Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Erinnerung und Gedächtnis 4
2.1. Gedächtnistheorie nach Maurice Halbwachs. 4
2.2. Kulturelles Gedächtnis nach Jan Assmann 6
2.3. Theoretische Zusammenfassung 8
3. Ich erzähle 10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen 10
4. Schlussbetrachtung 15
5. Bibliografie 17
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1. Einleitung
Maurice Halbwachs, französischer Soziologe und Philosoph, hat entscheidend zur Ausarbeitung des kollektiven Gedächtnisses beigetragen und vorangestellt, was seit den 90er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wieder im Mittelpunkt, besonders der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, steht: Die Frage nach dem kollektiven Gedächtnis, dessen zentrale Gesichtspunkte und die Vorraussetzungen zur Ausbildung eines solchen Erinnerungsvermögens. Halbwachs hat seine Theorie des La memoire collective (1950) im Zuge der medialen Neuerungen und Krisen der 1920er und 1930er Jahre begründet. Nun ist es nicht verwunderlich, dass in den 1990er Jahren, maßgebend ist die Erfindung des Computers und die Digitalisierung der vorhandenen Medien, erneut ein Bedürfnis zur Thematisierung des kollektiven Gedächtnisses hervorbricht. Jan Assmann, Ägyptologe und Kulturwissenschaftler, beschreibt in seiner Studie Das kulturelle Gedächtnis (1992): „ Seit einigen Jahren erleben wir die Virulenz des Themas Gedächtnis und Erinnerung. Vor ungefähr 10 Jahren hat es begonnen, […] das wir eine Epochenschwelle überschreiten [und mit den neuen elektronischen Medien externer Speicherung (und damit: des künstlichen Gedächtnisses) eine kulturelle Revolution erfahren].“ 2 Film spielt als hier beschriebenes elektronisches Medium eine bedeutende Rolle. Hier möchte ich ansetzen und an einem ausgewählten Beispiel untersuchen inwieweit sich filmisch inszenierte Erinnerungen auf die Theorien des kollektiven Gedächtnisses beziehen lassen. Hierzu werde ich die Studien zum kollektiven Gedächtnis von Maurice Halbwachs und Jan Assmann als Grundlage nutzen. Als Beispiel habe ich den 2006 erschienenen Film 10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen ausgewählt. Beginnend mit einer Erläuterung der jeweiligen Theorien wird im zweiten Teil eine Zusammenfassung folgen, wo sich die Frage anschließen wird, ob Film als Medium hier eine Schnittstelle zwischen individuellem und kollektivem
1 Görtz, K.: Die Suche nach Identität. Erinnerung erzählen im Spielfilm. Gardez Verlag, Remscheid 2007, S. 128.
2 Assmann, J.: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. C.H. Beck Verlag, München 2008, S. 11.
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Gedächtnis bilden kann. Diese Fragestellung werde ich im dritten Teil an meinem Beispiel erarbeiten. Abschließend werde ich betrachten ob filmisch inszenierte Erinnerungen überhaupt auf Theorien des Gedächtnisses anwendbar sind.
10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen erzählt die Geschichte eines Stammesmitgliedes der Aborigines. Abgesehen von meinen Fragestellungen, möchte ich die Erzählung innerhalb des Filmes untersuchen, betrachten inwieweit der Film über die gesprochene Ebene hinaus erzählt und ob der Film mich durch seine Erzählstruktur verwirrt. Überlegungen die man in vielen Filmen platzieren könnte, aber 10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen beginnt mit einer ausdrücklichen Ankündigung: eine Geschichte werde ich Ihnen erzählen, nicht ihre Geschichte, meine Geschichte.
