Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis :
1. GODOT: NICHTS ALS ETWAS AUF DER BÜHNE 01
2. BLICK AUF DEN FORSCHUNGSSTAND 04
Theaterverst ändnis und Realisierung 05
3. DAS BESTIMMTE - KONSTANTEN IM TEXT 08
3.1 Konstanten in der Identität der Figuren 08
3.2 Konstanten in der Figurenrede 12
3.3 Konstanten in den Gegenständen, dem Raum und der Zeit 13
3.4 Konstanten im Geschehen auf dem Schauplatz 15
3.5 Die Konstante Godot 15
4. VOM BESTIMMTEN ZUM UNBESTIMMTEN 17
4.1 Ontologische Annäherung an das Nichts 18
4.2 Ontologische Annäherung an die Absenz 19
Sprachverst ändnis und Realisierung 20
Inhaltsverzeichnis
5. DAS UNBESTIMMTE - ABSENZ ODER NICHTS IM TEXT 23
5.1 Absenz oder das Nichts in der Identität der Figuren 23
5.2 Absenz oder das Nichts in der Figurenrede 25
5.3 Absenz oder das Nichts in Gegenständen, Raum und Zeit 25
5.4 Absenz oder das Nichts im Geschehen auf dem Schauplatz 27
5.5 Absenz oder das Nichts in der Godot-Instanz 28
6. GODOT - EINE OMNIPRÄSENTE ABSENZ BIS ZUM SCHLUSS 31
Quellen 33
1. GODOT: N I C H T S A L S E T W A S A U F D E R B Ü H N E ?
»W A R T E N A U F GODOT« gilt heute schon als eine Art Redewendung, als die sie ein Warten auf etwas Unbekanntes ausdrückt oder als die sie unter Umständen einen Zustand metaphorisch beschreibt, der mehrere Perspektiven zulässt - so mindestens zwei; einmal naiv hoffnungsvoll wartend aus Sicht des Wartenden und einmal bedauernswert hoffnungslos wartend aus Sicht des unbeteiligten Betrachters. 1 Mit dieser Assoziation begann zunächst diese Aus-einandersetzung mit Samuel Becketts Theaterstück, das 1953 in Paris uraufgeführt wurde. Der Titel ist also in unseren gegenwärtigen Sprachgebrauch eingegangen, ohne dass man auf Anhieb sagen könnte, wer denn »Godot« sei, von dem die Rede ist. Und auch diese Projektarbeit wird diese Ungewissheit nicht ausräumen können. Das will sie aber auch nicht, vielleicht genauso wenig wie Beckett seinen Godot entlarven wollte. Jedoch haftet diesem Stück eine gewisse Eigenheit an, der sich die Literaturwissenschaft nur mühsam nähert, weil es problematisch ist, das zu benennen, was die besondere Wirkungsästhetik von »WARTEN A U F GODOT« ausmacht.
Das Theater und die Literatur leben von der Darstellung von Figuren, Effekten und Handlungen, die sich jeweils wissenschaftlich auch beschreiben und kontextualisieren lassen, wenn eben »Etwas« im Textinhalt vorhanden ist. Samuel Becketts Werk hingegen scheint kaum eine Kategorie genügend zu bedienen; weder die Identität der wenigen Figuren ist aussagekräftig, noch scheint sich die Allgemeinheit von Gegenständen, Raum und Zeit eindämmen zu lassen. Hat diese Uneindeutigkeit möglicherweise zu dem Attribut »absurd« geführt, das inzwischen mit dem Stück in einem Atemzug genannt wird? Die Unbestimmtheit in den genannten Kategorien wäre eher hinzunehmen, würde sich zumindest das Geschehen auf dem Schauplatz erklären oder kontextualisieren lassen, doch auch das bleibt uns Beckett scheinbar schuldig. Statt eines konkreten »Etwas« in der Aussage und in der Intention des Stückes, liegt wohl eher ein »Nichts« vor. Zuletzt auch was Godot angeht, der nämlich bis zum Ende unbestimmt und abwesend bleibt.
Um zunächst bei Godot zu bleiben; der Name ist auf und in dem literarischen Werk zu lesen, ebenso wie er auch als geschriebenes Wort auf den Theaterplakaten abgedruckt ist. Er muss da sein, kann zumindest nicht »Nichts« sein, denn nichts bedürfte ja keiner Beschreibung, keiner Erwähnung.
1 Die Definition von Rudolf Köster unterstützt sie aber: »In der Fügung: Warten auf Godot (scherzhaft zum Ausdruck von Ungeduld, wenn der Betreffende lange bzw. vergeblich auf jemanden oder etwas wartet)«. In: Eigen- namen im deutschen Wortschatz, hgg. von Köster, Rudolf. Gruyter Verlag 2003.
Dies erklärt zwar die daraus entstandene, mittlerweile geläufige Assoziation, dass »W A R -T E N A U F GODOT« so etwas bedeutet wie ein vergebliches Warten auf etwas Ungewisses, und scheint auch die Zuschreibung des Stückes zum »Absurden« zu begründen, verhilft jedoch nicht zu einer kohärenten wissenschaftlichen Erklärung.
Vielleicht führt der Schritt vom Titel ins Stück selbst weiter; die Figur Godot bleibt bekanntermaßen ein Phänomen, denn letztlich kommt sie einfach nichts Geschehen, doch wie hat Beckett die anderen Elemente seines Stückes konzipiert? Wladimir und Estragon verweilen in der Nähe eines Baumes. Sind diese beiden Landstreicher und der Baum das einzige, was eindeutig lokalisierbar wird? Bezeichnet man das Stück deshalb als »absurd«, weil sich keine konventionelle Handlung oder klare Aussage einstellt?
