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INHALT
Einleitung 5
1. Interpretation des Original-Helmbrecht 9
1.1 Kurze Prosa-Nacherzählung 9
1.2 Die Handschriften und neue Erkenntnisse zu ihrer Historie und der
Herkunft des Dichters 17
1.3 Wernher der Gartenaere und neue Erkenntnisse zu seinem Beruf 20
1.4 Die Bedeutung des Original-Helmbrecht 24
1.4.1 Literaturhistorische Bedeutung 25
1.4.2 Die künstlerische Form 26
1.4.3 Inhalt und Intention 27
1.4.4 Die Rechtsfälle 34
1.5 Die Bedeutung der ma. Bundhaube 36
1.6 Helmbrechts bestickte Bundhaube 42
1.7. Der Warkus 44
1.8 Die Haartracht 47
Der neue Helmbrecht 51
2.
2.1 Neuer Inhalt und neue Intention 53
2.2 Die neue Form 55
2.3 Neue Landschaft und Schauplätze 55
2.4 Die neue Kleidung des jungen Helmbrecht 58
3. Die Kleidung im HMA 59
3.1 Der Rock 61
3.2 Das Wams 63
3.3 Der Mantel 65
3.4 Hosen und Schuhe 66
3.5 Die Kopfbedeckung 67
3.6 Sonstige Kleidung 68
4. Deutschland im HMA (um 1000 - 1250) 69
4.1 Das Staatswesen 72
4.1.1 Die Regierenden 78
4.1.1.1 Die Ritterschaft 83
4.1.1.2 Die Geistlichkeit (Klerus) 86
4.1.1.2.1 Weltgeistlichkeit 88
4.1.1.2.2 Ordensgeistlichkeit 89
4.1.2 Das Volk 94
4.1.2.1 Die Bauernschaft 95
4.1.2.1.1 Ernährungsweise 96
4.1.2.1.2 Dörfliche Siedlungsform 97
4.1.2.1.3 Ländliche Produktivitätssteigerung 99
4.1.2.1.4 Bäuerliche Aufstiegschancen 100
3
4.1.2.2 Die Bürgerschaft (Stadtrecht) 102
4.2 Das Rechtswesen 104
4.2.1 Landesrecht und Gerichtswesen in Österreich 108 4.2.2 Fehde und Landfriede 109 4.2.3 Vogteiwesen 112 4.2.4 Die Rechtsfälle im Drehbuch 114
4.3 Das Heerwesen 117 4.3.1 Die Burg 119 4.3.2 Die Schutzkleidung 120 4.3.3 Die Waffen 121 4.3.4 Das Pferd 122 4.3.5 Ritterwettkämpfe und feudale Jagd 123
4.4 Die Bildung im HMA 128 4.4.1 Die mhd. Sprache 128 4.4.2 Die mhd. Schriftlichkeit 129 4.4.3 Das Wort "deutsch" 131 4.4.4 Die religiöse Bildung 133 4.4.5 Die weltliche Bildung 135
4.5 Die ritterlich-höfische Kunst 139 4.5.1 Die Eneide Heinrichs von Veldeke 144 4.5.2 Das Rolandslied 145 4.5.3 Dietrichsage und Rabenschlacht 146 4.5.4 Musik und Tanz 149 4.5.5 Musikinstrumente 154 4.5.6 Buch- und Schreibwesen 158
4.6 Einige Liedermacher des HMA 160 4.6.1 König Richard Löwenherz 161 4.6.2 Walther von der Vogelweide 163 4.6.3 Wolfram von Eschenbach 164 4.6.4 Gottfried von Straßburg 167 4.6.5 Ulrich von Winterstetten 169 4.6.6 Neidhart von Reuenthal 170
4.7 Relevante politische Personen der Zeit 173 4.7.1 König Konrad IV. von Hohenstaufen 173 4.7.2 Herzog Friedrich der Streitbare von Österreich 174 4.7.3 Die Herren von Kuenring 176 4.7.4 Erzbischöfe von Salzburg 177 4.7.5 Die Wittelsbacher 178 4.7.6 Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen 179
5. Über Literatur und Text 182 5.1 Allgemeine Einteilung der Literatur 187
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5.2 Einteilung der künstlerischen Literatur 191
5.3 Zur Fiktionalität der künstlerischen Literatur 195
5.4 Mögliches und Notwendiges 200
5.5 Geschichten als Stoffe der künstlerischen Literatur 204
5.6 Zur Dramaturgie filmischer Literatur 207
5.6.1 Das Exposee 210
5.6.2 Das Treatment (Szenarium) 211
5.6.3 Das Autor-Drehbuch (Dialogszenarium) 211
5.6.4 Über Kamera- und Schauspielerhinweise 213
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Einleitung
Eines der wohl interessantesten und beeindruckendsten Werke der ma. Literatur ist die Versnovelle Helmbrecht des Dichters Wernher der Gartenaere. Sie demonstriert zeitlosgültige Aussagen zu den Grundfragen des gesellschaftlichen Lebens und gehört nicht umsonst zu dem Kreis vorbildlicher ma. Literaturwerke. Sie spielt im Schulunterricht und in der mediävistischen Forschung und Lehre eine bedeutende Rolle. Zwar steht sie als Kleindichtung etwas im Schatten ihrer großen Geschwister und damit nicht unmittelbar im Mittelpunkt der Forschung und Lehre, ist aber ein fester Bestandteil unseres literarischen Kulturerbes, insbesondere, da sie eine Wende in der Literaturgeschichte einleitet, d.h. erstmals Vertreter des Bauernstandes zu Hauptpersonen der Handlung macht. Leider verliert der Helmbrecht infolge der Negativ-Erscheinung seines Protagonisten (dem jungen Helmbrecht), der betonten Lehrhaftigkeit des Stückes und seines z.T. lückenhaften Charakters in der Handlung beim modernen Publikum etwas an Popularität und wird auf die rein akademische Linie, abgesehen von einem geographisch kleinen österreichisch-bayrischen Rezeptionsraum, wo er seine Wurzeln hat, abgedrängt, obwohl er das nicht verdient hat. Dem möchte ich durch die Erhöhung seines Unterhaltungswertes und den Versuch einer wissenschaftlichen Klärung einiger noch offener wesentlicher Fragen etwas entgegenwirken. Das hat er verdient! Ich habe ihn in der Schule kennengelernt und er hat mich seitdem gedanklich nicht mehr losgelassen, so dass ich mich entschloss, mich näher mit ihm zu beschäftigen.
Die vorliegende Arbeit ist eine filmische Literaturadaption unter dem Titel „Die neue Geschichte vom jungen Helmbrecht“. Sie beschreibt die Voraussetzungen, den Prozess und die Ergebnisse einer Adaption. Die Arbeit besteht aus einer Abhandlungsfolge von vier Teilen, die eng zusammengehören, und befasst sich mit der mhd. Versnovelle Helmbrecht des Dichters Wernher der Gartenaere. Dabei habe ich mir die Aufgabe gestellt, aus einem antiquierten Lehrstück mit grausigem Ausgang, wie es der Original-Helmbrecht ist, ein modern erklärbares Unterhaltungsstück mit erfreulichem Ende zu machen, das sich filmisch umsetzen lässt. Der erste Teil ist eine mediävistische Abhandlung. Sie enthält die Interpretation des Original-Helmbrecht, die Darstellung der wesentlichen gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, die für das Verständnis der Handlung wichtig sind, und eine entsprechend unserer modernen Sichtweise und unseres modernen Geschmacks historischgerechte künstlerische Umgestaltung (Rekreation) der Erzählung zu filmischer Literatur sowie die wissenschaftliche Klärung bisher unzureichend beantworteter Fragen bezüglich der Handschriften und der Person des Dichters. Der zweite, dritte und vierte Teil sind filmische Literatur in Form eines Exposees, Treatments und Autor-Drehbuchs mit dem Untertitel Der Reiter mit der Coiffe. Die neue Geschichte sehe ich dabei nicht als Konkurrenz zur alten Geschichte, sondern als ergänzendes Gegenstück, das uns einen erweiterten Einblick in das HMA vermittelt.
Die offenen wissenschaftlichen Fragen betreffen insbesondere das Wesen der Haube, die der junge Helmbrecht geschenkt bekommt, das Wesen des Warkus, den er von seiner Mutter verlangt, die näheren Umstände seines Dienstverhältnisses, das er nach seiner Ausfahrt eingeht, dann die dunkle Biographie des Dichters selbst und einige Lücken bei der Historie der Handschriften. Zusätzlich erfolgen noch einige Ausführungen zur Literaturtheorie, die im Zusammenhang mit dem Thema von Interesse sind. Der Helmbrecht Wernhers des Gartenaere ist es zweifellos wert, über
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seinen akademischen Interessentenkreis hinaus einem breiteren Publikum bekannt gemacht zu werden, was in Form eines Filmes sicherlich gegeben ist. Nur muss man dabei seinen etwas märchenhaften und in der Handlung lückenhaften Charakter sowie seine überbetonte Lehrhaftigkeit vermeiden. So wird er einen noch größeren Freundeskreis gewinnen, selbst wenn man ihn nur als Lesestoff betrachtet. In diesem Sinne ist die vorliegende Arbeit eine Erweiterung der Rezeption des MA. In dem etwa zwischen 1250 bis 1280 entstandenen Original-Helmbrecht geht es um einen jungen Bauernsohn, namens Helmbrecht, mit langen, blonden und gelockten Haaren, der von einer entlaufenen Nonne eine bestickte Bundhaube (Coiffe) geschenkt bekommt, von Mutter und Schwester mit höfischer Kleidung und Waffen versehen wird, vom Vater, wenn auch widerwillig, ein Pferd bekommt und in Verachtung der bäuerlichen Arbeit und mit erklärter verbrecherischer Gesinnung (V. 366 f.): "ez müezen rinder vor mir lüen, die ich über ecke trîbe." [es müssen Rinder vor mir brüllen, die ich vor mir her treibe] oder in V. 372 f.: "und die gebûren durch die hecke ... entfüere bî dem hâre ... " [und die Bauern durch die Hecke ... zerre bei den
Haaren] sein Elternhaus verlässt. Auf seiner Reise wird er durch Raub und Gewalt einer der landschädlichen Leute. Er lässt heimlich seine Schwester nachkommen und verheiratet sie mit einem seiner Kumpane. Während der Hochzeit werden sie vom Richter und seinen Schergen festgenommen und zum Tode verurteilt. Helmbrecht erhält als Zehnter nach ma. Recht Begnadigung. Dafür werden ihm aber als Strafe die Augen ausgestochen und die rechte Hand und der linke Fuß abgeschlagen. Der Vater weist den Krüppel, als er wieder zu Hause auftaucht, vom Hofe. Zum Schluss erhängen ihn Bauern an einem Baum. Die positive Figur in diesem Stück ist der Vater Helmbrecht. Er steht für ein hohes Arbeitsethos, eine moderne Vorstellung von Vornehmheit als Adligsein und Edelsein und die Erkenntnis, dass ein gesellschaftlicher Standeswechsel ein schwieriges Unternehmen ist. Der Helmbrecht ist seiner Intention nach ein Lehrstück, das offenbar von seinem Verfasser als Lehrmaterial für den Schulunterricht gedacht war. Ich stelle mir die Aufgabe, ihn in ein handlungs-orientiertes Unterhaltungsstück umzuwandeln, das dem Geschmack eines modernen Publikums eher entspricht. Die Umgestaltung des Werkes betrifft seinen Inhalt und seine Form, so dass es unterhaltsamer wird, seine betonte und vorherrschende Erziehungsfunktion minimiert wird und es einen erbaulicheren Charakter gewinnt. Die Grundideen des Originals, d.h. sein zum Ausdruck gebrachtes hohes Arbeitsethos, die Vorstellung vom Adligsein und Edelsein sowie von den Schwierigkeiten des Standeswechsels, werden dabei voll erhalten und durch neue Ideen, neue Personenkreise und Schauplätze, die in diese Zeit passen und für sie typisch sind, bereichert. Auf die Einzelheiten gehe ich im Rahmen des Buches ein. Obwohl der Original-Helmbrecht in der Schule behandelt wird - ich habe ihn selber an der Schule kennengelernt - und sich an den Hochschulen Lehre und Forschung mit ihm befassen, ist er doch in breiten Kreisen der Bevölkerung relativ unbekannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er einerseits märchenhafte und andererseits sehr strenge Züge trägt, die erzieherisch wirken sollen, dabei aber abschreckenden Charakter haben. Außerdem werden Teile der damaligen gesellschaftlichen Kräfte vom Dichter ausgeblendet, um nicht irgendwo „anzuecken“. Er hat also nur die Güte eines Märchenstoffes und den Charakter eines erhobenen Zeigefingers. In ihm steckt aber mehr, er hat ein hohes Potential an Handlungsmöglichkeiten und Personenvarianten, was von seinem Verfasser gar nicht voll ausgeschöpft wurde. Dem möchte ich mit meiner Arbeit nachkommen und daraus eine Geschichte machen, die
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umfassender und tiefgreifender gestaltet ist, mehr unterhaltsame Handlungs-Elemente enthält und das betont Lehrhafte einschränkt. Nur so kann man den Helmbrecht attraktiver machen und vor der Gefahr des Vergessen-Werdens bewahren. Die Lebenszeit des Dichters ist die Periode des Übergangs des Hochmittelalters in das Spätmittelalter, also die Zeit um 1250, eine politisch und kulturell sehr interessante und bewegte Zeit. Der Helmbrecht ist eine der Quellen für unsere moderne Vorstellung von Arbeit, Adligsein und Edelsein und den Schwierigkeiten bei der Überwindung von Standesschranken. Über den Dichter des Helmbrecht ist sehr wenig bekannt, wie bei den meisten ma. Dichtern. Ich glaube aber, dass ich zu seiner Identifikation einiges beitragen kann. Ebenso glaube ich bezüglich des Zusammenhangs zwischen der Urschrift des Helmbrecht und seinen beiden Abschriften einiges Neues entdeckt zu haben.
Einen breiten Raum nimmt in dieser Abhandlung die Beschreibung der politischen und kulturellen Verhältnisse in Deutschland um 1250 ein, da ihre Kenntnis wichtig ist, um den Original-Helmbrecht interpretieren zu können und die Filmgeschichte Der Reiter mit der Coiffe zu verstehen. Diese erklärt sich natürlich aus sich selbst heraus, es gibt aber sicher auch Interessenten, die etwas tiefer in die Materie einsteigen möchten. Desweiteren habe ich dem Buch einen Abschnitt über Literaturtheorie beigefügt, der sich im Zusammenhang mit dem Versuch der Einordnung des Helmbrecht in das System der Literatur ergab.
An Hochschulen ist der Original-Helmbrecht Forschungs- und Lehrgegenstand in geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Die Pädagogik, germanistische Mediävistik und Historiker befassen sich mit ihm und besonders in der Literatur- und Sprachwissenschaft spielt er eine bedeutende Rolle, sogar die Jurisprudenz zieht ihn in ihre historischen Betrachtungen mit ein. Mit meiner Abhandlung glaube ich, einen Beitrag leisten zu können zur germanistischen Forschung, speziell zur Helmbrecht- Forschung,die an vielen Universitäten betrieben wird. Für die Bedeutung des Helmbrecht spricht die Tatsache, dass er im 15. Jh. als Abschrift in das Ambraser Heldenbuch aufgenommen wurde und dort neben solchen bedeutenden Werken wie dem Nibelungenlied steht. Besonders volkstümlich bekannt ist er noch heute im bairisch- österreichischen Raum des Innviertels, wo er aus Tradition gepflegt wird, das Stück entstanden ist und sich auch die Handlung abspielte.
Das Interesse des modernen Menschen am europäischen Mittelalter ist groß, denn dort liegen die Wurzeln unserer heutigen Kultur. Die Antwort auf die Frage nach dem Woher ist genauso wichtig wie die nach dem Wohin. Das MA ist aktueller denn je und spielt im Kulturleben eine wachsende Rolle. Es gibt kaum ein Stadtfest bei dem nicht ma. Traditionen vorgeführt werden und viele Burgfeste, die das ma. Leben demonstrieren. Die Menschen begeistern sich an der Rückbesinnung und stellen den ewigen Fortschrittsglauben zunehmend in Frage. Dabei weicht das Klischee von der Finsternis des MA immer mehr der Bewunderung für die hervorragenden Leistungen der damaligen Menschen, die mit einfachen Hilfsmitteln Großes und Bleibendes hervorgebracht haben, wie z.B. die beeindruckenden Baudenkmäler und Skulpturen, die ausgefeilte Handwerkskunst, die eigenständige Schriftlichkeit, die Anfänge der Wissenschaft und die großen und kleinen Werke der Literatur, die uns in Handschriften überliefert sind. Ebenso groß ist das Interesse der Menschen an literarischen und historischen Stoffen des MA, wenn sie verfilmt sind. Davon zeugen
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bekannte Filme wie Die Nibelungen, Die Ritter der Tafelrunde, Parzival, Ivanhoe, Robin Hood, Der Name der Rose etc.
Es hat in der jüngeren Vergangenheit schon mehrere Versuche gegeben, den Helmbrecht in eine „zeitgemäße” Form zu bringen, wie von E. Frenzel: Stoffe der Weltliteratur (Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1998) und Ulrich Seelbach: Bibliographie zu Helmbrecht (Erich Schmidt Verlag. Berlin 1981) angeführt wird. Demgemäß gibt es Nacherzählungen, Romane und Dramen, die sich mit dem Helmbrecht befassen. Bühnenstücke entstanden Anfang des 20. Jh. bis etwa in die 60-ziger Jahre. Es gibt auch zahlreiche Übersetzungen und sogar Hörspiele und zwei Opern. Dabei ist festzustellen, dass die grausame, im MA aber übliche, Bestrafung des Helden dem modernen Menschen zu hart erscheint, so dass der Ausgang der Handlung in den Neuschöpfungen Richtung Milderung seines Schicksals variiert wurde. Der von mir für die Verserzählung benutzte moderne Titel Helmbrecht anstatt Meier Helmbrecht ist von der Handschrift B her gerechtfertigt und ich finde ihn auch treffender, da es in der Handlung, und die ist entscheidend, um den jungen Helmbrecht und nicht um den Vater geht. Der moderne Titel wurde 1964 von M. Lemmer eingeführt, der sich dabei auf Moriz Haupt (ZfdA 4, 1844) bezieht. Die meiner Arbeit zu Grunde liegende mhd. Literatur ist die von F. Panzer, K. Ruh und H.J. Ziegler herausgegebene Edition Wernher der Gartenaere: Helmbrecht (Max Niemeyer Verlag Tübingen 1993). Die in meinem Text vorkommenden Zitate aus der Verserzählung wurden von mir anhand von M. Lexers Mittelhochdeutsches Handwörterbuch (S. Hirzel Verlag Stuttgart 1974) übersetzt. Meine Verszitate aus den Werken Neidharts stammen aus dem Buch Die Lieder Neidharts von Hrsg. Edmund Wießner (Max Niemeyer Verlag Tübingen 1984) und aus Neidharts Lieder von Hrsg. Moriz Haupt (S. Hirzel Verlag Leipzig 1923). Sie wurden von mir mittels Edmund Wießners Vollständiges Wörterbuch zu Neidharts Liedern (S. Hirzel Verlag Leipzig 1989) und dem „Lexer” übersetzt. Zum Nachweis anerkannter Bezugsquellen und als Hinweis für interessiertere Leser wird die für die einzelnen Kapitel des Buches benutzte Literatur am Ende eines jeden Kapitels angegeben. Auf besonders relevante Stellen in der benutzten Literatur wird im Text des jeweiligen Kapitels hingewiesen.
