Hauptseminar: Jugendsprache
Sommersemester 2008
Deutsch/ Englisch Lehramt Gymnasium; 8. Semester
Von Aalcatchen bis Zungenkugel
Das PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2008
im Fokus der Realität
von
Jeannette Nedoma
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ...3
2. PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2008- Fiktion oder Realität? ...8
2.1 Von abbitchen bis Erzeugerfraktion: Auswertung der Beispiele 1 bis 7 ...9
2.2 Von Erzeugerfraktion bis Laugenbrezel: Auswertung der Beispiele 7 bis 12 ...15
2.3 Von natsen bis Zipfelzwicker: Auswertung der Beispiele 14 bis 20 ...19
3. Fazit ...23
4. Literaturangaben ...26
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1. Einleitung
Über die jugendliche Ausdrucksweise oder vielmehr die Existenz von Jugendsprache wird seit
Jahrzehnten hitzig diskutiert und debattiert. Laien und Sprachwissenschaftler und diejenigen, die
sich dafür halten, liefern sich unerbittliche Kämpfe, wenn es um die Erforschung der
jugendlichen Sprache geht. Es lassen sich die unterschiedlichsten Herangehensweisen und
Methoden zur Erfassung von Jugendsprache feststellen, doch bislang scheint der bahnbrechende
Erfolg in dieser Kontroverse auszubleiben. Die Medien, besonders Rundfunk und Fernsehen,
stellen sich auf ihre jugendliche Zielgruppe ein und benutzen endmadige (besonders schlechte)
Ausdrücke von denen sicherlich jeder Jugendliche Goldminen (Ohrenschmalz) und Hummeltitten
(Gänsehaut) bekommt. Ein vorzeigbares Beispiel stellt Viva dar; die Moderatoren schmeißen mit
phaten (sehr guten) Ausdrücken um sich, dass sich so mancher Erwachsene einfach nur noch
fremdschämen möchte. Eine Erklärung in der Süddeutschen Zeitung ist bezeichnend für den
Musikkanal, in dessen Programm der Zuschauer teils vergeblich auf die versprochene Musik
wartet. ,,Der Musikkanal Viva präsentiert sich seinen jugendlichen Zuschauern geradezu als
mediales Über-Ich: Wir sind euer Fernsehen, eure Sprache, eure Farben und eure Musik heißt es
in einer Pressemappe." (SZ 2004)
Neben den Medien, versuchen auch die meisten Erzeugerfraktionen (Eltern) sich auf ihre
Sprösslinge einzustellen. Sie versuchen mit der Jugend zu kommunizieren, indem sie
abgespacedte (verrückte, abgefahrene) Wörter verwenden. Da schalten sich nun die
Verlagshäuser ein und werfen regelmäßig jedes Jahr neue (absurde) Jugendsprachwörterbücher
auf den Markt, mit denen die Ellies und Mitarbeiter der Bildungsvermittlungsinstitute (Schulen)
fleißig die pornösen (außergewöhnlich guten) Ausdrücke lernen können um die Jugend zu rallen
(verstehen). ,,Dass sich diese Bücher trotzdem gut verkaufen, liegt an der ,,Prestigefunktion von
Jugendlichkeit", wie die Sprachwissenschaftlerin Eva Neuland es formuliert: Wissen über
Jugendlichkeit enthält zugleich das Gebrauchswertversprechen, sich über dieses Wissen ein
Stück der eigenen Jugendlichkeit zurückzuerobern." (SZ 2004)
Doch die Diskussionen rund um die Jugendsprache ist kein neuzeitliches Phänomen. Bereits
Anfang des 19.Jahrhundert lassen sich Lexika mit ,,jugendsprachlichen" Ausdrücken finden, die
von Studenten geschrieben wurden. Der am meisten zitierte Verfasser eines solchen Pennäler-
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Lexikons
1
ist wohl der Göttinger Student Daniel Ludwig Wallis (Henne 1986: 1), der sein Werk
1813 veröffentlichte. Die folgende Textpassage stammt aus Wallis' Werk:
,,Der Student der durch sein ganzes Wesen sich von allen nicht studirenden Jünglingen
unterscheidet, und oft sorgfältig zu unterscheiden sucht, hat auch eine Anzahl
eigenthümlicher Ausdrücke und Phrasen. Bey allen Studirenden aller Universitäten findet
sich ein mehr oder weniger wortreiches Idiotikon. Viele Wörter sind auf jeder Universität
zu finden; viele hingegen sind nur auf Einer gebräuchlich. Manche sind so ziemlich
sinnlos, manche hingegen sehr naiv und ihrer Bedeutung angemessen. Kürze und
Derbheit sind das Gepräge der meisten.- Man muß selbst Student sein, um Wohlgefallen
daran zu finden. Sobald man der Burschenwelt entrückt ist, fallen nach und nach die
fremdartigen Wörter weg, so wie sich allmählig die Studenten-Manieren abschleifen."
