Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. Annäherung an den Begriff der Ökonomisierung des Sozialen. 3
Teil I: Zur Ökonomisierung des Sozialen/Analyse der Makroebene 5
2 Ursachen der Ökonomisierung 5
2.1 Globalisierung 5
2.2 Neoliberalismus. 5
2.3 Demografischer Wandel. 6
2.4 Erosion traditioneller sozialer Netzwerke 7
2.5 Europäische Union und Ökonomisierung 8
3 Paradigmenwechsel innerhalb der Sozialstaatlichkeit 9
3.1 Vom Wandel der Wohlfahrtsstaatlichkeit 9
3.2 Von der Verteilung zur Aktivierung 10
3.2.1 Dekommodifizierung und Keynesianischer Wohlfahrtsstaat. 10
3.2.2 Aktivierung und neoliberale Sozialpolitik 12
3.3 Dependenzen - Sozial- und Wirtschaftspolitik. 13
3.4 Soziale Gerechtigkeit in der ökonomisierten Sozialpolitik. 14
Teil II: Zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit/Analyse der Meso- und Mikroebene 15
4 Soziale Dienste im Wandel/Ökonomisierung als Entwicklungskatalysator? 15
4.1 Soziale Dienste in der Kritik 15
4.2 Ökonomisierung und Soziale Dienste 16
4.2.1 Gesetzliche Verankerung der Ökonomisierung 16
4.2.2 New Public Management und Neues Steuerungsmodell 17
4.2.3 Aktivierung und Prävention als Modernisierungsstrategie 18
4.2.4 Strategisches Management und Qualitätsmanagement 19
4.3 Fachliche Ziele der Sozialen Arbeit im Kontext der Ökonomisierung. 20
4.4 Chancen und Risiken der zunehmenden Ökonomisierung für die ProfessionSoziale
Arbeit. 23
5 Kritische Betrachtung der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit/„Professionalität“
versus „Managerialismus“? 25
6 Zusammenfassung. 30
Anhang 31
Literaturverzeichnis. 32
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1 Einleitung. Annäherung an den Begriff der Ökonomisierung des Sozialen
Soziale Arbeit stand seit ihren professionellen Anfängen vor der Herausforderung, ihren Beitrag für das Gemeinwesen legitimieren zu müssen. Dieser Prozess hat sich seit ca. dem Ende der 1980er Jahren durch die Verknappung öffentlicher Mittel verschärft 1 , und es entbrannte eine kontroverse Diskussion zwischen den Positionen „Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit“. Die Vertreter der fachlich-ethischen Argumentation sehen ihre Adressaten 2 mit deren sozialen Problemlagen im Vordergrund und dass diese eine fachlichprofessionelle Hilfestellung benötigen. 3 Die Verfechter einer ökonomischen Linie versuchen, „Hilfebedarfe insgesamt zu definieren und dann nach möglichst effizienten Formen zur Deckung dieser Bedarfe zu fragen“. 4 Im Fokus steht auf der einen Seite die ethisch-moralische Verpflichtung, den bedürftigen Menschen zu helfen, auf der anderen Seite stehen die produkthaften Leistungen. König sieht in beiden Argumentationssträngen dieselben Kernaussagen impliziert, mit der Zielsetzung der bestmöglichen Lösung für die sozialen Problemlagen. 5 Aber ist das tatsächlich so? Geht es hier noch um die Adressaten oder nur noch um Kostenreduktion - auch um den Preis einer schlechteren Qualität Sozialer Arbeit? Der oben angesprochene Prozess wird in der Fachliteratur als zunehmende Ökonomisierung des Sozialen beschrieben und „(...) steht für die Vereinnahmung professionseigener Konzepte durch fachfremde Kräfte und Einflüsse aus dem Bereich der Ökonomie. Das äußert sich in der Weise, dass Professionelle einer ökonomisierten Sozialen Arbeit nicht mehr so agieren können, wie sie es aufgrund ihrer fachlichen Expertisen eigentlich sollten“. 6 In diesem Kontext ist Kessl hervorzuheben, der 2005 das Themenfeld Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit systematisierte und vier Dimensionen von zentraler Bedeutung markierte: 1. Unter „Ökonomisierung“ wird ein Prozess der Invasion fachfremder Anschauungen im sozialen Bereich verstanden. 7
Soziale Arbeit als transdisziplinäre Handlungswissenschaft 8 wird seit ihrer Inauguration von unterschiedlichen Bezugswissenschaften beeinflusst. Arnegger und Spatscheck befürchten, dass die Wirtschaftswissenschaften zu einer Form der
1 vgl. Puch/Westermeyer 1999, S. 11 ff.
2 In dieser Hausarbeit wird aus Gründen der Einfachheit die männliche Sprachform gewählt.
3 vgl. König 2007, S. 14
4 ebd., S. 14
5 vgl. ebd., S. 14 f.
6 Arnegger/Spatscheck 2008, S. 9
7 vgl. Kessl 2005, S. 1118
8 vgl. Erath 2006 und Staub-Bernasconi 2007
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Leitwissenschaft für die Sozialarbeit und Sozialpädagogik werden könnten und andere wissenschaftliche Aspekte an Bedeutung verlieren. 9
2. In apodiktischer Form wird die Ökonomisierung, d. h. der zunehmende wirtschaftliche Einfluss auf die Soziale Arbeit, als zwingende Notwendigkeit betrachtet, um sich adäquat an die Veränderungen, die mit den Prozessen des freien Marktes zusammenhängen, anpassen zu können. 10
3. Unterschiedliche Vertreter betrachten die Ökonomisierung als überfälliges betriebswirtschaftliches Umdenken in der Sozialen Arbeit. Ihre Arbeit wird als nicht ausreichend effektiv und effizient eingeschätzt, dies aufgrund einer nicht erfolgreichen Bürokratie und der Überbetonung verwaltungsbezogener Fachlichkeit. 11 4. Die Ökonomisierung ist vor dem Hintergrund zunehmender Einflussnahme des neoliberalen Modells auf die ökonomischen Abläufe und die sozialstaatliche Doktrin zu betrachten. Die Relevanz der neoliberalen Denkweisen ist nicht auf das nationale Level zu beschränken, sie hat eine europäische, ja globale Dimension erfahren. 12
Die vorliegende Hausarbeit trägt den Titel „Zur Ökonomisierung des Sozialen“ und nicht „… der Sozialen Arbeit“, denn es geht zunächst um die oben beschriebenen globale Einflüsse auf das Soziale und die dahinterliegenden Kontexte. Diese weltweiten Veränderungen sollen im zweiten Kapitel illustriert werden. Ihre Bedeutsamkeit für die Sozialpolitik, die einer neoliberalen Wende unterworfen ist, d. h. der Paradigmenwechsel innerhalb der Sozialstaatlichkeit, wird im dritten Kapitel beschrieben. Im vierten Abschnitt werden unter dem Blickwinkel der Träger der Sozialen Arbeit und der praktischen Arbeit mit den Adressaten die Umbrüche dargestellt, denen die Soziale Arbeit durch die oben genannten Prozesse unterliegt. In den letzten Absätzen werden potenzielle Wege im Umgang mit den negativen Erscheinungen der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit skizziert, es werden aber auch die Chancen betrachtet, die diese Umbrüche mit sich bringen. Insgesamt erfolgt eine Analyse der Markoebene unter der Perspektive der Globalisierung, des Neoliberalismus und der Sozialstaatlichkeit (Teil I) sowie eine Untersuchung der Auswirkungen des Paradigmenwechsels der Sozialstaatlichkeit auf der Meso- und Mirkoebene Sozialer Arbeit. Auch die Veränderungen im Bereich der Anbieter sozialer Leistungen und der sozialarbeiterischen Fallarbeit (Teil II) werden also in den Blick genommen.
9 vgl. Arnegger/Spatscheck 2008, S. 9 f.
10 vgl. Kessl 2005, S. 1118 und Arnegger/Spatscheck 2008, S. 10
11 vgl. Kessl 2005, S. 1118 und Arnegger/Spatscheck 2008, S. 10
12 vgl. Kessl 2005, S. 1118 und Arnegger/Spatscheck 2008, S. 10
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Teil I: Zur Ökonomisierung des Sozialen/Analyse der Makroebene
2 Ursachen der Ökonomisierung
2.1 Globalisierung
Die postulierte Notwendigkeit der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit wird in der Fachliteratur im Zusammenhang mit den im Folgenden beschriebenen Prozessen betrachtet, die sich gegenseitig bedingen.
Die so genannte „Globalisierung“ erhält in diesem Diskurs eine entscheidende Bedeutung. In einem eng gefassten Sinne versteht man unter Globalisierung die weltweiten globalen wirtschaftlichen Prozesse und Aktivitäten, 13 d. h. es handelt sich hierbei eine weltweite Transformation der ökonomischen Systeme. 14 Weiter gefasst verweist der Terminus der Globalisierung auf eine „Intensivierung wissenschaftlich-technischer, ökonomischer, politischer und kultureller Beziehungen (...), welche die Besonderheit aufweisen, nationalstaatliche Grenzen zu überschreiten und - zumindest in der Tendenz nach - auch zu überwinden“. 15 Diese Entwicklung geht mit einer deutlichen Zunahme der finanziellen und kommunikativen Aktivitäten einher, die ohne die „mikro-elektronische Revolution“ 16 nicht erklärbar wäre. Durch den schnellen Datenverkehr im Internet und die mobile Telefonie wurde eine schnelle und permanente globale Erreichbarkeit ermöglicht. Die Globalisierung wäre aber ohne die sinkenden Kosten bei der genannten Kommunikation, beim Transport der Waren und den Energiepreisen zwischen den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht erklärbar. Die zunehmend fallenden Handelsbarrieren haben diesen Prozess ebenfalls drastisch beschleunigt. 17 Die Effekte der globalen Umwälzungen führen nach Arnegger und Spatscheck zu einer sukzessiven „Neugestaltung der lokalen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Kontexte in den einzelnen Nationalstaaten (...)“. 18 Diese Einflüsse auf das Soziale sollen im Kapitel 3 vertieft werden.
