Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - Linguistik und Soziologie 5
1.1 Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes und Begriffsfindung 6
1.2 Historie. 8
1.3 Methodisches Vorgehen. 9
2 Linguistische Analyse in Tradition der pragmatischen Stilanalyse 10
2.1 Korpora 10
2.2 Spreadshirt.de - (Abb. 1 - 360) 10
2.3 Emp.de - (Abb. 361 - 513) 13
2.4 Frontrecords.com - (Abb. 520 - 580) 13
2.5 Annotation und linguistische Kategorien 14
2.6 Schwierigkeiten der Annotation. 15
2.7 Allgemeine Ergebnisse zur linguistischen Bestimmung von Kleidungstexten 17
2.7.1 Morphosyntax. 17
2.7.1.1 Die Wortanzahl in Kleidungstexten. 17
2.7.1.2 Wortartenverteilung. 19
2.7.1.3 Wortartenverteilung interkorporal 22
2.7.2 Syntax. 23
2.7.2.1 Englischsprachigkeit. 26
2.7.2.2 Bildkategorien im Häufigkeitsvergleich 27
2.7.3 Gemeinsamkeiten zwischen den Korpora 29
3 Theoretisches Modell des Kleidungstextes 31
3.1 Forschungstradition. 31
3.2 Grundlagen zur Beschreibung des Kleidungstextes 35
3.2.1 Struktur und Handeln 35
3.2.2 Regeln und Regelmäßigkeiten. 36
3.2.3 Rechtfertigung von den traditionellen Textfunktionen abzusehen 39
3.2.4 Die Theorie der Geltungsansprüche nach Jürgen Habermas 41
3.2.5 Intermedialität 45
3.2.5.1 Sprachliche Zeichen. 46
3.2.5.2 Kleidung 47
3.2.5.3 Körper. 48
4 Informationsmanagement. 51
4.1 Regelmäßigkeiten - unbewusste psychische Dispositionen 51
4.1.1 Stroop-Effekt 52
4.1.2 Wortüberlegenheitseffekt 52
4.1.3 Phonemische Restauration. 54
4.1.4 Prinzip der unmittelbaren Interpretation. 54
4.1.5 Spotlight-Metapher. 55
4.1.6 Fundamentaler Attributionsfehler. 55
4.2 Regelmäßigkeiten - Ressourcenverteilungen 57
4.2.1 Allgegenwart und mediale Ungebundenheit sprachlicher Zeichen 57
4.2.1.1 Drucktechniken. 58
4.3 Regeln 58
4.3.1 Vagheit der Sprache 59
4.3.2 Regelgeleitete Sprachkompetenz 60
4.3.3 Kreative Sprachkompetenz 60
4.3.4 Spiele. 61
4.3.4.1 Sprachspiele. 61
4.3.4.2 Spielraum auf Kleidungsstücken 63
4.3.4.2.1 Form und Funktion. 63
4.3.4.2.2 Unterdeterminiertheit 64
4.3.5 Neugiermotivationstheorie 65
4.3.6 Rollen 68
4.3.7 Kleidungstext - ein Kommunikationsmedium 69
5 Identitätsmanagement 72
5.1 Genese moderner Identität 72
5.2 Identitätsbildung als offener Prozess. 75
5.2.1 Unsicherheit. 77
5.3 Identität als kommunikativer Prozess 79
5.3.1 Der narrative Charakter der Identität. 80
5.3.2 Der Körper als Medium der Selbstnarration. 81
5.3.3 Kleide dich, dass ich dich sehe. 82
5.3.4 Rede, dass ich dich sehe 83
5.4 Warum und wie mit Kleidungstexten Identitätsmanagement betrieben wird 84
5.4.1 Offenheit Differenziertheit 85
5.4.2 Reflexivität und Individuiertheit 86
5.4.3 Entschleunigung der Zeicheninflation. 87
5.4.4 Ein zweiseitiger Prozess 89
5.4.5 Der Wettkampf um die individuellste Identität 91
5.4.5.1 Die Hyperbel. 93
5.4.5.2 Ironie, Selbst- und Fremdbeleidigung. 96
5.4.5.3 Polysemie. 97
5.4.5.4 Intertextualität. 97
5.4.5.5 Vulgarismen. 98
5.4.5.6 Semantische Stilmittel 99
5.4.5.7 Graphostilistische Mittel. 100
5.4.5.8 Ellipsen und Zäsuren 103
5.4.6 Themen. 106
5.4.7 Die spezifische Kommunikationssituation von Kleidungstexten 107
5.4.7.1 Die Situation - Ein Ort zu Sagen ohne zu Sagen 108
5.4.7.1.2 Verstecken - Gesicht wahren 108
5.4.7.2 Kleidungstexte begünstigen die Idealisierung des Selbst 110
5.4.7.3 Definitionsmacht des Rezipienten - Kommunikation trotz Distanz. 113
5.4.7.4 Superiorität der Anfangssituation 114
5.4.7.5 Taktgefühl des Publikums 115
6 Beziehungsmanagement. 118
6.1 Identität und Gesellschaft, Ab- folgt Angrenzung 118
6.1.1 Ab- und Angrenzung mit Kleidung durch Nachahmung. 120
6.2 Beziehungen unterschiedlicher Qualität. 120
6.3 Die vernetzte Welt - Zugehörigkeit nicht Verbundenheit 122
6.3.1 Kollektive Schemata - Großgruppen 123
6.4 Kleingruppen und Vereine 126
6.5 Fans 127
6.6 Szenen 128
6.6.1 Rechtsextreme Kleidungstexte 131
6.7 Welche sprachlichen Vorkommnisse dem Beziehungsmanagement dienen. 133
6.7.1 Verteilung der Personalpronomen 133
6.7.2 Indexikalität. 135
6.7.3 Intertextualität 135
6.7.3.1 Verteilung der Intertextualitätsmodi 139
7 Zusammenfassung. 141
8 Tabellen. 149
8.1 Morphosyntaktische Aspekte im interkorporalen Vergleich. 149
8.2 Typographische Stilmittel im interkorporalen Vergleich. 150
8.3 Semantische Stilmittel im interkorporalen Vergleich 151
8.4 Kreuztabellen 152
3
9 Literaturverzeichnis 153
9.1 Beitrag in 153
9.2 Internetdokument 154
9.3 Monographie 155
9.4 Sammelwerk. 159
9.5 Zeitschriftenaufsatz 160
9.6 Zeitungsartikel 160
10 Anhang 161
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1 Einleitung - Linguistik und Soziologie
Die Worte „Sieben auf eine Streich“ stickt sich das tapfere Schneiderlein auf seinen Gürtel. Im Laufe des Märchens werden diese Worte von verschiedenen Figuren rezipiert und verstanden. Um das Anwenden und Verstehen sprachlicher Zeichen auf Kleidungsstücken soll es im Folgenden gehen. Sprachliche Zeichen auf Kleidungsstücken sind keine Seltenheit, sondern der Normalfall. „Heutzutage hat fast jeder Mensch ein T-Shirt mit einem Spruch auf der Brust.“ (Schmieder 24.04.2008, 1) Im Internet bieten Druckereien T-Shirt- 1 an,auf denen jeder ganz selbstverständlich seine eigenen Texte auf einer Konfiguratoren
Auswahl von Kleidungstücken entwerfen und drucken lassen kann. Auf mindestens 50% der angebotenen selbst kreierten Kleidungsstücke des Anbieters Spreadshirt.de finden sich sprachliche Zeichen (Abbildung 2.1), bei Emp.de und Frontrecords.com sind es sogar mehr als 90%. Das kommunikative Phänomen, das sich aus Kleidung und sprachlichen Zeichen zusammensetzt, wird hier ausdrücklich Kleidungstext (KT) genannt. Kleidungstexte sind als sprachliche Handlungen unerforscht. Es gibt keine Literatur und keine Theorien. Das Einzige, was es gibt, sind handelnde Menschen, die Kleidungstexte benutzen und herstellen und darüber hinaus gibt es die eine oder andere laienwissenschaftliche Vermutung über Kleidungstexte.
Kleidung würde man eher als soziales Phänomen bezeichnen. Kleidungstexte hingegen sind eher sprachliche Phänomene. Die Rolle sprachlicher Zeichen erweitert die Rolle der Kleidung um ein bestimmtes Potential. Dieses Potential soll aus Sicht der Handelnden in dieser Arbeit 2 offengelegt werden. Um dies im Detail zu tun, muss jedoch Gesellschaft aufgezeigt werden.
1 Michael Wieczorek 2009)
2 „Die Beziehung zwischen Soziologie und Sprachwissenschaft gleicht der zweier Partner, die es immer einmal wieder miteinander versuchen, sich - heimlich - Großes voneinander versprechen, sich dann enttäuscht abwenden, um - meist schon nach kurzer Zeit - von neuem mit einem Flirt und einer vorsichtigen Annäherung zu beginnen. (…) Gegenseitige Anziehung und Ablehnung resultieren aus einer eigenartigen Mischung aus materieller Gemeinsamkeit und struktureller Differenz. Die materielle Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Disziplinen zum Kreis der Textwissenschaften gehören: Textelemente und Texte analysierend und dabei neue Texte herstellend. Die strukturelle Differenz besteht - unabhängig von vielen weiteren Differenzen - in der unterschiedlichen Gewichtung des außersprachlichen 'Kontextes', in den
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Denn wo es um den Gebrauch sprachlicher Zeichen geht, stellt sich immer die Frage nach dem warum, nach menschlichen Absichten und damit nach menschlichen Bedürfnissen. Je mehr die Linguistik sich der außersprachlichen Kontexte annimmt, um das Auftauchen sprachlicher Strukturen zu erklären, umso mehr verlangt sie nach soziologischen Erklärungen. Kleidungstexte sind eine Form kommunikativen Handelns und können daher als sprachliche Handlungen verstanden werden. Der Ausgangspunkt dieser Arbeit ist der Dualismus von Struktur und Handeln. Sprachliche Phänomene sind Strukturen und haben ihren Ursprung immer in menschlichen Absichten. Welche Frage könnte interessanter sein, als jene, welche gesellschaftlichen Erfordernisse wie durch Sprache wiedergegeben werden? Die vorliegende 3 und beruht auf einem Arbeit widmet sich damit einer pragmatischen Fragestellung Sprachbegriff, der Sprache als ein multimodales Spannungsphänomen intermedialer Beziehungen auffasst. Die intermediale Verstrickung sprachlicher Zeichen in die Kleidung und die Bindung der Kleidung an den menschlichen Körper geben dem KT seine Spezifität. Eine bloße Strukturbeschreibung vermag nicht ansatzweise intermediale Bezüge des Mediengefüges Sprache - Kleidung - Körper darzulegen. Wie gezeigt werden soll, ergänzen sich die drei Medien zu etwas ganz Neuem, dass seine Emergenz konkreten gesellschaftlichen Bedürfnissen verdankt.
