Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Transkriptionszeichen nach GAT 4
Einleitung 6
1 Ostfriesland 8
2 Niederdeutsch 9
2.1 Die gesprochene Varietät 9
2.2 Der Ort Osteel 12
2.3 Phonetische Merkmale im Ort Osteel 12
2.3.1 Kurzvokale 13
2.3.2 Langvokale 13
2.3.3 Diphthonge und Triphthonge 13
2.3.4 Konsonanten 15
2.3.5 Frikative 15
2.3.6 Andere Konsonanten 15
3 Formen des Varietätenwechsels 17
3.1 Code-Switching 18
3.2 Metaphorisches Code-Switching 19
3.3 Code-Shifting 21
3.4 Transfer 22
3.5 Code-Mixing 23
4 Analyse 26
4.1 Das Korpus 26
4.2 Code-Switching mit sozialer Symbolik 28
4.3 Code-Switching und Belehrung eines Laien 33
4.4 Code-Switching und Gesprächsorganisation 35
4.5 Code-Switching und Wiederholung 38
4.6 Code-Switching und Adressatenspezifik 40
4.7 Code-Switching und Zitieren 43
4.8 Code-Switching und Modalität 47
4.9 Code-Switching und Beurteilung einer Aussage 52
4.10 Code-Switching und Face-bedrohender Akt 54
4.11 Code-Switching und Aspekte des Selbst 56
Inhaltsverzeichnis 3
4.12 Analyse eines längeren Beispiels 59
4.13 Die schwierigen Fälle 65
4.13.1 Fall 1 65
4.13.2 Fall 2 67
4.13.3 Fall 3 70
5 Schlussbemerkung 75
Literaturverzeichnis 77
Transkriptionszeichen nach GAT 4
Transkriptionszeichen nach GAT
(.) Mikropause (-) kurze Pause (--) mittlere Pause (2,5) Pause in Sekundeneinheiten KLAR Hauptakzent (ganze Silbe mit Großbuchstaben) !KLAR! Besonders starker Akzent klAr Nebenakzent (Silbenkern mit Großbuchstaben) = Verschleifung zwischen Wortgrenzen . stark fallende Intonation nach Äußerungseinheit ; leicht fallende Intonation nach Äußerungseinheit , leicht steigende Intonation nach Äußerungseinheit ? stark steigende Intonation nach Äußerungseinheit
n
Tonsprung
nach oben
p
Tonsprung
nach unten :. ::, ::: Dehnung, je nach Länge (klar) vermuteter Wortlaut .h, .hh. .hhh Einatmen, je nach Länge h, hh, hhh Ausatmen, je nach Länge (he he) Lachpartikel [ Beginn einer simultanen Sequenz <
<<*+>> Tonhöhenverlauf fallend-steigend
Transkriptionszeichen nach GAT 5
<<+*>> Tonhöhenverlauf steigend-fallend
Einleitung 6
Einleitung
Ä&RGH6ZLWFKLQJLVWDXVPLQGHVWHQV]ZHL*UQGHQIUGLH/LQJXLVWLNYRQEHVRn- deremInteresse. Es gibt erstens Aufschluss über den Sprachgebrauch und zweitens über GLH(QWZLFNOXQJHLQHVVSUDFKOLFKHQ6\VWHPV³ 1 Dabei geht es darum, Sprache in ihrem alltäglichen Gebrauch zu betrachten und daraus Funktionen des Code-Switchings herauszufiltern und sei es die Erkenntnis, dass es keine Funktion gibt. Für die Analyse gesprochen sprachlichen Materials sind neben der linguistischen Betrachtungsweise genauso die ethnographischen Gesichtspunkte von Bedeutung. Durch ethnographisches Hintergrundwissen können Funktionen leichter oder überhaupt erst erkannt und interpretiert werden. 2
