1 Zur Person
Helmut Schelsky wurde am 14. Oktober 1912 in Chemnitz geboren und verstarb am 24. Februar 1984 in Münster.
Er war einer der führenden deutschen theoretischen und empirischen Soziologen. Er absolvierte ein Studium der Philosophie, der Soziologie, der Geschichte und der Germanistik.
Er war Mitglied der Sturmabteilung (SA) und Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und versuchte sich an der Entwicklung von Lehrplänen für die „Hohe Schule“ der NSDAP zu beteiligen.
1938 bis 1940 lebte er in Königsberg (Kaliningrad), wo er 1939 habilitierte (Thomas Hobbes, eine politische Lehre) und zum Universitätsdozenten wurde. 1943 wurde er zum außerordentlichen Universitätsprofessor der Soziologie und Staatsphilosophie an der Universität Straßburg in Frankreich berufen. Diese Stelle trat er jedoch nicht an. In der Zeit von 1945 bis 1960 lebte er in Hamburg und war in der Zeit von 1945 bis 1948 Leiter des Suchdienstes des „Deutschen Roten Kreuzes“, den er auch selbst gegründet hat. 1953-1960 war er Ordinarius (Professor der Soziologie) an der Universität Hamburg. In seiner Anfangszeit in Münster, wo er von 1960 bis 1984 lebte, war er ebenfalls Ordinarius (Universität in Münster) und Direktor der Sozialforschungsstelle in Dortmund (1960-1965). Dort holte er Niklas Luhmann zu sich. Ab 1965 war er Planungsbeauftragter des Kultusministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen für die Universitäten in Ostwestfalen. Er gründete in Bielefeld die einzige Fakultät für Soziologie der Bundesrepublik Deutschland und war von 1970 bis 1973 Ordinarius. Ab 1973 war er Professor für Rechtssoziologie an der Juristischen Fakultät der Universität Münster und von 1978 bis 1984 Honorarprofessor für Rechtssoziologie an der Universität Graz. Er veröffentlichte folgende Werke: • Wandlungen der deutschen Familie (1955)
• Soziologie der Sexualität (1955)
• Die skeptische Generation (1957)
• Auf der Suche nach Wirklichkeit (1965)
• Einsamkeit und Freiheit - Idee und Gestalt der deutschen Universität und ihrer
Reformen (1971)
• Systemüberwindung, Demokratisierung und Gewaltenteilung. Grundsatzkonflikte der
Bundesrepublik (1973)
• Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen
(1975)
2
2 Der selbständige und der betreute Mensch
2.1 Hintergrund und Beweggründe für seine Gedanken
Seine Schriften zur Thematik „Der selbständige und der betreute Mensch“ entstanden in der Zeit von September 1973 bis Ende des Jahres 1975. Grund für seine Gedanken und Ausarbeitungen war die aktuelle Situation in der Bundesrepublik. In der Zeit von 1969 bis 1974 war Willy Brandt (SPD) Bundeskanzler der Bundesrepublik. 1974 trat Brandt zurück, nachdem Günter Guillaume als Agent der DDR im Bundeskanzleramt entlarvt wurde. Helmut Schmidt (SPD) setzte als Nachfolger die sozial-liberale Koalition fort. Merkmale der politischen Entwicklung jener Zeit waren Reformen mit dem Ziel der Erhöhung der sozialen Sicherung durch den Staat. Beispiele dafür sind: • das Kindergeldgesetz, • staatlich geförderte Vermögensbildung, • neues Jugendarbeitsschutzgesetz • Anhebung von Kleinrenten und das • neue Betriebsverfassungsgesetz.