(Henne 1986: 1)
Wallis spricht in erster Linie davon, dass der Student sich von Nichtstudierenden abzugrenzen
versucht, dazu nutzt er beispielsweise Ausdrücke die mit dem Schulalltag verbunden sind.
Weiterhin gibt Wallis an, dass sich bei jedem Studenten ein gedankliches Mundartwörterbuch
finden lässt, und dass diese sich nur in ihrem Umfang unterscheiden. Die verwendeten Wörter
und Ausdrücke können fragwürdig oder angemessen sein, die meisten zeichnen sich aber durch
Kürze und Grobheit aus, und fallen nach dem Studentendasein allmählich ab. Schlussfolgernd
lässt sich also nicht bestreiten, dass die jugendliche Ausdrucksweise
1.
schon seit mindestens 200 Jahren existent ist,
2.
als Abgrenzung zu anderen Menschen zusehen ist,
3.
regionale Unterschiede aufweist
4.
gekennzeichnet ist durch Kürze und Grobheit und
5.
nach der Studentenzeit allmählich aus dem Sprachgebrauch verschwindet.
Die Pennälersprache von damals ist somit womöglich mit der heutigen Jugendsprache
vergleichbar. Auch die Jugendsprache ist durch Abgrenzung (z.B. gegenüber den Erwachsenen),
regionale und dialektale Unterschiede, kurze und prägnante Formen (z.B. SMS-Abkürzungen)
sowie unfeine Ausdrücke (z.B. Fäkalsprache) gekennzeichnet. Außerdem ist zu beobachten, dass
1
Pennäler, Schüler [einer höheren Schule]
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sich die Jugendsprache meistens mit Eintritt ins Erwachsenenalter allmählich verringert oder gar
ganz verschwindet. Doch wie lässt sich Jugendsprache definieren?
Auch damit haben sich zahlreiche Sprachwissenschaftler in den letzten Jahrzehnten beschäftigt.
Besonders in den 60er Jahren wird die Sprache der Jugend in der Sprachforschung als negativ
und absonderlich empfunden, hierzu geben Peter Schlobinski, Gaby Kohl und Irmgard Ludewigt
folgende beispielhafte Äußerungen an: ,,Jargon einer bestimmten Sondergruppe", der den
,,größeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt und beleidigt" (Küpper 1961);
,,Halbstarkensprache, [...] ruppig und pöbelhaft" (Stave 1964); ,,Die Witzigkeit des Jargons ist
nur äußerlich, in Wahrheit spiegelt er sprachliche Verwilderung und emotionale Verrohung
wider" (Lamprecht 1965). (Schlobinski : 9)
Kommen wir nun wieder zurück zu dem derzeitigen (mehr oder weniger laienhaften) Rummel,
der um die jugendlichen Ausdrücke gemacht wird. In den letzten Jahren entstanden eine Vielzahl
von jugendsprachlich thematisierten Wörterbüchern, u. a. die Werke Heinrich Ehmanns
,,affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache" (1992), ,,oberaffengeil. Neues Lexikon der
Jugendsprache" (2000) und ,,Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache" (2001), alle
erschienen in der Beck'schen Reihe. Auch Verlaghäuser wie Langenscheidt, dessen Lexika für
Tradition und Kompetenz stehen, verschonen uns nicht mit ,,ihren" kreativen Ergüssen:
,,Langenscheidt Hä?? Jugendsprache unplugged" erscheint seit ... Der Verlag wirbt mit der
folgenden Beschreibung: ,,Süffisante Party! Hab viel zu viel gechipst. Gehen wir mal zum
Peacing raus? - Diese und andere witzige Stilblüten aus der aktuellen Jugendsprache entschlüsselt
die neue Ausgabe von "Hä?? Jugendsprache unplugged" wieder für junge und alte Nicht-Insider.