Wenn man also unterstellt, dass Kleider sofort und nicht erst in der Rückschau die Wahrheit über eine Zeit sagen (Worthington, Wojcik 1993, 16) und dass sich die Sprache mit den Lebensformen einer Gesellschaft wandelt (Korn 1959, 13), was sagt dann der Gebrauch von Kleidungstexten über das Heute aus und umgekehrt?
1.1 Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes und Begriffsfindung
Wenn es auch für eine Definition zu früh ist, so ist Abgrenzung hingegen vonnöten, um den Erkenntnisbereich dieser Arbeit festzulegen. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Wirkung sprachlicher Zeichen auf Kleidungsstücken und die Verbindung der Medien Kleidung und Sprache in einem neuen Kommunikationsmedium. Diesbezüglich werden in der Korpusanalyse Kleidungsstücke, auf denen ausschließlich Bildmaterial enthalten ist, ausgeschlossen. Die Untersuchung erstreckt sich demnach über alle Kleidungsstücke, auf denen nur oder auch sprachliche Zeichen vorkommen.
sprachliche Erzeugnisse eingebettet sind.“ (Soeffner 1986, 73)
3 „In der linguistischen Pragmatik werden die Bedingungen und Regularitäten sprachlichen Handelns untersucht.“ (Glück 2005, 633)
6
4 Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch Bildmaterial Bestandteil eines Textes ist. Dieser Erkenntnis wird darin Rechnung getragen, dass Kleidungsstücke, auf denen Bilder neben sprachlichen Zeichen vorkommen, in die Analyse mit einbezogen werden. „Der Text lässt sich also unter medialen Gesichtspunkten einerseits nicht nur auf das sprachlich Formulierte reduzieren, sondern muss andererseits von den Gestaltungsprinzipien des jeweiligen Mediums her betrachtet werden. Vorstellungen von einem »visuellen Text« gehen davon aus, dass das Geäußerte mit der Abbildung eine Einheit bildet und somit erst den Text konstituiert.“ (Gansel, Jürgens 2007, 16) Obwohl Kleidungstexte demgemäß visuelle Texte sind, konnte keine Bildanalyse durchgeführt werden. Zum Einen gestaltet sich die Annotation für Bilder aufgrund deren Vielseitigkeit sehr schwer und machte aufwendige Einzelfallanalysen notwendig. Zum Zweiten sind Bilder nicht das Erkenntnisobjekt dieser Arbeit, sondern vor allem sprachliche Zeichen und deren gesellschaftliches Wirkungspotential. Wie bald zu erkennen sein wird, wäre eine ernsthafte Bildanalyse auch kaum zu leisten gewesen. Schließlich führt allein der abgegrenzte Untersuchungsgegenstand und der Anspruch diesen möglichst umfassend zu beschreiben in einen wissenschaftlichen Dschungel. Zu vielfältig sind die Verstrickungen und zu viele Ebenen menschlicher Kognition sind beteiligt, als dass es Sinn gehabt hätte, seinen Blick nur in eine wissenschaftliche Richtung zu lenken. Das sollte aber nicht das wesentlichste Ziel eines Versuches sein, ein sprachliches Phänomen erstmals ausdrücklich in allen seinen Facetten zu beschreiben. Im Folgenden soll der Begriff KT für alle Kleidungstexte stehen, auf denen auch sprachliche Zeichen zu sehen sind. 5 Im Verlauf der Arbeit wird diese Abgrenzung Schritt für Schritt um definitive Aspekte angereichert.
Um ein Missverständnis zu vermeiden, sei schon hier erwähnt, dass bei allen Thesen, die im Folgenden über Kleidungstexte gemacht werden, davon ausgegangen wird, dass selbige auch kommuniziert werden, ausgehend von der Annahme, dass nichts ein Zeichen ist, was nicht als solches interpretiert wird (Charles Sanders Price). Kleidungstexte können schließlich unter der Jacke oder dem Pullover getragen werden. Mithin kann ein KT zwar offen getragen werden, aber es mangelt an Rezipienten, z.B. zu Hause vor dem Fernseher. Hier wird
4 „Der Text entfaltet seinen inhaltlichen Zusammenhang und damit sein Wirklichkeitspotential im Kontext mit dem Bild.“ (Gansel, Jürgens 2007, 16)
5 Zugegeben kann man das Wort text im KT problematisch sehen, wenn man bedenkt, dass zu Texten auch Bilder gehören können und hier vor allem auf die Anwesenheit sprachlicher Zeichen verweisen werden soll. Die „Alternativen“ Kleidungssprache und sprachliche Zeichen auf Kleidungsstücken hingegen rechtfertigen die Wahl von KT aufgrund der noch größeren Verwirrung, die sie stiften würden. Gleichzeitig soll dem Begriffschaos dadurch entgegengewirkt werden, dass sprachliche Zeichen hier immer als solche bezeichnet werden und nicht etwa als Texte.
7
angenommen, dass ein jeweiliger KT offen und öffentlich getragen wird. Es wird demnach von einer idealen Kleidungstextsituation ausgegangen.
1.2 Historie
Es wäre falsch zu behaupten, Kleidungstexte wären ein neues Phänomen. Lediglich ihre Verbreitung ist neu. Kleidungstexte gibt es möglicherweise länger als es Bücher gibt. Beleghaft zu sichern waren solche ältesten Kleidungstexte allerdings nicht, sondern vor allem mittelalterliche Stolen und Cinguli als textile Amtsabzeichen. Mittelalterliche Kleidungstexte wurden als Brettchenarbeiten hergestellt, wie „(…) das Cingulum des Augsburger Bischofs Witgar (867 bis 887 im Amt) (…) Das 3,8 cm, an den Enden 5 cm breite, 138 cm lange Band zeigt in seiner ganzen Länge die in roter Seide ausgesparte Widmung: «VVITGARIO TRIBVIT SACRO SPIRAMINE PLENVM HANC ZONAM REGINA NITENS SANCTISSIMA HEMMA» (Voll des Heiligen Geistes hat die im Glanz der Heiligkeit strahlende Königin Hemma dem Witgar diesen Gürtel geschenkt.)“ (von Wilckens 1991, 82-83) Auf einer Borte finden sich die Worte „ODILIA ME FECIT“ (ebd., 101), andere Borten enthalten die Namen von Aposteln (ebd., 95&97). Textstickereien lassen sich sogar bis in das 7. Jahrhundert belegen. Eine Stola in der Kathedrale von Durham, ist durch eine Inschrift datiert (ebd., 173) und auf der Dalmatika Karls des Großen - das ist ein „byzantinisches Sacco“ (ebd., 212)lassen sich neben den grafischen Umsetzungen biblischer Auszüge auch Wörter lesen (ebd., 212). Alle mittelalterlichen Texte sind auf Latein und Altgriechisch verfasst und verweisen auf kirchliche Themen. Bis auf die Dalmatika Karls handelt es sich bei den anderen Kleidungsstücken um gürtel- und schalähnliche Textilien im kirchlichen Gebrauch. Ihre Seltenheit und die Beschränkung auf den kirchlichen oder höfischen Rahmen verdankt sich wohl der aufwendigen Herstellung. Das betextete bischöfliche Cingulum (Gürtel am Gewand eines Priesters) erinnert an das eingangs erwähnte Tapfere Schneiderlein, das sich die Worte „Sieben auf einen Streich“ auf den Gürtel nähte. Diese kurze Darstellung historischer Kleidungstexte soll lediglich deren frühere Existenz nachweisen. Hiermit ist jedoch keine Vergleichs- oder gar Ausgangsbasis für die Untersuchung heutiger Kleidungstexte gefunden, da diese auf vollkommen veränderten Lebens- und damit Kommunikationsbedingungen beruhen.
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1.3 Methodisches Vorgehen
Um dem Theoriedefizit (Reese-Schäfer, Luhmann 1992, 15-16) zu entgehen, soll neben der linguistischen Analyse, die sich an der pragmatischen Stilanalyse (Sandig 1978) orientiert, eine wissenschaftliche Theorie konstruiert werden, die unterschiedlichen soziologischen und linguistischen Forschungstraditionen verpflichtet ist. Gleich zu Beginn sei auf den explorativen Charakter eines methodischen Vorgehens hingewiesen, dass sich verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen verpflichtet fühlt. Grundlage der Untersuchung ist jenes Verständnis menschlichen Handelns, das der symbolisches Interaktionismus geprägt hat. Dessen Weiterentwicklungen über die Phänomenologie und Ethnomethodologie sind von entscheidender Bedeutung für die vorliegende Arbeit. Die konkrete Theorie der Kleidungstexte soll aus folgenden Wissenschaftstraditionen abgeleitet werden
• dem Dualismus von Struktur und Handeln (1984) nach Anthony Giddens (Giddens 1984),
• dem auf Erving Goffman (1977) zurückgehenden Verständnis, dass menschliches Handeln gerahmt wird durch Regeln und Regelmäßigkeiten (Goffman 1977),
• dem Habermas'schen Modell (1981) der in jeglicher Kommunikation erhobenen Geltungsansprüche (GA).