2.2 Neoliberalismus
Im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Sozialen muss auch die zunehmende Verbreitung des neoliberalen Wirtschaft- und Politikmodells betrachtet werden. Foucault setzte sich in seinen Schriften mit zwei unterschiedlichen Richtungen des Neoliberalismus
13 vgl. Dederich 2005, S. 3
14 vgl. Arnegger/Spatscheck 2008, S. 11
15 Butterwege u. a. 2005, S.45
16 vgl. Gaitanides 2000, S. 126
17 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung
18 Arnegger/Spatscheck 2008, S. 11
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auseinander, zum einem mit der Chicagoer Schule, zum anderen mit dem deutschen Nachkriegsliberalismus 19 . Er leitete daraus zwei Unterscheidungen gegenüber den frühliberalen Konzeptionen ab. „Anders als in der klassisch-liberalen Rationalität definiert und überwacht der Staat nicht länger die Markfreiheit, sondern der Markt wird selbst zum organisierenden und regulierenden Prinzip des Staates. (...) Zwar bindet auch der Neoliberalismus die Rationalität der Regierung an das rationale Handeln der Individuen; er sucht jedoch das rationale Prinzip für die Regulierung des Regierungshandelns nicht mehr in einer natürlichen Freiheit, die es zu respektieren gilt, sondern findet es in einer künstlich arrangierten Freiheit: dem unternehmerischen Verhalten der ökonomisch-rationalen Individuen.“ 20 Eine positive ökonomische und soziale Entwicklung hänge, simplifizierend ausgedrückt, mit dem ungehinderten freien Markt und Wettbewerb zusammen. Der Staat solle sich diesbezüglich zunehmend zurückziehen.
In den 1980er und 1990er Jahren setzte zunächst unter dem Begriff des „Neokonservatismus“, später unter dem des „Neoliberalismus“ eine zunehmend hörbare Kritik an der Wohlfahrtsstaatlichkeit ein mit der Forderung, sozialstaatliche Ausgaben abzubauen. Als Vertreter galten in den USA Reagan, in Großbritannien Thatcher und in der Bundesrepublik Deutschland Graf Lambsdorff. Bereits 1982 sprach sich Letztgenannter für drastische Kürzungen in den Sozialleistungen aus. 21 Think Tanks, wie der „Kronberger Kreis“, die Bertelsmann Stiftung oder die „Initiative Neue Soziale Markwirtschaft“ tragen zur Verbreitung des neoliberalen Modells bei und bemühen sich z. T. erfolgreich um eine neoliberale Prägung von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medienlandschaft. Neoliberale Ideen beeinflussten auch weltweite Machtzentren, wie die Welthandelorganisation (WTO) und den Internationalen Währungsfonds (IWF). 22 Kritisch zu werten ist aus der Sicht der Sozialen Arbeit, verstanden als Menschenrechtsprofession 23 , die Subordination der Sozial- und Menschenrechte unter die Privateigentumsrechte des Einzelnen im Neoliberalismus.
2.3 Demografischer Wandel
Die Ökonomisierung des Sozialen ist auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels zu betrachten. Dieser ist mit dem starken Geburtenrückgang in Westdeutschland nach 1964 zu erklären. In Ostdeutschland kam es erst nach der Wiedervereinigung zu einer demografischen
19 Wird auch als Freiburger Schule oder Ordoliberalismus bezeichnet.
20 Bröckling u. a. 2000, S. 15
21 vgl. Opielka 2008, S. 88
22 vgl. Arnegger/Spatscheck 2008, S. 13
23 vgl. International Federation of Social Workers (IFSW)
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Krise mit einer dramatischen Verringerung der Geburten. Dies stand auch im Zusammenhang mit einer Senkung der Heiratsquoten. Zwischenzeitlich hat sich die Geburtenquote in Ost-und Westdeutschland angeglichen. 24 Als Ursachen für den gesamtdeutschen Geburtenrückgang werden von Geißler folgende Aspekte formuliert: „1. Funktions- und Strukturwandel der Familie (...) 2. ‚Emanzipation‘ und ‚Enthäuslichung‘ der Frau (...) 3. Die mangelnde Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen (...) 4. Konsumdenken und anspruchsvoller Lebensstil (...) 5. Strukturelle Rücksichtslosigkeit (...) 6. Scheu vor langfristigen Festlegungen (...) 7. Emotionalisierte und verengte Paarbeziehungen (...) 8. Zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Kinderlosigkeit (...) 9. Gestiegene Ansprüche an die Elternrolle (...) 10 Rationalisierung und Familienplanung (...) 11. Die ungünstige Wirtschaftslage und die Arbeitslosigkeit (...)“. 25 Ein weiterer bedeutender Aspekt des demografischen Wandels ist die sukzessive gestiegene Lebenserwartung, die eine Kohärenz zu den positiven Entwicklungen in Medizin, Hygienestandards und Gesundheitsvorsorge zeigt.
Beide Teilprozesse führen zu einer deutlichen Alterung der Gesellschaft. Diese Tendenz wird sich nach heutigen Prognosen fortsetzen 26 , mit den Folgen, dass sich die Ausgaben für die medizinischen, pflegerischen und sozialen Versorgungen sukzessive steigern werden, d. h. die sozialen Sicherungssysteme, insbesondere die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen werden in ihrer heutigen Form voraussichtlich nicht mehr finanzierbar sein. 27
2.4 Erosion traditioneller sozialer Netzwerke
Von der letztgenannten Entwicklung werden die professionelle Soziale Arbeit und die Träger sozialer Dienstleistungen nicht nur marginal betroffen sein. Das Wegbrechen von finanziellen Ressourcen wird die Handlungsspielräume Sozialer Arbeit begrenzen und die oben genannte Bewegung in Richtung Ökonomisierung fördern.
Dieses Faktum steht den gesellschaftlichen Bedürfnissen nach Hilfestellungen zur Bewältigung sozialer Problemlagen diametral gegenüber. Das Aufgabenspektrum einer Sozialen Arbeit wird durch das sukzessive Wegbrechen traditioneller sozialer Netzwerke
24 vgl. Geißler 2006, S. 44 ff.
25 Geißler 2006, S. 48 f.
26 vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland
27 vgl. Floren 2007, S. 47 ff.
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meiner Auffassung nach noch wachsen. Die Pluralisierung der Lebensformen mit den Kennzeichen der Zunahme von Ein-Personen-Haushalten, insbesondere im hohen Lebensalter, der kinderlosen Paare etc. haben zu einer Ablösung der traditionellen „Normalfamilie“ mit ihrem Prinzip der Reziprozität in Krisenzeiten geführt. In diesem Kontext bekommt die Individualisierungstheorie von Beck eine besondere Bedeutung. Zunehmender Wohlstand in den westlichen Industrienationen, vermehrte Freizeit und Mobilität, höheres Bildungsniveau haben den Menschen seit den 1960er Jahren mehr individuelle Freiräume geschaffen. Nach Beck können, müssen Menschen aber auch individueller handeln, da sie sich immer weniger an bestimmten traditionellen Vorbildern, wie Familie, Religion, Schicht etc., orientieren können. „Die individualisierten Einzelnen können sich einerseits darüber freuen, dass sie autonomer und freier sind als zuvor. Anderseits sind die Einzelnen den Gefahren der Anomie (Norm- und Orientierungslosigkeit) mehr denn je ausgesetzt. Wer frei ist, kann sich leicht verirren.“ 28 Meiner Einschätzung nach ist dies ein Nährboden für vielfältige soziale Problemlagen, der aber durch die immer prekärer werdende Finanzlage mithilfe Sozialer Arbeit nicht mehr im ausreichenden Maße gedeckt werden kann. „Durch den gesellschaftlichen Individualisierungsprozeß erodieren die traditionellen sozialen Selbsthilfenetze. Sie müssen durch professionelle Dienste ersetzt werden.“ 29
2.5 Europäische Union und Ökonomisierung
Pfaffenberger hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Auswirkungen für die Sozialstaatlichkeit im Allgemeinen und für die Soziale Arbeit im Besonderen durch die Europäische Union vor dem Hintergrund der oben bereits skizzierten Globalisierungs- und Internationalisierungsprozesse zu bewerten sind. 30
In den europäischen Wohlfahrtsstaaten lässt sich bei allen Differenzen in einzelnen Aspekten eine Tendenz zur Modernisierung ihrer Institutionen beobachten. Die Veränderungen sind insbesondere durch neoliberale und angebotsorientierte Aspekte geleitet. Dieser Prozess wird als „Dritter Weg“ (Giddens) bezeichnet. Giddens ging es darum, einen Weg zwischen dem Neoliberalismus britischer Ausprägung (Thatcherismus) und der Sozialdemokratie zu begehen und die konstruktiven Teile beider Politikrichtungen zu integrieren. 31 Kennzeichen dieser Prozesse sind u. a.:
28 ebd., S. 73
29 Gaitanides 2000, S. 126
30 vgl. Pfaffenberger 2002, S. 82 ff.
31 vgl. Giddens 2000
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• Haushaltskonsolidierung
• Senkung der Steuer- und Abgabenlast zur Förderung des Wettbewerbes
• Sukzessiver Rückzug des Staates aus der Ökonomiesteuerung
• Senkung der Lohnnebenkosten.
