Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung. 3
2. Jörg Wickrams Der Jungen Knaben Spiegel 5
2.1. Ein Erziehungsroman. 5
2.2. Rezipienten und Adressaten des Erziehungsromans 7
2.2.1. Wer soll erzogen werden. 7
2.2.2. Die Erziehungsverantwortlichen und ihre Aufgaben. 8
2.2.2.1. Die elterliche Erziehung 8
2.2.2.2. Die schulische Erziehung 11
2.3. Wickrams Erziehungsprogramm 14
2.3.1. Erziehungsziele und Tugenden 14
2.3.2. Gestaltung und Ziel des pädagogischen Konzepts im
Knabenspiegel -Roman 17
3. Schlussbemerkung 21
4. Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
„Als Jörg Wickram 1539 seinen ersten Roman Galmy schrieb, war er über 30 Jahre alt und als Dramatiker verschiedentlich hervorgetreten. In der Tradition der Renaissancenovelle und der Volksbücher aufgewachsen, geht der Meistersinger von Colmar vorerst in den Fußstapfen dieser literarischen Überlieferung weiter. […] Wenn er dies tat, so war er doch originell genug, den neu entstandenen Prosawerken ein spezifisch deutsches Stimmungsgepräge zu geben. Je mehr er der eigenen Erfindung in der Wahl der Personen und im Stoff folgte, um so stärker trat diese Originalität zutage. In dieser Steigerung der Erfindungsfähigkeit und seines deutschen Geistes liegt die Bedeutung Wickrams[.]“ 1
Diese Originalität und Erfindungsfähigkeit, von denen Gertrud Fauth spricht, finden wir besonders in Wickrams drittem Roman Der Jungen Knaben Spiegel, der 1554 geschrieben und bei Jakob Frölich in Straßburg 2 gedruckt wurde. Dieser „bei weitem […] kürzeste von Wickrams Romanen“ 3 und „ohne Zweifel sein bestes Buch“ 4 , wie einige finden, wird Hauptgegenstand dieser Arbeit sein. Generell nimmt der Meistersinger, Maler und Dramatiker 5 in der Geschichte des deutschen Prosaromans eine sehr wichtige Position ein: „Wickram [gilt unter anderem] als ‘Vater des deutschen Romans‘ [oder] als ‘Romancier des deutschen Bürgertums‘ […].“ 6 Einige Literaturhistoriker sahen Wickram sogar als Schöpfer des deutschen Prosaromans:
„Seinen herausgehobenen Platz in der Literaturgeschichte verdankt Wickram Literaturhistorikern des 19. Jahrhunderts, die ihn als Schöpfer des deutschen Prosaromans würdigten. In der Tat ist er der erste namentlich bekannte Autor, der seine Romane selbst erfindet und nicht nur ältere Erzählungen in Prosa bearbeitet.“ 7
Müller weist hier auf zwei Aspekte hin, die Wickram den Status eines der bedeutendsten Autoren seiner Zeit und hinsichtlich seiner Werke verleihen: Viele der großen Romane dieser Zeit stammten von anonymen Autoren, wie z.B. Fortunatus oder die Historia von D. Johann Fausten. Das Besondere an Wickram war aber nicht
Fauth (1916), S. 1.
2 Müller (1990), S. 1262.
3 Fauth (1916), S. 23.
4 Scherer (1877), S. 52.
5 Vgl. Fauth (1917), S. 134ff.
6 Roloff (2003), S. 56.
7 Müller (1990), S. 1271.
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nur seine namentliche Bekanntheit, sondern er war „der erste namentlich bekannte Autor, der seine Romane selbst erfindet und nicht nur ältere Erzählungen in Prosa bearbeitet“ 8 , d.h. Wickram entwickelte die Ideen zu seinen Romaninhalten selbst 9 und übersetzte nicht nur ältere Werke in die deutsche Sprache. Eine weitere wichtige Entwicklung war, dass Wickram seine Romane teils im traditionellen höfischen, teils aber immer mehr auch im bürgerlichen Milieu ansiedelte 10 . Eine Besonderheit dieses Autors, die für diese Arbeit von größtem Interesse ist, waren seine Intention diese Prosaromane, speziell den Knabenspiegel, so zu schreiben, wie er es getan hat: „Wickram wählte die Prosaform aber vor allem als Pädagoge.“ 11 Es ging ihm also nicht nur um die Unterhaltung der Leute, sondern er hatte „lehrhafte Absichten“ 12 , die er mit der Form des Romans so vielen Lesern wie möglich nahe bringen wollte. Alle diese Aspekte machen Jörg Wickram auch heute noch zu einem der faszinierendsten und bedeutendsten Autoren der frühen Neuzeit, da er „die Fähigkeit besaß, Stoffe, Gestalten, Realistik und Didaktik der dramatischen Kunst wirksam in den Roman zu übersetzen, also in eine Kunst, die bisher fast nur der Phantasie gedient hatte.“ 13
Diese Arbeit befasst sich vorwiegend mit den Aspekten der Erziehung im Roman Der Jungen Knaben Spiegel. Es werden Fragen untersucht wie: Wer wird von wem erzogen? Wozu soll er/sie erzogen werden? Was sind die Erziehungsziele? Werden diese erreicht? Und wie stellt Jörg Wickram das ganze in seinem Roman dar? In den folgenden Kapiteln sollen diese Fragen anhand einer genauen Untersuchung des Knabenspiegel-Textes beantwortet werden.