Einen Überblick zum modernen Stand der Helmbrecht-Forschung gibt das von Theodor Nolte und Tobias Schneider im S. Hirzel Verlag Stuttgart 2001 herausgegebene Buch Wernher der Gärtner: Helmbrecht, das die Vorträge des Helmbrecht-Symposions in Burghausen 2001 enthält. Ein neueres Buch mit dem Titel Der geborene Gärtner stammt von dem österreichischen Schriftsteller Alois Brandstetter und erschien 2005 im Deutschen Taschenbuch-Verlag München. Er befasst sich darin speziell mit der Person Wernhers des Gartenaere. Die Ihnen, verehrte Leser, von mir unter dem Titel Der Reiter mit der Coiffe präsentierte Geschichte ist wahrhaftig und glaubwürdig, da sie möglich war, denn die Verhältnisse dieser Zeit waren durchaus geeignet, dass ein junger Mensch alles das, wie beschrieben, erleben konnte. Ich hoffe, mein Interesse und meine Freude an der Sache auf Leser und eventuell Zuschauer übertragen zu können.
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1. Interpretation des Original-Helmbrecht
Die Zeit der Entstehung und Handlung des Helmbrecht ist das Ende des Hochmittelalter (HMA). Das europäische Mittelalter (MA) ist eine für uns interessante Epoche, denn sie legte den Grundstein für unsere heutige Kultur. Es ist eine Periode des Übergangs der Menschen in Europa aus dem Naturzustand in den Kulturzustand. Unter Mittelalter versteht man gewöhnlich die Zeit zwischen 476 n. Chr. (Odoaker setzte 476 in Italien den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustus ab und wurde vom Heer zum König ausgerufen), und 1500 n. Chr., wenn man sich auf politische Verhältnisse bezieht. Dabei wird die Zeit von 476 bis 1000 als Frühmittelalter (FMA), die Zeit von 1000 bis 1250 als Hochmittelalter (HMA) und die Zeit von 1250 bis 1500 als Spätmittelalter (SMA) bezeichnet. Den Begriff des Mittelalters müssen wir dabei als Unterscheidungsmerkmal zur Antike und der Neuzeit sehen und er bezieht sich im Wesentlichen auf die nordeuropäischen Länder England, Frankreich und Deutschland. Für sie bedeutete das MA den Eintritt der Gesellschaft in die Kultur, d.h. politisch die Bildung größerer Verwaltungseinheiten, ökonomisch das Sesshaftwerden der Stämme und die Steigerung der Produktion und kulturell die Vervollkommnung der eigenen Sprache und das Entstehen der Schriftlichkeit, ein Aufschwung in der Baukunst, der Bildhauerei, Malerei und Tonkunst. Es ist der Einzug der antiken Kultur in diese Länder und deren eigenständige Verarbeitung, insbesondere durch den Kontakt mit dem untergegangenen Westrom und dem oströmischen Kaiserreich. Insbesondere in den Jahren von etwa 1150 bis 1250 gab es in Deutschland eine Blüte der Dichtkunst. Die geschaffenen Werke liegen in zahlreichen Handschriften vor, die aber Kopien darstellen. Die Originale sind meistens nicht mehr greifbar.
1.1 Kurze Prosa-Nacherzählung
Um eine gewisse Vorstellung zu verschaffen, wie sich der Helmbrecht im Original liest, ohne das ganze Werk lesen zu müssen, möchte ich im Folgenden eine verkürzte Prosa-Nacherzählung vorlegen, die unwesentliche Stellen herauslässt. Der Dichter schreibt in seiner kleinen Verserzählung wie folgt:
Einer sagt, was er gesehen hat, ein anderer sagt, was ihm geschehen ist, der dritte spricht von Zuneigung und der vierte von Gewinn, der fünfte von großem Gut und der sechste von hohem Geist. Hier will ich sagen, was mir geschah, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe.
Ich sah einen Bauern Sohn, dessen blondes Haar ihm lockig um die Schultern floss. Die Flut der Haare umschloss der Bursche mit einer reich geschmückten Haube. Deren Schmuck bestand aus Sittichen und Tauben, die mit Seide darauf genäht waren. Er war der Sohn des Meiers Helmbrecht, eines Bauern, und er trug denselben Namen wie sein Vater. Man nannte sie beide Helmbrecht.
Die Haube war auf ihrem Mittelband vom Nacken über den Scheitel bis zum Schopf mit Vögeln bestickt. Es schien, als kämen sie geradewegs vom Spessart auf den Bauernschädel geflogen. Auf der rechten Seite der Haube sah man die Eroberung von Troja, weil Paris dem König von Sparta das Weib entführte, und die Flucht von Äneas in schnellen Schiffen aufs Meer. O weh, dass je ein Bauer durfte eine solche Haube tragen!
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Auf der linken Seite der Haube sah man, wie König Karl und Roland, Turpin und Olivier mit wunderbarer Heldenkraft gegen die Heidenschaft in Galitzien kämpften. Hinten zwischen den Ohren von einem Haubenband zum anderen war der ungestüme Witege zu sehen, wie er vor Raben die beiden Söhne König Etzels und seiner Frau Helche und den Bruder Dietrichs von Bern erschlug. Auf dem Saumband über der Stirn tanzte zwischen zwei Frauen ein Ritter, hinter ihm führte ein Knappe zwei Mädchen zum Tanz. Auch Geiger waren dabei.
Die Haube schenkte ihm eine Nonne, die sie auch genäht und bestickt hatte. Die Nonne war durch ihre Hofart (hövescheit) aus ihrer Zelle entronnen. Sie bekam in ihrer Not von der Schwester Helmbrechts, Gotelind, ein stattliches Rind zum Lebensunterhalt, und diente es ab durch Näharbeit an der Haube und an Kleidung. Von der Mutter Helmbrechts erhielt sie außerdem soviel Käse und Eier, wie sie im Refektorium (Klosterspeisesaal) nie gesehen hatte.
Die Schwester Gotelind bemühte sich auch um die Ehre ihres Bruders. Sie gab ihm weiße Leinewand. Die war sehr fein gesponnen. Die Mutter gab ihm Wollstoff und ein Lammfell von der besten Sorte als Futter. Dazu bekam er noch einen Kettenwams, ein Schwert und zwei zusätzliche Kleider, Stechmesser und große Taschen, blauen Stoff für einen Oberrock sowie Hosen und Sporenschuhe aus Korduanleder. Der Oberrock wurde mit bunten Kristallknöpfen verziert und an seinen Ärmeln kleine Schellen angebracht. So oft er damit beim Tanze erschien, sah man die Mädchen und die Frauen ihn lieblich anlächeln.
Als der stolze Gauch bekleidet war von Kopf bis Fuß, trat er zu seinem Vater: "Hin zum Hof muss ich, lieber Vater. Dazu bedarf ich noch deiner rechten Hilfe. Mutter und Schwester haben mich reich beschenkt, dass ich ihnen ewig dankbar sein werde." Dem Vater war das gar nicht recht. "Lieber Sohn, von der Fahrt zum Hofdienst lass ab! Die höfische Lebensart wird allen denen hart, die nicht von Kindesbeinen an darin groß geworden sind. Fahr mit mir! Lenke das Gespann oder führe den Pflug. Jährlich neu zahle ich meinen Zehnten vollauf und so sollst du es auch halten." Der Sohn sprach: "Mein lieber Vater, schweig und lass die Rede sein! Es muss geschehen, so und nicht anders. Ich muss sehen, wie mir das höfische Leben schmeckt. Deine Kornsäcke werden nie mehr auf meinem Kragen lasten, auf deinen Wagen werde ich nie mehr Mist schaffen. Gott sollte mich hassen, wenn ich dir Ochsen weidete (führte) und deinen Hafer säte. Das passt nicht zu meinen langen blonden Haaren mit ihren seidenen Locken und meinem wohlstehenden Rocke, zu der schönen Haube mit den seidenen Vögeln, die kunstvoll von Frauen darauf genäht wurden. Ich helfe dir nicht mehr das Feld bestellen."
Da sagte der Vater: "Mein lieber Sohn, bleibe bei mir! Der Meier Ruprecht will dir gern sein Kind geben. Dazu viele Schafe, Schweine und zehn Rinder, alte und junge. Zu Hofe hast du Hunger, musst hart liegen und auf alle Gnaden verzichten. Folge meinem Ratschlag, dann hast du Nutzen und Ehre. Wohl selten gelingt es jemand, gegen seine Ordnung zu ringen. Deine Ordnung ist der Pflug, Hofleute findest du im Übermaß. Ich schwöre dir bei Gott, aller Hofleute Spott wirst du bald sein. Folge mir und schlag deine Wünsche in den Wind!
Der Sohn sprach: "Vater, wenn ich erst beritten bin, glaube ich in den höfischen Sitten genauso zu bestehen, wie die, die schon immer am Hofe waren. Wer auf meinem Haupte die schöne Haube sieht, schwört sicher tausend Eide, dass ich niemals Ochsen antrieb oder den Pflug durch die Furche stieß. Bin ich erst mit dem gekleidet, was Mutter und Schwester mir schenkten, so bin ich sicher, ahnt kein Mensch, dass ich
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auf der Tenne mit dem Flegel Korn drosch oder Stecken stieß. Hab ich erst Fuß und Bein geziert mit Hosen und Schuhen aus Korduan, sieht mir keiner an, dass ich für dich oder andere Zäune zog. Wenn du mir noch den Hengst gibst, fängt mich kein Meier Ruprecht als Schwiegersohn ein. Ich will mich nicht bei einem Weibe verliegen. Der Vater sprach: " Willst du leben wie der wohlgeborene Hofmann und dich ihm gleichstellen, so gelingt dir das nicht. Er wird dich dafür hassen. Es wird sich auch kein Bauer darum scheren, wenn dir ein Leid geschieht. Und wenn ein rechter Hofmann des Bauern ganzes Hab und Gut nähme, er käme zuletzt doch besser weg als du. Nimmst du dem Bauern nur Futter weg und er erwischt dich dabei, so bist du für ihn Bürge und Pfand für alle, die ihm das angetan haben. Er lässt dich nicht zu Worte kommen und wird auf der Stelle Vergeltung üben. Im Namen Gottes glaubt er zu walten und erschlägt dich beim Raube. Bleib zu Hause und nimm ein eheliches Weib!" "O, Vater, was auch geschehen wird, von meinem Vorsatz gehe ich nicht ab! Ich will zu hohem Ansehen kommen. Heiße anderen, dass sie sich mit dem Pfluge abmühen. Es müssen Rinder vor mir brüllen, die ich über die Flur treibe. Dass ich solange noch hier geblieben bin, ist die Schuld des Gaules allein. Ich wäre mit andern im Verein schon längst kreuz und quer, die Bauern an den Haaren durch die Hecke schleifend, geritten. Hier noch zu warten, ist eine Qual. Die Armut möcht ich nicht ertragen. Während dreier Jahre ein Fohlen großziehen oder ein Rind, solch ein Erwerb ist mir zu mühselig. Nein, rauben will ich alle Tage und zusehen, dass ich mir Überfluss an leckerer Kost erjage und mich winters vor Frost schütze, solange Rinder noch etwas wert sind. Darum eile, Vater, und gib‘ mir bald den Hengst, ich bleibe nicht länger bei dir!"
Einen Loden von 30 Lagen, vier Kühe, zwei Ochsen, drei Stiere und vier Scheffel Korn gab der Vater als Kaufpreis für den Hengst her. Das sind zehn Pfund. Wert war er aber nur drei Pfund Silberpfennige.
Als der Sohn nun fertig war zum Ausritt schüttelte er den Kopf und sah voller Hochmut auf den Vater herab. Er sprach: "Ich bisse wohl durch einen Stein, mir ist als könnt ich Eisen fressen! Der Kaiser kann sich glücklich schätzen, fange ich ihn nicht ein und raube ihn bis auf die Haut aus, und auch der Herzog und manche Grafen. Übers Feld will ich traben, den Tod nicht fürchten, die Welt durchstürmen kreuz und quer. Lass mich aus deiner Obhut ziehen, ich will fortan nach eignem Sinn und Willen leben. Vater, einen Sachsen erzöget Ihr leichter als mich!" Da sprach der Vater: "So will ich dich aus meiner Obhut freigeben. Wohlan, dein eigner Herr sei jetzt! Da meine Zucht nun schweigen soll, gib auf deine Haube acht und auf die seidenen Vögel, dass sie nicht von einer starken Faust samt deinem lockigen blonden Haar zerzaust wird. Ich fürchte nur, dass du bald an einem Stabe gehen wirst, geführt von einem kleinen Knaben. Sohn, lieber Knabe, hör auf mich, lass ab davon! Wovon ich lebe, sollst du leben und was dir die Mutter gibt. Mein lieber Sohn trink‘ Wasser, anstatt mit geraubtem Wein zu kaufen. Iss Klamirrn aus Österreich, die hält man sogar für Herrenspeise, eh du einem Wirt für ein Huhn ein gestohlenes Rind gibst. Iss lieber Mutters guten Brei anstatt eine Gans, die du mit geraubtem Pferd bezahlst. Lebst du nach dieser Sitte, so hättest du Ansehen und Ehre. Den Roggen mische mit Hafer, ehe du gestohlenen Fisch isst. Erwirbst du Gut und Ehren noch so viel, ich will mit dir nichts mehr gemein haben. Trag dann auch den Schaden alleine!"
Der Sohn sprach: " Trink du nur dein Wasser, ich will Wein trinken. Iss du nur deinen Habermus, ich will Backhuhn genießen. Das wird mir nicht mehr verboten. Bis
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zum Tode will ich weißes Semmelbrot essen. Dir angemessen ist Hafer. Ein edler Ritter muss mein Pate gewesen sein, von ihm bin ich so edel und habe ich meinen hochwertigen Sinn."
Der Vater hält ihm entgegen: "Der Mann gefällt mir weit besser, der stets rechtschaffen ist, sei er auch von niedriger Geburt. Selbst ein Königssohn wird nicht geachtet auf der Welt, wenn ihm der Anstand fehlt. Willst du edel sein, so zeig dich edel in deinem Tun. Gute Zucht ist sicherlich eine Krone von aller Edelkeit." Der Sohn antwortet: "Vater, du hast recht. Mich treiben meine Haube und mein Haar und die mir wohlstehende Kleidung fort. Sie passen zum Tanz weit besser als zu Egge und Pflug."
Der Vater: "Weh uns, dass dich die Mutter trug, du willst das Gute lassen und das Böse tun. Wer ist wohl besser von den beiden, der, den die Welt nur schilt und flucht, weil er nur eignen Vorteil sucht, der zu der Leute Schaden lebt und gegen Gottes Huld, oder der, der Freude und Nutzen schafft, den niemals reut die Last der Arbeit Tag und Nacht und andere glücklich macht und Gott durch solche Taten ehrt ? " Der Sohn:" Mein Vater, mir gefällt der Mann, der keinem etwas zu Leide tut, der Freude und Nutzen gibt. Der führt wohl das beste Leben." Der Vater: " Darum geh aufs Feld und nimm den Pflug, dann nützt du der Welt. Den Nutzen haben alle, seien sie arm oder reich. Manche hohe Frau wird verschönt durch der Bauern Arbeit und mancher König wird gekrönt durch der Bauern Schweiß und Fleiß. Keiner käme zu Ruhm und Preis, Rang und Stand, wenn der Bauer nicht immer wieder aufs Neue das Feld bestellt."
Der Sohn: "O Vater, würde doch Gott mich bald von deinen Redereien befreien! Wäre aus dir ein Prediger geworden, du könntest ein ganzes Heer über das Meer locken. Hör zu, was ich dir sagen will: Je mehr die Bauern ackern, umso mehr essen sie. Dem Pfluge will ich entsagen. Ich will nie mehr schwarze Hände tragen durch des Pfluges Schuld. Es wäre eine Schande, würde ich so tanzen an Frauenhand." Der Vater hielt ihm warnend vier Träume vor, die er hatte und die nichts Gutes für den Sohn bedeuteten. Der Sohn verwarf des Vaters Deutungen. Der Sohn: "Verschone mich mit deinen Träumen. Der Sinn der Träume, ob gut oder böse, soll mich nicht abhalten oder meinen Mut dämpfen bis an den Tod. Ich fühle nur, ich muss hinaus! Vater, Gott behüte dich und auch die liebe Mutter. Eure beiden Kinder sollen immer selig sein. Gott hab uns alle in seiner Fürsorge! " Damit setzte er über das Gatter und ritt davon. Man brauchte eine ganze Woche, um zu erzählen, wo er überall war.
Schließlich kam er auf eine Burg geritten, dessen Herr in steten rauen Fehden focht. Da wurde er Gesinde und lernte räuberische Art. Er nahm das Ross, Rind, Wams, Schwert, Mantel und Rock, Geiß und Bock, Schaf und Widder, Röckel, Hemd und Pelz. Im ersten Jahr brachten günstige Winde sein Schiff an jedes gewünschte Ziel. Davon schwollen sein Übermut und sein Gewinn. Jedoch da richtete sein Sinn sich zu den Seinen heim. Ihn überfielen jäh Sehnsucht und Weh. Vom Hofe nahm er darum Urlaub und wünschte dem Gesinde Gottes Güte auf allen Wegen. Als er zu Hause ankam, überschlugen sich alle, als läge ein Kalb im Sterben. Der Knecht verdiente sich ein Botenbrot. Er erhielt ohne Fluch ein Hemd und eine Unterhose. Als ihn begrüßten Freimagd und -knecht, hätten sie gern zu ihm gesagt: "Sei willkommen, Helmbrecht!" Ein Glück, dass sie es verschwiegen haben. Sie sprachen: " Mein Jungherr, Ihr sollt Gott willkommen sein!" Er grüßte: "Liebe söte Kindekin, Got lat juch ümmer glücklich sin!" Die Schwester lief ihm entgegen und umschlang ihn mit beiden Armen.
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Da sprach er zu der Schwester: " Gratia vester!" Die Eltern kamen hinterher und umfingen ihn oftmals. Zum Vater sprach er: "Deu sal!" und zur Mutter bömisch: "Dobra ytra!" Die Eltern sahen sich beide erstaunt an. Die Hausfrau sprach: "Herr Wirt, unsere Sinne sind verwirrt, das ist nicht unser beider Kind. Das ist ein Böhme oder ein Wende." Der Vater sprach: " Ein Welscher ist es sicherlich. Mein Sohn, den ich Gott anbefahl, der kann's nicht sein, er gleicht ihm sehr, doch ist es nur Schein. Seine Schwester Gotelind sprach: "Er ist nicht Euer beider Kind, er antwortete mir in Latein und wird wohl ein Pfaffe sein." "Mitnichten", sprach der Freimann, "aus Sachsenland stammt er oder aus Brabant, ich vernahm 'liebe soete Kindekin' und denke, er ist wohl aus Sachsen."
