1 E
„Das Neue fängt mit der Destruktion des Gegebenen an.“ 1
Mit jenem Satz aus der Rede H. Krapps zur Verleihung des Büchnerpreises an Heiner Müller 1985 könnte man das Werk Georg Büchners und Heiner Müllers überschreiben. Beide sind Autoren, die in einer Zeit der politischen und gesellschalichen Umwälzungen lebten und arbeiteten, und die die Eindrücke ihrer Zeit in ihrem literarischen Werk, auch gegen die Widerstände der Staatsmacht, kritisch verarbeiteten.
Eine skeptische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wir Fragen auf: nach (politischer) Macht, Verantwortung, Feind- und Opferbildern, nach dem Geschichtsverständnis, nach revolutionären Ideen, nach aktivem und literarischem Protest.
Wie die unterschiedlichen Tendenzen in der Büchnerforschung zeigen, entspringen die Deutungsversuche häug dem Wunsch, die verschiedenen Phasen und emen des Schreibens und die Persönlichkeit des Autors als in sich konsistente und einheitliche Abfolge „mit dem Schema eines Entwicklungsromans“ 2 darstellen zu wollen. Inwieweit dies jedoch generell, und auch aufgrund des Mangels an Dokumenten sowie der Möglichkeit einer sicheren zeitlichen Einordnung überhaupt möglich ist, bleibt fraglich.
Eine einheitliche Tendenz im Werk Heiner Müllers hingegen ist aufgrund der Vielfalt und Vielseitigkeit seiner Texte schwer fassbar zu machen.
Dennoch ist sowohl im Leben als auch im Werk beider Autoren die ständige Aus-einandersetzung mit den gesellschalichen und politischen Verhältnissen, der Geschichte und dem Umsturz der bestehenden Ordnung, der Revolution, sichtbar. Eine Beschäigung mit der Vergangenheit veranlasste möglicherweise auch die erfahrene Enttäuschung von der Gegenwart und eine zunehmend repressive Haltung der jeweiligen politischen Systeme. Ob die persönliche und schristellerische Konsequenz daraus allerdings in einer fatalistischen Grundhaltung endete, soll zu klären versucht werden.
Die Auseinandersetzung Müllers mit Georg Büchners Texten oenbart seine
1 Krapp, H.: „… wie das Insekt im Bernstein“. Rede für Heiner Müller. In:
Büchner-Preis-Reden 1984-1994. Hrsg. von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Stuttgart: Reclam 1994. S. 29-41. S. 40. 2 Eibl, K.: Ergo todtgeschlagen. Erkenntnisgrenzen und Gewalt in Büchners Dantons Tod und Woyzeck. In: Euphorion. Zeitschri für Literaturgeschichte. Hrsg. von R. Gruenter und A. Henkel. Bd. 75. 1981. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag 1981. S. 411-429. S. 412.
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Überzeugung, dass „die Wunde Woyzeck […] eine oene Wunde“ 3 ist, die erst dann geschlossen werden kann, wenn das Opfer gegen seine Unterdrücker aufbegehrt. Inwieweit jene Kritik an Politik, die bei beiden Autoren stets auch Sozialkritik bedeutet, auch im Werk sichtbar wird, soll im Laufe der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
Dementsprechend ist die Arbeit grob folgendermaßen gegliedert: Nachdem ein Blick in das (politische) Leben Büchners, bzw. die Fragmente, die davon heute noch sichtbar sind, geworfen wurde, um zu sehen, wie Büchners politischer Aktivismus womöglich motiviert und geartet war, soll ein Überblick über die Kontroverse um Büchners politischen Aktionismus innerhalb der langjährigen Büchnerforschung gegeben werden.
Die Arbeit folgt der Überzeugung, dass es bei Büchner, wenn auch eine Veränderung des Blickwinkels auf Politik, nie eine völlige Absage an politische und revolutionäre Ziele und Positionen gegeben hat. Um diese Frage herrscht bis heute eine angeregte Diskussion, deren unterschiedliche Aspekte auch anhand biographischer Aspekte diskutiert werden.
