1. Einleitung
Im Zentrum der vorliegenden Hausarbeit stehen das Phänomen der Gleichgültigkeit und der verwandte Begriff der Indifferenz. Beide Begriffe werden zu gegebener Zeit im Verlauf der Arbeit noch exakt definiert, hier seien sie lediglich einleitend eingeführt. Wodurch können beide evoziert werden, wie äußern sie sich, welche Folgen, Probleme und Reaktionen können sie hervorrufen? Dies sind die Fragen, auf die im Verlauf der Arbeit Antworten gesucht werden sollen. Das Problem der Gleichgültigkeit bzw. der Indifferenz - ob es sich um ein Problem handelt, muss sich allerdings erst noch zeigen - soll zudem explizit angesichts der Erfahrung von Fremde und der Konfrontation mit derselben untersucht werden. Welche reziproken Verhältnisse existieren zwischen den beiden Begriffen? Um sich diesen Fragen nähern zu können, wird zunächst unter genau diesen Gesichtspunkten eine detaillierte Analyse des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus vorgenommen. Dieser detaillierten Analyse soll sich der Schwerpunkt der Arbeit widmen. Anschließend werde ich anhand des Textes „Reich der Zeichen“ von Roland Barthes noch eine gegenläufig konnotierte Darstellung bzw. Auffassung von Gleichgültigkeit skizzenhaft gegenüberstellen. Beide Texte eignen sich deshalb hervorragend für diese Untersuchung, da sie sich der Gleichgültigkeit, der Indifferenz und der Fremde auf zwei grundverschiedene Arten nähern. Die Arbeit gliedert sich in insgesamt zehn Kapitel. Im ersten Kapitel wird zunächst eine knappe Zusammenfassung des Romans „Der Fremde“ gegeben, um sein stringentes Argumentationsgerüst aufzuzeigen und später detaillierter darauf eingehen zu können. Die inhaltliche Analyse des Romans beginnt mit der Erfassung der Hauptfigur - Meursault - und mit der Einführung des Themenkomplexes der Fremdheit im Bezug auf diese Figur. Der darauf folgende Abschnitt bildet den Kern der Analyse dieses ersten Textes, er behandelt zunächst die Gleichgültigkeit Meursaults und anschließend, im Vergleich dazu, die Gleichgültigkeit der anderen Protagonisten.
Die nächsten beiden Kapitel schließen die Analyse des Romans „Der Fremde“ ab, sie widmen sich der Konfrontation mit dem Tod und damit in letzter Konsequenz der Überwindung der Gleichgültigkeit und der Indifferenz.
Die folgenden beiden Kapitel sollen „Das Reich der Zeichen“ von Roland Barthes unter denselben Vorzeichen beleuchten: Wie wird Fremde erzählt, in welchem Verhältnis steht sie hier zur Gleichgültigkeit und zur Indifferenz und wie sind diese geartet? Im Schlusskapitel sollen die Ergebnisse der Analysen schließlich zusammengeführt werden und somit das Phänomen der Gleichgültigkeit in all seiner Ambivalenz offen legen.
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2. Der Fremde
Um die Diskussion und Argumentation im weiteren Verlauf der Arbeit klarer darzustellen und nachvollziehbarer zu gestalten, soll zunächst eine kurze faktische Zusammenfassung des Romans, der 1942 erschien, gegeben werden, um sein sehr stringent aufgebautes Argumentationsgerüst präziser aufzeigen und daraufhin detaillierter aufarbeiten zu können. Der Roman gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil wird das alltägliche Leben der Hauptfigur, Meursault, die als Ich-Erzähler auftritt, geschildert. Er ist ein junger Franzose, der in Algier lebt. Er hat einen Job als Angestellter eines Schiffsmaklers, den er ohne großen Ehrgeiz ausübt, sowie einige eher oberflächliche Freundschaften. Gleich zu Beginn des Romans erfährt er vom Tod seiner Mutter, die in einem Altenheim gelebt hatte. Er fährt dorthin, um an der Totenwache und dem Begräbnis teilzunehmen. Sein sachliches und emotionsloses Verhalten befremdet die Heimangestellten und die anwesende Trauergemeinde. Nach Algier zurückgekehrt schläft er sich aus, geht Schwimmen, trifft dabei eine ehemalige Kollegin, lädt sie ins Kino ein und verbringt schließlich die Nacht mit ihr. Kurz darauf bittet Raymond, sein Nachbar und scheinbar ein Zuhälter, Meursault darum, für ihn einen Brief an eine frühere arabische Geliebte zu schreiben, um sich an ihr zu rächen. Meursault kommt diesem Wunsch relativ gedankenlos und desinteressiert nach. Seitdem werden er und Raymond allerdings von männlichen Angehörigen dieser Frau verfolgt. Am Strand kommt es zu einer Schlägerei zwischen den beiden Gruppen und als diese abgeklungen ist, kehrt Meursault an den Strand zurück und erschießt einen der Araber. Im zweiten Teil des Romans beschreibt Meursault seine Eindrücke nach seiner Verhaftung und während des anschließenden Mordprozesses gegen ihn. Er hat es vorgezogen sich keinen Anwalt zu nehmen, so dass ihm ein Pflichtverteidiger zur Seite gestellt wird. Während des Prozesses betreffen die Fragen, die ihm gestellt werden, weniger den Hergang des Mordes, als vielmehr seine Reaktionen auf den Tod seiner Mutter. Am Ende des Prozesses wird Meursault dazu verurteilt, auf einem öffentlichen Platz hingerichtet zu werden. Im letzten Kapitel des Romans wird Meursault in seiner Zelle das Todesurteil vollständig bewusst. Mental durchlebt er die einzigen beiden für ihn noch bestehenden Möglichkeiten: Begnadigung oder Sterben. Schließlich arrangiert er sich mit letzterer.