In der vorliegenden Arbeit untersuche ich Code-Switching zwischen Niederdeutsch und Standarddeutsch in einer ostfriesischen Familie. Obwohl ich diese Familie sehr gut kenne und mir die Gepflogenheiten der Familienmitglieder geläufig sind, war es nicht immer leicht Funktionen für Code-Switching auszumachen. Ohne dieses ethnographische Wissen wäre die Interpretation einiger Textbeispiele gar unmöglich gewesen. Andere dagegen laufen nach altbekannten Mustern ab, sodass auch ohne ein Wissen über die sozialen und kulturellen Hintergründe eine korrekte Interpretation möglich ist. Dies wird in Kapitel 4 dieser Arbeit sicherlich deutlich werden. Doch zunächst werde ich im ersten Kapitel eine kurze geographische Einordnung Ost-frieslands geben, um deutlich zu machen, in welchem Gebiet des niederdeutschen Sprachraumes die Untersuchung stattfand. Das ist entscheidend für die gesprochene Varietät der Familie. Denn das ostfriesische Niederdeutsch ist auf einem friesischen Substrat entstanden und hat entscheidende Einflüsse aus dem Niederländischen erfahren. Diese zwei Merkmale werde ich im zweiten Kapitel genauer beleuchten, bevor ich auf die phonetischen Merkmale im Wohnort der Familie eingehen werde. Ich stütze mich dabei auf die Arbeit von Gertrud Reershemius (2004), die eine detaillierte Untersuchung im 20 Kilometer entfernten Campen gemacht hat. Das Kapitel 2.3 dieser Arbeit habe ich aus ihrer Untersuchung übernommen und entsprechend der gesprochenen Varietät der untersuchten Familie angepasst. Das betrifft vor allem die Diphthonge. Der Diphthong /öu/ in löum ÃJODXEHQµ föult ÃIKOWµ ist ein typisches Merkmal für die Krummhörn und den Raum Emden. Im Brookmerland, also dort wo die untersuchte
1 gais.ids-mannheim.de/information/glossar/code-switching.pdf
2 Vgl. Schwitalla (1986); Deppermann (2001)
Einleitung 7
Familie lebt, wird dieser Diphthong mit einer Gleitbewegung vom langen mittleren offenen /ö/ zum langen mittleren geschlossenem /ü/ also /öü/ (löüm, föült) realisiert. Der Diphthong /eä/ kommt in der Region zwar vor, aber seltener als im Dorf Campen. Er wird in Osteel meist als /iä/ zum Beispiel in ziägn ÃVDJHQµDXVJHVSURFKHQ Nach dieser kleinen Einführung in die gesprochene Varietät werde ich in Kapitel 3 kurz auf die verschiedenen Formen des Varietätenwechsels eingehen und anhand ausgesuchter Beispiele illustrieren. In den Kapiteln Code-Shifting und Codde-Mixing habe ich auf Beispiele aus der Literatur zurückgegriffen.
Der Hauptteil meiner Arbeit besteht aus der Analyse ausgewählter Beispiele aus meinen Aufzeichnungen. Dabei werde ich zuerst die eindeutigen Fälle zuordnen und interpretieren. Hierbei habe ich nicht nur die Funktion, mit der das Kapitel überschrieben ist, herausgearbeitet, sondern auf weitere Funktionen hingewiesen, wenn diese zu erkennen waren. Anhand eines längeren Beispiels werde ich dann die unterschiedlichen Funktionen nochmals exemplarisch herausarbeiten, um dann in einem letzten Kapitel die schwierigen Fälle zu untersuchen.
Die Aufnahmen habe ich nach dem Gesprächsanalytischen Transkriptionssystem (GAT) verschriftet und eine standarddeutsche Übersetzung der Niederdeutschen Äußerungen unter die jeweilige Zeile gesetzt, um die Beispiele verständlich zu machen. Sämtliche Namen sind von mir geändert worden, um die Anonymität der untersuchten Familienmitglieder zu gewährleisten.
