Einleitung
Jedes Individuum durchlebt, angefangen beim Säuglingsalter bis hin zum Sterbealter, verschiedene Phasen, die jeweils als Lebensabschnitte bezeichnet werden können. Das heißt, jedes Individuum gelangt notwendigerweise mit Fortschreiten seines Alters von einem Zustand in einen anderen, teilweise bewusst, teilweise unbewusst. Als Beispiel für einen unumgänglichen Wechsel von einer Lebensphase in die Nächste kann die Phase vom Kindsein zum Mann- oder Frausein angeführt werden. In unserer Gesellschaft bezeichnen wir diese „Übergangsphase“ als „Pubertät“. Übergänge können auch Gruppendynamiken entstehen lassen, das Individuum durchlebt diese Phase im Kollektiv. Diese Art von Übergängen ist insbesondere bei Initiationsriten 1 afrikanischer Gesellschaften zu beobachten. Sie stehen im Gegensatz zu der bei uns allein durchlebten Übergangszeit der Pubertät. Genau diese Art von Phänomenen untersucht Victor Turner in seinen Artikeln „Kapitel 3, Schwellenzustand und Communitas“ und „Kapitel 4, Communitas: Modell und Prozess“ aus seinem Werk „Das Ritual. Struktur und Antistruktur“. Zu beachten ist, dass Turner sich bei der Erläuterung des Themas hauptsächlich auf afrikanische Ethnien beruft.
Er untersucht „Übergangsriten“, wobei er van Genneps 2 Gedanken vom „Dreiphasenmodell“ 3 aufgreift und sich der mittleren Phase widmet, der „Schwellenphase“, in der sich die Individuen, sofern sie die Übergangsphase nicht allein erleben, in einer Communitas befinden.
Anhand verschiedener Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen verdeutlicht Turner, welche Bedeutung den Individuen während der Zeit im „Schwellenzustand“ sowohl von der Gesellschaft als auch von den (Mit)Initianten zugesprochen wird, welche Rechte und Pflichten sie haben und wie diese innerhalb ihrer Gruppe miteinander agieren. Weiterhin geht Turner der Frage auf den Grund, in wie weit die Form und Eigenschaften der Übergangsriten Einfluss auf die Erforschung von Kultur und Gesellschaft haben.
1 (lat. initium: Eintritt, Eingang, Anfang) Bezeichnung für Riten, durch die jemand in eine neue Gemeinschaft eingeführt wird. In den meisten Kulturen gibt es Initiationsriten beim Übergang in eine neue Altersklasse, z. B. beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter (Konfirmation, Firmung, Jugendweihe).
2 Arnold van Gennep (* 23. April 1873 in Ludwigsburg; † 1957 in Bourg-la-Reine) war ein französischer Ethnologe, der heute vor allem durch seine Arbeit über die so genannten Übergangsriten (frz. rites de passage) bekannt ist.
3 Van Genneps Dreiphasenmodell beinhaltet die Aufteilung der Übergangszeit in drei Phasen, die „Trennungs“-, die „Schwellen“- und die „Angliederungsphase“.
2
In der vorliegenden Arbeit werde ich zuerst Turners Verständnis der Begrifflichkeiten „Übergangritus“, „Schwellenphase“ bzw. „Schwellenzustand“ und „Communitas“ erläutern. Diese werden dann anhand des Beispiels des Franziskaner-Ordens Anwendung finden.