Es handelt sich nach Dahme und Wohlfahrt um Umbau-, Abbau- und Rückbaustrategien mit der Zielsetzung der Modernisierung des Sozialstaates. Die steigenden Kosten für Wohlfahrtsleistungen und die Funktionsprobleme der sozialen Institutionen stehen deutlich in der Kritik und werden als das Grundproblem für geringeres wirtschaftliches Wachstum und für gesellschaftliche Weiterentwicklungen identifiziert: 32 „(...) der Um- und Rückbau des Sozialstaats findet dabei unter der Losung statt, dass in Zeiten der Globalisierung bzw. Europäisierung der Sozialstaat auch weiterhin zur Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts gebraucht wird; aus Wettbewerbsgründen mit anderen Wirtschaftsstandorten dieser Welt müssten aber Leistungstiefe und Finanzierung neu organisiert werden“. 33 Dieser Umbau der Sozialstaatlichkeit in Europa kann als Paradigmenwechsel deklariert werden, der dadurch gekennzeichnet ist, dass sich die Prämisse von einem marktkorrigierenden zu einem aktivierenden Staat gewandelt hat 34 (siehe Kapitel 3). Die Ökonomisierung, unter europäischer Perspektive betrachtet, ist ohne die Freizügigkeitsregelungen der Europäischen Union nicht zu verstehen. Durch die Dienstleistungsrichtlinie ist in Zukunft mit europäischen Konkurrenten auf den inländischen Sozialmärkten zu rechnen. 35
3 Paradigmenwechsel innerhalb der Sozialstaatlichkeit
3.1 Vom Wandel der Wohlfahrtsstaatlichkeit
Dahme und Wohlfahrt prognostisieren ein Ende des „goldenen Zeitalters“ des Wohlfahrtstaates 36 alter Prägung. Doch was ist ein „Wohlfahrtsstaat“ und welche Tendenzen zeigt die neue Sozialstaatskonzeption?
Grundsätzlich lassen sich zwei Strömungen zur normativen Begründung von Sozialpolitik in der wissenschaftlichen Literatur finden.
32 vgl. Dahme/Wohlfahrt 2004, S. 24 ff.
33 Dahme/Wohlfahrt, S. 2
34 vgl. Dahme/Wohlfahrt 2004, S. 24 f.
35 vgl. Gaitanides 2000, S. 126
36 vgl. Dahme/Wohlfahrt, S. 1
In dieser Arbeit werden entsprechend dem internationalen Sprachgebrauch die Termini „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“ synonym gebraucht. Opielka hat zwar daraufhin gewiesen, dass hinter den Begriffen unterschiedliche Konzeptionen stehen, er verwendet sie in seiner wissenschaftlichen Arbeit aber ebenfalls synonym.
9
1. Sozialpolitik wird redistributiv erklärt. Der Sozialstaat nimmt marktkorrigierende Funktionen wahr.
„Sozialpolitik zielt darauf ab, die wirtschaftliche und soziale Situation von benachteiligten Personengruppen zu verbessern bzw. den Eintritt einer systematischen Benachteiligung zu verhindern.“ 37
2. Effizienztheoretische Überlegungen haben Vorrang vor dem Prinzip der Umverteilung.
„The major efficiency role of social institutions makes them relevant to the population at large, not just to the poor. The welfare state is much more than a safety net; it is justified not simply by any redistributive aims one may (or may not) have, but because it does things which private markets for technical reasons either would not do at all, or would do inefficiently. We need a welfare state of some sort for efficiency reasons, and would continue to do so even if all distributional problems had been solved.” 38 Insgesamt wird in der Auseinandersetzung um die Sozialstaatlichkeit, um deren Berechtigung, der erstgenannte Ansatz als nicht mehr adäquat betrachtet, dies vor dem Hintergrund der in Kapitel 2 genannten globalen Veränderungen. Im Vordergrund neuerer Legitimationsdiskurse steht eine Sozialpolitik mit folgenden Prinzipien:
• investiver Charakter
• Entwicklung oder Wiederherstellung von „employability“
• Ausbau von Human- und Sozialkapital. 39
„In dem Maße, in dem sich die Begründungsmuster weg von verteilungspolitischen hin zu effizienz- und wachstumstheoretischen Argumenten verschieben und sozialpolitische Maßnahmen entsprechend konzipiert werden, kommt es zu einer Ökonomisierung der Sozialpolitik.“ 40
3.2 Von der Verteilung zur Aktivierung
3.2.1 Dekommodifizierung und Keynesianischer Wohlfahrtsstaat
In der Wissenschaft hat sich für den ersten beschriebenen Typus der Begriff des „Keynesianischen Wohlfahrtsstaates“ etabliert, mit der dominanten Eigenschaft der „Dekommodifizierung“. Hierunter wird in der komparativen Wohlfahrtsstaatsforschung folgender Sachverhalt verstanden: „Der Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung zeichnet sich
37 Badelt/Österle 2001, S. 1
38 Barr 2004, S. 409
39 vgl. Rothgang/Preuss 2008, S. 32 f.
40 ebd., S. 33
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dadurch aus, dass er seinen Bürgern im Laufe seiner Entwicklung soziale Staatsbürgerrechte eingeräumt hat, die sie im Fall von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Behinderung materiell absichern sollen. Gewöhnlich sind elementaren Sicherungsrechte nicht an erworbene Ansprüche oder irgendwelche zu leistenden Gegenleistungen gekoppelt. (...) Der Sachverhalt der Dekommodifizierung beschreibt die Möglichkeit, (nach Bedarfsprüfung) sich den Marktkräften entziehen und auch ohne Erwerbsarbeit sein Auskommen haben zu können“. 41 Dass der Wohlfahrtsstaat alter Couleur für die soziale Gerechtigkeit in Gesellschaften von großer Bedeutung war, ist allgemein unbestritten. „Historisch ist der Wohlfahrtsstaat entstanden, um die als inakzeptabel empfundenen Verteilungswirkungen kapitalistischer Ökonomien redistributiv zu korrigieren. Ähnlich war der Sozialstaat auch beim Wiederaufbau einer leistungsstarken Volkswirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg unverzichtbar (...) Sozialpolitik hat in diesem Kontext eine kompensatorische Funktion und kann als Problemlöser verstanden werden.“ 42 Zwischenzeitlich wird der Keynesianische Wohlfahrtsstaat nicht mehr nur als Problemlöser, sondern zunehmend als Problemverursacher identifiziert. Wird in der Tradition des Wohlfahrtsstaates das Prinzip der Dekommodifizierung noch als Intervention gegen die soziale Exklusion betrachtet, so sehen neoliberale Kritiker den Sozialstaat eben als Ursache für diese Exklusion und setzten auf den radikalen Abbau von Sozialstaatsleistungen. Die in Europa sich zunehmend durchsetzende „neusozialdemokratische Orientierung“ hat die neoliberale Kritik am „alten“ Konzept des Wohlfahrtsstaates aufgegriffen. Die neuen „Sozialdemokraten“ teilen die Kritik hinsichtlich der Passivierungseffekte der sozialen Sicherungssysteme und der Auffassung der besonderen Potenz des Arbeitsmarktes, der als gesellschaftlich bedeutende integrative Kraft gewertet wird. 43
Folgende ausgewählte Kritikpunkte am Keynesianischen Sozialstaat lassen sich zusammenfassen:
• Sozialstaatliche Leistungen fördern die Passivität (negativer Arbeitsanreiz)
• Unfinanzierbarkeit der sozialstaatlichen Leistungen in der bisherigen Ausbreitung aufgrund des demografischen Wandels
• Sozialleistungen sind mit sozialen Rechten verbunden. Den Leistungsempfängern werden aber keine Pflichten abverlangt.
41 Dahme/Wohlfahrt, S. 1
42 Rothgang/Preuss 2008, S. 31
43 vgl. Mohr 2007, S. 217
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• Wohlfahrt ohne Arbeit (Gegenleistung) (welfare without work) ist langfristig nicht bezahlbar, da die Sicherungssysteme in der Bundesrepublik Deutschland überwiegend über lohnabhängige Arbeit finanziert werden. 44
Der Keynesianische Wohlfahrtsstaat befindet sich in einer Gerechtigkeitskrise, da er eine Tendenz zum kumulativen Gerechtigkeitsausgleich inne hat. „(...) aufgrund von Problemen der Markt- und Wettbewerbsgesellschaft entstünden soziale Bedürftigkeiten, die politisch legitimiert und zu einer Anspruchsberechtigung führten; dadurch entstünde systemimmanent eine Gerechtigkeitslücke zwischen
Anspruchsberechtigten und Nicht-Anspruchsberechtigten, die nun wiederum ihrerseits (angesichts des egalitären Gerechtigkeitsanspruchs des Wohlfahrtsstaates) einen Ausgleich der entstandenen „Bedürftigkeitsdifferenz“ nach sich ziehen würde, um keine Gruppe zu benachteiligen.“ 45
• Nach den neoliberalen Denkern wie Hayek und Friedmann ist der Sozialstaat verantwortlich für das Untergraben von Liberalität. Der Wohlfahrtsstaat wird mit Kollektivismus, Zwangsstrukturen und Planwirtschaft in Zusammenhang gebracht. Im Gegensatz dazu verspricht ein kapitalistisches Wettbewerbssystem eine Rechtsstaatlichkeit, Liberalität und Wohlstand für alle. 46
• Soziale Ungleichheit wird unter neoliberalen Denkern als gegeben hingenommen, z. T. als notwendige Konsequenz wirtschaftlichen Handelns. 47
• Das Soziale ist für neoliberale Denker ein Nebenprodukt. Im Zentrum der wohlfahrtsstaatlichen Aktivitäten steht ein effizienter ökonomischer Kreislauf.