Der Wirt sprach mit schlichter Rede: "Bist du mein Sohn Helmbrecht, so sprich ein Wort nach unserer Sitte, wie unsere Vordern taten, damit ich es verstehe. Du sprichst immer "Deu sal!" Ich kann nicht erraten, was es bedeutet. Ehre deine Mutter und mich, das haben wir verdient. Sprich ein deutsches Wort und ich werde dir selber deinen Hengst putzen und nicht der Knecht. Dann ist alles verziehen." Der Sohn antwortete: "Ei, wat snackt Ihr, Burekin, un jenes olle dolle Wif? Mein Pferd und meinen sauberen Leib soll kein Bauersmann anfassen." Da erschrak der Wirt sehr und sprach: "Wenn du mein Sohn, mein Helmbrecht bist, so wird dir noch heute ein Huhn gebraten und eines gesotten. Bist du es nicht und steht vor mir ein Böhme oder ein Wende, so hebe dich fort ins Wendenland! Ich habe mit meinen eigenen Kindern, weiß Gott, genug zu schaffen. Ich gebe auch einem Pfaffen nur sein nacktes Recht. Seid Ihr nicht mein Helmbrecht, wascht Ihr die Hand an meinem Tische nicht, selbst wenn ich Fleisch und Fisch genug hätte. Seid Ihr ein Sachse oder Brabanter oder kommt sogar aus dem Welschland, habt Ihr wohl etwas mitgeführt als Mahl. Von Euch wird meine Habe nicht berührt. Ich habe weder Met noch Wein. Jungherr kehrt bei Herren ein!"
Inzwischen brach der Abend an, es dunkelte. Der Knabe ging mit sich zu Rate: Ich will doch sagen, wer ich bin. Es ist kein Wirt nahebei, der mich behalten wird. Ich sehe, es war nicht klug, dass ich mich meiner Sprache entledigte. Das tue ich nie mehr. Er sprach: "Ich bin es." Der Vater sprach: "Nun, sagt mir wer!" Helmbrecht: "Ich heiße ebenso wie Ihr". Der Vater sprach: "Wie? sagt es!" "Ich heiße Helmbrecht und war Euer Sohn und Knecht vor einem Jahr." Der Vater: "So nennt mir alle vier Ochsen, die in meinem Stalle stehen!" Helmbrecht nennt nun alle vier Ochsen bei ihrem Namen: Auer, Rähme, Arge und Sonne. Der Vater rief: "Auf Tür und Tor! Du sollst nicht länger davor stehen. Kammer und Schrein sollen dir offen stehen." Sein Pferd wurde versorgt, Helmbrecht selber wurde mit Kissen und Polstern auf die Ofenbank gelegt und schlief dort ein. Währenddessen machten die Frauen das Essen. Es gab feingeschnittenes Kraut belegt mit gutem Fleisch, teils fett, teils mager und sehr zart. Dann einen feisten, mürben und weichen Käse. Dann eine Gans so groß wie eine Trappe. Zum Schluss ein gesottenes Huhn und ein gebratenes. Das Mahl war eines Herrn würdig.
Der Vater sprach: "Und hätt ich Wein, so könnten wir ihn jetzt trinken. Stattdessen, mein lieber Sohn, trinke vom besten Quell, du kennst ihn schon, der je dem Erdreich entsprang. Unserm Quell kommt keiner gleich, wohl außer dem zu Wanghausen." Während sie gemütlich beisammen sitzen, fragt der Vater, wie die jetzige Lebensweise bei Hofe wäre. Helmbrecht fordert ihn aber auf, erst einmal selber zu erzählen, wie es in seinen jungen Jahre am Hofe zugegangen ist.
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Daraufhin erzählt der Vater: "In jungen Jahren als Knecht meines Vaters, der sich auch Helmbrecht nannte, wurde ich zum Hof gesandt mit Käse und Eiern. Da nahm ich die Ritter wahr in ihrem täglichen Tun. Sie waren stolz und stattlich und vergaßen Sitte und Anstand nie und waren nicht falschen Sinnes, wie heute. Sie übten sich in Spielen, damit sie den Frauen gefielen. Ein Kampfspiel wird Buhurt genannt, sagte mir ein Hofmann. In Scharen sprengten sie hin und her, ein jeder wollte den anderen mit der Lanze vom Rosse stoßen. War das vorbei, so traten sie einen Tanz mit hochwertigem Gesang. Ein Spielmann kam und fing an zu geigen und begleitete den Tanz. Da standen die Frauen auf und die Ritter schritten auf sie zu und fassten ihre Hand. Welch hohe Wonne, welch hoher Glanz von Frauen und von Ritterschaft! Als schließlich der Schwarm sich gelöst hatte, trat einer vor und las von einem, der hieß Ernst (Herzog Ernst). Man schoss mit dem Bogen auf ein Ziel oder zog in den Wald zum Jagen. Die Falschen und die Schlechten waren bei Hofe nicht geachtet. Aber heute gilt als klug und wert, wer schmeicheln, lügen, trügen kann bei Hofe. Sohn, nun ehre mich damit und erzähle von den neuen Sitten".
Helmbrecht erzählt: "So höfisch nichts dem Hofmann klingt wie 'trinkt, Herr, trinkt! Trink das aus, so trink ich das!' Früher saßen die angesehenen Leute bei schönen Frauen, heute sieht man sie nur noch im Weinhaus. Der ist ein Affe und ein Narr, der Liebessehnsucht nur einem Weib darbringt anstatt dem Wein. Betrügen ist Höfischkeit. Geachtet wird, wer Mann und Frau mit glatten und schlauen Reden betört. Auf Acht und Bann zielt man mit Spott". Der Vater sprach: " Das erbarme Gott, wie weit sich heute das Unrecht wagt!"
Helmbrecht: "Die alten Turniere sind zerschlagen, statt ihrer herrscht Niedertracht. Kroyierte man früher 'Heya Ritter, wis et fro!', so kroyiert man heute': Verfolg ihn, Ritter, eile, jag! Stich zu, schlag tot, verstümmle den, schlag dem die Hand ab, dem das Bein, häng diesen auf! Fang mir ein den Reichen, der gibt uns 100 Pfund!' "Diese Sitten, Vater, sind mir bekannt. Ich wollte dir auch nichts verhehlen und könnte noch vieles erzählen, doch ich bin müde vom langen Ritt, Ruhe tut mir Not." Am nächsten Tag packte der junge Helmbrecht seine Geschenke aus. Vernehmt ihr, was es war, ihr lacht. Der Vater bekam einen Wetzstein und eine Sense, scharf und glatt, die wie keine zweite Gras schnitt. Außerdem ein Beil und eine Hacke. Die Mutter bekam einen weichen und warmen Fuchspelz, den der Sohn einem Pfaffen abzog. Der Schwester Gotelind gab er ein seidenes Gebinde samt einer goldbestickten Borte, die er einem Krämer weggenommen hatte. Das hätte sich besser geschickt für eines Edelmanns Kind. Der Knecht bekam Schuhe mit Riemen, die Magd ein Kopftuch und ein rotes Band. Wie nötig das dem Mädchen war! Nach sieben Tagen nahm der Sohn wieder seinen Abschied. Der Vater versucht erneut, ihn zu halten. Der Vater: " Lass das Hofleben sein! Es ist bitter und sauer. Sei lieber Bauer als ein armer Hofmann, der nicht einmal Hubegeld fordern kann und Tag und Nacht um sein Leben reiten muss."
Der Sohn: " Vater, dass du mich reich bewirtest hast, dafür sollst du immer Dank haben. Doch seit ich keinen Wein mehr trank, verging schon mehr als eine Woche, und zum drittenmal loche ich schon meinen Gürtel zurück. Gutes Rindfleisch braucht mein Magen, damit die Schnalle wieder steht. Dafür wird manches Pfluggespann angegangen und manches Rind aufgeräumt. Außerdem hat mir ein reicher Mann schweres Leid zugefügt, denn er ritt über meines Paten Saat. Er muss es mir entgelten. Ich werde ihm seine Rinder, Schweine und Schafe forttreiben. Und es gibt noch einen reichen Mann, der mir Kummer zugefügt hat: Er aß zu seinen Krapfen Brot. Ein dritter
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Reicher schnallte sich den Gürtel auf und ein weiterer blies den Schaum von seinem Biere. Das alles darf ich nicht ungesühnt lassen. Dieser Reichen Höfe werden leer. Räche ich das nicht, so wäre ich niemals Frauen wert." Der Vater sprach: "Nun nenne mir die Gesellen, die Knaben, die dir das gelehrt haben."
Der Sohn: "Meine Schulmeister (mhd. schuolmeister) sind Lämmerschling, Schlickenwidder, Höllensack und Rüttelschrein, Müschenkelch und Kühefraß. Dann noch Wolfesgaum, Wolfesrüssel und Wolfesdarm. Mich selber nennt man Schlingdengäu und ich schäme mich des Namens nicht. Der Leute Hab und Gut ist unser. Kämen zwanzig oder mehr, um mit uns zu streiten, wir hätten keine Mühe, mit ihnen fertig zu werden."
Der Vater: " Mein Sohn, die du mir genannt hast, sind dir besser bekannt als mir, doch denke ich, so tollkühn sie auch immer sein mögen, wenn Gottes Wille erwacht, kann es des Schergen Ankunft machen, dass alle gehen, wohin er will, wären ihrer auch dreimal soviel."
Der Sohn: "Mich reut, was ich bisher getan habe. Ich habe dein und der Mutter Hab und Gut bisher vor dem Zugriff meiner Gesellen geschützt, aber ich werde es in Zukunft nicht mehr tun. Ihr greift mit Worten allzu sehr die Ehre tapfrer Leute an, denn keiner begeht eine Missetat, wenn er raubt und stiehlt: das ist gut. Und hättet Ihr uns nicht geschmäht und uns vollgeschallt, würde ich Eure Tochter Gotelind meinem Gesellen Lämmerschlind zur Frau geben wollen. Sie hätte bei ihm das beste Leben hättet, Ihr nicht solch scharfes Wort gegen uns gesprochen. Wenn sie wünschte, jede Woche frisches gemästetes Rind zu essen, sie hätte es bei ihm." So sprach er zum Vater.
Helmbrecht zu Gotelind als sie allein sind: "Als mich mein Geselle Lämmerschling um deine Hand bat, habe ich ihm erzählt, welch wertvoller Mensch du bist. Du würdest alles für ihn tun, was eine rechte Frau für ihren Mann tut. Lämmerschling hat dir eine reiche Morgengabe versprochen. Drei Säcke voll mit den wertvollsten Dingen, die man sich vorstellen kann. So war's dir, Schwester, zugedacht. Der Vater bringt dich jetzt darum. Dein künftiges Leben wird dir sauer werden, denn nimmt dich ein Bauer zur Ehe, wirst du stets Leid und Weh haben: du findest Arbeit je und je, musst Flachs schwingen, schaben und hecheln und dazu noch Rüben graben. Alles dies hätte dir der getreue Lämmerschling erspart. O weh, Schwester Gotelind ! Es schmerzt mich, sollte an deinem Herzen ein unedler Bauer zur Nacht ruhen, der dir die Liebe sauer macht. Dem Vater wehe! Mein Vater ist er nicht. Meinen hohen Sinn muss ich wohl von meinem Paten und von einem Hofmann (beide sollen selig sein!) haben, der bei meiner Mutter lag, als sie mich die fünfzehnte Woche trug."
Darauf die Schwester Gotelind: "Auch ich bin nicht des Vaters Kind. Auch ich habe wohl meinen hohen Sinn von einem Ritter, der, als mich die Mutter im Schoße trug, im Walde ihre Nähe suchte, als sie spät abends in das Holz ging, um die Kälber zu holen. Lieber Bruder Schlingdengäu, sprich doch noch einmal mit Lämmerschling, dass er mir noch zum Manne werde. Erhalte ich die drei Säcke Morgengabe, bin ich von aller Armut frei. Auch glaube ich für ihn zu haben, woran sich jeder Mann erfreut. Mein Vater hält mich nur zurück. Mein Bruder, Geselle, was ich mit dir rede, das verschweig! Mit dir will ich über schmalen Stieg an der Kienleite nachts entfliehen und bald an seiner Seite liegen. Ich wage es, wenn mich auch Vater, Mutter und Verwandte verurteilen."
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Kein Teil der Eltern vernahm etwas von dieser Rede. Der Bruder kam mit der Schwester überein, dass sie ihm folge. "Zum Weib geb ich dich diesem Mann, so leid es deinem Vater auch tun wird. Du liegst Lämmerschling bei in Ehren" sprach der Sohn Helmrecht. Und weiter: " Willst du's vollbringen, so sende ich dir einen Boten zu. Folge ihm! Wohlauf denn, Schwester, rüste dich! Zur Hochzeit sorge ich dafür, dass die Gäste, dir zur Ehre, mit Kleidern bedacht werden. Auch Lämmerschling bereitet sich vor. Behüte dich Gott! Ich muss jetzt fort. Der Wirt ist mir so gram wie ich ihm bin. Mutter, Gott segne dich!"
Hin fuhr er seinen alten Strich und teilte Lämmerschling den Willen Gotelinds mit. Der freute sich riesig. So manche Witwe war nun um ihr Geld und Gut beraubt, damit der Held Lämmerschling und seine Gemahlin Gotelind auf ihrem Braustuhl sitzen konnten. Als alles fertig war, sandte Helmbrecht seinen Boten, der sie bald brachte. Lämmerschling und Gotelind begrüßten sich herzlich und verliebt. Am Hochzeitstag stand ein ehrwürdiger Greis auf und vermählte beide in erfahrener Art und Weise. Dann sangen alle und Lämmerschling trat Gotelind auf den Fuß. Vor dem Essen ernannte man noch die Amtsleute. Das Essen wurde äußerst gierig verschlungen, als ob es das letzte wäre. Und es war auch das letzte.
Plötzlich sprach die Braut Gotelind: " O weh, lieber Lämmerschling, mir graust es in der Haut! Ich fürchte, dass fremde Leute uns zum Schaden in der Nähe sind." Und sie dachte: Weh, Vater und Mutter, eurem Kind! Dass ich heimlich von euch beiden geschieden bin. Wie gern ich doch zu Hause wäre! Mein Herz ist schwer, ich fürchte mich. Weh mir! Zu schnell folgte ich dem Bruder hierher, Reue drückt mich schwer. Als man nach dem Hochzeitsessen lustig eine Weile gesessen und dem Spielmannsvolk gerade seinen verdienten Lohn gegeben hatte, da sah man plötzlich den Richter und vier Schergen kommen. Gerechtigkeit besiegte hier ohne Mühe die Überzahl, die Zehn kämpften gar nicht. Sie wurden schnell gebunden und ihr Leben lag in Richters Hand. Gotelind verlor ihr Brautgewand. Man fand sie hinter einem Zaun und sie sah kläglich aus. Die beiden Brüste hielt sie mit Händen verdeckt. Die Diebe wurden mit ihren Bürden von Rindshäuten zur Richtstatt geführt, um dort erhängt zu werden. Gotelind war wenig erfreut, als man Lämmerschling zwei Rindshäute um den Hals band. Er hatte aber noch die geringste Bürde, da er der Bräutigam war. Sein Schwager Schlingdengäu musste drei struppige Häute tragen. Diese waren des Richters Gewinn. Keine Fürsprache wurde ihnen gegeben. Manch Richters Sinn ist so gestellt, dass er, gibt ihm ein wilder Wolf Geld, obwohl er den Leuten das Vieh im Stalle gewürgt hat, ihn frei spricht von der Sünde. Durch Lösegeld wird der Dieb rein. Das dürfte es nie und nimmer geben! Neun Räuber ließ der Scherge erhängen. Den zehnten ließ er frei. Das war sein Recht. Dieser zehnte war Helmbrecht Schlingdengäu. Jedoch der Scherge rächte den Vater, indem er ihm die Augen ausstach. Die Mutter rächte er durch das Abschlagen von einer Hand und einem Fuß.
Helmbrecht, der blinde Dieb, nahm Abschied von Gotelind auf einer Wegscheide von Reue und Schmerz geplagt. Den lahmen, blinden Dieb Helmbrecht brachte ein Knecht an einem Stab nach Hause. Doch der Vater behielt ihn nicht. Er treibt ihn hinaus und lässt den Sohn ohne Gnade büßen. Er begrüßte ihn höhnisch: " Deu sal, Herr Blinder! Als ich Gesinde war zu Hofe, lang ist's her, da lernte ich diesen Gruß. Geht nur wieder, Herr Blindekin! Ich weiß wohl, dass an Euch mag sein, was ein Jungherr begehrt, im Welschland wird das eher gewürdigt. Den Gruß sollt Ihr heute
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von mir bekommen, so grüße ich blinde Knaben. Was sollen hier noch viele Worte ? Hebt Euch schleunigst vor die Tür!
Der Sohn: "Nicht, Herr, lasst mich bleiben! Herr, ich bin doch Helmbrecht, Euer Kind!" kam es mit Leid und tiefer Scham über seine Lippen. Der Vater: "Nicht, dass Ihr heute als Blinder herumtappt, erregt meinen Zorn, sondern, dass ich für den Hengst meine Rinder, mein Lodenzeug und mein Korn gab. Und fielet Ihr vor Hunger matt hin, nicht einen Krümel gebe ich Euch. Und wagt nicht die Wiederkehr! " Und weiter sprach der Wirt hohnlachend, obwohl ihm fast das Herz brach, denn er war ja sein leibliches Kind: "Im Sturm habt Ihr die Welt durchquert und Euer Pferd ging niemals im Schritt. Durch Euch wurde so mancher Bauer um Hab und Gut gebracht. Drum packt Euch endlich, ungetreuer Reusse, und meidet meine Tür! Ich achte nicht auf Eure Not." Die Mutter gab ihm, als ihrem Kinde, doch noch ein Stück Brot in die Hand.
Dann ging der blinde Dieb. Wo er auch hinkam, kein Bauer versagte es sich zu schreien:"Ha, ha, Dieb Helmbrecht! Hättest du geackert wie ich, führte man dich nicht als Blinden."
Ein Jahr lang litt er solche Not, dann fand er den Tod durch Hängen. Ein Bauer, der Holz sammelte, sah ihn im Walde des Morgens früh. Ihm hatte Helmbrecht einst eine seiner besten Kühe weggenommen. Er bat weitere Bauern, die auch im Walde waren, ihm beim Hängen zu helfen. Diese hatten unter ähnlichen Untaten Helmbrechts gelitten. Als sie mit Schlägen ihre Wut an ihm kühlten, riefen sie: "Heran an ihn! Heran! Helmbrecht, hüte deine Haube!" Die Haube, die zuvor vom Schergen nicht berührt worden war, wurde nun von den Bauern in tausend Stücke zerfetzt. Sittiche und Sperber, Tauben und Lerchen, einst der Schmuck der Haube, lagen nun zerrissen auf dem Wege, daneben seine lockigen Haare, die man ihm ausgerissen hatte. Nie sah man einen Kopf so kahl.
Die Bauern ließen ihn seine Beichte sprechen und als Abendmahl erhielt er ein Bröckchen Erde als Mittel gegen das Höllenfeuer. Darauf hängten sie ihn an einen Baum.
Lit.: Friese, Karl: Wernher der Gärtner. Meier Helmbrecht. Verlag Wunderlich Leipzig 1952. Protze, Helmut: Wernher der Gartenaere. Meier Helmbrecht. Reclam jun. Leipzig 1972. Oberbreyer, Max: Meier Helmbrecht von Wernher dem Gärtner. Die älteste deutsche Dorfgeschichte. Aus dem Mittelhochdeutschen mit Einleitung und Erläuterung. Leipzig Reclam 1879.