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2 Linguistische Analyse in Tradition der pragmatischen Stilanalyse
2.1 Korpora
Im Folgenden wird die empirische Analyse vorgestellt, die sich an der pragmatischen Stilanalyse (Sandig 1978) orientiert. Hervorgehoben sei das Wort orientiert, denn der Untersuchungsgegenstand ist von einer Vielseitigkeit, dass selbst die Freiheit der pragmatischen Stilanalyse kaum hinreicht. Darum wird auf eine Methodendiskussion an dieser Stelle bewusst verzichtet. Ein weiterer Grund dafür ist die nicht ausschließlich empirische Zielstellung der Arbeit. Ziel der Analyse war es, zum ersten KT anhand der Häufigkeit auftretender Stilmittel allgemein beschreiben zu können und zweitens anhand der Häufigkeit bestimmter Stilmittel drei theoretisch gewonnene Kommunikationszwecke in den KT nachzuweisen. Im Folgenden werden KT anhand allgemeiner gemeinsamer Merkmale zwischen den Korpora vorgestellt. Die spezifischen Stilmittel, die Ausdruck ganz bestimmter Kommunikationsabsichten sind, werden in den Kapiteln behandelt. Die folgenden Abschnitte bieten demnach nur eine linguistische Formbeschreibung mit dem Zweck, den Untersuchungsgegenstand grundsätzlich zu veranschaulichen.
Dieser Arbeit liegen drei Korpora zugrunde, anhand derer die aufgestellten Thesen belegt und erläutert werden. Die Korpora sind folgenden Kleidungstextanbietern im Internet entnommen: Spreadshirt.de, Emp.de, Frontrecords.com.
2.2 Spreadshirt.de - (Abb. 1 - 360)
Internetunternehmen wie Spreadshirt.de ermöglichen jedem den Entwurf seiner eigenen Kleidungstexte, die von dort aus nicht nur an den jeweiligen „Designer“ verkauft werden, sondern an alle anderen, denen das Motiv gefällt. 6 ) gliedert sich in Kleidungstexte für Männer und Das Korpus Spreadshirt.de (Korpnr. 1-360
Frauen. Grundlage dieser Zweiteilung war die Möglichkeit auf der Webseite des Unternehmens zwischen beiden Kategorien zu wählen. Am 18.02.2009, 21.34 Uhr MEZ wurde von dem Verfasser dieser Arbeit die Kategorie Männer gewählt. Aus der
6 Diese Zahlen verweisen auf die laufende Nummer der untersuchten KT. Die vollständige nummerierte
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7 mit Gesamtauswahl von 33.086 Kleidungsstücken wurden die ersten vier Auswahl-Seiten jeweils 45 Suchergebnissen zur Untersuchung herangezogen, indem die angezeigten Kleidungsstücke der Reihe nach als Grafikdateien auf einen Arbeitscomputer übertragen und als PDF-Dateien konvertiert wurden. Insgesamt wurden 4 x 45 = 180 Männerkleidungsstücke nach 65 Stilkategorien (vgl. 2.5 - Annotation und linguistische Kategorien) annotiert. Am 18.02.2009, 21.42 Uhr MEZ wurden aus der Kategorie Frauen, mit einer Gesamtauswahl von 8 mit je 45 Kleidungstexten ausgewählt 22.231 Kleidungstexten ebenfalls die ersten vier Seiten und als PDF-Datei konvertiert. Insgesamt wurden demnach von Spreadshirt.de 360 Kleidungsstücke annotiert. Die Zufälligkeit der Auswahl und die enorme Menge der verfügbaren Kleidungsstücke sowie die thematische Ungebundenheit des Anbieters lässt auf eine gewisse Repräsentativität der Stichprobe schließen. Darum wird vor allem das Spreadshirt-Korpus für die allgemeinen Aussagen über Kleidungstexte herangezogen werden. Nebenstehend wird gezeigt, wie sich die sprachlichen Zeichen in der Gesamtanzahl der unter Spreadshirt.de untersuchten Kleidungsstücke verteilen.
Abbildung 2.1: gesamt
Übersicht findet sich im Anhang.
7 http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4410/Marketplace/Products/list/department/1/category/24/go/to/page/1
http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4410/Marketplace/Products/list/department/1/category/24/go/to/page/2 http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4410/Marketplace/Products/list/department/1/category/24/go/to/page/3 http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4410/Marketplace/Products/list/department/1/category/24/go/to/page/4 8 http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4414/Marketplace/Products/list/department/3/category/33/go/to/page/1
http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4414/Marketplace/Products/list/department/3/category/33/go/to/page/2 http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4414/Marketplace/Products/list/department/3/category/33/go/to/page/3 http://www.spreadshirt.net/de/DE/-/Liste-4414/Marketplace/Products/list/department/3/category/33/go/to/page/4
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Abbildung 2.3: Frauen
Unter Spreadshirt.de waren von den 360 untersuchten Kleidungsstücken 204 Kleidungstexte, 9 zu dem potentiellen in denen die sprachlichen Zeichen in unterschiedlicher Beziehung
Bildinhalt standen. Interessant dabei ist der Vergleich zwischen den Geschlechtern, der zeigt, dass Frauen in der Stichprobe auffallend weniger sprachliche Zeichen verwenden. Über die Hälfte der angebotenen Kleidung für Frauen enthielt gar keine sprachlichen Zeichen, sondern nur Grafiken. Bei Frauen war das Verhältnis Bild wiederholt Wort häufiger vertreten als bei Männern.
9 Kategorien: nur Grafik, nur sprachliche Zeichen (sZ), Bild ergänzt sZ, Bild ersetzt sZ, Bild wiederholt mindestens ein sZ
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2.3 Emp.de - (Abb. 361 - 513)
Am 14.06.2008 wurden auf der Seite Emp.de unter der Kategorie T-Shirts die ersten 134 Kleidungstexte ausgewählt, wobei es sich bei 115 um einseitig bedruckte (Abb.361 - 475) und bei 19 um vorder- und rückseitig bedruckte (Abb. 476 - 513) Kleidungstexte handelte. Diese Auswahl ist nicht repräsentativ, da Emp.de im Gegensatz zu Spreadshirt.de ein Anbieter ist, der eine bestimmte Kundenklientel (Heavy Metal & Rock 'n' Roll) bedient, was darauf schließen lässt, dass die Kleidungstexte von Emp.de stärkere Geltungsansprüche im Bereich des Beziehungsmanagements (3.2.4) erheben, als dies bei Spreadshirt.de der Fall ist. Im Korpus von Emp.de finden sich auch die beidseitig bedruckten Kleidungstexte. Sie geben Aufschluss über das Verhältnis der sprachlichen Zeichen auf Vorder- und Rückseite der Kleidungsstücke (5.4.5.8 - Ellipsen und Zäsuren).
2.4 Frontrecords.com - (Abb. 520 - 580)
Die Abbildungen 520 bis 580 zeigen 61 am 20.01.2009 um 19.30 Uhr MEZ der Reihe nach ausgewählten Kleidungstexte des Anbieters Frontrecords.com. Der Anbieter stattet Kunden der rechten Szene mit Kleidung und Tonträgern aus. Gegenwärtig ist der Internetauftritt von Frontrecords.com (Persdorf 2009) nicht online, da gegen das Unternehmen polizeilich ermittelt wird. Anhand der Kleidungstexte von Frontrecords.com sollen vor allem die sprachlichen Werkzeuge veranschaulicht werden, die Beziehungsmanagement anhand von Kleidungstexten ermöglichen. Die Korpusabbildungen 558, 560 und 571 konnten nicht in die Analyse mit einbezogen werden, da die kopierten Bilddaten sich für die linguistische Analyse als zu klein herausstellten. Ein Versuch die Bilder in besserer Qualität erneut von Frontrecords.com zu laden schlug fehl, da der Anbieter in der Zwischenzeit verfassungsrechtlich angeklagt und der weitere Verkauf der Kleidungstexte unter der Adresse Frontrecords.com anscheinend verboten wurde. Von daher kann man von Glück sprechen, dass die Auswahl der Kleidungstexte, die über die Hälfte der auf Frontrecords.com angebotenen Kleidungstexte ausmachte, hier eingefroren vorliegt und untersucht werden kann.
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2.5 Annotation und linguistische Kategorien
Alle Kleidungstexte wurden in eine SPSS-Datenbank aufgenommen, auf welcher auch die Tabellen und Diagramme beruhen. Die Kleidungstexte werden in folgenden linguistischen Kategorien untersucht.
• Morphosyntax (Wortart)
• Syntax
• Pragmatik (außersprachliche Koreferenzen)
• Semantik
• Graphematik (phonetische und prosodische Elemente)
2.6 Schwierigkeiten der Annotation
Die Annotation und damit die linguistische Analyse erwecken mitunter den Eindruck von Unprofessionalität. Dass es zu einer wirklich hieb- und stichfesten Annotation nicht kommen konnte, ist dem Untersuchungsgegenstand zu verdanken, der sich durch seine Vielgestaltigkeit einer einheitlichen Beurteilung anhand linguistischer Verfahren fast entzieht. Die Verschiedenartigkeit und die schier unbegrenzte Anzahl der Stilmittel, sowie die unterschiedlichsten Arten, kognitives Potential mittels Farben und Formen zu lenken sind charakteristische Merkmale von Kleidungstexten. Trotzdem müssen wissenschaftliche Aussagen über Kleidungstexte möglich sein, da intuitive Aussagen ebenso möglich sind. Das Vorgehen verlangte aufgrund des Untersuchungsgegenstands einen gewissen Grad methodischer Freiheit, um überhaupt Zuordnungen zu ermöglichen. Diese Freiheit gestattet die pragmatische Stilanalyse (Sandig 1978) in deren Tradition die folgenden Untersuchungen durchgeführt sind. Trotz aller Schwierigkeiten ist die gesamte Annotation von dem Bemühen begleitet, die relevanten Kategorien ausfindig zu machen und verbindlich den jeweiligen Realisationen zuzuordnen.
Insgesamt werden die Kleidungsstücke in den 65 genannten relevanten Kategorien geprüft. Die große Anzahl verdankt sich der Vielgestaltigkeit der Objekte. Dabei fällt auf, dass viele der Kategorien sehr selten sind. Jedoch lassen sich gerade diese selteneren Kategorien als Neugier evozierende sprachliche Mechanismen zusammenfassen, wie noch zu zeigen sein wird (4.3.5 - Neugiermotivationstheorie). Eine Schwierigkeit besteht indes darin, dass die Kategorien nicht immer klar umgrenzt sind. Intertextualität kann beispielsweise typografisch, morphologisch, semantisch aber auch grafisch hergestellt werden, wobei zu bedenken ist, dass alle diese Ebenen auch in der Zusammenschau erst Intertextualität realisieren könnten. Eine derart unterteilende Klassifizierung vorzunehmen, erfordert Einzelfallanalysen auf die hier verzichtet werden soll. Ähnliche Probleme bereiten viele weitere Kategorien. Um trotz der Vielgestaltigkeit der Untersuchungsobjekte Verbindlichkeit zu gewährleisten, werden deshalb folgende Sortierkriterien eingeführt:
• Als Rahmen gelten farbliche oder transparente Rahmungen einzelner Buchstaben, einzelner Wörter, ganzer Äußerungen, Sprechblasen, Gedankenblasen und an Sprech- und Gedankenblasen erinnernde Rahmen.
