Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 02
1.) Einleitung 03
2.) Zu den Begriffen Realität und Fiktion 04
2.1) Theorie der „Fiktion“ nach Todorov 04
2.2) Theorie der „Realität“ nach Aust 09
2.3) Romantische Einflüsse. 11
3.) Realität und Fiktion in Ludwig Tiecks der blonde Eckbert’ 12
3.1) Fiktionale und reale Einflüsse sowie andere Einflüsse 13
3.2) Tiere und Natur als Elemente der Handlung. 17
4.) Fazit 18
5.) Literaturverzeichnis 20
5.1) Primärliteratur 20
5.2) Sekundärliteratur 21
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1. Einleitung
„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, so lautet die berühmte Redewendung in Shakespeares Hamlet. Diese Frage nach einer Entscheidung ist allgegenwärtig und hat immerwährende Gültigkeit. Im übertragenen Sinne stellen sich Fragen dieser Art in der Gegenwart vor allem bei Werbespots und Filmen im Fernsehen oder auf Plakaten, dabei stehen sich das Reale und das Spekulative, das Irreale gegenüber. Die Fragen in der Lebendwelt werden zumeist im inneren Monolog gestellt und auch beantwortet. Die gleiche Frage stellt sich auch in der Literatur des Übernatürlichen, wenn auch gleich auf einer anderen Ebene. Dabei geht es dann um das Reale, das „Sein“ beziehungsweise um das „Nichtsein“, das Irreale. Aber was bedeutet eigentlich das „Sein“ oder „Nichtsein“? Hängen sie zusammen und wenn ja, wie? Eine Reihe von Fragen, die diesbezüglich aufgeworfen werden und nach einer Klärung verlangen, sofern dies überhaupt möglich ist. Auch in Ludwig Tiecks tragischem Märchen Der blonde Eckbert aus dem Jahre 1796 stellt sich unter dem bereits angesprochenen Aspekt dieser Ruf nach einer Antwort dar. Gegenstand der Handlung ist die Eheleute Eckbert und Bertha, die zusammen mit einem Freund, Walther, in einer stürmischen Nacht auf dem Sitz Eckberts im Harz vor einem Kamin sitzen. Dabei beginnt Bertha etwas aus ihrer Jugend zu erzählen. In dieser Geschichte beschreibt sie, wie sie von zuhause weggelaufen und bei einer alten Frau untergekommen ist. Die alte Frau besitzt einen kleinen Vogel, der jeden Tag ein Ei mit Kostbarkeiten legt, und einen kleinen Hund namens Strohmian. Als Bertha älter wird, flieht sie aus dem Haus der Alten, nimmt den Vogel mit und heiratet später Eckbert. Als Walther Bertha den Namen des Hundes nennen kann, der ihr entfallen ist, erleidet sie einen tödlichen Fieberschock. Kurz darauf bringt Eckbert Walther um und lebt eine Zeit lang allein, ehe er einen neuen Freund namens Hugo kennenlernt. Aber durch die vorhergegangenen Ereignisse beginnt Eckbert den Verstand zu verlieren und sieht sich am Schluss der alten Frau auf Berthas Erzählung gegenüber, ehe er wegen der Vorwürfe der Alten stirbt.
Schon beim ersten Lesen wird deutlich, dass Elemente der Fiktion und der Realität vorhanden sind. Zudem wird der Eindruck erweckt, dass die Grenzen der Wahrnehmung des Lesers und der Figuren eine besondere Rolle erhalten. Ist die Erzählstruktur zu Anfang noch klar gegliedert, so beginnt mit der einsetzenden
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Erzählung über das Leben Berthas und dem ihr widerfahrenen Bewusstseinswandel, die gesamte Klarheit zu verschwimmen. 1 Es ist also zu untersuchen, wie diese Veränderlichkeit innerhalb der Handlung zu Stande kommt, beziehungsweise worin ihre Begründung liegt und was damit erreicht werden soll. In der vorliegenden Arbeit geht es also um die Realität und Fiktion in der Literatur, die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt. Auf der Grundlage der Einführung in die Fantastik von Tzvetan Todorov und Hugo Austs Literatur des Realismus soll versucht werden, das Übernatürliche zu definieren und in Grenzen zu fassen. Anschließend sollen an Ludwig Tiecks Werk Der blonde Eckbert die Elemente des Realen und des Irrealen hervorgehoben und, wie eben angesprochen, ihre Funktion untersucht werden. Gleichzeitig soll aufgezeigt werden, ob die Realität und die Fiktion überhaupt durch eine klare Grenze voneinander zu trennen sind.
2. Realität und Fiktion
2.1) Theorie der Fiktion nach Todorov
Der Begriff „Fiktion“ entstammt dem lateinischen Verb fingere, das soviel wie formen oder ersinnen bedeutet. Auf die Literatur angewandt, trifft der Begriff „gewollte Zustände des Autors“ für die Wahrheitsfähigkeit vollkommen zu. 2 Todorov gibt in seiner Abhandlung zur Fantastik auch einen kurzen Einblick in die Realität, die in erster Linie durch das Alltägliche geprägt ist. Es würde jedoch an dieser Stelle zu weit führen, diesen Punkt genauer zu behandeln. Für die Fantastik stellt er die Definition auf, dass
1 Vgl. Rath, Wolfgang: Ludwig Tieck. Das vergessene Genie. Paderborn u.a: Ferdinand Schön-
ringh 1996. S. 262; Tieck, Ludwig: In: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache.