3.2.2 Aktivierung und neoliberale Sozialpolitik
Der Kritik sind zwischenzeitlich Taten gefolgt, d. h. der Sozialstaat befindet sich in einer Veränderungsphase, Dahme und Wohlfahrt sprechen von einer „Modernisierungsphase“. Fundamentale neoliberale Politik fordert einen schlanken Staat mit einer residualen Sozialstaatlichkeit. Diese konnte sich in Europa zwar nicht radikal durchsetzen, im Gegensatz zum angloamerikanischen Raum, aber einzelne, ja bedeutsame neoliberale Kernthesen, finden sich auch im so genannten „Dritten Weg“ 48 , einer unter sozialdemokratischer Leitung geprägten Reform der Sozialstaatlichkeit in Europa. 49 „Der ‚Dritte Weg‘ verfolgt ähnlich wie der ‚schlanke Staat‘ den Abbau und Umbau des Wohlfahrtsstaates; in Staat und Gesellschaft
44 vgl. Dahme/Wohlfahrt, S. 1 f.
45 ebd., S. 2
46 vgl. Butterwege 2006, S. 11 f.
47 vgl. ebd., S. 12
48 vgl. Giddens 2000
49 vgl. Dahme/Wohlfahrt 2005, S. 9 f.
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sollen auf den verschiedensten Ebenen Markt- und Wettbewerbselemente eingebaut werden, um deren Effizienz angesichts der Globalisierung zu steigern; (...) Der Staat investiert - so sein heutiges Selbstbild - in die employabilty (Beschäftigungsfähigkeit) seiner Bürger und Sozialtransfers sollen deshalb investiven Charakter haben und weniger konsumtiven Zwecken dienen (...). Andererseits will der neue Sozialstaat auch diejenigen aktivieren, die nicht (mehr) am Wirtschaftsleben teilnehmen und sie wieder dem Arbeitsmarkt zuführen (…).“ 50 Die Bundesregierung veröffentlichte 1999 ihr neues sozialpolitische Credo, 51 das Grundzüge eines aktivierenden Staates aufzeigt, die nachfolgend skizzenhaft wiedergegeben werden:
• Der aktivierende Staat als Aktivator und Motivator möchte die Selbstregulierungspotenziale der Gesellschaft fördern,
• Bürgerengagement und Ehrenamt sollen gestärkt werden,
• Aktivierungen des Einzelnen werden intensiviert,
• Ausbau der Bürgerbeteiligung,
• Modernisierung der Verwaltung durch Einführung von marktorientierten Instrumenten,
• Der aktivierende Staat sieht sich zunehmend in der Rolle des Partners, Impulsgebers und Moderators in der Kooperation zwischen staatlichen, halbstaatlichen und privaten Protagonisten,
• Kernaufgaben des Staates sind die Sicherung der Freiheit und Sicherheit des Bürgers; andere Aufgaben, wie z. B. der sozialen Sicherung werden an Dritte delegiert; der Leistungsstaat wird somit zum Gewährleistungsstaat. 52
3.3 Dependenzen - Sozial- und Wirtschaftspolitik
Um die Dependenzen zwischen der Sozial- und der Wirtschaftspolitik aufzuzeigen, erscheint es notwendig, kurz auf die von Esping-Andersen 53 entwickelte Wohlfahrtsstaatstypologie einzugehen. Er hat auf drei Kriterien zur Differenzierung hingewiesen: auf die Ausprägung der Dekommodifizierung, die Prägung auf die Stratifikation gesellschaftlicher Strukturen sowie auf den Wohlfahrtsmix. In sozialdemokratischen Sozialstaaten dominiert die Sozialpolitik die Wirtschaftpolitik, in Wohlfahrtsstaaten liberaler Prägung ist die Relation genau entgegengesetzt und in den so genannten „konservativen“ Wohlfahrtsstaaten herrscht
50 vgl. ebd., S. 9 f.
51 vgl. Die Bundesregierung 1999
52 vgl. ebd., S. 2 ff. und Dahme/Wohlfahrt, S. 3
53 vgl. Esping-Andersen 1990
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ein Gleichgewicht zwischen beiden Politikfeldern. 54 In der Bundesrepublik Deutschland wie auch in Europa zeigt sich der Trend, wie unter Punkt 3.2 dargestellt, deutlich in Richtung der Wirtschaftpolitik neoliberaler Couleur.
3.4 Soziale Gerechtigkeit in der ökonomisierten Sozialpolitik
Am deutlichsten zeigt sich diese Entwicklung, der Paradigmenwechsel innerhalb der Sozialstaatlichkeit, in der Verabschiedung der so genannten „Hartz-Gesetze“, die mit der Umstrukturierung der Arbeitsverwaltung, der Zusammenführung der Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II sowie der Neugestaltung der Sozialhilfe einherging. Die Kerngedanken dieser neuen Sozialpolitik beschreiben Dahme und Wohlfahrt als eine Hilfe oder, besser ausgedrückt, als eine Investition zur Selbsterziehung durch Exklusionsandrohung („Fördern und Fordern“). 55 „Der aktivierende Staat will der Wahrnehmung von Eigenverantwortung mehr Raum verschaffen, wie auch Raum für bürgerliches Engagement schaffen, durch Rückzug des Staates aus der sozialen Fürsorge. Zu den elementaren Bürgerpflichten gehört vor allem die Pflicht zur Arbeit; wer dieser Pflicht gegenüber der Gesellschaft und ihrem Wohlfahrtsstaat nicht nachkommt, hat mit Sanktionen zu rechnen (…).“ 56 Soziale Gerechtigkeit in dem sich neu anbahnenden Sozialstaat wird im Sinne von Chancengleichheit gesehen. Der egalitäre, verteilungszentrierte Gerechtigkeitsansatzes des Keynesianischen Sozialstaates verliert sukzessive an Bedeutung. „Aktivierungspolitisch gewendete Gerechtigkeitstheorien (...) geht es vor allem darum, Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Effizienz zuerst zu freiheitsfördernden und dann zu wohlfahrtssteigernden Grundwerten zu adeln wie der Durchsetzung der ‚ökonomische Logik‘ (...) - auch über die Marktwirtschaft hinaus - zu dienen.“ 57 Ist dies mit den Grundsätzen 58 der Sozialen Arbeit noch vereinbar? Der aktivierende Staat „investiert“, fördert überwiegend nur noch in gesellschaftlich nützliche Gruppen, die in Zukunft potenziell produktiv sein werden. Aber was ist mit der häufigen Klientel der Sozialen Arbeit, den „Hard-to-reach-Adressaten“, wie z. B. Alten, Kranken und Behinderten? 59 Nach wirtschaftlicher Logik leisten diese gesellschaftlicher Randgruppen keinen produktiven Betrag für die Gesellschaft. Aber dieser rein ökonomischen Betrachtungsweise muss eine Profession, die die Menschenrechte in den Vordergrund ihrer Arbeit stellt, ein soziales Leitbild entgegensetzen. Steinbrück hat im Jahr 2003 als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen in zynischer Form soziale Gerechtigkeit
54 vgl. Wasner 2008, S. 99
55 vgl. Dahme/Wohlfahrt, S. 4 f.
56 Dahme/Wohlfahrt, S. 5
57 ebd., S. 11
58 vgl. International Federation of Social Workers (IFSW)
59 vgl. Dahme/Wohlfahrt, S. 12
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aus der Sicht des Staates skizziert, die allen sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Grundprinzipien widerspricht: „Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für diejenigen zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die - und nur um sie - muss sich die Politik kümmern“. 60
Teil II: Zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit/Analyse der Meso- und Mikroebene 4 Soziale Dienste 61 im Wandel/Ökonomisierung als Entwicklungskatalysator?
4.1 Soziale Dienste in der Kritik
Die Ökonomisierung, wird auch zu einer Veränderung von Wohlfahrtsorganisationen führen und somit auch die konkrete Soziale Arbeit mit ihren Adressaten substanziell modifizieren. 62
Buestrich u. a. markieren zwei Auslöser für die Ökonomisierung sozialer Dienste:
1. Senkung der sozialstaatlichen Ausgaben und Implementierung von
betriebswirtschaftlichen Instrumenten, die den Sozialsektor leistungsfähiger gestalten sollen
2. Verbreitung der Verwaltungsreformbewegung „New Public Management“ (Neues Steuerungsmodell) mit den Zielen der:
Dahinter steht eine Kritik an der bisherigen Art sozialer Dienstleistungen. Meiner Einschätzung nach muss noch ein dritter Auslöser hinzugefügt werden. Neben den genannten ökonomischen Zwängen und Rahmenbedingungen erfolgte auch eine fachinterne Kritik der Sozialen Arbeit, die die Einführung von Managementinstrumenten erleichterte. Merchel hat diese Kritik, die neben der finanziellen Seite auch die Adressaten im Fokus hat, schlagwortartig zusammengefasst:
• Entmündigende Form der sozialen Hilfen
• Geringe Adressatenbeteiligung bei der Wahl der Hilfen
60 Steinbrück 2003, S.18
61 In dieser Arbeit wird der Begriff Soziale Dienste im Sinne von Dahme/Wohlfahrt 2008 verwendet.
62 vgl. Pfaffenberger 2002, S. 92
63 vgl. Buestrich u. a. 2008, S. 1 f.
15
• Mangelnde Flexibilität der sozialen Unternehmen/Lebensweltlicher Hintergrund der Klienten wird bei der Auswahl der Interventionen nicht ausreichend berücksichtigt
• Geringe Transparenz der Institutionen sozialer Dienstleistung/Qualitätskriterien orientieren sich nicht an wissenschaftlichen Erfordernissen
• Geringe dezentrale Strukturen/Strukturen mit fehlender gestufter Verantwortlichkeit
• Geringer Vermittlung zwischen administrativen Organisationsstrukturen und Fachlichkeit.
