Der Begriff der „Leistung“ ist in fast allen Diskursen präsent. Ob nun in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kunst, im Erziehungssystem oder expressis verbis im Leistungssport, in all diesen Kulturbereichen wird mehr oder weniger explizit von Leistungssteigerung, von Effizienz und Leistungswilligkeit gesprochen. Es scheint als sei Leistung bzw. die Effizienz das neue übergreifende symbolisch generierte Kommunikationsmedium, das neue Insignium der einzelnen Teilsysteme, welches die intersystemische Verständigung auf den kleinsten gemeinsamen und kommunizierbaren Nenner zu bringen versucht.
In diesem Zusammenhang sind Umfragen von Interesse, die ergaben, dass 70 % der befragten Deutschen die Gesellschaft, trotz anderer Etikettierungsangebote, als eine Leistungsgesellschaft charakterisierten und mit dem Begriff der Leistung „Arbeit leisten“ verbinden. Diese mehrheitliche Zustimmung verleitet dazu,„die Leistungsgesellschaft“ und ihren charakteristischen Aufbau etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei wird der Blick u.a. darauf gerichtet sein, ob nicht auch im Alltag der Leistungsgesellschaft das ein oder andere Mittel Verwendung findet, welches die Leistung zu steigern vermag. Kurzum, es wird der Frage nachgegangen, ob Doping nur ein unerwünschtes Phänomen und „Konstellationsprodukt“ des kulturellen Teilbereiches „Sport“ ist, oder ob nicht im Kontext der Leistungsgesellschaft, Doping eine weit verbreitete, aber im öffentlichen Diskurs auf Grund von Selbstverständlichkeitsannahmen weniger kontrovers diskutierte Thematik darstellt, als es bei einigen entlarvten „Dopingsündern“ im Bereich des Sports der Fall ist. Vielleicht sind diese so genannten "Dopingsünder" wider der gängigen Leistungsmoral weniger Überzeugungstäter und die erste Ursache ihres Handels als
mehr die „Opfer“ und „Getriebenen“ einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz, die vornehmlich in der Dopingdiskussion ausgeblendet wird.
Gliederung
1. Einleitung
2. Die Leistungsgesellschaft
2.1 Mögliche Gründe für die Bedeutung von Leistung
2.2 Entgrenzung der Schichten
2.3 Individualisierung
2.3.1 „Freisetzungsdimension“
2.3.2 „Entzauberungsdimension“
2.3.3 „Reintegrationsdimension“
2.4 Neoliberalisierungstendenzen
2.4.1 „Der schlanke Staat“
2.4.2 „Selbstmanagmentalität“
2.5 Leistung: eine „Existenztialie“!?
3. Zwei Arten der Leistungsmodifikation
3.1 Bewahrung der Leistungsfähigkeit
3.1.1 Beispiele für Leistungskompensation
3.2 Steigerung der Leistungsfähigkeit
3.2.1 Beispiele für Leistungsprogression
4. Weitere Beispiele für Leistungssteigerung
5. Fazit: eine Beurteilungsproblematik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert des Leistungsprinzips in der modernen Gesellschaft und geht der Forschungsfrage nach, ob Doping lediglich ein sportliches Randphänomen ist oder ein weit verbreitetes Mittel zur Bewältigung gesellschaftlicher Leistungsanforderungen im Alltag darstellt.
- Analyse der soziokulturellen Rahmenbedingungen für die Bedeutung von Leistung
- Untersuchung von Individualisierung und Neoliberalisierung als Leistungstreiber
- Differenzierung zwischen Kompensation und Steigerung der Leistungsfähigkeit
- Kritische Reflexion der gesellschaftlichen Doppelmoral beim Thema Alltagsdoping
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Der Begriff der „Leistung“ ist in fast allen Diskursen präsent. Ob nun in der Politik, in der Wirtschaft, in Kunst, im Erziehungssystem oder expressis verbis im Leistungssport, in all diesen Kulturbereichen wird mehr oder weniger explizit von Leistungssteigerung, von Effizienz und Leistungswilligkeit gesprochen. Ganz so, als sei Leistung bzw. die Effizienz das neue übergreifende symbolisch generierte Kommunikationsmedium, das neue Insignium der einzelnen Teilsysteme, welches die intersystemische Verständigung auf den kleinsten gemeinsamen und kommunizierbaren Nenner zu bringen vermag (vgl. Lyotard 1979, S. 15).
