In der Geschichte Nordamerikas haben Ideen und Ideale immer eine zentrale Rolle gespielt. Von den ersten puritanischen Siedlern mit ihrer Vorstellung einer city upon a hill bis zu George W. Bushs Krieg gegen den Terrorismus 1 lässt sich der amerikanische Missionsgedanke - der Glaube an eine besondere, vom Schicksal vorbestimmte und der übrigen Welt als Vorbild dienende Rolle - ausmachen. Damit zusammenhängend existiert ein distinkt amerikanisches Konzept von Gesellschaft und Regierung, das sich an Idealen wie Freiheit, Konstitutionalismus, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Individualität und der Teilung von Kirche und Staat misst. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 fasst diese Ideale am deutlichsten zusammen und machte sie weltweit bekannt. Die Declaration of Independence - deren offizieller Titel „The Unanimous Declaration of the Thirteen United States of America“ lautet; im Folgenden kurz Declaration - ist das Dokument, mit dem dreizehn nordamerikanische Kolonien ihre Loslösung vom britischen Empire rechtfertigten, die am 2. Juli 1776 durch eine von Richard Henry Lee aus Virginia verfasste Resolution erfolgt war. In dieser war erklärt worden, „These United Colonies are, and of right ought to be, free and independent states” 2 . Diesem Entschluss waren lange Jahre der Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und seinen Kolonien in Nordamerika vorausgegangen, die 1775 im bis 1783 währenden Unabhängigkeitskrieg mündeten. Im Kern der Auseinandersetzung stand die Praxis des britischen Parlaments, ohne Mitbestimmung der Kolonisten Steuern in den Kolonien zu erheben, was die an weitreichende politische Selbstbestimmung gewohnten amerikanischen Siedler als ungerecht und ungesetzmäßig empfanden. Ab 1775 tagte in Philadelphia der Zweite Kontinentalkongress, eine Versammlung von Abgesandten der dreizehn Kolonien von Neuengland bis Georgia, dessen Ziel zunächst in Verhandlungen mit Großbritannien bestand. Anfang 1776 erschien das Pamphlet „Common Sense“, in dem öffentlich die Unabhängigkeit der Kolonien gefordert wurde, was nun auch zum vorrangigen Ziel des Kongresses wurde. Schließlich wurde einem vom Kongress ernannten Komitee der Entwurf einer die Lee-Resolution rechtfertigenden und erklärenden Declaration übertragen. 3 Diese Rechtfertigung war vorrangig an die europäischen Großmächte, die ehemaligen englischen Landsleute und
1 In einer Address to a Joint Session of Congress and the American People vom 20. September 2001 sprach Bush
von „the fight of all who believe in progress and pluralism, tolerance and freedom” und stellte fest, „the course
of this conflict is not known, yet its outcome is certain. Freedom and fear, justice and cruelty, have always been
at war, and we know that God is not neutral between them. (…) Fellow citizens, we'll meet violence with patient
justice -- assured of the rightness of our cause, and confident of the victories to come.” Zit. n. Office of the Press
Secretary, http://www.whitehouse.gov/news/releases/2001/09/20010920-8.html (20.03.2005)
2 Zit. n. Gerber, Douglas Scott: To Secure These Rights. The Declaration of Independence and Constitutional
Interpretation, New York/London 1995, S. 20
3 Dumbauld, Edward: The Declaration of Independence And What It Means Today, Norman 1950, S. 7
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diejenigen Amerikaner, die auch 1776 noch eine Wiederversöhnung mit England anstrebten, 4 gerichtet. Als erste europäische Großmacht erkannte Frankreich 1778 die Unabhängigkeit der Kolonien an und erklärte - wie Spanien 1779 und die Niederlande 1780 - dem britischen Empire den Krieg. 5 Als Verfasser der Declaration bestimmte das Komitee den aus Virginia stammenden Juristen Thomas Jefferson, Mitglied des Kontinentalkongresses und von 1769-1776 Mitglied des House of Burgesses, der gesetzgebenden Versammlung Virginias. 