1 Ostfriesland 8
1 Ostfriesland
Die niederdeutschen Sprachaufzeichnungen wurden in einer Familie in Ostfries-land gemacht. Die Region liegt im nordöstlichen Zipfel Deutschlands, gehört zum Bun-desland Niedersachsen und wird im Westen durch die Meeresbucht Dollart und im Osten durch den Jadebusen eingegrenzt. Vor der Küste Ostfrieslands befinden sich die sieben ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog, und Wangerooge. 3 Etwa 465 000 Menschen leben auf einer Fläche von 3142 Quadratkilometer, das sind im Schnitt 148 Menschen pro Quadratkilometer (zum Vergleich: deutschlandweit sind es 231 Menschen pro Quadratkilometer). 4
Abbildung 1: Übersichtskarte von Ostfriesland. Reershemius (2004) S.13
3 Dies ist die geographische Einteilung des Gebietes, das die Landkreise Friesland und Wilhelmshaven mit
einbezieht. Dem Saterland kommt eine Sonderrolle zu, denn es gehört aus kulturhistorischer und sprach-
geschichtlicher Sicht zwar zu Ostfriesland, wurde aber vom Bistum Münster beeinflusst und das übrige
Ostfriesland vom Bistum Bremen. Diese Absonderung ist bis heute erhalten und spiegelt sich im Erhalt
des Saterfriesischen wider, eine Varietät der ostfriesischen Sprache, die nicht zu verwechseln ist mit dem
ostfriesischen Platt, das der niedersächsischen Sprache angehört. (Vgl.Marron C. Fort: Niederdeutsch
und Friesisch zwischen Lauwerzee und Weser)
4 Industrie- und Handelskammer Emden (Stand: 31.12.2006)
2 Niederdeutsch 9
2 Niederdeutsch
Das Niederdeutsche in Norddeutschland hat eine Geschichte, die mehr als eintausend Jahre alt ist. 5 Sie beginnt mit dem HeliDQG(SRVHLQHPÄJHZLFKWLJHQ7H[W]HXJHQ³ aus dem 9. Jahrhundert 6 und teilt sich in das Altniederdeutsche oder Altsächsische von 750 bis 1150, das Mittelniederdeutsche von 1150 bis 1600 und das Neuniederdeutsche ab 1600. 7 Entscheidend für die Entwicklung des Niederdeutschen ist die Zeit der Hanse und die damalige Verkehrssprache, die so genannte Hansesprache. Sie wurde jedoch NDXP JHVSURFKHQ XQG YHUEUHLWHWH VLFK QXU DOV JHVFKULHEHQH 6SUDFKH ÄVR GD PLW GHU Aufnahme des Hochdeutschen im Norden diese Sprachtradition jäh abbrach. Damit war GHUQRUGGHXWVFKHQ=ZHLVSUDFKLJNHLWGHU:HJYRUJHJHEHQ³ 8 Das Niederdeutsche wurde YRP +RFKGHXWVFKHQ LPPHU PHKU YHUGUlQJW ]XQlFKVW DOV 6FKULIWVSUDFKH XQG ÄPLW GHU sich entwickelnden Standardsprache kam es immer mehr zu einer Ablösung auch der niederdeutschen Sprache, zunächst in der öffentlich-offiziellen mündlichen Kommunikation, in unserem Jahrhundert dann zunehmend auch in der privaten-IDPLOLlUHQ³ 9 Stellmacher weist darauf hin, dass das Niederdeutsche im Gedächtnis der Sprachgemeinschaft den Status der eigenständigen Sprache nie verloren hat, obwohl dieser nicht mehr gegeben ist.
2.1 Die gesprochene Varietät
Ostfriesland hat eine große niederdeutsch sprechende Gemeinschaft und gehört zum Kerngebiet des niederdeutschen Sprachraumes. 10 Hier hat der Dialekt feste Funktionen im Alltag, aber dennoch sprechen immer weniger vor allem junge Sprecher aktiv Niederdeutsch. 11 Stellmacher vermerkt die hohe Zahl der Sprecher mit passiven Sprachkompetenzen und sieht darin ein Potenzial der Reaktivierung. 12 Issakson Biehl