Dieser Eindruck wird noch durch das deutliche Zuwiderlaufen gegen den traditionellen fünfaktigen Dramenaufbau - das Drama besteht aus zwei sich ähnelnden Akten - noch forciert, sodass man bequem das ganze Stück als eher experimentelles Abenteuer eines Dramatikers des 20. Jahrhunderts betrachten könnte? Muss Godot also als etwas Unbenennbares, nicht Greifbares unbestimmt bleiben?
Vielleicht kann diesbezüglich und zur Verdeutlichung der Problematik schon ein Vergleich weiterführen; dazu braucht es auch keinen weiten Sprung über Epochen- oder Genregrenzen, es genügt mithin eine der Theaterform des »Absurden« nahe stehende Theaterform, nämlich Bertolt Brechts »Episches Theater«. Brechts Stück »MUTTER COURAGE U N D I H R E KIN- DE R « bietet sich an, denn allein der Titel schon vergegenwärtigt einen Unterschied: »Mutter Courage« ist der Name des Hauptcharakters des am 19. August 1941 in Zürich, also zeitnah zu »WARTEN A U F GODOT« uraufgeführten Dramas, und diese Figur ist auch Dreh- und Angelpunkt dieser »Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg«, wie es im Untertitel heißt. Mit eben diesem Untertitel wird Mutter Courage sogar schon in einen (hier augenfällig historischen) Kontext eingebettet, ohne dass der erste Akt begonnen hat.
Dieses Konzept der expliziten Verortung fußt auf Brechts Theatertheorie, die mit jedem seiner Stücke weiterentwickelt und -formuliert wurde. Eine solche ist bei Beckett nicht zu finden, jedoch stellen sich den Unterschieden zwischen den beiden Stücken auch Gemeinsamkeiten ein; Brechts Überzeugung und Verfahren schicken sich ebenso wie die von Beckett an, dem aristotelischen Theater zu widerstreben - wenngleich auf andere Art und Weise. Die genannten Aspekte sollen in dieser Untersuchung einen Teil des Hintergrundes bilden, vor dem »W A R T E N A U F GODOT« betrachtet wird. Das Theaterverständnis Becketts resp. Brechts bei »MUTTER COURAGE U N D I H R E KINDER « und deren jeweilige Realisierung
können mithin dazu beitragen, zu erfassen, was es mit der besonderen Wirkungsästhetik des Unbestimmten auf sich hat und was sie ausmacht.
Zu allererst aber soll das Augenmerk natürlich auf das gerichtet sein, was denn im Text vorfindbar und dementsprechend bestimmbar ist, d.h. welche Konstanten, welche Elemente des »präsenten« »Etwas« vorhanden sind. An diesem Punkt werden noch die Erkenntnisse aus der klassischen Dramenanalyse ausreichen, doch wenn es in den Bereich des Unbestimmten hinübergeht, scheinen die Begriffe und Erklärungen zu den Kategorien von Figurenidentität, Raum und Zeit, sowie zum Geschehen nicht mehr zu tragen.
Hier könnte unter Umständen eine Erweiterung des Begriffes »Nichts« ansetzen: nämlich die »Absenz«. Die Zuhilfenahme der philosophischen Termini »Präsenz« und »Absenz« vermag der Irritation (über das Unbestimmte) Abhilfe zu verschaffen, denn mit ihnen könnten onto- logische Voraussetzungen um ein »Nichts« bzw. »Etwas« konkreter fassbar gemacht werden.
2. BLICK A U F D E N FORSCHUNGSSTAND
Im Folgenden werden Elemente angeführt, die von Beckett in seinem Text angezeigt werden und damit als determiniert angesehen werden müssen. Hierbei handelt es sich sozusagen um das »Etwas«. Ergänzend erfolgt an dieser Stelle ein Vergleich zwischen Becketts und Brechts Stücken.
Als Grundlage für die folgende Untersuchung dienen allein die Textfassungen der Dramatiker; die an sich im Gegensatz zu der Vielfalt der Aufführungen und Aufführungsversionen im Theater eine Konstanz garantieren. Die Art und Weise des Aufführens, vor allem in Hinblick auf die Regiearbeiten von Beckett und Brecht, werden dann herangezogen, wenn sie zum Theaterverständnis des Autors oder zum Verständnis des Stückes beitragen können.
2 1952 entstand die französische Fassung (Paris), 1953 die deutsche (Frankfurt/Main) und 1955 die englische (London). Diese Informationen stammen aus der hier verwendeten Suhrkamp-Ausgabe: Beckett, Samuel: Warten auf Godot. Frankfurt am Main, 1971.
3 Der Redakteur der Suhrkamp-Ausgabe, Günther Busch, gibt an, das Drama sei 1938/39 geschrieben worden, Klaus-Detlef Müller verweist hingegen darauf, dass die Arbeiten erst im September 1939 begannen. (Brechts »Mutter Courage und ihre Kinder«, hgg. von Müller, Klaus-Detlef. Frankfurt am Main, 1982.)
Arbeit zitieren:
René Ferchland, 2009, Absenz oder das Nichts – ontologische Ansätze zur Verortung des Unbestimmten in Becketts 'Warten auf Godot', München, GRIN Verlag GmbH
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