• Ironie bezeichnet in der Analyse nicht nur die literarische Ironie, sondern auch
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Selbstironie - der Text wirft ein zwiespältiges Licht auf den Träger Beleidigungen - andere werden subtil oder direkt beleidigt
• Unter Polysemie werden nur echte zweideutige Wörter gezählt aber keine zweideutigen Kontexte
• Intertextualität wird unterschieden in Text-, Bild- und Text&Bild-Intertextualität. Unter Text&Bild-Intertextualität werden Kleidungstexte gezählt in denen einerseits die sprachlichen Zeichen und nebenbei das Bild Intertextualität hervorruft, ebenso aber Kleidungstexte, in denen erst im Zusammenspiel von Bild und Text Intertextualität entsteht. Textintertextualität kann nicht nur durch semantische Stilmittel erreicht werden, sondern ebenso durch typographische, wenn etwa ein Schriftzug einem bekannten Schriftzug aus den Medien ähnelt. (254) 10
• Bilder, die Worte ersetzen:
• Zahlen werden wie Text behandelt, wenn es um graphematische Kategorien geht, sie werden aber nicht als Partikel gezählt. (122)
• Rätsel sind auch Buchstabenrätsel, z.B. fehlende Leerstellen, fehlende Vokale (124), verwirrende Aufteilung eines Wortes über mehrere Zeilen (125) (219) oder eine Drehung des Textes um 180°.
• Bild ersetzt sprachliche Zeichen bedeutet nicht nur Bild ersetzt Wort, sondern auch Bild ersetzt Buchstabe. (132)
• Piktogramm heißt auch, dass mehrere Piktogramme zu sehen sind. Es geht darum, was häufiger verwendet wird; eindeutige Piktogramme oder komplexere Grafiken. (133)
• Webadressen werden nicht als Wörter gezählt, sondern in der Kategorie Webadresse erfasst. (137) Beinhaltet eine Webadresse ein hervorgehobenes Wort,
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wird dieses in der jeweiligen Wortart mitgezählt.
• Ausrufezeichenhäufungen werden gezählt, wenn mehrere Ausrufezeichen vorhanden sind, die jedoch nicht zusammenstehen müssen (143)
• Zahlen sind Jahreszahlen, Aufzählungen, Zahlenabbildungen usw., sie dienen der Wortersparnis.
• Komposita sind nur Komposita. Dies ist vor allem für viele englischsprachige Beispiele relevant. In diesen kommen Komposita als voneinander durch Leerstelle getrennte Wörter vor, die hier aber als ein Wort gezählt werden.
2.7 Allgemeine Ergebnisse zur linguistischen Bestimmung von
Kleidungstexten
2.7.1 Morphosyntax11
2.7.1.1 Die Wortanzahl in Kleidungstexten
Im Mittel war ein KT auf Spreadshirt.de 3 Wörter, auf Emp.de 8 Wörter und Frontrecords.com 10 Wörter lang. Der längste KT war mit 48 Wörtern auf Frontrecords.com zu finden. Der Median ist gegenüber solchen Ausreißern aussagefähiger als der Mittelwert, er beträgt bei Spreadshirt.de 2 und bei Emp.de und Frontrecords.com 7. Demnach ist mindestens die Hälfte der KT bei Spreadshirt.de mindestens 2 Wörter, bei Emp.de und Frontrecords.com mindestens 7 Wörter lang. Frontrecords.com aber auch Emp.de enthalten Ausreißer, was den Median aussagefähiger macht als den Mittelwert (Abbildung 2.5 & 2.6). Die annähernd normalverteilte Kurve von Spreadshirt.de verweist dagegen auf den Mittelwert als geeignete Größe (Abbildung 2.4).
Spreadshirt.de Emp.de Frontrecords.com 2,88 8,02 10,32 Wortanzahl Mittelwert
Tabelle 1
10 Die Zahlen in Klammern verweisen auf Kleidungstexte im Korpus, die als Beispiel dienen. 11 Eine Gesamtübersicht zu den interkorporalen Vergleichen findet sich auf S. 151 (Tabelle 13).
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Dies berücksichtigend lässt sich sagen, dass KT meist 3 bis 8 Wörter enthalten. Damit zeichnen sie sich gemessen an tradierten Textsorten durch Kürze aus, wie sie für plakatierte Werbeanzeigen zutreffend ist. Zu vermuten ist, dass die Kürze sich dem Raumangebot des Mediums T-Shirt (Kleidungsoberteil) verdankt. Um Wahrnehmung zu garantieren braucht es große sprachliche Zeichen. Größe derweil noch dazu auf begrenztem Raum geht immer auf Kosten der Anzahl sprachlicher Zeichen.
Abbildung 2.4: Spread-Wortzahl
Abbildung 2.5: Emp.de-Wortzahl
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Abbildung 2.6: Frontre-Wortzahl
2.7.1.2 Wortartenverteilung
Die einzelnen Wortarten (Nomen, Komposita, Verben, Adjektive, Pronomen und übrige Partikel) verteilen sich unter den 204 bei Spreadshirt.de untersuchten KT folgendermaßen.
Abbildung 2.7
Nomen machen mehr als ein Viertel der verwendeten Wortarten aus, hinzu kommen die Komposita, die fast ein Achtel der verwendeten Wörter ausmachen. Im intersexuellen Vergleich (Abbildung 2.8) ist erkennbar, dass Männer häufiger Nomen und Komposita
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gebrauchen. Frauen benutzen öfter Pronomen. Im Mittel jedoch verteilen sich die Wortarten im intersexuellen Vergleich auffallend homogen, weshalb intersexuelle Vergleiche im Weiteren eine untergeordnete Rolle spielen werden.
Abbildung 2.8
Der durchschnittliche KT auf Spreadshirt.de hat eine Äußerungslänge von 2,88 Wörtern und besteht aus 0,77 Nomen, 0,31 Komposita, 0,55 Verben, 0,34 Adjektiven, 0,36 Pronomen und 0,32 Personalpronomen (Abbildung 2.9).
Abbildung 2.9
Da diese Zahlen in der Denkweise der Sprache - in ganzen Wörtern - wenig aussagen, empfiehlt sich die Umrechnung in relative Häufigkeiten. Mindestens ein Nomen enthalten
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57,8 % aller Kleidungstexte. (Komposita 28%, Verben 38,2%, Adjektive 25,9%, Pronomen 26,4%, Partikel 35,3%). Sehr wahrscheinlich ist demnach, dass ein KT mindestens ein Substantiv (inkl. Komposita) enthält.
Im intersexuellen Vergleich fällt auf, dass Frauen (Tabelle 2 & Abbildung 2.10) nicht nur weniger Kleidungsstücke mit sprachlichen Zeichen haben (2.2), sondern auch, dass Frauen-Kleidungstexte im Durchschnitt weniger Wörter an sich enthalten, wie die folgende Tabelle 12 zeigt.
Tabelle 2
Die folgende Grafik veranschaulicht die durchschnittliche Anzahl verwendeter Wortarten und die durchschnittliche Gesamtäußerungslänge im intersexuellen Vergleich.
Abbildung 2.10
12 Eine Erkenntnis, die der bekannten These entgegensteht, dass Frauen mehr reden würden als Männer. Auf
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2.7.1.3 Wortartenverteilung interkorporal
Vergleicht man alle drei Korpora miteinander, machen Substantive (Nomen & Komposita) die größte Gruppe verwendeter Wortarten aus. Die auffallende Nominalität entspricht dem Charakter von KT. Oftmals reichen prägnante Substantive aus, um das auszusagen, was ausgesagt werden soll, der Rest der Informationen wird auf multimodalen Wegen z.B. über die Farben des Shirts, über den Habitus und die Tätigkeit des Trägers oder das Aussehen der Morpheme vermittelt. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Prädikation in die intermedialen Beziehungen eingeflochten ist. Der KT „Zicke“ in der Disko getragen, bedeutet dann „Ich bin (eine)“ oder „Ich sehe mich (momentan als eine)“. Die Rolle solcher und anderer mitgemeinter Inhalte wird in & 3.2.3 & 5.4.5.1 genauer besprochen. Die übrigen Wortarten verteilen sich im interkorporalen Vergleich recht homogen, was weitere allgemeine Schlüsse erübrigt. Diesbezüglich wären Vergleichszahlen wünschenswert, die andere Medien anhand der verwendeten Wortarten erfassen.
Abbildung 2.11: Spread-Wortarten
Kleidungstexten zumindest reden die Männer mehr.
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Abbildung 2.12: Emp-Wortarten
Abbildung 2.13: Frontre-Wortarten
2.7.2 Syntax
91% der Kleidungstexte enthielten nur eine einzige Äußerung, die mindestens aus einem Wort zu bestehen hatte, aber auch ein Satz sein konnte. 6,9 % der Kleidungstexte enthielten zwei Aussagen (1% > 2 Äußerungen). Komplexe Sätze wurden dabei nicht als eine Aussage gezählt, maßgeblich war die Anzahl der Propositionen. Zwei graphematisch und räumlich voneinander geschiedene einzelne Nomen auf einem KT wurden dementsprechend als zwei Propositionen (Aussagen) gezählt. Eine Kreuztabelle, in der die Betonung der einzelnen Kleidungstexte der Anwesenheit von Satzzeichen gegenübergestellt wird, ergibt folgendes Bild.
