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A Parallelen in der Biographie Adalbert Stifters zu den Figuren im „Hagestolz“
Bei den Figuren im „Hagestolz“ lassen sich viele Parallelen zum Leben von Adalbert Stifter ziehen.
Stifter, der am 23. Oktober 1805 in Oberplan an der Moldau geboren wurde, verlor bereits früh seinen Vater Johann Stifter. Hier zeigen sich bereits die ersten Gemeinsamkeiten zu Victor im „Hagestolz“: Auch er verliert früh seine Eltern, er wächst ohne männliche Bezugsperson bei einer Ziehmutter auf.
Zusammen mit seinen fünf Geschwistern und dem neuen Mann seiner Mutter Magdalena begann für Stifter ein hartes und entbehrungsreiches Leben. Im Jahre 1818 wird er von seinem Großvater auf die Lateinschule der Benediktiner nach Kremsmünster geschickt, wo er die, nach eigenen Angaben, glücklichste Zeit seines Lebens verbringt und wo er seine Liebe zur Literatur entwickelt und seine Neugierde des wissenschaftlich und künstlerischen Blicks auf und in die Natur entdeckt. Stifter sah sich zuerst mehr als Maler wie als Schriftsteller: Seine zahlreichen Bilder zeugen von seiner Begabung als „Augenmensch“, was sich auch in seinen zahlreichen detaillierten, lebendigen Naturbeschreibungen im „Hagestolz“ widerspiegelt.
Für ein Studium der Jurisprudenz geht Stifter anschließend nach Wien, bricht dieses aber 1830 ohne Abschluss ab, wohl aus Liebeskummer, da die Beziehung zu Fanny Greipl unglücklich verläuft. Er verfällt in zunehmende Selbstzweifel, die er durch Alkoholmissbrauch zu verdrängen versuchte. Stifter wird ebenso als unmäßiger Esser beschrieben. Auch der Hagestolz verlor seine Liebe Ludmilla an seinen Bruder und trauerte dieser Verbindung Zeit seines Lebens nach. Wie Stifter kompensiert auch er seine Entbehrungen in maßloser Genusssucht bei Essen und Trinken. Jahrelang versucht er Stifter die Liebe von Fanny zurück zu gewinnen, auch noch, als er bereits mit seiner späteren Ehefrau Amalie Mohaupt liiert war. Diese Ehe verlief wohl nicht sehr glücklich: Seine Frau war ihm intellektuell unterlegen, sie hatten große materielle Sorgen und das Paar blieb kinderlos. Trotzdem engagierte sich Stifter nach der Revolution 1848 als Schulinspektor, er machte sich für zahlreiche Reformen im Bildungswesen stark. Seine Erziehungsversuche an der anstatt einer Tochter aufgenommenen Nichte Amalies können allerdings nicht als erfolgreich bezeichnet werden: Das Mädchen riss mehrmals von zu Hause aus und wurde schließlich tot aus der Donau geborgen, wobei von Selbstmord ausgegangen wird. Auch der kinderlose Hagestolz nimmt seinen Neffen Victor bei sich auf und übernimmt, mehr oder minder erfolgreich, Erziehungsaufgaben.
Auf Grund seiner Maßlosigkeit beim Essen verschlechterte sich der Gesundheitszustand Stifters rasch. Als er von den zunehmenden Beschwerden einer Leberzirrhose geplagt wird, öffnet er sich mit einem Rasiermesser die Halsschlagader und verstirbt zwei Tage danach, am 16. Januar 1868.
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Es sollen nun der Aufbau von „Der Hagestolz“ analysiert werden und auf einige Besonderheiten von Stifters geistiger Welt eingegangen werden, bevor die Gestalt des Hagestolz, dieses „grandios düster prächtigen Karakters“, näher beleuchtet wird.
