Inhaltsangabe:
1. Einleitung
2. „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous“ - die Hauptquelle
3. Hinführung zu John Locke hinsichtlich Berkeleys Philosophie
3.1. Die primären und sekundären Eigenschaften bei Locke
3.2. Die primären und sekundären Eigenschaften bei Berkeley
3.2.1. Die sekundären Eigenschaften
3.2.2. Die primären Eigenschaften
4. Die Ursache der Vorstellungen
4.1. Das Skeptizismus-Problem
4.2. Die theistische Antwort auf den Skeptizismus
5. Zusammenfassung der Immaterialismusthese
1. Einleitung:
George Berkeley (1685-1753), irischer Philosoph und ab 1734 Bischof von Cloyne gehört in
das „Lager“ der Empiristen. Die Frage, die den Nährboden seiner philosophischen Früchte
bildet , ist folgende:
Wie kann der Mensch zu sicherer Erkenntnis von der Wirklichkeit gelangen?
Diese Frage beschäftigt die Philosophen seit jeher, allerdings hat sich das Geschäft der
Erkenntnissuche seit dem großen französischen Rationalisten René Descartes (1596-1650)
neu orientiert. Immense Fortschritte in den Naturwissenschaften und in der Mathematik
beeinflu ßen nicht nur den Alltag des Menschen, sondern auch das Bild des Menschen in
dieser neu strukturierten Welt. Die neuen, naturwissenschaftlichen Erkenntnisse führen
automatisch zu neuen philosophischen Denkansätzen. Descartes als „Vater der Neuzeit“ setzte
mit seinem methodischen Zweifel den Grundstein für ein neues philosophisches
Denkgeb äude, in welches später auch Berkeley Einzug halten wird.
Ein weiterer wichtiger Bewohner dieses neuen Gebäudes ist der englische Empirist John
Locke (1632-1704) Sein Einfluß auf Berkeleys Denken soll im Folgenden noch ausführlich
dargestellt werden
Berkeley findet früh seinen eigenen Raum in dem neuen Denkgebäude und entwickelt eine erkenntnistheoretische Theorie, die man kurz die „Immaterialismusthese“ nennt. Diese These besagt, daß der Begriff der Materie überflüssig ist und daß das Sein auf die Formel „esse est percipi vel percipere“ (Sein ist wahrgenommen werden oder wahrnehmen) reduziert werden kann. Die gesamte Philosophie Berkeleys dient der Verteidigung und Erklärung dieser „esse est percipi vel percipere“ - Formel.
Berkeley geht von der Möglichkeit sicherer Erkenntnis aus und stellt diese „gesicherte“ Erkenntnis in den Dienst seines praktischen Interesses, welches einen theologischen Ursprung hat. Im Vorwort der „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous“ (1713) erklärt Berkeley, was er mit seiner Erkenntnistheorie bezwecken will. Der folgende Satz fasst seine Intention prägnant zusammen:
„Wenn die Grundlehren, um deren Verbreitung ich mich hier bemühe, einmal als wahr angenommen sind, so wird dies, wie mir scheint, ersichtlich zur Folge haben, daß Atheismus und Skeptizismus gänzlich vernichtet, viele verwickelte Fragen aufgeklärt, verschiedene nutzlose Gebiete der Wissenschaft abgestoßen werden, die Spekulation auf die Praxis bezogen und der Mensch von Paradoxien auf den gesunden Menschenverstand zurückgeführt wird“ 1 .
Vor allem den Atheisten und Skeptikern seiner Zeit stellt der Denker seine Formel „esse est percipi vel percipere“ gegenüber, welche in der Ausformulierung Berkeleys Gottesbeweis impliziert (siehe auch Kapitel 4.2).
Die „verwickelten Fragen“, die es aufzulösen gilt, resultieren u. a. aus dem Einfluß, den der Szientismus auf die theologische Debatte hatte: So beschäftigte sich Berkeley zum Beispiel mit der Unendlichkeit als einem Prädikat, das nur Gott zukommen kann und greift immer wieder die „Überheblichkeit der Mathematiker und ihr großes Ansehen aufgrund der angeblichen Exaktheit und Sicherheit ihrer Erkenntnisse“ 2 an. Die damaligen Zweifel an gesichertem Wissen und dem menschlichen Verstand versucht der Bischof mit sensualistischen und empirischen Theorien zu überwinden: Der Ursprung unserer Erkenntnis von der Welt kann nur über sinnliche Wahrnehmung funktionieren. Konsequenterweise durchdringt der sensualistische Standpunkt auch seine Sprachphilosophie und seine Kritik an der Mathematik.
1 George Berkeley: „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous”,Hamburg 1991, S. 6
2 George Berkeley: „Philosophisches Tagebuch”, Hamburg 1979, S. X
2. „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous“
- die Hauptquelle
In seinem Buch „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous“ stellt Berkeley seine Immaterialismusthese systematisch vor. Die beiden Sprecher Hylas und Philonous vertreten dabei jeweils die Positionen von Materialisten und Immaterialisten. Materialist in diesem Sinne meint eine Person, die an eine Existenz von Materie unabhängig vom Geist glaubt; dem gegenüber steht der Immaterialist, für den die Annahme einer vom Geist unabhängigen Materie nicht möglich ist. Schon die Namen der beiden Protagonisten lassen auf ihre verschiedenen philosophischen Theorien schliessen: „Hylas“ kommt vom Griechischen „hyle=Stoff“ 3 und Philonous ist eine Kombination aus „philos = Freund, nous=Geist“ 4 . In Hylas finden wir also einen durchschnittlich gebildeten Christen, der als Repräsentant für viele Zeitgenossen Berkeleys steht. S ein Gegenüber Philonous verkörpert die Thesen Berkeleys.