2. Erinnerung und Gedächtnis
2.1. Gedächtnistheorie nach Maurice Halbwachs
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Phänomen der Erinnerung zur Darstellung gesellschaftstheoretischer Zusammenhänge herangezogen und löste sich somit aus dem Bereich der Psychologie und Philosophie. Nun nicht mehr lediglich Gegenstand psychologischer Untersuchungen, wird die Erinnerung vom einzelnen Individuum gelöst und als kollektive soziale Erscheinung angenommen. Kulturelle Zusammenhänge werden nun selbst einem Gedächtnis zugeordnet. 3
Maurice Halbwachs nimmt hierbei eine entscheidende Rolle ein: in seiner Schrift Les cadres sociaux de la mémoire (1925) entwirft er eine Theorie, die Erinnerung nun nicht mehr als rein individuell betrachtet, sondern immer gekoppelt an ein Kollektiv sieht. Daraus folgt das Erinnerung erst dann erfahrbar wird, wenn sie erzählt oder mit anderen geteilt wird. 4 Seine Hauptthese lautet somit, dass individuelle Erinnerung immer sozial bedingt ist. Weiterhin führt er aus, dass nur die unmittelbare Wahrnehmung ein individuelles Phänomen ist. Weiterführende Versuche, dieser Wahrnehmung Ausdruck zu verleihen, führen sofort in ein gesellschaftliches Rahmenmuster. 5 Er beschreibt dies anhand eines Beispiels: Träumen vollzieht sich in kompletter Isolation. Wird der Traum rekapituliert oder an andere
3 Pethes, N.: Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2008
4 Erll, A.: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Metzler Verlag Stuttgart, Weimar 2005
5 Halbwachs, M.: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Nachdruck. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2006
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weitergegeben, bedient man sich dem Kommunikationsmedium der Sprache und bedingt einen sozialen Prozess. 6
Ein Individuum kann sich nur mithilfe eines sozialen Rahmens erinnern. An dieser Stelle entsteht ein theoretisches Problem. Nicolas Pethes schreibt in seiner Schrift Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien zur Einführung (2008), dass unsere individuelle Erinnerung an andere individuelle Erinnerungen gebunden ist. Entsprechend der Theorie von Halbwachs kann aber niemand über alleinige individuelle Erinnerungen verfügen. 7 Diese Problemstellung möchte ich später noch einmal aufgreifen.
Um nun meine Fragestellung aufzunehmen, ob Film eine Schnittstelle zwischen kollektiven und individuellen Gedächtnis bilden kann, bedarf es einer Klärung dieser beiden Begrifflichkeiten aus der Position Halbwachses heraus. Individuelles Gedächtnis beschreibt er als unmittelbaren Sinneseindruck oder Wahrnehmung, dem noch keine Deutung nachgeht. 8 Stellen wir uns vor, wir gehen spazieren und sehen einen alten Mann auf einer Bank sitzen, der eine Zigarette raucht. Das ist unsere individuelle Wahrnehmung. Wenn wir nun unserer Freundin von diesem alten Mann erzählen, werden diese individuellen Erinnerungen zu kollektiven Wahrnehmungen, da wir uns der Sprache bedienen und ein soziales Speichermedium benutzen. Halbwachs sieht zwischen dem kollektiven und dem individuellen Gedächtnis eine Wechselbeziehung. Erst durch das kollektive Gedächtnis wird das individuelle erfahrbar. Er schreibt, dass sich ein Individuum erinnert, indem es sich auf den Standpunkt einer Gruppe bezieht, sich das Gedächtnis der Gruppe verwirklicht und in dem individuellen Gedächtnis offenbart. 9 Weiter schreibt er, dass erst über individuelle Erinnerungen das kollektive Gedächtnis beobachtbar wird, denn jedes individuelle Gedächtnis bildet einen Ausblick auf das kollektive Gedächtnis. 10 Zusammenfassend heißt das, dass nicht die Erinnerung an sich das Individuelle ist, sondern die verschiedenen sozialen Kombinationen und die daraus resultierenden verschiedenen Erinnerungen und deren Inhalte, bilden das Individuelle was uns Menschen voneinander unterscheidet. Die Wechselbeziehung der beiden Gedächtnisse sieht somit vor, dass jeder Mensch abhängig von dem kollektiven Gedächtnis ist, um seinen Erinnerungen Ausdruck zu geben. Das Problem der Abhängigkeit von individuellen Erinnerungen zu dem kollektiven Gedächtnis löst Pethes, indem er behauptet, dass die Bezugsrahmen der Erinnerung nicht die jeweils einzelnen sind, sondern
6 ebd.
7 Pethes, N.: Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien zur Einführung. Junius Verlag. Hamburg 2008 8 Halbwachs, M.: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Nachdruck. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 2006 9 ebd. 10 ebd.
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Arbeit zitieren:
Anika Strümper, 2009, Erzähle mir vom kollektiven Gedächtnis, München, GRIN Verlag GmbH
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