deren Wegfall nach Ende des Kalten Krieges zur Destabilisierung des Barre-Regimes beigetragen haben. Schlussendlich soll aufgezeigt werden, wie internationale Interventionen im Zuge des War on Terror jüngste Chancen zur Stabilisierung zu Nichte gemacht haben und Somalia auf Kosten der Bevölkerung weiter zum Spielball der Weltpolitik machen.
Im Zuge der willkürlichen kolonialen Aufteilung Afrikas wurde das Gebiet der somalischen Nation auf fünf verschiedene Territorien aufgeteilt. Im Norden, um die Hafenstadt Djibouti, entstanden Französisch Somaliland, sowie unter britischer Kontrolle Nord-Somaliland. Im Süden entstand die italienische Kolonie Somalia. Im Westen wurden zudem Teile des somalischen Siedlungsgebietes der britischen Kolonie Kenya einverleibt und das Ogaden Plateau von Äthiopien erobert (Meredith 2005: 464f.). Im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen wurden 1960 das britische und italienische Somaliland zur Republik Somalia zusammengeschlossen, während die anderen Gebiete bei den jeweiligen unabhängigen Nachfolgestaaten verblieben. Das Streben nach einem Groß-Somalia, das alle somalischen Clans in einem Staat vereinigt, blieb jedoch zentrales Anliegen des jungen somalischen Staates sowie weiten Teilen der somalischen Bevölkerungsgruppen in den Nachbarstaaten, die ihre Interessen als Minderheit von der jeweiligen Regierung nicht gewahrt sahen. Dementsprechend verweigerte Somalia die Anerkennung seiner Staatsgrenzen und unterstützte somalische Rebellen bzw. Separatisten in Nordkenia und im äthiopischen Ogaden (ebd.: 466). 1964 führten diese Spannungen zum ersten groß angelegten Krieg zwischen Somalia und Äthiopien, der nach wenigen Tagen mit dem Sieg des militärisch überlegenen Äthiopiens ausging. Die zwischenstaatlichen kriegerischen
Auseinandersetzungen der folgenden Jahrzehnte hatten seitens Somalias die Wiedervereinigung der somalischen Gebiete als zentrale Motivation und können somit als direkte Folge der kolonialen Hinterlassenschaft gewertet werden. Im Jahr 1969 kam General Mohammed Siad Barre durch einen Militärputsch an die Macht und erklärte Somalia zum marxistischen Staat. Die militärische und logistische Unterstützung durch die Sowjetunion, welche ihre strategische Stellung am Roten Meer ausbauen wollte, erhöhte sich in der Folgezeit dramatisch. Im Gegenzug für die Nutzung des Hafens zur Stationierung eigener Marine sagte die Sowjetunion 1972 massive Hilfe beim militärischen Aufbau zu. 1977 gelang es Barre somit eine schwer bewaffnete Armee mit 37 000 Soldaten und eine moderne Luftwaffe aufzubauen. (Meredith 2005: 467). 1978 machte er sich die äthiopischen Schwierigkeiten in Eritrea
zu Nutze und entsandte seine Armee, um somalische Rebellen im Ogaden zu unterstützen. Innerhalb zweier Monate gelang die beinahe vollständige Eroberung dieser Region durch Somalia. Das Blatt wendete sich jedoch als sich die Sowjetunion entschied die Seiten zu wechseln und fortan Mengistu´s marxistisches Regime in Äthiopien zu unterstützen. Barre kündigte daraufhin alle Bündnisse mit der SU, welche dann auf Seiten Äthiopiens in den Krieg eingriff und die verheerende Niederlage Somalias im Ogadenkrieg herbeiführte. Diese Niederlage stellte einen entscheidenden Wendepunkt in Somalias innerer Konstituierung dar. Solange der gemeinsame Traum von Groß-Somalia erreichbar schien, wurden Clan-Rivalitäten in Schach gehalten. Nach der Niederlage formierten sich aber in verschiedenen Landesteilen Clan-basierte Widerstandsgruppen, die Barre´s Machtanspruch in Frage stellten, mehrere Putschversuche unternahmen und fortan einen Guerilla-Krieg gegen das Regime führten. Barre reagierte mit harten militärischen und ökonomischen Repressalien und verließ sich mehr und mehr auf seinen eigenen Clan und das Ausspielen von Clan-Rivalitäten, was eine innere Fragmentierung zur Folge hatte. Nach Wegfall der sowjetischen Unterstützung leistete fortan der Westen massive militärische und finanzielle Hilfe („Entwicklungshilfe“) an den nun anti-sowjetischen Verbündeten, die zur staatlichen Haupteinnahmequelle wurde und ohne die Barre sein klientelistisches Regime nicht hätte aufrecht erhalten können. Mit Ende des Kalten Krieges stellte der Westen seine Hilfe jedoch ein, was zur Implosion des stark angeschlagenen Barre-Regimes führte. Den Widerstandsbewegungen gelang es Mogadischu einzunehmen, der verheerende Krieg von 1991/92 und der Zusammenbruch jeglicher Staatlichkeit war die Folge (Meredith 2005: 466ff.). Der in Somalia geführte Stellvertreterkrieg war bestimmender Grund, wieso erstens Somalia so stark bewaffnet wurde, zweitens das Barre-Regime solange künstlich an der Macht gehalten und die Clans auseinanderdividieren konnte und drittens das Regime schlussendlich so plötzlich zusammenbrach und ein Machtvakuum hinterließ.