Zwei Werke des Autors sollen hinsichtlich obiger Fragen untersucht werden. In diesem Sinne folgt der Analyse des ‚Dramas‘ Danton’s Tod die des Dramenfragments Woyzeck. Im Anschluss werden werkübergreifende Aspekte dargestellt Auch bei Heiner Müller sollen zunächst kurz biographische Beweggründe, persönliche Eindrücke und die kulturpolitischen Voraussetzungen der DDR erörtertwerden. Es folgt ein kurzer Einschub über Carl Schmitt, mit seiner eorie von Freund und Feind als Vordenker Heiner Müllers gelten kann. In der Werkanalyse wird zunächst Der Lohndrücker von 1956 als ein relativ frühes Werk diskutiert. Als ein späteres Werk im literarischen Schaen Müllers wurde Der Aurag von 1979 zur Analyse ausgewählt. Wie später erläutert wird, kann Der Aurag als ein Wendepunkt im Geschichtsbild Heiner Müllers und in der Wahrnehmung der politischen Situation betrachtet werden. In einem dritten Teil werden Parallelen zwischen den beiden Autoren herausgearbeitet und es wird versucht, sich dem jeweiligen Geschichtsbild der Autoren sowie den Konsequenzen daraus anzunähern.
3 Müller, H.: Die Wunde Woyzeck. In: Büchner-Preis-Reden 1984-1994. Hrsg.
von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Stuttgart: Reclam 1994. S. 42-44. S. 44.
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2 G B
2.1 G B: K Z?
2.1.1 Büchner: Abkehr von der Revolution oder konsequenter Revolutionär? -
Ein Forschungsüberblick
Die Grundsituation der Zeit, in der Georg Büchner aufwuchs, lässt sich als eine „maladie du siècle“ 4 beschreiben, von der eine ganze Generation betroen war. Nach dem Wartburgfest 1817 und der Ermordung des restaurativen Schristellers August von Kotzebue 1819 folgte im Zuge der Karlsbader Beschlüsse eine zunehmend repressive Politik, Literatur und Medien wurden zensiert und und es wurde eine Untersuchungskommission gegen revolutionäre Aktionen eingerichtet. Dem Erfolg Metternichs war es zu verdanken, dass die deutsche Opposition weitgehend mundtot gemacht wurde und zwischen 1920-30 ‚Windstille‘ herrschte. Erst die französische Juli-Revolution brachte neuen Aufwind. Nach dem antifeudalistischen Hambacher Fest 1832 und dem gescheiterten Frankfurter Hauptwachensturm wurde der Ausnahmezustand ausgerufen und noch radikaler gegen die politische Opposition vorgegangen. Die Konsequenz war für viele die Flucht ins Exil. Innerhalb des Exils erstarkte somit die Opposition und dierenzierte sich zunehmend aus in die liberalen bzw. das radikaldemokratische Lager. Man könnte von der Ambiguität eines „rückwärts gerichteten Fortschritt[s]“ 5 während dieser Zeit sprechen, der in Form von historischen Tatsachen, aber auch in Tonalität und Intensität nicht nur in Büchners Werk sondern auch in dem vieler seiner Zeitgenossen Niederschlag fand und diese nachhaltig beeinusste. Die Frage, ob Georg Büchner vor dem Hintergrund politischer und revolutionärer Positionen schrieb, und diese in seinem Werk sichtbar werden, spaltet bis heute die Forschung und wird zuweilen als schwieriges bis unlösbares Problem 6 bezeichnet.
Schon in seiner Schulzeit trat Büchner politisch interessiert auf und nutzte viele Gelegenheiten, sich zu politischen emen zu äußern. Während seiner Gymnasi- 4Viëtor, K.: Die Tragödie des heldischen Pessimismus. In: DVJS 12 (1934). S.
173-209. S. 185.
