Inhaltsverzeichnis
1 Kinder brauchen Geschichten 3
2 Theoretische Grundlagen des mündlichen Erzählens 4
2.1 Erzählen als gesellige Praxis 4
2.2 Geschichten erfinden 5
2.3 Funktionen des mündlichen Erzählens. 6
2.3.1 Lebensbewältigung 6
2.3.2 Sprachförderung 7
2.3.3 Soziales Lernen 8
2.3.4 Persönlichkeitsbildung 9
2.4 Bezug zum Lehrplan und den Bildungsstandards 10
2.4.1 Lehrplan für die Grundschulen in Bayern. 10
2.4.2 Bildungsstandards im Fach Deutsch. 11
3. Didaktische Vorüberlegungen. 12
3.1 Situation in der Klasse. 12
3.2 Die Sage im Deutschunterricht der Grundschule 13
3.3 Zielvorstellungen einer lebendigen Erzählkultur. 14
3.3.1 Rahmenbedingungen. 14
3.3.2 Ziele 15
3.4 Vorbemerkungen zur geplanten Sequenz 16
4. Praktische Durchführung 18
4.1 Überblick über die Sequenz 18
4.2 Darstellung ausgewählter Unterrichtseinheiten 19
4.2.1 Wir lernen „die Sage“ kennen. 19
4.2.2 Unsere Sagenfiguren 21
4.2.3 Unser Schulhaus ist „Sagen-haft“ 23
4.2.4 Geschichtenwanderung 26
5. Resumée 28
6 Literaturverzeichnis 30
7 Anhang 32
2
1 Kinder brauchen Geschichten
Es war einmal…
Diese Einleitungsformel weckt Neugier, Erwartung und Vorfreude. Immer wenn jemand beginnt, eine Geschichte zu erzählen, können wir beobachten, wie Kinder mit leuchtenden Augen gespannt und mit größter Konzentration den Ausführungen lauschen. Geschichten wecken eine tiefe Sehnsucht - nach magischen Abenteuern, nach einer klar geordneten Welt, in der Gut und Böse auf ihre rechten Plätze verwiesen werden, nach Rhythmus und Ruhe und dem Prozess des Erzählens und Zuhörens. Kinder brauchen Geschichten - und zwar mündlich, frei und lebendig erzählte Geschichten…
Leider ist bei uns in Mitteleuropa die Tradition des Geschichtenerzählens großenteils verloren gegangen. Nur in wenigen Familien gibt es noch jemanden, der Geschichten auswendig erzählen kann; oft wird nicht einmal mehr vorgelesen. Entsprechende Probleme bereitet vielen Kinder schon das Widergeben von Erlebtem, mehr noch das Erfinden von fantasievollen, eigenen Geschichten. Aus diesem Grund sollte in der Schule versucht werden, dem entgegenzusteuern und die Erzählressourcen aller Kinder - so versteckt sie auch sein mögen - herauszulocken, aufzugreifen, zu unterstützen und zu fördern.
Ein Besuch eines Erzählseminars beim Bayerischen Rundfunk in München weckte mein Interesse am Geschichtenerzählen, woraus die Idee für die vorliegende Arbeit entstand. Ein halbes Jahr beschäftigte ich mich in einer 4. Klasse mit Sprech- und Hörerziehung, dem freien Sprechen vor der Gruppe und vielfältigen Methoden der Erzählpraxis im Unterricht. Als übergeordnetes Ziel setzte ich mir, eine gesellige und lebendige Erzählkultur in der Klasse zu entfalten. Die Ausführung der gesamten Erzählsequenz würde den Rahmen der Arbeit sprengen, weshalb ich mich für die Darstellung einer Teilsequenz entschieden habe, die ich als interessant und wichtig für meine Arbeit einstufe und die in der Literatur bisher nicht thematisiert wurde.