6 Der Declaration of Independence kommt sowohl in der amerikanischen aus auch der Weltgeschichte eine außerordentliche Bedeutung in Hinblick auf Ideengeschichte, Rechtsprechung, politische Theorie und Philosophie zu. Sie proklamiert die grundlegenden rechtlichen, politischen und sozialen Prinzipien und damit die einigende nationale Ideologie der Vereinigten Staaten. Zudem dient sie als Interpretationshilfe für die Verfassung der USA 7 . Dabei waren die Ideen, auf denen die Argumentation der Declaration aufbaut, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung keineswegs neu. Im Gegenteil liegt die Überzeugungskraft der Declaration gerade darin, dass sie bereits weithin bekannte Ideenkonzepte der europäischen Aufklärung sowie republikanisches und liberales Gedankengut zu einem überzeugenden Plädoyer für die Sache der amerikanischen Kolonien zusammenfasst. Wie Carl L. Becker es formuliert: „the strenght of the Declaration was precisely that it said what everyone was thinking. Nothing could have been more futile than to attempt to justify a revolution on principles which no one had ever heard before.” 8 Jefferson selbst erklärte in einem Brief von 1825 an Lee, sein Ziel sei gewesen, den „common sense of the subject“ 9 verständlich zu machen, und nicht, neue Argumente anzuführen. Welche Ideen waren im 18. Jahrhundert so verbreitet und anerkannt, dass sie die logische Rechtfertigung einer Revolution erlaubten? Wie sieht diese Rechtfertigung im Einzelnen aus, und inwiefern wurde sie auf die Situation der Kolonien angewendet? Diese Fragen sollen hier in bezug auf die politische Philosophie Lockes, dessen Einfluss Becker, Gerber, Jayne und andere als für die liberale Argumentation der Declaration ausschlaggebend ansehen 10 , beantwortet werden.
4 Dazu siehe Upton, Leslie F.S.: Revolutionary Versus Loyalist. The First American Civil War 1774-1784,
Massachusetts/Toronto/London 1968.
5 Für diese Staaten, die von vornherein ein politisches Interesse daran hatten, die Kolonien gegen Großbritannien
zu unterstützen, bot die Declaration eine politische und moralische Rechtfertigung.
6 Wasser, Hartmut: Thomas Jefferson. Historische Bedeutung und politische Aktualität, Paderborn u.a. 1995,
S. 88-89
7 Zur Bedeutung der Declaration für die amerikanische Verfassung siehe Gerber.
8 Becker, Carl L.: The Declaration of Independence. A Study in the History of Political Ideas, New York 1942,
S. 24-25
9 The Writings of Jefferson, zit. n. Becker, S. 25
10 Garry Wills und andere führen an, eine Rezeption der Werke Lockes durch Jefferson sei nicht nachweisbar.
Bei einem Vergleich der Declaration mit Lockes Werken, wie er hier durchgeführt wird, und wie ihn u.a.
3
Dazu folgt zunächst ein Überblick über die Naturrechts- und Vertragslehre Lockes, welcher sich hauptsächlich auf Lockes The Second Treatise of Government von 1690 und die ausführliche Darstellung stützt, die Carl L. Becker in seiner vielbeachteten Studie The Declaration of Independence. A Study in the History of Political Ideas, zuerst erschienen 1922, über die Entwicklung der von Locke verwendeten Ideen gibt. 11 Im Anschluss wird der Wortlaut des ersten Teils der Declaration 12 bezüglich der Argumentation zur Rechtfertigung der Revolution betrachtet und der Zusammenhang mit dem Konzept Lockes aufgezeigt.
Wie der Herausgeber des Second Treatise anmerkt, war Locke eine wichtige Quelle für die Ideen der amerikanischen Revolution, jedoch „this was not because Locke was original in his political ideas, but rather because he gave clear and reasonable expression to beliefs that were the product of centuries of political experience and the stock-in-trade of liberty-loving Englishmen and Americans in the seventeenth and eighteenth centuries.” 13 Becker zufolge griff Locke vornehmlich auf die Naturrechtslehre zurück, die bereits Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert formulierte hatte, sowie auf die Vertragslehre, die im Mittelalter aufkam, 1620 im Mayflower Compact der frühen puritanischen Siedler Ausdruck fand und als „Vorstellung vom Gesellschafts- und Herrschaftsvertrag unter gleichberechtigten Bürgern“ 14 zusammengefasst werden kann.