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Tabelle 3
204 Äußerungen stehen nur 45 Satzzeichen gegenüber. Das verwundert nicht, denn ein Großteil der nur ein Wort umfassenden Kleidungstexte werden als Aussagen gezählt. Darum ist dieses Ergebnis weniger aussagestark. Wesentlich ist, das offenbare Fehlen der Interpunktion bei 2 Fragen, 3 Ausrufen und 11 Befehlen / Aufforderungen. Die schreibsprachlichen Regeln scheinen von den Benutzern von Kleidungstexten weniger verbindlich angewandt zu werden. Kleidungstexte scheinen demzufolge weniger angewiesen zu sein auf die rechtmäßige Interpunktion. Ein Grund dafür kann darin zu suchen sein, dass man die Kleidungstexte aufgrund der Begrenztheit des Platzes möglichst knapp hält, um möglichst der Schriftgröße genügend Raum zu bieten. Ebenfalls werden die Informationen, wie eine Äußerung gemeint ist, auf Ebene des Satzbaus übertragen. 13 Demzufolge scheint man ungezwungen von den Satzzeichen Abstand zu nehmen, wo die Information über die Intonation, welche die illokutive Richtung maßgeblich bestimmt, schon in der Wortstellung enthalten ist. Zur Entschuldigung der Kleidungstexter muss dazugesagt werden, dass von den 11 Fragen 8 mit Fragezeichen versehen waren (und eine mit dem Punkt). Interessant ist ferner, dass 12 Aussagen mit Ausrufezeichen versehen wurden, wahrscheinlich um der Aussage mehr Nachdruck zu verleihen. Dabei sei auf die Schwierigkeit verwiesen, einer Aussage mit Ausrufezeichen abzusprechen ein Ausruf zu sein. Im Falle dieser Arbeit wurden vor allem längere Aussagen bemerkt, denen wenig Ausrufartiges anhaftete, die aber mit Ausrufezeichen versehen waren. Von 20 Befehlen besaßen 8 ordnungsgemäß ein Ausrufezeichen, einer einen Punkt und bei 11 wurde gänzlich auf die Interpunktion verzichtet. Letzteres mag ein Beleg für die These sein, dass schon durch den Satzbau vermittelte Informationen auf Kleidungstexten nicht zwingend mit Satzzeichen versehen werden, um unnötige Informationen und demzufolge Platz einzusparen. In diesem Zusammenhang ist die
13 Dieser Umstand ermöglichte eine Annotationskategorie Intonation unabhängig von der Kategorie Interpunktion.
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folgende Übersicht aufschlussreich, die die Satzartigkeit (Satz gemäß minimaler vorhandener Satzbestandteile vs. Nicht-Satz) der Interpunktion gegenüberstellt.
Tabelle 4
In 61,8% aller Kleidungstexte handelt es sich nicht um Sätze gemäß deutscher bzw. englischer Satzbauschemata. 78 von 204 enthielten mindestens einen minimalen Satz gemessen am Vorhandensein der nötigsten Satzbestandteile (Subjekt, Prädikat, (Objekt)). Von diesen 78 KT fehlte bei mehr als der Hälfte (44) die Interpunktion. 4 Sätze, die gemäß obiger Skala vom Satzbau her als Fragen erkenntlich waren, verfügten über das dazugehörige Fragezeichen, während 4 vom Satzbau her nicht als Fragen erkennbare Äußerungen mit dem Fragezeichen versehen waren. 22 echte Äußerungen enthielten Ausrufezeichen, wobei in Anlehnung an die vorherige Tabelle nur 17 davon dieses Ausrufezeichen gemäß schreibsprachlicher Regularitäten zu Recht trugen. Demnach verfügten 12 Satzbau-Aussagen über Ausrufezeichen. Die vorkommenden 8 Punkte markierten immer Satzenden (Tabelle 4), wobei die Sätze nicht in jedem Fall als Aussagen zu intonieren waren. 126 Kleidungstexte und damit fast zwei Drittel verfügten nicht über Satzbau-Sätze. Dennoch enthielten von diesen 126 Nicht-Sätzen 11 Satzzeichen (7 Ausrufe- und 4 Fragezeichen). Diese für Zeichensetzung und Satzbau herausgefundenen Eigenschaften konnten durch entsprechende Kreuztabellen der anderen beiden Korpora bestätigt werden (vgl. 8.4 - Kreuztabellen) Für Kleidungstexte lassen sich folgende Thesen aufstellen: schreibsprachliche Interpunktionsregeln werden oft vernachlässigt. Wo der Satzbau auf die Intonation schließen lässt, wird oft auf das entsprechende Satzzeichen verzichtet. Wo der Satzbau nicht auf die Intonation schließen lässt, werden Ausrufe und Fragen nicht aber Aussagen durch das entsprechende Satzzeichen ergänzt, wahrscheinlich um die Äußerung so konkret wie möglich zu machen. Das Fehlen der Satzzeichen an den schreibsprachlich richtigen Stellen weist auf die Verortung der KT im Bereich konzeptioneller Mündlichkeit hin. Ausrufezeichen werden bei Sätzen und Nicht-Sätzen von allen Interpunktionszeichen am häufigsten verwendet, was
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darauf schließen lässt, dass ihnen eine besondere Rolle zukommt, wenn es darum geht Aufmerksamkeit möglicher Rezipienten zu fokussieren oder Übertreibungen anzuzeigen.
2.7.2.1 Englischsprachigkeit
Im interkorporalen Vergleich zeigt sich eine signifikante Englischsprachigkeit derKleidungstexte, obwohl die untersuchten Anbieter für den deutschsprachigen Raumproduzieren.
Abbildung 2.14: Spreadshirt.de Abbildung 2.15: Emp.de
Abbildung 2.16: Frontrecords.com
Im Mittel sind die Hälfte der Kleidungstexte englischsprachig. Erstaunlicherweise gilt dies ebenso für die Kleidungstexte der rechten Szene bei Frontrecords.com. Dort ist die Englischsprachigkeit zurückzuführen auf die interne Gruppensymbolik, die aus den Skinhead-
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Szenen Englands übernommen wurde. Viele dieser sprachlichen Zeichen sind in Deutschland nicht geläufig. So können sich die Träger im Geheimen ihres sozialen Kapitals versichern (6.6.1 & 6.7.3).
2.7.2.2 Bildkategorien im Häufigkeitsvergleich
Da allgemeine Grafiken und Zeichnungen im Rahmen dieser Arbeit nicht problemlos genauer zu unterscheiden waren, machen diese den größten Anteil der verwendeten Bilder aus. Die weitere Verteilung hingegen ist aussagestärker. Bei Spreadshirt.de und Emp.de wurden relativ oft Piktogramme genutzt. Frontrecords.com verzeichnet fotorealistische Darstellungen, welche bei Spreadshirt.de und Emp.de kaum Bedeutung haben. Die meisten Piktogramme wurden auf Spreadshirt.de verwendet. Stellt man die Gestaltung aller 377 untersuchten KT aller drei Korpora in einer Kreuztabelle den Bildarten gegenüber, so wird eine Beziehung zwischen den Piktogrammen und der Beziehung Bild ersetzt Wort deutlich. Von 16 Bild ersetzt sprachliches Zeichen-Verhältnissen wurden 12 durch Piktogramme realisiert. Das ist fast ein Fünftel aller Piktogramme, während nur 4 von 179 Grafiken / Zeichnungen Wörter ersetzen.
Abbildung 2.17: Spread-Bildart
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Abbildung 2.19: Frontre-Bildart
Piktogramme werden demnach vorrangig als Wortersatz genutzt. Sie sind allgemein verständlich und ziehen Aufmerksamkeit auf sich, vor allem wenn sie in Zusammenhang mit sprachlichen Zeichen auftreten. Piktogramme ähneln sprachlichen Zeichen dahingehend, dass ihre Wahrnehmung und Interpretation kaum zu verhindern ist. Gleichzeitig sparen sie Platz, sind also kürzer als sprachliche Zeichen, aber nicht so variabel. Die Menge an eindeutigen Piktogrammen ist weitaus geringer als die Menge möglicher sprachlicher Zeichen, die Unterschiedliches bedeuten.
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Tabelle 5
2.7.3 Gemeinsamkeiten zwischen den Korpora
Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Korpora sind Hinweise auf den allgemeinen Charakter aller Kleidungstexte. Unabhängig vom jeweiligen Anbieter konnten folgende Gemeinsamkeiten nachgewiesen werden. In Anlehnung an Tabelle 14 & 15 (S. 134 & 135) lassen sich allgemeine Aussagen über Kleidungstexte machen. Schriftfarben-, -größen-,dicktenwechsel sowie der unverhältnismäßige Gebrauch von Großbuchstaben sind in sehr großer Häufigkeit vertreten. Schriftdrehungen bis zu 180° und Schriftrahmungen werden häufig verwendet. Ausrufezeichenhäufungen und Unterstreichungen sind ein mittelmäßig häufig verwendetes Stilmittel. Geringere Anwendungshäufigkeiten betrafen Anagramme, Durchstreichungen, Anführungszeichen und Ausklammerungen. Diese graphostilistischen Stilmittel dienen durch die mit ihnen evozierten Unterscheidungen der Hervorhebung bestimmter Wörter und der Kleidungstexte im Allgemeinen (4.3.5 Neugiermotivations-theorie).
Für den KT sehr typische semantische Mittel sind Intertextualität, Polysemie, Ellipsen, Vulgarismen, der Gebrauch englischer Sprache und Ironie. Oft vertreten waren Äußerungen, die mit „I love...“ begannen, Reime, Zahlen, Namen und antithetische Formulierungen. Weniger häufig wurden Abkürzungen, Akronyme, Klimaxe, Alliterationen, Rätsel, Lautmalereien, Phantasiewörter, Dialekte, rhetorische Fragen und unzulässige Verallgemeinerungen gezählt. Selten waren Webadressen, Preziositäten, Anaphern und Selbstreferentialitäten. Der geringeren Häufigkeit einzelner Stilmittel steht ihr Variantenreichtum bei den untersuchten Kleidungstexten gegenüber. Im Durchschnitt verfügt jeder der 377 untersuchten Kleidungstexte über je zwei graphostilistische und semantische Merkmale. Insgesamt wurden in den 377 untersuchten Kleidungstexten 1058 graphostilistische Mittel und Unterscheidungen und 712 semantische Mittel gezählt. Semantische und graphostilistische Eigenarten werden in den jeweiligen Unterkapiteln
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(5.4.5.1ff., 5.4.5.6ff. & 6.7.2f.) genauer behandelt, da sie die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale sind, wenn es darum geht, Identitäts- und Beziehungsmanagement in Kleidungstexten nachzuweisen. Nachdem mit Hilfe von Häufigkeiten ein allgemeines Bild verwendeter Stilmittel (Strukturen) und damit eine Formbeschreibung von KT ermöglicht wurde, soll im Folgenden versucht werden, KT linguistisch zu verstehen.
