„Das erste und Nötigste, was ich dir, wenn du selbst nicht schon längst bemerkt haben solltest, zu melden habe ist: daß das Geschlecht, wozu du gehörst, nach unser dermaligen Weltverfassung, in einem Zustande der Abhängigkeit und der Unterdrückung lebt und, solange jene Weltverfassung die nämliche bleibt, notwendig leben muß.“ 3 Bereits in der Vorrede seines Werkes verweist Campe auf eine geschlechtsspezifische Ordnung, die gesellschaftlich bestimmt und notwendig ist. Hierbei wird dem Mann die führende Position zugeschrieben. Campe appelliert als wissender Vater an seine Tochter ihm und seinem Buch zu vertrauen und seinen Belehrungen zu folgen.
Obwohl es sich um Ratschläge für das Leben einer Frau und deren Bildung handelt, ist auffällig, dass die Diskussion diesbezüglich stets von Männern (z.B. Campe, Rousseau, Humboldt) geführt wurde, so dass man die Vermutung äußern könnte, dass das vermittelte Frauenbild von rein männlichen Interessen geprägt ist. Betrachtet man sich die verschiedenen Bereiche, die Campe den verschiedenen Geschlechtern zuschreibt und die dargestellten Geschlechtscharaktere lässt sich die Vermutung des männlich-bestimmten Leitbildes bestätigen. Er unterscheidet zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich, wobei der letztere der Frau zugeordnet wird und einer niedrigeren Geringschätzung unterliegt. An dieser Stellte sollte erwähnt werden, dass sich Campes Modell allein auf die bürgerlichen, verheirateten Frauen beziehen. Unverheiratete Frauen spielen für ihn keine Rolle und er thematisiert auch nicht die Frage, was mit ihnen geschehen soll. Im Prinzip könnte man sagen, dass ehelose Frauen „nicht existieren“, da die Ehe eine gewisse Vorraussetzung oder sogar Norm ist.
Die Bestimmung der Frau bzw. von Weiblichkeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts kann man nach Schmid wie folgt beschreiben: „Der bürgerlichen Definition von Weiblichkeit zufolge, finden sie [bürgerliche Frauen] ihre Erfüllung in der Familiensphäre, und nur da.“ 4 Hierbei wird ersichtlich, dass die Frau in dem privaten, häuslichen Bereich zu agieren hat und dort ihre Bestimmung liegt. In diesem Zusammenhang soll auf die (lebenslange) Unterordnung der Frau und ihrer Tätigkeit unter den Mann (Vater, Ehemann) verwiesen werden. Somit ist das Handeln der Frau nicht an der eigenen Person orientiert, sondern an dem Wohle und dem Nutzen für Andere (Ehemann und Kinder).
„Es ist also der übereinstimmende Wille der Natur und der menschlichen Gesellschaft, daß der Mann des Weibes Beschützer und Oberhaupt, das Weib hingegen die sich ihm
3 Campe, Joachim Heinrich: Väterlicher Rath für meine Tochter.bVorbericht / Vorwort. Wiederabgedruckt in: Lange, Sigrid (Hrsg.): Ob die Weiber Menschen sind. Geschlechterdebatten um 1800. Leipzig. 1992. S. 24-37. S. 26.
4 Schmid, Pia: Das Allgemeine, die Bildung und das Weib- Zur verborgenen Konzipierung von Allgemeinbildung als allgemeiner Bildung für Männer. In: Tenorth, Heinz-Elmar (Hrsg.): Allgemeine Bildung: Analysen zu ihrer Wirklichkeit, Versuche über ihre Zukunft. Weinheim, München. 1986. S. 202-214. S. 212.
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anschmiegende, sich an ihm haltende und stützende treue, dankbare und folgsame Gefährtin und Gehilfin seines Lebens sein soll.“ 5
Kersting, als auch Schmid entdecken bei Campe ein 3 Aufgaben-Modell, welches er der bürgerlichen Frau auferlegt: Gattin, Mutter, Hausfrau. 6 Einerseits könnte man dies als Leistung Campes sehen, denn er spricht den Frauen einen eigenständigen Bereich zu und nimmt ihre dortige Arbeit als produktiven Beruf wahr. Auf der anderen Seite ist dieser Tätigkeitsbereich sehr eingeschränkt und von der Wertigkeit nicht mit der Position der Männer vergleichbar. Bezogen auf diese Aufgaben entwickelt er in mehreren Kapiteln eine Art Tugenden- und Regelkatalog, in dem er notwendige Kenntnisse, das „Wesen“ der Frau und Warnungen bzw. Verbote anführt. Hierbei werden Charakterzüge wie Sanftmut, Frömmigkeit, Freundlichkeit und Ordnungsliebe genannt, die notwendig sind, um das Eheleben und den „weiblichen“ Alltag zu meistern. Weibliche, individuelle Interessen werden dieser „weiblichen Bestimmung“ untergeordnet. Gegenwärtig lassen sich zahlreiche Beispiele und Klischees anführen, die auf dieses Modell zurückgreifen bzw. es bejahen. So wird beispielsweise die Kindererziehung und die Haushaltsführung (Kochen, Waschen …) immer noch als frauentypisch bewertet.
Bezogen auf das Thema der Mädchen- und Frauenbildung kann man Campe vorwerfen, dass er eigentlich gar kein Bildungsprogramm für die Frau entwickelt, sondern eine Wesenswerdung beschreibt, sprich die Sozialisation der Frau. Hierbei zeigen sich erneut die geschlechtsspezifischen Vorstellungen. Der Alltag der Mädchen und Frauen findet seiner Meinung nach im Haus statt und innerhalb dieser Umgebung sollten die Frauen / Mädchen auch lernen (erfahrungsorientiert). Schmid fasst dies wie folgt zusammen und zeigt die differenten Anforderungen an die Geschlechter:
„Die Nützlichkeit der Ausbildungen realisiert sich im Selbstverständnis der Zeit also geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Bürgerliche Männer brauchen ein bestimmtes Wissen und das erwerben sie im außerhäuslichen Bereich. Bürgerliche Frauen brauen ein bestimmtes Wesen und das entfaltet sich im häuslichen Bereich durch Erfahrungslernen.“ 7 „Wesen also statt Wissen.“ 8
Diese Differenzierung bedeutet zum einen, dass die Lebenswelten und Erfahrungsräume der beiden Geschlechter unterschiedlich sind und der Mann durch den Zugang zum privaten und öffentlichen Bereich viel mehr Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten hat als die Frau. Zum anderen bedeutet die Ausgrenzung der Frau eine eingeschränkte individuelle Bildung, wobei es fraglich ist, ob man diesen Begriff überhaupt anführen sollte. Campe spricht in
5 Campe 1992. S. 27.
6 Vgl. hierzu Schmid 1986 beispielsweise S. 212, Kerstin 1989 S. 378.
7 Schmid 1986 S. 205.
8 Ebd. S. 213.
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Marlen Berg, 2008, Auferzwungene Weiblichkeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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