Schelling fügt an diesem Satz seine Erläuterungen an: Da in jeder Wissenschaft ihr Unbedingtes zu suchen ist, und die Naturphilosophie von Schelling als Naturphilosophie angesehen wird, findet man auch in ihr das Unbedingte. Jedoch solle man in keinem Naturding als solchem, also zum Beispiel in einer Blume oder in einem Stein, das Unbedingte suchen, „vielmehr offenbart sich in jedem Naturding ein Prinzip des Seins, das nicht selbst ist“ 4 .
Es wird klar, dass sich Schelling sich das Unbedingte als eine Art unsichtbaren Geist denkt, der alle Dinge erfüllt, selbst aber nicht ist, also in materieller Gestalt zu begreifen ist. An dieser Stelle drängen sich fast von selbst Parallelen zum Pantheismus auf. Dieser ist die Lehre, dass Gott und die Welt identisch ist; Gott ist in jedem Ding der Welt anwesend, aber dennoch als solcher nicht als Ganzes zu fassen. Nun möchte ich aber nicht soweit gehen, das Unbedingte und Gott gleich zu setzten, da ich nicht weiß, inwieweit dies Schellings Philosophie entspricht.
Im nächsten Abschnitt kommt er zu dem Schluss, dass das Sein „das Construieren selbst“ 5 oder „die höchste construierende Thätigkeit“ 6 ist. Auch diese sei kein Objekt, sondern ein Prinzip alles Objektiven 7 : „Diesen nach weiß die Transzendentalphilosophie von keinem ursprünglichen Sein. Denn wenn das Sein selbst nur Thätigkeit ist, so kann auch das einzelne Sein nur als eine bestimmte Form oder Einschränkung der ursprünglichen Thätigkeit angesehen werden.“ 8
Das Gleiche solle für die Naturphilosophie gelten, so Schelling. Das Sein in der Natur solle keinesfalls als Ursprüngliches aufgefasst, sondern eliminiert werden, und schließlich die Natur als unbedingt angesehen werden. 9
Auf folgender Seite stellt Schelling eine Behauptung auf: „Alles Einzelne (in der Natur) sei nur eine Form des Seines selbst, das Sein selbst aber = absoluter Thätigkeit“ 10 , und schließt daran an: „das Naturprodukt selbst müssen wir uns allerdings unter dem Prädikat des Seins denken. Aber dieses Sein selbst ist von einem höheren Standpunkt angesehen nichts anderes als eine continuierlich - wirksame Naturthätigkeit, die in ihrem Produkte erloschen ist“ 11 . Bedeutet dies also, das Sein ist ein übergreifendes Prinzip, dem eine immerwährende Schaffenskraft zugrunde liegt und in jedem Ding der Natur innewohnt? Ist mit dem Prädikat
4 ebd., S. 12
5 S. 12
6 S. 12
7 S. 12
8 S. 12
9 vgl. S. 12
10 S. 13
11 S. 13
3
des Seins die Vergänglichkeit gemeint, die jedem Naturding eigen ist? Eine Blume verwelkt, Tiere und Menschen sind sterblich, selbst der massivste Berg ist der Erosion unterworfen. Aber in all diesen Dingen wohnt eine immer schaffende Naturtätigkeit, und so werden neue Blumen entstehen, Berge sich im Laufe der Jahrmillionen aus der Erde erheben, Tiere und Babys geboren; jedes von ihnen individuell, doch in jedem liegt die gleiche Idee der jeweiligen Spezies zugrunde.
Wobei sich auch hier Parallelen zu einem anderen Philosophen aufdrängen, nämlich zu Platon. Dessen Philosophie der Ideenlehre besagt, dass in jedem Ding in der Natur eine höher stehende Idee wohnt. Beispielsweise nennen wir viele Dinge schön, doch warum? Platon meint, dass liege an der „Idee des Schönen“, die all diesen Dingen innewohnt. Oder zum Beispiel fallen ein Laubfrosch und ein Elefanten beide unter die Kategorie „Tier“, da beiden die „Idee des Tieres“ zu Eigen ist. 12
Könnte Schellings Sein als kontinuierliche Tätigkeit und Platons Ideen im Kern das selbe bedeuten, als höchstes Prinzip, dass in allen Dingen der Welt ist?