Hrsg. Von Walther Killy. München: Bertelsmann 1991. S. 368 f.
2 Speck, Josef (Hrsg.): Handbuch wissenschaftstheoretischer Begriffe. Band 1. Göttingen: Van-
denhoeck und Ruprecht 1980. S. 230 f.
3 Vgl. Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt am Main: Fischer
1992. S. 26.
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und merkt an, dass die Aussagen des russischen Philosophen und Mystikers Wladimir Solowjow und des englischen Autors Montagu Rhodes James, deren Meinung nach, die Fantastik auf einem sehr schmalen Grat zwischen den „Antworten“, des Unheimlichen und des vom Wort „Wunder“ abstammenden Wunderbaren stehe, nahezu kongruent sind. Gerade wegen dieser Zwischenposition bezeichnet Todorov das Fantastische als „verschwimmend“. 4 Zusammenfassend stellt das folgende Schema dar, wie sich das Unheimliche und das Wunderbare innerhalb der Fiktion gliedern. 5
Das Unheimliche setzt sich aus bekannten Fakten, den vorausgegangenen Erfahrungen und den Erlebnissen der Vergangenheit zusammen, während das Wunderbare sich aus dem Unbekannten und dem Zukünftigen zusammensetzt. Dazwischen liegt das gegenwärtige, von der Unschlüssigkeit geprägte, Fantastische. Hier geht Todorov in seiner Definition weiter als die von ihm zitierten So-
4 Vgl.Todorov, S. 26; 41.
5 Vgl. Todorov, S. 42 f.
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lowjow und James. Demnach entsteht das Unschlüssige beim Leser gleichermaßen wie bei den handelnden Personen, durch Übernatürliches, das sich in das Weltliche und in die Gesetzmäßigkeiten hineindrängt. 6 Allegorien, die generell wegen der Sicht auf einen anderen Sinn keine Zweifel beim Leser zulassen und das nicht darstellbare Poetische, müssen daher für eine Interpretation ausgeschlossen werden. Diese Strukturen lassen eine Einlassung des Lesers auf das Fantastische nicht zu. 7
Ein Festsetzen der Grenzlinie bleibt nach Todorov der Entscheidung des Lesers vorbehalten, der sich für eine Erklärung zwischen zwei Gattungen entscheiden muss. Entweder erkennt er die bestehenden Gesetze der Realität an und entschließt sich für das Unheimliche oder aber er schließt sich den neuen Naturgesetzen an. So gelangt er in den Bereich des Wunderbaren. Auf jeden Fall tritt der Leser aus dem Fantastischen heraus, welches letztlich in einer der beiden Kategorien mündet.
Das Unvermischt Unheimliche ist eng an Gefühle, wie Angst, gebunden und ohne materielles Ereignis. Beim Fantastisch Unheimlichen findet das Unheimliche eine Erklärung, indem der Leser und der Erzähler zunächst von etwas Übernatürlichem ausgehen, ehe letztlich eine rationale Aufklärung erfolgt. Weiterhin unterteilt Todorov das Fantastisch Unheimliche in das Real-Imaginäre und in das Real-Illusorische. Beim Real-Imaginären liegt das Übernatürliche beim Leser beziehungsweise beim Erzähler. Dazu zählen auch die eigene Einbildung und der Wahnsinn. Das real-illusorische sind Zufälle oder Täuschungen, die eine rationale Erklärung finden. 8
Entgegengesetzt dazu ist das Fantastisch Wunderbare, das nicht mit einer Erklärung, wohl aber mit der wunderbaren Anerkennung des Übernatürlichen ein Ende findet. Eine genaue Abgrenzung dieser beiden Kategorien ist sehr schwierig, denn Details entscheiden über die Zugehörigkeit zum Unheimlichen oder zum Wunderbaren. 9 Als wunderbar gilt etwas, wenn eine gewisse emotionale Distanz
6 Anzumerken ist hier, dass in einigen wenigen Fällen mittels sekundärer, nicht offensichtlicher
Indizien das Übernatürliche bestätigt werden kann und so weder beim Leser, noch bei der Figur
ein Gefühl der Ungewissheit eintritt. Vgl: Todorov, S. 27 ff.
7 Vgl. Todorov, S. 32.
8 Das Unheimliche wurde von Richard Alewyn im Rahmen der Gothic Novel als eine Angst defi-
niert, die durch die “Verbindung von Geheimnis und Gefahr” entsteht. Vgl dazu: Krech, Annette:
Schauererlebnis und Sinngewinn. Wirkungen des Unheimlichen in fünf Meisternovellen des 19.
Jahrhunderts. Frankfurt am Main, u. a.: Peter Lang 1992. S. 10; Todorov, S. 44 f.
9 Vgl. Todorov, S. 49 f.
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Arbeit zitieren:
Arne Ostheim, 2007, Realität und Fiktion in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert", München, GRIN Verlag GmbH
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zu: Christine Nöstlinger: Wir pfeifen auf den Gurkenkönig
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