5 Böhme, H.: Vom rückwärts gerichteten Fortschritt. Hessen im Vormärz und Büchner. In: Büchner: Zeit, Geist, Zeit-Genossen. Ringvorlesung an der Technischen Hochschule Darmstadt im Wintersemester 1986/87 zum 150. Todestag von Georg Büchner. Präsident der Technischen Hochschule Darmstadt (Hrsg.). S. 9-72. S. 9.
6 Niebuhr, Bernd Dieter: Das politische Missverständnis Georg Büchner. Eine Interpretation seiner Werke. Diss. Universität Zürich 1977. S. 19.
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alzeit verfasste Georg Büchner erste schristellerische Texte. 7 Gerhard Knapp sieht in den Schulschrien eine Annäherung an die subversive, revolutionäre Tradition des liberalen und republikanischen Bürgertums sowie an die jakobinische Bewegung der 30er Jahre. Ebenso würden Komponenten des späteren Werks wie „Büchners rigorose[n] Moralismus, seine Absage an die Transzendenz und sein[en] radikale[n] Humanismus“ 8 , der immer die Freiheit und die Verwirklichung des Einzelnen in den Vordergrund gestellt habe, vorweggenommen. Hans Mayer sieht in der Beschäigung mit dem Freitod ein Kreisen um die Frage nach Determinismus und um die Stellung zum Christentum, sowie eine Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens und der Sinnhaigkeit des Handelns. 9
Allerdings sind die Schrien - wie es von einem Jugendlichen kaum anders zu erwarten ist - stark an Vorbilder geknüp, und somit nur sehr bedingt in einer kontinuierlichen Entwicklungslinie mit den späteren Stücken zu sehen. 10 Später wird Büchner politisch aktiv. Die Flugblattaktion des Hessischen Landboten wie auch die Befreiung des befreundeten Minnigerodes aus dem Gefängnis waren jedoch gescheitert. Nach einigen Verhaungen in den eigenen Kreisen war auch Büchner nicht mehr sicher.
Wie Georg Büchner ein Kind seiner Zeit ist, so bleibt er doch in vielen Aspekten unzeitgemäß. Die Widersprüche seiner Zeit sind also auch als ‚Bruch‘ zwischen und in Leben und Werk des jungen Dichters zu verzeichnen, der es schwierig macht, eine vermeintlich notwendige Verquickung von beiden zu vollziehen und dieses „jung gährende, schmale Werk, schulwissend aufgepfrop und doch ganz neu voranschreitend, von vornherein politisch [zu, N. M] vereinnahmen und auf eindeutige Ziele und Aktionen hin [zu, N. M.] verpichten“ 11 . Allerdings zeigt sich schon sehr früh, dass emen wie Politik, Geschichte und Revolution Georg Büchner Zeit seines kurzen Lebens beschäigen würden.
7 Die absolutismuskritische Haltung und die spätere Konkretisierung einer kriti-
schen und oppositionellen Denkweise innerhalb der Gruppe um Büchner barg Koniktpotenzial in der Auseinandersetzung mit dem obrigkeitstreuen Direktor Dilthey. In wieweit diese Auseinandersetzung mit den Lehrern und das inbegriffene „Kräespiel[s] von Aktion und Reaktion“ vom normalen pubertären Verhalten eines aufgeweckten Jugendlichen während dieser Zeit abweicht, ist nicht eindeutig einzuordnen. Vgl. Knapp, Gerhard Peter: Georg Büchner. 3. vollst. überarb. Au. Stuttgart: Metzler 2000. S. 7. 8 Knapp, G.: Georg Büchner. S. 11.
9 Vgl. Mayer, Hans: Georg Büchner und seine Zeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972. S. 44.
10 Zum Anderen handelt es sich überwiegend um Gelegenheitstexte, die als wenig originell gelten können. Vgl. Knapp, G.: Georg Büchner. S. 11 11 Böhme, H.: Vom rückwärts gerichteten Fortschritt. S. 15.