• Substanzverlust der Fachlichkeit und der weltanschaulichen Leitbilder der Träger Sozialer Arbeit. 64
4.2 Ökonomisierung und Soziale Dienste
4.2.1 Gesetzliche Verankerung der Ökonomisierung
Prinzipiell ist eine zunehmende Tendenz in der Sozialgesetzgebung zu konstatieren, die die privilegierte Position der Träger der Freien Wohlfahrtspflege zunehmend mit der Zielsetzung beendet, „die Trägerlandschaft zu pluralisieren, um ‚Trägerkonkurrenz‘ zu initiieren“. 65 Dieses aus der gesetzlichen Pflegeversicherung entnommene Prinzip der Gleichbehandlung von freigemeinnützigen und privaten Trägern wurde sukzessive in anderen Bereichen der Sozialgesetzgebung fixiert. 1994 wurden in der Novellierung des § 93 des BSHG Wirtschaftlichkeitsregeln für Wohlfahrtseinrichtungen eingeführt. 66 Der Übergang einer im Bereich der Jugendhilfeleistungen angewendeten Zuwendungsfinanzierung hin zu einer Leistungsentgeltfinanzierung wurde Ende der 1990er Jahre im SGB VIII (§§ 77 ff. SGB VIII) festgelegt und veranschaulicht die gesetzlichen Verankerungen einer marktangepassten Tendenz der sozialen Dienstleistungseinrichtungen und der Sozialen Arbeit allgemein. Mit dem § 78 a-g SGB VIII wurde die Möglichkeit eröffnet, die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe aus einer rein wirtschaftlichen Weise zu betrachten. Ursprünglich staatliche Funktionen können auf private Dienste übertragen werden und somit wird sowohl ein Vergleich der Leistungen und Entgelte möglich als auch eine rein ökonomische Steuerung. Die Kinder- und Jugendhilfe muss sich im Rahmen des Wettbewerbsrechts der Europäischen Union auch für europäische Anbieter öffnen. Aus diesem Grund wird die Anzahl der Konkurrenten steigen und es wird zu einem starken Wettbewerb unter den sozialen Dienstleistern kommen. 67 Insgesamt differenziert die Sozialgesetzgebung nicht mehr die
64 vgl. Merchel 2006, S. 65 ff.
65 Buestrich u. a. 2008, S. 41
66 vgl. ebd., S. 41
67 vgl. Arnegger/Spatscheck 2008, S. 18
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Träger der sozialen Einrichtungen, sondern identifiziert nur noch Leistungserbringer. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das „Kontraktmanagement“, ein zentrales „Instrument der Herbeiführung von Auftragsgeber-Auftragsnehmer-Beziehungen (…) zwischen Kostenträgern und Leistungserbringer (…)“. 68 An dieser Stelle sind auch der oben bereits angesprochene § 93 BSHG (Leistungsvereinbarungen) in der Neufassung von 1999 sowie das SGB IX (Festlegung der Leistungs- und Qualitätsvereinbarungen) zu erwähnen. 69 Neben dem im Sozialgesetzbuch verankerten Wettbewerbsgedanken (s. o.) zeigt der § 10 SGB VIII eine Tendenz in Richtung zunehmender Eigenverantwortung im Bereich der Jugendhilfe. In der Begründung zum Gesetz heißt es hierzu: „Durch die Verpflichtung zur Kostenbeteiligung wird dem Grundsatz der Selbsthilfe, der auch für die Jugendhilfe gilt, Rechnung getragen“. 70 Kritisch zu bewerten ist, dass die Adressaten der Jugendhilfe oft Familien sind, die aus einkommensschwachen Kohorten stammen und diese relative Armut oft ein Hemmnis darstellt, entsprechende Leistungen in Anspruch zu nehmen. 71
4.2.2 New Public Management und Neues Steuerungsmodell
Von besonderer Bedeutung bei der Ökonomisierung Sozialer Dienste war das „New Public Management“, eine seit den 1990er Jahren bekannte Staats-und
Verwaltungsreformbewegung, die im kommunalen Sektor als das „Neue Steuerungsmodell“ (NSM) bekannt wurde. Bei dieser kommunalen Verwaltungsmodernisierung stand und steht die Effizienz mit der Einführung von Wettbewerb und marktähnlichen Strukturen in der Verwaltung im Zentrum des Interesses, um letztendlich die Behörde zu einem Dienstleistungsunternehmen zu transformieren. 72 „Damit war ein Maßstab für Verwaltungsänderungen formuliert und durchgesetzt, der bis heute fortwirkt und der sich dadurch charakterisiert, als sei Verwaltungshandeln gleichzusetzen mit unternehmerischen Entscheidungen, die ihre ‚Produkte‘ auf ‚Nachfragemärkten‘ möglichst optimal unterbringen wollen.“ 73 Folgende Ziele werden angestrebt:
• Dezentralisierte Leitungs- und Organisationsstrukturen. Diese werden über Kontrakte gelenkt.
68 Buestrich 2008, S. 41
69 vgl. Buestrich 2008, S.41
70 AGJ 2005, S.142
71 vgl. Arnegger/Spatscheck 2008, S. 18
72 vgl. Buestrich 2008, S. 42 ff.
73 ebd., S. 43
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Zur Realisierung dieses Zieles werden sukzessive folgende Instrumente eingesetzt: Kontraktmanagement, Budgetierung, dezentrale Fach- und Ressourcenverantwortung, zentrale Steuerungs- und Controllingfunktionen
• Inputsteuerung (Steuerung über jährliche Haushaltspläne) wird durch Outputsteuerung (ergebnisbezogene Steuerung) substituiert. Grundlage bilden hier die strategischen Ziele.
• Implementierung von verwaltungsinternem Wettbewerb über Qualitätsmanagement, Orientierung am Kunden und Zielvereinbarungsgespräche zur Motivierung der Verwaltungsangehörigen. 74
Neben der oben beschriebenen Binnenmodernisierung der Verwaltung hat die Reformbewegung des NSM auch zum Ziel, das Verhältnis zwischen öffentlichen und freien/privaten Trägern über die Installierung von Leistungsvereinbarungen
(Kontraktmanagement) zu verändern und letztlich damit zu einer Außenmodernisierung beizutragen. „Die Modernisierungsstrategie des Kontraktmanagements dient (...) überwiegend der Verfestigung der Anbieterstruktur zum Zwecke der Kostenersparnis. Im Rahmen des Kontraktmanagements versucht der öffentliche Träger, die eigene Leistungserstellung zu privatisieren bzw. über Sozialraumbudgets und Leistungsverträge eine überprüfbare und in der Kostenentwicklung kontrollierbare Leistungserbringung durchzusetzen.“ 75
4.2.3 Aktivierung und Prävention als Modernisierungsstrategie
Veränderungen, die mit den Begriffen „Aktivierung“ und „Prävention“ verbunden sind, werden auch die Rahmenbedingungen bei der Erstellung von sozialen Leistungen verändern. Im aktivierenden Sozialstaat erhalten die Prävention und das bürgerliche Engagement eine besondere Funktion. Diesbezüglich brachliegende Ressourcen sollten künftig genutzt werden, um letztlich ebenfalls Kosten bei den professionellen Hilfeleistungen zu sparen. 76 Die Enquetekommission „Zukunft der Städte in NRW“ konstatiert zwar, dass das bürgerliche Engagement mehr als ein Substitut für fehlende Sozialstaatsausgaben sein soll, aber das folgende Zitat zeigt das eigentliche, dahinterliegende Interesse: 77 „Gerade in Zeiten finanzieller Restriktionen der öffentlichen Kassen gewinnt die aktive Mithilfe der Bürger eine neue Qualität. Es zeichnet sich zunehmend ab, dass Gemeinwesen ohne die Hilfe des Einzelnen keine Zukunft mehr hat. (...) Für die Kommunen gilt, das freiwillige Engagement zu
74 vgl. ebd., S. 43 ff.
75 Dahme u. a. 2005, S. 54
76 vgl. Dahme u. a. 2005, S. 54
77 vgl. Buestrich u. a. 2008, S. 55 ff.