Ausgehend von diesen Vorstellungen entwickelte Locke ein politisch-philosophisches Gesellschaftskonzept, welches die Auflehnung gegen den englischen König in der Glorious Revolution von 1688/89 rechtfertigt. Dieses Konzept beruht auf der Prämisse, dass Gott den Menschen gewisse grundlegende Rechte und Pflichten verleiht, die unveräußerlich sind. Dazu gehören das Recht auf Leben, Freiheit und Besitz sowie die damit korrespondierende Pflicht, die eigenen Rechte zu schützen und die anderer zu respektieren. Besitz bedeutet im engeren Sinne Grundbesitz (estate) und die Früchte der eigenen Arbeit 15 , während property im weiten Sinne auch den nicht materiellen Besitz umfasst, „that property which men have in their persons as well as goods“. 16
Becker, Gerber, und Jayne sehr viel detaillierter ausführen, erscheint diese Behauptung jedoch als kaum haltbar.
Siehe Becker, besonders S. 27-30; Gerber S. 40, und Jayne, Allen: Jefferson's Declaration of Independence.
Origins, Philosophy and Theology, Lexington 1998 S. 41-61
11 Zur Übersicht über die Naturrechts- und Vertragslehre siehe Becker S. 24-79
12 Zitate aus der endgültigen, gedruckten Fassung der Declaration zitiert nach Becker, S. 185-187
13 Peardon, Thomas P. (ed.): John Locke. The Second Treatise of Government, New York 1952, Vorwort des
Herausgebers, S. vii
14 Anderlik, Heidemarie (Redaktion): Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, 4. Juli
1776, hrsg. von der Kulturstiftung der Länder i.V.m. dem Deutschen Historischen Museum, Berlin 1994, S. 43
15 „ The labor of his [a man’s] body and the work of his hands”, Peardon S. 17
16 Peardon S. 98-99
4
Das vorrangige Ziel - Recht und Pflicht in einem - besteht nach Lockes Auffassung im Erhalt des individuellen menschlichen Lebens und der Menschheit insgesamt 17 . Weiterhin geht er davon aus, dass der Wille Gottes sich durch die menschliche Vernunft und Moral offenbart, das heißt durch den menschlichen Verstand und allen Menschen gemeinsame Prädispositionen wie Rechtsempfinden und Gewissen, durch welche die Absichten Gottes in dessen irdischen Werken erkennbar sind. Locke verbindet dieses zur Formel „right reason“, mit der jeder Mensch ersehen kann, ob seine von Gott verliehenen Rechte verletzt werden. Mit der Annahme unveräußerlicher Rechte - als Naturrechte bezeichnet, weil sie in der menschlichen Natur verankert sind -, die jedem Menschen von Gott, dem obersten Richter und König aller Könige, verliehen werden, geht ein Verständnis von Herrschaft und Regierung einher, das der im 18. Jahrhundert noch vorherrschenden Vorstellung vom Gottesgnadentum diametral entgegensteht. Entgegen der Annahme, Gott habe von vornherein einen Monarchen zum Herrschen und dessen Untertanen zum Beherrschtwerden bestimmt, setzt die Naturrechtslehre nach Locke voraus, dass jeder Mensch mit denselben Rechten und frei von Herrschaft geboren wird. Diese Rechte kann in letzter Konsequenz nur Gott ihm wieder entziehen.
Zur Befolgung des Willens Gottes und zum Erhalt der Menschheit und des individuellen menschlichen Lebens ist es sinnvoll, dass Menschen sich zusammenschließen und Staaten errichten, in denen einer oder einige wenige Herrschaft ausüben. Jegliche Form von Herrschaft ist jedoch nur dann gerecht, wenn sie ihren Zweck auch erfüllt, also die grundlegenden Rechte aller dadurch besser geschützt werden, als es im „Naturzustand“, d.h. ohne Regierung oder Herrschaft, möglich wäre. Eine solche gerechte Form von Herrschaft kann nur durch einen auf Zustimmung beruhenden Vertrag zwischen Herrscher und Beherrschten gebildet werden, durch den die Mitglieder der Gemeinschaft die Ausübung ihrer naturgegebenen Rechte zugunsten der Befolgung des gesetzten Rechts (positive law) zurückstellen. Dieses Recht wird von der Legislative erlassen, welche die Interessen aller Mitglieder der Gemeinschaft 18 vertritt. Eine Ausübung von Herrschaft, durch die grundlegende Rechte verletzt werden - zumal wenn diese Verletzung unnötig und dauerhaft geschieht -, oder die nicht auf der Zustimmung 19 aller beruht, ist demnach unrechtmäßig.