7
Der Forschungsstreit hinsichtlich dieser oben dargestellten Fragestellung entbrannte erneut mit der Neudatierung des ‚Fatalismusbriefes‘ durch Jan-Christoph Hauschild. 12 Hiermit konnte man annehmen, dass ebender Brief zu einer Zeit geschrieben wurde, da Büchner noch politisch aktiv mit dem Hessischen Landboten und der Organisation der ‚Gesellscha der Menschenrechte‘ befasst war. Wie sind also diese scheinbar gegenläugen Tendenzen miteinander vereinbar? Dieser Zeitpunkt scheint zunächst ein biographischer Wendepunkt in Büchners Leben zu sein. Beginnt er doch erst nach diesen intensiven Erfahrungen der Repression mit seinem poetischen Schreiben und mit einer ernsthaen wissenschalichen Beschäigung als Mediziner. Gleichzeitig endet hier seine praktisch-politische Tätigkeit.
Inwieweit sich aber neben diesem oensichtlichen biographischen Einschnitt auch eine geistige Wende und Abkehr von politischen Überzeugungen vollzog, ist fraglich.
2.1.1.1 Stimmen für Büchners Abwendung von einem radikal-revolutionären Pro-gramm
In seiner viel diskutierten Rede zur Verleihung des Büchnerpreises 2007 13 behauptet der Preisträger Martin Mosebach, Georg Büchner habe in seinem Werk „Zweifel zugelassen […], die er sich als politischer Kopf nicht gestattete.“ 14 Die Annahme, es bestehe eine ‚Wende‘ in Büchners politischer Überzeugung wurde in der Forschung immer wieder erhoben. Zu den bekannten Stimmen, die in Büchner einen (politischen) Deterministen und Pessimisten sehen, zählen u. a. Karl Viëtor und Hans Mayer.
Als Viëtors am meisten umstrittene Abhandlung gilt der Aufsatz Die Tragödie des heldischen Pessimismus. In diesem Aufsatz erwehrt sich Viëtor der vielfach geäußerten Unterstellung, „daß der politische Revolutionär Büchner auch als Dichter revolutionär oder auch nur überhaupt ein Tendenzdichter zu sein hat“ 15 . Die Läh-
12Die genaue Datierung des Fatalismusbriefes ist umstritten. Bis 1989 ging man
sicher davon aus, dass Büchner ihn nach dem 10. März 1834 geschrieben habe. Jan-Christoph Hauschild bringt jedoch in seinem Aufsatz „Neudatierung und Neubewertung von Georg Büchners ‚Fatalismus’-Brief “ gute Argumente für eine Entstehung Mitte Januar desselben Jahres. Vgl.: Jan-Christoph Hauschild:Neudatierung und Neubewertung von Georg Büchners ‚Fatalismus’-Brief. In: Zeitschri für deutsche Philologie. Nr. 108. 1989. S. 511 - 529. 13 Teile der Rede wurden in der FAZ unter folgendem Artikel abgedruckt: Saint-Just. Büchner. Himmler. Kann es Gründe für den Massenmord geben? Martin Mosebachs Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. 10. 2007, Nr. 252, S. 33. 14 Saint-Just. Büchner. Himmler. S. 33. 15 Viëtor, K.: Die Tragödie des heldischen Pessimismus. S.174
8
mung, die Müdigkeit, die Passivität Dantons, so Viëtor, rührten aus derselben Erkenntnis, die sich Büchner in seinen jungen Jahren erönete: die Erkenntnis um die „wahre Artung des Menschen und seine Stellung im Leben“ 16 . Die Einsicht, dass ein Leben ohne Schmerz nicht möglich sei, ja Grundlage der menschlichen Existenz sei, bringe Büchner zur Resignation, einem Pessimismus - der allerdings nicht „von der sentimentalischen und nicht von der dekadenten Art [sei, N. M], sondern hart, heldisch.“ 17