Nachdem ich anfangs die theoretischen Grundlagen des mündlichen Erzählens, zentrale Begriffe und didaktische Vorüberlegungen geklärt habe, werde ich den
3
Schwerpunkt meiner Arbeit - das „gemeinsame Erfinden von Sagen“ - in seiner Sequenz erläutern und reflektieren.
2 Theoretische Grundlagen des mündlichen Erzählens
2.1 Erzählen als gesellige Praxis
Welches Erzählen ist hier gemeint? In der Literatur finden sich verschiedene Definitionen des Begriffs. In meiner Arbeit möchte ich mich auf die Bezeichnung „Erzählen als gesellige Praxis“ 1 - wie CLAUS CLAUSSEN es nennt - stützen. Beim so genannten `geselligen Erzählen` ist das Erzählen selbst der Lerngegenstand. Es ist eine eigene Form des Erzählens und unterscheidet sich vom monologischen Erzählen - eine Person erzählt den anderen eine Geschichte - und vom dialogischen Erzählen - zwei oder mehrere Personen erzählen sich wechselseitig Geschichten. „Erzählen als gesellige Praxis ergänzt beides um eine weitere Form, nämlich das gemeinsame Ausdenken, Erfinden und Erzählen einer Geschichte.“ 2
Mündliches Erzählen als gesellige Praxis schließt die gesamte Erzählrunde -Erzählende und Zuhörende - mit ein, denn Erzählen und Zuhören sind untrennbar miteinander verbunden.
In diesem didaktischen Konzept kommt es nicht auf fertig vorgegebene Erzählanleitungen an, sondern vielmehr auf einen geeigneten offenen Rahmen mit wenigen definierten Merkmalen und einem angemessenen Raum zum Ausgestalten. Nur so ist es möglich, die vielen spontanen Einfälle der Kinder aufzunehmen und zu integrieren.
CLAUSSEN fordert, dass das „Erzählen als gesellige Praxis als aktiver und offener Bereich einer narrativen Unterrichtskultur in der Grundschule verankert und entfaltet werden sollte, und zwar mit dem Ziel authentischer Textproduktion: Kinder und Lehrerin oder Lehrer schaffen erzählend etwas Originales, etwas Neues, was es vorher nicht gab.“ 3 Die Lehrkraft fungiert dabei als Initiator, die mit den Kindern gemeinsam einen offenen Lernprozess durchläuft und die vielfältigen Ideen, Ansätze
1 Claussen/Merkelbach, Erzählwerkstatt, S. 35
2 Claussen/Merkelbach, ebd., S. 35
3 Claussen/Merkelbach, ebd., S. 36 f
4
und Wege des kindlichen Erzählens mit geeigneten Mitteln und angemessenem Verhalten unterstützt.
Die Praxiswege, die zu authentischer Textproduktion führen sollen, sind prozessorientiert, das heißt, in ihnen wird das Hauptaugenmerk auf den Prozess des „freien Ausdenkens, des Miteinandersuchens, -findens und -aushandelns, des kreativen Fantasierens und gemeinsamen Erzählens, auf die Entwicklung der inneren Bilder und der Fabulierlust“ 4 gelegt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass das Produkt des Erzählens - vor allem für die Kinder - von gleichwertiger Bedeutung ist.
Das Ziel beim geselligen Erzählen ist das Entstehen authentischer, von den Kindern selbst hervorgebrachter Geschichten, in denen ihr jeweiliges Sprachvermögen zum Ausdruck kommt. Anfänglich werden keinesfalls perfekte Geschichten erwartet, sondern es werden erste Schritte in Richtung authentischer Textproduktion vollzogen.