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fördern, zu pflegen und zu honorieren“. 78 Skepsis scheint in diesem Zusammenhang jedoch angebracht, insofern als das bürgerliche Engagement als Substitut von notwendigen institutionellen Hilfestellungen instrumentalisiert wird. Natürlich ist die Stärkung des bürgerlichen Engagements von Bedeutung. Beispielhaft soll auf eine Studie von Boesch und Meyer über positive Effekte sozialer Reziprozität hingewiesen werden, doch auch diese zeigt Grenzen. Organisierte Nachbarschaftshilfe zeigt einen positiven Befund von sozialer Vernetzung und kritischen Lebensereignissen/Krisen. Bei chronischen Krisen, Belastungen ließen sich jedoch keine positiven Effekte beobachten, da die Betroffenen nicht erwidern können, d. h. organisierte Nachbarschaftshilfe beruht auf Gegenseitigkeit. In diesem Falle sind Formen des Linking Kapitals 79 als Ausdruck institutioneller Hilfe und Strukturen unersetzlich. „Verweise auf grundlegende Veränderungen bestehender institutioneller Strukturierungen, wie sie die wohlfahrtsstaatliche Moderne prägten, dürften nicht dazu führen, die Relevanz institutioneller Sozialkapitalressourcen insgesamt zu vernachlässigen. Denn diese stellen das entscheidende Scharnier für einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Typen des Sozialkapitals dar.“ 80
4.2.4 Strategisches Management und Qualitätsmanagement
Aus dem oben beschriebenen sozialstaatlichen Paradigmenwechsel und den damit veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen waren und sind insbesondere die klassischen Wohlfahrtsorganisationen tangiert und gezwungen, ihr verbandliches Handeln entsprechend neu auszurichten. Auf der Verbandsebene wurde die strategische Steuerung, das strategische Management, eingeführt und sukzessive auch in den einzelnen Organisationen implementiert. Dabei hat das Qualitätsmanagement eine hervorgehobene Stellung erhalten. „Durch die flächendeckende Implementierung von Qualitätssicherungsinstrumenten wollen die Wohlfahrtsverbände die verschiedenen Verbandsfunktionen, die durch den
sozialwirtschaftlichen Transformationsprozess teilweise in Gegensatz zueinander geraten, dauerhaft integrieren. Qualitätsmanagement umfasst deshalb sowohl eine Dienstleistungs- als auch eine wertbezogene Komponente. (…) Qualitätssicherung wird damit tendenziell zum Instrument der Erzeugung identifizierbarer Markenzeichen konkurrierender Großunternehmen.“ 81
78 Enquetekommission NRW 2004, S. 264
79 Eine nähere Definition des Terminus „Linking Kapital“ (eine Form des Sozialen Kapitals) kann in dieser Arbeit nicht erfolgen. vgl. Deloie 2009.
80 Kessel/Otto 2004, S. 14
81 Dahme u. a. 2005, S. 83 f.
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Neben der Einführung von Qualitätsmanagementkonzepten haben die Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege den Modernisierungs- und Anpassungsprozess mit dem Ziel, sich in soziale Unternehmen zu transformieren, durch folgende Strategien initiiert:
• Neugliederung der Geschäftsfeldpolitik
„Ziel der sozialwirtschaftlichen Modernisierung ist es, Organisationsformen zu schaffen, die die Leistungen so organisieren, dass sie den jeweiligen ‚Marktanforderungen‘ genügen.“ 82
• Entwicklungstendenz zu größeren Organisationen über Schaffung von Netzwerken, neue Kooperationsformen und Fusionen
• Steigerung der Flexibilität durch Auslagerung von Betriebsteilen und Gründung neuer Rechtsformen
• Auswirkungen auf die Personalwirtschaft zur Reduktion von Kosten durch Personalabbau, Veränderung des Personalschlüssels, Absenkung der Lohnkosten, Arbeitsverdichtung, Einsatz von geringer qualifizierten Hilfskräften, Erweiterung der Arbeitszeit usw. 83
4.3 Fachliche Ziele der Sozialen Arbeit im Kontext der Ökonomisierung
In der kontroversen Debatte um die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit werden, wie bereits in der Einleitung aufgezeigt, Positionen dargestellt, die auf den ersten Blick einen Ausschlusscharakter haben. Betrachtet man aber die Geschichte der Sozialen Arbeit, insbesondere der Sozialarbeit, mit ihren Wurzeln in der Armenfürsorge 84 , bestand seit Beginn ihrer Professionalisierung eine enge Verbindung zur Ökonomie. Staub-Bernasconi stellte diesbezüglich fest: „Umso erstaunter war ich, bei der Aufarbeitung der professionellen Anfänge Sozialer Arbeit vor rund 100 Jahren fast ausschliesslich auf sozialwissenschaftlich orientierte Ökonominnen und Ökonomen zu stossen. Die einen fragten nach der Wirtschaftlichkeit der Klientel und sprachen vom Versagen in der Erwerbs-, Konsum- und Investitionsrolle. Die anderen fragten nach den Bedingungen und Folgen von unerfüllten und
- infolge Mangels an Ressourcen - unerfüllbaren Bedürfnissen und menschengerechten Gesellschaftsstrukturen“. 85
Den Zusammenhang zwischen der Ökonomie und der Sozialen Arbeit hat Wendt treffend mit dem Titel eines Beitrages formuliert: „Wirtschaften müssen wir allemal. Ökonomie ist kein
82 Dahme u. a. 2005, S. 95
83 vgl. Dahme u. a. 2005, S. 93 ff. und Buestrich u. a. 2008, S. 101 ff.
84 vgl. Schillings 2005, S. 17 ff.
85 Staub-Bernasconi 2000, S. 136
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Gegner - Soziale Arbeit hat sie nötig“. 86 Soziale Arbeit, insbesondere in ihrer therapeutisch orientierten Einzelfallarbeit, hat sich selten während der Hochphase des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates Gedanken um ihre finanzielle Ausstattung gemacht. Umso heftiger traf sie die Ökonomisierung ihrer Arbeit mit den oben beschriebenen Prinzipien der ökonomischen Effizienz und der Wirksamkeit. 87 Auf der anderen Seite ist es eine der Kernaufgaben jeglicher professioneller Sozialer Arbeit, Not leidende Menschen dabei zu unterstützen, sich mit ihren knappen materiellen Ressourcen zu arrangieren und zu lernen, auch mit den diesbezüglichen Grenzen zurecht zu kommen. Richmond hat bereits im frühen 20. Jahrhundert in ihrer Veröffentlichung „Social Diagnosis“ 88 darauf hingewiesen, dass der ökonomische Aspekt der Klienten eines besonderen Augenmerks bedarf. In diesem Kontext wird jedoch deutlich, dass auch sozial Tätige wirtschaftlich haushalten müssen und ihre Arbeit angesichts schwindender finanzieller Mittel 89 den neuen ökonomischen Verhältnissen anpassen müssen. Inwiefern diese Adaptionsleistung an die Ökonomisierung immer zum Wohle des Klienten ist oder mehr der eigenen finanziellen Existenz, der ökonomischen Absicherung des sozialen Unternehmens und letztlich dem Sozialstaat dient, bleibt dahingestellt. Der Auffassung von Spatscheck folgend ist es eine ständige Herausforderung, die fachlichen Standards mit den wirtschaftlichen zu verknüpfen, ohne diese zu verlieren. 90 Folgende Aspekte beeinflussen nach Spatscheck die Soziale Arbeit nicht nur marginal: • Accountability
In diesem Zusammenhang ist der Begriff der „outputorientierten Steuerung“ von Bedeutung. Durch eine marktangepasste Steuerung sollen öffentliche Aufgaben kontrolliert werden, sodass eine realistische Marktsituation geschaffen wird, um einen nicht effizienten Gebrauch von finanziellen Ressourcen zu verhindern. Es entsteht jedoch nur ein Quasimarkt, da eine höhere Nachfrage nicht erwünscht wird. Die Träger der Sozialen Arbeit werden so in die Lage gebracht, sich profilieren und professionalisieren zu müssen. Die Angebote der Sozialen Arbeit richten sich mehr danach, was sich wirtschaftlich lohnt, und weniger nach den Adressatenbedürfnissen. Folgende Tabelle von Spatscheck zeigt den Wandel von sozialen Institutionen durch die Output-Steuerung:
86 Wendt
87 vgl. Staub-Bernasconi 2000, S. 136 f.
88 vgl. Richmond 1917
89 Zu Recht hat Staub-Bernasconi darauf hingewiesen, dass die geringen finanziellen Haushaltsmittel politisch gewollt sind. Diese Argumentation wird im Zusammenhang mit der Anpassung der Nationalökonomie an die Globalisierung der Wirtschaft benötigt. Es stellt sich als hiermit die Frage, ob die Kassen so „leer“ sein müssten oder ob eine neue „Verteilungspolitik“ nicht zur Sanierung der öffentlichen Mittel beitragen könnte.
90 vgl. Spatscheck
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Wandel in Organisationen und Kontrolle professioneller Dienste: 91
• Aktivierung
Das neue Aktivierungsparadigma der Sozialpolitik kann für die konkrete Soziale Arbeit mit ihren Adressaten aus der Sicht der fachlichen Standards günstige, inklusionsfördernde Aspekte beinhalten, aber sie kann auch zur Exklusion ihrer Klientel beitragen. Die positive Aktivierung zeichnet durch eine langfristige Ausrichtung an den Bedürfnissen der Adressaten aus, an der Förderung von persönlichen Potenzialen sowie der Erarbeitung von Entwicklungsperspektiven. Letztlich geht es um eine Förderung von Emanzipation. Die negative Aktivierung orientiert sich an wirtschaftlichen Interessen, an Empowermentstrategien, ohne die Emanzipation des Klienten zu beachten; ferner geht es mehr um eine Selbstunterordnung der Adressaten. Nach Spatscheck besteht durch letztgenannte Interventionen die Gefahr der „Exklusionsverwaltung“, einer Tendenz zur Disziplinierung der Adressaten der Sozialen Arbeit ohne eine re-integrative Perspektive. 92
• Prävention
Nach Spatscheck werden z. T. viele Finanzmittel in präventive Maßnahmen investiert, zur Reduktion von sozialen Problemlagen, wie beispielsweise Sucht oder Kriminalität, da ein öffentlicher Wunsch besteht, sich handlungsfähig zu präsentieren. Prävention als ordnungspolitisches Instrument wird funktionalisiert und zeigt folgende Gefahren
91 Spatscheck 2005
92 vgl. Spatscheck
22
auf:
„-Dominanzkultur mit wünschenswerten/nicht wünschenswerten Lebensformen,
- Stigmatisierung: ‚Präventionsbedürftige‘ als potentielle Gefahrenträger/
- Ursachen bleiben erhalten und die Wirkung ist nicht belegbar. -Ausweg: Herstellung von Bedingungen für eine optimale Kultur des Aufwachsens und einer kultivierten und demokratischen Zivilgesellschaft (…)“. 93
4.4 Chancen und Risiken der zunehmenden Ökonomisierung für die ProfessionSoziale Arbeit
Die Chancen, die sich aus der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit ergeben, werden wie folgt beschrieben:
• Professionalisierung der Sozialen Arbeit
Durch die Einführung von Qualitätsmanagementverfahren wurde u. a. auch die Soziale Arbeit gezwungen, ihre Tätigkeit, d. h. ihre Konzepte, Methoden, Ziele, auf Brauchbarkeit zu überprüfen. „Durch die Institutionalisierung von Feed-Back-Verfahren - wie z. B. die systematische Beachtung des Regelkreises von Konzeptentwicklung - Planung - Umsetzung - Auswertung - und gegebenenfalls Revision des Konzeptes - können starre Handlungsroutinen aufgebrochen und innovative Lernprozesse eingeleitet werden.“ 94 In diesem Zusammenhang ist auf die zunehmende Evaluierung der Sozialen Arbeit hinzuweisen, die zum einem aus der Verwaltungsmodernisierungsbewegung des New Public Management entstanden ist. Die Evaluation wird hier als ein Instrument zur Leistungsmessung eingesetzt, als Folge der Implementierung des strategischen Managements. „Mit Blick auf die Sozialverwaltung und den sozialen Dienstleistungssektor muss man heute einen Großteil der Evaluationsforschung als Teil des Strategischen Controllings betrachten (…)“ 95 . Zum anderen sei auf die Debatte über die evidenzbasierte Praxis 96 hingewiesen.