1.2 Die Handschriften und neue Erkenntnisse zu ihrer Historie und der Herkunft des Dichters
Urschriften und Abschriften sind Handschriften als „sprechende” Zeugen der Vergangenheit und verdanken ihr Dasein der Erfindung der Schriftlichkeit. Es sind Bücher aus Pergamentblättern, die zu einem Kodex zusammengeheftet wurden. Über die Urschrift des Helmbrecht ist bisher nichts bekannt, man kann nur Vermutungen anstellen. Als Abschriften sind zwei mhd. Handschriften überliefert, für welche die Bezeichnungen A und B üblich geworden sind.
Handschrift A entstand zwischen 1504 und 1516, also etwa 250 Jahre nach der Urschrift, und ist die Pergament-Handschrift in dem berühmten Ambraser Heldenbuch
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der Wiener Nationalbibliothek, das Hans Ried, Zollschreiber am Eisack zu Bozen, für Kaiser Maximilian geschrieben hat. Es enthält auf 486 handgeschriebenen Pergamentseiten berühmte Erzählungen der hochmittelalterlichen Heldendichtung, wie das Nibelungenlied, den Iwein und Erec, die Rabenschlacht, Kudrun, den Titurel und andere, wobei die Veranlassung dazu von keinem Geringeren als Kaiser Maximilian I. von Habsburg (geb. 1459 in Wiener Neustadt, gest. 1519 in Wels, Oberösterreich) kam. Dieser war zu dieser Zeit römisch-deutscher König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Er hatte großes Interesse an Wissenschaft, Literatur und Kunst und pflegte ihre Förderung im Reich und gab sogar selbst poetische Werke heraus, die von ihm entworfen waren. Von ihm wird berichtet, dass er, wenn er in ein Kloster kam, stets nach vorhandenen Bücherschätzen fragte, selbst inmitten der drängenden Sorgen eines Feldzuges. Im Ambraser Heldenbuch befindet sich also der Helmbrecht und hat die Überschrift: "Das puech ist von dem Mayer Helmprechte". Die Bezeichnung "Meier", als Titel des Vaters, wird von Wernher eingeführt (V. 21) und der Vater nennt sich selbst Sohn eines Meiers. 323 Jahre später, im Jahre 1839, veröffentlicht Joseph Bergmann, der Custos der k+k-Ambraser Sammlung in Wien den "wiedergefundenen" Helmbrecht in den Jahrbüchern der Literatur.
Die Handschrift B, oder Leombacher Handschrift, entstand etwa um 1410, also etwa 150 Jahre nach der Urschrift und etwa 100 Jahre vor der Handschrift A, und ist in dem Berliner Kodex germ. (Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz) enthalten. Sie stammt aus dem österreichischen Traungau. Der Schreiber der Handschrift ist unbekannt. Sie enthält außerdem noch Albrechts Jüngeren Titurel. Die Abschrift hat die Überschrift "hie hebt sich ain maer von dem helmprecht, der was ain nar und auch ain gauglaer, amen". Der Auftraggeber für die Handschrift B des Helmbrecht war ein gewisser Leonhard Meurl von Leubenbach (heute Leombach). Dieser Ort liegt in der Nähe der Stadt Wels in Ober-Österreich.
Diese Gegebenheit lässt vermuten, dass die Urschrift des Helmbrecht in dieser Gegend oder direkt in Wels in einer Bücherei stand und evtl. auch dort entstanden ist, denn es ist natürlich zunächst logisch, dass man den Aufbewahrungsort einer Urschrift da vermutet, wo der Auftraggeber zum Abschreiben lebte, denn wie sollte er sonst von ihrer Existenz, ihrem Wert und ihrem Standort wissen. Leonhard Meurl musste also die Urschrift des Helmbrecht gekannt, sich für sie interessiert und gewusst haben, wo sie steht.
Für diese Annahme sprechen die Familienverhältnisse des Leonhard Meurl. Der Vater des Leonhard Meurl, Hans Meurl, war um 1361 Landrichter ob der Enns und ist von 1360 bis 1400 als Besitzer der Feste Leubenbach bezeugt, die in unmittelbarer Nähe von Wels liegt. Danach war sein Sohn, der Aufraggeber für die Abschrift, bis 1460 Inhaber der Burg (siehe U. Seelbach: Späthöfische Literatur .... S.46 u. 59/60). Als Landrichter residierte der Vater sicher auf der Burg Wels, denn sie war damals Landrichtersitz. Damit ist eine enge Beziehung zwischen der Familie Meurl und dem möglichen Standort der Urschrift des Helmbrecht gegeben. Es war sicherlich die Bibliothek der Burg Wels.
Ein weiterer Punkt, der für die Stadt Wels als Standort der Urschrift gelten kann, ist die Tatsache, dass Kaiser Maximilian I. sich häufig und gern in Wels aufhielt, wo er auch 1519 starb. Es ist möglich, dass er die Urschrift des Helmbrecht bei einem seiner häufigen Aufenthalte auf der Burg in Wels an sich genommen und nach Innsbruck mitgenommen hat, denn wie sollte sie sonst dahin gekommen sein. Der
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Kaiser war ein eifriger Büchersammler. Im Text der Homepage der Stadt Wels (www.wels.at) heißt es dazu: „ ... jedoch gab es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts (des 16. Jh.) auch ein trauriges Ereignis. Am 12. Jänner 1519 zwischen 3 und 4 Uhr morgens starb Kaiser Maximilian I. in der Burg zu Wels. Er wurde auch der letzte Ritter genannt, denn er lebte an der Schwelle zwischen ausgehendem Mittelalter und der Renaissancezeit. Der Kaiser hielt sich oft in Wels auf und die Stadt verdankt ihm so manches Privileg”.
Damit lässt sich auch erklären, wieso der Helmbrecht in eine so exklusive Handschrift wie das Ambraser Heldenbuch und in die Gesellschaft des Nibelungenliedes aufgenommen wurde. Die Entscheidung des Kaisers spricht natürlich für den Wert des Werkes. Diese Theorie halte ich für sehr wahrscheinlich. Die Urschrift wurde wahrscheinlich, da sie etwa 250 Jahre auf dem Buckel hatte, vernichtet, denn man restaurierte damals kein Buch. Ich glaube auf diese Weise die Frage, auf welchem Wege die Urschrift des Helmbrecht in den Besitz von Kaiser Maximilian I. gekommen ist und seinen Platz im Ambraser Heldenbuch gefunden hat, beantwortet zu haben. Sie konnte bisher, trotz großer Bemühungen, nicht beantwortet werden, genauso wenig die Frage, ob er durch Zufall oder auf systematischem Wege dorthin gelangte. Wie man sieht, waren es sowohl Zufall als auch Systematik.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der die Stadt Wels als Standort des Ur-„Helmbrecht“ annehmen lässt, ist die Möglichkeit, dass sein Verfasser, Wernher der Gartenaere, ein Bürger von Wels war, der sein einziges Buchexemplar nach seinem Tode in den Besitz der Burg gegeben hat und es während seiner Lebenszeit als Lehrbuch in Schulen benutzte, indem er es als Lehrmaterial in seinem Rucksack auf Wanderschaft mitnahm. Für diese Annahme spricht ein wichtiges Indiz, das ich im Stadtbuch von Wels gefunden habe. Dort wird für das Jahr 1189 und für den Ort ein Stadtrichter namens Wernhardus genannt (siehe A. Hoffmann [Hrsg.]: Österreichisches Städtebuch -Oberösterreich - Bd. 1, S. 331. Wien 1968). Dort heißt es: „Nennung eines Stadtrichters erstm. 1189 (Wernhardus). Bis 1547 standen an der Spitze der Stadtverwaltung 1 Stadtrichter und 8 Räte”. Unser Dichter könnte also der Sohn oder eher ein Enkel dieses Wernhardus gewesen sein. Dann wäre er in einem juristisch geprägten Milieu groß geworden, wofür auch die Eigenart des Helmbrecht spricht, denn er wirkt wie eine juristische Abhandlung. Dass sich Wernher offenbar gut in der Gerichtsszene auskennt, lässt sich dem V. 1673 f. entnehmen: „ich weiz den rihter sô gemuot: ein wilder wolf, gaebe im der guot, und bizze er allen liuten vihe, von der wârheit ich des gihe, er lieze in umbe guot genesen, swie des doch niht solde wesen.”, d.h. es wird der Justiz vorgeworfen, dass sich Räuber freikaufen können. Außerdem wird ein Richter mit seinen Schergen vorgeführt, die mit der Räuberbande des Helmbrecht Schluss machen und an Ort und Stelle ein Strafgericht vollziehen. Ich halte also die Stadt Wels für den ursprünglichen Standort und vielleicht auch Entstehungsort der Urschrift des Helmbrecht und ihre Burgbibliothek für den etwa 250 Jahre währenden Mini-Standort, d.h. er lagerte zunächst da, wo er entstanden ist. In der Handschrift B wird zudem auch der Ort Wels erwähnt, indem statt Hohenstein und Haldenberg die Orte Wels und Traunberg genannt werden. Wels liegt in Oberösterreich an der Traun, südwestlich von Linz, etwa 100 km vom Innviertel entfernt. Es war damals eine reiche ma. Stadt, wurde vom Herzog von Österreich gefördert und erlangte 1222 das Stadtrecht. Wahrscheinlich gab es einen Schreiber auf der Burg zu Wels, der die Abschrift vorgenommen hat, oder der Stadtschreiber von
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Wels. Die Burg Wels besteht laut geschichtlichen Aufzeichnungen ca. seit dem Jahre 1000. Zu ihren Besitzern zählten die Bayernherzöge, die Babenberger und die Habsburger.
Die neuere Geschichte des Helmbrecht beginnt in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als er von A. Primisser aus der Vergessenheit gezogen und 1839 von J. Bergmann durch den Abdruck der Handschrift A neu bekannt gemacht wurde. Seitdem ist es mehrfach textkritisch herausgegeben worden und hat zahlreiche Übersetzungen ins Neuhochdeutsche und in fremde Sprachen erfahren (Englisch seit 1894, Niederländisch 1933, Französisch 1938). Die vielgestaltigen Publikationen bezüglich des Helmbrecht und seine Verwendung in der Schule als Lehrstoff und an der Universität als Forschungsgegenstand zeigen, dass er sich auch heute noch großen akademischen Interesses erfreut.
Lit.: Seelbach, U.: Späthöfische Literatur und ihre Rezeption im Mittelalter. E. Schmidt Verlag Berlin 1987. Homepage der Stadt Wels (www.wels.at). Lechner, K.: Die Babenberger. Böhlau Verlag Wien - Köln - Weimar 1992. Wiesfleder, H.: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, 4 Bd., München 1971-1981.
1.3 Wernher der Gartenaere und neue Erkenntnisse zu seinem Beruf
Über die Person Wernhers des Gartenaere wurde und wird viel spekuliert. Bis zu der von mir im vorhergehenden Kapitel entwickelten und begründeten Annahme, dass Wernher der Gartenaere ein Bürger der Stadt Wels gewesen sein könnte, kam man auch nur zu vermuteten Forschungsergebnissen. Wie bei den meisten ma. Dichtern gibt es auch bei Wernher fast keine überlieferten Anhaltspunkte für sein Leben. Kirchenbücher oder Standesämter, wo die Personen registriert wurden, gab es damals noch nicht. Man musste schon von hohem Adel sein, damit man in irgendeiner Urkunde erwähnt wurde bzw. als Zeuge auftreten konnte. Außerdem war es damals Sitte, dass der Verfasser hinter seinem Werk zurücktrat, teils aus Bescheidenheit oder aus Rücksichtnahme auf seinen Auftraggeber. Es sollte nur die Leistung, die er mit seinem Werk vorlegte, zählen. So fehlen direkte Daten über Wernher bezüglich seiner sozialen und landschaftlichen Herkunft. Man weiß nicht, ob er verheiratet war und Familie hatte und welchen Beruf er ausübte. Eine urkundliche Erwähnung findet er nicht, weder als Beteiligter an einem Verfahren noch als Zeuge. Die einzige Nachricht kommt von ihm selber, indem er sich am Ende seiner Verserzählung als dessen Dichter ausgibt (V.1931 f.): "Swer iu ditze maere lese,/ bitet daz im got genaedec wese/ und dem tihtaere, Wernher dem Gartenaere” [Wer euch diese Geschichte liest, bitte, dass ihm Gott gnädig sei und dem Dichter Wernher dem Gartenaere], aber das ist eine Bitte um Gnade im Himmel für seine Person. Eine weitere Dichtung von Wernher liegt nicht vor.
Wernher wurde wohl im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts geboren, denn sein Werk entstand zwischen 1250 und 1280. Seiner Sprache nach ist er Baier oder Österreicher, denn Wortschatz, Lautung und Reimverwendung deuten darauf hin. Eine Gleichsetzung mit dem Spruchdichter Bruder Wernher ist nicht angebracht. Ihn als einen fahrenden Dichter zu betrachten, wie es oft der Fall ist, der von Herrschaftssitz zu Herrschaftssitz zieht, um seine Lieder vorzutragen, kann auch nicht genügend begründet werden, denn was will man denn mit einem Lehrstück für Jugendliche, wie
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es der Helmbrecht eines ist, an Herrschaftssitzen, allzumal es noch, wenn auch versteckt, eine Adelskritik enthält?
Wernher besaß eine für die damalige Zeit umfassende Bildung, denn er kennt die Sage von Troja (Liet von Troie des Herbort von Fritzlar, Trojanerkrieg des Konrad von Würzburg) und von Dietrich von Bern, die Geschichten um Kaiser Karl dem Großen (aus der Kaiserchronik und Karl der Große vom Stricker) und König Artus, den Herzog Ernst, das Rolandslied vom Pfaffen Konrad, die Eneit des Heinrich von Veldeke und vor allem die Gedichte Neidharts, dessen Haubenmotiv für ihn der Ausgangspunkt seiner Verserzählung war. Außerdem konnte er dichten, was durch sein Werk belegt ist und für die künstlerische Beherrschung von Schrift und Sprache steht. Seine Bildung war, wie man sieht, weltlicher Natur. Aus seinem Bildungstand und der Erwähnung des Ortes Wanghausen im Helmbrecht (V. 896 f.): "ich weiz niht brunnen sîn genoz, wan ze Wanchûsen der: den treit et uns nû niemen her." [Ich kenne keinen besseren Brunnen als den unsrigen, es sei denn der von Wanghausen. Den trägt uns jetzt keiner her] glaubte man bisher ableiten zu können, dass Wernher ein Mönch im Kloster Ranshofen gewesen sein könnte, denn Ranshofen liegt unweit von Wanghausen in der Nähe der Stadt Braunau am Inn. Damit wäre sein Lebensbereich das Innviertel an der unteren Salzach im heutigen Oberösterreich gewesen, damals noch bairisch, aber heute zu Österreich gehörend. In Ranshofen bei Braunau wurde 1125 ein Augustiner-Chorherrenkloster gestiftet (1811 aufgehoben). Wanghausen gibt es noch heute. Es liegt rechts der Salzach und südlich von Burghausen. Diese Theorie ist z.Z. die vorherrschende wissenschaftliche Meinung.
An diese Theorie glaube ich aber nicht. Die Erwähnung des Ortes Wanghausen, die sogar in der Handschrift B abgewandelt wird, lässt noch keinen Schluss auf den Lebensbereich des Dichters zu, d.h. es ist ein schwaches Argument. Für die Suche nach der Herkunft bzw. dem Lebensbereich des Dichters müssen stärkere Argumente gefunden werden. Diese liegen meiner Meinung nach, wie im Kapitel 1.2 bereits beschrieben, im vermutlichen Standort der Urschrift und Angaben in der Stadt-Chronik von Wels. Danach ist es durchaus möglich, dass Wernher der Gartenaere ein Bürger der Stadt Wels war.
Auch der Beginn des Helmbrecht, wo Wernher eine dem Kloster entlaufene Nonne auftreten lässt, spricht dagegen, dass Wernher ein Geistlicher war, denn als Geistlicher würde er niemals in dieser Form die Kirche bloßstellen und wäre außerdem durch sein Gelübde in der Öffentlichkeit zum Schweigen verpflichtet. Er bringt zwar im Helmbrecht Religiosität zum Ausdruck, aber nicht im Sinne von Priesterschaft. Offenbar war er also Laie. Die Erwähnung der Quelle von Wanghausen durch den Vater lässt den Schluss zu, dass die Helmbrechts in dieser Gegend gewohnt haben und der Dichter die Gegend kannte. In der Handschrift B wird statt Wanghausen der Ort Leubenbach genannt, dem ebenfalls eine gute Wasserquelle zugeschrieben wird, und der bei Wels liegt, etwa 100 km entfernt von Wanghausen. Diese Aussage ist schon treffender und führt auf den richtigen Weg, nämlich zum Wohnsitz des Auftraggebers der Handschrift.
Weitere Ortsangaben in der Handschrift A sind die von Hohenstein und Haldenberg. Dort sagt der Dichter in V. 188 f.: „ez hêt selten solhen vlîz/ an sînen warkus geleit/ dehein gebûre der in treit / noch sô kostelîchiu werc/ zwischen Hôhensteine und Haldenberc” [Es hat selten ein Bauer, der ihn trägt, solchen Fleiß an seinen Warkus und köstliches Werk gelegt zwischen Hohenstein und Haldenberg]. Mit dieser
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Bemerkung verhöhnt Wernher natürlich den jungen Helmbrecht wegen dessen übertriebenen Kleiderputzes. Es lässt sich vermuten, dass er mit Hohenstein eine Burg meint, die in der Nähe von Linz lag (1180), und mit Haldenberg eine Burg, die in Bayern in der Nähe von Landsberg am Lech (1238 - 1266, Konrad von Haldensberg) existierte. Wanghausen und seine Umgebung lägen dann zwischen diesen beiden Orten, die natürlich sehr weit auseinanderliegen und deren Anführung als Wirkungsbereich eines Kleidungsstücks (Warkus) eine Übertreibung des Dichters darstellen. Diese Übertreibung hat wahrscheinlich auch den Schreiber der Handschrift B veranlasst, mit den Orten Wels und Traunberg realistischere anzugeben, die damit ernster zu nehmen sind als die Angaben in der Handschrift A. Der Burgherr von Wels zu Wernhers Zeit war Albero von Polheim. Er war seit 1237 Landrichter (iudex provincialis) des Landes ob der Enns und verrichtete dort auch eine schutzherrliche Funktion (K. Lechner, S. 284). Die Familie derer von Polheim stand in enger Verbindung mit dem Herzog in Wien. Man kann sicher sein, dass es auch damals schon eine Burgbibliothek gab, denn dieses Amt verlangte auch Literatur. Es ist durchaus möglich, dass Wernher Zugang zur Burgbibliothek in Wels hatte und dort auch seine Kenntnisse in Literatur erwarb. Die Burg Wels war damals Sitz des Landrichters und daher Zentrum der Rechtspflege des Landes ob der Enns. Sicherlich hat es auch eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Stadtrichter Wernhardus und dem Landrichter gegeben.