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2.1 Meursaults Dasein
Camus zeichnet die Figur des Meursault zunächst als einen gewöhnlichen Durchschnittsmenschen. Er trägt keinerlei Züge eines Intellektuellen oder eines andersartig außergewöhnlichen Menschen, was mit ihm passiert, kann also theoretisch mit fast jedem Menschen geschehen. Fünf Tage in der Woche geht er zuverlässig, aber ohne großen Antrieb und völlig ehrgeizlos seinem monotonen und im gesamten Roman von ihm selbst kaum detaillierter oder akzentuierter beschriebenen Bürojob nach. Seine Schilderungen beschränken sich meist auf Aussagen wie „Ich habe die ganze Woche fleißig gearbeitet.“ 1 Allein dieses Erzählverhalten zeigt, dass ihm an Erfolg, beruflicher Anerkennung und einer aktiven Ausgestaltung und Verwirklichung seiner Persönlichkeit wenig gelegen ist. Von seinem Umfeld erntet er dafür neben der Rezeption als „ordentlichem, freundlichem und höflichem Menschen“ 2 auch Kritik von Leuten, denen ihr Status im Leben nicht gleichgültig ist, wie beispielsweise seinem Chef:
„Er hat ein unzufriedenes Gesicht gemacht, [...] ich hätte keinen Ehrgeiz, und das wäre im Geschäftsleben katastrophal. Ich bin dann wieder an meine Arbeit gegangen. Es wäre mir lieber gewesen, ihm keinen Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben, aber ich sah keinen Grund, mein Leben zu ändern.“ 3
In dem Bedauern, seinem Chef Grund zur Unzufriedenheit gegeben zu haben, drückt sich die oberflächliche, stumpfe und etwas passive Lebensbejahung aus, die Meursaults Verhalten prägt. Er will sich nicht bewusst und absichtsvoll gegen sein Umfeld und seine Mitmenschen stellen. Diese Haltung wird durch seine Wochenendgestaltung deutlicher: Er ergreift Glücksmöglichkeiten, geht gewöhnlichen Vergnügungen wie Kino-und
Schwimmbadbesuchen nach und genießt diese auf einer sinn- und triebhaften Ebene. Auch Schönheiten der Natur und Berührungen seiner Geliebten empfindet er außergewöhnlich intensiv. Überhaupt ist die sinnliche Aufgeschlossenheit und Empfindsamkeit ein markantes Merkmal Meursaults, dass sich auch in seinen genauen Schilderungen und Wahrnehmungen widerspiegelt. Wichtige wie unwichtige Ereignisse erscheinen in seinen Schilderungen gleichwertig nebeneinander gereiht und werden oftmals von Sinnes- oder Natureindrücken überlagert und geprägt - so auch bei der Beerdigung seiner Mutter:
1 Albert Camus: Der Fremde. Reinbek. 1994. S.43
2 Margot Fleischer: Zwei Absurde: Camus’ Caligula und Der Fremde. Eine Interpretation. Würzburg. 1998.S. 64
3 Albert Camus: S.52
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„Ich habe noch einige Bilder von diesem Tag behalten: [...] Dann waren da noch die Kirche und die Dorfbewohner auf den Bürgersteigen, die roten Geranien auf den Friedhofsgräbern, Pérez’ Ohnmacht (als wäre er ein verrenkter Hampelmann), die blutrote Erde, die auf Mamas Sarg polterte, das weiße Fleisch der Wurzeln, die sich darunter mischten, wieder Leute, Stimmen, das Dorf, das Warten vor dem Café, das unaufhörliche Dröhnen des Motors und meine Freude, als der Bus in das Lichternest von Algier eingefahren ist und ich gedacht habe, daß ich gleich ins Bett gehen und zwölf Stunden schlafen würde.“ 4
Die letzte Aussage zeigt deutlich, wie anstrengend und ermüdend diese intensiven Sinneseindrücke für ihn sind, ja dass sie teilweise sein Denken überlagern. Dennoch ist Meursault in der Lage, seine genaue Wahrnehmungsgabe auch auf sich selbst anzuwenden und seine Lage zu reflektieren. Er ist sich seiner sinnlichen Empfindsamkeit also durchaus bewusst: „Dennoch habe ich ihm erklärt, es läge in meiner Natur, daß meine körperlichen Bedürfnisse oft meine Gefühle störten. An dem Tag, als ich Mama beerdigt hätte, wäre ich sehr erschöpft und müde gewesen. So daß mir nicht klargeworden wäre, was geschah.“ 5 Das Verb „störten“ zeigt, dass er diese Tatsache zumindest teilweise als negativ empfindet. Dennoch zieht er keine weiteren Schlüsse daraus und versucht erst recht nicht, sich dagegen zu wehren. Hier zeigt sich erneut seine Passivität, die im Zusammenhang mit der Gleichgültigkeit im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher beleuchtet werden soll.