Hans Mayer spricht von einer „große[n] Krise“18, die Büchner erlebt habe und von dessen Erkenntnis, dass im politischen Treiben seiner Zeitgenossen „weder Kra noch Ziel verborgen“ 19 seien. Als „verächtlich und hassenswert, aber kaum [als, N. M.] wirksam an der Wurzel zu bekämpfen“ habe er den „Aristokratismus des sozialen Stolzes und des Bildungshochmuts“ 20 angesehen. „Fatalistisch und deterministisch“ 21 sei Büchners Bild von den Verhältnissen gewesen. Es ginge bei diesen seinen Einsichten um etwas Grundsätzliches. 22
2.1.1.2 Büchner als konsequenter Revolutionär
Es drängt sich jedoch die Frage auf, wie ein junger, so motivierter, verschwörerisch tätiger und philanthroper Revolutionär innerhalb kürzester Zeit zur völligen Bejahung menschlichen Leidens gelangen konnte. Ebenso verwundert, wie Büchner, dessen „ganze Persönlichkeit eine einzige Absage an die vernünige Bürgerlichkeit“ 23 darstellte, tatsächlich sein bisheriges Leben gegen das ruhige, bürgerliche Leben eines Schristellers und anerkannten Wissenschalers im Exil bewusst einzutauschen vermochte. 24
Einen radikalen Gegenentwurf zu Viëtor und Hans Mayer bietet omas Michael Mayer in seinem Aufsatz Büchner und Weidig - Frühkommunismus und re-
16ebd. S. 179.
17 ebd. S. 180.
18 Mayer, H.: Georg Büchner und seine Zeit. S. 94. 19 ebd. S. 95. 20 ebd. S. 101. 21 ebd. 22 Vgl. ebd.
23 Mayer, H: Georg Büchner und seine Zeit. S. 20.
24 So spottet er etwa in einem Brief an Wilhelmine Jaeglé nach Mitte März: „Herr Studiosus Büchner. Das ist Alles! Wie ich hier zusammenschrumpfe, ich erliege fast unter diesem Bewußtsein;“ Poschmann, H. (Hg.): Bd. 2. S. 384.
9
volutionäre Demokratie. 25 . M. Mayer versucht hier, Büchner als konsequenten Frühkommunisten darzustellen. Demnach spiegele sich in seinem Werk die kommunistische Idee wider, Mayer sieht in diesem die „höchste[r] Reexionsebene“ 26 von Büchners politischen Überzeugungen. Es wird Mayer hier allerdings vorge-worfen, eine „ideologisch einseitige Festlegung Büchners“ 27 zu vollziehen. Ist dieser Vorwurf einerseits durchaus berechtigt, so ist eine völlige Abwendung Büchners von seinen politischen Überzeugungen auch in seinem Schreiben doch sehr unwahrscheinlich.
In neueren Aufsätzen der zu diesem ema wird dennoch diese politische Komponente in Leben und Werk Büchner hervorgehoben. 28 Auch die internationale Rezeption seiner Stücke betont zunehmend die politische und sozialkritische Dimension. 29
2.1.2 Opposition zur bestehenden Ordnung
Warum interessierte Büchner überhaupt das ema der Revolution? Die Änderung der bestehenden Gesellschasordnung war die „neue, aber zugleich historische Frage seiner Zeit“ 30 . Für ihn schien der einzige Ausweg aus den prekären Verhältnissen seiner Zeit, deren Ursprung er in der dramatischen Konfrontation von „Reich und Arm, von Gebildet und Ungebildet, von Hochmut und Hilosigkeit“ 31 begründet sah, die Revolution der Verhältnisse zu sein. Dies unterscheidet Büchners Denken von dem vieler Jungdeutscher, die sich mit tagespolitischen Zeitungsweisheiten, zufrieden gaben. Es handelte sich bei ihm um grundsätzliche „Einsichten in das Verhältnis des Menschen zu seiner Geschichte, in den Aufbau der bestehenden Gesellscha, in Möglichkeit oder Wünschbarkeit einer Umgestaltung des Bestehenden.“ 32
25 Mayer, omas Michael: Büchner und Weidig - Frühkommunismus und revolu-
tionäre Demokratie. In: Georg Büchner I/II. Text+Kritik. Georg Büchner I/II. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: 1979 (text+kritik Sonderband). S. 16-298.
