Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter 4
2.1 Vier-Reiche-Lehre und die Idee von der translatio imperii 5
3. Die Darstellung Alexanders als Repräsentant des mittelalterlichen höfischen Wesens 6
4. Translatio imperii ad Bohemos - Legitimation der böhmischen Macht durch Parallelen zu
Alexander dem Großen 9
5. Fazit. 13
Quellenverzeichnis 14
Literaturverzeichnis. 14
2
1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der auffällig mittelalterlichen Gestaltung des „Alexander“ Ulrichs von Etzenbach und der These, dass damit vom Autor intendiert war, Ottokar II. mit Alexander dem Großen auf eine Stufe zu stellen, um so Machtansprüche des böhmischen Königs im Deutschen Reich zu untermauern. Um deutlich zu machen, warum Ulrich so verfahren haben sollte, ist es nötig, zunächst auf das Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter und vor allem auf die Vier-Reiche-Lehre und die Idee der translatio imperii einzugehen.
Die Neuausrichtung des „Alexander“ wegen der Umwidmung auf Wenzel II. nach dem Tod seines Vaters Ottokar II. 1278 und wegen der aus der Niederlage auf dem Marchfeld resultierenden Verminderung der Macht der Pemysliden soll ebenfalls dargestellt werden. In der Forschung besteht durchaus keine Einigkeit darüber, ob sich die oben genannte These, dass der „Alexander“ primär den politischen Zielen des böhmischen Hofes dienen sollte, an-hand des Textes bestätigen lässt oder nicht. Starker Verfechter dieser These ist Hans-Joachim Behr der dies in mehreren Aufsätzen 1 und in seiner Monographie „Literatur als Machtlegitimation“ 2 deutlich ausführt. Scharfe Kritik an dieser These hat Werner Schröder in seinem Aufsatz „Die Rolle der Mäzene und der wahre Patron Ulrichs von Etzenbach“ 3 formuliert. Weitgehende Einigkeit besteht in der Forschungsliteratur jedoch darin, dass der „Alexander“ Ulrichs von Etzenbach sehr stark an das höfische Leben des 13. Jahrhunderts angepasst ist, da z.B. mehrmals Ritterspiele veranstaltet werden und Alexander auch den Regeln der Minne folgt und Ulrichs Werk deshalb auch der Fürstenlehre diente. 4
1 vgl. z.B. Behr, Hans-Joachim, Literatur und Politik am Böhmerhof: Ulrich von Etzenbach, Herzog Ernst D
und der sogenannte Anhang zum Alexander, in: ZfdPh 96 (1977), S. 410-429.
2 Behr, Hans-Joachim, Literatur als Machtlegitimation, München 1989.
3 Schröder, Werner, Die Rolle der Mäzene und der wahre Patron Ulrichs von Etzenbach, in: ZfdA 118 (1989),
S. 243-279.
4 vgl. z.B. Vollmann, Benedikt Konrad, Ulrich von Etzenbach "Alexander", in: Positionen des Romans im spä-
ten Mittelalter, Walter Haug, Burghart Wachinger (Hrsg.), Tübingen 1991, S. 59.
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2. Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter
Das Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter unterschied sich deutlich von unserer heutigen Vorstellung vom Ablauf der Geschichte und auch darin, dass für uns die Zukunft ungewiss und unendlich ist, für den mittelalterlichen Menschen hingegen schon das Ende der Welt mit dem jüngsten Gericht feststand und er sich im göttlichen Heilsplan unausweichlich verankert sah. 5 Anstatt der heute üblichen Einteilung der Geschichte in Epochen wie z.B. Antike oder Neuzeit wurden im Mittelalter zum einen die so genannten 6 bzw. 7 Weltalter und zum anderen die Vier-Reiche-Lehre als Gliederung für den Geschichtsablauf genutzt. Gemeinsam ist diesen beiden Einteilungsmöglichkeiten, dass sie beide einen festen Anfang und im Prinzip auch ein festes Ende hatten und somit zur Vorstellung des göttlichen Heilsplans passten. (Die Einteilung nach Weltaltern ist für die Behandlung der Fragestellung nicht weiter von Bedeutung, so dass sie jetzt nicht ausführlicher behandelt werden kann, was jedoch keineswegs heißen soll, dass sie die weniger bedeutende Möglichkeit darstellte. 6 ) Zudem sind beide Gliederungsprinzipien auf Grundlage der Bibel entstanden, zum einen durch biblischchristliche Umformung älterer Gliederungssystem und zum anderen durch Auslegung bestimmter Bibelstellen, wie z.B. des Propheten Daniel. 7 Dies zeigt wie fest der Glauben an die göttliche Bestimmtheit des Geschichtsablaufs war und dass die Bibel als historische Quelle galt, die für die mittelalterlichen historiographischen Schriften das Grundgerüst lieferte und auch Ulrich von Etzenbach z.T. als Quelle für seinen „Alexander“ diente. 8 Ein weiterer wichtiger Punkt für das mittelalterliche Geschichtsbild war die Ansicht, dass sich Geschichte immer wieder gleicht und man deshalb aus den Taten der Vorfahren für das eigene Handeln lernen könnte. Aus diesem Grund waren die Taten Alexander des Großen, wenn auch oft modernisiert bei Ulrich, Gegenstand der Fürstenlehre, wie bereits oben angedeutet, da sie dem Herrscher zeigen sollten, wie er sich in ähnlichen Situationen verhalten sollte. 9 Negative bzw. gescheiterte Taten Alexanders, wie z.B. sein Flugversuch, wurden als Warnung dargestellt und zumeist mit Hochmut (superbia) begründet, die nicht dem höfischen Ideal des Herrschers entsprachen und ihn warnen sollten, sich ihr hinzugeben.