8 Müller (1990), S. 1271.
9 Vgl. Fauth (1916), S. 1.
10 Vgl. Müller (1990), S. 1272.
11 Fauth (1917), S. 138.
12 Müller (1990), S. 1273.
13 Fauth (1917), S. 137. 4
2. Jörg Wickrams Der Jungen Knaben Spiegel
2.1. Ein Erziehungsroman
„Der ‘Knabenspiegel‘ unterscheidet sich in seiner erzieherischen Thematik grundsätzlich von den drei voraufgegangenen Romanen. Er ist ein pädagogischer Roman, unverfälscht durch Einflüsse aus den ‘Volksbüchern‘. Gerade dieser Literatur und ihrer Thematik nur unterhaltender Art gegenüber stellt diese Erzählung eine vollkommene Neuerung dar.“ 14
Nicht umsonst bezeichnet man Jörg Wickrams Knabenspiegel auch als „Erziehungsroman“ 15 . Bereits der Titel des Romans gibt dem Leser Hinweise darauf, was ihn bei der Lektüre erwartet: Der Begriff ‚Spiegel‘ war dem damaligen Publikum nicht fremd. Er bezeichnete „häufig Titel lehrhafter Texte im Mittelalter. Im Spiegel soll man das Bild erkennen, dem man sich anzugleichen hat (›Fürstenspiegel‹) [oder] die Fehler, die man meiden soll (›Narrenspiegel‹)“ 16 . Hans-Gert Roloff warnt allerdings davor, den Spiegel-Begriff lediglich so zu definieren, „indem man ihn zum bloßen Tendenz-Signal für Erziehungsliteratur ansetzt.“ 17 Vielmehr bestehe der Spiegel-Effekt darin,
„das Erkennen von imaginären Sinngehalten in konkret konstruierten Situationen möglich zu machen und durch das Modellbild dessen allgemeingültige Verbindlichkeit bzw. Vorbildlichkeit für die Wirklichkeit zu demonstrieren.“ 18
Wickram spiegelt nicht reale Gegebenheiten wider, obwohl er mit seinem Dialog von einem ungeratenen Sohn versucht, den „Wahrheitsanspruch des Knabenspiegel“ 19 zu beweisen. Stattdessen erschafft er eine fiktive, teils utopische 20 Welt und Geschichte, die aus „Segmenten der Wirklichkeit“ 21 bestehen kann. Auch Jan-Dirk Müller betont, dass durch die Fiktion eine Ganzheit erschaffen wird, die „den Lauf der Welt in seinen Grundgesetzen ›vorspiegel[t]‹ […].“ 22
14 Jacobi (1970), S. 199.
15 Roloff (2003), S. 58.
16 Müller (1990), S. 1285.
17 Roloff (2003), S. 59.
18 Ebd.
19 Müller (1990), S. 1281; Hervorhbg. i.O.
20 Vgl. ebd.
21 Ebd.
22 Ebd., S. 1283. 5
Es geht Wickram also nicht um eine „Reproduktion von Wirklichkeit“ 23 , sondern um die „Beeinflussung bzw. Wandlung […] speziell von sozialer Wirklichkeit“ 24 , um dadurch sein pädagogisches Konzept in einer „bin ins einzelne hinein kalkulierten Argumentation“ 25 zu verwirklichen. Es ist daher kein Zufall, dass Wickram sich für die Form des Romans entschieden hat, wie bereits erwähnt. Zum einen konnte er durch den Roman, „freilich […] in der Volkssprache“ 26 verfasst, eine breitere Leserschicht erreichen. 27 Zum anderen hat Literatur nicht nur einen „didaktischen Effekt“ 28 , sondern ist auch unterhaltend und prägt sich somit besser ins Gedächtnis der Leser ein. Darüber hinaus erklärt Wickram in seinem Schlusswort, dass „man das [Buch] etwann in teütschen schůlen braucht / vnd die jungen darauß lesen leren 29 . Wickram ist sehr daran interessiert, dass sein Knabenspiegel auch als fester Lehrbestandteil in den schulischen Unterricht aufgenommen wird. All diese Aspekte beeinflussten seine Entscheidung, gezielt den Roman für sein didaktisches Konzept zu wählen, denn „Grundlage der Erziehung ist also wie in der humanistischen Pädagogik die Lektüre eines Kanons von Büchern“ 30 .
Der Überschrift folgt ein ausführlicher Zusatz, in dem der Autor unmissverständlich und programmatisch seine lehrhaften Absichten andeutet 31 :
„Eiñ sch ñ Kurtzwyligs B chlein / Von zweyen Jungen Knaben / Einer eines Ritters / Der ander eines bauwren Son / würt in disen beiden fürgebildt / was grossen nutz das studieren / gehorsamkeit gegen Vatter und Můter / schůl vnd lermeistern bringet / Hergegen auch was grosser geferligkeit auss dem widerspyl erwachsen / die Jugent darin zů lernen / vnd zů einer warnung fürzůspieglen.“
32
Tatsächlich erfahren wir in diesem kurzen Absatz schon sehr viel über den Roman und die Erziehungsabsichten des Autors. Wir erfahren, um welche Art von Lektüre
23 Roloff (2003), S. 60.
24 Ebd.
25 Ebd.
26 Müller (2007), S. 26.
27 Vgl. Roloff (2003), S. 58.
28 Ebd.
29 Knabenspiegel (1990), S. 809.
30 Müller (2007), S. 26.
31 Vgl. Christ (1974), S. 23.
32 Knabenspiegel (1990), S. 681.
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Arbeit zitieren:
Eva K. Sammel, 2009, Jörg Wickrams "Der Jungen Knaben Spiegel" - Ein Erziehungsroman, München, GRIN Verlag GmbH
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