2.2 Die Aspekte der Fremdheit in Meursaults Existenz
Meursault ist ein Fremder auf verschiedenen Ebenen. Unabhängig von seiner oberflächlichen Angepasstheit existieren mentale Barrieren, die ihn von seiner Umwelt abgrenzen und entfremden. In erster Linie ist er fremd gegenüber den Konventionen sozialen Zusammenlebens. Beim Tod und der Beerdigung seiner Mutter empfindet er keine Trauer oder Verzweiflung und schauspielert auch keinerlei derartige Emotionen. Er verweigert sich also der sozial vorgegebenen Rolle des trauernden Sohnes - unabhängig davon, ob er echte Trauergefühle hegt oder nicht. Diese Tatsache wird beim Prozess gegen ihn mit Unmut registriert. Weitaus schwerer wiegt jedoch der Fakt, dass er die Leiche seiner Mutter nicht
4 Albert Camus: S.24
5 Albert Camus: S.79
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noch einmal sehen, also nicht für alle sichtbar Abschied von ihr nehmen wollte. Er ist dadurch für die Gesellschaft „fremdartig, gänzlich unverständlich und ein Abscheu“. 6 Aber auch in einer direkten zwischenmenschlichen Beziehung, nämlich Marie gegenüber, seiner Geliebten, verhält er sich „fremd“. Auf ihre Frage, ob er sie heiraten wolle, reagiert er gleichgültig und bejahend zugleich:
„Abends hat Marie mich abgeholt und mich gefragt ob ich sie heiraten wollte. Ich habe gesagt, das wäre mir egal, und wir könnten es tun, wenn sie es wollte.“ 7
Eine sehr untypische und verstörende Reaktion in einer solch besonderen Situation. Doch dieses Verhalten wurzelt nicht in Empfindungslosigkeit; wie bereits beschrieben ist er durchaus in der Lage Empfindungen wie Freude oder Wohlbehagen zu verspüren. Allerdings will er nicht den von außen auferlegten Gefühls- und Verhaltensanforderungen nachkommen. Dies äußert sich beispielsweise dadurch, dass er bei der Abschiednahme von seiner Mutter nach einiger Überlegung zu dem Schluss kommt, dass es kein Problem darstelle, in dieser Situation zu rauchen.
„Dann habe ich Lust bekommen zu rauchen. Aber ich habe gezögert, weil ich nicht wußte, ob ich es vor Mama tun könnte. Ich habe nachgedacht, das machte gar nichts.“ 8
Tatsächlich kommt durch dieses Verhalten auch niemand zu Schaden, dennoch wirkt es im Nachhinein, beim Prozess, befremdlich und hat für Meursault zudem weitreichende Konsequenzen.
2.3 Gleichgültigkeit und Indifferenz bei Meursault
Nachdem sowohl die Prädisposition der Romankonstellation, als auch der Hauptfigur Meursault dargestellt wurde, möchte ich zum Hauptteil der Analyse kommen, zur Indifferenz bzw. Gleichgültigkeit.
Meursaults Gleichgültigkeit äußert sich auf verschiedenen Ebenen und verschiedenen Sachverhalten gegenüber. Er zeigt sich gleichgültig gegenüber materiellen Werten. Er hat kein Interesse an Statussymbolen und wohnt lediglich in einer kleinen, schäbigen Wohnung.
6 Margot Fleischer: S.106
7 Albert Camus: S. 52/53
8 Albert Camus: S.13
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Arbeit zitieren:
Alkimos Sartoros, 2009, Glück oder Unglück? , München, GRIN Verlag GmbH
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