Staub-Bernasconi hat daraufhin gewiesen, dass es auch Lernchancen für die Soziale Arbeit gibt. Bei der Auseinandersetzung mit der Wirtschaft beispielsweise kann der „ökonomische Analphabetismus überschritten werden, „(…) das heisst die Aneignung von Wissen darüber, woher das Geld kommt, welchen sozioökonomischen
93 Spatscheck 2005
94 Gaitanides 2000, S. 127
95 Buestrich u. a. 2008, S. 50
96 vgl. Hüttemann 2006
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Gesetzmässigkeiten es unterworfen ist, wie es von wem nach welchen privatwirtschaftlichen wie sozialpolitischen Regeln verteilt wird bzw. werden soll und wie es zu beschaffen und zu verwalten ist“. 97
• Dienstleistungsorientierung
Soziale Arbeit richtet ihr Profil passgenauer, durch den oben beschriebenen Prozess, auf die Bedürfnisse ihrer Adressaten aus. Dies führt zu höheren Annahme der Sozialen Arbeit (Akzeptanz), Abbau von Schwellenängsten, Steigerung der Effektivität, da die soziale Arbeit ein intersubjektives Beziehungsgeschehen darstellt und der Klient sich durch die Prozesse der Modernisierung ernst genommen fühlt. Auf seine Rückmeldung wird systematischer eingegangen. 98
• Legitimationsdefizite werden abgebaut.
Durch die vermehrte Kundenorientierung und durch die Qualitätsprüfungsverfahren können die Defizite bezüglich der Rechtfertigung Sozialer Arbeit verringert werden. 99
• Wettbewerb und Konkurrenz führen zu einem Ausbau von sozialen Dienstleistungen. 100
• Sorgsamerer Umgang mit finanziellen Ressourcen 101 Neben den Chancen werden in der Literatur aber auch negative Auswirkungen der Ökonomisierung aufgeführt:
• Bürokratischer Regelungsaufwand durch Qualitätsmanagement-Prozesse
• Qualitätsmanagement trifft keine ausreichenden Aussagen über die reale Qualität des Geprüften.
• Standardisierung der Sozialen Arbeit steht zunehmend in der Kritik. Die sozialarbeiterische Beziehungsgestaltung lässt sich nicht mit materiellen Dienstleitungen vergleichen. „Die Suche nach standardisierten Indikatoren z. B. rückt die soziale Beziehungsarbeit in die Nähe fachlich längst verworfener medizinischer Indikationsmodelle.“ 102
• Qualitätsabsenkungen durch Einsparungen 103
• Negative Auswirkungen auf das Personal Zunehmende Arbeitsverdichtung, demotivierende Eingruppierungen, Qualifikationsabsenkung
97 Staub-Bernasconi 2000, S. 143 f.
98 vgl. Gaitanides 2000, S. 127
99 vgl. ebd., S. 127 f.
100 vgl. ebd., S. 128
101 vgl. Gaitanides 2000, S. 128
102 ebd., S. 128
103 vgl. ebd., S. 129 f.
24
• Die genannte Tendenz der Ökonomisierung Sozialer Arbeit kann nach Boessenecker 104 zu einer sozialen Ungleichheit der sozialen Dienstleistungsqualität führen mit folgenden Konsequenzen:
- zunehmende Notfallversorgung
- Renaissance der Armenfürsorge (ehrenamtlich)
- Leistungserteilung nach dem Kriterium der Erfolgsaussichten
- höherwertige soziale Dienstleistung nur noch über Zuzahlung
- traditionelle Wohlfahrtsverbände sollen keine Chance gegen die Privatanbieter sozialer Leistungen haben. 105
5 Kritische Betrachtung der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit/„Professionalität“
versus „Managerialismus“?
Die Ökonomisierung der sozialen Organisationen und der Sozialen Arbeit ist wie bisher dargestellt ein Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist und weiter fortschreiten wird. Die Diskussionslinie um diesem Sachverhalt, der die Soziale Arbeit nicht nur marginal verändern wird, erfolgt dabei zwischen den Polen der „Professionalität“ und des „Managerialismus“, häufig mit in einem ideologischen Feindbilddiskurs seitens der Fachkräfte der Sozialen Arbeit oder mit einer unkritischen Heilserwartung bezüglich der Implementierung von Managementkonzepten in Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Beide Seiten, wie Sommerfeld und Haller zu Recht zeigen, sind zurückzuweisen. Wie sollte jedoch eine moderne, wissenschaftlich orientierte Soziale Arbeit mit diesen Umbrüchen umgehen, um einerseits ihre Professionalität im Sinne ihrer Adressaten weiterzuentwickeln und sich andererseits den ökonomischen Zwängen anpassen zu können? In diesem Zusammenhang ist eine Forschungsarbeit oben genannter Autoren von besonderem Interesse, die unterschiedliche Strategien in der Handhabung der geschilderten Problematik illustrieren. Sommerfeld und Haller veröffentlichten im Jahr 2003 in der Zeitschrift „Neue Praxis“ die Forschungsergebnisse einer Studie in einer Schweizer Organisation der Sozialen Arbeit zur Entwicklung der Organisationskultur, eben vor dem Hintergrund des oben beschriebenen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Wandels und dessen Einflusses auf die sozialen Organisationen. Von besonderem Interesse waren dabei der Umgang der Mitarbeiter mit den Veränderungen sowie der Einfluss auf die Zusammenarbeit und damit letztlich auf die Organisationskultur. Dabei zeichnete sich auf der Führungsebene eine Typologie der Handlungsorientierung in einem Kontinuum zwischen Tradition und neoliberaler
104 vgl. Boessenecker 1999
105 vgl. Gaitanides 2000, S. 131
25
Modernisierung ab. Im Umgang mit den beschriebenen Spannungsfeldern „Professionalität“ versus „Managerialismus“ kristallisierten sich bei den Führungskräften drei Haupttypen heraus: 106
• Der neo-liberale Modernisierer
Das Paradigma dieses Typus ist die markt-, wettbewerbs- und bedürfnisorientierte Dienstleistungsunternehmung, d. h. er richtet sein Handeln nach den ökonomischen (neoliberalen) Prinzipien aus. „Indem der moderne Sozialstaat mehr Wettbewerb unter vergleichbaren Organisationen ermöglicht, gilt es, die Dienstleistung permanent weiterzuentwickeln. Über inhaltliche Kriterien wird jenseits der Bedürfnisorientierung nicht weiter nachgedacht. Entsprechend der Marktorientierung und der ökonomischen Rationalität gelten für den Erfolg ausschliesslich externe, ökonomische Kriterien.“ 107
• Der Traditionalist
Auf der Gegenseite zum erstgenannten Typus steht der Traditionalist. Spatscheck 108 bezeichnet diesen Typus als „Bewahrer“ des Sozialstaates alter Couleur, der seine Tätigkeit rein fachlich ausrichtet und bewertet. Die ökonomische Rationalität wird instrumentalisiert. „Die ökonomische Rationalität, die sich u. a. in den Kennzahlen manifestiert, wird ausschliesslich als Vehikel verstanden, mit dem man Grundlagen schafft, um die inhaltlichen Zielsetzungen realisieren zu können. Er setzt Kennzahlen beispielsweise instrumentell ein, um Ressourcen zu erschliessen (…).“ 109
• Der professionelle Modernisierer
Dieser Typus strebt einen Ausgleich zwischen der Professionalität Sozialer Arbeit und dem Managerialismus an. „Der Staat wird als notwendiger Garant für die Aufrechterhaltung einer wertbasierten Gesellschaftsordnung verstanden.
Insbesondere die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit und darauf bezogen die Bereitstellung von Unterstützung für diejenigen, die an den Rand und in prekäre Lebenslagen geraten sind, wird im Zusammenhang mit dem modernen Sozialstaat gesehen, dessen Abbau daher als Problem betrachtet wird. Zugleich wird die Modernisierung des Staates bzw. der Verwaltung als Chance verstanden und begrüßt, als Chance für den Staat selber, seine Position gegenüber dem Markt zu behaupten
106 vgl. Sommerfeld/Haller 2003, S. 61 ff.