Geeignet für: Jugendliche, Sprachinteressierte, mutige Eltern und Lehrer." (Langenscheidt)
Als Pondon des fünfsprachigen ,,Langenscheidts Hä?? Jugendsprache unplugged" gilt das
,,Wörterbuch der Jugendsprache" von PONS. ,,Nur" viersprachig, aber bereits seit 2001 jedes
Jahr wieder überarbeitet in den Buchhandlungen anzutreffen, wirbt die Titelseite mit dem
Aufdruck: ,,DAS ORIGINAL seit 2001 jährlich neu!" (PONS 2007) Interessierte stellen sich nun,
die Frage, wie solche Nachschlagewerke entstehen, woher die jugendsprachlichen Begriffe
kommen. ,,Seit 2001 sammelt PONS jedes durch einen Wettbewerb für Schüler der Klassen 5-11
an deutschen Schulen die aktuelle Jugendsprache ein- und die jeweils passende Übersetzung in
Deutsch sowie in einer weiteren Fremdsprache." (PONS 2007: 3) Der Ernst Klett Verlag zudem
PONS gehört, sammelt also jedes Jahr die Wörter der Jugend an deutschen Schulen. Dazu
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erhalten die Lehrer und Schüler ein Informationsblatt, indem sie zu einer Teilnahme an einem
Sprachwettbewerb eingeladen werden. In diesem Faltblatt klingt dies wie folgt:
,, Liebe Lehrerin, lieber Lehrer, unsere Schüler in Deutschland gehen sehr gewitzt und
kreativ mit Sprache um- zu kreativ, um das nicht zu dokumentieren! Daher sammelt die
PONS Redaktion bereits seit 2001 die witzigsten, coolsten Wörter aus der
Umgangssprache der 11- bis 18-Jährigen, um sie im ,,Wörterbuch der Jugendsprache" zu
veröffentlichen." (PONS Infoblatt: s. Anhang )
Und so funktioniert das Ganze! Die Schüler sollen die fünf von ihnen am häufigsten genutzten,
deutschen Wörter aus ihrer Jugendsprache ermitteln und vergleichen, ob diese Wörter bereits in
deutschen- englischen, französischen, spanischen Nachschlagewerken existieren. Ist das nicht der
Fall, dann können ihre kreativen Beiträge eingeschickt werden. Wenn sich die Schüler an diesem
Wettbewerb beteiligen, winken Geldpreise für die Klassenkasse und Klassensätze mit
Wörterbüchern, außerdem erhält jede teilnehmende Klasse einen Klassensatz ,,PONS
Wörterbuch der Jugendsprache 2008". (vgl. PONS Infoblatt: s. Anhang)
Zudem gibt PONS an im Vorwort ihres Wörterbuches an, dass sich jedes Jahr 10.000 bis 20.000
Schüler deutschlandweit an der Sammlung der kreativen Ausdrücke beteiligen. Die weitere
Verfahrenweise beschreibt die PONS Redaktion wie folgt:
,,In der PONS-Redaktion werden die eingeschickten Beiträge der Schüler gesammelt und
gelistet- jedes Wort, das häufig eingeschickt wird und neu ist, wird in das neue
Wörterbuch der Jugendsprache aufgenommen. Wir fügen kein einziges Wort hinzu,
sondern stellen nur die Beiträge, die von den Jugendlichen kommen, zusammen. Die
PONS-Redaktion zensiert nicht bei der Auswahl der Wörter, die Vorschläge der
Jugendlichen werden so in das Wörterbuch übernommen, wie sie eingeschickt werden."
(PONS Wtb. 2007: 4)
Der kurze geschichtliche Exkurs hinsichtlich der Jugendsprache macht bewusst, dass
Jugendsprache anfänglich keinen hohen Stellenwert in der deutschen Sprache besessen hat.
Letztlich scheint sich aber doch ein Wandel vollzogen zu haben; Jugendsprache wird nun
gewinnbringend vermarktet (siehe PONS-Wettbewerb) und heiß in den Medien diskutiert und
erlebt Dank all des Rummels ein gewisses Ansehen.
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