Licht auf die berufliche Seite Wernhers des Gartenaere kann der Charakter seiner Dichtung werfen. Der Helmbrecht ist eine ausgesprochen pädagogisch-lehrhafte Dichtung. Ihre Aussagen beziehen sich im Wesentlichen auf rechtliche und moralische Grundsätze und ihre Zielgruppe sind in erster Linie Kinder und Jugendliche, wie es Wernher in ihr selbst zum Ausdruck bringt. Dass erwachsene Adlige das Publikum darstellten, ist kaum vorstellbar, denn für sie war das Werk gar nicht gedacht. So kann man annehmen, dass Wernher Lehrer war und sein Werk für den Schulunterricht geschrieben hat. Es gehörte offenbar damals schon zur Schulliteratur, so wie auch heute noch. Es wurde vorgelesen und das „Publikum” waren die Schüler. Seine Art lässt also die Vermutung zu, dass der Verfasser in schulischer Umgebung wirkte und in einer juristisch geprägten familiären Umwelt groß geworden ist. Er kam also aus guten, bürgerlichen Verhältnissen. Seine eigenen Kenntnisse wird er sicher in einer Klosterschule oder der Stadtschule erworben haben, vielleicht war ihm auch eine Bibliothek zugängig, und hat danach den Beruf eines Lehrers ausgeübt, d.h. er war Wanderlehrer und/oder Schulmeister. Das mhd. Wort "schuolmeister" findet man im Helmbrecht in V. 1190, wo Wernher den jungen Helmbrecht sagen lässt: "daz sind die schuolmeister mîn ", womit er seine Kumpanen meinte. Das Wort „Schulmeister“ war Wernher also geläufig. Es wird auch schon von Neidhart in seinem WL 36, Va verwendet. Als mögliche Wirkungsorte Wernhers neben Wels kann man Mattighofen oder Burghausen annehmen, wo er vielleicht als Schulmeister gearbeitet hat und von daher Wanghausen und die nähere Umgebung kannte. Burghausen war damals die Nebenresidenz des Herzogs von Baiern und zeitweiliger Sitz der Herzogin, Mattighofen Sitz der Verwaltung des Bamberger Bischofs. Beide Orte hatten die Stadtrechte und sicher auch Schulen. Meine obige Annahme ist sicher berechtigt, da sich zu dieser Zeit das städtische Bildungswesen in einer starken Entwicklung befand und der Bedarf an Lehrern entsprechend groß war. Bereits im 12. Jh. setzte der Kampf der Räte der Städte um die Schulbildung ein, die den Bedürfnissen des Stadtbürgertums entsprach. Man erkennt
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es an einem deutlichen Schub in der Entwicklung der Laienschriftlichkeit zu Anfang S. 26/27: „Die Zahl der Schulen wuchs in des 13. Jh. Dazu sagt W. Spiewok
solchem Maße, dass spätestens seit der Mitte des 13. Jh. auch in den kleinsten Städten Schulen für den Elementarunterricht der Laien bereitstanden” und „Gegen den Widerstand des Klerus, der am Gewohnheitsrecht des Schulpatronats festhalten wollte (also das Recht zur Beaufsichtigung der Schulen, zur Einsetzung der Lehrer und zum Einziehen des Schulgeldes für sich beanspruchte), wurden seit Mitte des 13. Jh. in den Städten ratsabhängige Stadtschulen (vom Range der Lateinschulen) und auch deutsche Schreib- und Leseschulen eingerichtet, die den Kindern der städtischen Oberschicht und Mittelschichten das für den Beruf notwendige Maß an Bildung vermittelten.” Es gab Pfarrschulen, Lateinschulen und Elementarschulen. Die Lehrer wurden aber schlecht bezahlt. Dazu sagt H. Engelbrecht S. 173: „Daher verwundert es nicht, dass die Lehrer zu einem ruhelosen, wandernden Völklein wurden, immer in der Hoffnung, durch Änderung ihrer Stellung eine Besserung der Bezüge zu erzielen”. Außerdem erhielten sie nur kurzfristige Verträge, meist nur für ein Jahr, und der von auswärts kommende, also wandernde Lehrer, wurde bei der Einstellung bevorzugt. Unter diesem Aspekt kann man Wernhers Äußerung betrachten, dass er viel herumgekommen ist, also eine Art von Wanderleben geführt hat. Dazu heißt es im Helmbrecht V. 848 f.: „swie vil ich var enwadele sô bin ich an deheiner stete dâ man mir tuo, als man im tete” [Soviel ich hin- und herreise, an keiner Stelle bin ich so gut versorgt worden wie er (der junge Helmbrecht)].
In der Stadt Wels gab es schon vor 1273 Schulmeister (H. Engelbrecht S. 171). Für die These, dass Wernher ein Bürgerlicher war, spricht auch der Vers 1919 f. im
Helmbrecht: „ûf den strâsen und ûf den wegen was die wagenvart gelegen: die varent alle nû mit fride, sît Helmbreht ist an der wide.” [Auf den Straßen und den Wegen war die Wagenfahrt gestört: die fahren alle nun in Frieden, seit Helmbrecht an der Weide hängt], denn die Sicherheit des Handels war ein vordringliches Bedürfnis der Städter. Aus zahlreichen Stadtrechten ist das Streben nach einer Stabilisierung der Rechtspflege und einer stadtspezifischen Anwendung der Rechtsgrundsätze ersichtlich. Daher kann man auch annehmen, dass Wernher den Helmbrecht vielleicht im Auftrage der Stadt oder auf deren Anregung geschrieben hat. Das Werk wäre dann als ein Lehrstück zur Pflege des Rechts aufzufassen.
Seine Kenntnisse der Werke Neidharts könnte Wernher in seiner unmittelbaren Umgebung erworben haben. Wie sollten diese nun von Wien nach Wels gelangt sein? Es gibt eine Antwort, die auch für die Annahme, dass Wernher ein Bürger von Wels war, spricht. In der unmittelbaren Nähe von Wels gab es die Burg Zierberg (Christian Rohr S. 12), heute Ziehberg bei Ansfelden. Ihr Besitzer war Meinhart Troestel von Zierberg (urkundlich belegt in den Jahren 1239 und 1241-1264), Ehemann der Kunigunde von Zierberg, die er geheiratet hatte. Meinhart Troestel war der Landschreiber (Kämmererfunktion) ob der Enns und gehörte zum engeren Gefolge (Ratgeber und Vertrauter) des Herzogs von Österreich, Friedrich der Streitbare. Als solcher kannte er Neidhart und trat sogar als dessen Konkurrent auf. Neidhart erwähnt ihn in seinem Winterlied 29 IV: "wê, wer singet uns den sumer niuwiu minneliet? daz tuot mîn her Troestelîn und mîn hoveherre; der gehelfe solte ich sîn: nu ist der wille verre." [weh, wer singt uns nun des Sommers neues Minnelied? Das tun mein Herr Troestelin und mein Hofherr; deren Gehilfe sollte ich sein, doch ist mein Wille ferne”]. Neidhart erteilt ihnen hiermit eine klare Absage, er lässt sich nicht zum bloßen Gehilfen degradieren. Nun liegt natürlich der Gedanke nahe, dass dieser Herr Troestel
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Abschriften der Werke Neidharts mit nach Hause genommen hat und sie damit bis nach Wels gelangt sind, denn als Landschreiber hatte Troestel sicher auch mit dem Landrichter und dem Stadtgericht in Wels zu tun, wo die Familie Wernhardus stadtrichterlich wirkte. Vielleicht bestanden sogar gesellschaftliche Beziehungen zwischen den Familien. Der junge Wernher kann also durchaus auf diesem Wege an die Werke von Neidhart herangekommen sein. Möglich ist auch, dass er als junger Mensch den Herrn Troestel sogar persönlich gekannt hat. Dieser übernahm nach dem Tode Friedrichs II. von Österreich (1246) für eine längere Zeit die Stadtherrschaft in dem nahegelegenen Linz. Die Ruine der Burg Zierberg gibt es noch heute. Dass sich Wernher als „Gartenaere” bezeichnet, kann eine Sympathieerklärung für den Vater Helmbrecht sein, d.h. er will damit andeuten, dass er selbst in Form der Gartenarbeit landwirtschaftlich tätig war und körperliche Anstrengung und das Schmutzigmachen der Hände nicht scheute. Vielleicht hat er im Burggarten von Wels Spaziergänge gemacht oder sogar gearbeitet.
Wenn Wernher der Gartenaere mit einer Person seiner Zeit bezüglich des Berufsstandes und der Tätigkeit überhaupt vergleichbar ist, dann am ehesten mit dem fränkischen Dichter und Lehrer Hugo von Trimberg (etwa 1235 - 1313). Dieser besuchte wahrscheinlich eine Schule in Würzburg, wo er die Sieben freien Künste studierte. Um 1260 wird er urkundlich als Magister an der Stiftsschule St. Gangolf in Bamberg erwähnt, der er als Rektor bis 1300 vorstand. Neben seiner Lehrtätigkeit war er der Verfasser einer umfangreichen schulischen Literatur. So stellte er für seine Bamberger Schüler die Titel von fast 100 Werken von Schulautoren mit Hinweisen auf die Autoren zusammen, wobei er die Beschreibung in rhythmischen Versen dichtete. In einem Lesebuch für den Schulunterricht zählte er in Form eines Kalendergedichts in metrischer Versform die Kalenderheiligen nach ihren Festtagen auf. Den Geistlichen seiner Zeit schrieb er eine Sammlung kleiner Geschichten als Exempla für ihre Predigt in der Kirche. Als sein bedeutendstes Werk gilt der Renner, ein Lehrgedicht in 24600 Versen.
Lit.: Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 42, S.77. Dunker & Humblot Leipzig 1897. Engelbrecht, H: Geschichte des österreichischen Bildungswesens Bd. 1, Wien 1982. Hoffmann, A. (Hrsg.): Österreichisches Städtebuch - Oberösterreich - Bd.1, Wien 1968. Spiewok, W.: Geschichte der deutschen Literatur des Spätmittelalters, Bd. 1. Reineke-Verlag Greifswald 1997. Lechner, K.: Die Babenberger, Markgrafen und Herzöge von Österreich 976-1246. Böhlau Verlag Wien/Köln/Weimar 1992. Wiesbaden 1980. Nolte, T. und Schneider, T. (Hrsg.): Wernher der Gärtner: Helmbrecht. Beiträge des Helmbrecht-Symposions in Burghausen 2001. Hirzel Verlag, Stuttgart 2001. Darin: Seelbach, U.: Hildemar und Helmbrecht. Vortrag Burghausen 01.04.2001. Rohr, C.: Geschichte des Bundeslandes Oberösterreich in Schlaglichtern. PADL Linz 2002.
1.4 Die Bedeutung des Original-Helmbrecht
Die Bedeutung des Helmbrecht liegt in seiner literaturhistorischen Stellung, seiner künstlerischen Form, seinem Inhalt und seinem Zweck, d.h. seiner Aufgabe im Rahmen des gesellschaftlichen Lebens seiner Zeit.
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1.4.1 Literaturhistorische Bedeutung
Der Helmbrecht entstand in der Mitte des 13. Jh. etwa zwischen 1250 bis 1280. Er ist in mittelhochdeutscher Sprache geschrieben, wie sie im bayrisch-österreichischen Raum üblich war. Seine Stellung in der mhd. Literatur sprengt und erweitert deren Rahmen, denn literaturgeschichtlich betrachtet war er ein Novum, das dazu Anlass gibt, bei ihm von frühbürgerlicher Literatur zu sprechen. Das Kriterium dieser Zuordnung ist zweifellos die Art der Geisteshaltung des Dichters, der den Protagonisten entsprechend auswählt und in seinem Sinne denken und handeln lässt. Zum ersten Mal wählt ein Dichter einen Bauern, den Angehörigen einen damals wenig geachteten Gesellschaftsstandes, als Protagonisten, was völlig im Gegensatz zur damals herrschenden höfischen Kunst stand. Der Meier Helmbrecht, ein Bauer und der Vater des jungen Helmbrecht, wird zum Träger neuer sittlicher Ideen. Es geht in der Handlung nicht um Ritterethos, sondern um das Ethos der Arbeit, eine neue Vorstellung vom Edelsein und um die Bewahrung der herrschenden Ständeordnung bzw. um die Schwierigkeiten, die man bekommt, wenn man sie ignoriert. Das sind für die damalige Zeit völlig neue Töne in der Literatur und daher stellt der Helmbrecht eine Art Revolution dar durch die sich eine neue Zeit ankündigt. Er steht an der Schwelle unseres modernen Denkens über Arbeit, Vornehmheit in Form von Adel und Edelsein und gesellschaftliche Stände. Er vermittelt gleichzeitig zwischen den Zeilen eine Vorstellung vom aufkommenden Streben des einfachen Menschen nach Selbstverwirklichung. Die in ihm vertretende Anschauung über die einfache Arbeit und das Edelsein ist noch heute gültig. Diese Faktoren sind es, die das Werk so lehrreich machen und zeitlos gültig sein lassen. Es ist ein Lobgesang auf den Bauernstand in Gestalt des Vaters und zugleich eine Verurteilung aller gewalttätigen und räuberischen Kräfte in Gestalt des jungen Helmbrecht und des im Hintergrunde wirkenden Adels. Bauern kamen bis dahin nur selten in der Dichtung vor und wenn, so als rohe Nebenfiguren oder lächerlich gemachte Stutzer (mhd. Sprenzelaere), wie bei Neidhart. Das Meier-Ehepaar in Hartmanns von Aue Der arme Heinrich bildet dabei eine Ausnahme.
Der Helmbrecht dürfte in der Auswahl einer neuen sozialen Schicht als Träger der Handlung und Ideen vergleichbar sein mit dem Guten Gerhard (etwa um 1230) Rudolfs von Ems, sowohl etwa dem Umfang (Helmbrecht hat 1933 Verse und Der gute Gerhard 6920) als auch der Geisteshaltung des Dichters nach. Dieser macht in seiner Verserzählung einen Kaufmann, also einen Angehörigen des bürgerlichen Standes, was ebenfalls neu ist, zum Protagonisten und lässt ihn gerechterweise zu Ehren kommen. Dabei gilt das Motto: ein Kaufmann kann auch ein guter Mensch sein. Dieser ist, der Sage nach, ein reicher Bürger aus Köln, der im Orient eine Königstochter aus der Gefangenschaft loskauft. Er plant, sie seinem Sohn als Ehefrau zu geben, doch als ihr verschollener königlicher Bräutigam unvermutet wieder zurückkehrt, überlassen Vater und Sohn die Braut großmütig ihrem Verlobten. In der Rahmenhandlung spielt Kaiser Otto I. eine Rolle, indem ihn ein Engel auf die Demut des guten Gerhard vor Gott hinweist und er daraufhin beschließt, ihn aufzusuchen. In der Folge erzählt ihm der gute Gerhard seine Geschichte. Es lässt sich vermuten, dass Wernher den Guten Gerhard gekannt hat, denn seine Endstrophe im Helmbrecht gleicht der im Guten Gerhard, wobei er ebenfalls den Ausdruck „Dichter“ verwendet. Im V. 6907 f. heißt es dort: „ouch gert der tihtaere/der
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iu ditz selbe maere/ein teil durch guotes muotes rât /ze kurzwil getihtet hât/daz ir im wünschet heiles,/ze himel werndes teiles ... [Der Dichter, der euch diese Geschichte gedichtet hat, einesteils zur Belehrung und andernteils zur Kurzweil, begehrt, dass ihr ihm das Heil wünscht, am Himmel teilzuhaben]. Mit weiteren anderen Werken dieser Zeit lässt sich der Helmbrecht kaum vergleichen, er nimmt eine Art Sonderstellung ein, da er keine ausgesprochene Tugendlehre, wie Freidanks Bescheidenheit, Zerklaeres Der Welsche Gast (1215/16), oder Trimbergs Der Renner ist, sondern eine dramatische Erzählung mit Dialog und Handlung und erschütterndem Ausgang. (1215/33) ist eine Sammlung von gereimten Freidanks Bescheidenheit
Sinnsprüchen und den sog. Akkon-Sprüchen. In den Sinnsprüchen setzt sich der Dichter mit den Lebensgewohnheiten seiner Zeit, insbesondere dem höfischen Leben, kritisch auseinander, und in den Akkon-Sprüchen dokumentiert er eine sehr skeptische Haltung gegenüber den Kreuzzügen. Zerklaeres Der Welsche Gast befasst sich mit der höfischen Erziehung und Bildung und den ritterlichen Tugenden (staete, mâze, milte, reht). Das Werk steht dem Hofleben und der Zeit ebenfalls kritisch gegenüber. In seinem Renner tadelt Hugo von Trimberg die Laster und Gebrechen seiner Zeit, befasst sich mit Naturkunde, der Jugend und dem Alter, dem jüngsten Gericht und Reue und Buße. Er betitelte sein Buch mit Der Renner, weil es als solches durch das Land „rennen“ sollte.
Bemerkenswert im oben angeführten Epilog Rudolfs von Ems ist die Erwähnung der Kurzweil (mhd. kurz-wîle), der sein Werk dienen soll. Ebenso erwähnt Wernher die Kurzweil im V. 940 f.: „ einen tanz si dô trâten mit hôchvertigem sange; daz kurzte die wîle lange.“ Dieses Wort kommt in der mhd. Literatur häufig vor und zeigt im Falle des Guten Gerhard, das man Literatur durchaus schon im Sinne von Unterhaltungsmittel verstand, und bezieht sich im Helmbrecht u.a. auch auf den Herzog Ernst, aus dem vorgelesen wird.
1.4.2 Die künstlerische Form
Der Helmbrecht ist in formaler Hinsicht eine kleine Verserzählung (kleines Versepos, griech. epyllion) bzw. eine kleine episch-poetische Narration und gehört in den Übergangsbereich zwischen künstlerische und pädagogische Literatur. Klein ist er im Vergleich zu den Großepen des MA, die eine Verszahl bis zu 40000 haben, wohingegen der Helmbrecht 1934 besitzt. Episch ist er durch die Beschreibung einer Handlung, die sich in der Außenwelt des Menschen abspielt, also nicht im Inneren eines Individuums als eine Bewegung der Gedanken und Gefühle, sondern in der realen menschlichen Umwelt als heimischer Umwelt und fremder Umwelt. Poetisch ist er durch seine kurzzeiligen Endreimpaare (Form aa bb cc) im Dreier- und Vierer-Takt mit insgesamt 1934 Versen und in überwiegender Dialogform. Dabei wechseln sich stumpfer Reim, d.h. die letzte Silbe des Reimworts ist betont, und klingender Reim, d.h. die letzte Silbe des Reimworts ist unbetont, einander ab. Die Verserzählung erhält durch ihren hohen Anteil an Dialog einen etwas theatralischen Charakter auf Kosten des narrativen Teils. Wernhers Versemachen erfolgt im Stile seiner Zeit, d.h. ähnelt den vielen erhaltenen Gedichten der ma. Literatur. Er nennt seinen Helmbrecht in V. 1931 „maere”: „Swer iu ditze maere lese, ...” [wer euch diese Geschichte liest], wie es damals üblich war, wenn man von einer Geschichte, einer Kunde oder Nachricht
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sprach. Die Rede im Epos ist natürlich und ausdrucksvoll, so wie es die Handlung und das Milieu verlangen.
