entwickelt und zur Ausschöpfung von Kostensenkungspotenzialen und Leistungspotenzialen eingeführt werden müssen. 89
Die Mehrzahl der Autoren ist sich heute darüber einig, dass das Supply Chain Management eine „neue Qualität der Unternehmens- und Netzwerkführung“ 90 beinhaltet. Fasst man die in der Literatur diskutierten Ansätze des Supply Chain Management zusammen, so definiert es sich als eine unternehmensübergreifende Planung, Steuerung, Kontrolle, Koordination und Optimierung sämtlicher Material-, Informations-, Dienstleistungs- und Finanzflüsse über die gesamte Wertschöpfungskette vom Rohstofflieferanten bis zum Endverbraucher und schließt dabei die Entwicklung, Produktion und Entsorgung von Sachgütern und Dienstleistungen in einer Partnerschaft zu gemeinsamen Effizienz- und Effektivitätssteigerungen mit ein. 91 Die infolgedessen steigende Komplexität muss durch neue, ganzheitlich ausgerichtete Managementkonzepte charakterisiert sein. Das Supply Chain-Management subsumiert Methoden und Instrumente für die ganzheitliche Steuerung und Optimierung der unternehmensinternen als auch -übergreifenden Geschäftsprozesse und zeigt damit einen Weg auf, als Unternehmen am Markt weiter existieren zu können. Schließlich wird der Fokus verstärkt auf den Kunden innerhalb des gesamten Wertschöpfungsprozesses gelegt. 92
87 Vgl. Baumgarten, H.(2004), S. 7 ff; Straube, F. (2004), S. 209; Straube, F. (2001), S. 194.
88 Vgl. Baumgarten, H. (2004), S. 8 ff; Baumgarten, H. (2001), S. 21; Straube, F. (2001), S. 195.
89 Vgl. Toporowski, W.; Herrmann, B. (2003), S. 120 f; Steven, M. (2005), S. 198.
90 Göpfert, I. (2002), S. 27.
91 Vgl. Busch, A.; Dangelmaier, W. (2002), S. 6.
92 Vgl. Wannenwetsch, H.; Nicolai, S. (2002), S. 1; Warschburger, V.; Kirchmann, E. (2002), S. 244.
2.2 Risikomanagement
Im folgenden Abschnitt werden die Begriffe des Risikomanagement wissenschaftlich hergeleitet und definiert. Diese Erläuterungen dienen einem einheitlichen Verständnis der in der vorliegenden Arbeit verwendeten Begriffe.
2.2.1 Risiko
Das begriffliche Spektrum der betriebswirtschaftlichen Auffassungen des Risikos ist vielfältig und heterogen und führt folglich zu abweichenden Inhalten und Grenzen des Erkenntnisge-genstandes. 93 Die Vielzahl der Definitionen ist zweifelsohne auch auf die im Laufe der Zeit veränderten Überzeugungen und Denkweisen zurückzuführen. 94 Aus diesem Grund wird im Folgenden eine für diese Arbeit allgemein gültige Definition des Risikobegriffes entwickelt.
Die ersten Interpretationen des Risikobegriffs entstanden erst vor gut 350 Jahren, als der bis dahin althergebrachte Glaube an die göttliche Fügung über das eigene Schicksal durch mathematische Ausführungen ersetzt wurde. 95 Die an wahrscheinlichkeitstheoretischen Überlegun- genanknüpfende „neue“ Blickrichtung auf das Wesen des Risikos brachte hingegen keine Klä- rungdes Begriffs mit sich. Erste Versuche definierten das Risiko kausal als „Gefahr des Misslingens“, „Fehlentscheidung“ oder als „Eintreten eines ungünstigen Falles“. 96 Beschränkt man die Untersuchung auf die Welt der Unternehmungen, lässt sich eine genauere Begriffsauslegung erkennen. So galt das Risiko in Deutschland als entscheidender Wesenszug einer Unternehmung. LEITNER definierte zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts das Unternehmensrisiko in seiner Gesamtheit als nicht überwälzbar und leitete daraus das Risiko als Bestandteil des Unternehmens ab. 97 SANDIG begründet über das Risiko gar den Unternehmensgewinn. 98
Bis in die 70er-Jahre wurde in der wissenschaftlichen Literatur zwischen einem objektiv messbaren, in mathematischen Wahrscheinlichkeiten ausdrückbarem Risiko und einer subjektiven Unsicherheit unterschieden. Die nachvollziehbare Kritik, dass eine objektive Entscheidung in der Praxis nicht auffindbar ist, entkräftete diese Definition jedoch alsbald. 99 Vor allem aus technischer Sicht wird unter einem Risiko die Möglichkeit verstanden, aus verschiedenen Gründen einen Schaden oder Verlust zu erleiden. 100 Verallgemeinert ist als reines Risiko eine negative Folge oder eine durch Störgrößen bewirkte Verlustgefahr zu begreifen. 101