17 Siehe Peardon S. 6: „Every one, as he is bound to preserve himself and not to quit his station wilfully, so by
the like reason, when his own preservation comes not in competition, ought he, as much as he can, to preserve
the rest of mankind”.
18 Locke spricht von „commonwealth“, vgl. Peardon
19 Dieser consent kann auch implizit gegeben werden, bis hin zur bloßen Anwesenheit in dem Gebiet in welchem
die betreffenden Gesetze gelten. Siehe Peardon S. 68
5
Wie Jefferson die Argumentationslinie der Declaration aus den Ideen Lockes und „the peculiar meaning that American life gave to the words of Locke” 20 entwickelte, wird im Folgenden anhand der Formulierungen im ersten Teil - den ersten beiden Absätzen - der Declaration gezeigt.
Jefferson lehnte sich bereits in der Wortwahl eng an die Formulierungen Lockes an. Mehr noch, wie Hawke es zuspitzt, „he not only borrowed phrases (...) but there is a strikingly parallel development of thought. In this passage Thomas Jefferson’s ideas move step by identical step with John Locke’s.” 21 Durch den Bezug zur Situation der Kolonien um 1776, Jeffersons juristische Denkweise 22 und sein außergewöhnliches stilistisches Talent erhält die Declaration darüber hinaus ihren besonderen Charakter.
In der Präambel bezeugt die Berufung auf „the Laws of Nature and of Nature’s God“ die zentrale Rolle der Naturrechtslehre für die darauf folgende Erklärung. Wie auch bei Locke, gibt es einen Bezug auf die Geschichte der Menschheit, „the Course of human events“. Über die individuellen Rechte hinaus gewinnt die Naturrechtslehre hier einen nationalistischen Aspekt, indem sie auf „the separate and equal station“ of „one people“ bezogen wird. „When in the Course of human events it becomes necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another and to assume among the powers of the earth, the separate and equal station to which the Laws of Nature and of Nature's God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation.”
Der Ausdruck „a decent respect to the opinions of mankind” als Anlass für die Declaration übergeht elegant die Tatsache, dass die nun selbständigen Kolonien nach Verbündeten unter den europäischen Mächten suchten. Um so wichtiger war es, eine stringente Erklärung zu liefern, die es noch zögernden Amerikanern und den europäischen Monarchien - besonders Englands Rivalen Frankreich 23 - ermöglichen sollte, sich auf die Seite der Revolutionäre zu stellen. Wie Hawke anmerkt: Jefferson „had to argue from a loftier plane than that of selfinterest.” 24 Daher rührt auch der Anschein von Allgemeingültigkeit, wie bei der Betonung einer „rebellion against the ‚ursurpations’ of a specific King, not against monarchy nor
20 Hartz, Louis: John Locke and the Liberal Consensus, in: Howe Jr., John R.(ed.): The Role of Ideology in the
American Revolution, Holt, New York u.a. 1970
21 Hawke, David: A Transaction of Free Men. The Birth and Course of the Declaration of Independence, New
York 1964 S. 151
22 Wasser, Hartmut: Thomas Jefferson. Historische Bedeutung und politische Aktualität, Paderborn u.a. 1995
S. 88-89
23 Pole, Jack Richon: The Decision for American Independence, Philadelphia /New York /Toronto 1975 S. 42-43
24 Hawke S. 143
6
authority in general”. 25 Im ersten Satz des nächsten Absatzes, der, entgegen seines heutigen symbolischen Charakters, damals hinter den einzelnen Vorwürfen gegen George III. zurückstand, folgt die Nennung der wichtigsten unveräußerlichen Rechte. „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”
Die Formulierung „self-evident“ bezieht sich zum einen auf die weitreichende Bekanntheit der verwendeten Ideen. Zum anderen bedeutet sie bei Locke „certified by a man’s intuitive reason“ 26 , für den menschlichen Verstand offensichtlich, wobei ein hoher Grad sowohl an Bildung als auch an Intelligenz vorausgesetzt wird. Diese Formulierung ist jedoch auch ein Zeichen dafür, mit welcher Selbstsicherheit die Amerikaner annahmen, dass ihre Rechtfertigung der Auflehnung gegen den englischen König für jeden nachvollziehbar sei. 27 Dazu trug ihr Glaube daran, ein vom Schicksal auserwähltes Volk zu sein, dieser „mystical sense of Providential guidance“ 28 , noch bei.