26 Chang, Soon-Nan: Politik, Philosophie und Dichtung in Georg Büchners Lebenspraxis. Diss. Freie Universität zu Berlin 1988. S. 9. 27 Wetzel, Heinz: Ein Büchnerbild der siebziger Jahre. Zu omas Michael Mayer: „ Büchner und Weidig - Frühkommunismus und revolutionäre Demokratie“. In: Georg Büchner III. Text+Kritik. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: 1981 (text+kritik Sonderband). S. 247-264. hier S. 248. 28 Beispiele nden sich v. a. im Georg Büchner Jahrbuch 10 (2000-04), etwa die Aufsätze von Hiebel, Taniguchi oder Ulrike Dedner.
29 Vgl. Sevin, Dieter (Hg.): Georg Büchner. Neue Perspektiven zur internationalen Rezeption. Philologische Studien und Quellen. Berlin: Erich Schmidt 2007. S. 14. 30 Böhme, H.: Vom rückwärts gerichteten Fortschritt. S. 18. 31 ebd.
32 Mayer, H.: Georg Büchner und seine Zeit. S. 23.
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Zumindest geht es hier um Fragen, die Büchner nicht nur als Politiker sondern auch als Dichter und selbst als Wissenschaler interessiert haben müssen. Demnach ist es kein Zufall, wenn Büchner sich für sein erstes Drama den hoch brisanten Sto der Französischen Revolution - und daraus genau diesen Ausschnitt von der Ermordung der ultrarevolutionären Hébertisten im März 1794 bis zur Enthauptung der gemäßigten Dantonisten im April 1794 33 - erwählt, wenn er es selbst im Lustspiel Leonce und Lena nicht lassen kann, eine „scharf-sozialkritische Szene“ 34 einzubauen und wenn sich in seinem Dramenfragment Woyzeck sozialkritische Züge geradezu aufdrängen.
2.1.3 Politisches und revolutionäres Leben
2.1.3.1 Eindrücke der Revolution in Straßburg
Als „deutsche Kulturenklave“ 35 bildete Straßburg ein Sammelbecken für politische Flüchtlinge aus den deutschen Ländern. Die Nachwirkungen der Juli-Revolution waren hier unmittelbar und eindrucksvoll spürbar.
Büchner erlebte mit seiner Einschreibung im Herbst 1931 an der Universität zu Straßburg das Zusammentreen unterschiedlichster „plebeijischer und bürgerlicher oppositioneller Bewegungen gegen die restaurative Politik in Paris“ 36 angesichts der materiellen Notlage des Volkes - sicherlich ein für seine spätere sozialkritische Haltung prägendes Bild.
Beeindruckt von den Ereignissen in Frankreich und den Berichten aus Deutsch-land vom Hambacher Fest und dem Hauptwachensturm, spricht Georg in einem Brief an die Eltern, von einem „ewigen Gewaltzustand“ 37 und dem Volk, das, ,,den „Knebel im Munde“ 38 durch „rohe Militärgewalt“ 39 um sein Recht betrogen werde.
33 Genauer handelt es sich um den Zeitraum vom 24. März-05. April 1794. Implii-
ziert wird der Ausblick auf die im Drama nicht dargestellte Hinrichtung Robespierres am 28. Juli 1794.
34 Niebuhr, B. D.: Das politische Missverständnis Georg Büchner. S. 22. 35 Knapp, G.: Georg Büchner. S. 13. 36 ebd.
37 Poschmann, H. (Hg.): Bd. 2. S. 366/67. 38 Poschmann, H. (Hg.): Bd. 2. S. 366. 39 ebd.
11
2.1.3.2 Revolutionäre Aktivität in Gießen 1833/34
Im Jahre 1833 musste Georg Büchner Straßburg und somit seine Geliebte wie seinen Freundeskreis wieder verlassen, und in das Großherzogtum Hessen-Darmstadt zurückkehren, um dort sein Studium der Medizin fortzusetzen. Daneben beschäigte sich Büchner vermutlich mit philosophischen Texten, insbesondere aber auch mit der Revolution von 1789. Hier, im Frühjahr 1834, schreibt er auch den vielzitierten ‚Fatalismusbrief ‘, auf den im weiteren Verlauf der Arbeit noch intensiver eingegangen werden soll.