93 Vgl. Dempfle, E. (1992), S. 10; Keller, G. (2004), S. 12.
94 Vgl. Wencke Schröder, R. (2005), S. 35.
95 Vgl. zur historischen Entwicklung des Risikobegriffs den Überblick bei Bernstein, P. L. (2000), S. 3 ff.
96 Vgl. Wencke Schröder, R. (2005), S. 35
97 Vgl. Leitner, F. (1915), S. 19.
98 Vgl. Sandig, C. (1939), Sp. 1467.
99 Vgl. Dempfle, E. (1992), S. 69 f.
100 Vgl. Stahl, W. (1992), S. 12.
101 Vgl. Mensch, G. (1991), S. 11.
Eine andere Ansicht der Risikodefinition stellt auf die Differenz zwischen dem ursprünglichen Ziel und dem tatsächlich Erreichten ab. 102 Dieser auch als spekulatives Risiko bezeichnete Erklärungsansatz erfasst sowohl positive als auch negative Abweichungen und beinhaltet somit zusätzlich den Begriff der Chance. 103 Aus der Sicht des Unternehmens werden diese beiden Ausprägungsmöglichkeiten verknüpft und als Risiko bezeichnet.
Die Unterscheidung nach eigenem (Risiko der Entscheidung) und fremden (Gefahr) Zutun bei der Ursache stellt eine weitere mögliche Unterscheidung dar. 104 Diese ursachenorientierte Risikodefinition war lange Zeit vorherrschend und deutet das Risiko als unumgängliche Begleiterscheinung jeder Leistungserbringung. 105 Hierbei tritt die Unsicherheit des Entscheidungsträgers über die künftige, den Erfolg mitbestimmende Entwicklung in den Mittelpunkt der Risikobetrachtung. 106
Es wird deutlich, dass Risiko und Information unabhängig von dem Interpretationsansatz in einem engen Zusammenhang stehen. 107 Mithin kann fehlende, unvollständige oder falsche Information als Ursache für Risiken begriffen werden. 108 HELTEN definiert Risiko beispielsweise als „Informationsdefizit über das Erreichen der gesetzten Ziele“. 109 Eine weitergehende Erklärung liefert MENSCH; er deutet Risiko als die Gefahr einer auf einem Informationsdefizit beruhenden Fehlentscheidung. Dieses Defizit kann sich in Unbestimmtheit, Unvollständigkeit und Unsicherheit der Information äußern. 110
Unbestimmtheit lässt sich nach HELTEN weiter unterteilen. Die absolute Unbestimmtheit bezeichnet eine vollständige Unmöglichkeit der Vorherbestimmung, die relative Unbestimmtheit hingegen ermöglicht eine statistische Vorherbestimmung durch Naturgesetze. 111 Ähnlich der statistischen Vorherbestimmung definiert BRAUN die Unbestimmtheit als mangelnde Präzision der Information. 112
Die Unvollständigkeit einer Information zeigt sich hingegen in der fehlenden Information über die Umweltzustände und die möglichen Handlungsalternativen. Letztlich ist eine vollständige Information in Anbetracht der Komplexität des Unternehmens, der Wertschöpfungskette und seiner Umwelt in der Realität unmöglich. 113 Folglich müssen Entscheidungen stets unter unvollständigen Informationen getroffen werden. 114
