1. Einleitung
Am ersten September des Jahres 100 n. Chr. tritt der Senator Gaius Plinius Caecilius Secundus, kurz Plinius der Jüngere, im Alter von 38 Jahren das Amt des Suffektkonsulats an und krönt somit seine außergewöhnliche und bemerkenswerte Ämterlaufbahn. Aus diesem Anlass hielt er, dem Brauch entsprechend und im Namen des Staates, an seinem ersten Amtstag vor dem vollständig versammelten Senat von Rom und dem ebenfalls anwesenden Kaiser Marcus Ulpius Trajanus eine Dankesrede, die uns als Panegyrikus überliefert ist. 1 Um ein Grundverständnis der literarischen Gattung „Panegyrikus“ zu schaffen, soll eine kurze Definition hilfreich sein: in der Spätantike wird der Panegyrikus als eine Lobrede auf den Kaiser bezeichnet. Dabei sollte man dennoch unterscheiden, dass der Begriff Panegyrikus nicht jeden Text lobenden Inhalts integriert, sondern ihn auf das Lob gesellschaftlicher Instanzen (z.B. Städte) festlegt. Lobreden können oft auch Tadelreden sein, da sie das Gegenbild darstellen, um das Ideal zu verdeutlichen. Auf diese Weise verurteilt auch Plinius mit dem Lob an Trajan den ehemaligen Kaiser Titus Flavius Domitianus. 2 Die klassische Rhetorik fasst alle lobenden und tadelnden Prosagattungen zum genus demonstrativum, also zu Gelegenheitsreden (Begrüßung, Abschied, Feier, Tod) zusammen. Der klassische Panegyrikus hingegen wird mehr zur Gattung der Beratungsrede gezählt, da er ein politisches Ziel verfolgt 3 : zum Beispiel kann das Lob tadelloser Herrscher als Lehre für schlechte Kaiser dienen. Außerdem kann der Panegyrikus auch in materieller Hinsicht als Bitte für ein Gemeinwesen oder eine einzelne Person aufgefasst werden. 4 Besonders für die Darlegung der Herrschaft Trajans zählt der Panegyrikus des Plinius zu den wichtigsten und wenigen Quellen für die Jahre 96- 100 n. Chr. . Da es sonst nur eine sehr lückenhafte Überlieferung dieser Zeit gibt, gewinnt die Rede unter anderem wegen der vielfältigen historischen und programmatischen Anspielungen und Hinweisungen somit automatisch an Bedeutung. 5 Auch wenn man durch den Verfasser, den Adressatenkreis und die Themen einen Einblick in grundlegende Probleme seiner Zeit bekommt, wie zum Beispiel das Verhältnis des Kaisers zur Senatsaristokratie, wirft der Panegyrikus einige Fragen auf 6 : Welche Zwecke erfüllte Plinius mit seiner prunkvoll ausgefeilten Rede? Sollte sie Teil kaiserlicher Propaganda sein? Oder war diese Lobrede als politisches Programm der Senatsopposition gedacht? Was hält Plinius selbst für die Funktion seiner Rede und wie
1 Vgl. Kühn, Panegyrikus, 1
2 Vgl. Schowalter, The Relationship, 58
3 z.B. auch Isokr. paneg.
4 Vgl. Dingel, Panegyrik, 242- 243
5 Vgl. Strobel, Zu zeitgeschichtlichen Aspekten, 9
6 Vgl. Häfele, Historische Interpretationen,1
3
wollte er verstanden werden? Um diesen Fragen eine Antwort zu geben, sollen im ersten Teil dieser Arbeit zunächst Inhalt und Aufbau untersucht werden. Im zweiten Teil, im Kern der Arbeit, wird unter anderem durch die Briefe 3,13, 3,18 und 6, 27 des Plinius, in denen er sich selbst zu seiner Lobrede äußert, die Funktion des Pangyrikus erarbeitet.