Nach den traumatisierenden Erfahrungen des gescheiterten ITAF-Einsatzes und der beiden UNOSOM Missionen mieden die USA Somalia, wie auch die Teilnahme an anderen Friedensmissionen in Afrika. Die Ausgangslage änderte sich jedoch schlagartig mit den Attentaten vom 11. September, welche Somalia wieder in das Blickfeld strategischer Interessen der USA rückten (Leymarie 2007: 8). Somalia wurde als potentieller Rückzugsraum für islamische Terroristen betrachtet, eine Verbindung Bin Ladens nach Somalia galt als nachgewiesen und der zunehmende Einfluss islamischer Bewegungen im Land wurde als Bedrohung eingeschätzt (ebd. 9). Ab 2005 gelang es
der Union Islamischer Gerichte (UIC), einer teils fundamentalistischen, teils gemäßigten Bewegung aus Klerikern und Geschäftsleuten mit einem gemeinsamen Interesse an Frieden große Teile der Mitte und des Südens des Landes, inklusive Mogadischu, unter ihre Kontrolle zu bringen (Veit 2007: 4). Auch wenn man diese Bewegung, die landesweit die Scharia einführen wollte, aus menschenrechtlicher und demokratischer Sicht kritisch einstufen kann, so war sie jedoch die einzige Kraft, der es innerhalb von 15 Jahren gelang, weite Teile Somalias unter einheitliche Kontrolle zu bringen und dort Grundzüge von Staatlichkeit und Infrastruktur aufzubauen. Das erste Mal seit 15 Jahren konnten Somalis wieder so etwas wie einen normalen Alltag ohne Angst vor Übergriffen führen, die Hoffnung auf Frieden war überall spürbar (ebd.). Der Anführer der Union, Scheich Hassan Dahir Aweys, stand jedoch auf der schwarzen Liste der USA. Anfang 2007 gaben diese Äthiopien, welches seinerseits die UIC als Bedrohung in der Ogaden-Frage betrachtete, grünes Licht in Somalia zu intervenieren, um die UIC zu entmachten und der von der internationalen Gemeinschaft eingesetzte, faktisch ineffektive Übergangsregierung an die Macht zu verhelfen (Leymarie 2007: 8). Die US-Regierung bombardierte wiederholt Stellungen von vermeintlichen Terroristen (Veit 2007: 4). Somalia wurde Schauplatz des War on Terror und in erneutes Chaos gestürzt. Es gelang den Äthiopiern zwar, die Übergangsregierung aus ihrem Exil wieder in Mogadischu zu installieren, sie wurde seitens der Bevölkerung aber größtenteils als Besatzer empfunden und stieß auf massiven Widerstand, Somalia verfiel wieder zu einem Flickenteppich konkurrierender Gewaltakteure, die humanitäre Situation der Bevölkerung verschlechterte sich erneut. Zudem führte die US-Äthiopische Intervention zum Gegenteil ihrer eigentlichen Ziele, nämlich zur Radikalisierung islamischer Gruppierungen im Land, unter denen einige fortan zum heiligen Krieg gegen die christlichen Besatzer aufriefen (Leymarie 2007: 8f.). Zwar wurde Anfang 2009 unter Vermittlung der Vereinten Nationen eine „Übergangsregierung der Nationalen Einheit“ unter dem gemäßigten Islamisten Scheich Sharif Ahmed, der großen Rückhalt in der Bevölkerung genießt, gebildet und die äthiopischen Truppen zogen ab. Es kommt jedoch weiterhin zu heftigen Kämpfen mit radikalen islamischen Milizen, die diese von der Macht vertreiben wollen. Die ausreichende Versorgung der Zivilbevölkerung bleibt damit weiterhin unmöglich (Rühl 2009: 39).
Auch wenn es zu unikausal ist die Schuldfrage einseitig bei externen Akteuren zu suchen und man nur spekulieren kann, wohin sich Somalia ohne diese Einflüsse entwickelt hätte, so wurde deutlich, welch gravierend negative Konsequenzen die internationale Einmischung in Somalia hatte.
Literaturverzeichnis
Leymarie, Philippe (2007): Mehr Krieg, kein Staat - in Somalia hat die Stabilität keine Chance mehr, seit der Nachbar Äthiopien im Auftrag der USA interveniert. In: Le Monde diplomatique, November 2007. S. 8-9.
Meredith, Martin (2005): Black Hawk Down. In: Ders.: The State of Africa - A History of Fifty Years of Independence. Free Press, London, New York 2006. P. 464-484.
Rühl, Bettina (2009): Somalia: Am Ende haben alle zu wenig. Das Überleben im Bürgerkrieg wird immer schwieriger. In: Welt-Sichten, Magazin für Globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit, Nr. 7, Juli 2009. S. 39-41.
Veit, Axel (2007): Somalia: Kampf um die Ordnung - Herrscht in Somalia ein Stellvertreterkrieg? In: iz3w, Ausgabe 299, März/April 2007. S. 4.
World Bank (2003): Conflict in Somalia - Drivers and Dynamics. Elektronisches Dokument: http://siteresources.worldbank.org/INTSOMALIA/Resources/ conflictinsomalia.pdf. S. 1-14.
Arbeit zitieren:
Timo Alexander Holthoff, 2009, Kolonialismus, Kalter Krieg, War on Terror - Externe Ursachen für Staatsversagen und kriegerische Konflikte in Somalia, München, GRIN Verlag GmbH
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