Die Anfangszeit in Gießen ist von Krankheit und Depression gezeichnet. Die politischen Verhältnisse machen Büchners Zustand noch schwerer zu ertragen. Im Dezember 1833 schreibt er folgende Worte an August Stöber:
Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Aenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu d. Laternen. 40
Durch seinen Gießener Freund August Becker lernt Büchner Anfang 1834 Dr. Friedrich Ludwig Weidig kennen:„ein oberhessischer Oppositioneller, dessen ganzes Leben [war] ein ununterbrochenes Opfer der reinsten Hingebung an die Sache des Volkes“ 41 gewesen sei, und der aktiv bei den Vorbereitungen des Frankfurter Hauptwachensturms sowie an der Organisation oppositioneller Vereinigungen beteiligt war. 42
Mitte März gründet Büchner die Gießener Gesellscha der Menschenrechte, einen Monat später die Darmstädter Sektion der Gesellscha. In diesen Zeitraum fällt auch das Verfassen der Flugschri Der Hessische Landbote. 43
2.2 D’ T
Obwohl Büchnerforscher Karl Viëtor von einer Abwendung Büchners vom politischen Schreiben überzeugt war, polarisierte er die Forschung nachhaltig mit seiner Aussage, alle Dramen Büchners beinhalteten „Szenen und Sätze, die sich, sagen wir, an den Zeitgenossen im Menschen, an den revolutionären Instinkt, an den
40 Poschmann, H. (Hg.): Bd. 2. S: 376/377.
41 Grab, Walter: Georg Büchner und die Revolution von 1848. Der Büchner Essay von Wilhelm Schulz aus dem Jahr 1851. Text und Kommentar. Königstein/Ts.: Athenäum 1985.
42 Vgl. Knapp, G.: Georg Büchner. S. 21. 43 Vgl. ebd. S. 20/22.
12
Tatwillen der Zuschauer und der Leser wenden.“ 44 - Allerdings, so Viëtor, gelte dies „für den ‚Woyzeck‘ […] am meisten, für ‚Dantons Tod‘ am wenigsten.“ 45 Diese Aussage verwundert zunächst, wird doch häug Danton’s Tod als das Paradigma eines Revolutionsstücks genannt.
Ob sich Büchner in Danton’s Tod überhaupt für oder gegen die Revolution ausspricht und inwieweit sich hier eigene Gedanken Büchners wiedernden, auch mit welchen Figuren er sich möglicherweise identiziert, soll im Folgenden untersucht werden. Ebenso soll geklärt werden, ob Büchner eine politische Überzeugung vertritt, mit welcher sich der Leser auseinandersetzen, oder gar identizieren soll. Im Hinblick auf die resignative Haltung und den Pessismismus, die ‚Büchner-Danton‘ vorgeworfen werden, soll geklärt werden, inwieweit sich diese tatsächlich auch auf die Revolution an sich beziehen.
2.2.1 Akteure des Stücks
Untersucht man das Verhältnis der Akteure des Stückes zueinander, so nden sich drei Argumentationslinien: zwischen den Robespierristen und den Dantonisten, zwischen den Revolutionären im Allgemeinen und dem Volk, und zwischen den Männern und den Frauen. In der vorliegenden Arbeit sollen insbesondere die politisch relevanten Akteure betrachtet werden. Im I. Akt des Dramas, welcher einer Exposition entspricht, werden beide politischen Lager, die Dantonisten und die Robespierristen vorgestellt. Das Volk kommt als weitere politisch-soziale Gruppierung hinzu.