107 ebd., S. 69
108 vgl. Spatscheck
109 Sommerfeld/Haller 2003, S. 72
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oder wieder zu stärken, und als Chance für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit (…).“ 110
Auf der Ebene der Mitarbeiter zeigt sich ein ähnliches Verhalten bzw. Kontinuum wie bei den Leitungspersonen. Das Spektrum der Verhaltensweisen liegt zwischen Tradition und moderner Professionalität. Beobachtet wurden:
• Passives Leiden unter den neuen Gegebenheiten, die als Bedrohung betrachtet werden. Häufig erfolgt eine innere oder tatsächliche Kündigung.
• Pragmatismus. Anpassen an die neuen Rahmenbedingungen.
• Aktiver Widerstand mit der Tendenz, die Professionalität defensiv zu verteidigen, oder mit offensiver Professionalität. Beide Seiten sehen in der Ökonomie ein „Feindbild“. Als Machtmittel wird die Intransparenz der Arbeit gezielt eingesetzt.
• Aktive Mitgestaltung. Die mit der Ökonomisierung einhergehenden, Organisationsveränderungen werden als Chance für die Professionalisierung gewertet. 111
Aus den Forschungsergebnissen ziehen die Autoren folgende Schlüsse, die meines Erachtens in der Diskussion um die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit hilfreich sein können:
• Die Ökonomisierung der Sozialen Organisationen bietet Chancen, die Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu fördern. Die „traditionelle“, antiprofessionelle Kultur wird durch die genannten Prozesse hinterfragt. Nach Ansicht der Autoren hat dies die Kritik seitens der Wissenschaft der Sozialen Arbeit an den „verkrusteten“ Strukturen der Praxis Sozialer Arbeit in 30 Jahren nicht ändern können. Meiner Auffassung nach bringt jetzt jedoch auch die Veränderung der Hochschullandschaft mit der Implementierung der Bachelor- und Masterstudiengänge die Möglichkeit, Veränderungen zu fördern, vor allem durch vermehrte Forschungstätigkeit insbesondere in Hinblick auf die Effektivität des sozialarbeiterischen Handelns. Die Praxis Sozialer Arbeit kann so professionalisiert und Intransparenz abgebaut werden. Handlungsorientierend für die Soziale Arbeit sollte nicht allein der gesunde Menschenverstand sein, sondern die „Best Practice“ sollte evidenzbasiert, theorie- und methodengeleitet sein. „Die zukünftige Entwicklung der Sozialen Arbeit wird also wesentlich davon abhängen, inwieweit es gelingt, Formen von Organisationskulturen zu entwickeln, die nach innen einerseits dem individuellen professionellen Handeln genügend Autonomie
110 ebd., S. 75
111 vgl. Sommerfeld/Haller 2003, S. 81
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lassen, und andererseits genügend Integration erreichen, um die Autonomie gegenüber der Umwelt aufrecht erhalten zu können.“ 112
• Durch die veränderten Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit sind Anpassungen zum einen bei den Führungskräften der Sozialen Arbeit notwendig. Die neuen Rollenanforderungen können folgende Aspekte beinhalten: „Projektentwicklung im Sinne professioneller Innovation, Kulturentwicklung im Sinne einer lernenden professionellen Organisation, Strategieentwicklung im Sinne der Gewährleistung professioneller Autonomie der Organisation“. 113 Die Autoren stellen die berechtigte Frage, ob die Führungskräfte der Sozialen Arbeit durch die Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit genügend auf diese Anforderungen vorbereitet werden. Zum anderen wird auch die Frage gestellt, ob die Fachkräfte der Soziale Arbeit für ihre Tätigkeit in Organisationen ausreichend geschult werden: „Oder bilden wir Personen aus, die systematisch persönliche Freiheit mit professioneller Autonomie verwechseln und defensiv ihr eigenes Gärtchen beackern, anstatt mit einem professionellen Habitus die Interessen der Sozialen Arbeit und ihrer Klientinnen und Klienten zu vertreten“? 114
• Sommerfeld und Haller verweisen im Hinblick auf die Forschungsergebnisse darauf, dass die Position der sozialen Organisationen gegenüber den Leistungsträgern und dem poltisch-administrativen Bereich im Verlauf der genannten Entwicklungsprozesse eher an Gewicht gewonnen hat. Man hätte eher die gegenteilige Variante, d. h. die Schwächung der Position im Verhältnis zu den „Käufern der Leistungen“ vermuten können. „Mit der Notwendigkeit strategisch zu denken, wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Bewusstsein entsteht, dass sich sowohl Professionen als auch Organisationen in einem durch Macht strukturierten, vielschichtigen gesellschaftlichen Prozess befinden (…) Das Fallbeispiel zeigt auch, dass es durchaus gelingen kann, Kriterien des politisch-administrativen Systems und die Kommunikation mit ihm durch professionelle Werte und Inhalte zu strukturieren und dadurch sogar an Einfluss im Hinblick auf die Zieldefinitionen (…) zu gewinnen.“ 115 Der idealtypische Vertreter im Umgang mit den Umbrüchen der Sozialen Arbeit, der einen notwendigen Selbsterhalt, aber dennoch Weiterentwicklung der Profession und auch Anpassungsleistungen an die geänderten ökonomischen Rahmenbedingungen fordert, scheint der professionelle Modernisierer zu sein. Er könnte Vorbild für die Tätigen der Sozialen
112 ebd., S. 85
113 ebd., S. 85
114 ebd., S. 86
115 Sommerfeld/Haller 2003, S. 86
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Arbeit sein, aber auch für die Adressanten, denen in der Beratungsarbeit auch Prozesse der Anpassung an die veränderten äußeren Bedingungen abverlangt werden. Zwei Gefahren müssen bei der notwendigen Anpassung an die Ökonomisierung, wie die Autoren richtig anmerken, jedoch beachtet werden. Dies ist zum einen die Gefahr des Managerialismus in Reinkultur, der das professionelle sozialarbeiterische Handeln behindern würde, zum anderen die drastische Kürzung der Mittel für den Sozialsektor, die dadurch das fachliche Handeln ebenfalls verunmöglichen würden, weil „(…) die Problemlösekapazität der Sozialen Arbeit unter ein kritisches Niveau (…)“ 116 sinken würde. Einen aktiven Beitrag der Sozialen Arbeit an diesem sozialpolitischen Diskurs halten die Autoren, und diese Position teile ich ebenfalls, allerdings für notwendig. „Niemand hält die Soziale Arbeit davon ab, sich aktiv in den gesellschaftlichen Prozess einzumischen, in die Definition dessen, was gut und gerecht ist, also die gesellschaftliche Semantik mitzugestalten.“ 117
116 ebd., S. 87
117 ebd., S. 87
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6 Zusammenfassung
Die Analyse des Themenfeldes Ökonomisierung des Sozialen erfolgte auf der Makroebene über die Skizzierung der Entstehungsbedingungen, mit den Teilaspekten der Globalisierung der Ökonomie, des demografischen Wandels, der Erosion traditioneller sozialer Netzwerke und den Folgen der Europäisierung. Besondere Beachtung fanden der zunehmende politische Einfluss des neoliberalen Denkens und seine Wirkung auf die europäische und bundesrepublikanische Sozialstaatlichkeit. Der neoliberale Wandel der Sozialstaatlichkeit wird als Paradigmenwechsel identifiziert, der den Weg vom Keynesianischen zum aktivierenden Sozialstaat maßgeblich angestoßen hat. In diesem Bereich wurden die Dependenzen der Sozialpolitik von der Wirtschaftspolitik sowie die implizit veränderten sozialen Gerechtigkeitskonzeptionen aufgezeigt. Auf der Meso- und Mikroebene wurden die Konsequenzen für die Sozialen Organisationen und für die Praxis Sozialer Arbeit dargestellt. Die Ökonomisierung fand einen „Niederschlag“ in der Sozialgesetzgebung, der die Unternehmen zunehmend zur Implementierung von strategischem Management und Qualitätsmanagement zwingt, u. a. bedingt durch die Einführung des Wettbewerbsgedankens. Besondere Bedeutsamkeit erlangt in diesem Zusammenhang das New Public Management und das Neue Steuerungsmodell. Die Ökonomisierung der sozialen Dienste stellt auch eine besondere Herausforderung für die Praxis Sozialer Arbeit und deren fachliche Ziele dar und birgt Chancen wie Risiken. Der Prozess der Ökonomisierung kann ein konstruktiver Ansporn zur weiteren Entwicklung der Professionalität Sozialer Arbeit sein, insofern eine kreative, kritische und notwendige Anpassung an die beschriebenen Tendenzen erfolgt, ohne die Werte der Sozialen Arbeit zur Disposition zu stellen. Ein aktiver Beitrag der Sozialen Arbeit im sozialpolitischen Diskurs erscheint im Interesse der Professionalität und der Adressaten dringend geboten.
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Anhang
Abb. 1: Die Ursachen der Ökonomisierung des Sozialen und ihre Wechselwirkungen (Eigene Darstellung)
Literaturverzeichnis
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Arnegger, M./Spatscheck, C.: Der Begriff Ökonomisierung im Kontext der Sozialen Arbeit -Die Vermessung eines umkämpften Terrains. In: Spatscheck, Ch./Arnegger, M./Kraus, S. Mattner, A./Schneider, B. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Ökonomisierung. Analysen und Handlungsstrategien. Berlin 2008.
Badelt, C./Österle, A.: Grundzüge der Sozialpolitik - Allgemeiner Teil: Sozialökonomische Grundlagen. 2. Auflage. Wien 2001.
Barr, N.: Economics of the Welfare State. 4 th Edition. London 2004.
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Diplom-Sozialarbeiter Dario Deloie, 2009, Zur Ökonomisierung des Sozialen, München, GRIN Verlag GmbH
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