Soziale Gerechtigkeit und der Ausbau des Sozialstaates sind Kennzeichen dieser Zeit. Zur Zeit der Veröffentlichung der Ausführungen Schelsky wurden diese als ein Votum für die CSU/CDU und gegen die SPD und FDP gewertet. Daher wurde er auch als reaktionär, konservativ oder rechtsextremistisch bezeichnet. Er selbst gehörte jedoch keiner Partei an. Sein Vortrag über den selbständigen und den betreuten Menschen wurde zum ersten Mal im September 1973 auf dem Landesparteitag der CSU (nach Einladung von Franz Josef Strauß) gehalten. Später wurde er in der Frankfurter Allgemeinen abgedruckt und ist danach in der Frankfurter Rundschau erschienen.
Grundlegend beschäftigte er sich in diesem Werk mit politisch-sozialen Grundsatzüberlegungen. Positiv geht es ihm um die Behauptung der Selbständigkeit der Person in ihren verschiedenen sozialen Rängen gegenüber den entpersonalisierten Zwängen der modernen Gesellschaft. Negativ-kritisch geht es ihm darum, nachzuweisen, wie vielfältig die politischen, sozialen und kulturellen Tendenzen diese Personenwerdung gefährden oder gar vernichten und welche neuen sozialen Formen diese Bevormundungen des einzelnen angenommen haben. 1
1 vgl. Schelsky, Seite 7
3
Daraus wird erkenntlich, aus welchem Grund zum damaligen Zeitpunkt seine Ausführungen als ein Votum gegen die SPD und FDP gewertet wurde. Denn er stellt in Frage, ob die aktuelle politische Führung (SPD/FDP) mit ihren sozialen Reformen dazu führt, die Selbständigkeit des Menschen zu erhalten oder ob sie nicht genau hinführt zur Entwicklung des betreuten Menschen, der Sicherheit und Schutz als Staatsaufgabe sieht und was weiterhin hin zur Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat führen kann.
2.2 Der selbständige und der betreute Mensch
Für Schelsky ist die wichtigste politische Grundentscheidung immer jene, ob der selbständige Mensch oder der betreute Mensch zum Ziel der staatlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ordnungspolitik gemacht werden soll. Schelsky fordert also dazu auf, dass bei jeder politischen Entscheidung wie z. B. Berufsausbildung, Bildungspolitik, Mitbestimmung, Vermögensbildung, Umweltschutz über die Grundsatzfrage nachgedacht werden muss, ob man die Selbständigkeit und somit die Selbstbestimmung über das eigene Lebensschicksal fördert oder ob man eine höhere soziale Wohlfahrt und Sicherheit durch Einsetzung betreuender Herrschaftsgruppen erreichen kann und will. Er möchte damit jedoch nicht vergleichend Kapitalismus (der selbständige Mensch) und
Kommunismus (der betreute Mensch) gegenüberstellen. Er sieht in der Auseinandersetzung dieser Frage
„[…] eine Strukturauseinandersetzung und -entscheidung […], die von weltgeschichtlichem Einfluss und von weittragender Modellwirkung sein wird.“ 2 Schelsky betont, dass es bei der Beantwortung der Frage jedoch um keine Entweder-Oder-Antwort gehen kann, sondern um das situations- und geschichtsbezogene Vorziehen des einen Wertes. 3 Grundlegend geht es um eine politische Entscheidung für/gegen die Bewahrung der Freiheit der Person oder die Vervollkommnung der sozialen Gerechtigkeit, wobei die Politik sicherlich bestrebt ist, stets beides zu wollen. Schelsky greift die Frage auf, was nun gerade in Deutschland gefährdeter ist, wohin sich also gerade die Balance verschoben hat. „Ist mehr Selbständigkeit oder mehr Betreuung erforderlich, wobei das Erstere mehr persönliches Risiko, das Zweite mehr obrigkeitliche oder vorgesetzte Reglementierung als Nachteile mit sich bringt“.
2 Schelsky, Seite 15
3 vgl. Schelsky, Seite 19
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Arbeit zitieren:
Master of Arts Janet Beier, 2008, Der selbständige und der betreute Mensch nach Helmut Schelsky, München, GRIN Verlag GmbH
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