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3 Theoretisches Modell des Kleidungstextes
3.1 Forschungstradition
Soziales Handeln ist durch Symbole geprägt, die im Prozess der Sozialisation erworben werden und im Prozess der Interaktion von den Handelnden wechselseitig bestätigt oder verändert werden. Diese Annahmen George H. Meads (Mead, Morris 1934) begründen den symbolischen Interaktionismus, der später von Herbert Blumer (1969) erweitert wurde. Der Mensch selber agiert in einer Doppelrolle. Er ist Interpret eigener und gleichzeitig fremder Handlungen. Nach Blumer beruht der symbolische Interaktionismus auf drei Prämissen:
• Menschen handeln gegenüber Dingen gemäß Bedeutungen, die sie diesen Dingen gegeben haben
• diese Bedeutungen leiten sich aus der gegenseitigen sozialen Interaktion ab, die diese Dinge betrifft
• diese Bedeutungen werden in einem interpretativen Prozess, der das jeweilige Ding betrifft, vom Menschen angewendet und abgeändert (vgl. Blumer 1973, 81)
Menschen handeln also nicht wie Schallplattennadeln, die vorgegebene Rillen (Strukturen) abtasten, sondern auf der Grundlage von Bedeutungen, die sie diesen Strukturen geben. Auf die Masse der Menschen übertragen, bestehen Gesellschaften aus handelnden Subjekten, deren Handlungen bedeutungsgeleitet sind. „Gesellschaft ist Handlung.“ (Abels 1998, 48) „Gleichgültig, ob man Kultur als Konzept nun als Brauch, Tradition, Norm, Wert, Regel oder ähnliches definiert, sie ist eindeutig abgeleitet von dem, was die Menschen tun. Ähnlich bezieht sich soziale Struktur in jedem ihrer Aspekte, wie sie durch solche Begriffe wie soziale Position, Status, Rolle, Autorität und Ansehen wiedergegeben werden, auf Beziehungen, die aus der Art der Interaktion zwischen verschiedenen Personen abgeleitet sind.” (Blumer 1973, 86)
Wenn Bedeutungen die Grundlagen menschlichen Handelns sind, verlangt Handeln die Interpretation von Zeichen. „Interaktion ist Interpretation.“ (Abels 1998, 53) Auf die Frage, wo die Bedeutungen, auf denen menschliches Handeln basiert, herkommen, antwortet Alfred Schütz (1932, 1975) mit dem Konzept des Wissensvorrates. In die objektive Welt des Wissensvorrats lagern die Menschen die gemachten Erfahrungen als typische Erfahrungen
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ein. „Mit Hilfe dieses Wissensvorrates wird jede Situation definiert und bewältigt. Er dient als Schema, nach dem neue Erfahrungen geordnet werden. (…) Der Typus reduziert die Fülle der Bedeutungen, die die Dinge haben können, auf die Bedeutung, die in meinem aktuellen Handeln Sinn macht.” (ebd., 74) Der Wissensvorrat fungiert als Konglomerat von Regeln und Regelmäßigkeiten die menschliches Handeln determinieren. Die abgelagerten Erfahrungen bekommen dadurch institutionellen Charakter, dass sie von den Beteiligten geteilt werden. „Das Fortwirken einer Institution gründet sich auf ihre gesellschaftliche Anerkennung als “permanente“ Lösung eines “permanenten“ Problems.“ (Berger et al. 2007, 74) Menschliches Handeln auf der Grundlage von Bedeutungen, das sich in bestimmten Kontexten wiederholt und wiederholt als Wiederholtes erkannt wird und mit einer bestimmten Bedeutung interpretiert wird, hat institutionellen Charakter. Es erzeugt Erwartungen. Kollektives Wissen über „reziproke Verhaltenstypisierungen“ nennen Berger und Luckmann (1969) Rollen und beschreiben dieses Wissen als das “ungeschriebene Textbuch eines Dramas“ (ebd., 79), „an dem alle Mitglieder der Gesellschaft beteiligt sind.“ (Abels 1998, 101) Berger und Luckman messen den Rollen gesellschaftskonstituierende Wirkung bei: „Mittels der Rollen, die er spielt, wird der Einzelne in einzelne Gebiete gesellschaftlich objektivierten Wissens eingewiesen, nicht allein im engeren kognitiven Sinne, sondern auch in dem des Wissens um Normen, Werte und sogar Gefühle.“ (Berger et al. 2007, 81) Diese Sicht setzt voraus, dass sich Menschen aufgrund von Bedeutungen miteinander verhalten. „Alle Rollen repräsentieren die institutionelle Ordnung.“ (ebd., 80) Rollen spielen für Kleidungstexte eine entscheidende Rolle, da - wie noch zu zeigen sein wird - diese einem konkreten Bedarf nach Rollenvermittlung entsprechen (vgl. 4.3.6 - Rollen). Kleidungstexte sind ein soziales Phänomen, das in Form einer linguistischen Struktur daherkommt. Die Frage 14 fragt nach der linguistischen Struktur ist eine Frage des wie. Die Ethnomethodologie vorrangig nicht, warum Menschen bestimmte Handlungen durchführen, sondern wie sie sie durchführen. Die spezifiziert sie die Annahme, dass menschliches Handeln rational ist und demzufolge in der Interaktion von einer gegenseitigen Rationalitätsunterstellung begleitet wird, wenn Menschen das Handeln anderer wahrnehmen und verstehen wollen. Es wird nicht nur der Interpretationscharakter der Interaktion hervorgehoben, sondern es wird Rationalität vorausgesetzt. Menschen beurteilen das Handeln anderer als absichtlich und sinnvoll. Diese
14 „Die Ethnomethodologie (…) verbindet die phänomenologische Soziologie von Alfred Schütz mit der Tradition des amerikanischen Pragmatismus und des symbolischen Interaktionismus.“ (Abels 1998, 116), indem sie versucht die Methoden zu erkennen, nach denen Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren. (vgl. Abels 1998, 116)
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Rationalität entspringt nicht allein der Tatsache, dass Menschen einer Sprachgemeinschaft sich schon allein kraft der Sprache verstehen. Hinzu kommt „die stillschweigende Annahme, dass das, was sie einander aufzeigen, auch vernünftig ist.“ (Abels 1998, 119) „Wir könnten nicht kommunizieren, wenn jemand seine Rede mit den Worten einleitet: Ich lüge.“ (ebd., 119) Für Kleidungstexte ist diese Sichtweise als oberstes Gebot einer Untersuchung wirksam, da viele von ihnen auf den ersten Blick den Eindruck von Sinnlosigkeit vermitteln, weshalb sie sich wohl einer linguistischen Untersuchung bisher als unwürdig erwiesen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein so emergentes Phänomen noch keiner Untersuchung zuteil wurde. Die Rationalitätsunterstellung „des Denkens und Handelns [ist] konstitutiv für den Alltag [und] wird auch dadurch nicht obsolet, dass wir manches Handeln als völlig irrational erleben. Die Rationalität ist nach der Theorie der Ethnomethodologie (...) keine Rationalität an sich, keine objektive, sondern eine Rationalität, die mit einem jeweiligen Handeln verbunden ist.“ (ebd., 119)
Die vorliegende Arbeit begreift auch die durch Vulgarismen und seltsame Äußerungen auffallenden Kleidungstexte als sinnvoll und will in Tradition der Ethnomethodologie zeigen, wie Menschen gerade mit diesen Kleidungstexten „methodisch auf gemeinsames Wissen zurückgreifen und uns selbst und anderen dadurch eine objektive Welt anzeigen.“ (ebd., 125) Der objektive Alltag ist allen klar und notgedrungen verständlich. Thematisiert wird er nur bei 15 Neben Rationalität unterstellen sich handelnde Menschen gegenseitig Regelverstößen.
Kompetenz, was bedeutet, „(...) dass jeder den Wissensvorrat der Gesellschaft zur Hand hat und die Basisregeln anwendet, nach denen wir die Wirklichkeit interpretieren. Erst wenn wir dies annehmen, können wir sicher sein, dass das gemeinsame Handeln von Überraschungen frei ist. (...) Die soziale Wirklichkeit wird durch die Handlungen der Mitglieder einer Gesellschaft fortlaufend produziert. Sie hat keine eigene Objektivität, sondern ist eine 16 (ebd., 127) Nach Garfinkel Konstruktion, die laufend in Interaktionen ausgehandelt wird.“ (1961) betreiben Menschen die dokumentarische Methode der Interpretation 17 , um sich Handlungsgrundlagen zu schaffen. Das heißt, sie gleichen mit Vergangenheitserfahrungen ab, wofür eine Kognition ein typisches Beispiel ist, und bilden daraus Erwartungen, die die
15 In diesem Sinne lässt sich von einem „allgemeinen System universal signifikanter Symbole“ im Sinne Meads sprechen. (Mead, Morris 2008) „Eine Überprüfung des gemeinsamen Wissensbestandes findet - wenn überhaupt - nur oberflächlich statt, und dies nur dann, wenn Probleme erkennbar werden. Sie wird in der Regel tunlichst vermieden.“ (Abels 1998, 126 zitiert nach Soeffner, 1983, 14)
16 Diese Sichtweise ist wichtig, wenn man Paul Grices Kommunikationstheorie (1969) verstehen will, die die Rezipientenposition beim Verstehen beschwerpunktet.