5 vgl. Goetz, Hans-Werner, Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein im hohen Mittelalter, Berlin
1999, S. 92.
6 vgl. Schmidt, Roderich, Aetates mundi. Die Weltalter als Gliederungsprinzip der Geschichte, in: Zeitschrift
für Kirchengeschichte, Folge V, 67 (1956), S. 288; Vollmann, Ulrich von Etzenbach „Alexander“, 1991, S. 58.
7 vgl. Schmidt 1956, S.289.
8 vgl. Buntz, Herwig, Die deutsche Alexanderdichtung des Mittelalters, Stuttgart 1973, S. 27.
9 vgl. Vollmann 1991, S. 60.
4
2.1 Vier-Reiche-Lehre und die Idee von der translatio imperii
Die Lehre von den vier Weltreichen ist neben der Einteilung in die 6 bzw. 7 Weltalter das bedeutendste Gliederungssystem für den Verlauf der Geschichte für die Menschen im Mittelalter. Es basiert auf der Deutung eines Traumes des Königs Nebukadnezar durch den Propheten Daniel im alten Testament. Der König hat von einem Standbild aus vier verschiedenen Metallen geträumt, die der Prophet Daniel den vier Weltreichen zuordnet. Der Auslegung des Kirchenvaters Hieronymus folgend galten im Mittelalter das babylonisch-assirische, das persisch-medische, das makedonisch-griechische und das römische Reich als die vier Weltreiche. Auch wenn es also Heiden waren die Weltreiche regierten, so hatten sie ihre Macht jedoch unwissend durch den christlichen Gott erhalten und sie konnte Ihnen auch durch ihn wieder entzogen werden. Die zentrale Stelle bei Daniel hierfür lautet „(Deus) transfert regna atque constituit“(Dan 2,21), d.h. Gott überträgt die Herrschaft und legt sie fest. Weiterhin ist bei Daniel zu lesen, dass Gott durch das Einsetzen von Tyrannen und Gewaltherrschern die Sünder bestraft. 10 Wichtig für die Sicht der Menschen im Mittelalter war, dass das römische Reich als das andauernde angesehen wurde und man davon ausging, dass wenn das römische Reich zu existieren aufhören würde, das Ende des göttlichen Heilsplans erreicht sei und der Tag des Jüngsten Gerichts stattfinden müsste, da dies noch nicht geschehen war, musste das römische Reich folglich weiterhin existieren. Diese Argumentation machte es nötig zu bestimmen, in welcher Form das römische Reich weiterhin existierte, da bekanntlich das westliche römische Reich 476 aufgehört hatte zu bestehen.
Hilfreich hierfür war die Idee von der translatio imperii, d.h. der Gedanke der Übertragung der Macht von einem Volk bzw. von einem Herrscher an den anderen entsprechend dem göttlichen Wunsch. Mit der Kaiserkrönung Karl des Großen 800 durch Papst Leo III. wurde allgemein der Übergang des römischen Kaisertums auf das fränkische und später auf das deutsche Reich gesehen und die neuen Kaiser sahen sich folglich als direkte Nachfolger der römischen Kaiser des Altertums. Diese Auslegung der Bibel diente zudem einer gewissen Stabilisierung und Legitimierung der Macht, da zum einen die göttliche Berufung der Könige somit eindeutig war und zum anderen dadurch, dass mit dem Ende des römischen Reiches das Ende der Welt und damit das jüngste Gericht drohte, bei dem alle Sünder für immer in die Hölle verbannt werden sollten und nur denjenigen Menschen, die ohne Sünde waren, das Paradies in Aussicht stand.
10 vgl. Goez, Werner, Translatio imperii. Ein Beitrag zur Geschichte des Geschichtsdenkens und der politi-
schen Theorie im Mittelalter und der frühen Neuzeit, Tübingen 1958, S.7.
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Arbeit zitieren:
Fabian Rühle, 2006, Translatio imperii ad Bohemos und die Höfisierung Alexander des Großen in Ulrichs von Etzenbach „Alexander“, München, GRIN Verlag GmbH
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