Übergangsriten
Der Wechsel von einer „Lebensphase“ in eine andere wird in vielen Kulturen von Übergangsriten begleitet. Turner hält sich bei der Definition von Übergangsriten stark an Arnold van Genneps Gedanken, Übergangsriten seien „Riten, die einen Orts-, Zustands-, Positions- oder Altersgruppenwechsel begleiten.“ 4 Dabei differenziert er zwischen Zustand und Übergang. Der Begriff Zustand bezeichnet „jeden kulturell definierten, stabilen oder wiederkehrenden Zustand.“ 5 Der Übergang dagegen impliziert das genaue Gegenteil. 6 Laut Gennep weisen alle Übergangsriten drei Phasen auf, die „Trennungs“-, die „Schwellen“- und die „Angliederungsphase“. 7
Genneps Dreiphasenmodell der Übergangsriten
Während der ersten Phase, der so genannten Trennungsphase, löst sich das Individuum oder die Gruppe von einem fixierten Punkt in der „Sozialstruktur“. Das Individuum trennt sich von einem früheren Zustand und geht in die zweite Phase, die Schwellenphase, über, auf die sich der Fokus bei der Betrachtung von Übergangsriten hauptsächlich richten wird. Dieser kulturelle Bereich, den der Passierende durchschreitet, hat meist nichts mit dem vorigen und mit dem folgenden Lebensabschnitt gemein. Die dritte Phase bezeichnet van Gennep als Angliederung bzw. Wiedereingliederung in die Sozialstruktur. Der Übergang von einem Zustand in den anderen ist vollzogen, die Rechte und Pflichten des Individuums oder die der Gruppe gegenüber anderen sind nun klar definiert.
4 Turner, Victor: Das Ritual. Struktur und Antistruktur. Frankfurt am Main, Campus. 1969:94.
5 Turner, 1969:94.
6 Vgl. hierzu S. 5ff.
7 Turner, 1969:94.
3
Der Schwellenzustand und Eigenschaften der Schwellenwesen
„Der Neophyt 8 im Schwellenzustand muß einer tabula rasa, einer leeren Tafel gleichen, auf die man das seinen neuen Status betreffende Wissen und die Weisheit der Gruppe schreibt. Die oft körperlichen Torturen und Demütigungen, denen Neophyten unterworfen sind, stellen teilweise die Zerstörung des früheren Status, teilweise Härtetest dar, die sie auf ihre neue Verantwortung vorbereiten und an einem spätere Missbrauch ihrer neuen Privilegien hindern soll.“ 9
Personen oder Gruppen, die sich im Schwellenzustand (Liminalität) befinden, fallen durch das Netz der Klassifikationen, die Eigenschaften dieser Personen sind unbestimmt. Sie sind „weder das eine noch das andere.“ 10 Sie verfügen während dieser Übergangszeit über keinen Besitz, weltliche Kleidung oder Status. Nichts an ihnen lässt auf einen bestimmten Rang oder auf eine bestimmte Position innerhalb der Gesellschaft schließen. Gesellschaften, die soziale oder kulturelle Übergänge (Initiation, Pubertät) ritualisieren, bringen durch bestimmte Symbole den Schwellenzustand zum Ausdruck. Häufig wird dieser Zustand laut Turner mit Tod, Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Bisexualität oder Wildnis gleichgesetzt. Es heißt, dass Schwellenwesen, auch Grenzgänger genannt, während der Abgrenzungszeit intensive Kameradschaft und Egalitarismus entwickeln. Es scheint, als würden sie auf einen einheitlichen Zustand reduziert werden, „damit sie neu geformt und mit zusätzlichen Kräften ausgestattet werden können, die sie in die Lage versetzen, mit ihrer neuen Station im Leben fertig zu werden.“ 11 Eine Gruppe im Schwellenzustand bezeichnet Turner als Communitas. 12
Den Grenzgängern sind während der Schwellenphase bestimmte, sich stark ähnelnde Eigenschaften nachzuweisen. Oftmals ist es so, dass das gewöhnliche Individuum plötzlich die Oberhand gegenüber einer höhergestellten Person gewinnt. Bei den Ndembus, einer afrikanischen Ethnie, wird der sich in der Schwellenphase befindende zukünftige Häuptling von rangtieferen Individuen gedemütigt. Die Autorität, der sich das Schwellenwesen zu unterwerfen hat, ist die Gemeinschaft als
8 Der Begriff Neophyt bezeichnet das Individuum (rituelles Objekt) in der Schwellenphase.
9 Turner, 1969:102.
10 Turner, 1969:95.
11 Turner, 1969:95.
12 Turner, 1969:96.
4
Arbeit zitieren:
Angela Beyer, 2006, Schwellenzustand und Communitas - Grundgedanken der Kapitel 3 und 4 aus Turners Werk: Das Ritual. Struktur und Antistruktur, München, GRIN Verlag GmbH
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