17 „Die dokumentarische Methode der Interpretation ist die grundlegende Methode, mit der wir die Wirklichkeit konstituieren und unser Handeln strukturieren.“ (Abels 1998, 131-132)
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gegenwärtige Situation handlungsbestimmend beeinflussen. Garfinkels Krisenexperimente (1967) zeigten, wie stark die dokumentarische Methode der Interpretation unsere Handlungsgrundlagen bestimmt. Dabei stellte sich heraus, „dass wir es offensichtlich nicht aushalten können, wenn die Welt in Unordnung ist. Die soziale Wirklichkeit wird fortlaufend von uns so konstruiert, dass sie Sinn macht.“ (ebd., 132) Schon deshalb ist es unangemessen Kleidungstexte als seltsames Randphänomen zu betrachten. Hier soll dafür plädiert werden, Kleidungstexte als ein sinnvolles modernes Kommunikationsmedium zu begreifen, das auf regelhaften18 Strukturen beruht und im Gesellschaftswandel offenbar gewordene
Kommunikationsnischen füllt. Garfinkel führt den Begriff der Indexikalität ein, um zu Erklären, warum unser Handeln und Sprechen typisierbar und somit verstehbar ist. Indexikalität meint die Kontextualität unseres Handelns. Menschliche Handlungen beziehen einen Großteil ihrer Bedeutung aus dem jeweiligen Kontext, in dem sie stattfinden. „Im Grunde besteht die gesamte Sprache aus Indices, also Verweisen auf bestimmte Zusammenhänge, in denen die Dinge Sinn machen. (...) Indices zeigen einen bestimmten Kontext an. Sie sind situative Referenzmittel.“ (ebd., 134) Im Falle des Kleidungstextes wird der Kontext auch durch die Medien Körper und Kleidung beeinflusst. Was der Kontext Körper und was der Kontext Kleidung aussagen können, ohne dass überhaupt ein situativer Kontext vorliegt, wird im Kapitel 3.2.5 (Intermedialität) angedeutet und später genauer ausgeführt. Die Kontextgebundenheit von Äußerungen ist ein besonderes Merkmal kommunikativer Handlungen. „Kommunikative Äußerungen haben immer einen indexikalen Charakter. Das gilt für verbale Äußerungen, vor allem aber für begleitende Gestik und Mimik, den Tonfall und anderes. Solche indexikalen Äußerungen sind nur aus ihrem spezifischen Kontext heraus zu verstehen, in dem sie verwendet werden.“ (ebd., 134) Indizes sorgen für Übereinstimmung im Verstehen, sie verorten das Handeln als spezifisches und tragen dazu bei, dass Menschen sich verständigen können. „Indexikalische Äußerungen vereinnahmen den anderen und verführen ihn dazu, einen Kontext, den der Sprecher definiert hat, zu bestätigen. Im Grunde geht es also darum, über einen Sinn, den eine Seite konstituiert hat, ein gemeinsames Einverständnis zu erzielen. Auf diese Weise wird Wirklichkeit sozial konstruiert.“ (ebd., 135) Demgemäß konstatiert die Ethnomethodologie der Sprache eine natürliche Vagheit, auf deren Grundlage Verstehen erst möglich ist. (4.3.1) Diese Vagheit
18 Garfinkel nutzt auch den Begriff der Regel. Festzuhalten bleibt hier nur, dass seine Einteilung der Alltagsregeln in konstitutive und freiwillige Regeln im Verlauf dieser Arbeit differenzierter betrachtet werden soll, ausgehend von einem Regelbegriff der von Überlegungen zum Begriff der Struktur (Reckwitz 1997) beeinflusst wird.
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lässt bei gleichzeitiger konventionaler Übereinstimmung den notwendigen Raum für individuelles Verstehen.
3.2 Grundlagen zur Beschreibung des Kleidungstextes
3.2.1 Struktur und Handeln
Kleidungstexte sind ein intermediales multimodales Phänomen. Medienspezifische Gegebenheiten und intermediale Bezüge lassen sich betrachten als Strukturen im Sinne des Dualismus von Struktur und Handeln nach Anthony Giddens (1984). Kleidungstexte sollen hier als linguistische Struktur aufgefasst werden, die sich aus untergeordneten Strukturen zusammensetzt. Die Strukturen sind keine Zufallserscheinungen, sondern sie beeinflussen menschliches Handeln als Rahmungen. Diese Annahme beruht auf der durch Goffman (1974) begründeten Praxis, Face-to-Face-Kommunikation als gerahmtes Handeln zu betrachten. „Rahmen sind die explizit vorgenommenen oder explizit genannten Definitionen 19 sind aufgebaut aus Regeln und Erwartungen, der Situation“. (Goffman, 1974, 16) Rahmen
die wiederum als Bestandteile der Welt angeeignet worden sind und auf Grundlage von zugeschriebenen Bedeutungen behandelt werden (). Der Rahmen fungiert dabei lediglich als 20 eine Modellvorstellung. „'Rahmungswissen' ist das Verfügungswissen über
Interpretationsanweisungen zu denjenigen Anzeigehandlungen und Zeichen, mit deren Hilfe andere Zeichen zu einer in sich stimmigen Deutungseinheit zusammengebunden werden sollen. Vor allem aber ist es ein Wissen darum, dass ohne die Beigabe von Deutungshinweisen oder -vorschriften konkrete, situative für alle Beteiligten gültige Bedeutungszuschreibungen zu Handlungen oder Äußerungen nicht möglich sind.“ (Soeffner 1986, 76) Kleidungstexte sind demnach als eine Struktur zu betrachten, deren Emergenz, Reproduktion, Form und Veränderung auf menschliches Handeln und damit auf menschliche
19 Für Soeffner sind Rahmen „soziale Darstellungsformen, mit deren Hilfe die Gesellschaftsmitglieder sich gegenseitig anzeigen, in welchen erkennbaren, weil typisierbaren Handlungszusammenhängen sie sich gemeinsam mit ihren jeweiligen Interaktionspartnern zu befinden glauben.“ (Soeffner 1986, 76) in (Abels 1998, 173)
20 „Für den Interpreten mag es auf der Ebene einer Interpretationsheuristik ganz sinnvoll sein, von der Modellvorstellung eines abgrenzbaren “Rahmens“ von Interaktionsprozessen auszugehen - allerdings nur, solange er dabei nicht vergisst, dass das, was er bereits fixiert vorfindet, im Interaktionsprozess selbst erst prozessual festgelegt werden musste. Wie die Anzeigehandlungen den Akteuren im Handlungsprozess Wahrnehmungs- und Handlungsvorzeichen liefern, so gibt die Modellvorstellung vom “Rahmen“ dem Interpreten gegenüber dem Text eine Interpretationsleitlinie: Bestimmte Themen, Gegenstände, Handlungszüge und Schwerpunkte werden konturiert, Vorder- und Hintergrund werden voneinander abgehoben, bestimmte Handlungssequenzen werden durch ihre “Rahmen“ von anderen abgegrenzt wie - um in der Analogie zu bleiben - das Gemälde an der Wand.“ (Soeffner 1986, 77)
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Absichten zurückzuführen ist. Allerdings ist diese Beeinflussung nicht einseitig. Als selbige Struktur nämlich formt und leitet sie eben jenes menschliche Handeln. Das Verhältnis ist interdependent.
Die Untersuchung der sprachlichen Struktur von Kleidungstexten gebührt den Disziplinen der Linguistik. Erforderlich zur Beschreibung der Kleidungstexte werden die linguistischen „Hierarchieebenen“ (Glück 2005, 633) der Graphematik, der Morphologie, der Wortbildung, der Syntax und der Semantik. Sprachliche Phänomene gelten demnach als Rahmenbedingungen, die das Handeln mit Kleidungstexten zum Teil determinieren. Eine Beschreibung des mit den Kleidungstexten verbundenen Handelns orientiert sich am Gebrauch der Kleidungstexte als Struktur und damit einhergehenden durch den KT bereitgestellten Rahmenbedingungen. Der mögliche intendierte Gebrauch von Kleidungstexten fungiert ebenfalls als Rahmenbedingung, da sich nicht jedes Medium für jeden Zweck nutzen lässt. Die Frage nach dem Gebrauch verlangt Antworten von der linguistischen Pragmatik und der Soziologie, aber auch von der kognitiven Psycholinguistik. Schlussendlich sind die verschiedenen Ebenen der Rahmenbedingungen von Kleidungstexten als eine Kombination der Merkmale der Einzelmedien zu betrachten (Körper, Kleidung, Sprache). All diese Rahmenbedingungen können als Regeln und Regelmäßigkeiten genauer gefasst werden.
3.2.2 Regeln und Regelmäßigkeiten
In diesem Abschnitt erfolgt eine kurze Aufstellung der in den Medienwissenschaften bekannten strukturellen Rahmenbedingungen kommunikativer Handlungen, die für den KT als lohnenswert zu eruieren erscheinen. Menschliche Kommunikation ist regelgeleitet. Die Regeln bieten den Rahmen des Möglichen. „Trotz bestehender Ungewissheiten ist menschliche Kommunikation kein rein zufälliges Geschehen. Da kommunikatives Handeln, wie jedes “sinnvolle Verhalten“ überhaupt, regelgeleitet ist, ergeben sich gemeinsame, intersubjektive Bezüge in der Handlungssituation. (…) Kommunikationsregeln können in diesem Sinne als kommunikationsermöglichende Restriktionen verstanden werden.“ (Höflich 1996, 31) Regeln können gebrochen werden. In den meisten Situationen werden Regeln erst dann offenbar, wenn gegen sie verstoßen wird. Garfinkels Krisenexperimente waren eine Methode, durch Regelbruch auf gesellschaftliche Regeln überhaupt aufmerksam zu werden. „Regeln stehen zunächst einmal dafür, dass es gesellschaftliche Vorstellungen von korrekten, den jeweiligen Umständen angemessenen, Handlungsweisen gibt. Eine Regel besagt also, was man in einer bestimmten Situation tun oder unterlassen sollte und welches Verhalten daran
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gemessen richtig oder falsch ist. Demzufolge impliziert regelgeleitetes Handeln Bewertungen und, im Falle unangemessenen Verhaltens oder eines Regelbruchs, damit einhergehende soziale Konsequenzen (Sanktionen).“ (ebd., 31) Regeln erlangen Gültigkeit erst in Kontexten. Im Falle des Kleidungstextes werden die Regeln von den jeweiligen Eigenschaften der beteiligten Medien Sprache - Körper - Kleidung gestellt, die alle drei verschiedene raumzeitliche Determinationskräfte besitzen, wodurch sich eine spezifische KT-Rezeptionssituation ergibt. „Handeln ist immer Handeln in Situationen, die wiederum durch einen festgelegten Regelbestand mehr oder weniger bestimmt, d.h. strukturiert sind.“ (ebd., 41) Im Speziellen unterschiedet Höflich bezüglich der Computerkommunikation zwei Regelsorten, die für diese Untersuchung interessant sind.