102 Vgl. Neubürger, K. W. (1989), S. 28.
103 Vgl. Mensch, G. (1991), S. 18.
104 Vgl. Luhmann, N. (1991), S. 30 f.
105 Vgl. Lisowsky, A. (1947), S. 98.
106 Vgl. Eberle, A. (2005), S. 34.
107 Vgl. Braun, H. (1982), S. 62.
108 Vgl. Dempfle, E. (1992), S. 10.
109 Helten, E.; Karten, W. (1984), S. 5.
110 Vgl. Mensch, G. (1991), S. 48.
111 Vgl. Helten, E.; Karten, W. (1984), S. 5.
112 Vgl. Braun, H. (1982), S. 38.
113 Vgl. Mensch, G. (1991), S. 45 und S. 70.
114 Vgl. Braun, H. (1982), S. 38.
Unsicherheit ist eine notwendige Voraussetzung für das Entstehen eines Risikos. 115 So kann jeder subjektiv wahrgenommene Situationszustand als Unsicherheit bezeichnet werden. 116 Die aus dem Verhältnis zwischen Unternehmen und seiner Umwelt resultierende Unsicherheit wird im Rahmen des sog. situativen Ansatzes thematisiert. 117 Ursächlich für die Unsicherheit sind die Komplexität und die Dynamik der Situation. Vor allem die Dynamik trägt einen großen Teil zur Unsicherheit in einer Entscheidung bei. 118 Auch wenn Sicherheit und Stabilität als Ideale der Unternehmung angesehen werden, so muss doch Unsicherheit zur Wahrung der notwendigen Dynamik zu einem geringen Teil zugelassen werden. Denn nur durch diese Dynamik kann ein langfristiges Fortbestehen der Unternehmung mittels Innovation und Wandel gewährleistet werden. 119
Der Versuch, die Vielzahl der in der Literatur bestehenden Risikodefinitionen zu systematisieren, zwingt zu der Unterscheidung von ursache- und wirkungsorientierten Risikodefinitionen. Beide Erklärungsansätze werden kurz erläutert.
KNIGHT differenziert bei der ursachenorientierten Risikodefinition zwischen der quantitativen, sprich messbaren Unsicherheit und der qualitativen, folglich nicht messbaren. 120 Die quantitative Ungewissheit ist vergleichbar mit der relativen Unbestimmtheit nach HELTEN, die qualitative ist hingegen mit der subjektiven Unsicherheit in Verbindung zu bringen. Alle ursachenorientierten Risikodefinitionen vernachlässigen allerdings aufgrund der Fokussierung auf den Informationsstand die Wirkungsseite des Schadensaspekts. 121 Ebenso fragwürdig sind die Differenzierungen nach objektiven und subjektiven Ungewissheiten, da objektive Unsicherheitszustände aus konsequenzialistischer Sicht nicht denkbar sind. 122
Dem gegenüber stehen die wirkungsorientierten Risikodefinitionen. Hierbei wird weniger die verursachende Entscheidung als vielmehr die ökonomische Wirkung einer Schadensmöglichkeit zur materiellen Betrachtung des Risikos in den Vordergrund gestellt. Eng verbunden mit der wirkungsorientierten Risikobetrachtung ist der Begriff der Zielverfehlung. So wird das Risiko nicht mehr als Risikoereignis an sich, sondern vielmehr als die Möglichkeit seiner, die betriebswirtschaftliche Leistung vermindernden, Wirkung auf ein vorher definiertes Ziel (Plan, Erwartung) wahrgenommen. 123 Außerdem ist es möglich, das wirkungsorientierte Risiko im Gegensatz zur Chance als Verlust- oder Schadensgefahr zu interpretieren. 124 Jedoch kann auch die positive Abweichung vom Ziel in die wirkungsorientierte Risikodefinition integriert werden, so dass neben den Gefahren der Zielabweichung auch die Chancen erfasst werden. 125 Zudem verdeutlicht der Zielbezug den subjektiven Charakter eines Risikos. Demnach entsteht ein Risi- 115 Vgl.Müller, W. (1993), Sp. 3814; Farny, D. (1989), Sp. 1750.
116 Vgl. Wygoda, S. (2005), S. 155.
117 Vgl. Walter-Busch, E. (1996), S. 225 ff.
118 Vgl. Kieser, A. (1974), S. 303.
119 Vgl. Kühn, S. (1995), S. 31 ff und S. 89.
120 Vgl. Knight, F. H. (1921), S. 19 ff und S. 192 ff.
121 Vgl. Wygoda, S. (2005), S. 36 f.
122 Vgl. Wygoda, S. (2005), S. 37 ff.
123 Vgl. Oberparleiter, K. (1955), S. 99; Farny, D. (1979), S. 13.
124 Vgl. Philipp, F. (1967), S. 35.
125 Vgl. Perridon, L.; Steiner, M. (2003), S. 99; Lange, K. W. (2001), S. 136.
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Dipl.-Ing. Dipl.Vw. LL.M. Andreas Seeringer, 2007, Entwicklung eines Modells zur Steuerung von Risiken im Supply Chain Management, München, GRIN Verlag GmbH
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