2.2.1.1 Die Dantonisten: Proteure und Opfer der Revolution zugleich
Die Eingangsszene des Dramas zeigt die Dantonisten mit einigen ‚Damen‘ beim Kartenspiel. In diese Situation der ‚sinnlosen Zerstreuung‘ platzt ein von Zweifeln geplagter Philippeau hinein und berichtet vom Tod weiterer „zwanzig Opfer“ 46 (DT; I, 1; S. 14). Seine Forderung nach einem Gnadenausschuss und der Wiederaufnahme der ausgestoßenen Deputierten löst eine Grundsatzdiskussion unter den
44 Viëtor, K.: Die Tragödie des heldischen Pessimismus. S.174.
45 Viëtor, K.: Die Tragödie des heldischen Pessimismus. S.174. 46 Textgrundlage: Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Bd. 1: Dichtungen. Hrsg. von Henri Poschmann. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1992.
Im Folgenden zitiert als (DT; Akt, Szene: Seite).
13
Dantonisten Hérault, Camille und Danton selbst aus. Hérault fordert etwa ein Ende der Revolution:
Die Revolution ist in das Stadium der Reorganisation gelangt. Die Revolution muß aufhören und die Republik muß anfangen. In unseren Staatsgrundsätzen muß das Recht an die Stelle der Picht, das Wohlbenden an die der Tugend und die Notwehr an die der Strafe treten. Jeder muss sich geltend machen und seine Natur durchsetzen können. Er mag nun vernünig oder unvernünig, gebildet oder ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an. Wir Alle sind Narren es hat Keiner das Recht einem Andern seine eigentümliche Narrheit aufzudringen. Jeder muß in seiner Art genießen können, jedoch so, daß Keiner auf Unkosten des Andern genießen oder ihn in seinem eigentümlichen Genuß stören darf. (DT; I, 1; S. 15).
Auch Camille, die rechte Hand Dantons, legt seine Vorstellungen des idealen Staates dar.
Danton nimmt demgegenüber eine distanzierte, ernüchterte Haltung ein. Seine Antworten, zum Teil rein syntaktisch -
CAMILLE: […] Danton du wirst den Angri auf den Konvent machen
DANTON: Ich werde, du wirst, er wird.
- , nehmen den Aussagen den Wind aus den Segeln, seine politische Antriebskra ist getrübt, wenn er Julie entgegnet: „Ich muss fort, sie reiben mich mit ihrer Politik noch auf.“ (DT; I, 1 ; S. 16) und er warnt:
Zwischen Tür und Angel will ich euch prophezeien: die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glüht, wir Alle können uns noch die Finger verbrennen. (DT; I, 1 ; S. 16)
Vor dieser Kulisse allerdings, einem Leben im Spielsalon unter Grisetten, wirken die politischen Schwärmereien der Dantonisten weder realistisch noch glaubwürdig. Sie zeigen vielmehr die Distanz zum Volk. Die Klu zwischen dem Volk und Dantonisten wird in I, 5 deutlich:
DANTON Mein Name! Das Volk!
LACROIX Dein Name! du bist ein Gemäßigter, ich bin einer, Camille, Philippeau, Hérault. Für das Volk sind Schwäche und Mäßigung eins. Es schlägt die Nachzügler tot. […] DANTON Sehr wa
LACROIX Und außerdem Danton, sind wir lasterha, wie Robespierre sagt d. h. wir genießen, und das Volk ist tugendha d. h. es genießt nicht, weil ihm die Arbeit die Ge-nußorgane stumpf macht, es besäu sich nicht, weil es kein Geld hat und es geht nicht ins Bordell, weil es nach Käs und Hering aus dem Hals stinkt und die Mädel davor einen Ekel haben.
DANTON Es haßt die Genießenden, wie ein Eunuch die Männer.
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Nadia Matin, 2008, Politik, Revolution und Geschichte bei Georg Büchner und Heiner Müller, München, GRIN Verlag GmbH
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