2. Hauptteil
2.1 Panegyrikus des Plinius auf den Kaiser Trajan
2.1.1 Redesituation
Während der Regierungszeit Trajans, Januar 98 bis 117 n. Chr., übernahmen im Jahre 100 zwei nachgerückte Konsuln das Amt des Suffektkonsuls. Normalerweise wurden römische Magistrate für die Dauer eines Jahres gewählt. Wenn jedoch ein Magistrat schon vor Ende seiner Amtszeit ausschied oder sogar starb, musste ein Suffektkonsul gewählt werden. Das heißt, ihre Amtszeit betrug nicht länger als vom 1. September bis zum 31. Oktober des Jahres 100, um dann wieder einem neuen Paar für die letzten zwei Monate des Jahres den Weg frei zu machen. 7
Nun verlangt ein Senatsbeschluss, dass einer der beiden Konsuln eine Rede in Form einer Danksagung, gratiarum actio, vor dem vollständig versammelten Senat vorträgt, indem er gute Kaiser lobt, und schlechte hingegen darauf aufmerksam macht, was sie eigentlich leisten sollten. 8 Es gab schon zahlreiche Prozess- und Senatsreden des Plinius, in denen er seine tiefgründigen rhetorischen Fähigkeiten mit Erfolg einsetzen konnte und die auch veröffentlicht wurden. Die Bestätigung dafür, dass Plinius auch diese Rede gelungen war, zeigt sich in seiner weiteren Laufbahn als Mitglied des kaiserlichen consilium (Ratsversammlung) und seiner Sonderstatthalterschaft. 9
Vor allem die von Plinius gewählte Form des Panegyrikus, die er an drei aufeinander folgenden Tagen aus seiner Schrift vorgetragenen hatte, fand großen Beifall. Erstmals gab es in Rom eine Lobrede mit literarischem Anspruch und im Umfang eines ganzen Buches, welches dem regierenden Kaiser gewidmet ist. Außerdem ist der Panegyrikus, im Gegensatz zu seinen vielen Prozess- und Senatsreden, nicht nur veröffentlicht worden, sondern auch in seiner erweiterten Form, welche Plinius unmittelbar nach seinem Vortrag im Jahre 101 in schriftlicher und überarbeiteter Form publizierte, erhalten geblieben. 10 Bei dieser Überarbeitung begrenzte Plinius sich nicht nur auf seine eigene Meinung, sondern fragte nach
7 Vgl. Kühn, Panegyrikus, 1
8 Vgl. Plin. paneg. 4,1
9 Vgl. Ronning, Herrscherpanegyrik, 129
10 Vgl. Seelentag, Taten und Tugenden Trajans, 214
4
Kritik, indem er zum einen die Rede im Freundeskreis vortrug und zum anderen auch in Form von Briefen, indem der den Text verschickte. 11 Jedoch kann aus dem uns erhaltenen Text nicht mehr auf das Ausmaß der im Nachhinein hinzugefügten Ergänzungen geschlossen werden. 12
2.1.2 Inhalt und Aufbau
Der Panegyrikus, so wie er uns überliefert wurde, besteht aus fast hundert in lateinischer Sprache verfassten Seiten. Wenn man ihn in einer beeindruckenden Art und Weise, das heißt einschließlich Pausen, vortragen würde, würde man mit Sicherheit fünf Stunden dafür brauchen. Jedoch ist und bleibt es unmöglich herauszufinden, was die originale Rede enthielt und was im Nachhinein hinzugefügt wurde. 13
Aus der Dankesrede ist zu entnehmen, dass sie sich eigentlich an drei verschiedene Adressaten wendet: Ziemlich zu Beginn der Rede spricht Plinius die Senatoren an 14 , im Anschluss erfolgt die Anrufung Jupiters 15 . Erst einige Zeit später wendet sich der Redner dem Princeps zu 16 .
Der Panegyrikus des Plinius auf den Kaiser Trajan besteht insgesamt aus sechs großen Teilen: die Einleitung (1- 4a), Trajans Werdegang (4b- 23), seine Regierungstätigkeit (24- 55), Trajans drittes Konsulat (56- 80), Privatleben (81- 89) und Plinius’ persönliche Danksagung (90- 93). Als siebter Teil kommt schließlich noch der Schlussteil (94- 95) mit dem Gebet an Jupiter hinzu.
Plinius eröffnet seine Rede mit einem Gebet, da er es als guten und weisen Brauch ansieht, um überhaupt Erfolg haben zu können. Dass seine Danksagung keineswegs etwas mit Schmeichelei zu tun habe, betont er gleich im Anschluss. Außerdem soll darauf geachtet werden, dass keine Bemerkungen über Trajan gemacht werden, die man auch über einen anderen Princeps hätte machen können: „Ich für meinen Teil werde mich bemühen, meine Rede abzustimmen auf des Princeps persönliche Bescheidenheit und seinen Sinn für das rechte Maß, und werde gegeneinander abwägen, welches Lob seinen Leistungen gebührt und welches Lob seine Ohren ertragen können.“ 17
Im letzten Punkt der Einleitung geht Plinius auf den Senatsbeschluss ein und bezeichnet ihn als eine feierliche, bindende Verpflichtung, um den „Vater“ in Form einer Danksagung zu
11 Vgl. Fell, Optimus Princeps, 13
12 Vgl. Fell, Optimus Princeps, 14
13 Vgl. Kennedy, The Art of Rhetoric, 545
14 Plin. paneg. 1,1
15 Plin. paneg. 1,6
16 Plin. paneg. 4,3
17 Plin. paneg. 3,2
5
Arbeit zitieren:
Nicole Kumpfmüller, 2009, Der Panegyrikus des jüngeren Plinius auf den Kaiser Trajan, München, GRIN Verlag GmbH
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