Form : Referatsausarbeitung Seminar : TK Geschlechterforschung
Thema : Differenz und Geschlecht
Verfasser : Bisrat Wolday Datum : 15 03 2003
Inhaltsverzeichnis
1 Entwicklung feministischer Perspektiven in der Ethnologie 1
1.1 Entstehung der „Anthropology of Women“ 1
1.2 Die These der universalen Dominanz des männlichen Geschlechts 2
1.3 Kritik an der These der universalen Dominanz des männlichen
Geschlechts 5
1.4 Problematisierung des Begriffs „Geschlecht“ 5
2 Die Diskussion um Differenz 7
2.1 Die Infragestellung der universellen Kategorie „Frau“ 7
2.2 Feministische Ansätze in der Anthropology of Women 8
2.3 Der Differenzansatz 10
2.3.1 Differenz zwischen den Geschlechtern (differences between) 11
2.3.2 Differenz innerhalb der Geschlechter (differences within) 12
2.3.3 Differenz innerhalb von Individuen 13
3 Schluss 13
4 Literaturliste 1
Seminar : TK Geschlechterforschung Institut für Ethnologie
Datum : 15.03.2003
Entwicklung feministischer Perspektiven in der Ethnologie 1
In der Einleitung „Differenz und Geschlecht“ zum gleichnamigen Sammelband geben Brigitta Hauser-Schäublin und Birgitt Röttger-Rössler eingangs einen Rückblick auf die Entwicklung der feministischen Perspektiven in der Ethnologie. Diese kritische Auseinandersetzung mit den Theorien der Geschlechter-forschung dient ihnen vor allem dazu, sich von den bisherigen Erklärungsmodellen abzugrenzen und die Position des, von ihnen selbst vertretenen, Differenzansatzes zu veranschaulichen. Entsprechend dieser Reihenfolge möchte auch ich zunächst auf die Entwicklung feministischer Perspektiven in der Ethnologie eingehen, um über die Distanzierung von feministischen Thesen in der Ethnologie, den Bogen zur Erläuterung des Differenzansatz zu spannen.
Gemäß Hauser-Schäublins und Röttger-Rösslers Ausführungen entwickelte sich die ethnologischen Geschlechterforschung, ähnlich der Wandlung in Politik-, Kunst- oder Naturwissenschaften, von einem übergreifend geltenden Erklärungsmodel für Geschlechterrelationen, hin zu unterschiedlichen, im Widerspruch zu-einander stehenden Erklärungsentwürfen, welche nur noch partikuläre Gültigkeit besitzen. Die Autorinnen sehen zwar den Ursprung der Geschlechterforschung in den „politisch motivierten Frauenbewegung westlicher Industriestaaten“ 2 , weisen jedoch explizit darauf hin, dass sich die Verbindung zwischen Geschlechterforschung und politischer Frauenbewegung zwar nicht vollends gelöst, zumindest jedoch gelockert habe. Sie führen diesen Sachverhalt folgendermaßen aus:
1.1 Entstehung der „Anthropology of Women“
Die ethnologischen Forschung beschäftigt sich traditionell, neben dem Alter, auch mit dem Geschlecht als fundamentale, soziale Differenz. Zumeist begrenzte sich die Beschäftigung jedoch auf die Betrachtung „der Frau“ im Zusammenhang mit der Organisation von Heirat, Verwandtschaft und der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern in einer Gesellschaft. Zwar fanden demnach einige Aspekte des
2 Hauser-Schäublin/Röttger-Rössler, 1998, S. 8
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Thema : Differenz und Geschlecht
Verfasser : Bisrat Wolday
weiblichen Lebens keinen Eingang in die Ethnographien, jedoch untersuchte die traditionelle Ethnologie neben anderen sozialen Phänomenen, wie Verwandtschaft, Wirtschaft oder Religion auch immer die Rolle von Frauen. Im Unterschied zu anderen Fächern, wie der Philosophie oder Geschichte , bezog sich die feministische Kritik in der Ethnologie somit weniger darauf, Frauen in der Gesellschaft überhaupt zu Beachtung zu schenken. Es ging vielmehr um eine systematische Auseinandersetzung und Analyse des weiblichen Rollenspektrums, welche erst durch die erstarkende Frauenbewegung in den Sechziger Jahren angeregt wurde.
Einer der wichtigsten Angriffspunkte der Kritikerinnen war der männlich verzerrte Blick, der sogenannte male bias. Die neue „Ethnologie der Frauen“ (Anthropology of Women) formulierte ihre Kritik am male bias wie folgt: In die Auslegung der zu untersuchenden Gesellschaft, würde die männliche Voreingenommenheit unhinterfragt mit einfliesen. Der Blick für andere Konstellationen des Geschlechterverhältnisses und dessen Bedeutung, würde dem Ethnologen durch Vorstellungen und Annahmen verstellt, welche er aus der eigenen Erfahrung mitbringe. Außerdem nähmen Ethnologen wie auch Ethnologinnen hauptsächlich die Hilfe von männlichen Informanten in Anspruch, so das eine Darstellung aus weiblicher Sicht ausgeblendet würde 3 . Anknüpfend an diese Kritik, kon-
zentrierte sich die feministisch orientierten Ethnologie zunächst darauf, den male bias offenzulegen und ihm entgegenzuwirken, indem Frauen vermehrt selbst „ins Feld“ zu gehen begannen. So entstand aus Arbeiten zur Rolle und dem Status der Frau in verschiedenen Gesellschaften, beispielsweise von der amerikanischen Forscherin Margret Mead 4 ,die Anthropology of Women.