5 Lindow (1998) S. 17
6 Stellmacher (1995) S. 4
7 Vgl. Lindow (1998) S. 17
8 Stellmacher (1995) S. 5
9 Ebd.
10 Vgl. Lindow (1998)
11 Reershemius (2004) S.14
12 Vgl. Stellmacher (2000) S. 105
2 Niederdeutsch 10
trägt in ihrem Aufsatz Projekte und Aktivitäten ostfriesischer Organisationen zusammen, die diese Reaktivierung leisten sollen. 13
Das in Ostfriesland gesprochene Niederdeutsch ist geprägt durch ein friesisches Substrat. Erst im 15. Jahrhundert ging das Friesische zum Niederdeutschen über. 14 Schriftliche Dokumente wurden erst spät überliefert, da Schreiben eher den Geistlichen vorbehalten war und in der übrigen Gesellschaft nur geringe Verbreitung fand. Mittelniederdeutsch wurde zu der Zeit für Handelsbeziehungen mit anderen Regionen eine wichtige Verkehrssprache und mit den Seeräuber-Allianzen, die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts von den friesischen Häuptlingen gepflegt wurden, kamen immer mehr Menschen in die Region, die sich auf Niederdeutsch verständigten. Die Besatzung der Hanse war ebenfalls ein wichtiger Faktor, der das Niederdeutsche zuerst als Urkunden- VSUDFKHXQGGDQQDOVJHVSURFKHQH6SUDFKHHWDEOLHUWHÄ'DVVPDQLQ(PGHQLP-DKr-
KXQGHUWQRFKIULHVLVFKJHVSURFKHQKDW³JLOWÄDOVXQZDKUVFKHLQOLFK³ 15 An der verbalen Pluralendung -en OlVVWVLFKDEOHVHQGDVVÄGLHVHVEHUQRPPHQH1LHGHUGHXWVFKGDVKDn-VLVFKH6FKULIWPLWWHOQLHGHUGHXWVFK³ZDU 16 Die friesische Sprache wurde fast völlig ver- GUlQJWÄ(UKDOWHQKDWVLHVLFKOHGLJOLFKLQ einemReliktgebiet des oldenburgischen Sater- ODQGHV³ 17 Imheutigen Niederdeutsch ist das friesische Substrat hauptsächlich in den Eigennamen sowie den Flur- und Ortsbezeichnungen zu erkennen. 18 Ä,P %HUHLFK GHU Morpho-Syntax sind neben der Morphologie einzelner Verben wie zum Beispiel düren (dürfen) vor allem die mit h- anlautenden Formen des Personalpronomens hum (ihm/ihn) und hör (ihr/sie) bemerkenswert, die als Spuren des Friesischen betrachtet ZHUGHQ³ 19 Das Mittelniederdeutsche konnte sich aber nicht lange als Schriftsprache halWHQGHQQÄPLWGHP-DKUHVFKRQZDUGDV1LHGHUGHXWVFKHDOVDPWOLFKH6FKULIt- VSUDFKHVRJXWZLHDEJHWDQ³ 20 XQGZXUGHYRP+RFKGHXWVFKHQDEJHO|VW'LHÄHYDQJHOi-VFKH*HLVWOLFKNHLW³GLHDXI+RFKGHXWVFKNRUUHVSRQGLHUWHWUXJLKUHQ$QWHil dazu bei. Ein weiterer Einfluss auf das Niederdeutsche in Ostfriesland kam aus der niederländischen Sprache. Nach der Reformation waren Katholiken, Calvinisten und Reformierte gleichermaßen in dem Landstrich vertreten, ohne dass sich eine Konfession durchsetzen konnte. Zur Zeit des Achtzigjährigen Krieges (1568 bis 1648), in dem die