2.2 Geschichten erfinden
Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist das eigenständige Geschichtenerfinden der Kinder. Dies sind Geschichten, die es vorher so noch nicht gab, obwohl einem vieles in diesen Geschichten irgendwie bekannt vorkommt. In jedem Kind schlummern Geschichten. Ihr Inhalt sind eigene Erlebnisse aus Alltag, Schule, Familie oder den Ferien; aber auch Träume, Wünsche und Vorstellungen gehören zum Stoff der Kindergeschichten. Sie vermischen sich mit inneren Bildern, Fantasien und Zitaten aus Büchern, Film und Fernsehen. Durch „Reisen im Kopf“ und die Verwendung von fundamentalen Strukturelementen, Mustern, Einleitungs- und Abschlussformeln sowie formelhaften Redewendungen entstehen prozesshaft Geschichten. 5 Es handelt sich hier um eine kreative Neuschöpfung von Geschichten: „Erzählende Kinder erscheinen als `sich eigenaktiv selbst konstruierende Wesen`.“ 6
4 Claussen/Merkelbach, a.a.O., S. 37
5 vgl. Claussen, Mit Kindern Geschichten erzählen, S. 62 f
6 Claussen, ebd., S. 62
5
Erfinden meint oft eine neue oder andere Kombination von bereits Bekanntem. In diesem Zusammenhang bezieht es sich auf neue, originale Geschichten, die Kinder sich ausdenken.
Erfundene Geschichten bleiben, trotz ihrer literarischen Verfremdung und ihrer unrealistischen Begebenheiten, die Geschichten ihres Erzählers. Daher ist zu berücksichtigen, dass die Übergänge vom autobiographischen Erzählen zum kreativen und bewussten Fabulieren immer fließend sind. 7
2.3 Funktionen des mündlichen Erzählens
2.3.1 Lebensbewältigung
„Geschichtenerzählen ist für Kinder elementare Sinnsuche und Weltbewältigung.“ 8 CLAUSSEN vertritt die Ansicht, dass beim Zuhören und Erzählen alle Beteiligten entlastet werden, indem sie Freude, Ängste, Hoffnungen, Glück und Leid mit anderen teilen. Dies ermöglicht die Verarbeitung von zunächst subjektiv empfundenen Ereignissen und Gedankengängen in der Gemeinschaft und eröffnet zugleich Zugänge zu fremden und fernen Ereignissen und Erlebnissen, die man `Welterfahrungen` nennt. 9 Über eigene ausgedachte Geschichten ist es Kindern möglich, Geschehnisse des Alltags zu verarbeiten und in anderer Form auszudrücken.
Geschichten malen musterhaft Situationen aus, mit denen aufwachsende Kinder konfrontiert sind. Sie bebildern ihre Wünsche und Ängste, zeigen Krisen und führen zu Lösungen. Damit können sie Orientierung im Leben bieten. Da Geschichten immer von menschlichen Handlungen berichten, auch da, wo Gegenstände oder Tiere die Helden darstellen, werden den Kindern so etwas wie Handlungsmodelle vor Augen geführt. Gerade weil diese Modelle die kindliche Handlungsfähigkeit fast immer übersteigen, erweitern sie das Repertoire denkbarer Handlungen und lehren über symbolische Handlungen die Zusammenhänge der Welt, in der wir leben,
7 vgl. Claussen/Merkelbach, a.a.O., S. 20
8 Claussen, a.a.O., S. 11
9 vgl. Claussen, a.a.O., S. 11
6
Arbeit zitieren:
Kathrin Doeppner, 2008, Lebendige Erzählkultur in der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Lesen und schreiben lernen im Anfangsunterricht des Faches Deutsch - E...
Examensarbeit, 150 Seiten
Historisches Lernen im Sachunterricht der Grundschule
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Hausarbeit, 10 Seiten
Historischer Sachunterricht in der Schule
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Hausarbeit, 22 Seiten
Historisches Lernen im Sachunterricht
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Hausarbeit, 17 Seiten
Kathrin Doeppner's Text Lebendige Erzählkultur in der Grundschule ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Kathrin Doeppner hat den Text Lebendige Erzählkultur in der Grundschule veröffentlicht
Kathrin Doeppner hat einen neuen Text hochgeladen
Gemeinsame Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizeri...
Supplement 3, Band 30
M. F. Fey
10 Jahre Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre / 10 Years Join...
Dokumentation der Jubiläumsfei...
0 Kommentare