Den Helmbrecht kann man auch als „Versnovelle” bezeichnen, d.h. als eine Erzählung, die ein aktuelles interessantes Ereignis beschreibt, denn Wernher bezieht sich auf eine kleine Neuigkeit, die er „mit eigenen Augen gesehen hat” (V.08). Daher ist die Bezeichnung „Novelle” (< ital. novella „kleine Neuigkeit”) auch angebracht und steht dabei im Gegensatz zur Bezeichnung „Epos” der höfischen Literatur, das mündliche Überlieferungen lange zurückliegender großer Ereignisse wiedergibt. Eine Narration (Erzählung) ist er durch das Aufzählen mehrerer aufeinanderfolgender Ereignisse und Vorkommnisse im Zusammenhang mit einer Integrationsfigur, dem jungen Helmbrecht, durch die Erzählweise in der Vergangenheit und in der Er-Form. In seinem Handlungsaufbau lässt sich der Helmbrecht mit der Gliederung der großen mhd. Epen vergleichen, die nach dem Muster: Ausstattung des Helden, Ausfahrt zu Hof, Aventiure, erste Rückkehr mit Empfang und Bewirtung, zweiter Auszug zu höherer Bewährung und Heimkehr und süezer lanclip (langes Leben) aufgebaut sind (s. Lit. Erbe 4, S. XIX.). Dieses Modell wird aber in der Handlung nicht voll ausgeschöpft, sondern nur bruchstückhaft wiedergegeben, indem die "Ausfahrt zu Hof" und die "Aventiure" nur andeutungsweise geschildert werden, ganz zu schweigen von "Heimkehr und langes Leben". Der Anteil an Dialog ist weitaus größer als an geschilderter Handlung und gibt dem Stück einen bühnenartigen Charakter. Offenbar war sein Verfasser ein guter Rhetoriker.
1.4.3 Inhalt und Intention
Dem Inhalt nach stellt der Helmbrecht einen Vater-Sohn-Konflikt im Sinne des verlorenen Sohnes dar, der in diesem Fall aber verstoßen wird, der Intension nach ein erzieherisches-moralisches Lehrstück. Diese Art von Literatur gab es im MA gehäuft, der Helmbrecht ist aber ein besonders typisches Beispiel dafür. Der Vater-Sohn-Konflikt wird in Form der Vorführung der gegensätzlichen Standpunkte zunächst nur rhetorisch ausgetragen. Erst am Ende der Handlung, als alles zu spät ist, setzt er sich in die Tat um, indem der Vater den Sohn als Krüppel von seiner Haustür weist. Ansonsten ist die Handlung zwar voller Aktionen, aber ohne Interaktion von Vater und Sohn und bleibt auf das Rhetorische beschränkt. Dabei reden beide im Grunde genommen aneinander vorbei, denn keiner geht auf den anderen ein bzw. widerlegt die Argumente des anderen, im Gegenteil, der junge Helmbrecht gibt seinem Vater noch Recht, handelt aber trotzdem anders. Während der Vater von moralischen Prinzipien spricht, redet der Sohn von wirtschaftlichen, indem er die ewige Armut der Bauern trotz fleißiger Arbeit und guter Ernten beklagt. Es handelt sich bei der Geschichte um eine Charaktererzählung. Vater und Sohn stehen sich als extrem unterschiedliche Charaktere gegenüber und der Sohn wird letztlich Opfer seines Charakters. Eine ausgesprochene Schwarz-Weiß-Malerei. Der junge Helmbrecht ist dabei der typische negative Held, den man in der Morallehre und Exempelliteratur des MA verwendet, um den Teufel zu vorzuführen. Im Einzelnen geht es bei der moralischen Lehre um die positive Einstellung des Vaters zur bäuerlichen Arbeit, die der Sohn nicht akzeptiert, obwohl er mit ihr groß geworden ist. Während der Vater die Bedeutung und Wichtigkeit des Bauernstandes
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und dessen Funktion in der Gesellschaft hervorhebt, drückt der Sohn seine Verachtung für ihn aus und beschließt, seinen Stand zu verlassen. Während der Vater die gesellschaftliche Ordnung in Form des Ständewesens für ein von Gott gegebenes und kaum veränderbares System hält und die Standesgrenzen als undurchlässig bzw. nur in Ausnahmefällen für durchlässig betrachtet (V. 289 f.): „wan selten im gelinget, der wider sînen orden ringet” [wohl selten hat Erfolg, der gegen seine Ordnung verstößt], glaubte sich der Sohn über deren Grenzen leicht hinwegsetzen zu können und fühlte sich als diese Ausnahme. Im Grunde genommen hatte der Sohn damit Recht, denn diese Zeit war voller gesellschaftlicher Dynamik und Standeswechsel kamen in allen Gesellschafts-schichten vor und waren an der Tagesordnung. Nur die Mittel, die er dazu wählte, waren nicht geeignet, einfach närrische und verbrecherische Mittel. Der Vater versucht ihn daher zurückzuhalten, es gelingt ihm aber nicht. Er bemüht sich bis zum Letzten, muss aber zusehen, wie sein Sohn ins Unglück rennt. Er ist aber nicht der Protagonist der Handlung, denn er bleibt passiv. Der Protagonist ist der junge Helmbrecht, aber mit ihm kann man sich nicht identifizieren. Das Dramatische des Helmbrecht liegt in der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn bezüglich der gesellschaftlichen Standesfrage und sittlicher Fragen und dem sich anschließenden familiären Zerwürfnis und dem Ende des jungen Helmbrecht am Strick. Der junge Helmbrecht strebte nach „Höherem”. Das sah er in der Hofgesellschaft. Sie stand zweifellos auf einer höheren Kulturstufe als die Bauernschaft und es ist nur allzu verständlich, dass sie Anziehungskraft besaß. Zu ihr zu gehören, fühlte sich Helmbrecht durchaus stark genug und auch „berufen” durch sein langes Haar, seine kostbare Haube und ritterliche Ausrüstung, die besser zu einem höfischen Tanz als zu Egge und Pflug passen, wie er in V. 510 ff. argumentiert. Das ist natürlich eine einfältige Begründung, er setzt sie aber durch. Außerdem fühlt er ritterliches Blut in sich fließen und hohen Mut, da seiner Mutter, wie er äußerte, ein edler Ritter beigelegen hätte, als sie mit ihm schwanger ging, und er außerdem einen ritterlichen Paten hätte (V. 1374 ff.). Diese Äußerungen sind eine Frechheit und sprechen für den verdorbenen Geist des Sohnes.
Bei der Auseinandersetzung zu sittlichen Problemen geht es um die Überheblichkeit (Superbia) des jungen Helmbrecht. Da ist zum ersten die Verachtung der bäuerlichen Arbeit und der damit verbundenen Lebensweise, wie z.B. die Absicht, sich nicht mehr die Hände schmutzig machen zu wollen, um weiße Frauenhände anfassen zu können, oder nur noch essen und trinken zu wollen, was die Herren zu sich nehmen. Dazu kommt seine verbrecherische Einstellung bezüglich des Eigentums anderer Menschen und die Verachtung der Bauern, die sich in V. 366 f. so äußert: "ez müezen rinder vor mir lüen,/ die ich über ecke trîbe ..." [es müssen Rinder vor mir brüllen, die ich vor mir her treibe] oder in V. 372 f.: "und die gebûren durch die hecke/ ... entfüere bî dem hâre" [und die Bauern durch die Hecke ... zerre bei den Haaren]. Das sind Vorankündigungen seiner verbrecherischen Taten. Er wird damit als Störenfried und Verbrechertyp festgelegt. Daher kann folgerichtig das Ende der Geschichte nur durch die konsequente Anwendung der damals gültigen Gesetzlichkeit beschrieben werden, und die fordert den Tod des Protagonisten, was auch verwirklicht wird. Während der Vater ein arbeitssamer und bodenständiger Charakter ist, der wusste, was er und seine Arbeit wert sind, war der Sohn ein verbrecherischer Narr und Gaukler, ist aber nicht zu vergleichen mit den Dörpern Neidharts, denn diese waren nur Stutzer und Grobiane.
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Als Lehren fungieren im Helmbrecht der V. 506 f.: „guot zuht ist sicherlîche/ ein krône ob aller edelkeit” [gute Zucht ist sicherlich die Krone aller Edelkeit], V. 289 ff.: "Wan selten im gelinget/ der wider sînen orden ringet/ dîn ordenunge ist der phluog/ dû vindest hoveliute genuoc" [Wohl selten hat Erfolg, der gegen seinen Stand ringt. Dir zugeordnet ist der Pflug, du findest Hofleute genug] und V.556 f.:„ manec künec wirt gekroenet / von des bûwes stiuwer./ wan niemen wart sô tiuwer,/ sîn hôchvart waere kleine/ wan durch baz bû aleine” [mancher König wird gekrönt durch des Bauern Abgabe. Wenn keiner so edel sorgt wie dieser und keiner das Feld bestellt, wäre dessen Ansehen gering].
Der Intention nach ist der Helmbrecht ein erzieherisches Lehrstück, gehört also zur Unterrichtsliteratur bzw. pädagogischen Literatur, d.h. zur wissenschaftlichen Der Erziehungscharakter des Helmbrecht kommt deutlich in der Literatur.
Anwendung des Erziehungsschemas: Belehrung und Warnung > Nichtbefolgung oder Verstoß > Strafe zum Ausdruck bzw. konkret durch die Vermittlung einer Strafrechtslehre anhand eines juristischen Praxisfalls. Der Zweck des Stückes liegt in der Erziehung zur Achtung der einfachen, schweren und mitunter auch schmutzigen Arbeit, wie es die bäuerliche ist, und zur Achtung der gesellschaftlichen Gesetze. Die Verurteilung und Bestrafung des Helmbrecht haben Exempelcharakter und werden einprägsam dargestellt. Der pädagogische Teil nimmt dem Stück etwas von seiner Unterhaltsamkeit, da es dadurch einen strengen Ausgang bekommt, der nicht jedermanns Geschmack ist, obwohl er gerechtfertigt ist. Die Schilderung der konsequenten Bestrafung des jungen Helmbrecht ist die Praktizierung eines Strafrechtssatzes des MAs: „Den diep sal man hengen“ [Den Dieb soll man hängen], so hieß es damals in den Rechtsbüchern. Im MA war es üblich, die Literatur erzieherisch zu gestalten, man unterschied noch nicht so streng zwischen Unterhaltung und Erziehung, d.h. zwischen Freizeit und Schule. Das Stück war sicherlich zum Vorlesen bei Kindern und Jugendlichen in der Schule gedacht, d.h. es war eine Art Schulliteratur. Dabei dürfte man wohl vornehmlich die städtische und ländliche Jugend im Auge gehabt haben, nicht die ritterliche oder geistliche, denn die Äußerung V. 1913 f.: "Swâ noch selpherrischiu kint/ bî vater unde muoter sint/ die sin gewarnet hie mite./ begânt sie Helmbrehtes site, ...." [Wo noch selbstherrische Kinder bei Vater und Mutter sind, die seien hiermit gewarnt, Helmbrechts Art zu beginnen] und V. 1923 f.: " Nû seht ûf und umbe:/ râte iu wol ein tumbe,/ dem volgt und ouch des wîsen rât./ waz ob Helmbreht noch hât/ etewâ junge knehtel ?/ die werdent ouch Helmbrehtel./ vor den gib ich iu niht fride,/ si komen ouch danne an die wide” [Nun seht euch um, rät euch ein Einfältiger und auch ein Weiser, ob Helmbrecht etwa noch junge Knechte hat. Die werden auch Helmbrechte. Vor denen gibt es keine Ruhe, es sei denn, sie kommen an die Weide] deuten darauf hin. Belohnung bei Befolgung der guten Lehren oder Bestrafung bei ihrer Nichtbefolgung sind die Konsequenzen eines Erziehungsstücks. Im Falle des Helmbrecht wird ein warnendes Beispiel vorgeführt, das durch Hervorrufen von Angst und Schrecken bei den Zuhörern erzieherisch wirken soll. Ein empfindendes Mitgehen der Zuhörer mit dem Protagonisten gibt es dabei nicht. Dem gegenüber stehen als Konsequenzen beim reinen Unterhaltungsstück die Meisterung des Schicksals oder Nichtmeisterung des Schicksals durch den Helden und lassen das Publikum sich mit dem Helden identifizieren.
Im Helmbrecht steckt aber auch eine verborgene Kritik des Verfassers am Adel. Sie kommt nicht so deutlich zum Tragen wie die am jungen Helmbrecht, ist aber im
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Hintergrunde ständig zu bemerken, wobei er sich bemüht, nicht konkret zu werden. Das zeigt sich insbesondere in Bezug auf den dauernd fehdeführenden Burgherrn, bei dem Helmbrecht Dienst nimmt. Dieser ist anonym und tritt überhaupt nicht auf. Dadurch erhält das Werk eine strukturelle Schwäche, denn eine ganze Gesellschaftsschicht wird ignoriert. Der Dichter lässt den Protagonisten in einem Niemandsland tätig sein, das wie ein Märchenland wirkt, von dem nur erzählt wird und alles Konkrete fehlt. Auch die Gesellen, mit denen der junge Helmbrecht sich abgibt, wirken wie von dort, insbesondere durch ihre sprechenden Namen. Aber das liegt offensichtlich in der Absicht des Dichters. Er nahm Rücksicht auf sich selbst und blieb bewusst ungenau, um sich bei den Herrschenden keine Feinde zu machen. Zu dieser Verschleierungstaktik passt auch, dass er den jungen Helmbrecht fälschlicherweise den Namen „Schlingdengäu” tragen lässt, der eindeutig auf Herrschende gemünzt ist, denn kein Bauer "schlingt einen Gau", dazu ist er seiner gesellschaftlichen Position nach gar nicht in der Lage. Der Helmbrecht ist ohne Komik und Tragik. Offenbar hatte man im MA noch keine rechte Vorstellung davon. An Stelle der Komik fungiert das Lächerlichmachen des jungen Helmbrecht, ohne dass man darüber lachen muss, und an Stelle der Tragik seine Verurteilung, über die man nicht traurig sein kann. Demgegenüber liegen die Komik in einem echten Unterhaltungsstück im Lachen machen und die Tragik in einem Traurig machen des Publikums. Im eigentlichen Sinne ist der Vater die tragische Person der Dichtung. Er könnte einem Leid tun, wenn er nicht am Schluss des Stückes den Sohn als Krüppel von der Tür weisen würde. Es wird auch von der Möglichkeit gesprochen, dass der Helmbrecht als Verspredigt gedacht war, da es zu dieser Zeit üblich war, wie z. B. bei den Franziskanern David von Augsburg und Berthold von Regensburg, Predigtdichtungen (Predigtmärchen) bzw. Verspredigten in der Volkssprache anzufertigen und sie vor versammelter Gemeinde vorzutragen bzw. religiöse Dichtungen und auch weltliche Texte in der Volkssprache zu verfassen und in der Kirche vor der Gemeinde als Exempelgeschichten vorzutragen. So entstand eine regelrechte Predigtliteratur. Aber an diese Variante glaube ich nicht, denn der Text des Helmbrecht ist nicht vordergründig auf die Erziehung im Glauben ausgerichtet, diese Absicht besteht nur im Hintergrund.
Zieht man einen Schluss von dem Zweck des Werkes, der betont pädagogisch ist, und dem angedeutetem Publikum, für das es gedacht war, nämlich die junge Generation, so liegt die Vermutung nahe, dass Wernher ein Lehrer ( mhd. lêraere) bzw. Schulmeister (mhd. schuolmeister) war, der seine Schüler einerseits durch eine interessante und spannende Geschichte unterhalten, andererseits aber durch die Schilderung drastischer Strafen warnend erziehen und von Straftaten abhalten wollte. Der Helmbrecht war also als Schulliteratur konzipiert und hat neben seinem unterhaltenden Charakter die Eigenschaft einer juristischen Abhandlung im künstlerischen Gewand.
Seine Rezeption war sicherlich auf die Schule beschränkt, wobei ich davon ausgehe, dass Wernher zumindest zeitweise Wanderlehrer war und ihn für den eigenen Gebrauch als Unterrichtsmittel geschrieben und benutzt hat. Man kann sich vorstellen, dass Wernher ihn im Rucksack mit sich herumtrug und im Unterricht daraus vorlas. Dabei kann es auch möglich sein, dass der unbekannte Autor des sog. Seifried Helbling einer seiner Schüler war, denn es finden sich Anklänge zu der Figur des Helmbrecht in dessen Werk. Der Helmbrecht war sicher nicht zum Vortrag an
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Adelshöfen oder in der Kirche gedacht, denn er steht dem Adel kritisch gegenüber und verhält sich zur Kirche distanziert. Die wahrscheinliche damalige Verwendung des Helmbrecht als Schulliteratur entspricht auch noch der heutigen, denn er steht an Schulen und Universitäten im Lehrplan, nur nicht mehr als Erziehungsmittel, sondern als Studienobjekt.
Es ist schade, dass die Geschichte vom Helmbrecht, obwohl sie so interessant und lehrreich ist, so wenig bekannt ist und nur noch als Lehrstoff und Studienmaterial an Schulen und Hochschulen fungiert. Er hat es verdient, populärer zu sein. Dazu muss man ihn aber attraktiver machen, denn mit Literatur, die so lehrhaft und erzieherisch wirkt wie der Helmbrecht und deren Protagonist als Verbrecher gezeichnet ist, will der moderne Mensch kaum etwas zu tun haben. Daher habe ich mich entschlossen, ihn aus einem rhetorisch orientierten Lehrstück in ein aktionell orientiertes Unterhaltungsstück zu verwandeln, d.h. aus ihm als einer poetisch-epischen Narration mit Erziehungsfunktion, ein prosaisch-filmisches Drama ohne Erziehungsfunktion zu machen. Damit verleiht man der Geschichte Eigenschaften, welche den Geschmack des Publikums ansprechen, es zum Mitdenken und Mitfühlen veranlassen, die damalige Zeit besser verstehen lassen, wodurch gleichzeitig der Bildungsrahmen des Stückes erweitern wird. Goethe hat einmal bezüglich der lehrhaften Dichtung gesagt, und das trifft auch auf die erzieherische zu: „Alle Poesie soll belehrend sein, aber unmerklich. Die didaktische oder schulmeisterliche Poesie ist und bleibt ein Mittelgeschöpf zwischen Poesie und Rhetorik” (Über das Lehrgedicht S. 225 in der Sophienausgabe Bd. 41, 2. Abt.). Dem füge ich hinzu: Alle Unterhaltungsliteratur soll lehrreich sein, aber nicht lehrhaft, und das Erzieherische gehört in die Schule, Familie oder Ausbildung. Die neue Geschichte soll unterhaltsamer sein als die alte indem sie ansprechender werden soll. Was versteht man eigentlich unter Lehrhaftigkeit und Unterhaltsamkeit?