1.2 Die These der universalen Dominanz des männlichen Geschlechts
Um die Lebensweisen von Frauen einzubeziehen, bedurfte es jedoch über die empirischen Arbeiten hinaus, der grundlegenden Überarbeitung wissenschaftlicher Theorien. In dieser Phase des theoretischen Neubeginns entstanden in der Ethnologie die ersten Beiträgen aus feministischer Sicht. Als Beispiel möchte ich
3 Reiter, 1975, S.14
4 Mead, 1979
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Form : Referatsausarbeitung Thema : Differenz und Geschlecht Verfasser : Bisrat Wolday
hier die, unter den Titel „Woman, Culture, and Society“ 5 und „Toward an Anthropology of Women“ 6 erschienen Bücher anführen.
Die Schriften entstanden beide aus Seminaren, welche 1971 an den Universitäten Stanford und Michigan zum Thema „The Anthropology of Women“ gehalten wurden. Ausgehend von Margaret Meads Aussage „Men may cook, or weave, or dress dolls, or hunt hummingbirds, but if such activities are appropriate occupations of men, then the whole society, men and women alike, votes them as important“ 7 in ihrem Buch „Male and Female“, ging die Gruppe um Louise Lamphere und Michelle Rosaldo von einer universalen männlichen Überlegenheit aus, welche sie zu erklären versuchten.
Eine ähnliche Vorstellung, dass Frauen weltweit unterdrückt würden und der Grund hierfür in der vergleichbaren Lebenssituation von Frauen liege, bringt Rayna Reiters in ihrer Einleitung zum Ausdruck: „This book has its roots in the women's movement. (...)To explain and describe equality and inequality between the sexes, contemporary feminism has turned to anthropology with many questions in its search for a theory and a body of information. These questions are more than academic: the answers will help feminists in the struggle against sexism in our own society.“ 8
Entsprechen der Annahme der politischen Frauenbewegung, dass gemeinsame Bande die Frauen aller Welt vereinen und sie so befähigen, gemeinsam gegen die männliche Unterdrückung zu kämpfen, bildete die These der universalen Dominanz des männlichen Geschlechts und die Untersuchung der Geschlechterasymmetrie den Ausgangspunkt der Anthropology of Women.
Die unterschiedlichen Erklärungsmodelle, die für den niedrigeren Status der Frau in der Folge vorgelegt wurden, möchte ich im folgenden, anhand der Aufsätze von Rosaldo und Ortner kurz ausführen. Beide versuchten die These einer universalen Unterdrückung der Frau zu belegen, indem sie darlegten, dass Frauen wegen des Gebärens und Aufziehens von Kindern in jeder Gesellschaft in die sozial und kulturell definierte Rolle der Mutter gedrängt würden und hierin die Grundlage ih-
5 Rosaldo/Lamphere , 1974
6 Reiter, 1975
7 Mead 1949, zitiert in Lamphere, 1987, S. 12
8 Reiter 1975, S. 11
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Thema : Differenz und Geschlecht
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rer Unterdrückung zu suchen sei. Mit anderen Worten, die Geschlechterungleichheit sei biologisch determiniert.
In Anlehnung an die, von Lévi-Strauss entwickelte These eines Natur-Kultur-Gegensatzes als universal geltende gesellschaftliche Konstante, argumentiert Ortner in ihrem Essay 9 , dass jede Gesellschaft nicht nur zwischen „Natur“ und
„Kultur“ unterscheide, sondern auch die Natur, der Kultur unterordne. Laut Sherry Ortner würden, Frauen, aufgrund ihrer reproduktiven Aufgaben, prinzipiell mit der Natur und Männer, wegen ihrer produktiven Rolle, eher mit der Kultur verbunden. Aus dieser universalen Überlegenheit der Kultur über die Natur, schließt sie eine universale Dominanz des männlichen Geschlechts.
Einer, dem Natur-Kultur-Gegensatz ähnlichen Dichotomie bediente sich Rosaldo in ihrem Aufsatz „Woman, Culture and Society: A Theoretical Overview ” 10 . Auf-
bauend auf die Vorstellung, dass die Teilung von „häuslich“ und „öffentlich“ ein, allen Kulturen gemeinsamer Gegensatz sei, hebt Rosaldo hervor, dass darüber hinaus das Häusliche in allen Gesellschaften geringer bewertet werde, als das Öffentliche. Des weiteren nimmt sie an, dass Frauen ihrer reproduktiven Rolle wegen, weniger an den öffentlichen, als an den häuslichen, informellen, privaten Bereich gebunden seien. Aus dieser Bindung an den geringgeschätzten häuslichen Bereich, sei die universale Unterdrückung der Frau zu erklären.
Die verschiedenen Ansätze der Anthropology of Women weisen darauf hin, dass die vorgebliche Natürlichkeit der männlichen Dominanz nicht natürlich ist, sondern auf der kulturellen Interpretation biologischer Unterschiede beruht. Da jedoch Dichotomien wie Natur/Kultur, öffentlich/privat oder formal/informal implizit auf der produktiven und reproduktiven Arbeitsteilung beruhen, vermittelten diese Erklärungsmodelle den Eindruck, der Ursprung der universalen Unterdrückung der Frau liege in der biologischen Gegebenheit der Reproduktion begründet und bestätigen damit unbeabsichtigt jene Kategorien, welche sie als Ursache der Unterdrückung benannten.
9 Ortner, 1974, S. 67-88
10 Rosaldo, 1974, S. 17-42
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Arbeit zitieren:
Bisrat Wolday, 2003, Differenz und Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
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