13 Vgl. Isaksson Biehl (1999)
14 Vgl. Ahlsson (1964)
15 Reershemius (2004) S.22
16 Sander (1982) S. 55
17 Ebd.
18 Vgl. Remmers (1994; 1995; 1996); Rogby (1967)
19 Reershemius (2004) S. 23
20 Meyer (1983) S.39
2 Niederdeutsch 11
Niederlande um ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpften, kamen viele gut situierte Niederländer nach Ostfriesland und sorgten in der Stadt Emden und der umliegenden Region für wirtschaftlichen Aufschwung. Die daraus entstehenden wirtschaftlichen, politischen und religiösen Beziehungen dauerten bis ins 19. Jahrhundert an und wirkten sich auch auf die Sprache aus. Im 17. Jahrhundert wurde das Niederländische im Südwesten Ostfrieslands sogar zur Amtssprache und somit auch zur Schriftsprache. 21 6SUDFKOLFKH5HOLNWHDXVGLHVHU=HLWVLQG]XP%HLVSLHOÄHLQLJHKlXILJYHUZHn- deteund für den Bereich der Morpho-Syntax zentrale Lexeme wie das Adverb noojt (niemals) oder das Zahlwort twalf (zwölf), die im Südwesten der Region gesprochen ZHUGHQ³ 22 Sie unterscheiden diese gesprochene Varietät von den übrigen in Ostfries-land.
Es gab also zwei Schriftsprachen im Raum Ostfriesland: das Hochdeutsche im Nordosten und das Niederländische im Südwesten. Gesprochen wurde weiterhin Nie- GHUGHXWVFKÄ'LHVH6LWXDWLRQGRSSHOWHU'LJORVVLH>@GRPLQLHUWHGLH5HJLRQDQQlKHUQG
]ZHLKXQGHUW-DKUH³ 23 bis schließlich Ende des 19. Jahrhunderts das Niederländische als Schriftsprache aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde. Hochdeutsch wurde immer mehr auch die Sprache des Alltags vor allem in der städtischen Bildungsschicht. Von den Städten ging die Verdrängung des Niederdeutschen im gesamten norddeutschen Gebiet als gesprochene Sprache aus. Dennoch behielt sich die ländliche Bevölkerung die niederdeutsche Sprache als Nahsprache bei, wenn auch mit immer weniger werdenden aktiven Sprechern.
Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg drängte die Landwirtschaft an den Rand und industrielle Zweige wie Auto und Schiffbau, die sich vor allem in der Stadt Emden ansiedelten, wurden die größten Arbeitgeber in der Region. Das Dorfleben mit seinen kleinen Läden, Postämtern, Schulen, Handwerksbetrieben und Kneipen verlagerte sich immer mehr in die Städte, in denen vorwiegend Standarddeutsch gesprochen wurde. Seit den siebziger Jahren wurden Dialekte zunehmend aus dem Unterricht verbannt und auch Eltern sprechen weniger Dialekt mit ihren Kindern um ihnen spätere Schwierigkeiten in der Schule zu ersparen. 24 Bis in die heutige Zeit ist eine negative Einstellung zum Dialekt vertreten. Seit einigen Jahren scheinen sich die Menschen auf den Wert der niederdeutschen Sprache zu besinnen. Lesungen, Gottes- 21 Vgl.Bulicke (1979) S.15 f.
22 Reershemius (2004) S. 26
23 Ebd. S. 27
24 Vgl. Reershemius (2004)
2 Niederdeutsch 12
dienste, Medien, Immersionsunterricht in der Schule und viele andere Projekte im öffentlichen Leben versuchen die Varietät wieder ins gesellschaftliche Leben zu rücken. 25
2.2 Der Ort Osteel
Die Aufzeichnungen wurden in Osteel gemacht. Der Ort liegt etwa 20 Kilometer nordöstlich von Emden in der Samtgemeinde Brookmerland. Vermutlich wurde der Ort nach der Julianenflut 1164 am Rande eines Hochmoores besiedelt. Die Siedler betrieben hauptsächlich Landwirtschaft. Das bedeutendste Bauwerk ist die Warnfriedkirche, die im 13. Jahrhundert gebaut wurde. Osteel gehörte Anfang des 19. Jahrhunderts einige Jahre zu Holland. Der Ort hat eine Grundschule, eine Bäckerei und zwei Elektrogeschäfte. Einkäufe, Arztbesuche und ähnliche Dinge werden im Nachbarort oder in der zehn Kilometer entfernten Stadt Norden gemacht. Die Region lebt heute überwiegend vom Tourismus. Viele ältere Gäste verschlägt es hierher um ihren Lebensabend nahe der Küste zu verbringen. Das hat natürlich auch Folgen für das Niederdeutsche in der Region.