Die Lehrhaftigkeit bezieht sich auf die wissenschaftliche Literatur, in unserem Fall auf die Ethik und Tugendlehre. Die Wissenschaftsliteratur bildet im schulischen Sinne, d.h. in strenger und erzieherischer Form. Ihre Darstellungsformen sind die Interpretation und Definition, d.h. lehrhafte Formen. Sie vermittelt objektives Wissen über die Welt und den Menschen. Die Welt und der Mensch sind für sie aber eine Sache, die man ihrer Gattung nach beschreibt und wo das Individuelle keinen Platz hat. Mit ihr lernen wir die Welt unvermittelt kennen, ohne Individuum als Vermittler, sie ist objektiv und unpersönlich. Ihr Gegenstand ist die Welt in ihrer Struktur und mit ihren Gesetzmäßigkeiten, die sachlich behandelt werden. Dazu gehört auch der Mensch, der aber als Gattungswesen und nicht als Person betrachtet wird. Der Darstellungsform ist lehrhaft, d.h. zeitlos interpretierend und definierend, denn worüber geschrieben wird ist das Sein, so wie es ist, immer gewesen ist und immer sein wird. Die Wissenschafts-Literatur ist also pädagogische und Sach- und Fachliteratur und vermittelt theoretische und praktische Kenntnisse. Die Unterhaltsamkeit bezieht sich u.a. auf die künstlerische Literatur und ist die Eigenschaft einer Geschichte, d.h. es gibt unterhaltsame Geschichten und langweilige bzw. nicht-unterhaltsame Geschichten. Die Unterhaltsamkeit einer Geschichte besteht in ihrer Eigenschaft der Versorgung des Lesers oder Zuhörers mit interessanten Informationen in Form von Wettstreit oder Widerstreit von Meinungen und Handlungen. Der Rezipient nimmt sie auf und bildet sich daraus seine eigene Meinung, d.h. er bildet sich. In diesem Sinne ist Unterhaltung freie Bildung. Im Gegensatz dazu steht das Lehrstück in dem eine vorgefertigte Meinung angeboten wird
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und eine andere Meinung keine Gültigkeit hat, d.h. es liegt ein Fall von unfreier Meinungsbildung vor in Form des Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Belehrung und Unterhaltung bilden zusammen mit der Bildung eine Triade, denn Belehrung und Unterhaltung sind die Quellen der Bildung und die Bildung demzufolge die Wirkung oder das Explikat der Belehrung und Unterhaltung, die sich bezüglich der Bildung funktionell ergänzen. In einer Begriffsgleichung lässt sich das etwa wie folgt ausdrücken:
Geistige Bildung = Expl. [Belehrung Unterhaltung]
In einer Aussage formuliert: „Die Bildung ist identisch mit dem Explikat von Belehrung und Unterhaltung“. Belehrung und Unterhaltung ergänzen sich funktionell bezüglich Bildung. Bildung ist in diesem Falle als ein Prozess zu betrachten, der aus Belehrung und/oder Unterhaltung besteht. Lehrhaft ist der Schreibstil der
Wissenschaftsliteratur und unterhaltsam der Schreibstil der künstlerischen Literatur. Ein Teil der Literatur, die Dichtung in Poesie und Prosa, gehört zur Kunst und ist daher künstlerische Literatur. Mit ihr beschäftigt sich die Literaturwissenschaft. Die künstlerische Literatur befasst sich mit dem individuellen Menschen oder Lebewesen, d.h. mit einem Menschen in seiner Eigenartigkeit oder Einzigartigkeit. Er hat einen Namen und ist eine Person. Sie bildet im lockeren, spielerischen Sinne, ist Freizeitbeschäftigung und hat die Formen des Narrativen oder des Dramas, d.h. des Erzählerischen oder des Vorgeführten. Sie vermittelt objektives Wissen über das menschliche Individuum in seinem Verhältnis zur Umwelt und zu sich selbst. Der Gegenstand der künstlerischen Literatur ist der Mensch als Individuum mit seinem speziellen Innenleben betreffend Vernunft und Seele. In ihr lernen wir die Welt vermittels des Individuums, das in ihr lebt, kennen. Jeder Mensch in einem Stück der künstlerischen Literatur hat einen Namen und ist eine Person. Es vermittelt Wissen über die Gegebenheiten des individuellen menschlichen Lebens und die Welt anhand eines Einzelschicksals mittels interessanter Handlung und Rede, die den Leser emotionell und vernunftmäßig anregen und in Spannung halten. Die Handlung muss abwechslungsreich und nachvollziehbar sein und die Rede vernünftig und ausdrucksstark, so dass der Leser emotionell und vernunftmäßig erfasst, d.h. innerlich bewegt, wird. Erzieherisch sollte die Erzählung nicht wirken, denn Erziehung ist nicht Sache der Kunst, sondern der Schule bzw. Lehre. Unterhaltung und Lehre sind Formen der Bildung. In diesem Sinne gibt es keine Unterhaltungsliteratur, denn alle Kunst-Literatur ist unterhaltend.
Das Wort „Unterhaltung“ wird in der Literaturwissenschaft überwiegend pejorativ benutzt, indem man es wertend sein lässt und unter der Bezeichnung „Unterhaltungsliteratur“ eine zweitklassige Literatur versteht. Diese Einstellung ist meiner Meinung nach aber falsch. Diese Äußerung wird sicher, falls sie gelesen wird, einen Aufschrei der Empörung veranlassen, aber Unterhaltung muss man im funktionellen Sinne auffassen, dann bedeutet sie im Rahmen der Literatur die Vermittlung von Wissen und Erkenntnisse einer bestimmten Art und ist unter diesem Gesichtspunkt ein wertneutraler Begriff, der nur in sich selbst gewertet werden darf, indem man in sehr gute, gute, mäßige und schlechte Unterhaltung einteilt. In diesem Sinne sind z. B. die Ilias, die Odyssee, der Hamlet, Faust etc. Unterhaltungs-Literatur und zwar von hohem Niveau. Dieser Auffassung waren auch ihre Verfasser, denn schon Horaz sprach von den Dichtern als von Leuten, die unterhalten und nützen
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(„aut prodesse volunt aut delectare poetae“: die Dichter wollen entweder nützen oder unterhalten) und sah einen engen Zusammenhang zwischen Unterhaltung und Bildung. Von den ma. Dichtern wird oft betont, dass sie ihre Werke zur Kurzweil schreiben. Denn welchen anderen Zweck haben denn diese Werke? Sie wollen unterhalten und auf diesem Wege bilden. Der Weg zur Bildung führt u.a. über die Unterhaltung. Der Unterhaltungsbegriff in der heutigen Literaturbranche scheint von der Ökonomie und dem Streben nach Ansehen bestimmt zu sein, was verständlich ist, aber mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun hat.
Künstlerische Literatur ist Unterhaltungsliteratur auf hohem Niveau. Sie ist Freizeitliteratur und setzt das Interesse des Lesers an einem individuellen Menschenschicksal voraus, das er mit dem eigenen vergleicht und Rückschlüsse daraus zieht. Sie vermittelt Erkenntnisse und bildet das Gefühlsleben des Lesers. Das Interesse an künstlerischer Literatur setzt das Interesse am individuellen Menschen und seiner individuellen Umwelt voraus. Da sie Freizeitgestaltung ist, haben Unterrichts-und Erziehungsabsichten darin nichts zu suchen. Diese sind Intentionen der didaktischen und pädagogischen Literatur, zu denen die künstlerische Literatur im Gegensatz steht. Die künstlerische Literatur kann man auch als fiktionale Literatur auffassen. Für die Vernunft- und Seelenbildung ist die künstlerische Literatur verantwortlich. Seelenbildung erfolgt durch Mitgefühl und Vernunftbildung durch Mitdenken. Künstlerische Literatur vermittelt Wissen über die menschliche Seele und menschliche Vernunft, entweder zeigt sie den Triumph oder das Versagen von Seele und/oder Vernunft. Sie beschreibt Lebensschicksale und teilt entsprechende Lebenserfahrungen mit, insbesondere auch innermenschliche Vorgänge, wie die seelischen und vernunftmäßigen, die sich der wissenschaftlichen Beobachtung entziehen.
Die Intension des Verfassers eines künstlerischen Literaturstücks ist die emotionale und rationale Beteiligung des Publikums am vorgeführten Geschehen. Das soll lehrreich reich, aber nicht lehrhaft sein. Ein künstlerisches Literaturstück mit verdecktem Lehrcharakter und ohne Erziehungsfunktion ist reine Unterhaltung. Die Absichten des Verfassers, zu belehren und zu erziehen, treten hier nicht offen zu Tage. Sie sind verschlüsselt im Werk enthalten bzw. gar nicht enthalten und machen damit das Stück unaufdringlich. Umso mehr hat dabei der Seelen-Bildungscharakter hervorzutreten. Das wird durch die Darstellung des Seelenlebens der Beteiligten, ihrer Sehnsüchte und Ängste, erreicht. Davon ist im Helmbrecht aber wenig zu spüren. Den jungen Helmbrecht treibt nur Narrheit und verbrecherische Absicht, Ängste kennt er überhaupt keine. Dem Vater „knackt” zwar das Herze, als er seinen Sohn als Krüppel vom Hofe weist, die Mutter gibt ihm ein Stück Brot und Gotelind weint bei ihrer Hochzeit, da die Eltern nicht dabei sind, aber das ist auch schon alles an Seelenleben. Die einzige Emotion, die der junge Helmbrecht zeigt, ist seine Verachtung alles Bäuerlichen. Die Darstellung eines Teils der Umwelt im Helmbrecht als eine Art Märchenlandschaft zerstört die realistische Atmosphäre und erscheint geradezu als ein Versteckspiel.
Der Weg zur Bildung ist entweder ein schulischer oder ein unterhaltsamer. Der Mensch kann sich schulisch bilden und/oder unterhaltsam bilden, der schulische Weg ist ein Pfad der vorgeschriebenen Lehrsätze und vorgefertigten Lehrmeinungen, der Schüler hat keine eigene Meinung zu haben, er hat nur zu lernen. Der unterhaltsame Weg ist ein freier Weg, denn der Mensch kann selbst entscheiden, was er bei den ankommenden Informationen für richtig oder unrichtig hält. Beide Bildungswege
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ergänzen sich und sind auch notwendig, aber jeder Mensch ist froh, wenn er sich in seiner Freizeit eine eigene Meinung bilden kann und wird sich bei seiner Freizeitgestaltung lieber ein Kunstwerk ansehen als ein Lehrstück oder Erziehungsstück, es lässt ihm nämlich die Freiheit der eigenen Meinungsbildung, sei die vorgegebene Lehrmeinung noch so gut. Unterhaltung ist Freizeitgestaltung, da hat Erzieherisches nichts zu suchen. Erziehung ist nicht Sache der Kunst, sondern Angelegenheit der Schule.
Lit. zu 1.4.1 bis 1.4.3: Sowinski, B.: Wernher der Gartenaere. Helmbrecht - Interpretation zum Unterricht - R. Oldenburg Verlag München 1971. Sowinski, S.: Lehrhafte Dichtung des Mittelalters. Metzler Stuttgart 1971. Nolte, Theodor und Schneider, Tobias: Wernher der Gärtner. Helmbrecht. Beiträge des Helmbrecht-Symposions in Burghausen 2001, Hirzel Verlag Stuttgart 2001. Ems, Rudolf von: Der guote Gêrhart, hrsg. von J.A. Asher, Max Niemeyer Verlag Tübingen 1989.
1.4.4 Die Rechtsfälle
Untersucht man die Rechtsfälle des Helmbrecht, so wie sie Wernher in seiner Verserzählung darstellt, steht die Frage, in welchem Sinne sich Helmbrecht schuldig gemacht hat. Dazu müssen wir zunächst den bayrischen Landfrieden von 1244, Art. 71 heranziehen (s. u. Karl-Ludwig Ay, S. 637). Nach diesem haben sich Bauern und ihre Söhne das Haar bis zu den Ohren (Oberkante Ohren) abzuscheiden. Joppen von feinem Gewebe dürfen sie zum Kirchgang tragen. Ansonsten sollen sie keine vornehmere Kleidung als graue und billige und nur rindsledernes Schuhwerk tragen. Wenn sie mit verbotenen Stücken angetroffen werden, sollen sie ihnen weggenommen werden und ihre Person dem Richter angezeigt werden, bei dem sie die Sachen gegen eine Auslösung von 1 Talent zurückerhalten. Aus diesen Bestimmungen wird deutlich, dass Helmbrecht mit seinen langen Haaren, der kostbaren Haube und den übrigen rittermäßigen Kleidungsstücken deutlich gegen die Satzungen des Landfriedens verstößt, d.h. eine Ordnungswidrigkeit begeht und mit einer saftigen Geldstrafe zu rechnen hat.
Derselbe Artikel des Landfriedens äußert sich auch zum Waffentragen der Bauern. Danach dürfen die Bauern zum Kirchgang Panzer, Eisenhut, Koller, ein lateinisches Messer und irgendeinen Kettenpanzer tragen, ein Schwert nur der Hauswirt, sonst keiner. An Werktagen dürfen sie nur ein Reutil (zum Pflug gehörender Eisenstab) und ein kurzes Messer tragen, dürfen aber das übrige zu Hause aufbewahren. Auch hier gilt die Bestimmung, dass ihnen die verbotenen Sachen weggenommen und beim Gericht wieder eingelöst werden können.
Da Helmbrecht mit ritterlichen Waffen ausgerüstet wird, die er alltags trägt, einschließlich der Reitsporen, handelt es sich auch hier um einen Verstoß gegen das Landfriedensgesetz im Sinne einer Ordnungswidrigkeit. Es ist dabei im Auge zu behalten, das das ständische Waffenverbot gegen die Bauern sich lediglich auf das alltägliche Mitführen von Waffen erstreckte, nicht auch auf den Waffenbesitz. Der Bauer durfte also Waffen haben, vorausgesetzt er konnte sie sich leisten, denn z.B. ein Schwert wird sicher seinen Preis gehabt haben (ein Pfund Silberpfennige). Ein Waffenverbot für Bauern gab es zur Karolingischen Zeit noch nicht. Aber schon der Reichslandfriede von 1152 (Kaiser Friedrich I., Barbarossa) untersagt dem Bauern das Tragen der Hauptwaffen, Lanze und Schwert. Er sollte sich also mit Bogen und
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Pfeil, mit Messern und ähnlichen Gegenständen begnügen müssen. Da er den Schutz des Landfriedens genoss, sollte er auf diese Art der Bewaffnung verzichten. In dem allgemeinen Landfrieden (Constitutio de pace tenenda) von 1152 des Kaisers Friedrich I. wurde ein generelles Waffenverbot für Bauern ausgesprochen und insbesondere das Tragen von Schwertern und Lanzen verboten. Diese Verbote konnten aber offensichtlich, wie es der Bayerische Landfriede von 1244 zeigt, nicht durchgehalten werden.
Weitaus schlimmer sind Helmbrechts Vergehen während seiner Abwesenheit von Zuhause, wo er, als zum Gesinde eines Burgherrn zählend, raubend durch das Land zog, wobei ihm kein Beutestück zu klein war, angefangen von Pferd und Rind bis zu Rock und Hemd der Frauen. Sogar auf Witwen und Waisen, Pfarrer, Pilger und Kaufleute wurde keine Rücksicht genommen, sie wurden ausgeplündert. Gemäß seiner Taten musste Helmbrecht als Landfriedensbrecher verurteilt werden, er zählte zu den landschädlichen Leuten, d.h. zu den Berufsverbrechern. Diese wurden in Acht und Bann getan und zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde dann auch ausgeführt als man Helmbrecht und seine Kumpanen erwischte. Es liegt also ein schwerer Fall des Strafrechts vor. Das österreichische Landrecht von 1237, wie auch alle anderen Landrechte dieser Zeit, bestrafte für die Tatbestände von Diebstahl, Körperverletzung, Notzucht, Geiselnahme, Brandstiftung, Mord und Totschlag und Raub mit dem Tode durch Erhängen.
Desweiteren sieht Wernher in Helmbrecht einen Verletzer des 4. biblischen Gebots "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren”. Dafür gab es keine Strafgesetze, es war aber eine moralische Schuld. Dafür sticht ihm der Scherge die Augen aus und schlägt ihm die rechte Hand und den linken Fuß ab, da Helmbrecht als „10. Mann” nicht aufgehängt wurde. Das ist natürlich rechtlich gesehen unlogisch, da der Richter bzw. der Scherge den Grund für diese Strafe gar nicht kennen konnte. Es ist anzunehmen, dass Wernher diese Strafen als von der Hand Gottes auffasst, denn anders lassen sie sich nicht begründen. Diese Strafen gab es aber nach dem gültigen Landrecht, aber für andere Vergehen.
Die Mitschuld des Auftraggebers, also seines Dienstherrn, scheint bei Helmbrechts Verurteilung keine Rolle gespielt zu haben. Sein Dienstherr verschwindet in der Verserzählung wie Alice im Wunderland. Wernher erwähnt dessen Bestrafung nicht. Entweder er konnte sich seiner Bestrafung entziehen oder Wernher hat sie aus seiner Beschreibung herausgelassen, da sie sich zur damaligen Zeit auf einer anderen gerichtlichen Ebene abspielte. Das Verhältnis Helmbrechts zu seinem Dienstherrn ist aber von Wernher auch nicht klar gezeichnet. Er lässt Helmbrecht nach seiner 2. Ausfahrt wie einen selbständig wirkenden Räuberhauptmann oder Berufsverbrecher handeln, der allein auf eigene Faust die Gegend mit einer Räuberbande unsicher macht. Dieser Widerspruch lässt sich nicht ohne weiteres aufklären, es sei denn man nimmt an, dass Helmbrecht im ersten Teil seiner Ausreise im Auftrag eines adligen Herrn wirkt, dann aber Abschied nimmt und im zweiten Teil mit anderen zusammen auf eigene Rechnung „arbeitet”.
Lit.: Ay, Karl-Ludwig: Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern. Abt. I, Bd.2, S. 634 - 638, C.H. Beck München 1977. Schnelbögl, W.: Die innere Entwicklung der bayerischen Landfrieden des 13. Jh. Heidelberg 1932. Lange, G.: Das Gerichtsverfahren gegen den jungen Helmbrecht, ZfdA. 99 (1970), S. 222-234.
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1.5 Die Bedeutung der ma. Bundhaube
Die Frage nach der Art der Haube, die der junge Helmbrecht geschenkt bekommt und dann trägt, ist nicht geklärt und bewegt die Gemüter noch immer. Es gibt darüber die verschiedensten Ansichten. Dabei wird die Frage gestellt, ob sie historisch überhaupt real ist und ob sie eine symbolische Bedeutung hat. Für mich ist klar, dass es sich um die übliche im MA getragene Bundhaube von der Art einer Haarhaube bzw. Coiffe handelt. Anhaltspunkte dafür ergeben sich aus den Texten Neidharts und Wernhers und der Tatsache, dass man nur eine solche Haube besticken kann, da sie die dafür erforderliche Glätte und Größe der Oberfläche hat.
In einer seiner Hildemar-Strophen des WL 29 schreibt Neidhart: „Der treit eine hûben, diu ist innerthalp gesnüeret und sint ûzen vogelin mit siden uf genât. dâ hât manic hendel sîne vinger zuo gerüeret, ê si sî gezierten: daz mich niemen liegen lât. er muoz dulden mînen vluoch, der ir ie gedâhte, der die sîden und daz tuoch her von Walhen brâhte.” [Der trägt eine Haube, die ist innerhalb geschnürt und außen sind seidene Vögelchen darauf genäht. Dafür haben viele Hände ihre Finger gerührt bis sie fertig war: dass mich keiner Lügner heißt. Der muss meinen Fluch dulden, der sie erfunden hat und die Seide und das Tuch aus Walhen brachte]. Die Aussage von Neidhart „… die ist innerhalb geschnürt…” deutet darauf hin, dass es sich um eine Bundhaube in Form der Haarhaube handelt. Den Ausdruck „Bundhaube” kannte man damals noch nicht. Gemeint sind also die zwei Bänder an der Haube mit denen sie unterm Kinn geschnürt wurde. Neidharts Ausdrucksweise kann zu der irrigen Vorstellung führen, dass die Haube in ihrem Innern Schnüre hatte. Wozu sollten diese aber dienen? Zum Lockenbinden sicherlich nicht, denn die band man mit separaten Bändern. Wie sollte man Locken binden, wenn man die Haube auf hat! Es gab damals aber ein Lockenbinden separat von einer Haube, so dass man die Haube getrennt von den Schnüren auf- und absetzen konnte. Realer und klarer als Neidhart äußert sich Wernher im Helmbrecht wo er in V. 74 f. erklärt: "...von ener nestel her an dise ... zwischen den ôren hinden… " [… von einer Bandschleife zur anderen ... zwischen den Ohren hinten …], womit er den Platz auf der Haube für die bildliche Darstellung der Dietrichsage meint. Hier wird also deutlich von einer Nestelhaube = Bundhaube gesprochen. Nach dem „Lexer” lassen sich hûben-nestel und hûben-bendel gleich setzen. Da diese Bundhaube zu ihrer Zeit auch eine symbolische Bedeutung hatte, möchte ich im Folgenden näher auf ihr Wesen eingehen und damit auch die Frage klären, warum Neidhart und Wernher sie als höfisches Kleidungsstück betrachteten.