Mit Bedacht wird im gesamten Dokument der Ausdruck „the rights of Englishmen“ vermieden, der noch bis Anfang 1776 die Grundlage für die Beschwerden der Kolonisten gebildet hatte. Da es mittlerweile gerade um die Trennung vom britischen Empire ging, und um das Interesse auch nicht-englischer Rezipienten zu wecken, bezieht sich die Declaration, zumindest nominell, gemäß dem Prinzip Lockes auf jedem Menschen zustehende Rechte. Allerdings ist gerade der Bedeutungsgehalt der Aussage „all men are created equal” äußerst umstritten, da dies zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung stellte weder eine politische Forderung noch die gesellschaftliche Realität darstellte, trotz der Tragweite der Aussage. Das Prinzip der Gleichheit meint hier - wie bei Locke - die Gleichheit an Möglichkeiten, 29 nicht Ergebnissen, und Gleichheit hinsichtlich der natürlichen, vom Schöpfer verliehenen Rechte. Im Gegensatz zur Auffassung Lockes, nach der nur unmündige Kinder der paternal power unterstellt sind, 30 waren in den Kolonien Frauen und Sklaven durch die gesellschaftliche und politische Praxis von dieser Gleichheit ausgeschlossen, wenn auch Jayne mit dem Hinweis auf andere Texte und frühere Entwürfe Jeffersons anzweifelt, dass
25 Hawke S.151
26 Locke, John: An Essay Concerning Human Understanding, zit. n. Jayne S. 110; zur weiteren Erläuterung s. S.
109-138
27 Hartz spricht von „the mood of America’s absolutism: the sober faith that ist norms are self-evident“, siehe
Howe S. 58-59
28 Howe S. 55
29 Gerber führt dazu ein Zitat von Lincoln an, s. Gerber S. 50. Zu Lockes Konzept von equality s. Peardon S. 31
30 Zum Prinzip der Sklaverei siehe Peardon S. 15-16, zu Sklaven und Frauen im Familienverbund s. S.44-54
7
dieser die Frauen bereits durch den Wortlaut ausgeschlossen sehen wollte. Mit „men“ könnte durchaus die menschliche Spezies insgesamt gemeint sein. 31
Hinsichtlich der Sklaverei setzten die Gründungsväter - die meisten, auch Jefferson, selbst Sklavenhalter - darauf, dass diese nach und nach „von selbst“ abgeschafft würde. Locke hingegen hatte bereits 1690 festgestellt dass „there cannot be supposed any such subordination among us that may authorize us to destroy another”, 32 und damit die Herrschaft über das Leben eines Anderen negiert. Auch wenn die Aussage über Gleichheit in der Declaration später den Kampf von Minderheiten um Gleichberechtigung untermauerte, war sie, wie erwähnt, 1776 ohne praktische Bedeutung. „In short, the phrase was a pleasant-sounding platitude, more for public consumption than for guiding practical action.” 33 In der folgenden Aufzählung der wichtigsten Naturrechte zählt Jefferson die Trias life, liberty and the pursuit of happiness - Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeitauf, während Locke life, liberty and estate nennt. Das zeugt nicht nur von Jeffersons stilistischem Talent, sondern auch davon, dass ihm das Streben nach Glückseligkeit als grundlegenderes menschliches Bedürfnis und erstrebenswerteres Ziel erschien als der Besitz. Überdies ist der Besitz grundsätzlich veräußerlich, während das Streben nach Glückseligkeit einen Teil der menschlichen Natur ausmacht und als unveräußerliches Recht mit aufgezählt werden kann. 34 Diese Rechte konstituieren schließlich das Ziel und die Aufgabe einer Regierung, wie es das Regierungskonzept von Locke vorsieht.
„That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed”.
Die einzige Legitimation einer Regierung ist demnach „the consent of the governed”, oder, wie Locke es ausdrückt, politische Macht „has ist original only from compact and agreement, and the mutual consent of those who make up the community.“ In der amerikanischen Verfassung von 1789 wird dann die republikanische Staatsform als die am besten geeignete bestimmt, während nach der Unabhängigkeitserklärung jede Staatsform gerecht und angemessen sein kann, solange sie zur Wahrung des Rechts und zum Wohl aller dient. Diese Definition gerechter Herrschaft führt zur Schlussfolgerung:
„That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government (…) in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness.”