Tatsache ist, dass Schelling Platons Schriften studiert hat: „Bereits während der Bebenhauser Schulzeit hatte sich Schelling mit platonischer Philosophie auseinandergesetzt. In den ‚Idee [zu einer Philosophie der Natur, J.R.]’ bezieht sich Schelling sowohl auf Platons Vorstellung einer allbelebenden ‚Weltseele’ als auch auf den Gedanken eines die Materie formenden Demiurgen.“ 13
Im Folgenden stellt Schelling eine etwas befremdlich anmutende Behauptung auf: „Vorerst also ist alles, was in der Natur ist, und die Natur, als Inbegriff des Seines, selbst für uns gar nicht vorhanden. Über die Natur zu philosophieren heißt die Natur schaffen.“ 14 Wie das das zu verstehen? Ist das eine Referenz auf den Umstand, dass erst die menschliche Vernunft in der Lage ist, eine scheinbar wildwüchsige und unbegrenzte Natur zu systematisieren und kategorisieren? Denkbar, denn es ist schwer vorzustellen, dass Schelling eine sinnlich-wahrnehmbare Natur außerhalb seiner Verstandeswelt leugnete. Und weiter: „Philosophieren über die Natur heißt [...], sich selbst von der gemeinen Ansicht losreißen, welche in der Natur nur, was geschieht - höchstens das Handeln als Faktum, nicht das Handeln selbst im Handeln - erblickt.“ 15
Das heißt, die Tätigkeit, die Prozesshaftigkeit der Natur selbst soll im Mittelpunkt von Schellings Naturphilosophie stehen.
12 Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie; S. 30
13 Schelling, Friedrich W. J.: Historisch-kritische Ausgabe, Werke 5, S. 37
14 S. 13
15 ebd.
4
Dies führt ihn zu seiner nächsten Frage: „in welchem Lichte muss uns die ganze Natur erscheinen, wenn sie absolut tätig ist?“ 16 und im Zusammenhang mit dieser zu dem zweiten Satz der Transzendentalphilosophie: „Absolute Thätigkeit ist nicht durch ein endliches, sondern nur durch ein unendliches Produkt darstellbar.“ 17
Problem hierbei: Wie lässt eine absolute Tätigkeit im Endlichen, also empirisch darstellen? Schellings Lösung: „Daß empirisch-Unendliche ist nur die äußere Anschauung einer absoluten (intellektuellen) Unendlichkeit, deren Anschauung ursprünglich in uns ist, die aber nie zum Bewusstsein käme ohne äußere, empirische Darstellung; [..]“ 18 Dieser Teil erinnert wieder- an Platon, der meinte, die Ideen seien von Geburt an in uns und wenn wir beispielsweise in der Natur ein Pferd erblicken, erinnern wir uns an die vollkommene Idee „Pferd“.
Für Schelling ist logisch, dass etwas Unendliches nicht empirisch darstellbar ist, sondern nur durch etwas Endliches repräsentiert werden kann, was seinerseits niemals vollendet wird. 19 Das nennt er das „unendlich Werdende“ 20 .
Schelling nennt dies auch die „ursprünglich-unendliche Reihe“ 21 und sie entstehe durch Evolution, einer von Anfang an unendlichen Größe. Sukzessionen stellen Hemmungen dar, die verhindern, dass sich die unendliche Größe ins Unendliche ausdehnt. Sukzession bedeutet in der Ökologie die zeitliche Aufeinanderfolge von sich ablösenden Tier- oder Pflanzengesellschaften an einem Standort. Vielleicht ohne es zu wissen, streifte Schelling hier Darwins Evolutionstheorie der natürlichen Auslese, die besagt, dass die stärke Art die schwächere verdrängt. Auch zeugen Knochenfunde der Archäologen von Tieren, die in den Jahrmillionen Jahren ausgestorben sind, aus den verschiedensten Gründen. Man denke nur an die Dinosaurier. Die Natur regelt die Population der Arten selbst und verhindert so eine Überpopulation.
An die vorangegangene Argumentation schließt Schelling die „Folgesätze für die Naturphilosophie“ 22 an:
Erster Folgesatz. Ist die Natur absolute Thätigkeit, so muß diese
Thätigkeit als ins Unendliche gehemmt erscheinen. [...] Zweiter Folgesatz. Die Natur existiert als Produkt nirgends, alle
16 S. 14
17 ebd.
18 S. 14
19 S. 15
20 ebd.
21 ebd.
22 S. 16
5
Arbeit zitieren:
Jana Richter, 2009, Der Naturbegriff des jungen Schelling, München, GRIN Verlag GmbH
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