Zudem ergaben Umfragen, dass 70 % der befragten Deutschen die Gesellschaft, trotz anderer Etikettierungsangebote, als eine Leistungsgesellschaft charakterisierten und mit dem Begriff der Leistung „Arbeit leisten“ verbunden. Diese mehrheitliche Zustimmung verleitet dazu sich „die Leistungsgesellschaft“ und ihren charakteristischen Aufbau einmal etwas näher anzuschauen. Dabei wird der Blick zudem darauf gerichtet sein, ob nicht auch im Alltag der Leistungsgesellschaft das ein oder andere Mittelchen Verwendung findet, welches die Leistung zu steigern vermag.
Kurzum, es wird der Frage nachgegangen, ob Doping nur ein unerwünschtes Phänomen und „Konstellationsprodukt“ (Bette/ Schimanke 2000, S. 91ff.) des kulturellen Teilbereiches „Sport“ ist, oder ob nicht im Kontext der Leistungsgesellschaft, Doping ein weiter verbreitetes, aber im öffentlichen Diskurs auf Grund von Selbstverständlichkeitsannahmen weniger kontrovers diskutierte Thematik darstellt, als es bei einigen entlarvten „Dopingsündern“ im Bereich des Sports der Fall ist, die ihrerseits vielleicht mehr die „Opfer“ und „Getriebenen“ einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz, als Überzeugungstäter und die erste Ursache ihres Handels sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Allgegenwärtigkeit des Leistungsbegriffs ein und hinterfragt, inwiefern Doping ein strukturelles Problem der gesamten Leistungsgesellschaft ist.
2. Die Leistungsgesellschaft: Dieses Kapitel erläutert soziologische Erklärungsmodelle für die gestiegene Bedeutung von Leistung, einschließlich der Individualisierung und neoliberaler Tendenzen wie der „Selbstmanagmentalität“.
3. Zwei Arten der Leistungsmodifikation: Der Autor differenziert hier zwischen der Bewahrung der Leistungsfähigkeit (Kompensation bei Defiziten) und der aktiven Steigerung der Leistungsfähigkeit (Progression).
4. Weitere Beispiele für Leistungssteigerung: Hier werden ergänzende Praxisbeispiele aus dem Militär, der Kunst sowie dem Breiten- und Freizeitsport angeführt, die den Konsum leistungsmodifizierender Mittel verdeutlichen.
5. Fazit: eine Beurteilungsproblematik: Das Fazit resümiert die gesellschaftliche Doppelmoral, die Doping im Alltag stillschweigend toleriert, während sie es im organisierten Sport stark sanktioniert.
Schlüsselwörter
Leistungsgesellschaft, Alltagsdoping, Leistungsmodifikation, Individualisierung, Neoliberalismus, Selbstmanagement, Leistungsprogression, Leistungskompensation, Sportsoziologie, Doppelmoral, Leistungssteigerung, Existenzbedingung, Medikalisierung, Humankapital, Wettbewerb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen Doping nicht nur als sportliches Fehlverhalten, sondern als symptomatisches Handeln innerhalb einer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Ausarbeitung?
Zentrale Themen sind der soziologische Wandel zur Leistungsgesellschaft, die Auswirkungen von Individualisierung und Neoliberalismus auf das Individuum sowie die Verbreitung von leistungsmodifizierenden Mitteln im Alltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung, ob Doping ein reines „Sportproblem“ ist oder ob die Einnahme leistungssteigernder Mittel eine logische Konsequenz der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an den Einzelnen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen soziologischen Analyse, die Fachliteratur und soziologische Theorien zur Leistungsgesellschaft (u.a. von Ulrich Beck und Jean-Francois Lyotard) zusammenführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Leistungsgesellschaft und die anschließende empirische sowie praktische Klassifizierung von Dopingmethoden in Kompensation und Progression.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Begriffe Leistungsgesellschaft, Alltagsdoping, Selbstmanagement und Leistungsmodifikation fassen den Kern der Argumentation prägnant zusammen.
Inwiefern beeinflusst der Neoliberalismus das Alltagsdoping?
Durch die Neoliberalisierung wird das Individuum als „Unternehmer seiner selbst“ betrachtet, wodurch die effiziente Nutzung des Humankapitals zur Notwendigkeit wird – der Griff zu Dopingmitteln wird so als vermeintlich rationale Strategie zur Wettbewerbsfähigkeit begriffen.
Warum sieht der Autor eine Doppelmoral in der Gesellschaft?
Die Gesellschaft fordert in allen Lebensbereichen Höchstleistung, toleriert den medikamentösen „Leistungsboost“ im Alltag oder Berufsleben, verurteilt aber gleichzeitig Athleten im Sport massiv, obwohl diese lediglich dem gleichen gesellschaftlichen Leistungsdiktat folgen.
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- Mario Stenz (Author), 2007, Leistungsgesellschaft und Doping , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137091