31 Jayne S.124-126
32 Peardon S. 5-6
33 Hawke S. 187. Vermutlich hätten die europäischen Monarchen die Kolonien andernfalls auch nicht unterstützt.
34 Jayne S. 120-122; Hawke S. 149-150
8
In dieser Feststellung besteht der Kern der Rechtfertigung der amerikanischen Revolution, wie sie auch, in anderen Worten, der Kern der Locke'schen Rechtfertigung der englischen Revolution war. Vorausgesetzt, die Menschen sind zur Wahrung ihrer von Gott verliehenen Rechte verpflichtet, und darin besteht der Zweck einer Regierung, kann und muss eine Regierung, die diesem Zweck entgegenwirkt, durch eine andere ersetzt werden. Dieses Argument wird noch durch die Versicherung gestützt, dass die Absetzung einer Regierung allgemein und die Separation der amerikanischen Kolonien im Besonderen nicht leichtfertig, sondern erst nach „a long train of abuses and ursurpations“ vollzogen wird: „Prudence, indeed, will dictate that Governments long established should not be changed for light and transient causes (…). But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them [mankind] under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.”
Der Ausdruck „security” bezieht sich auf das oberste Naturgesetz, den Erhalt der Menschheit. Wenn auch unter keinen Umständen behauptet werden kann, dieser sei von König George III. gefährdet worden, waren doch, wie erwähnt, andere grundlegende Rechte der Kolonisten aus ihrer Sicht bereits lange Zeit verletzt worden. Die vom britischen Parlament auferlegten Steuern betrafen ihr Eigentum und die wirtschaftliche Freiheit, die mangelnde Repräsentation bei der sie betreffenden Gesetzgebung ihre politische Freiheit und Selbstbestimmung. Und schließlich beruhte die Rechtsprechung des britischen Parlaments nicht auf der Zustimmung der nunmehr amerikanischen Siedler. Jefferson bezieht sich in der Überleitung zum zweiten Teil der Declaration auf diese den Locke’schen Argumenten entsprechenden Tatsachen, wenn er die spezifischen Vorwürfe an den britischen König aufzählt, um zu „beweisen“, dass der einzige Weg der Kolonien zur Verteidigung ihrer gottgegebenen Rechte die Trennung vom britischen Empire sei.
„Such has been the patient sufferance of these Colonies; and such is now the necessity which constrains them to alter their former Systems of Government. The history of the present King of Great Britain is a history of repeated injuries and usurpations (…). To prove this, let Facts be submitted to a candid world.”
Dass die Naturrechts- und Vertragslehre Lockes einen entscheidenden Einfluss auf die Argumentation der Declaration of Independence hatte, sollte durch die oben erfolgte Gegenüberstellung deutlich geworden sein. Der hier behandelte erste Teil der Declaration bildete die philosophische Grundlage, die durch die im zweiten Teil erfolgende Aufzählung der einzelnen „injuries and ursurpations“ empirisch untermauert wird. Wenn die
9
Formulierungen, die Jefferson verwendet, auch im Detail von denen Lockes abweichen, wie auch die Bedeutung der einzelnen Phrasen sich zum Teil von der Konzeption Lockes unterscheidet, bleiben doch eindeutige Parallelen bei den zugrundeliegenden Annahmen und im Aufbau der logischen Begründung bestehen.