2.3 Phonetische Merkmale im Ort Osteel 26
Das Vokal Inventar hat elf qualitative Oppositionen. Es gibt neun Primärvokale: /i e ä a |Xn'UHL9RNDOHHUVFKHLQHQQXULQGHU.XU]IRUPHXQG|9RQGLHVHQ
HUVFKHLQW/ lediglich in unbetonter Position, während /e/ nur in betonter Position vorkommt. Die anderen Vokale haben Längenposition. Die offenen Phoneme /a ä å/ zeigen Längenposition ohne qualitative Unterschiede: al = [al] ÃschonµXQGaal = [a7O@ÃDOOHµ ÃDOOHVµ'LHJHVFKORVVHQHQ3KRQHPHLXKDEHQDOWHUQLHUHQGHTXDOLWDWLYH5HDOLVLHUXn- gen,die mit Länge korrelieren, wobei die kurzen Laute zentraler sind: [i] - [I], [y] ± [Y], [u7] - >8@]XP%HLVSLHOLLV >LV@ÃEisµLV >Is@Ãistµ(VJLEW]ZHL]XVlW]OLFKH9RNDOH Der erste ist [o7] und ist Teil des Diphthongs [ooi], der zweite ist [e7] und kann als langes Phonem /ee/ betrachtet werden. Es erscheint jedoch nur in Stammpositionen vor /r/ reern ÃZHLQHQµ peern ÃBirnenµ eerst Ãerstµ'HU .RQVRQDQWUGDJHJHQ ZLUGLQQLFKW- vokalischerPosition als ein zentraler Kurzvokal [ß] realisiert: [hã7ß@ håår Ã+DDUHµ'LH Teilassimilation von /ee/ = [e7] zu [ß@ führt zu einem geschlossenen, mittellangen Vokal
25 Vgl. Isaksson Biehl (1999); Janssen (2006)
26 Vgl. Reershemius (2004) Kapitel 3
2 Niederdeutsch 13
von zentraler Färbung , zum Beispiel [e b ]. Der daraus resultierende Hiatus wird oft durch einen subtilen Gleitlaut [ j ] überbrückt: [Re j ßn], [Re j ßn] ,[ Re7ßn] reern ÃZHLQHQµ
2.3.1 Kurzvokale i [I] fis µ)LVFKµin ¶LQµ e [0] helpn ÃKHOIHQµdenkn ÃGHQNHQµ ä [æ] rächt ÃULFKWLJµwäch ÃZHJµ a [a] gat Ã/RFKµzant Ã6DQGµ ü [Y] lücht Ã/LFKWµzüst© Ã6FKZHVWHUµ ö [°] fröst Ã)URVWµför ÃIUµ [] ak© Ã)HOG¶g©]XQW ÃJHVXQGµhimm©O Ã+LPPHOµ
u [] ful ÃYROOµ, hunt Ã+XQGµ
å [ã] zålt Ã6DO]µmåkn ÃPDFKHQµ
2.3.2 Langvokale
ii [i7] biitn ÃEHLHQµriik ÃUHLFKµ
ee [e7, e b ] leern ÃOHUQHQµpeern Ã%LUQHQµ
ää [æ7] säär Ã6FKPHU]µwään ÃVHLQµ
aa [a7] taan Ã=DKQµaam Ã$UPµ
üü [y7] füür Ã)HXHUµlüü Ã/HXWHµ
uu [u7] uut ÃDXVµduuw Ã7DXEHµ
åå [ã7] fnnG© Ã9DWHUµschkååp Ã6FKDIµ
2.3.3 Diphthonge und Triphthonge
Ostfriesisches Niederdeutsch hat ein erstaunlich großes Inventar an Diphthongen und Triphthongen. Es gibt insgesamt 17 Diphthonge und 2 Triphthonge. Die größte Gruppe zeichnet sich durch die Tendenz von vorderen, offenen-mittleren und offenen sowie von hinteren Positionen hin zu einer vorderen geschlossenen Position /i/ aus. ei [0I] zei ÃVDJWHµdei ÃWDWµkreign ÃEHNRPPHQµ
2 Niederdeutsch 14
eäi >0 I] kneäi Ã.QLHµneäi ÃQHXµ öL >°I] kö©LÃ.XKNDOEµWU|©LÃ3XOORYHUµP|©L ÃPGHµ
äi [æI] zäi ÃVLHµdäi ÃGHUGLHµzäin ÃVHKHQµbäin Ã%HLQµ ai [aI] daist WXVW¶tain ]HKQ¶ aai [a:I] baaint ÃEHLGH¶zaain ÃVlKHQ¶aai Ã(L¶ ui [uI] luintj©n ÃHQW]QGHQµpluntj©n ÃSODQWVFKHQµ
ooi [o7I] mooi ÃKEVFK¶nooit ÃQLH¶
Parallel zu dieser Formation gibt es eine andere Gruppe von Diphthongen, die zur geschlossenen hinteren Position /u/ tendieren und ihren Ausgangspunkt bei den vorderen offenen-mittleren, offenen und hinteren offenen-mittleren Vokalen haben.