• „Adäquanzregeln legen fest, welches Medium zu welchem Zweck zu nutzen oder abzulehnen ist (...).“ (Schmidt 2006, 30)
• Prozedurale Regeln untergliedert er hinsichtlich welcher Komponente der 21 Dazu zählen: Handlungsepisode sie wirksam werden. Rezeptionsregeln - rahmen die Auswahl von Medieninhalten.
Publikationsregeln - geben dem Autor vor, welche Themen er verarbeitet.
Vernetzungsregeln - geben die Arten der Vernetzung der Medienangebote an.
Es ist zu vermuten, dass auch Kleidungstexte für bestimmte kommunikative Zwecke adäquat sind und bestimmten prozeduralen Regeln unterliegen. Die prozeduralen Regeln Höflichs sollen anders spezifiziert werden: „Episoden (…) interpersonaler Kommunikation sind von Regelstrukturen gerahmt und in Regelmäßigkeiten eingebettet.“ (Reckwitz 1997, 106) Für Reckwitz werden Strukturen bestimmt durch Regeln und Regelmäßigkeiten. Regeln lassen sich subklassifizieren in präskriptive Regeln also Normen und kognitiv-evaluative Regeln also kollektives Wissen. Regelmäßigkeiten unterteilt er in psychische Dispositionen, Ressourcenverteilungen und Prozessgesetze. Diese Strukturdimensionen überlagern sich im konkreten Handeln und geben so ein strukturelles Interferenzmuster ab (vgl. Reckwitz 1997, 106-179).
21 „Analytisch lassen sich die Akte der Rezeption von Inhalten, der Aufbereitung für die Publikation sowie der Verlinkung und expliziten Referenzierung anderer Inhalte trennen.“ (Schmidt 2006, 44)
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1. Normen - soziologisches Normkonzept
2. kognitiv-evaluative Regeln
Tabelle 6
Rollen als das Wissen über reziproke Verhaltenstypisierungen und damit verbundene Erwartungen sind in diesem Sinne als kognitiv-evaluative Regeln also kollektives Wissen aufzufassen. Zu dieser Gruppe zählen auch die mit der sprachlichen Struktur von Handlungstexten einhergehenden Handlungsmöglichkeiten.
Ressourcenverteilungen im Falle von Kleidungstexten bestehen z.B. in der preiswerten Verfügbarkeit von individuell gestalteten Kleidungsstücken. Unbewusste psychische Dispositionen werden ausführlich in Kapitel 4.1 besprochen. Im Phänomen des Kleidungstextes überlagern sich alle Regeln und Regelmäßigkeiten und ergeben spezifische Möglichkeiten des Gebrauchs. „Für sich allein gesehen, besitzen Strukturen, ob Regeln oder Regelmäßigkeiten, lediglich eine virtuelle 'Existenz'; sie werden erst dann real und bedeutsam, wenn sie sich auf Handeln auswirken, wenn sie Handeln tatsächlich einschränken und ermöglichen. Umgekehrt ist kein Handeln ohne darin inkorporierte Strukturen denkbar: erst die Regeln, aber auch die Ressourcenverteilungen und psychischen Dispositionen geben dem Handeln seine jeweilige 'Form'.“ (ebd., 109) Kleidungstexte sind Strukturen intermedialer Beziehungen, an denen verschiedene Bereiche menschlicher Kognition und Kommunikation teilhaben, wobei jeder dieser Bereiche bestimmte Regeln und Regelmäßigkeiten bereitstellt. Diese Regeln und Regelmäßigkeiten sollen aufgedeckt und das durch sie ermöglichte Handeln erkannt werden, wobei gleichsam geprüft werden soll, inwiefern jenes Handeln auf gesellschaftlicher Relevanz beruht. Jetzt, wo ersichtlich wird, worum es im Folgenden gehen wird, wird die mit der vorliegenden Arbeit verbundene Schwierigkeit deutlich. Wenn das Auftauchen sprachlicher Strukturen einem bestimmten Handeln zugeordnet werden soll, um ein Phänomen besser zu verstehen, dann wird klar, dass man sich bei dieser Zuordnung auch irren kann. „Dass Handeln aus Regel- und Regelmäßigkeitsstrukturen 'erklärt' werden soll, darf dabei natürlich nicht dazu verführen, einseitig in die Systemperspektive und das Modell der handlungsdeterministischen Struktur zu
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verfallen. Handeln lässt sich insbesondere aufgrund der Interpretationsbedürftigkeit von Regeln, aber auch infolge des Phänomens struktureller Interferenzen nicht einfach aus Strukturen 'ableiten' und daher auch nicht kurzerhand 'vorhersagen'.“ (ebd., 109) Um dieser Gefahr zu begegnen soll im Folgenden versucht werden, den Rahmen möglichst weit zu spannen, denn es soll beschrieben und verstanden werden, warum es Kleidungstexte gibt und welche Rolle die sprachlichen Zeichen im KT konkret spielen.
3.2.3 Rechtfertigung von den traditionellen Textfunktionen abzusehen
Der Dualismus von Struktur und Handeln verbindet den KT als Struktur mit der Frage nach seinem Zweck. Wie schon herausgestellt, zählen zu den Rahmenbedingungen von Kleidungstexten sogenannte Adäquanzregeln (Höflich), die fragen, welches Medium zu welchem Zweck genutzt wird. Will man Kleidungstexte verstehen lässt sich die Frage nach dem Zweck ihres Gebrauchs nicht umgehen, ja sie ist sogar zentral, schließlich bietet sie Antworten auf die Frage, welche sprachlichen Strukturen, welchen Handlungsabsichten entsprechen. „Die kommunikationsorientierte Textlinguistik fragt (…) nach den Zwecken, zu denen Texte in Kommunikationssituationen eingesetzt werden können und auch tatsächlich eingesetzt werden.“ (Brinker 1992, 15) Traditionell untersucht man in der Textlinguistik den 22 , die sich an kommunikativen Zweck eines Textes mit einer Analyse der Grundfunktionen den Illokutionsindikatoren erkennen lässt. „Ein Text ist eine in sich kohärente Einheit der sprachlichen Kommunikation mit einer erkennbaren kommunikativen Funktion und einer in spezifischerweise organisierten Struktur.“ (Gansel, Jürgens 2007, 51) Im Falle der Kleidungstexte versagt diese Analyseform in Anbetracht der durch die intermedialen Bezüge hergestellten Konsistenz und der damit einhergehenden verstärkten Indexikalität und 23 zeigt. Kontextualität, was sich in gravierenden Unterschieden zwischen Sagen und Meinen Das T-Shirt in Abbildung 3.1 24 informiert zwar, aber linguistische Illokutionsindikatoren sucht man vergebens, genauso wie es fragwürdig ist, ob hier wirklich die Wahrheit gesagt wird.
22 „Informationsfunktion, Appellfunktion, Obligationsfunktion, Kontaktfunktion, Deklarationsfunktion, Ästhetische Funktion“ (Brinker 1997, 105)
23 „Es ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem, was Wörter und andere Ausdrucksformen bedeuten (lexikalische/usuelle Bedeutung), und dem, was jemand bei ihrer Verwendung im Sprachverkehr mit ihnen MEINT (aktuelle/okkasionelle Bedeutung).“ (von Polenz 1988, 299)
24 (amazon 2009, http://www.amazon.de/T-Shirt-Ich-nicht-rieche-komisch/dp/B000SSOX9S)
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Abbildung 3.1
Die Grundfunktionen erweisen sich für eine Analyse von Kleidungstexten als zu starr. Aber „[v]on dem, was man mit seiner Äußerung MEINT, sind die Bedeutungen der Ausdrücke nur ein Teil, ein Mittel, um das Gemeinte annähernd zu signalisieren.“ (von Polenz 1988, 299) Es gibt offenbar Mitgemeintes, dass sich herkömmlichen Methoden der Textanalyse entzieht. Der signifikante Rest, der dem Sagen zum Meinen fehlt wird auf anderen Wegen übertragen. „Der Äußerungs-Inhalt konstituiert sich zum wesentlichen Teil auch aus dem, was Sprecher/Verfasser jeweils ausdrücken wollen und können, aufgrund ihrer Absichten/Intentionen, ihres Vorwissens, ihrer Bildung, ihrer Einstellungen, ihres Bewusstseins von der jeweiligen Kommunikationssituation und ihrem bisherigen Ablauf (…).“ (ebd., 299) Das Gemeinte wird durch den spezifischen Charakter des Kleidungstextes zum Teil mitbestimmt und zeigt sich in einer charakteristischen, flüchtigen Rezeptionssituation, die darauf aufbaut, dass der Empfänger dem Sender in den meisten Fällen persönlich unbekannt sein wird. Dadurch ist aber nicht auszuschließen ist, dass die äußere Erscheinung des KT-Trägers den KT mitdeterminiert. Dieses hier angedeutete komplexe Gefüge von intermedialen Beziehungen im KT wird im weiteren Verlauf von entscheidender Bedeutung sein und an den passenden Stellen genauer ausgeführt werden. Besonders interessant ist der Aspekt der offenbaren Lautlosigkeit der Situation. Das Gefühl des Verstandenhabens muss sozusagen ohne Zustimmung des Senders zustande kommen können (vgl. ebd., 304). Die traditionellen Textfunktionen gestatten keinen befriedigenden Zugang zum Phänomen KT. Viele Kleidungstexte sind zu kurz, um Illokutionsindikatoren in ihnen zu finden und viele sind anders gemeint. In ihnen wird die Nichtbefolgung von sprachlichen Regeln zum Charakter ihrer Existenz und damit zum Anzeichen dafür, dass der jeweilige Text anders gemeint ist, als es auf den ersten Blick scheint (vgl. von Polenz 1988, 312). Das Mitgemeinte korrespondiert mit der Indexikalität sprachlicher Zeichen. Die Indexikalität verweist auf einen allgemeineren Rahmen, Sprache zu beschreiben. Die Illokutionsindikatoren sind demnach zu speziell, um Kleidungstexte allgemein beschreiben zu können. Darum soll im Folgenden der
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Arbeit zitieren:
Eric Wallis, 2009, Kleidungstexte - Über das Potential sprachlicher Zeichen auf der Kleidung, München, GRIN Verlag GmbH
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Eric Wallis hat den Text Kleidungstexte - Über das Potential sprachlicher Zeichen auf der Kleidung veröffentlicht
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