Die ma. Bundhaube, die im 13., 14. und 15. Jh. getragen wurde, war eine männliche Kopfbedeckung, die den Kopf enganliegend umschloss und nur das Gesicht frei ließ. Sie wurde unter dem Kinn mit zwei Bändern zu einer Schleife zusammengebunden. Es gab sie in drei Ausführungen: einmal in Form der Rüsthaube aus grobem Gewebe und gepolstert als Schutzkleidung unter dem Helm des Ritters, sie hatte damit eine militärische Funktion, zum zweiten in Form der Falkenierhaube, ebenfalls als Polsterhaube, zum Zwecke der Falkenjagd und -abrichtung und drittens als Schreiberhaube bzw. Haarhaube oder Coiffe, wie sie von Gelehrten, Künstlern und Schreibkräften in den Schreibstuben bei der Arbeit getragen wurde, aber ohne Polsterung und aus feinem und kostbarem Gewebe, überwiegend weiß, aber auch grün, rot oder auch manchmal bunt gestreift.
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Die Bundhaube als Rüsthaube oder Polsterhaube war Berufsbekleidung (Arbeitskleidung, Gebrauchskleidung) und hatte ihren Ursprung im ritterlichen Militärwesen. Die militärische Bundhaube trugen fast alle Kämpfer. Der Kopfschutz eines Kämpfers war zweistufig. Als unterste Schicht wurde eine Polsterhaube getragen, die mit Werg (Hanf) gefüttert war. Sie dämpfte die Wucht eines Treffers ab und war Schutz gegen Stoß und Hitze des Metalls der Rüstung. Bei niederrangigen Kämpfern kam sie auch als einziger Kopfschutz vor. Die zweite Schicht war die Kettenhaube oder ein Helm, manchmal sogar beide. Ab etwa 1200 war eine Stoffhaube als zusätzliche Polsterung unter der Kettenhaube allgemein üblich geworden. Der Rüsthaube ähnelte die Falkenierhaube. Sie war ebenfalls gepolstert und diente offenbar dem Schutz seines Trägers vor den Krallen des Falken, falls dieser einmal auf seinem Kopf landete. Außerdem wahrscheinlich auch zur Bändigung langer Haare, um die Falken nicht scheu zu machen.
Eine Menge von Beispielen für die Bundhaube als Rüsthaube findet man in der ma. Buchmalerei, besonders viele in der sog. Kreuzfahrerbibel oder Maciejowski Bible, die als Handschrift um 1250 in Frankreich erstellt und mit zahlreichen Bildern illustriert wurde. Sie stellt Szenen dar aus dem alten Testament in Kostümen des 13. Jh. Für die Falkenierhaube findet man im Falkenbuch Kaiser Friedrichs II., das um 1230/40 entstand, Beispiele. Hier sind sein Sohn, König Manfred von Sizilien, und eine Reihe von Falkenieren mit solchen Hauben bekleidet. Es werden in der Kreuzfahrerbibel auch etliche einfache Leute mit Bundhaube dargestellt, z. B. Bauern, die mit Landarbeiten beschäftigt sind, oder Bauarbeiter, die sie auf dem Bau tragen. Es ist aber deutlich zu erkennen, dass es sich in diesen Fällen um Polsterhauben handelt. Im Falle der Bauern sind es Bauernkrieger und im Falle der Bauarbeiter haben die Hauben eine Arbeitsschutzfunktion.
Die ma. Bundhaube als Haarhaube bzw. Coiffe (frz. coiffe, engl. coif, ital. cuffia, griech. skuffia) hat eine lange Geschichte, die schon im alten Griechenland einsetzte. Sie bestand aus gebleichtem oder ungebleichtem Leinen (Batist) oder Seide, je nach der Finanzkraft und dem Geltungsdrang ihres Besitzers, und war ungepolstert und einlagig genäht. In ihrer äußeren Form erinnert eine solche Haube an eine Nachthaube oder Babymütze. Über den Ursprung und den Sinn der Coiffe ist bisher wenig bekannt. „Sie gehört einfach dazu“ ist ein oft in der Fachliteratur gehörtes Argument. Sie wird als charakteristisch für das Mittelalter, aber zugleich auch als rätselhaft hingestellt. Ihre Funktion sieht man im Schutz der Haare vor Staub, Schmutz und Läusen sowie dem Schutz vor Sonneneinstrahlung im Sommer und Kälte im Winter sowie in der Bändigung des langen Haares. Sie wird für die mittelalterliche Kopfbedeckung der Männer schlechthin gehalten und angenommen, dass sie von allen Schichten gleichermaßen getragen wurde.
Mit diesen Argumenten kann man sich aber nicht zufrieden geben. Die Haarhaube ist ein Kind der Entstehung und Verbreitung der Schriftlichkeit im Mittelalter. Sie hat zweifellos ihren Ursprung in den Studierstuben der ma. Schriftgelehrten und Rechtsgelehrten und den ma. Schreibstuben an den Fürstenhöfen. Sie ist Symbol für die Laienbildung im MA. Sie diente dem praktischen Zweck, die Wachstafeln, Pergamentbögen, wertvollen Bücher und Malereien vor Haaren, Schuppen und evtl. Läusen des Schreibenden oder Lesenden zu schützen, denn sie können einerseits die Seiten verschmutzen und andererseits den frischen Text durch Verschmierungen unleserlich machen, was notwendigerweise zu Korrekturarbeiten zwingt. Es ist also ein rein hygienisches und ästhetisches Verhalten, das hier zum Ausdruck kommt. Man
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will den Text bzw. die kostbare Handschrift nicht durch Haare, Schuppen oder vielleicht sogar Läuse verunreinigen, man behandelt sie ehrfurchtvoll und wie ein rohes Ei. Und wer mag schon Haare oder Schuppen in einem Buch finden, das er liest! Man will weiterhin, dass der Text gut leserlich ist. Daher setzte man als Laie, der normalerweise langes Haar trug, eine dicht schließende und kopfumfassende Haube auf, um derartigen Schaden zu verhindern. Man sieht also, dass die Haarhaube eine Schutzfunktion hatte, aber sie schützte ihren Träger nicht vor Umwelteinflüssen, sondern die Umwelt, d.h. die geschriebenen Texte, vor den negativen Einflüssen des Schreibenden bzw. Lesenden.
Den Schritt aus den Schreibstuben in die Öffentlichkeit machte die Coiffe, indem sie an den fürstlichen Höfen Amtstracht wurde und damit amtliches Symbol für Gelehrtheit und für die Klasse der Gelehrten, insbesondere für Schriftgelehrte und Rechtsgelehrten, aber auch Künstler. Sie löste sich von ihrem Dasein in den Schreibstuben als normale Gebrauchskleidung, indem man sich entschied, sie auch in der Öffentlichkeit zu tragen, um zu zeigen, dass Bildung auch ihr Amt hatte. Öffentlich tragen durfte sie aber nur, wer auch das dafür notwendige Amt bekleidete, das jeweils verliehen wurde und mit ihm auch die Haube. Diese Ämter waren damals das des Landschreibers, Stadtschreibers, Kanzlers, Hofschreibers, aber auch die der Rechtsprechung, d.h. der Richter und Advokaten. Dazu kamen sicher auch noch der Hofdichter und Hofgelehrte sowie im juristischen Bereich der Weibel. Die Haube wurde also mit einem Amt verliehen, d.h. es wurde von den maßgebenden Herren festgelegt, wer sie in der Öffentlichkeit als Amtsperson tragen durfte. Die Verleihung der Haube war wie eine Verleihung der Ritterwürde. Es gibt Abbildungen aus dem MA auf denen ganz deutlich zu sehen ist, dass Haubenträger zum Beamtenkreis eines Hofes zählten, sogar zur unmittelbaren Umgebung des Königs. Dies zeigt z.B. die Darstellung einer Krönungszeremonie aus dem zeitigen 14. Jhd. (MS 20, f.68 des Corpus Christi College Cambridge) und die Darstellung König Philipps II. von Frankreich als Kind („Dieu donné“) mit seinen Eltern im Kreise einer Hofgesellschaft (MS 782, fol. 208r aus der „Grandes Chroniques de France” in Paris; um 1271). In beiden Fällen sieht man unter der vornehmen Zeugenschaft um den König herum Leute mit Bundhauben in Form der Coiffe.
Die Haube war somit an den Höfen zum Kennzeichen der schriftkundigen und rechtskundigen Laien geworden, die dort im zunehmenden Maße den Kleriker ersetzten bzw. ihm Konkurrenz machten. Der Kleriker als Schrift- und Rechtskundiger war naturgemäß an seiner Tonsur zu erkennen. Sein kurzes Haar und die Tonsur machten das Tragen einer Haube überflüssig. Der Laie machte sich durch das Tragen seiner Bundhaube als Schriftkundiger bzw. Gelehrter kenntlich und die Haube wurde allmählich zum Standeszeichen des gelehrten Laien. Das ging soweit, dass sogar Könige oder andere hochdotierte Adlige die Haube aufsetzten, um ihre Bildung zu demonstrieren. Das Wort „gelehrt” (ahd. gilerit, 8. Jh.; mhd. geleret, lat. doctus) kommt sehr häufig in der mhd. Literatur vor und im Ahd. gib es sogar einen Pluralausdruck für „Die Gelehrten”: thie gilertun (9. Jh.). Er stand für lat. scribae „Schriftgelehrte”. Das Herkunftsland der Coiffe ist zweifellos Italien. Es gab sie auch schon in Griechenland. Sie kam aus Italien direkt nach Deutschland oder auf dem Umwege über England und Frankreich. Eine solche Haube zu tragen galt in Deutschland als Höfischheit (< mhd. hövescheit).
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Die Coiffe war eindeutig das Symbol der Bildung, nur wurde sie in zwei Lebensbereichen getragen, dem privaten Bereich, d.h. dem häuslichen und/oder dem der Schreibstube, und dem öffentlichen Bereich, d.h. als Amtshaube an den Höfen und den Gerichten. Dort wurde sie zum Zeichen des öffentlichen Amtes von einer bestimmten vorgesetzten Stelle verliehen. Damit hatte sie natürlich einen ambivalenten Charakter angenommen, d.h. sie war aus dem Status der Hauskleidung in den Status der Öffentlichkeitskleidung übergegangen. Das hatte natürlich zur Folge, dass sie in der Öffentlichkeit nur noch von den entsprechenden Amtspersonen getragen werden durfte und das öffentliche Tragen als Hauskleidung verboten wurde. Wer es dennoch tat, der wurde als Angeber betrachtet und/oder als Anmaßender. Somit haben Neidhart und Wernher recht, wenn sie derartige Träger der Haube als Sprenzelaere (Angeber) bezeichnen. Daher auch die Wut der Bauern, die am Schluss des Helmbrecht die Haube völlig zerreißen. Entweder aus Wut über die Anmaßung Helmbrechts oder weil sie in der Haube ein Kennzeichen für Gerichtsdiener sehen und ihnen die Gerichte verhasst waren, da sie oftmals den Bauern um seine Rechte betrogen. Vom Richter und seinen Schergen wurde die Haube Helmbrechts geachtet und nicht angerührt. Die Haarhaube wurde somit zum Symbol weltlicher Bildung und stand der Tonsur als Symbol der geistlichen Bildung gegenüber. Adlige setzten oftmals in der Öffentlichkeit, wenn sie eine Coiffe trugen, einen Hut darüber. Auch für die Bundhaube als Haarhaube gibt es, neben den bereits o.g. Beispielen, eine Reihe von Darstellungen in der ma. Buchmalerei. Als eine der ältesten lässt sich das Bild Königs Manfred von Sizilien, des Sohnes Kaiser Friedrichs II, auffassen, auf dem ein Hofbeamter, wahrscheinlich der Leiter der Schreibstube, der eine Haarhaube trägt, ihm das fertiggeschriebene Falkenbuch überreicht, wobei der König selbst auch eine solche Haube unter seiner Krone trägt (in einer Handschrift der Bibliothek des Vatikans).
Eine weitere Quelle ist das Liederhandbuch Cantigas de Santa Maria von Alfons X. von Castilien (1221 - 1284), wo zahlreiche adlige Musiker Bundhauben aufhaben, wahrscheinlich, um sie von gewöhnlichen Musikanten zu unterscheiden, d.h. um sie als Mitglieder des Hofes zu kennzeichnen. Alfonso der Weise versammelte im 13. Jahrhundert an seinem Königshof in Kastilien die besten Wissenschaftler, Philosophen und Künstler seines Reiches. Juden, Moslems und Christen erschufen u.a. eine vierbändige Sammlung von Liedern, die Cantigas de Santa Maria. Besonders gute Beispiele für die Darstellung der Coiffe findet man in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse). So ist z.B. auf Blatt 383r "Meister Konrad von Würzburg" der Meister mit einem kleinen Schreiber, der eine solche Haube auf hat, zu sehen, oder auf Blatt 362r "Rudolf der Schreiber" der Meister ebenfalls mit einem kleinen Schreiber. An diesen Darstellungen erkennt man, dass die Haube in den Schreibstuben ihren Ursprung hatte und dort auch noch alltäglich aufgesetzt wurde. Wahrscheinlich lag der Unterschied der Hauben in ihrer Qualität. Von größerer Bedeutung sind die Träger der Haube auf Blatt 364 r "Meister Gottfried von Straßburg" und auf Blatt 84v "Ulrich von Winterstetten". Sie tragen die Haube schon öffentlich als das Standesabzeichen für den Gelehrten und Dichter. Selbst der große Dante (1265 bis 1321) wird mit einer Haarhaube dargestellt, die aber noch von einer anderen Kopfkleidung bedeckt wird. Ob nun die Maler den dargestellten Personen von sich aus eine Haube aufgesetzt haben, obwohl diese eine solche nie getragen haben, oder diese Personen tatsächlich eine solche Haube trugen, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Auf jeden Fall erkennt man aber, das sie in der
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Haube ein symbolisches Element gesehen haben.
Eine solche Haarhaube, aber mit der Besonderheit zusätzlich noch bestickt zu sein, bekommt nun der junge Helmbrecht von einer Nonne geschenkt. Sie bedankt sich damit für die Hilfe der Helmbrechts, die sie ihr nach ihrer Flucht aus dem Kloster gewährt hatten. Damit beginnt die ganze Geschichte. Dieses Geschenk verändert des jungen Helmbrechts ganzes Leben, schafft eine völlig neue Situation. Es lässt ihn von zu Hause aufbrechen und zum Schluss lassen die Bauern ihre Wut an ihr aus. Wernher beschreibt das in V. 14 f.: „ in eine hûben er ez vienc (das Haar), diu was von bilden waehe. ich waen ieman gesaehe sô manegen vogel ûf hûben: siteche unde tûben die waren al dar ûf genâht.” [in einer Haube er es fing (das Haar), die war von Bildern schön. Ich glaube noch keiner hat so viel Vögel auf einer Haube gesehen: Sittiche und Tauben, die waren alle darauf genäht"]. Dann fügt er hinzu (V. 109 f.): „ die nâte ein nunne gemeit. diu was durch ir hövescheit ûz ir zelle entrunnen” [die nähte eine hübsche Nonne, die war durch ihre Höfischheit aus ihrer Zelle entronnen]. Literarisch zur Sprache kommt das Haubenthema zum ersten Mal in den Liedern Neidharts von Reuenthal. Wernher kannte ihn, denn er geht lobend auf den Dichter ein (V. 217 f.): „her Nîthart, und solde er leben, dem hêt got den sin gegeben, der kune ez iu gesingen baz dan ich gesagen”. [Herr Neidhart, wäre er noch am Leben, dem hat Gott die Kraft gegeben, könnte es besser singen als ich]. Es lässt sich daher annehmen, dass er das Motiv der Haube von Neidhart übernommen und modifiziert hat. Diese Meinung haben schon Friedrich Panzer, Wilhelm Braune und Edmund Wiessner vertreten. Die betreffenden Strophen, genannt "Hildemarstrophen", finden sich im Winterlied 29 Neidharts. Nachdem er sich in WL 29/V über das Verschwinden der Angeber (mhd. sprenzelaere) auf dem Tullnerfeld gewundert hat, wobei er das nur gut heißt, da ihn deren Eigenwertschätzung und ihre langen Haare stören, fährt er in WL 29/VI am Beispiel des Hildemar im kritischen Tone fort: „Der treit eine hûben, diu ist innerthalp gesnüeret und sint ûzen vogelin mit siden uf genât. dâ hât manic hendel sîne vinger zuo gerüeret, ê si sî gezierten: daz mich niemen liegen lât. er muoz dulden mînen vluoch, der ir ie gedâhte, der die sîden und daz tuoch her von Walhen brâhte.” [Der trägt eine Haube, die ist innerhalb geschnürt und außen sind seidene Vögelchen darauf genäht. Dafür haben viele Hände ihre Finger gerührt bis sie fertig war: dass mich keiner Lügner heißt. Der muss meinen Fluch dulden, der sie erfunden hat und die Seide und das Tuch aus Walhen brachte].
Er kritisiert an der Haube, dass sie mit bunten Vögeln bestickt ist, was er kindisch findet. Vielleicht will er ihren Träger damit auch nur lächerlich machen und dichtet sie ihm an, um zu zeigen, dass er Flausen im Kopf hat. Er geht sogar soweit, sie zu verfluchen, da diese Art der Hauben, der Stoff und die Seide, aus Walhen (Frankreich und/oder Italien) stammen, also ein Modeimport sind. Hier tritt Neidhart für die eigene Landesssitte ein, da man offenbar eigenständig bleiben möchte und hinter solchen Importen das Machtstreben fremdländischer Kräfte wittert. Offenbar war das Tragen dieser Hauben in Österreich noch nicht allgemein Sitte geworden, das traf mehr auf die westlichen Bereiche Deutschlands, z.B. die Rheingegend, zu. Diese Strophen Neidharts zeigen eine deutliche Aversion bzw. Abneigung des Dichters zu langen gelockten Haaren, der Haube und ihren Trägern. Sie sind ihm ein Symbol der Überheblichkeit und des Aufsteigerwillens und er verurteilt und verspottet sie, ja verflucht sie sogar. Er hasst offenbar das Streben der Jugend nach Höfischheit und Individualität und legt sie als Überheblichkeit aus.
Arbeit zitieren:
Diplom-Chemiker Klaus Richter, 2009, Die neue Geschichte vom jungen Helmbrecht (Teil 1), München, GRIN Verlag GmbH
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