Sowohl Jefferson in der Declaration als auch Locke gehen davon aus, dass Gott den Menschen unveräußerliche Rechte verlieh, die dem von Menschen gesetzten Recht übergeordnet sind. Beide sehen die Wahrung dieser Rechte als höchste Aufgabe und das Einverständnis der Inhaber dieser Rechte als einzige Legitimationsgrundlage einer gerechten Regierung. Darauf aufbauend stellt die Declaration fest, dass die Rechte der Kolonisten von Seiten der britischen Regierung nicht gewahrt wurden und damit der „Vertrag“ zwischen Herrscher und Beherrschten wiederholt verletzt wurde, was die Kolonisten berechtigte, ja, verpflichtete, diesen „Vertrag“ aufzuheben. Diese überzeugende, klare Argumentationslinie wurde erst durch die Entwicklung, Verbreitung und intensive Rezeption der großen Ideen des 17. und 18. Jahrhunderts, welche von Locke aufgegriffen worden waren, ermöglicht. Dass die amerikanischen Siedler geradezu prädisponiert waren, dem Konzept Lockes einer rechtmäßigen, durch den consent of the people entstandenen Regierungsform zuzustimmen, zeigt eine nähere Betrachtung der Geschichte der nordamerikanischen Kolonien, besonders der Entwicklung der politischen Selbstbestimmung seit Gründungszeiten. „Locke did not need to convince the colonists because they were already convinced (...). How should the colonists not accept a philosophy, however clumsily argued, which assured them that their own governments, with which they were all content, were just the kind that God had designed men by nature to have!” 35 So diente Lockes anlässlich der Glorious Revolution verfasste Begründung einer rechtmäßigen, sogar gottgewollten Auflehnung gegen eine dem Willen und den Rechten der Regierten entgegengesetzte Herrschaft ein Jahrhundert später in Verbindung mit anderen Ideen als Grundlage für die Legitimation der amerikanischen Revolution. 36 Schon bevor die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten verfasst wurde, hatte dieses Konzept in den nordamerikanischen Kolonien Verwendung gefunden, so in der Declaration of Rights for Virginia, die im Wortlaut große Ähnlichkeiten mit der Declaration aufweist. Aufgrund ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung ist die amerikanische Revolution aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus untersucht und interpretiert worden. Die Interpretationen reichen von einem notwendigen und gerechten Kampf für die Freiheit Amerikas und Vorbild für die übrige Welt bis zum Produkt interessengeleiteter Propaganda
35 Becker S. 72-73
36 Dabei sollten nicht die zahlreichen Amerikaner vergessen werden, die auch 1776 noch treu zu England
standen und die Zukunft der Kolonien weiterhin im britischen Empire sahen.
10
einer zahlenmäßig geringen, wohlhabenden Elite, die aus wirtschaftlichen und politischen Gründen an einer Separation von Großbritannien interessiert war. Unabhängig von diesen unterschiedlichen Auffassungen über die realen Hintergründe der Unabhängigkeitsbewegung, konstituieren die in der Unabhängigkeitserklärung festgehaltenen Ideale seitdem sowohl die amerikanische Nationalmythologie als auch außerhalb der USA die Grundprinzipien freiheitlich-demokratischer, rechtsstaatlicher Gesellschaftssysteme.
11
Literatur
Anderlik, Heidemarie (Redaktion): Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von
Amerika, 4. Juli 1776, Herausgegeben von der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit
dem Deutschen Historischen Museum, Berlin 1994
Becker, Carl L.: The Declaration of Independence. A Study in the History of Political Ideas,
New York, 1942
Dumbauld, Edward: The Declaration of Independence And What It Means Today, Norman,
1950
Gerber, Douglas Scott: To Secure These Rights. The Declaration of Independence and
Constitutional Interpretation, New York/London, 1995
Hawke, David: A Transaction of Free Men. The Birth and Course of the Declaration of
Independence, New York, 1964
Howe Jr., John R.(ed.): The Role of Ideology in the American Revolution, New York u.a.,
1970
Jayne, Allen: Jefferson's Declaration of Independence. Origins, Philosophy and Theology,
Lexington, 1998
Peardon, Thomas P. (ed.): John Locke. The Second Treatise of Government, New York, 1952
Pole, Jack Richon: The Decision for American Independence, Philadelphia / New York /
Toronto,1975
Upton, Leslie F.S.: Revolutionary Versus Loyalist. The First American Civil War 1774-1784,
Massachusetts/Toronto/London, 1968
Wasser, Hartmut: Thomas Jefferson. Historische Bedeutung und politische Aktualität,
Paderborn u.a., 1995
Wills, Garry: Inventing America. Jefferson's declaration of independence, New York, 1978 Online
http://www.bbc.co.uk/history/timelines/britain/geo_america_ind.shtml (16.03.2005)
Office of the Press Secretary:
http://www.whitehouse.gov/news/releases/2001/09/20010920-8.html (20.03.2005)
The American's Creed by William Tyler Page: http://www.ushistory.org/documents/creed.htm
(20.03.2005)
12
Arbeit zitieren:
Magister Artium Martina Göttsching, 2005, Der ideengeschichtliche Einfluss der politischen Philosophie Lockes auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, München, GRIN Verlag GmbH
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