B Interpretation und Analyse von Adalbert Stifters „Der Hagestolz“ unter besonderer Berücksichtigung der Gestalt des Hagestolzen
I. Aufbau des „Hagestolz“
Diese Erzählung hat kaum novellenhaften Züge, da sie nicht von einer spannenden Handlung und einer unerhörten Begebenheit lebt, was besonders am Anfang und Schluss deutlich wird. Was sich jedoch an diesen dort dargestellten gegensätzlichen Bildern einer fröhlichen, zukunftsfrohen Jünglingsschar und eines Gleichnisses vom unfruchtbaren Feigenbaum zeigt, ist, dass Jugend und Alter als wesentliche Phasen eines menschlichen Leben in der Erzählung eine wichtige Rolle spielen. Dabei verkörpert Victor die unschuldige Jugend, während der Hagestolz für das verspielte Leben steht. Dieser will seinem Neffen Ratschläge geben, damit es ihm nicht genau so ergeht. Die komplette Handlung lebt von diesen Spannungen und von dem inneren Geschehen der Hauptpersonen. Die Erzählung ist also durchgängig aus Bildern und Gegenbildern aufgebaut, die sich gegenseitig ergänzen, relativieren oder kontrastiv und unvermittelt stehen bleiben. Dabei ist am Anfang noch nicht klar, ob der eigentliche Mittelpunkt der Erzählung auf der Entwicklung Victors vom unbedarften Jüngling zum Mann mit der pädagogischen Hilfe des Oheims steht, oder die Lebensgeschichte des Hagestolzen, die von vielen Verfehlungen und Verlusten geprägt ist. Oder liegt der Schwerpunkt auf der Begegnung und der Beziehung der beiden? Fest steht, dass die Struktur der Erzählung von dem Werdegang Victors bestimmt ist, was sich an den Überschriften der einzelnen Abschnitte ablesen lässt. So sind „Eintracht“, „Abschied“, „Wanderung“, „Aufenthalt“ und „Rückkehr“ Stationen auf dem Lebensweg des jungen Mannes. Adalbert Stifter selbst spricht am Schluss seiner Erzählung von dem „in den obigen Abschnitten dargestellten Jünglingsbilde“ (S.120). Der Abschnitt, in dem Victor bei seinem Oheim auf der Insel ist, nimmt auch keinen all zu großen Teil ein, „Aufenthalt“ ist nur einer von sechs Segmenten.
Andererseits lautet der Titel der Erzählung ja „Der Hagestolz“, Stifter hat über diesen im Sommer 1844 Folgendes in der Urfassung geschrieben:
„Der Hagestolz selbst sollt ein grandios düster prächtiger Karakter werden, aber er schwoll mir so über alles Maß der Iris hinaus, dass mir jetzt das Abkürzen nicht weniger Mühe machte, als früher das Concipieren Ich freue mich nur für die Gesamtausgabe, da soll er in seiner ursprünglichen Tiefe und Gewalt auftreten können, wenn er auch einen Band füllt.“
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Das Schwergewicht der Erzählung ist also eher auf den Hagestolzen zu legen, wenn man zusätzlich bedenkt, dass Victor schon während seiner Wanderung durch fremdartige Landschaften in den Bannkreis seines Oheims gerät.
Das große Gespräch zwischen Neffe und Onkel ist ganz klar der Höhepunkt der Dichtung, die Begegnung und Beziehung der beiden zueinander könnte also auch als das Entscheidende im „Hagestolz“ gesehen werden. 1
II. Stifters geistige Welt 1. Das „sanfte Gesetz“
Die Forderung des rechten, den jeweiligen Dingen gemäßen Verhalten geht bei Stifter durch alle Bereich hindurch. Es war seine Überzeugung, dass das Sein im Ganzen einem Einheit stiftenden Gesetz gehorche. Dafür formulierte er den Begriff des „sanften Gesetzes“ in seiner berühmten Vorrede zu den „Bunten Steinen“:
„Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß; das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja, ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind … So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Einganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben halte ich für groß. - Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird… Es ist das Gesetz dieser Kräfte das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, dass jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, dass er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerben, dass er als Kleinod gehütet werden, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle anderen Menschen ist.“ Stifter hat hier die Würde des Kleinen gegen die großen und gewaltigen Eindrücke geltend gemacht. So wird das Unscheinbare nobilitiert und zum eigentlichen Sujet der Dichtung gemacht. 2 Auch in den „Hagestolz“ wird das „sanfte Gesetz“ von Stifter eingewoben. So reden die Jünglinge auf ihrer Wanderung vom „Höchsten“ und vom „Tiefsten“ und dann vom „Staat“ (vgl. S.4). Stifter merkt hierzu an:
„Während sie so, wie sie meinten, von dem Großen redeten, geschieht um sie her, wie sie ebenfalls meinten, nur das Kleine; es grünen weithin die Büsche, es keimt die brütende Erde und beginnt mit ihren ersten Frühlingstierchen, wie mit Juwelen zu spielen.“ (S.4) Die Aufgabe des Menschen ist also, dieses „sanfte Gesetz“ zu erkennen und in sich wirksam werden lassen, wobei es im Verborgenen gesucht werden muss, erfühlt und erlauscht werden muss. Dies zeigt sich im „Hagestolz“ auch daran, dass Menschen hier immer wieder in meditative
1 vgl. Loock, Wilhelm: Adalbert Stifter: „Der Hagestolz“. Interpretation, Oldenbourg Verlag, München 1962, S. 9-10
2 vgl. Stifter, Adalbert: Der Hagestolz. Erzählung. Herausgegeben v. Bachmaier Helmut. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1989, S.135
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Phasen versinken, woraus sie mit neuen Impulsen wieder hervorgehen. So eine schöpferische Pause gönnt sich Victor zum Beispiel als er mitten in der Abreiseunordnung in seinem Zimmer sitzt. Auch bevor er sich in der ersten Nacht unter dem Dach des Oheims niederlegt, schaut er aus dem Fenster: „Victor sah, da das Glas geöffnet stand, durch das eiserne Gitter in die Nacht hinaus, und der Druck der gleichsam auf seiner Seele lag, begann sich zu lösen.. Victor schaute lange hinaus.“ (S.66). Nach dem großen Gespräch mit seinem Oheim muss Victor das Erlebte erst einmal verarbeiten: „Der Jüngling aber, der eigentlich nach dem Gewitter im Freien in Weite und Breite herumgeschweift wäre, ging jetzt in seine Zimmer und starrte bei dem Fenster hinaus.“ (S.110). Gleich anschließend geht er ins Freie hinaus und betrachtet weiterhin die Natur. Auch hier wird der Inhalt seines Nachdenkens durch das Geschaute angedeutet: Berge, die wie glühende Kohlen aus Trümmern ragen. Und schließlich ist nichts mehr da als „dichte Finsternis“. Deshalb reift in dieser Nacht auch der Entschluss in ihm, am nächsten Tag die Insel zu verlassen. Die Menschen haben in solchen Augenblicken teil an dem Rhythmus, der den Kosmos durchwaltet. Besonders die Mittagsstille ist ein solcher kosmischer Augenblick der Ruhe: „Die Fenstervorhänge sind zurückgeschlagen, die Fenster offen, und die heiße Landschaft schaut herein. In der Küche lodert ein glänzendes, rauchloses Feuer, die kochende Magd steht dabei. - Alles ist in jener tiefen Stille, von der die Heiden einst sagten: „Pan schläft.““ (S.19)
Der Dichter hat in solchen Momenten die Möglichkeit, selbst den Fluss seiner Erzählung zu unterbrechen, um sein Auge sinnend auf den Gestalten seiner Dichtung ruhen zu lassen. 3
2. Der Zusammenhang zwischen Natur und Mensch
Im Begriff des „sanften Gesetzes“ wird deutlich: Natur- und Menschenleben sind wesensähnlich, weil in beiden Bereichen eine gewisse Ordnung und Gesetzmäßigkeit herrschen. Das Naturgeschehen ist Welt erhaltend, während das „sanfte Gesetz“ als Menschen erhaltend angesehen werden kann. Daraus folgt, dass der Seinsgrund einheitlich ist und dass Natur und Mensch zusammengehören. Dies versucht Stifter in seiner Erzählung dichterisch zum Ausdruck zu bringen.
Die Natur ist im Hagestolz zunächst Lebensraum der Menschen, die Eigenart des Lebensraums entspricht hierbei der jeweiligen Person, die sich in ihm angesiedelt hat. So ist Victors Heimat eine Kulturlandschaft, die vom Fleiß und der Pflege durch seine liebevollen Bewohner zeugt. Diese Umgebung gibt Victor Halt, bevor er zum Oheim aufbricht: „[…];die Berge waren noch, die sonnenhell schweigend und hütend das Tal umstehen, und der Obstwald war noch, der im Grunde des Tales in Fülle und Dichte das Dorf umhüllt und
3 vgl. Loock, Wilhelm: Adalbert Stifter: „Der Hagestolz“. Interpretation, Oldenbourg Verlag, München 1962, S.20-24
Arbeit zitieren:
Magistra Angelika Zahn, 2004, Interpretation und Analyse von Adalbert Stifters „Der Hagestolz“ , München, GRIN Verlag GmbH
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