Die Intention Berkeleys ist es seine idealistische Theorie den vielen „Hylas“ seiner Zeit näher zu bringen, indem sie sich mit der skeptischen Meinung und den Einwänden des Materialisten identifizieren können und Schritt für Schritt vom Immaterialismus überzeugt werden. Der Text ist in drei Tage bzw. Dialoge unterteilt, welche gleichzeitig Sinnabschnitte darstellen: Der Inhalt des ersten Dialoges ist die Wahrnehmung durch die Sinne und die These, daß alles sinnlich wahrgenommene von einem Bewußtsein abhängig ist und nur als Vorstellungskomplex existiert.
Der zweite Dialog liefert die Ursache der Vorstellungen - Gott und Berkeleys Gottesbeweis. Im dritten Dialog will Berkeley schon verschiedene Einwände gegenüber der Immaterialismusthese im Keime ersticken, indem er sie Hylas in den Mund legt und Philonous dagegenargumentiert.
Psychologisch geschickt arbeitet sich Berkeley durch die Dialoge, d.h. er bzw. Philonous baut auf die allgemeinen Ansichten von Hylas auf, um ihn später in Widersprüche zu verwickeln. Die folgende Arbeit durchleuchtet die „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous“ bezüglich der Immaterialismusthese, indem die Vorgehensweise, insbesondere die Logik der Argumentation an Schlüsselstellen dargestellt werden soll. 3. Hinführung zu Locke hinsichtlich Berkeleys Philosophie
Den grössten Einfluss auf die damalige erkenntnistheoretische Diskussion hatte der Empirist John Locke, insbesondere mit seinem Buch „Essay Concerning Human Understanding“. Wie
3 George Berkeley: „Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous”, Hamburg 1991, S. XXXII
Berkeley seine Auseinandersetzung mit Lockes philosophischer Hinterlassenschaft sieht, lässt folgendes Zitat erahnen:
„Dieser große Mann war von einer solchen Aufrichtigkeit, daß ich überzeugt bin, wäre er noch am Leben, wäre er nicht beleidigt, daß ich von ihm abweiche, weil er sähe, daß ich sogar mit diesem Verhalten seinem Hinweis folge, nämlich mein eigenes Urteil zu gebrauchen...“ 5
Was muss man also mindestens von Locke wissen, um die Terminologie und Bezugnahme in Berkeleys Philosophie zu verstehen?
Locke will mit seinem kritischen Realismus den Cartesianer den Wind aus den Segeln nehmen. Die Cartesianer behaupten, daß es keinen Beweis dafür gibt, daß wir von unseren Vorstellungen auf etwas schliessen dürfen, das ihnen entspricht. Oder anders: Gewissheit haben wir nur von der Existenz unserer Bewusstseinsinhalte. Nihil est in intellectu, quod non ante fuerit in sensu (lat. nichts ist im Verstande, was nicht zuvor im Sinneswahrnehmen gewesen wäre).
Und gegen diese These stellt Locke seinen Realismus, der im wesentlichen darauf aufbaut, daß der Geist bzw. das Bewußtsein, sich die Realität nicht frei erfindet, sondern die Gegenstände sind unabhängig von einem denkenden Subjekt existent. Locke geht davon aus, daß das menschliche Bewußtsein ein weißes Blatt Papier (tabula rasa) ist und sämtliche Inhalte allein durch Erfahrung in dieses Bewußtsein gelangen. Daraus resultiert ein grosses Interesse an den Sinnen und ihrer „Datenverarbeitung“, er spricht von „sensation“ (Sinnesempfindung) und dieser Begriff meint alle Wahrnehmungen, die von außen über die Sinnesorgane in das Bewußtsein kommen. Neben der Sinnesempfindung gibt es auch die „reflection“ eine Art Selbst-Wahrnehmung, die von innen und nicht über die Sinne entsteht. Jedoch setzt die Selbstwahrnehmung die Sinnesempfindung voraus. Denn alles, was im Bewußtsein bzw. Geist ist, muss durch die Sinne in ihn hineingelangen. Die Grundpfeiler des Sensualismus sind gesetzt - Verstand und Sinnlichkeit wird nicht mehr wesenhaft unterschieden. Die Subjektivität und Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung gewinnen an Gewicht.
Die Produkte der Wahrnehmung, welche im Bewußtsein auftauchen, nennt Locke Vorstellungen - „ideas“. Eine Vorstellung (idea) ist das, „was immer, wenn ein Mensch denkt, das Objekt des Verstandes ist, so habe ich es gebraucht, um das auszudrücken, was immer
4 ebd.
Arbeit zitieren:
Angela Hammer, 2003, Die Immaterialismusthese von George Berkeley, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Rolle Gottes in der Erkenntnistheorie George Berkeleys
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