au [a] gau ÃVFKQHOOµ
aau [a7] haaun ÃVFKODJHQ¶
ou [o@ boum Ã%DXP¶ouk ÃDXFK¶
Eine weitere Gruppe von Diphthongen beginnt in geschlossenen und offenenmittleren Positionen und endet im Zentrum.
L >L@ ILHOL©FKW ÃYLHOOHLFKWµGL©FKW ÃGLFKWJHVFKORVVHQµ
>\@ ]©Q Ã6RQQHµVFKW©HQ Ã6WXQGHµO©WM© ÃNOHLQµ | >°@ EU|© Ã%UXGHUµ]|©OQ ÃVROOHQµ X >X@ WX©QJ Ã=XQJHµZX©QÃ:XQGHµ
n [ã@ n©O ÃDOWµNn©O ÃNDOWµ
Schließlich gibt es drei weitere Diphthonge.
eä [0 @ neäs Ã+LQWHUQµ iä [iæ] ziägn ÃVDJHQµziäs ÃVHFKVµ
öü [°Y] löüm ÃJODXEHQµföült ÃIKOWµ
2 Niederdeutsch 15
2.3.4 Konsonanten
Verschlusslaute ± bilabial /p, b/, alveolar /t, d/ und velar /k, g/ ± zeigen Stimmposition in vorvokalischer Position:
p [p] piip Ã3IHLIHµ t [t] tiit Ã=HLWµ k [k] köükn Ã.FKHµ b [b] bäin Ã%HLQµ d [d] däil Ã7HLOµ g [g] geil ÃJHOEµ
Normalerweise gibt es nur stimmlose Verschlusslaute in finaler Position, aber Stimmhaftigkeit wird in Positionen beibehalten, die vokalische Flexionsendungen ersetzen.
2.3.5 Frikative f [f] föüg©OÃ9RJHOµ|I©O ÃEHOµ w [v] wulf Ã:ROI¶duuw Ã7DXEH¶ s [s] fis Ã)LVFK¶ z [z] zant Ã6DQGµ ch [x] houch ÃKRFKµ lücht Ã/LFKWµwäch ÃZHJµ ch [ç] tüüch Ã=HXJ¶heich Ã+HFNH¶
sch [] schtåån ÃVWHKHQµ
h [h] häit ÃKHLµ
2.3.6 Andere Konsonanten tj [tç] kluintj© Ã.DQGLV]XFNHUµ
[t] pluintj©Q ÃSODQWVFKHQµ
ts [ts] tsöümtich ÃVLHE]LJµ j [j] jung ÃMXQJµ
2 Niederdeutsch 16
m [m] man Ã0DQQµ n [n] rin ÃUHLQµnacht Ã1DFKWµ ng, nk >¾@ ring Ã5LQJµ l [l] lååtn ÃODVVHQµ r [r, R] rouk Ã5DXFKµ
Arbeit zitieren:
Frank Jakobs, 2008, Code-Switching zwischen Niederdeutsch und Standarddeutsch in einer ostfriesischen Familie, München, GRIN Verlag GmbH
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